Zweifel und Dogma: Inhalt + Thesen

Einleitung: Traum und Vernunft…11

Der Traum als Zwilling, der Irrationalismus als Gegner der Vernunft…12

These 1: Wenn Vernunft sich mit den ihr eigentümlichen Mitteln selbst hinterfragt, dann stößt sie in diesem Prozess zwangsläufig auf ihre Grenzen.

Wenn Fische träumen…15

Die maßlose Vermessung der Welt…19

Teil I: Die drei großen Träume der vergangenen tausend Jahre…24

Das Mittelalter: der metaphysische Traum…24

These 2: Vernunft ist ohnmächtig gegenüber der Zukunft, soweit diese nicht bloße Wiederholung des Vergangenen ist, denn genau dafür gibt es keine Erfahrung.

These 3: Wer nur die physische Selbsterhaltung des Menschen im Blick hat, wird kaum einen Unterschied zwischen einem mittelalterlichen und, sagen wir, einem indischen Bauern desselben Jahrhunderts erkennen. Die Bearbeitung der Scholle und das Ausbringen der Saat zwingen dem einen so wie dem anderen gewisse kulturübergreifende Handlungen und Maßnahmen auf. Wer jedoch den jeweiligen geistigen Kosmos erkundet, in denen sich diese Handlungen und Maßnahmen vollziehen, wird schnell bemerken, dass beide in grundverschiedenen Welten lebten.

These 4: Genau diese Kühnheit, dieses Bestreben, die Gesetze der Natur und der eigenen Geschichte zu überwinden, zeichnet menschliches Träumen aus.

Die Renaissance: ein Traum von Schönheit…35

These 5: Wohl kein anderer Wesenszug offenbart den Traum der Renaissance deutlicher als ihr Glaube, dass auch der Mensch als moralisches Wesen durch Schönheit erlöst wird.

Die industrielle Revolution: der Traum von gottgleicher Macht über die Dinge…48

These 6: Auch der metaphysische Traum und der Traum einer das ganze Leben erfüllenden und durchdringenden Schönheit wurden ja in verschiedenen Epochen und Kulturen des Globus immer erneut konzipiert oder zumindest erahnt.

These 7: Träume – die Manifestation menschlicher Freiheit – prägen sich der Wirklichkeit auf – ableiten kann man sie nicht aus ihr!

These 8: Bevor der neue Traum von der gottgleichen Herrschaft des Menschen sich durch seine praktischen Errungenschaften legitimierte, zehrte er zunächst von der bloßen Hoffnung auf Machtgewinn.

These 9: Genau daran sind kollektive Träume zu erkennen: Sie bemächtigen sich der Menschen und bringen selbst die Fakten hervor, die anschließend zu ihrer Bestätigung dienen.

Teil II: Der neuzeitliche Kampf gegen Freiheit und Traum…63

These 10: Wenn die Ordnung der Natur mit ihren Gesetzen unabhängig von menschlichem Wollen ist, liegt es dann nicht nahe, dass sie überhaupt unabhängig von jeglichem Wollen ist, also auch dem jener göttlichen Mächte, denen der Mensch bis dahin eine die Natur beherrschende Rolle, wenn nicht gar Allmacht zuerkannte?

Das wissenschaftliche Weltbild ein Traum?…66

These 11: Natur und Mensch lassen sich nicht ohne Mitwirkung menschlichen Wollens erklären – der Versuch erweist sich als Fata Morgana und ist logisch unhaltbar.

Der faule Kompromiss des Descartes…73

These 12: Die wissenschaftliche stipulierte Unfreiheit der Natur lief daher auf eine direkte Ablösung und Vernichtung der religiösen Weltsicht hinaus. So stieß sie denn auch auf erbitterten kirchlichen Widerstand.

Holbach nimmt kein Blatt vor den Mund…77

Die Attacke des Benjamin Libet…80

Libets Ergebnisse noch bedeutsamer als die Kausalität in der Natur…82

These 13: denn in Wahrheit ging es ja immer und vor allem um unsere eigene, also um die menschliche Freiheit. Wenn Libet Recht hat, dann ist aus der Arbeitshypothese der Wissenschaft eine gesicherte Erkenntnis geworden.

