Vivat America! (Trotzdem)

Dieser Aufruf mag in vielen Ohren sehr merkwürdig klingen. Amerika? Ist das nicht das Land, wo ein populistischer Präsident die eigene Bevölkerung so spaltet wie keiner zuvor und sich alle erdenkliche Mühe gibt, selbst bisher befreundete Nationen gegen sich aufzubringen? Ist Trump nicht ein neuer Attila, der Iran damit droht, sein (nichtmilitärisches) kulturelles Erbe zu zerbomben? Hat dieser Mann nicht dafür gesorgt, dass die Weltlage gegenwärtig so unsicher und so angespannt ist, wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr? Wird nicht, seitdem Donald Trump an der Macht ist, eine der wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation außer Kraft gesetzt: die Unterscheidung von Lüge und Wahrheit? Da gilt auf einmal, wie für alle angehenden Diktatoren: Was wahr ist, entscheide ich!

Wer könnte diesen Vorwürfen widersprechen?

Am wenigsten jene Hälfte der Amerikaner, die genau diese Kritik vonseiten eines Ausländers nicht brauchen, weil sie selbst sie noch viel heftiger artikulieren. Denn Amerika war doch noch vor kurzem ein Land der Demokratie und der Aufklärung, dem Europa seine Sicherheit und die übrige Welt einen nicht abreißenden Strom von Erfindungen und kulturellem Einfluss verdankte. Mit seinen brillanten Wissenschaftlern war das Land zu einem kosmopolitischen Zentrum des Globus geworden, wo, wie es schien, Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Rasse und ihres Glaubens in Frieden koexistieren durften. Was die Welt gegenwärtig erlebt, ist nicht mehr und nicht weniger als ein mutwilliger Bruch mit dieser Vergangenheit – ein Rückfall in den schrillen, längst überwunden geglaubten Chauvinismus. Denn das eintönig wiederholte Mantra Donald Trumps ist ja von kaum zu überbietender Primitivität. Es lautet schlicht und einfach: Ich bin der Größte, folgt mir, dann seid ihr es ebenfalls.

Die Welt ist entsetzt und verstört,

aber ist das alles wirklich so neu? Nein! Aufgrund unserer eigenen Geschichte sollten gerade wir Europäer es eigentlich besser wissen. Erasmus von Rotterdam hatte der Renaissance ihren höchsten intellektuellen Ausdruck verliehen und wurde in ganz Europa so verehrt wie kaum ein Gelehrter vor oder nach ihm. Dieser Mann verkörperte den kosmopolitischen Geist jenseits aller Gegensätze von Ideologie, Glauben und Sprache. Alle nationalen Gegensätze wollte er überwinden, indem er das Lateinische zum gemeinsamen Idiom der Europäer machte und die Toleranz gegenüber den verschiedenen Formen des Glaubens zum ersten Gebot zivilisierten Umgangs erhob. Gerade in den höchsten Kreisen der Kirche bewunderte man diesen Homo universalis, obwohl er sich im „Lob der Torheit“ den bittersten Spott über die Pfaffen erlaubte. Das war beste europäische Aufklärung zwei Jahrhunderte vor der eigentlich so benannten.

Doch noch zu seinen Lebzeiten musste Erasmus erleben, dass sein Lebenswerk in Scherben zerfiel. Toleranz und Kosmopolitismus galten plötzlich als feindselige Mächte. Luther führte den Kampf gegen die Kirche und gegen die Toleranz als ein Deutscher und Calvin führte ihn noch zusätzlich gegen die zivilisierte Freizügigkeit, welche die Renaissance sich auch in den Sitten erlaubte. Die von ihm begründeten Schnüffelbrigaden überwachten Genf noch viel unduldsamer als McCarthy die Amerikaner und das heutige China die eigene Bevölkerung. Damals wurde der religiöse Nationalismus geboren: Cuius regio, eius religio.

