{"id":7554,"date":"2023-01-03T12:43:10","date_gmt":"2023-01-03T11:43:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=7554"},"modified":"2023-02-23T12:28:05","modified_gmt":"2023-02-23T11:28:05","slug":"die-welt-des-21-jahrhunderts-zerbrechlich-oder-bereits-zerbrochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/die-welt-des-21-jahrhunderts-zerbrechlich-oder-bereits-zerbrochen\/","title":{"rendered":"Die Zerbrechlichkeit der Welt"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Anmerkungen zu einem gleichnamigen Buch von Stefan Thurner<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil I \u2013 vier Typen von Sachbuchautoren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor des Buches ist Spezialist f\u00fcr komplexe Netzwerke, die er an der Medizinischen Universit\u00e4t Wien mit Hilfe von Big Data analysiert. Ich erlaube mir in dieser Einf\u00fchrung, den Autor selbst zun\u00e4chst einmal als Teil eines komplexen Netzwerkes zu sehen, in das er eingebunden, man darf wohl auch sagen, indem er gefangen ist \u2013 so wie jeder andere Sachbuchautor auch.<!--more--> Dieses Netzwerk besteht aus einer Triade: erstens, aus der zu beschreibenden Sache, n\u00e4mlich der Gesamtheit der uns heute bedrohenden Krisen; zweitens, dem Autor und drittens, dem Publikum \u2013 dadurch gewinnt das Verh\u00e4ltnis die ihm eigene Komplexit\u00e4t. Denn dessen dritte S\u00e4ule, das Publikum, entscheidet letztlich dar\u00fcber, ob Gedanken \u00fcberhaupt die Chance besitzen, an eine breitere \u00d6ffentlichkeit zu gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von dieser komplexen Triade<\/strong>&nbsp;&#8211; Welt, Autor und Publikum &#8211; ist zwar in Thurners Buch keine Rede, aber es scheint mir angemessen und seiner Theorie zu entsprechen, wenn man sie zum Ausgangspunkt aller weiteren \u00dcberlegungen macht. Denn diese Trinit\u00e4t bringt vier m\u00f6gliche Typen von Autoren hervor. Erstens,&nbsp;<em>den konsequenten Schwarzmaler<\/em>, dessen Erfolgschancen beim gro\u00dfen Publikum nahezu null sind; zweitens,&nbsp;<em>den Krisenleugner<\/em>; drittens,&nbsp;<em>den Publikumsschmeichler<\/em>&nbsp;und, viertens,&nbsp;<em>den Fachmann als Retter in der Not<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Der Schwarzmaler<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir an, dass unsere Welt nicht nur zerbrechlich sei, sondern bereits zerbrochen w\u00e4re, weil sie aufgrund unserer \u00f6konomisch bewirkten Umweltzerst\u00f6rung und milit\u00e4rischen Aufr\u00fcstung auf keine Zukunft mehr hoffen darf. Ein Autor, der eine solche Erkenntnis ohne Wenn und Aber formuliert und keine m\u00f6gliche Rettung in Aussicht stellt, w\u00fcrde von jedem Verlag als unverk\u00e4uflicher Schwarzmaler abgelehnt werden. Verlage und Agenturen wissen ziemlich genau, was die Menschen lesen und was sie nicht lesen wollen. Die Frage, ob der Autor m\u00f6glicherweise mit seinem Pessimismus im Recht ist, spielt aus ihrer Sicht keine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich kenne nur ein einziges Buch<\/strong>, das eine derartig niederschmetternde Analyse wagte und dennoch nicht nur gedruckt worden ist sondern f\u00fcr kurze Zeit sogar erstaunliche Verbreitung fand. Es ist das Buch eines damals in Deutschland sehr bekannten, ja ber\u00fchmten Mannes, den viele f\u00fcr seine Klugheit, sein enzyklop\u00e4disches Wissen, seine Beredsamkeit und nicht zuletzt wegen seines keineswegs wissenschaftlich