These 14: Damit war die Moral prinzipiell in den Kreis der Berechenbarkeit einbezogen, der bisher der Physik vorbehalten schien.

Karl Marx – im alten Weltbild gefangen…86

These 15: Marx, der praktische Moralist, hat als Theoretiker die Moral wegerklärt und vernichtet.

These 16: Im Gegensatz zu einer „kritischen Wissenschaft“, die freimütig einräumt, dass sie nie im Besitz der Allwissenheit war und es auch in Zukunft niemals sein werde, musste sich die „Machtwissenschaft“ mit größter Heftigkeit gegen die bloße Möglichkeit solcher Ausnahmen von einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit sträuben.

Eine Arbeitshypothese erhält den Rang eines Dogmas…92

These 17: Die Abwesenheit von Gesetzen, d.h. Freiheit, entzieht sich aller empirischen Beweisbarkeit.

These 18: Außer im kämpferischen Islam des 7. und 8. Jahrhunderts hat keine andere Theorie, welche die Freiheit des Menschen leugnet, je eine derartige Entfesselung der Willenskräfte bewirkt!

Teil III: Aufstand gegen das Dogma – Ketzer und Widerständler…99

David Hume…99

Deutsche Romantik: Freiheitsverklärung als Lebensgefühl…101

Jean-Jacques Rousseau…102

Die deutsche Romantik…105

Ein frischer Quell…107

Konstruierende Idealisten…109

These 19: Ein Kennzeichen nicht nur der Dichtung, sondern auch der deutschen Philosophie, jedenfalls der großen Philosophie, sollte es bleiben, dass sie jene Eindeutigkeit mied, die in Descartes, Hume oder gar in Holbach ihren Ausdruck fand. Ihr geht es darum, die Gegensätze zugleich zu umfassen und zu versöhnen.

Leibniz erbaut die Welten-Uhr…109

Kant erfindet das Ding-an-sich…111

Thesis 20: Die prästabilierte Harmonie war ein schlaues Denkmanöver und Dekret, um rebellierende und unzufriedene Geister zu beruhigen (einschließlich Leibniz selbst). Bis heute sind derartige Manöver und Dekrete in der Philosophie beliebt.

These 21: Wenn Raum und Zeit bloße Formen der Anschauung sind, also nur in uns selbst existieren, aber nicht in den Dingen, dann ist nicht einzusehen, dass deren räumliche Anordnungen und zeitliche Folgen in der uns umgebenden Wirklichkeit immer ganz spezifisch sind – es sei denn, dass wir auch diese spezifischen Konstellationen aus unserem Inneren schöpfen. Dann aber haben wir bereits die Schwelle zum reinen Idealismus Fichtescher Prägung überschritten. Liegen die spezifischen räumlichen Anordnungen und zeitlichen Folgen jedoch außerhalb von uns selbst in der äußeren Wirklichkeit, dann ist nicht einzusehen, warum Raum und Zeit als Formen der Anschauung aus uns selber stammen. Mit anderen Worten, wir kommen wieder zum Realismus zurück.

Fichtes absolute, aberwitzige Freiheit…116

These 22: Wir können nämlich gar nicht von inneren Vorgängen in unseren Köpfen reden, ohne dass wir vorher schon ein Äußeres vorausgesetzt haben. Ja, wir können nicht einmal das Wort Kopf oder Ich verwenden, ohne dass wir die ganze Wirklichkeit, deren Teile sie bilden, immer schon unbewusst mitgedacht und vorausgesetzt haben.

Hegel macht es vielen Recht, nur nicht dem klaren Denken…121

These 23: So wie wir das Innere unseres Kopfes gar nicht denken können, ohne von der Existenz einer äußeren Welt auszugehen, können wir Gott nicht denken, ohne die Welt schon vorher gedacht zu haben.

Popper, Schrödinger, Jaspers…126

These 24: Zwar kann die wissenschaftliche Beobachtung der Natur immer mehr und immer neue Gesetze aufdecken, aber dass es nichts anderes gebe als eben solche Gesetze, diese Behauptung ist schlechterdings unbeweisbar. Aus der Natur können wir sie nicht ableiten, vielmehr vollziehen wir ein Diktat, indem wir sie der Wirklichkeit überstülpen.

