{"id":9252,"date":"2025-08-23T08:01:33","date_gmt":"2025-08-23T06:01:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=9252"},"modified":"2025-10-19T18:43:28","modified_gmt":"2025-10-19T16:43:28","slug":"germanistenschelte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/germanistenschelte\/","title":{"rendered":"Germanistenschelte"},"content":{"rendered":"<p>Gegen Anfang des vergangenen Jahrhunderts, im Jahre 1909, als deutsche Wissenschaft sich noch ihres Weltrufs r\u00fchmen durfte, \u00e4u\u00dferte sich William James, der gro\u00dfe Amerikaner, in einer Vorlesung mit dem Titel \u201eA pluralistic Universe\u201c auf folgende wenig schmeichelhafte Art \u00fcber den deutschen Professor:<br \/>\n\u201cIn Germany the forms are so professionalized that anybody who has gained a teaching chair and written a book, however distorted and eccentric, has the legal right to figure forever in the history of the subject like a fly in amber. All later comers have the duty of quoting him and measuring their opinions with his opinion. Such are the rules of the professorial game &#8211; <em>they think and write from each other and for each other and at each other exclusively<\/em>\u201d (meine Hervorh.).<!--more--> Ein Mann, dem Amerika und die Welt nicht nur einen Klassiker \u00fcber die Psychologie verdankt (Principles of Psychology), sondern eine der wohl am tiefsten sch\u00fcrfenden Auseinandersetzungen mit dem Ph\u00e4nomen der Religion &#8211; James stellt sich in \u201cThe Varieties of Religious Experience\u201d die bis heute g\u00fcltige Frage, worin religi\u00f6se Motivation besteht und auf wie mannigfaltige Art sie sich zu manifestieren vermag \u2013 ein solcher Mann darf sich wohl auch erlauben, den damals noch bewunderten, beneideten, aber eben auch viel bel\u00e4chelten deutschen Professor einmal aus gr\u00f6\u00dfter N\u00e4he und in kritischer Absicht zu durchleuchten. James vernichtende Kritk ist nat\u00fcrlich \u00fcberzogen. Deutsche Universit\u00e4ten waren immer auch ein Hort f\u00fcr die Anst\u00e4ndigen und die geistig Herausragenden, denen sie materielle Sicherheit gew\u00e4hrten, aber James bissig formulierte Regel ist nicht deswegen falsch, weil es leuchtende Ausnahmen davon gibt.<br \/>\nWenn die Beobachtung des gro\u00dfen Amerikaners stimmt, dass im akademischen Milieu eine Art von Stammesmentalit\u00e4t herrscht, wo die privilegierten Stammtischbr\u00fcder ausschlie\u00dflich <em>von, f\u00fcr und gegeneinander denken und schreiben<\/em>, dann ist damit auch auf die zweite Seite dieser Mentalit\u00e4t angespielt, n\u00e4mlich die Haltung gegen\u00fcber Au\u00dfenseitern, die sich anma\u00dfen in das eigene Territorium einzudringen und dieses m\u00f6glicherweise zu \u201cmarkieren\u201d. Absichtlich bediene ich mich hier eines Begriffs aus der Verhaltensforschung, wo ein solches Ritual bekannterma\u00dfen eine besondere Rolle spielt, aber eben auch die sch\u00e4rfsten Reaktionen hervorruft &#8211; bis hin zum gnadenlosen Zerbei\u00dfen und Zerrei\u00dfen des Eindringlings.<br \/>\nWas will ich mit dieser Einf\u00fchrung sagen? Warum erwecke ich William James aus seinem hundertj\u00e4hrigen Schlaf und beziehe mich auf das Verhalten von Professoren als territorialen Verteidigern? Nun, weil ich mit meinem Buch \u00fcber \u201c<em>Die Br\u00fcder Ludwig und Georg B\u00fcchner<\/em>\u201d offenbar selbst zu einem Eindringling wurde, der sich unbefugterweise in ein streng abgeschirmtes Territorium vorgewagt hat.