d\u00fcrren sondern im Gegenteil sch\u00f6nen Deutsches bewunderten. Der Autor hei\u00dft Hoimar von Ditfurth und sein Buch tr\u00e4gt den Titel \u201eSo lasst uns denn ein Apfelb\u00e4umchen pflanzen \u2013 es ist soweit\u201c. Im Nachhinein darf wohl behauptet werden, dass es einzig und allein der \u2013 damalige! \u2013 Ruhm und Ruf des Autors waren, der die Ver\u00f6ffentlichung dieses Weltuntergangsbuches erm\u00f6glichte. Von Ditfurth sah die Welt unfehlbar in den Abgrund schlittern \u2013 und zwar bereits vor achtunddrei\u00dfig Jahren (1985), als die heutigen Multikrisen sich gerade erst abzuzeichnen begannen. Sieht man einmal vom Waldsterben ab, so wurden die erdr\u00fcckenden Befunde des Autors bis heute nicht widerlegt, aber mit seinem Ruhm war es nach diesem Buch sehr schnell vorbei. Da war ein hervorragend informierter Bewunderer von Technik und Wissenschaft pl\u00f6tzlich vom Paulus erneut zu einem Saulus geworden, denn das Fazit seines Buches war eindeutig und lie\u00df keinen Appell und keinen Ausweg zu: Wissenschaft und Technik h\u00e4tten ihre Versprechen nicht erf\u00fcllt, lautete die Diagnose des Autors. Sie k\u00f6nnen nicht l\u00e4nger als Heilsbotschaften gelten, weil sie die Menschheit statt ins Paradies direkt und unwiderruflich in den Untergang f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dieses Buch&nbsp;<\/strong>eines im Alter kompromisslosen Pessimisten war und blieb eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Publikationslandschaft. Selbst Katastrophenfilme, die sich heute einer gewissen Beliebtheit erfreuen, lassen doch immer noch einen Ausweg offen. Irgendwo im intergalaktischen Raum, wenn nicht gar auf dem uns naheliegenden Mars, gelingt es einer kleinen Zahl von Versprengten ein neues Virginia zu gr\u00fcnden \u2013 die Menschheitsgeschichte beginnt sozusagen wieder von vorn und der Zuschauer verl\u00e4sst das Kino mit einem Aufatmen und trotz allem getr\u00f6stet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Der Krisenleugner<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>steht auf der andere Seite und kann, wenn er seinen Standpunkt auch nur halbwegs plausibel vertritt, stets auf gro\u00dfen Beifall beim Publikum hoffen &#8211; ganz besonders nat\u00fcrlich auch bei der Industrie und anderen Krisenverantwortlichen. Jeder Autor, der halbwegs glaubw\u00fcrdig argumentiert, dass es in Wahrheit gar keine Krise gebe, weil das heutige Leben bedeutend sicherer, ges\u00fcnder und die Zukunft weit weniger gef\u00e4hrdet sei als je zuvor in der menschlichen Geschichte, darf sich einen weltweiten Erfolg erhoffen, denn genau diese frohe Botschaft m\u00f6chten die meisten Menschen und Politiker h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Paradebeispiel<\/strong>&nbsp;f\u00fcr diese Leugnung liefert Steven Pinker, zweifellos einer der intelligentesten zeitgen\u00f6ssischen Autoren, der das Evangelium einer am Ende immer siegreichen und letztlich unfehlbaren Technik und Wissenschaft gegen jeden Einspruch mit unzweifelhafter Brillanz verteidigt. Auf den meisten Gebieten, \u00fcber die er sich souver\u00e4n verbreitet, ist Pinker zwar Laie &#8211; Spezialist nur als ausgebildeter Sprachwissenschaftler -, aber das tut seiner Wirkung durchaus keinen Abbruch. Er kommt dem elementaren Bed\u00fcrfnis des gro\u00dfen Publikums entgegen, die Welt in eine rosa Hoffnungsaura zu h\u00fcllen. Das allein w\u00fcrde seinen weltweiten Erfolg