Paul Watzlawick oder die Rückkehr der Idealisten…128

These 25: Die Natur und ihre Gesetze sind das Objektive schlechthin, weil sie den Widerstand einer Wirklichkeit bilden, der wir uns zwar anpassen und sogar anpassen müssen, aber deren vorgegebene Ordnung wir nicht durch unser Denken beeinflussen oder gar hinwegzaubern können.

These 26: Die Wissenschaften selbst setzen die Freiheit in der Natur voraus. Ohne diese Voraussetzung ist Wissenschaft gar nicht denkbar und möglich. Neben den gesetzhaften Ordnungen muss es die Dimension der Freiheit geben (Teil V).

Vorsichtige Philosophen, umsichtige Wissenschaftler…132

Werner Heisenberg und die Quantenphysik…132

These 27: Ein Wissenschaftler kann in Experimenten immer nur das Vorhandensein eines Gesetzes, aber niemals dessen prinzipielle Abwesenheit erweisen.

Als wäre nichts gewesen: 200 Jahre ohnmächtiger Protest…137

These 28: In der modernen Wissenschaft gibt es nur zwei Dimensionen: das Reich des Notwendigen, aus dem die Forschung all ihre Erkenntnisse schöpft – die sogenannten ehernen und ewigen Gesetzte −, und (seit Aufkommen der Quantenphysik sozusagen offiziell anerkannt) eine Leerstelle oder ein Abfallprodukt, das sie als Zufall bezeichnet und mit dem sie nichts anzufangen weiß.

Rückkehr zum Orakel und Abschied von der Vernunft…140

Martin Heidegger als Prophet…141

Der Existenzialismus…144

These 29: Weder Sartre noch seinem geistigen Ziehvater, Martin Heidegger, ist es gelungen, den Begriff der Freiheit in der Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlich geprägten Weltbild ihrer Zeit zu verteidigen.

Franz Kafka und Albert Camus…146

These 30: Eine immer strengere Wissenschaft auf der einen Seite und, ihr gegenüberstehend, eine gegen die Objektivität selbst und den von ihr ausgehenden Zwang rebellierende Welt­anschauung – darin liegt der Dualismus unserer Zeit.

Teil IV: Vier Beweise für die Freiheit von Mensch und Natur …151

Der Irrtum des Neurologen…152

These 31: Was immer Libets Experiment beweisen mag, es liefert definitiv keinen Beweis gegen die Freiheit des Willens!

These 32: Wenn beides, der subjektiv wahrgenommene Willensakt (z.B. mein Entschluss: „Ich will jetzt meine Hand aufheben“) und seine objektive Manifestation (z.B. die ihm entsprechende Handbewegung) nur die verschiedenen Erscheinungsformen einer gleichen, aber tiefer liegenden Ursache sind, so ist mit den Ergebnissen von Libet überhaupt nichts bewiesen.

These 33: Die zeitliche Abfolge auf der manifesten Ebene verliert dann ihre Bedeutung und damit auch alle Beweiskraft im Hinblick auf das Problem der menschlichen Freiheit.

Das radikal Neue (in) der Evolution…155

  1. Freiheitsbeweis: evolutionistisch für die Natur…159

These 34: Hat man einen zeitlichen Nullpunkt gesetzt, dann akzeptiert man zwangsläufig die Existenz des unableitbar und radikal Neuen, das sich aus der Vergangenheit – eben weil es eine solche vor dem Nullpunkt nicht gibt – auf keine Art herleiten oder erklären lässt.

Die Schichtenlehre…161

These 35: Ein Aufzeigen der evolutionistischen Freiheit allein genügt dazu nicht, denn so frei ein bestimmtes Ereignis uns auch erscheinen mag – z.B. der Fall einer Sternschnuppe gerade hier und in diesem Moment – wir können nie sicher sein, dass ein bestimmtes Geschehen, das wir heute für unerklärlich halten, nicht später als gesetzhaft durchschaut wird.

  1. Freiheitsbeweis: logisch-postulativ für den Menschen…168
  2. Freiheitsbeweis: logisch-postulativ für die Natur…169

These 36: Der ganze Sinn strikt berechenbarer gesetzhafter Abläufe hängt zwangsläufig davon ab, dass der Mensch kraft seiner Freiheit, beliebig in das Geschehen einzugreifen, das unberechenbar Neue hervorzubringen vermag.