<br \/>\nIn diesem Buch, das der eher kleine Verlag \u201cibidem\u201d freundlicherweise publizierte, musste ich mich in gebotener Bescheidenheit \u00fcben, weil \u00fcber den Dichter Georg B\u00fcchner und das kleine von ihm hinterlassene Werk sowie die sp\u00e4rlichen Zeugnisse zu seiner Biografie wohl alles gesagt worden ist, was professioneller Sp\u00fcrsinn \u00fcberhaupt herauszufinden vermag. Da brauchte ich nur brav aus den vorhandenen Forschungsergebnissen zu sch\u00f6pfen: aus <em>Georg B\u00fcchner<\/em> von Jan-Christoph Hauschild, aus <em>Georg B\u00fcchner \u2013 Epoche \u2013 Werk<\/em> von Michael Hofmann und Julian Kanning und &#8211; mit dem gr\u00f6\u00dften Gewinn &#8211; aus <em>Georg B\u00fcchner<\/em> von Hermann Kurzke. Aber ein gro\u00dfer Dichter regt nat\u00fcrlich immer auch zu neuen Betrachtungen an. Die Belehrungen aus den genannten Quellen habe ich in eine Kunsttheorie eingef\u00fcgt, zu der ich von keinem Geringeren als dem Kulturhistoriker Jacob Burckhardt inspiriert worden bin. Der Kunst der Vertiefung, welche die Weimarer Klassik erstrebte, habe ich eine Kunst des Protestes und der Erneuerung gegen\u00fcbergestellt, als deren eklektizistischen Meister man Georg B\u00fcchner bezeichnen darf. Mit dieser Analyse und einer philosophischen Er\u00f6rterung der beiden Pole von Sicherheit und Freiheit, an denen sich jedes Kunstwerk orientiert, gehe ich im ersten Teil meines Buches \u00fcber die \u00fcbliche Darstellungsweise hinaus, doch erst im zweiten Teil, wo ich mich mit Georgs j\u00fcngerem Bruder Ludwig befasse, begebe ich mich auf einen bisher unbeschrittenen Pfad, denn eine Monografie, die sich mit den \u00dcbereinstimmungen und den Gegens\u00e4tzen im Denken der beiden Br\u00fcder und mit ihrer so ganz unterschiedlichen Wirkung befasst, ist bislang nicht geschrieben. Es lohnt sich ja, auch Ludwig B\u00fcchner, heute so gut wie vergessen, ins Visier zu nehmen, hat er doch zu seiner Zeit mit nicht weniger als einem Weltbestseller zum Thema Wissenschaft auf sich aufmerksam gemacht. Beide Br\u00fcder waren auf eigene Weise ber\u00fchmt, der eine zu seinen Lebzeiten, der andere erst ein Dreivierteljahrhundert nach seinem Tod.<br \/>\nW\u00e4re das Erscheinen einer solchen Monografie nicht eine Gelegenheit f\u00fcr den deutschen Professor gewesen &#8211; insbesondere den Professor der Germanistik und insbesondere die B\u00fcchnerspezialisten &#8211; die doch einigerma\u00dfen missg\u00fcnstige Bemerkung von William James zu entkr\u00e4ften, sie als eine haltlose Unterstellung zu widerlegen?<br \/>\nSo sollte man meinen. Schon aufgrund jener stets lauernden Neid- und Zankkultur, die &#8211; wie b\u00f6se Zungen behaupten &#8211; an deutschen Universit\u00e4ten keinesfalls selten ist, h\u00e4tte man sich die H\u00e4nde zum gemeinsamen Angriff auf den Eindringling reiben k\u00f6nnen. Schauen wir uns Jenners Buch doch einmal ganz genau an! Lassen wir uns das Vergn\u00fcgen doch, bitte sch\u00f6n, nicht entgehen, ein solches Machwerk aus zunftfremder Hand in der Luft zu zerrei\u00dfen. Das Buch eines Unbekannten, der niemals zu unseren F\u00fc\u00dfen sa\u00df, kann doch nur aus unvergorenem Halbwissen und irref\u00fchrenden Argumenten bestehen!<br \/>\nEine solche Kriegserkl\u00e4rung w\u00e4re doch das Mindeste gewesen, ich h\u00e4tte mich dar\u00fcber gefreut, denn sie ist einem \u201eNicht-einmal-ignorieren\u201c immer noch vorzuziehen, diesem heute bevorzugten Verfahren gegen\u00fcber stammfremden Au\u00dfenseitern. Au\u00dferdem wei\u00df ich mich meiner Haut einigerma\u00dfen zu wehren und bin \u00fcberdies Optimist, denn ich machte mir tats\u00e4chlich Hoffnung, dass es auch gutwilligere Mitglieder innerhalb der Zunft geben k\u00f6nne, einige wenige, die grunds\u00e4tzlich ihre Aufgeschlossenheit f\u00fcr Anregungen bekunden. Wird in Akademia nicht schon jahrzentelang die Interdiszipinarit\u00e4t der Wissenschaften gepredigt? Gibt man der Au\u00dfenwelt nicht immer erneut zu verstehen, dass man sich \u00fcber jede fachfremde Stimme freut, wenn sie etwas zu sagen hat? Solche Aufgeschlossenheit w\u00e4re doch eine Antwort auf James abf\u00e4llige Bemerkung gewesen.