Zwei Jahrhunderte später

nahm die Aufklärung des 18. Jahrhundert einen ähnlichen Verlauf. Voltaire und die Enzyklopädisten waren weltoffene Kosmo­politen, die voller Neugier ihre Augen auf fremde Kulturen gerichtet hielten. Zeitweilig galt ihnen das klassische China als Vorbild für einen Staat, in dem Philosophen herrschten. Diese Bereitschaft, auch von Völkern jenseits der eigenen Grenzen zu lernen, erwies sich als eine völkerverbindende Kraft, deren unmittelbare Wirkung darin bestand, Französisch als Sprache aller Gebildeten über ganz Europa auszubreiten. Wie zu Zeiten des großen Erasmus war es die Botschaft von Toleranz und Weltoffenheit, welche einen so großen Widerhall fand. Doch die Herrschaft Voltaires währte nur etwas länger als die erste Hälfte des 18ten Jahrhunderts; in der zweiten übernahm Rousseau die Führung – und von diesem führt eine direkte geistige Linie zur Revolution und dem blutigen Werk der Guillotinen. Nicht in den chinesischen Philosophenherrschern erblickte Rousseau das nachzuahmende Vorbild, sondern in Sparta, einer der grausamsten Diktaturen des Altertums, wo die „Volonté générale“ (die Staatsraison) von den oberen fünf Prozent den unteren fünfundneunzig diktiert worden war. Kaum mehr als ein Jahrzehnt nach dem Tode Voltaires fand die Aufklärung in der französischen Revolution ein unrühmliches Ende, dessen unmittelbare Folge der endgültige Zerfall Europas in einzelne Nationen war, die einander nun ständig bekriegten. Europa lag nun zugleich religiös und politisch in Scherben. Französisch kam als gemeinsame Sprache nicht länger in Frage – nicht anders als zwei Jahrhundert zuvor das Lateinische.

In kleinerem Maßstab

aber auf noch brutalere Art hat sich derselbe Umschwung aus der Geisteshelle der Toleranz und Weltoffenheit zur Finsternis eines unduldsamen, ja bornierten Chauvinismus dann noch einmal während des vergangenen Jahrhunderts ereignet. In der geistigen Geschichte des deutschsprachigen Raums nehmen Stefan Zweig und Egon Friedell in dieser Zeit eine einzigartige Stellung ein. Einmal als brillante Stilisten. Beide schreiben ein vollendet lebendiges, oft brillant funkelndes, niemals obskures Deutsch – Zweig besonders in seiner „Welt von Gestern“, Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“. Wir wissen, dass beide die erklärten Gegner aller Spielarten des Fanatismus und der ideologischen Verbohrtheit sind, schon die Wahl ihrer Themen verrät Weltoffenheit und Toleranz. Doch mussten beide wie vor ihnen der große Erasmus einen Rückschlag noch zu ihren Lebzeiten erleben, einen noch viel schlimmeren sogar als die durch den Fanatismus von Protestanten und Gegenreformation oder später durch das mörderische Regime des Maximilien Robespierre ausgelösten. Hitler trat alle Weltoffenheit mit Füßen, wer sich tolerant und weltoffen gab war für ihn schlicht ein Verräter.

Das ist wohlbekannte europäische Geschichte,

die in regelmäßigen Wellen verlief – grob gesagt von größter geistiger Helle immer wieder in die schrecklichste Finsternis und zurück. Ich habe diesen kleinen Exkurs in die große Geschichte zu dem einzigen Zweck unternommen, um mein „Vivat America!“ zu begründen, einen im Jahr 2020 sonst kaum verständlichen Ausruf. Denn in meiner Sicht ist auch der unselige Trump nichts anderes als die Verkörperung eines Rückschlags. Mit aller Kraft versucht er, die vorangehende Aufklärung zu zertrampeln, die sich in den Vereinigten Staaten wenigstens ebenso großartig entfaltet hatte wie mehrfach bei uns auf dem alten Kontinent.