These 37: Jedes gesetzhaft abspulende Ereignis muss von so vielen Lücken im Gewebe der Notwendigkeiten umgeben sein, dass der Mensch oder andere Lebewesen es kraft ihres Wollens jederzeit und überall reproduzieren können.

Ein Kegel von Licht mitten im Dunkel…170

Die Fiktion einer durchgehenden Kausalität…172

These 38: Wären wir wirklich imstande, Herrn Müllers Verhalten ebenso vorauszusagen wie die ballistische Bahn der von ihm abgeschossenen Kugel, dann gäbe es keine Versuchsanordnung, mit der wir unsere Behauptung beweisen (bzw. sie widerlegen) könnten, denn Herr Müller würde ja zur selben Zeit in völliger Freiheit handeln (das ist die wissenschaftliche Voraussetzung jedes Experiments) und zur gleichen Zeit einem Gesetz unterworfen sein.

Notwendigkeit und Freiheit gehören zusammen: Warum es keine Weltformel geben kann…174

These 39: In ihrem praktischen Vorgehen leugnet die Wissenschaft, was sie theoretisch als Dogma verficht: Ohne sich selbst davon Rechenschaft abzulegen, leugnet sie mit aller Entschiedenheit und leugnet darüber hinaus prinzipiell eine durchgängige Gesetzhaftigkeit der Natur.

Kein experimenteller Beweis für oder gegen die Freiheit…176

These 40: Die empirische Wissenschaft, heiße sie nun Physik oder Neurologie, kann den Beweis für oder gegen die Freiheit in Mensch und Natur auf experimentelle Art grundsätzlich nicht erbringen. Zu diesem Beweis ist nur die Philosophie in der Lage, und zwar unabhängig von jedem denkbaren Experiment.

  1. Freiheitsbeweis: kontradiktorisch……………………….177

These 41: Dieser Widerspruch bleibt bei Schrödinger unaufgelöst. Er ist nur aufzuheben, wenn neben der Notwendigkeit Freiheit herrscht, neben den Gesetzen die Lücken im Gewebe der Gesetzmäßigkeiten, mit anderen Worten, wenn man die erste Behauptung (i), wonach mein Körper als reiner Mechanismus gemäß den Gesetzen der Natur funktioniere, mit Popper als metaphysisch zurückweist.

Undenkbare und undefinierbare Freiheit………….180

These 42: Freiheit als Voraussetzung für die Entstehung des Neuen ist daher inhaltlich strikt undenk- und deswegen eo ipso auch undefinierbar.

Teil V: Das Motiv hinter der Leugnung der Freiheit …183

These 43: Der Grund ist offenbar nicht in einem Mangel des Denkens zu suchen – damit würde man den grandiosen Leistungen der Forschung Unrecht tun -, sondern in der Ohnmacht der Vernunft gegenüber der bezwingenden Macht eines Traumes – eben des Allmachtstraums der neuzeitlichen Wissenschaften

Die Innensicht auf die Freiheit…184

These 44: dass wir im ersten Fall eine Innensicht auf die Freiheit besitzen, die uns als eigener Antrieb sinnvoll und selbstverständlich erscheint, während im zweiten Fall das Ereignis für uns keinen Sinn ergibt und wir eben deswegen von „bloßem Zufall“ sprechen.

Teil VI: Gehirn und Bewusstsein …185

These 45: Wie es die Neurologen sehen: a) Alle subjektiv erfahrenen Bewusstseinsvorgänge verlaufen strikt parallel zu den objektiv nachweisbaren physiologischen Prozessen.

  1. b) Das Bewusstsein ist ein Epiphänomen, d.h. eine den ursächlich wirkenden physiologischen Vorgängen aufgepflanzte subjektive Folge– und Scheinrealität.
  2. c) Die objektiven physiologischen Vorgänge sind sämtlich naturgesetzlich bedingt und erklärbar.

These 46: Solange der Mensch nicht als deterministischer Neurologe oder Philosoph argumentiert, geht er in der Praxis stets davon aus, seinen Geist als primäre und ursächliche Kraft aufzufassen, die Materie dagegen als dessen formbares Objekt.