<br \/>\nSo positiv grundgestimmt war ich jedenfalls, als ich den einzigen der drei von mir zitierten Georg-B\u00fcchner-Biografen anschrieb, der per eMail zu erreichen war, n\u00e4mlich den Professor der Germanistik Herrn Michael Hofmann in Paderborn (leider ist der wortgewaltige Hermann Kurzke bereits gestorben, w\u00e4hrend Jan-Christof Hauschilds Adresse schwer zu ermitteln ist).<br \/>\nEs ging mir dabei auch folgender Gedanke durch den Kopf. Wenn sich ein deutscher Professor mit einem so selbstkritischen \u2013 der Selbstkritik beinahe pathologisch verfallenen &#8211; Geist wie Georg B\u00fcchner befasst,<em> so m\u00fcsste doch etwas davon auf ihn selbst abf\u00e4rben.<\/em> M\u00fcsste er nicht sogar eine besondere Neugierde f\u00fcr jeden Versuch aufbringen, auf beide Br\u00fcder zusammen ein neues Licht zu werfen? Das scheint schon deswegen nahezuliegen, weil sie sozusagen die lebenden Verk\u00f6rperungen eines bis heute fortwirkenden Gegensatzes gewesen sind, des Gegen\u00fcbers von Dichten und Denken, Glauben und Wissenschaft. Ganz gleich, ob und wie weit es dem Verfasser des Buches gelungen ist, auf die beiden B\u00fcchner ein erhellendes Licht zu werfen, die Absicht allein m\u00fcsste von gr\u00f6\u00dftem Interesse sein.<br \/>\nSo habe ich mir den Erfolg meines Briefes vorgestellt. Aber William James, der gro\u00dfe Amerikaner, war kl\u00fcger als ich. Man muss ihm den sch\u00e4rferen Blick f\u00fcr die deutsche Realit\u00e4t zuerkennen. Nat\u00fcrlich will ich keinesfalls bestreiten, dass es tausend gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr geben kann, warum jemand selbst von interessanten Gedanken in einem bestimmten Moment seines Lebens nichts wissen will. Vielleicht ist der Betreffende gerade anderweitig besch\u00e4ftigt, vielleicht \u00fcberhaupt mit anfallender Arbeit hoffnungslos \u00fcberlastet. Aber dass ein h\u00f6fliches Schreiben zu einem Gegenstand, der f\u00fcr den Empf\u00e4nger doch ebenso interessant sein sollte wie f\u00fcr den Absender, schlicht unbeantwortet bleibt, das l\u00e4sst sich nur mit jener Arroganz und abweisenden Haltung erkl\u00e4ren, die James als ein trauriges Wesensmerkmal jener Leute behandelt, deren Stammesmentalit\u00e4t darin besteht, <em>dass sie eben nur von- und f\u00fcr und gegeneinander schreiben<\/em>. Man ist zu dem Schluss gen\u00f6tigt, dass ein Mann von dem Rang des Herrn Professor Michael Hofmann aus Paderborn sich einfach zu gut daf\u00fcr ist, einem Stammesfremden auch nur eine Antwort zu erteilen. Da kann ja jeder kommen! Da kann sich ja jeder erdreisten, ohne vorherige Befugnis im angestammten Territorium zu wildern!<br \/>\nBitte sch\u00f6n, ich will nicht ungerecht sein. Ein gewisses Verst\u00e4ndnis l\u00e4sst sich selbst f\u00fcr diese abweisende Haltung aufbringen. Zu seiner Zeit hatte James noch nicht ahnen k\u00f6nnen, dass der deutsche Professor, wenn er das Ungl\u00fcck hat, in den Geisteswissenschaften heimisch zu sein, einmal in eine Lage geraten w\u00fcrde, die man nur als Misere bezeichnen kann. Denn es geht den Vertretern des Geistes ja nicht nur schlecht, es geht ihnen mit jedem Jahr schlechter. Der amerikanische Psychologe und Bestseller-Autor Steven Pinker (2003) wei\u00df zu diesem Thema Folgendes zu berichten. \u201e<em>Philosophie<\/em> \/immerhin die K\u00f6nigsdisziplin unter den Geisteswissenschaften\/ <em>wird nicht mehr respektiert. Viele Wissenschaftler sehen darin ein Synonym f\u00fcr kraftlose Spekulation<\/em>.