William James,

den wohl größten amerikanischen Aufklärer – den außerordentlichen Psychologen, Philosophen und Religionswissenschaftler – möchte ich an dieser Stelle nur im Vorübergehen erwähnen, da ich ihm meine Dankbarkeit schon in der „Schöpferischen Vernunft“, bezeuge. Hier möchte ich vor allem auf Will Durant zu sprechen kommen, den Historiker und Philosophen und Historiker. Von Europa aus wurden die Vereinigten Staaten im 19ten und noch während der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts nur als ferner und nicht wirklich ernst zu nehmender Vorposten der Zivilisation – der eigenen, versteht sich – gesehen. Doch nicht selten sind es gerade solche geologischen und geistigen Randgebiete, in denen das Neue sich ereignet, weil der Geist weniger durch Denkverbote und andere Konventionen beengt ist. Geistige Fülle und Freiheit zeigten sich in dem erstaunlichen Werk von William James über die „Vielfalt religiöser Erfahrung“, und dieselbe Unbefangenheit bekundete sich neuerlich bei Durant in seiner großartigen Monumentalgeschichte „The Story of Civilization“. Auf nicht weniger als etwa zehn Mal tausend Seiten hat dieser Mann (später zusammen mit seiner Frau Ariel) ein historisches Panorama von den Anfängen der bekannten Geschichte bis zum Beginn des 19ten Jahrhunderts entworfen, wie es in vergleichbarer Faktenfülle bisher wohl kein anderer Historiker je zustande brachte. Die besondere Originalität dieser Leistung liegt natürlich nicht in ihrem Umfang – heute fassen die besten Online-Enzyklopädie alles überhaupt verfügbare Wissen in noch viel detaillierterer und ständig aktualisierter Form zusammen. Die Faszination des Durantschen Geschichtskosmos beruht auch nicht auf besonderen Entdeckungen – ich bin nicht sicher, dass man ihm überhaupt irgendwelche Entdeckungen zuschreiben kann. Er hat nur die schon zu seiner Zeit kaum überschaubare Literatur ausgewertet und die großen Linien von Politik und Kultur zu jeweils stimmigen Bildern zusammengefügt. Manche glauben ihn daher abschätzig als Popularisator abtun zu können – ein offenkundiger Unsinn, denn auf Popularität kann in unserer Zeit gewiss niemand hoffen, der seinen Lesern zehntausend Seiten Lektüre zumutet. Dagegen werden selbst die größten Dummheiten gierig verschlungen, wenn ein Präsident sie in wenigen Sätzen in die Welt hinaus twittert. Auch Neuheiten sind kein Wert an sich. Wer an der Geschichtswissenschaft allein nach ihnen sucht, ist in Gefahr, dass man ihn mit Nietzsche als Sammler von philologischen Regenwürmern verspottet. Was an Durant so fasziniert, ist etwas ganz anderes: die Treffsicherheit und Unparteilichkeit seines Urteils. Auch die kann allerdings den Pedanten ein Dorn im Auge sein und von ihnen als „unseriös“ eingestuft werden. Ein gewisser Wilfred M. McClay zum Beispiel denkt über Durant so wie über dessen Zeitgenossen Lewis Mumford oder Erich Fromm. „Mumford somehow has the air about him of a back number, a middle-brow sage whose work places him dangerously close to the likes of Will Durant, Erich Fromm, and Norman Cousins and hence beneath the consideration of serious thinkers (meine Hervorhebung). Mag der eine oder andere Leser meine Bewunderung für Durant ruhig als „unseriös“ abtun, ich gestehe, dass sie bei manchen Zeilen des großen Amerikaners geradezu in Verzauberung übergeht.