allerdings nicht erkl\u00e4ren, denn auch Esoteriker und andere Spinner wirken in diesem Sinne. Pinkers eigentliche St\u00e4rke und Wirkung liegt darin, dass er ohne Vorbehalte auf Seiten der Aufkl\u00e4rung steht und die Menschheit in ihrem zweihundertj\u00e4hrigen Glauben an den best\u00e4ndigen und unaufhaltsamen Fortschritt durch Wissenschaft und Technik best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Der Publikumsschmeichler<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Krisenleugner haben es freilich schwer, sobald die Sache selbst \u2013 in unserem Fall die krisengesch\u00fcttelte Wirklichkeit \u2013 sich aller Sch\u00f6nf\u00e4rberei zunehmend verweigert. Die Polkappen schmelzen, Kalifornien und Teile Australiens werden von Feuerst\u00fcrmen verheert, immer gr\u00f6\u00dfere Teile Afrikas verdorren und St\u00fcrme von nie erlebter Gewalt machen die Auswirkungen der Klimakrise auch den hartn\u00e4ckigsten Leugnern sichtbar. Da gelingt es am Ende nur noch unter gewaltsamer Verdrehung der Fakten, die Zukunft weiterhin auf Goldgrund zu malen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Publikumsschmeichler<\/strong>&nbsp;geht raffinierter vor. Er findet immer bewundernde Leser, nicht selten sogar millionenfach. Ein Autor braucht uns nur \u00fcberzeugend einzureden, dass wir in unseren Sch\u00f6pfungen gott\u00e4hnliche Leistungen vollbringen, und schon erschauern wir in stiller Ehrfurcht vor uns selber. Yuval Noah Harari ist ein Meister in der Kunst, uns in einen Rausch der Selbstbewunderung zu versetzen. Es gibt Kritiker, die seine Beschw\u00f6rungen als Schaumschl\u00e4gerei abtun und ihn der Oberfl\u00e4chlichkeit zeihen.<a id=\"Kopf1\"><\/a><a style=\"color: blue;\" href=\"#Fuss1\">*1*<\/a> Doch seiner Beliebtheit tut das durchaus keinen Abbruch. Denn der Rausch h\u00e4lt selbst dann noch an, wenn Harari die gro\u00dfen Probleme beim Namen nennt. In seiner Perspektive bleibt die Aufkl\u00e4rung, was sie von Anfang an zu sein behauptete, eine Erl\u00f6sungslehre und Apotheose, welche die Menschen zu G\u00f6ttern macht. Es ist diese Selbststeigerung des Homo scientificus zu einem g\u00f6ttlichen Wesen &#8211; Homo Deus -, die ihren Heiligenschein auch noch auf den profanen Leser wirft. Ebenso wie Pinker spricht Harari fast nirgendwo als Fachmann \u2013 er war urspr\u00fcnglich Historiker f\u00fcr das Milit\u00e4rwesen in der Renaissance -, dennoch hat er es fertiggebracht, die Rolle eines amtierenden Oberpriesters f\u00fcr das wissenschaftliche Zeitalter zu besetzen. Souver\u00e4n redet er \u00fcber schlechthin alles \u2013 \u00fcber M\u00fccken wie Elefanten -, und die Welt lauscht gebannt seinen Worten, weil Harari uns im Namen der Aufkl\u00e4rung Absolution erteilt, solange wir nur so inbr\u00fcnstig wie er an die erl\u00f6sende Kraft der Wissenschaften und des Fortschritts glauben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Der Fachmann als Retter in der Not<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu den Krisenleugnern und Publikumsschmeichlern haben wir es bei Thurner mit einem echten und vergleichsweise bescheidenen Fachmann zu tun, der uns \u00fcber einen Forschungsbereich informiert, in dem er selbst in einer renommierten Institution, der Universit\u00e4t, t\u00e4tig ist. Dieser Umstand macht ihn f\u00fcr einen Verlag von vornherein interessant, weil der pr\u00fcfende Lektor das vorgebrachte Wissen nicht zu kontrollieren braucht; die zust\u00e4ndige Institution garantiert f\u00fcr die Seriosit\u00e4t des Autors.