These 47: Die Tatsache, dass alle Bewusstseinsvorgänge durch spezifische Transformationen des Gehirns bedingt sind, erlaubt keineswegs die Folgerung, dass diese in ihrer Gesamtheit durch Naturgesetze erklärbar seien.

These 48: Wir werden vermutlich niemals wissen, ob der Geist die Atome lenkt oder umgekehrt. Libets Versuchsanordnung vermag diese Frage jedenfalls nicht zu entscheiden (siehe Thesen 31 – 33). Andererseits bleibt das Problem der Freiheit davon ganz unberührt.

Teil VII: Vom Kausalgesetz wird die Welt beherrscht? Warum nicht vom Traum (Willen)?  …193

Die moralische und die mechanische Welt…193

These 49: Wird die Welt dagegen ausschließlich von Naturgesetzen beherrscht, so erscheint sie dem Menschen als eine Art zweck- und sinnfreies Uhrwerk. Moral kann es dann allenfalls als rein menschliches Phänomen inmitten eines außermoralischen Kosmos geben.

These 50: Also muss ein wirklich Gläubiger auch überzeugt sein, dass Gott – sofern ER es eben so will – diese Gesetze jederzeit wieder aufzuheben vermag. Es liegt ja nichts Außergewöhnliches darin, dass eine Macht, die alle Gesetze geschaffen hat, sie auch wieder außer Kraft zu setzen vermag.

Der Weg der Mitte: Ausbruch aus dem Gefängnis…207

These 51: der Wille (Freiheit) in der Natur, wird damit zur logischen Bedingung, um auf die Mechanik in der Natur Einfluss zu nehmen.

These 52: Da dieser Wille stets Absichten und Zwecke verfolgt und damit für den Handelnden selbst das gerade Gegenteil des bloß Zufälligen repräsentiert, dürfen wir Freiheit, wie sie jedem von uns in der Innenansicht erscheint, mit dem positiven Begriff des Traums bezeichnen.

These 53: Moralische Vorstellungen, die unser menschliches Handeln steuern, können wir aber unmöglich aus dem engen Bereich unserer eigenen Existenz auf die Evolution als Werden des Weltganzen übertragen.

These 54: Wenn wir uns die Welt von einem lebendigen Wollen beherrscht vorstellen, ist das ein ebenso gutes Bild, wie wenn wir das Bild eines Uhrwerks oder einer Maschine verwenden, die von ewigen und unverbrüchlichen Gesetzen gehorcht. Im ersten Fall haben wir das Neue der Evolution im Blick, so weit es durch Vergangenes nicht erklärbar ist, im zweiten Fall blicken wir ausschließlich auf denjenigen Teil des Wirklichen, der sich messen und vorhersagen lässt, weil sich seine Ordnungen in die Zukunft prolongieren.

These 55: Ein übermenschlicher Wille könnte auf tausenderlei Art von außen in das Geschehen eingreifen und dabei tausend verschiedene alternative Ereignisse bewirken, ohne dass wir einen solchen Eingriff auch nur bemerken würden, da jedes von ihnen sich innerhalb der kausalen Linien bewegt! Obwohl ein solcher Eingriff auf vielfache Weise möglich wäre, könnten wir seine tatsächliche Existenz weder nachweisen noch widerlegen.

These 56: Nie reichen die erkennbaren kausalen Linien aus, um das Zustandekommen eines konkreten Geschehens hier und jetzt vollständig zu begründen.

Für eine Neudefinition des Wunders…214

These 57: Ich definiere Wunder als die Freiheit, auf der Grundlage gleicher Naturgesetze unendliche viele alternative Welten hervorzubringen.

Teil VIII: Kreative (freie) und nachbildende Erkenntnis …216

Das doppelte Fundament menschlichen Erkennens…217

These 58: Das Feld menschlichen Erkennens wird erst dann vollständig beschrieben, wenn wir der nachbildenden Erkenntnis die schöpferische zur Seite stellen.

These 59: Wir selbst sind ursächlich und in einem wörtlichen Sinn am Entstehen der Welt beteiligt.

Bacon und Descartes – schon die Pioniere waren blind auf einem Auge…219

These 60: dass menschliche Erkenntnis eben durchaus keine Einheit bildet. Ihr wesentliches Merkmal besteht gerade in ihrer zweifachen Natur. Sie ist einerseits retrospektiv und bildet Wirklichkeit nach, andererseits ist sie prospektiv: Sie erschafft Wirklichkeit in freien Entwürfen, und zwar tut sie beides in jedem Augenblick unseres bewussten Daseins.