Für mich steht William James Durant

in einer Linie mit den größten Aufklärern der Vergangenheit. In einer Sprache, die sich aller Geheimniskrämerei und bemühtem Tiefsinn verweigert, gelingt es ihm, uns den ganzen Menschen zu zeigen – ohne jemals zu beschönigen und zu verzerren oder sein Urteil von political correctness und ideologischer Voreingenommenheit beeinflussen zu lassen. Mit derselben Vorurteilslosigkeit blickt er auf Schurken und Heilige und ist wie Dostojewski stets um das Verstehen bemüht, nicht etwa um alles zu verzeihen – das gehört nicht zu den Aufgaben eines Historikers -, sondern um verständlich zu machen, warum Menschen so und nicht anders gehandelt haben. Niemals geschieht das auf besserwisserische oder pedantische Art, sondern mit einem unaufdringlichen und doch stets spürbaren Sinn für die verborgene Komik menschlicher Existenz. Ein Zitat, dem ich auf den etwa zehntausend Seiten zweimal begegnet bin, ist, wie mir scheint, besonders geeignet, die Einstellung des Historikers Durant zu seinem Gegenstand zu erhellen. „Für den denkenden Menschen ist Geschichte eine Komödie“, zitiert er den britischen Dichter Horace Walpole vom Ende des 18ten Jahrhunderts, „für den fühlenden ist sie eine Tragödie.“ Durant bringt es fertig, den Leser in einem fort zwischen Denken und Fühlen, Lachen und Trauer wechseln zu lassen, denn dieser erkennt immer wieder sich selbst in der Geschichte. Durant liebt Geschichte, die er uns auf so meisterhaft lebendige und farbige Weise vor Augen stellt, weil sie im Grunde nichts anderes ist als ein Prozess der Selbsterkundung und Selbsterkenntnis. Er liebt sie selbst noch in ihrer Furchtbarkeit, denn auch diese ist ja ein Teil unseres eigenen Wesens. Genau damit schließt sich Durant gerade den größten Aufklärern an, denn diese Selbsterkenntnis begegnet uns ebenso noch im Spott eines Erasmus, in den Attacken eines Voltaire oder bei Stefan Zweig. Hinzufügen möchte ich noch, dass Will Durant erst 1981 gestorben ist. Das große Amerika der Aufklärung und einer lebendigen und in aller Welt bewunderten Demokratie, Amerika als Magnet für Millionen von Auswanderern seit dem 18ten Jahrhundert, liegt nicht lange zurück. Diesem Amerika gilt meine Bewunderung.

Inzwischen hat sich der Übergang von der geistigen Helle

in eine neue Finsternis, dem wir in Europa mehrfach begegnet sind, auch dort ereignet. Zum Beispiel in der Geschichtswissenschaft, die sich immer mehr zu einem Zweig der Naturwissenschaften entwickelt. Der Forschung hat das zunächst sehr viel Auftrieb gegeben. Über die Gesundheit prähistorischer Menschen, ihre Essgewohnheiten, Bevölkerungsstärke und Wanderbewegungen haben wir dank unglaublich verfeinerter Methoden der wissenschaftlichen Archäologie gerade in den letzten Jahrzehnten sehr viel dazugelernt. Das hat dazu geführt, dass in den Geisteswissenschaften – nicht allein in Psychologie und Soziologie, sondern eben auch in der Wissenschaft von der Geschichte – manche Texte heute vorwiegend aus Zahlen bestehen. In dem vergeblichen Bemühen, es den exakten Wissenschaften von der unbelebten Natur gleichzutun, ist der Geschichtswissenschaft ihr Gegenstand dabei leider unter den Händen zerronnen: der Mensch als ein lebendiges, sich ständig proteisch erneuerndes, nie vollständig berechenbares Wesen. Man hoffte, Geist, Geschichte und die Zukunft des Menschen ebenso auf die Zahl reduzieren und durch Gesetze erklären und lenken zu können, wie das in den Naturwissenschaften seit zwei Jahrhunderten mit der physischen Welt geschieht. Als sich herausstellte, dass dies nicht möglich ist und geistesgeschichtlichen Fächer anders als Physik, Chemie, Informatik etc. keinen monetären Nutzen versprechen, zog man die naheliegende Konsequenz. Geschichte – und allgemein die Wissenschaften des Geistes – wurden als nutzlos abgetan und in wenigen Jahren aus den Lehrplänen von Schulen und Universitäten weitgehend gestrichen. Geschichte – das Wissen des Menschen über sich selbst – zählt heute nicht mehr zur Bildung.

Wie konnte es dazu kommen?

Es erscheint mir gewagt, so umwälzende und so regelmäßig wiederkehrende historische Bewegungen wie die von der Aufklärung zu ihrem Gegenteil: dem Erstarken von Intoleranz und nationalistischer Selbstbezogenheit, auf eine kurze Formel zu bringen. Doch scheint es nicht abwegig, ein gerütteltes Maß an Schuld bei der Elite selbst zu suchen. Zur Zeit Luthers waren Deutschland, England und Frankreich die dukatenspeienden Esel, dazu verdammt, die geistige Supermacht jener Zeit, das Italien der Renaissance, zu finanzieren. Halb Europa drängte darauf, sich von dieser Abhängigkeit zu befreien.