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Doch Fachwissen allein<\/strong>&nbsp;gen\u00fcgt nicht, um einen Sachbuchautor f\u00fcr einen Verlag interessant zu machen. Sind seine Ansichten zu abgehoben, abstrakt-theoretisch oder fallen sie gar zu pessimistisch aus, dann wird der Autor mit seinen Gedanken nie \u00fcber wissenschaftliche Fachzeitschriften und eine Handvoll interessierter Experten hinausgelangen \u2013 das \u00fcbliche Los der Mehrzahl aller Wissenschaftler. Zum Erfolgsrezept bei einem breiteren Publikum geh\u00f6ren eine eing\u00e4ngig geschriebene Analyse und Diagnose der bestehenden Probleme. Beide d\u00fcrfen ohne weiteres in aller Sch\u00e4rfe erfolgen, vorausgesetzt, dass sie den Leser am Ende mit Hoffnung beschwichtigen &#8211; m\u00f6glichst aufgrund einer neuen und \u00fcberraschenden Therapie. Nach diesem bew\u00e4hrten Schema arbeiten nahezu alle bekannten Sachbuchautoren. Auf Anhieb denke ich da z.B. an Erich Fromm (Psychoanalyse), Fritjof Capra und Hans-Peter D\u00fcrr (Physik), Ernst F. Schumacher, Herman Daly, Acemoglu (Wirtschaft) sowie McGilchrist (Neurologie). Es ist verst\u00e4ndlich, dass uns jeder dieser Autoren eine Rettung aufgrund der jeweils von ihm vorgeschlagenen Botschaft verspricht. Die Rettung kann in einer grundlegenden Bewusstseins\u00e4nderung bestehen. Das gilt von Sachbuchautoren wie Fromm, Capra, D\u00fcrr oder neuerdings von McGilchrist. Dagegen fordern Autoren wie Schumacher, Daly, Acemoglu aber auch Thurner bestimmte gezielte Eingriff in die bestehenden Institutionen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zweifellos tragen Erkenntnisse<\/strong>&nbsp;auf allen Gebieten der Forschung auf je eigene Art dazu bei, dass Gesellschaften einen Teil der auf sie zukommenden Probleme bew\u00e4ltigen. In diesem Sinne dokumentieren die vorgeschlagenen therapeutischen Eingriffe und Reformen in aller Regel einen realen Fortschritt der theoretischen und manchmal auch der angewandten Erkenntnis. Aber ich wage zu behaupten, dass sich im R\u00fcckblick auf alle vergangenen Vorschl\u00e4ge eine weitere Einsicht ebenso generalisieren l\u00e4sst, n\u00e4mlich die, dass s\u00e4mtliche Versprechungen und Hoffnungen das Ma\u00df des dann tats\u00e4chlich Erreichten und mehr noch \u2013 des tats\u00e4chlich Erreichbaren \u2013 weit \u00fcberschritten. Diese Vorschl\u00e4ge erweckten in uns die Hoffnung, dass wir nur einige Stellschrauben in unserem Gehirn oder in unseren Institutionen verdrehen m\u00fcssten: das w\u00fcrde dann schon gen\u00fcgen, um die Krisen zu bemeistern und die Entwicklung in eine radikal andere Richtung zu lenken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Buch von Stefan Thurner<\/strong>&nbsp;ist insofern typisch f\u00fcr die Gattung des Fachmanns als Retter aus der Not als der Autor genau in diese Kerbe schl\u00e4gt. Andererseits zeichnet sich der Verfasser durch ein hohes Ma\u00df an Ehrlichkeit aus. Zwar verspricht er dem Leser schon auf den ersten Seiten, dass die Analyse von Big Data innerhalb komplexer Netzwerke uns dazu verhelfen w\u00fcrde, krisenhafte Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und sie durch sinnvolle Steuerung zu beherrschen. Wir gewinnen den Eindruck, dass uns Forschung und Technik endlich ein Instrument in die H\u00e4nde geben, um die unerw\u00fcnschten Auswirkungen unserer finanztechnischen, \u00f6konomischen, sozialen und