{"id":9093,"date":"2025-07-25T10:58:06","date_gmt":"2025-07-25T08:58:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=9093"},"modified":"2025-08-13T08:49:36","modified_gmt":"2025-08-13T06:49:36","slug":"wonnewabern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wonnewabern\/","title":{"rendered":"Lasst sie Wonnewabern!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es scheint h\u00f6chste Zeit, dem Begriff des Wonnewaberns und seinen verderblichen Auswirkungen besondere Aufmerksamkeit zu widmen, zumal er zwar auf Anhieb verst\u00e4ndlich, in seinem innersten Wesen aber dennoch h\u00f6chst r\u00e4tselhaft ist. Jedermann wei\u00df, was er unter Wonne verstehen soll. Mancher w\u00fcrde auch schlicht von Entz\u00fccken sprechen. Selbst der gedr\u00fcckteste Mensch kennt Momente, wo sein Ich sich in einem Zustand der vor\u00fcbergehenden Ekstase, eben der Wonne oder des Entz\u00fcckens befindet. Nicht unbedingt muss mit solchen Momenten aber ein Wabern verkn\u00fcpft sein \u2013 ist dies aber der Fall, wie nachgewiesenerma\u00dfen beim&nbsp;<em>Motus extatico-narcissicus trumpiensis<\/em>&nbsp;&#8211; dann haben wir es m\u00f6glicherweise mit einer welthistorischen Erscheinung zu tun. Das ist der Grund, warum in unserer Zeit kein politisch denkender Mensch an dem Ph\u00e4nomen des Wonnewaberns vor\u00fcberkommt, selbst und gerade auch die Wissenschaft nicht, die sich bereits auf die ihr eigene systematische Art damit befasst und uns in diesem Sinne den soeben genannten Fachbegriff bereitgestellt hat.<\/p><!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein so bedeutendes Ph\u00e4nomen konnte auch den h\u00f6chsten Kreisen durchaus nicht verborgen bleiben, wie durch das folgende Gespr\u00e4ch bewiesen. Der Assistent ist offenbar sehr gut im Bilde. Hat er vielleicht gar seine Hand im Spiel?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In das Bewusstsein einer breiten Welt\u00f6ffentlichkeit gelangte das wonnige Wabern durch einen betagten Politkandidaten, der keine Plattform zu betreten vermag, ohne im gleichen Moment mit beiden Armen rhythmisch zu rudern, wobei seine ganze obere K\u00f6rperh\u00e4lfte in eine Art pubert\u00e4res Schwingen verf\u00e4llt. Dieses Schwingen greift alsbald in konzentrischen Kreisen auf das meist zu Tausenden anwesende Publikum \u00fcber, welches zwar \u00fcberwiegend aus Erwachsenen besteht, sich aber mit derselben Lust, ja mit offenkundiger Leidenschaft an dem kindischen K\u00f6rperschaukeln beteiligt. Aus wissenschaftlicher Sicht, die, wie Ihr wisst, meinem Verst\u00e4ndnis am n\u00e4chsten liegt, besteht die Ursache f\u00fcr diesen R\u00fcckfall in ein fr\u00fchkindliches Stadium in einem Erg\u00f6tzen, das aus der fernsten Urzeit des Menschen stammt, da es schon bei unseren n\u00e4chsten Verwandten, den Affen, zu beobachten ist. Was da im Gehirn vor sich geht, ist auch in allen Einzelheiten bekannt. Das wabernde Schwingen regt die Amygdala an, welche den ganzen davon erfassten Menschen in einen Zustand emotionaler Hochgestimmtheit versetzt. Wenn dann noch der Nucleus accumbens, angetrieben durch die Synchronie der kollektiv betriebenen Zappelei, zur Aussch\u00fcttung von Dopamin gelangt, beginnen die Augen der Wabernden aufzuleuchten, geradeso als w\u00e4ren sie von Innen her angeknipst. Die Regression auf die uralte Affenwonne bewirkt eine unbezwingliche Bereitschaft bei der kollektiv wabernden Menge, sich dem Kandidaten auf Gedeih und Verderb auszuliefern<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und?