Im 18ten Jahrhundert war es nicht anders: Neunzig Prozent der Bevölkerung fiel die einzige Aufgabe zu, die Elite von Adel, Klerus sowie einen in Saus und Braus lebenden Hof auszuhalten. „Was ist der dritte Stand?“, fragte Abbé Sieyès kurz vor Ausbruch der Revolution und fügte die Antwort gleich selbst hinzu: „Alles“. Doch in der Realität sei der dritte Stand nichts, weil die das Land beherrschende Elite ihm alles genommen hätte.

Hitler in Deutschland und Trump in den USA

haben ihrerseits auf eine Situation reagiert, wo im ersten Fall die Weltwirtschaftskrise von 1929 Massenarbeitslosigkeit bewirkte, während die USA seit den siebziger Jahren eine ähnliche Entwicklung des wirtschaftlichen Niedergangs erleben. Die Auslagerung einst gut bezahlter Industriearbeit ins billige Asien hatte zur Folge, dass eine Mehrheit nun mit schlecht bezahlten Jobs abgespeist wird, Jobs, von denen die meisten nicht reichen, um wie bisher eine Familie zu ernähren. Trump ist der geistige Repräsentant jener weißen Unterschicht, welche die industriellen „Rostgürteln“ bewohnt und mit dem bösen Wort des „white trash“ zusätzlich noch geschmäht wird: eine Schicht, die keine Bildung genießt und die sich daher auf dem Wege geistiger Verwahrlosung befindet. Trumps Wähler rekrutieren sich aus evangelikalen Bewegungen, welche von Darwin und einer als arrogant wahrgenommenen Bildungselite nichts wissen wollen, weil sie sich von dieser missachtet und an den Rand gedrängt fühlt. Diese Leute sind so verstört und verunsichert wie die Deutschen es nach dem plötzlichen Zusammenbruch von 1929 waren. Daher sind sie genau bereit wie damals die Deutschen, auf die Versprechungen der Demagogen zu hören. Weltoffenheit, Wissbegierde und Toleranz, das sollte man nie vergessen, sind ein Luxus, der nur in Zeiten der Sicherheit blüht, wenn die Menschen mit ihrem Los halbwegs zufrieden sind. Ein „Vivat America!“, in das die ganze Welt einstimmt, wird es erst dann wieder geben, wenn das Land sich von innen aus reformiert, doch vorher sollten wir große Amerikaner wie James oder Durant wieder lesen, was Amerika einmal war.

Die Hand am Drücker: Wie ein amerikanischer Präsident mutwillig auf den Krieg zusteuert

In den ersten Weltkrieg schlitterten die damaligen Weltmächte hinein. Sie hatten über Jahre aufgerüstet, da bedurfte es schließlich nur noch eines Funkens – wie z.B. des Attentats auf den österreichischen Thronfolger – um das zum Bersten gefüllte Pulverfass zur Explosion zu bringen.

Nicht nur in den Arsenalen des Militärs,

auch in den Herzen der Menschen hatte sich viel Sprengstoff angesammelt. Im ersten Moment der Kriegserklärung waren viele Menschen in ganz Europa zeitweise von Enthusiasmus überwältigt. „Der Krieg von 1914… diente noch einem Wahn, dem Traum einer besseren, einer gerechten und friedlichen Welt… Darum gingen, darum jubelten die Opfer damals trunken der Schlachtbank entgegen, mit Blumen bekränzt und mit Eichenlaub auf den Helmen, und die Straßen dröhnten und leuchteten wie bei einem Fest“ (Stefan Zweig).

Nicht wenige Militärs und Politiker an der Spitze des Staates ahnten freilich, welches Unheil der Krieg bringen würde, nur gab es für niemanden mehr ein Zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Politiker ließen sich mehr oder weniger willig treiben und trieben ihrerseits die Völker in die Vernichtung.