politischen Ma\u00dfnahmen von vornherein zu erkennen und dann auch einzud\u00e4mmen. Thurner bleibt also der Grundlinie treu, dass die durch Technik und Wissenschaften verursachten Probleme nur durch den Einsatz von noch mehr Technik und Wissenschaft zu l\u00f6sen seien. Diese Art der Hom\u00f6opathie \u2013 die Methode, Gleiches mit Gleichem zu bek\u00e4mpfen \u2013 versteht sich seit mehr als zweihundert Jahren unter nahezu allen Wissenschaftlern von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber eines macht Thurner<\/strong>&nbsp;besonders sympathisch. Er unterschl\u00e4gt die zahlreichen und gewichtigen Einw\u00e4nde und Bedenken nicht, die sich einem kritischen Leser dabei zwangsl\u00e4ufig aufdr\u00e4ngen. Meinerseits m\u00f6chte ich versuchen, diese Einw\u00e4nde zu verallgemeinern. Alle unsere tats\u00e4chlichen Fortschritte in der Beherrschung der Natur lassen sich darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass sich Letztere berechenbar verh\u00e4lt \u2013 innerhalb gewisser Grenzen zumindest. Ein Elektrizit\u00e4tswerk oder ein Handy funktionieren genau deshalb, weil sie berechenbare Maschinen sind, so wie auch die spektakul\u00e4ren Fortschritte der Medizin nur dadurch erkl\u00e4rbar werden, dass selbst der Mensch bis zu einem gewissen Grade eine Maschine ist, deren defekte Teile wir erkennen, reparieren oder &#8211; teilweise &#8211; sogar ersetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Doch so spektakul\u00e4r<\/strong> auch die Erfolge, die wir auf diese Weise erzielen, die Grenzen dieses Fortschritts sind ebenso klar erkennbar. Die Beherrschung der Kernspaltung in einem Atomkraftwerk funktioniert beispielsweise nur so lange wie Letzteres ein geschlossenes System darstellt. Wenn ein Erdbeben wie in Fukushima oder unsachgem\u00e4\u00dfe Eingriffe wie in Tschernobyl es in ein offenes System verwandeln, wird es f\u00fcr uns schlagartig unberechenbar und wir verlieren die Kontrolle. F\u00fcr den kritischen Leser legt das Buch von Stefan Thurner diese Grenzen nicht weniger offenkundig blo\u00df. Die Verhei\u00dfung der Herrschaft \u00fcber komplexe Systeme gilt nur f\u00fcr geschlossene Systeme &#8211; und auch da nur bei starker Vereinfachung. Denn die uns umgebenden \u00f6konomischen, sozialen und politischen Systeme sind nie ganz geschlossen; dort wo sie offen sind, entziehen sie sich der Berechenbarkeit und der darauf beruhenden Beherrschung. Gerade das Buch von Stefan Thurner belegt, dass Big Data weit mehr Probleme erzeugt als beseitigt (Zitate des Buches gebe ich im Folgenden in Kursivschrift wieder).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil II \u2013 das Pardus-Universum bei Stefan Thurner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf die M\u00f6glichkeiten der Analyse komplexer Netzwerke wurde der Autor durch die Dissertation eines Studenten aufmerksam, welche aus einem Computerspiel namens Pardus bestand: einem Spiel, das die Wirklichkeit m\u00f6glichst detailgetreu abbildet, indem es die Spieler wie im wirklichen Leben agieren l\u00e4sst. Der Unterschied: jede einzelne Aktion jedes einzelnen Spielers wird protokolliert. <em>Die Sch\u00f6pfer des Pardus-Universums wussten, wer in welcher Sekunde wo war, wer sich wie verhielt, wer sich wie mit anderen verband, wer wie mit Geld umging, wer in welcher Situation wie reagierte, wer wem etwas schenkte und wer wem etwas stahl oder sonst etwas B\u00f6ses tat. Sie wussten tats\u00e4chlich alles \u00fcber jeden und jede.