<\/em> murmelt der Alte und zieht die Schlitzaugen beinahe zu einem Strich zusammen. <em>Kokettierst du neuerdings mit Gelehrsamkeit?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie es sich f\u00fcr einen Verehrer des gro\u00dfen Konfuzius geh\u00f6rt, streicht er bei diesen Worten den kleinen spitzf\u00f6rmigen Ziegenbart. Der Assistent reagiert darauf mit beschleunigtem Redefluss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Gro\u00dfer Herr, ich bin f\u00fcr das irdische Geschehen auf meine Weise empf\u00e4nglich. Ich habe ihn immerfort vor Augen, den wabernden Kandidaten, wie er, von Bodyguards sorgsam beschirmt, wiegenden Schritts vor die Menge tanzt, ein Immobiliengott mit strohblonder Bubenfrisur. Schon zucken ihm linker und rechter Arm, schon weist er mit vorgestrecktem Zeigefinger auf eine kleine Figur in der gesichtslosen Menge, irgendeine Figur, die er mit kurzem C\u00e4sarenblick streift. Da wird die anonyme Figur von Schauern des Gl\u00fccks und der Ergebenheit durchrieselt, sinkt oft in Ohnmacht zu Boden. Die Fans und Bewunderer aber zucken alle zur gleichen Zeit, selbst jene, welche der Dunst der br\u00fcnstigen Menge gar nicht umh\u00fcllt, will sagen die vielen Gaffenden vor den Fernsehschirmen, die den Kandidaten nur aus der Ferne sehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Alte setzt ein gn\u00e4diges L\u00e4cheln auf.&nbsp;<em>Mir gef\u00e4llt deine blumige Ausdrucksweise, deine dichterische Ader hab ich schon immer gesch\u00e4tzt! Fahre fort in deinem Bericht. Ich wei\u00df, dass mein Werk immer wieder Staunen erregt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erfreut \u00fcber die gute Laune des Alten setzt der Assistent seinen Vortrag fort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wie macht er das blo\u00df? fragen die Laien, und schiere Ehrfurcht l\u00e4sst sie verstummen. Wir aber wissen, wie das Ph\u00e4nomen zustande kommt, haben wir uns doch erlaubt, in deinem Sinne etwas in die graue Substanz einzugreifen: die schleimige Masse in ihren Sch\u00e4deln. Beim gemeinsamen Wabern entz\u00fcndet sich ein Feuerwerk himmelst\u00fcrmender Gef\u00fchle. Leute, die sich eben noch hassten, m\u00f6chten einander in Br\u00fcderlichkeit umarmen. So hast du es gewollt, die Liebe, das ist dein ewiges Thema. Aber Liebe, siehst du, Liebe allein macht sie nicht gl\u00fccklich. Das hast du vor lauter Gro\u00dfmut leider ganz \u00fcbersehen. Ich, dein alter und treuer Diener, ich wei\u00df, was sie wirklich bedr\u00e4ngt. Sie wollen sich von einer schweren, einer f\u00fcr viele ganz untragbaren Last befreien, die du ihnen seit Tausenden Jahren auferlegt hast. Das gemeinsame Armezucken und Beinestrampeln hat einen Sinn: da werden die intellektuellen Lichter, die du ihnen aufgesetzt hast, vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6scht. Dem Kandidat gelingt es, sich selbst und alle Mitschwingenden von der Last zu erl\u00f6sen. Da wird alle M\u00fchsal des Denkens einschlie\u00dflich allen kritischen Fragens und Hinterfragens hinweggewabert und abgesch\u00fcttelt. Selbst die elementare Logik, die den Menschen im gew\u00f6hnlichen Leben dar\u00fcber belehrt, dass dunkel nicht hell und wahr nicht zugleich falsch sein kann, sogar dieser Rest lebensnotwendiger Intelligenz, weicht vollst\u00e4ndig aus ihren K\u00f6pfen. Auf diese Weise habe ich den Kandidaten schon ein halbes Volk zum wahren Gl\u00fcck f\u00fchren lassen, denn, siehst du, was macht gl\u00fccklicher