Heute wird die Welt erneut getrieben,

aber nirgendwo auf der Welt wird der Krieg mit Enthusiasmus begrüßt, weder von den Vereinigten Staaten noch von ihren Rivalen. Nicht einmal vom amerikanischen Präsidenten. Es fällt ja schwer, Donald Trump überhaupt noch etwas zu glauben, denn er vermischt Wahrheit und Lüge nach eigenem Gutdünken, doch wird man ihm wohl abnehmen dürfen, dass er den Krieg mit Iran nicht vom Zaun brechen will, denn bis jetzt hat er seine Versprechungen dem eigenen Wahlvolk gegenüber weitgehend eingehalten – und zu diesen Versprechen gehörte eben auch die Verminderung der militärischen Präsenz der USA außerhalb ihrer Grenzen. Warum also zeigt der derzeitige amerikanische Präsident der Welt ein so unerfreuliches Gesicht? Warum sind die USA spätestens seit George W. Bush nicht mehr, was sie so lange wären, nämlich ein Schutzschild für Europa, dem dieses während der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts seine Freiheit und seine Prosperität verdankte?

Im Jahr 1961 nach Abschluss

seiner zehnbändigen Geschichte der menschlichen Zivilisationen befand Arnold Toynbee, dass das „American Empire“ zwei Merkmale besaß, die es von dem zwei Jahrzehnte zuvor untergegangenen Imperium Großbritanniens unterschied: Militärbasen in Hülle und Fülle und die Betonung einer großzügigen Wirtschaftshilfe für die eigenen Bündnispartner. Durch eine Politik, die „beispiellos in der Geschichte der Imperien“ sei, habe Amerika „seine imperiale Position für Wirtschaftshilfe zugunsten der Völker unter seiner Herrschaft genutzt, anstatt… sie wirtschaftlich auszubeuten“. Ja, die USA waren im Großen und Ganzen ein milderer Hegemon als alle vorangegangenen Großmächte. Die am Ende des Zweiten Weltkriegs geschaffene Pax Americana sollte sich in der Tat für die ersten drei bis vier Nachkriegsjahrzehnte für die meisten Satellitenstaaten der USA als Vorteil erweisen. Der US-Historiker Alfred McCoy bemerkt zu Recht, dass „die Vereinigten Staaten all ihr Prestige und ihre ganze Macht in die Bildung einer neuen Weltordnung durch dauerhafte internationale Institutionen investierten: die Vereinten Nationen (1945), den Internationalen Währungsfonds (1945) und das Allgemeine Abkommen über Zölle und Handel (1947), den Vorläufer der Welthandelsorganisation…..“

Man muss die Rolle der Vereinigten Staaten als friedens- und ordnungsschaffende Macht

ausdrücklich betonen, bevor man auf ihren derzeitigen Präsidenten und die Gefahr zu sprechen kommt, die dieser in unseren Tagen so massiv und so mutwillig heraufbeschwört und damit den Ruf einer großen Nation in den Augen der Weltöffentlichkeit verspielt. Gleich nach seinem Amtsantritt beging der neue Herr im Weißen Haus die unverzeihliche Dummheit, beinahe sämtliche Maßnahmen seines Vorgängers zu konterkarieren. Unter großen Mühen hatte Obama mit Hilfe der Alliierten einen Vertrag ausgehandelt, der Iran dazu verpflichtet, Atomkraft ausschließlich zu zivilen Zwecken zu nutzen und sich der Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde IAEO zu unterziehen. Trump zerriss den Vertrag und verspielte auf diese Weise leichtfertig das Prestige der USA als Vertragspartner, auf den man sich im Ausland verlassen kann. Wie soll man einem Staat noch glauben, wenn jeder Präsident die Verpflichtungen seines Vorgängers annulliert?

Und dann noch die unglaubliche Naivität, mit der ein Donald Trump Geschäftspraktiken auf die internationale Politik überträgt! Vorherrschendes Kriterium beim Abschluss von Deals unter Businesspartnern ist der jeweilige Nutzen. Man kann mit ziemlicher Sicherheit damit rechnen, dass kein Konkurrent, setzt man ihm die Pistole auf die Brust, für ein paar Dollar weniger das eigene Leben riskiert.