\u201c Und an anderer Stelle: \u201e(Amerikanische) <em>Universit\u00e4ten investieren immer weniger in Geisteswissenschaften. Seit 1960 ist deren Anteil auf die H\u00e4lfte geschrumpft, Geh\u00e4lter und Arbeitsbedingungen stagnieren<\/em>.\u201c Wie man wei\u00df, hat sich diese Tendenz unter Donald Trump zu einem Endspurt gesteigert. Alles, was die Intelligenz dieses Mannes \u00fcberschreitet \u2013 also s\u00e4mtliches Wissen, das nicht aus dem Bauch, sondern nur aus dem Kopfe stammt &#8211; w\u00fcrde der Pr\u00e4sident am liebsten ganz verbieten. So gesehen, muss man ein gewisses Verst\u00e4ndnis auch f\u00fcr einen deutschen Professor aufbringen, wenn dieser angesichts seines auch bei uns stetig schrumpfenden Territoriums Klauen und Z\u00e4hne in Stellung bringt, um dieses vor fachfremden Eindringlingen zu bewahren.<br \/>\nEs ist l\u00e4ngst kein Geheimnis mehr. Pinker hat nicht nur recht f\u00fcr das eigene Land: der Abbau der Wissenschaften des Geistes schreitet in Deutschland ebenso voran wie in den Vereinigten Staaten. In allen modernen Volkswirtschaften befinden sich die Naturwissenschaften im siegreichen Vormarsch, w\u00e4hrend die des Geistes den R\u00fcckzug antreten. Warum, das l\u00e4sst sich auf unmittelbar einleuchtende \u00a0Art beispielsweise an dem Gegensatz von Astronomie und Astrologie erkl\u00e4ren. Die erste sagt das Naturgeschehen mutma\u00dflich bis auf Jahrmillionen richtig voraus, dagegen hat niemand bisher den Beweis zu erbringen vermocht, dass die Sterne einen Einfluss auf das Schicksal der Menschen haben. Ebenso nachweisbar ist der Erfolg von Physik und Chemie bei der Umwandlung von Entwicklungsl\u00e4ndern in Industrienationen, aber die Kunst und die verschiedenen Geisteswissenschaften, die sich mit dieser befassen, haben dazu keinen nachweisbaren Beitrag geleistet. So jedenfalls lautet das Credo, wie es heimlich oder auch in aller Offenheit, \u00fcberall auf der Welt von den sogenannten Kultur- oder Bildungsministerien vertreten wird. Kein Wunder, dass diese auf eine stete Erweiterung des naturwissenschaftlichen Unterrichts dr\u00e4ngen, w\u00e4hrend Geschichte, Literatur und die \u00fcbrigen Geisteswissenschaften zu Orchideenf\u00e4chern verk\u00fcmmern. Physik, Chemie und alle \u00fcbrigen Naturwissenschaften gelten als \u201ewahr\u201c und \u201eobjektiv\u201c, weil ihre Wirkungen mess- und errechenbar sind. Sie f\u00f6rdern den Wohlstand der Nationen in Gestalt eines zunehmend reichen Angebots an materiellen G\u00fctern. Sie dienen aber auch der Sicherheit gegen\u00fcber der Eroberungslust anderer Staaten, genau deswegen wenden diese ja einen erheblichen Teil ihres Reichtums f\u00fcr die Entwicklung immer neuer, immer t\u00f6dlicherer Waffen auf.<br \/>\nDas Reich der Kunst und der mit ihnen befassten Wissenschaften des Geistes wird dagegen als entbehrlicher Luxus relativiert, den sich ein reicher Staat zwar leisten mag, aber nicht leisten muss. Manche wollen in der Kultur sogar einen Fremdk\u00f6rper erblicken, weil sie sich so leicht f\u00fcr die Definition der jeweils eigenen nationalen Identit\u00e4t missbrauchen l\u00e4sst und dann dieselben Unterschiede und Feindseligkeiten erzeugt wie fr\u00fcher die Religionen. Einzig die Wissenschaften der Natur, so hei\u00dft es, w\u00fcrden nicht an diesem \u00dcbel kranken, denn sie sind so universal wie die Natur selbst. Es gibt keine chinesischen, deutschen, gr\u00f6nl\u00e4ndischen Naturgesetze. Aber Kunst und die darauf begr\u00fcndeten Geisteswissenschaften sind ihrem Wesen nach immer lokal. Sie beschreiben subjektive Realit\u00e4ten. Dieser grunds\u00e4tzliche Mangel an Objektivit\u00e4t sei charakteristisch f\u00fcr die Wissenschaften des Geistes.