als der Zustand einer seligen Demenz, wo das denkende Hirn allen Dienst versagt? Der strohblonde Kandidat bringt dieses Wunder in Sekundenschnelle zustande. Wo immer die Menschen wonniglich mit ihm wabern, macht er Hunderttausende Jahre einer Evolution zunichte, bei der dir, wie ich bek\u00fcmmert feststellen muss, eine Reihe von Fehlern unterlaufen ist. Alles das macht der Kandidat auf seine &#8211; auf meine &#8211; Art  wieder gut, denn nat\u00fcrlich bin ich an dem Erfolg nicht ganz unbeteiligt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Seht ihr, da f\u00e4llt mir gerade ein, dass ich schon fr\u00fcher viel Gutes geleistet habe. Ich bin doch beileibe kein Anf\u00e4nger auf diesem Gebiet. In meinen Augen ist der Kandidat eine ziemlich getreue Kopie und Reinkarnation so manchen guten Soldatenkaisers aus sp\u00e4tr\u00f6mischer Zeit, an deren Erziehung ich auch einige M\u00fche gewendet habe. Neuerlich erlebt die Menschheit die unvergleichlichen Wonnen der Dekadenz\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Alte g\u00e4hnt.<em> Ja, ja, die ewige Wiederholung des Gleichen. Beelze, h\u00f6r auf! Mir brauchst Du keinen Geschichtsunterricht zu erteilen. Im Grunde bist Du auch nur so ein Barbar aus dem Westen. Du bist die Kraft, die stets das Gute will und meist das B\u00f6se schafft.<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Assistent setzt ein einschmeichelndes Grinsen auf. N<em>un ja, man tut, was man kann<\/em>, entgegnet er und blickt dabei auf seine bekrallten Zehenspitzen hinunter und auf das linke seit unvorstellbaren Zeiten lahme Bein. Er strafft aber doch selbstbewusst seinen R\u00fccken. Dann f\u00fcgt er mit leiser Stimme hinzu:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Seit neuestem blicken sie uns in die Karten. Wir haben es sogar mit einer ernsthaften Konkurrenz zu tun. Der erleuchtete Teil der humanen Spezies besinnt sich auf seine Gott\u00e4hnlichkeit, die wollen dich und mich an Allwissenheit sogar \u00fcbertreffen. \u201eWissenschaftler\u201c nennen sich diese anma\u00dfenden Leute und sind uns eng auf den Fersen. Der Reihe nach decken sie unsere verborgensten R\u00e4tsel, unsere heiligsten Geheimnisse auf. Nat\u00fcrlich haben sie sich l\u00e4ngst mit dem Wonnewabern in abstracto und an und f\u00fcr sich befasst, auch mit seiner speziellen Variante, dem&nbsp;Motus extatico-narcissicus trumpiensis. Aber diese Sp\u00fcrhunde gehen noch weiter und gleich in medias res. Was sei der biologische Sinn der h\u00f6chsten Form menschlichen Waberns, fragen sie, der Sinn des Liebeswaberns, welches in der physischen Vereinigung zweier Menschen besteht? Diesen Akt hast du in deiner unermesslichen Weisheit bekanntlich ganz unter die machtvolle Regie von Wonne und Erg\u00f6tzen gestellt. Warum? Das wollen diese G\u00f6tzendiener des Wissens unbedingt bis ins Letzte erkunden und haben das R\u00e4tsel, das wir bis dahin vor ihren Augen verbargen, auch beinahe gel\u00f6st. Wonne und Erg\u00f6tzen, so sagen sie, sollen das Denken ausl\u00f6schen, sollen es v\u00f6llig vernichten, damit niemand im Akt der Vereinigung an all die Tr\u00fcbsal, die zahllosen schwarzen Tage und das unermessliche Ungl\u00fcck denkt, welche das Produkt ihres Eifers mit Sicherheit k\u00fcnftig erfahren wird. Geht es um die biologische Vermehrung der Spezies, dann wird, so dein Befehl, die Vernunft ganz ausgeschaltet, kleinliche Bedenken, kritisches Fragen und Hinterfragen sind absolut erw\u00fcnscht. Das haben die