Diese Einsicht glaubte der Immobilienmakler Trump auch auf die Politik übertragen zu können. „Nachgeben werden sie, sobald ich ihnen die Pistole auf die Brust setze – und dann machen wir einen Deal!“, so etwa lautet die schlichte Philosophie, nach der der derzeit mächtigste Mann agiert. 

Die Pistole, das sind in diesem Fall nicht allein Maßnahmen,

um die iranische Wirtschaft zu schleifen. Die Ausfuhr von Erdöl, dem das Land seinen mäßigen Lebensstandard verdankt, ist weitgehend gedrosselt, etwaige Embargobrecher müssen mit hohen Strafen rechnen. Deshalb erfüllt auch Europa seine Verpflichtungen gegenüber Iran nicht mehr. Es hat seine Geschäftsbeziehungen weitgehend abgebrochen, um nicht den Boykott seiner eigenen Firmen durch die USA zu riskieren.

Trump ging aber noch einen Schritt weiter. Es genügte ihm nicht, die iranische Wirtschaft abzuwürgen. Damit seine Botschaft auch ganz bestimmt richtig verstanden wird, lässt er seit Beginn dieses Jahres auch das Militär aufmarschieren. Zwei Flugzeugträger sind seit kurzem vor der Küste Irans stationiert, dazu strategische Bomber B-52, vermehrt um die neuesten Tarnkappenbomber vom Typ F-35 und eine schnell wachsende Zahl von US-amerikanischen Soldaten. Sie alle wurden und werden gegenwärtig an den Persischen Golf verlagert.

Nur ein politisch blinder, in hohem Grade egozentrischer Geschäftsmann

wie Donald Trump konnte allen Ernstes glauben, dass es genügen würde, mit Flugzeugträgern und Bombern vor der Küste des Gegners zu spielen, um diesem bewusst zu machen, dass er einem Trump nicht gewachsen ist. Inzwischen ist der Iran ein konventionell hochgerüsteter Staat, der nach Meinung von Experten in einem Erstschlag durchaus in der Lage ist, sämtliche amerikanischen Militärbasen am Golf mit höchst effizienten Raketen aus eigener Produktion auszuschalten. Dieses Land ist nicht mit dem Irak, mit Libyen oder Syrien zu vergleichen. Die Mullahs sind sich ihrer Stärke inzwischen durchaus bewusst, zumal das Vorgehen Trumps ihnen die Bevölkerung neuerlich in die Arme treibt, nachdem sie diese zuvor schon beinahe verloren hatten. Wie mehrere frühere Aufstände beweisen, hat das Regime sich auch in der eigenen Bevölkerung keineswegs ungeteilter Zustimmung erfreut. Vielmehr hat es seine Herrschaft nur mit Hilfe von polizeistaatlicher Repression aufrechtzuerhalten vermocht.

Doch ebenso wie Donald Trump

es verstand, die Menschen Venezuelas abermals in die Arme ihres unfähigen Autokraten Maduro zu treiben, schließt er nun die Bevölkerung des Iran hinter ihrer Führung zusammen – und das, obwohl es dem Land und seinen Bewohnern aufgrund der Blockade seit Beginn der Revolution niemals so schlecht ging wie heute. Trump ist ein Meister darin, Amerika nicht zur Nummer eins zu machen, wie er es nach eigener Propaganda bezweckt, sondern ringsumher für immer mehr Feinde zu sorgen. Abe Shinzo, der japanische Premier, ist da noch eine seltene Ausnahme. Wie vor ihm der deutsche Außenminister Heiko Maas, versuchte er am 13. Juni vergebens, das zerschlagene Porzellan zu kitten. Ayatollah Khamenei hat ihm gegenüber ausdrücklich klargestellt, dass der Iran mit dem amerikanischen Präsidenten nur verhandelt, wenn dieser zuvor die Sanktionen und den militärischen Aufmarsch gegen sein Land beendet.