<br \/>\nWas f\u00fcr weit ausholende Behauptungen! Ich nehme an, dass der typische deutsche Germanist, zumindest wenn er zu den von James so heftig kritisierten Professoren geh\u00f6rt, von derartigen Problemen nicht einmal h\u00f6ren will. Man hat einen privaten Schutzwall um den eigenen geistigen Schrebergarten, um die eigene Spezialit\u00e4t gezogen. Man hat sich nach au\u00dfen sorgf\u00e4ltig abgeschirmt, <em>schreibt von, f\u00fcr gegen andere deutsche Germanisten<\/em>. Das muss doch wohl gen\u00fcgen!<br \/>\nNur dass man damit das eigene Fach in die Irrelevanz abschiebt! Gerade einen Gelehrten, der sich mit Georg B\u00fcchner befasst, m\u00fcsste die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Kunst und Wissenschaft doch mehr als alle anderen interessieren, denn seit der Aufkl\u00e4rung und dem Siegeszug der Naturwissenschaften stand sie f\u00fcr viele deutsche Dichter im Vordergrund. Und Georg B\u00fcchner? <em>Der wurde von ihr im eigentlichen Sinne zu Tode gequ\u00e4lt.<\/em> Am Ende seines kurzen Lebens sezierte er oft tagelang Barben, und zwar von morgens fr\u00fch bis abends sp\u00e4t, um eine (heute widerlegte) These zu beweisen \u2013 das war Wissenschaft, die er selbst als Marter bezeichnet hat. Aber B\u00fcchner wusste sich nicht anders zu helfen. Als ein zur Fahndung \u00f6ffentlich ausgeschriebener Verfolgter musste er sich vor seiner Familie, seiner Braut und der Welt als anst\u00e4ndiges Mitglied der Gesellschaft erweisen. Der Beweis der wiedererrungenen b\u00fcrgerlichen Anst\u00e4ndigkeit war f\u00fcr ihn aber nur \u00fcber die Wissenschaft m\u00f6glich, denn in der Kunst ging er einen zu revolution\u00e4ren, einen zu seinen Lebzeiten nur von wenigen verstandenen Weg. Nur zwischendurch, wenn es sich f\u00fcr wenige, meist kurze Momente ergab, griff er zur Feder &#8211; und berauschte sich an unerh\u00f6rten Gedanken und dem Zauber der Sprache. Das waren f\u00fcr ihn Momente eines fl\u00fcchtigen Gl\u00fccks.<br \/>\nDas Buch \u201e<em>Die Br\u00fcder Ludwig und Georg B\u00fcchner &#8211; Dichten und Denken, Glauben und Wissenschaft: Riss oder Vers\u00f6hnung<\/em>\u201c (auf Vorschlag des Verlags habe ich die urspr\u00fcngliche Reihenfolge \u201eGeorg und Ludwig B\u00fcchner\u201c umgestellt, damit die Suche nach \u201eGeorg B\u00fcchner\u201c erleichtert wird) ist das Werk eines Au\u00dfenseiters, der aber aufgrund seiner jahrelangen Besch\u00e4ftigung mit fremden Kulturen den Vorteil f\u00fcr sich beanspruchen darf, die zentrale Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Kunst und Wissenschaft auf eine umfassendere Art zu stellen und vielleicht auch beantworten zu k\u00f6nnen. Die Antwort steht jedenfalls im Widerspruch zur vorherrschenden Ideologie, wie sie von den sogenannten Kultur- und Bildungsministerien vertreten wird und den langsamen, aber offenbar unaufhaltsamen Abbau der Wissenschaften des Geistes zur Folge hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen Anfang des vergangenen Jahrhunderts, im Jahre 1909, als deutsche Wissenschaft sich noch ihres Weltrufs r\u00fchmen durfte, \u00e4u\u00dferte sich William James, der gro\u00dfe Amerikaner, in einer Vorlesung mit dem Titel \u201eA pluralistic Universe\u201c auf folgende wenig schmeichelhafte Art \u00fcber den deutschen Professor: \u201cIn Germany the forms are so professionalized that anybody who has gained a &hellip; <a href=\"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/germanistenschelte\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Germanistenschelte<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-9252","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9252"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9252\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}