G\u00f6tzendiener des Wissens begriffen und gleich noch einen Schritt weitergedacht: k\u00f6nne, ja, m\u00fcsse man daraus nicht folgern, dass Vernunft und Denken \u00fcberhaupt die Ursache allen Unheils sind? Warum dreht man zum Beispiel in den Discos die Lautsprecher zu ohrenbet\u00e4ubender Lautst\u00e4rke auf? Richtig, das laute Bumbumbums soll Vernunft und Denken schon im Keime ersticken. Von einem un\u00fcberwindlichen Drang nach Vermehrung getrieben, sollen die erhitzten Leiber sich dem Teufel selbst in die Arme werfen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfui!<\/em> unterbricht ihn der Alte. <em>Es geht hier nicht um deinen pers\u00f6nlichen Sexappeal. Ich lasse dir freie Hand, aber nur solange du unser g\u00f6ttliches Unternehmen diensteifrig f\u00f6rderst und ein Stachel im Fleisch der Lauen und Schlaffen bist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und da will ich auch gern meinen Beitrag leisten<\/em>, beeilt sich der Assistent zu versichern und deutet ein gehorsames Nicken an, aber wieder denkt er sich seinen Teil. <em>Seit er Schlitzaugen hat, der Alte, gibt es hier keine Ruhe mehr. Alles muss so viel schneller gehen. Sogar f\u00fcr einen wie mich wird es ungem\u00fctlich.<\/em> Dennoch setzt er seinen Bericht mit gleichm\u00fctiger Stimme fort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wir haben nicht wenig Kraft daf\u00fcr aufgewendet, den Menschen der Neuen Welt das Denken auszutreiben. Beim Kandidaten selbst ist uns das jetzt auch schon vollst\u00e4ndig gelungen. Der ist nun aber seinerseits zum Vorbild der ganzen Welt geworden. Im eigenen Land hat jeder zweite schon dieselbe Hirnw\u00e4sche absolviert. Seitdem leben sie dort in Schauern der Wonne, da Vernunft und Denken sie nicht l\u00e4nger bel\u00e4stigen und bedrohen. In ihrem seligen Zustand erscheint ihnen krumm wie gerade und gerade wie krumm. Den Gegensatz von L\u00fcge und Wahrheit nehmen sie als Mysterium wahr: undurchdringlich und unerforschlich. Der Kandidat aber zelebriert mit ihnen regelm\u00e4\u00dfig die gemeinsame Messe \u2013 die kleine Satansmesse, wo ich im Hintergrund das Ritual vorgebe. Sein ausgestreckter Zeigefinger, der soll den Gl\u00e4ubigen mitten ins Herz hinein zielen. Dann schlingen sie den Schauer wie eine Hostie in sich hinein. Und wenn alle zusammen schreien: du bist der Gr\u00f6\u00dfte, der Einzige, wir sind die Gr\u00f6\u00dften, die Einzigen und dabei unisono wiegen und wabern, dann erleben sie die finale Absolution.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und doch sind sie selbst damit noch nicht zufrieden. Das allein bedeutet f\u00fcr den Kandidaten und die Schar der Gl\u00e4ubigen noch nicht das endg\u00fcltige Gl\u00fcck. Denn leider sind deine Gesch\u00f6pfe so beschaffen, dass ihnen selbst die h\u00f6chste tierische Wonne auf Dauer schal und abgestanden erscheint, wenn man sie nicht mit giftigen Emotionen w\u00fcrzt, sprich mit der Hefe unvers\u00f6hnlichen Hasses. Deswegen habe ich ihnen eingefl\u00fcstert, der Mond sei in Wahrheit ein Monster, gefr\u00e4\u00dfig und p\u00e4dophil, ein Ungeheuer, das von den Gegnern des Kandidaten aufgehetzt, nachts in ihre H\u00e4user schleicht, um Neugeborene zu fressen. Das Feuer des Hasses habe ich ihnen in ihre Hirne geblasen, und siehe, nun z\u00fcngeln die Flammen des Irrsinns aus ihren K\u00f6pfen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und dennoch gebe ich mit aufrechter Zerknirschung zu Protokoll, dass wir erst am Anfang unseres gro\u00dfen