<\/em> Der Spielleiter ist also in jeder Entwicklungsphase der imitierten Wirklichkeit genau informiert, in welche Richtung sich das Netzwerk bewegt. Anders gesagt, ist der Spielleiter, was Gott einmal war, n\u00e4mlich ein h\u00f6heres Wesen, das jeden Gedanken und jede Handlung seiner Gesch\u00f6pfe kennt. Der Spielleiter kann daher auch widerspr\u00fcchliche Tendenzen erkennen, bevor diese soziale, finanzielle oder \u00f6konomische Spannungen ausl\u00f6sen. Da Netzwerke komplexe Strukturen sind, in denen Fehlentwicklungen sich zu Kipp-Punkten aufschaukeln k\u00f6nnen, die am Ende den Kollaps des Systems bewirken, scheint der prognostische Wert solcher \u00dcberwachungssysteme auf der Hand zu liegen. Das ist denn auch die positive Vision, welche uns der Autor auf vielen Seiten seines Buches immer wieder vor Augen h\u00e4lt:&nbsp;<em>Das Pardus-Universum beweist, dass die Komplexit\u00e4t in sozialen Systemen beherrschbar sein kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im \u00fcbrigen<\/strong>&nbsp;l\u00e4sst Stefan Thurner auch keinen Zweifel daran, dass Pardus in der Realit\u00e4t bereits erfolgreich angewandt wird, allerdings f\u00fcr Zwecke, die erwiesenerma\u00dfen wenig lobenswert sind.&nbsp;<em>Die globalen Datenmonopolisten umfassen die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, n\u00e4mlich Unternehmen wie Amazon, Google, Microsoft, Facebook sowie Geheimdienste und Cyberabteilungen in den Verteidigungsministerien dieser Welt. Sie besitzen Nutzer-Daten in ungeheurem Ausma\u00df und lassen im Normalfall niemanden anderen wissen, welche Informationen \u00fcber wen bekannt sind und wie diese genutzt werden<\/em>. Und sein verst\u00e4ndliches Fazit:&nbsp;<em>Eine vollst\u00e4ndige digitale Kopie des Planeten, vergleichbar mit der der Pardus-Welt, birgt\u2026 riesige Gefahren f\u00fcr massive Manipulation.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erstaunlich&nbsp;<\/strong>finde ich allerdings, dass in dieser Auflistung einer sch\u00f6nen neuen Welt, in der jede Handlung des B\u00fcrgers und \u2013 wenn m\u00f6glich \u2013 auch noch jeder seiner Gedanken von einem Superhirn registriert wird, das offensichtlichste Beispiel fehlt. In der Volksrepublik China wird Pardus gegenw\u00e4rtig an einem F\u00fcnftel der Menschheit exekutiert \u2013 und zwar nach genau den Vorgaben, die der Informationswissenschaftler Stefan Thurner zu seinem wissenschaftlichen Ziel deklariert.&nbsp;<em>Pardus ist die erste Welt mit einer vollst\u00e4ndigen digitalen Kopie. Alles, die gesamte Geschichte des Pardus-Universums, ist mitgeschrieben \u2013 bis ins kleinste Detail. Jede Bewegung, jede Handlung, jede Ver\u00e4nderung, jede Interaktion zwischen Avataren, alles ist archiviert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Genau dieses Modell wird gegenw\u00e4rtig in China zur Anwendung gebracht. Indem die chinesische F\u00fchrung das t\u00e4gliche Leben jedes Chinesen im Verkehr, im Konsum, im Austausch der Gedanken \u00fcber das Internet oder das Telefon, in der Ortsver\u00e4nderung der Menschen usw. umfassend protokolliert, will das Regime genau das verhindern, was nach Thurner die eigentliche Gefahr komplexer Netzwerke bildet. Das Fehlverhalten einzelner B\u00fcrger k\u00f6nnte sich summieren und sich zu Tipping-Points aufschaukeln, die das System aus dem Gleichgewicht bringen oder gar zum Kollaps. Denn das Ziel der Entwicklung ist vom Regime in Peking