Kultur und Zivilisation…222

These 61: Der Gegensatz von nachbildender zur kreativen Erkenntnis tritt dann am deutlichsten hervor, wenn wir mit der ersten nur jene Tatsachen der äußeren Welt bezeichnen, die unabhängig vom Wollen lebender Wesen sind.

These 62: „X“ (Zivilisation) bezeichnet die Gesamtheit aller Phänomene, welche die nachbildende Erkenntnis der äußeren Natur hervorbringt und gewöhnlich als kumulatives Erbe an die künftigen Generationen weitergibt. „Y“ (Kultur) die Gesamtheit aller Phänomene, die der schöpferischen Erkenntnis entspringen und gewöhnlich nicht-kumulativ sind.

Die Stufenleiter der kreativen Erkenntnis…224

Kunst und schöpferische Erkenntnis…226

These 63: Die Mathematik ist der Musik insofern zu vergleichen, als sie ein frei schwebendes, frei erschaffenes Reich über der erfahrenen Wirklichkeit repräsentiert.

These 64: Während die exakten Naturwissenschaften den Pol der retrospektiven Erkenntnis besetzen, wo der Maßstab von wahr oder falsch entscheidet, beschreiben Humanwissen­schaften wie Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre eine kulturelle Realität, die durch reine Setzung zustande kommt und daher weder wahr noch falsch ist, sondern nur zweckmäßig oder nicht im Sinne menschlicher Werte. Sie sind an dem gegenüberliegenden Pol der schöpferischen Erkenntnis angesiedelt.

These 65: Schöpferische Erkenntnis ist auch bei einem Physiker primär (sofern eine Entdeckung nicht auf reinem Zufall beruht). Erst aus ihr geht die nachbildende Erkenntnis hervor, die ein Gesetz aufzustellen erlaubt, aus dem sich möglicherweise Handlungsanwei­sungen für die verschiedensten Anwendungen und Apparate ergeben.

These 66: Nicht die nachprüfbare Wahrheit einer Religion entscheidet über ihre prägende Kraft, sondern die Bereitschaft ihrer Anhänger, an deren Aussagen auch ohne Nachprüfung zu glauben.

These 67: Glauben ist der meist naive, manchmal verzweifelte, nicht selten aber auch mutwillige Versuch, die schöpferische Erkenntnis in nachbildende umzudeuten.

Noch ein Blick auf Kultur und Zivilisation…236

These 68: Statt menschengemachter Gesetze und Konventionen wären es einzig die Zwänge einer auf den Naturgesetzen beruhenden Technik, welche die atomisierten Individuen der Gesellschaft mechanisch zusammenhalten.

These 69: In historischer Sicht lassen sich die Extreme von Zivilisations- und Kulturstaaten sehr wohl als Idealtypen unterscheiden, je nachdem ob die nachbildende oder die schöpferische Erkenntnis in ihnen zur Vorherrschaft gelangt.

Eine sixtinische Evolutionskapelle?..240

These 70: die Wissenschaften genau an jenem Punkt nichts mehr zu sagen haben, wo der Mensch überhaupt erst beginnt, nämlich mit seinem Wollen und seinen Emotionen, seinem Enthusiasmus, seiner Trauer und seinen Hoffnungen.

Wo Tatsachen enden und Traumwelten beginnen…244

These 71: der letzte Sinn der Wissenschaften eben nicht darin besteht, den Bereich des Not­wendigen aufzudecken, sondern darin, die erkannte Notwendigkeit in den Dienst der Freiheit zu stellen – man kann auch sagen, die nachbildende in den Dienst der schöpferischen Erkenntnis.

These 72: Im Unterschied zur nachbildenden Erkenntnis waren und sind die Gestaltungen der kreativen Erkenntnis hingegen niemals kumulativ.

Falsche Träume…247

These 73: Selbst hoffnungsvolle Träume können sich als unwirksam und daher falsch erweisen, weil sie am falschen Platz zur falschen Zeit geboren wurden.

Literaturverzeichnis …251

Personenverzeichnis …261