Bem\u00fchens stehen. Nach wie vor qu\u00e4lt und bedroht Vernunft die animalische Lebenslust. Der Kandidat hat in Wahrheit erst einen Teilsieg errungen. Immer noch verlangt ein Konzern von dem besch\u00e4ftigten Personal, dass sie den Erfolg des Unternehmens in n\u00fcchterne Zahlen fassen, nachdem sie ihr Denken und manchmal selbst die Vernunft zum Einsatz brachten. Vorerst hat der Kandidat noch nicht erreicht, dass das Zappeln von Armen und Beinen sich auch der Unternehmen bem\u00e4chtigt  und diese auf alle Zahlen verzichten und sich wabernd als die Gr\u00f6\u00dften und Einzigen deklarieren. Noch ist es nicht so weit, dass die Wissenschaftler und Forscher bei Ford, IBM oder Harvard ihre Tabellen t\u00e4nzerisch schwenken, und die Formeln allein aus dem Bauch statt wie bisher aus dem Kopfe sch\u00f6pfen. Noch gibt es Leute der alten Schule, welche krumm von gerade und wahr von falsch unterscheiden. Ich gebe zu, dass gerade in Wirtschaft und Wissenschaft einige hartn\u00e4ckige Anh\u00e4nger der Tradition \u00fcberleben. Aber du wei\u00dft, allm\u00e4chtiger Herr, dass ich mein Bestes gebe, wenn es darum geht, deine W\u00fcnsche zu respektieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Alte ist beinahe eingeschlafen. <em>Ja, ja<\/em>, murmelt er, v<em>ergiss nicht, mein Wunsch ist dein Befehl<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Einen beachtlichen Anfangserfolg wirst du mir dabei nicht absprechen k\u00f6nnen. Die lebende Inkarnation des Kapitalismus, eine wandelnde Dollarnote unter den Milliard\u00e4ren, habe ich schon beinahe ganz auf meine Seite gebracht. Nur fl\u00fcchtig wurde er von meinem hei\u00dfen Atem ber\u00fchrt, da schoss ihm gleich der Wahnsinn wie ein blendendes Feuerwerk aus dem Sch\u00e4del. Ich wei\u00df, sein Anblick hat selbst dich zum Lachen gebracht, obwohl der leichtfertige Frohsinn nicht deine Sache ist, aber der Mann ist ja auch gar zu komisch \u2013 ich bringe es gern f\u00fcr dich auf den Punkt: er ist geradezu teuflisch komisch. Da steht er ganz vorn auf der B\u00fchne, gleich neben dem Kandidaten, den er unbedingt \u00fcbertrumpfen will. So ahmt er dessen eigentliche Spezialit\u00e4t, das Wabern, nach, indem er beide Arme unbeherrscht in die H\u00f6he wirft und dazu einen rauen Urschrei aus seiner Kehle st\u00f6\u00dft. Seht doch, ich kann es noch viel besser, das soll seine Botschaft sein, aber es ist nur komisch und irgendwie peinlich \u2013 eine Mischung, die bekanntlich direkt auf die Lachmuskeln wirkt. Niemand folgt dem Gezappel, weil alle merken, dass da die Wonne fehlt. So greift denn auch keine Welle, keine Begeisterung \u00fcber. Alle merken, alle sp\u00fcren es. Anders als sein Vorbild, der Kandidat, hat der Mann die B\u00fcrde des Denkens, den Rest an Vernunft, nicht v\u00f6llig abgesch\u00fcttelt. Da bleibt ein unappetitlicher Rest, und der macht alles zur Kasperei: spitz, eckig, schlaksig &#8211; wie bei einem Clown. Bitte, daran kannst du erkennen, wie unerl\u00e4sslich meine t\u00e4tige Nachhilfe ist. Ich muss mich noch etwas um ihn k\u00fcmmern, aber zweifellos ist der Mann auf dem richtigen Weg. Schon gr\u00fcndet er eine Partei \u2013 ein verl\u00e4ssliches Zeichen! Ich werde ihm den Kopf in kurzer Zeit noch v\u00f6llig verdunkeln\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Alte nickt sein Einverst\u00e4ndnis. <em>Tu nur, wie innerer Antrieb dir gebietet. Von allen Geistern, die verneinen, ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Zu euren