eindeutig festgelegt. Es geht darum, den chinesischen Staat \u00f6konomisch, politisch und sozial zum gefestigsten und m\u00e4chtigsten auf dem Globus zu machen &#8211; ein klassisches Ziel jeder Gro\u00dfmacht. Dieses Ziel wurde in China erfolgreicher und in k\u00fcrzerer Zeit als irgendwo sonst in der Welt schon nahezu verwirklicht, und zwar innerhalb der unglaublich kurzen Frist von nur drei Jahrzehnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist daher<\/strong>&nbsp;wenig verst\u00e4ndlich, dass Thurner diese weltgeschichtliche Anwendung des Pardus-Spiels ebenso wie die Tatsache unterschl\u00e4gt, dass es dort im Namen der Wissenschaft exekutiert wird. Die totalit\u00e4re \u00dcberwachung der B\u00fcrger erfolgt mit dem erkl\u00e4rten Ziel, Stabilit\u00e4t und materiellen Fortschritt f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung auf schnellstem Weg und mit gr\u00f6\u00dfter Effizienz zu realisieren. Niemandem, der die Entwicklung in China verfolgt, kann es entgehen, dass heute nirgendwo auf der Welt eine so gro\u00dfe Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit, ja Wissenschaftsbegeisterung herrscht wie gerade dort. In Thurners Buch ist zwar viel von China die Rede, aber durchwegs in negativem Sinn, nur damit ja nicht der Verdacht entsteht, der f\u00fcr den kritischen Leser eine Tatsache ist, n\u00e4mlich dass China das Computerspiel Pardus schon l\u00e4ngst in die Praxis umgesetzt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es stimmt<\/strong>&nbsp;leider nicht, wenn Thurner behauptet, dass es&nbsp;diese&nbsp;<em>Einschr\u00e4nkung der Freiheit\u2026 wie zum Beispiel \u00dcberwachungsnetzwerke\u2026 in der westlichen Zivilgesellschaft nicht<\/em>&nbsp;\/gebe\/. Wie er selbst an anderer Stelle schreibt, wird sie in westlichen Gesellschaften ebenso umfassend von Gro\u00dfkonzernen wie Apple, Amazon, Facebook, Google, Twitter etc. praktiziert, nur eben privat und nicht \u2013 oder zumindest weit weniger \u2013 durch den Staat. Die private \u00dcberwachung innerhalb von Unternehmen ist aber auch in westlichen Staaten die Regel. Schon vor der Erfindung des Internets und der K\u00fcnstlichen Intelligenz praktizierte die Privatindustrie eine umfassende Kontrolle der eigenen Mitarbeiter. So gesehen, verh\u00e4lt sich China insgesamt wie ein Konzern, wo jeder auf die Ziele der Betriebsleitung (des chinesischen Politb\u00fcros) eingeschworen wird. Wer in einem Betrieb als Dissident auftritt, indem er die von der Leitung festgelegten Ziele sabotiert, wird gefeuert. Wer wie die Uiguren einen unabh\u00e4ngigen und muslimischen Staat anstrebt, wird als Terrorist verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch wenn Thurner&nbsp;<\/strong>diese Parallelen verschweigt, so gibt der durchschlagende Erfolg<strong>&nbsp;<\/strong>des chinesischen Pardus-Systems dem Autor von \u201eDie Zerbrechlichkeit der Welt\u201c andererseits durchaus recht. Er braucht uns gar nicht besonders zu demonstrieren, dass im Kleinen jetzt schon gewisse Subsysteme erfolgreich stabilisiert werden k\u00f6nnen, z.B. das Finanzsystem.&nbsp;<em>Mit dem Verst\u00e4ndnis des Finanzsystems als komplexes, dynamisches Netzwerk-System wird dessen Stabilisierung zu einem technischen Problem \u2013 mit technischen L\u00f6sungen.