Nun stehen die Feinde einander mit entsicherten Pistolen gegenüber

Niemand kann mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Wie will Trump die Flugzeugträger zurückbeordern, ohne von der Welt als Verlierer verspottet zu werden? Und wie soll das Regime der Ayatollah unter vorgehaltener Pistole nachgeben können, ohne den Rückhalt in der Bevölkerung zu verlieren und im Vorderen Orient als Schwächling verlacht zu werden? Anders als im Geschäftsleben geht es hier nämlich um Ehre und nationales Prestige, Begriffe, die zwischen Nationen niemals aus der Mode gekommen sind – in den USA genauso wenig wie im Iran. Trump hat sein Land, ohne es zu wollen, nur aufgrund seiner Unfähigkeit für das Amt, in dieses Patt gesteuert, aus dem es für ihn kaum noch einen Ausweg gibt. Ich halte einen Krieg für unabwendbar; doch das ist natürlich nur eine persönliche Meinung. Glücklicherweise hat die Geschichte niemals Prophezeiungen mit absoluter Sicherheit zugelassen.

Vorerst wartet noch jeder der beiden Kontrahenten auf eine Dummheit des anderen,

also auf den ersten Akt der Aggression, um dann mit geballter Macht zuzuschlagen: die Iraner mit einem Raketenüberfall auf sämtliche Basen und Schiffe der Amerikaner; die Amerikaner mit augenblicklichen Angriffen ihrer Tarnkappenbomber auf sämtliche militärische Stellungen und Radarposten der Iraner. An Provokationen fehlt es schon jetzt nicht. Heute, am 13. Juni, sind mehrere Tanker im Golf von Oman beschossen worden. Es gibt Gruppierungen genug, die den Krieg herbeisehnen und ihn sogar um jeden Preis herbeiführen wollen. Man darf nicht vergessen, dass Menschen, deren Länder seit Jahren so fürchterlichen Verwüstungen ausgesetzt sind wie Syrien, der Irak, Jemen oder Libyen nichts zu verlieren haben, sondern im Gegenteil den Krieg, wenn er schon sein muss, gern noch auf den Rest der Welt übertragen.

Natürlich wird Amerika den Krieg gegen Iran in wenigen Tagen oder zumindest Wochen gewinnen,

aber Trump und sein Nachfolger werden den Frieden so wenig wie in Libyen herstellen können. Die Meerenge von Hormuz wird aufgrund von permanentem Terror möglicherweise für Jahre gesperrt sein – was nichts anderes heißt, als dass die Hauptschlagader für die Ölversorgung westlicher Länder auf Dauer blockiert sein wird. Mit dem bisherigen Wohlstand Europas, Japans und vieler weiterer Staaten ist es dann erst einmal vorbei.

Doch wir sollten bei einem Krieg in der Ferne nicht nur an eigene Verluste denken: Der Iran – wie Syrien und der Irak ein weiteres Land das sich einiger der größten Zeugnisse menschlicher Zivilisation rühmen kann – wird so wie jetzt schon weite Gebiete im ganzen Vorderen Orient in Schutt und Asche versinken. Das aber geschieht aus keinem anderen Grund, als weil ein unbedarfter amerikanischer Präsident mit Geschäftspraktiken, die unter Maklern Erfolg haben mögen, leichtfertig in der großen Politik experimentiert.

Trump hat die Parole „America First“ ausgegeben

Das kann man ihm schwer zum Vorwurf machen. Jeder Staatsmann ist durch seinen Eid verpflichtet, vor allem dem eigenen Land zu nützen. Wirkliche Staatsmänner waren allerdings klug genug, dieses Vorgehen nicht an die große Glocke zu hängen. Genau das tut der derzeitige Präsident. Er könnte seinem Land und der Welt mehr schaden als irgendein früherer. Jetzt müsste schon ein Wunder geschehen, damit das Kriegsfeuer nicht im Iran auflodert, die Enge von Hormuz nicht vermint wird, der Stopp der Ölversorgung Europa nicht ins Chaos stürzt.

Immerhin, ein kleines Wunder ist jetzt schon sichtbar. Kaum jemand scheint zu ahnen, welche Dämonen uns gegenwärtig belauern. So wenige, dass viele Leser diese Zeilen vermutlich als reine Panikmache betrachten. Hoffentlich haben sie Recht!