Diensten. Wir sind auch sonst recht nahe schon am Ziel, auch wenn es, wie ich sagte, noch  unbelehrbar-hartn\u00e4ckige Vertreter von sogenanntem Anstand, Wahrheit und Gerechtigkeit gibt. Nicht wenige davon an den \u00f6ffentlichen Lehrst\u00e4tten des von ihm so gehassten und ge\u00e4chteten Geistes. Da muss etwas geschehen, hat sich der Kandidat vorgenommen und einen pers\u00f6nlichen Feld- und Rachezug gegen die alt-ehrw\u00fcrdigen Institutionen des Landes begonnen. Die Aufrichtigen jagt er aus ihren \u00c4mtern, hetzt das gesunde Volksempfinden gegen die \u201eEierk\u00f6pfe\u201c in den Universit\u00e4ten auf. Haben sie ihn nicht daf\u00fcr gew\u00e4hlt, damit er aufr\u00e4umt im Land und in der \u00fcbrigen Welt? Jetzt ist er mit ihren Stimmen der Gr\u00f6\u00dfte im Erdenrund, jetzt m\u00fcssen sie vor ihm kriechen. Jeder soll wissen, dass selbst Alexander, Napoleon, Mutter Teresa und die Engel des Friedens nichts sind vor einem Mann, der von ganz oben verk\u00fcndet, das Wahr von jetzt an Falsch hei\u00dfen wird und Falsch die neue Wahrheit ist. Das ist Gesetz, und jeder, der sich dagegenstellt, soll wissen, dass man ihn als einen Kriminellen verfolgt<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum ersten Mal horcht der Alte auf, streicht sich \u00fcber den sch\u00fctteren Ziegenbart<em>.<\/em> <em>Du behauptest, er will meine Stelle usurpieren?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Assistant nickt voller Beflissenheit&nbsp;und kann ein feines L\u00e4cheln nicht unterdr\u00fccken. Endlich ist auch er an sein&nbsp;Ziel gelangt. Nat\u00fcrlich hat er die Frage des Alten bewusst provoziert, den schlitz\u00e4ugigen Herrn der Welt mit seinem Bericht von Anfang an darauf hingelenkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und das Schlimmste: sie glauben ihm. Von weither str\u00f6men sie in die Satansmesse, um sich gehorsam und feierlich von allem loszusagen, was bis dahin dem Homo das Pr\u00e4dikat \u00bbsapiens&#8220; bescherte. Erst wenn im Hirn des Kandidaten alles Synapsenfeuer vollst\u00e4ndig erloschen ist und nur noch drei Gedanken \u00fcbrigbleiben, die in Wahrheit nur ein einziger sind: Ich war der Gr\u00f6\u00dfte, Ich bin der Gr\u00f6\u00dfte, Ich werde immer und ewig der Gr\u00f6\u00dfte sein &#8211; erst wenn diese erl\u00f6sende Gewissheit schlie\u00dflich alle gleicherma\u00dfen beseelt, erteilt er sich selbst und den Gl\u00e4ubigen die Absolution. Dann wiegen sie sich und wabern und mit leuchtenden Augen rufen sie: Credimus, credimus quia absurdum est.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Allm\u00e4chtiger Herr, selbst die Wissenschaft kriecht schon vor ihm zu Kreuze, bald haben wir gewonnenes Spiel. Bereite dich auf ein k\u00f6stliches Endzeitspektakel vor. Besinnungslos werden sie in den Abgrund taumeln, aber in wabernder Wonne &#8211; ganz wie du es den westlichen Barbaren verhei\u00dft. Denn du erf\u00fcllst nur, was seit langem geschrieben steht. Die Ersten sollen die letzten sein, aber die Letzten die ersten<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es scheint h\u00f6chste Zeit, dem Begriff des Wonnewaberns und seinen verderblichen Auswirkungen besondere Aufmerksamkeit zu widmen, zumal er zwar auf Anhieb verst\u00e4ndlich, in seinem innersten Wesen aber dennoch h\u00f6chst r\u00e4tselhaft ist. Jedermann wei\u00df, was er unter Wonne verstehen soll. Mancher w\u00fcrde auch schlicht von Entz\u00fccken sprechen. 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