&nbsp;<\/em>China macht der Welt auf allen Gebieten vor, wie man den Staat als einen Automaten konzipiert, wo sich \u2013 so k\u00f6nnte es scheinen \u2013 dann alle technischen Probleme eben auch technisch l\u00f6sen lassen, jedenfalls so lange wie es der Regierung gelingt, ihre B\u00fcrger dazu zu zwingen, ihr Handeln (und m\u00f6glichst auch ihr Denken) ganz in den Dienst der von oben verordneten Ziele zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tats\u00e4chlich denkt Thurner<\/strong>&nbsp;immer an China, auch wenn es f\u00fcr ihn ein Tabu darstellt, es zu einem welthistorischen Beweis f\u00fcr ein angewandtes Pardus-Spiel zu deklarieren. Denn vor dem Erfolg dieses Landes kann er die Augen nicht verschlie\u00dfen.&nbsp;<em>So konnte zum Beispiel der Anteil der Bev\u00f6lkerung, der eine Krankenversicherung besitzt, von zehn Prozent im Jahr 2004 auf 95 Prozent im Jahr 2016 angehoben werden. China konnte auch extreme Fortschritte in der Armutsbek\u00e4mpfung erzielen<\/em>\u2026&nbsp;<em>Marktwirtschaft und Industrie funktionieren auch in Diktaturen offenbar problemlos.&nbsp;<\/em>Ich w\u00fcrde erg\u00e4nzen, dass sie dort sogar besonders gut funktionieren, weil alle Faktoren, welche ihre Effizienz gef\u00e4hrden k\u00f6nnten, mit wissenschaftlicher Methodik beseitigt werden.<a id=\"Kopf2\"><\/a><a style=\"color: blue;\" href=\"#Fuss2\">*2*<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Allerdings setzt dieser Erfolg<\/strong>&nbsp;die Geschlossenheit des Systems voraus &#8211; alle Parameter m\u00fcssen berechenbar bleiben. Wir sahen, dass diese Voraussetzung schon bei so \u00fcberschaubaren Systemen wie Atomkraftwerken nicht garantiert werden kann. Wie in Fukushima oder Tschernobyl kann ein Erdbeben oder menschliches Versagen zu unvorhersehbaren Katastrophen f\u00fchren. In weit h\u00f6herem Ma\u00dfe gilt das nat\u00fcrlich f\u00fcr menschliche Gesellschaften insgesamt, wie Thurner selbst einr\u00e4umt, wenn er sagt,&nbsp;<em>dass die<\/em>\/der westlichen Zivilgesellschaft\/&nbsp;<em>zugrundeliegende Komplexit\u00e4t wissenschaftlich derzeit noch unbeschreibbar<\/em>&nbsp;sei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber die Grenzen<\/strong>&nbsp;des Pardus-Spiels und damit der wissenschaftlichen Analyse und Steuerung der Wirklichkeit liegen nicht nur im Ausma\u00df der Komplexit\u00e4t \u2013 China ist eine hochkomplexe Gesellschaft wie jede andere auch. Dennoch demonstriert dieses Land besser als jedes andere, wie wissenschaftliche Analyse und Steuerung systematisch dazu eingesetzt werden k\u00f6nnen, Fortschritt und Stabilit\u00e4t (auf Kosten der Freiheit) zu erreichen. Komplexit\u00e4t \u2013 auch die von komplexen Netzwerken \u2013 l\u00e4sst sich offenbar beherrschen. Nur eines wird sich dieser Kontrolle immer entziehen: die Tatsache, dass alle nat\u00fcrlichen Systeme offen sind und daher niemals zur G\u00e4nze berechenbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das hat inzwischen auch China<\/strong>&nbsp;erfahren m\u00fcssen. In seiner Bek\u00e4mpfung der Corona-Pandemie hat dieses Land sich strikt an die Vorgaben der Wissenschaft, d.h. der f\u00fchrenden Experten, gehalten. Die vor\u00fcbergehende Quarant\u00e4ne gro\u00dfer Menschenmassen hat diesem Land zwei Jahre lang einen durchschlagenden Erfolg beschert. Die Zahl der Erkrankten lag bei diesem Milliardenvolk eine ganze Zeit nahe bei Null, w\u00e4hrend in den Vereinigten Staaten in derselben Zeit etwas mehr als eine Million Menschen starben.<a id=\"Kopf21\"><\/a><a style=\"color: blue;\" href=\"#Fuss21\">*21*<\/a> Doch dann geschah das Unvorhergesehene. Eine weitaus ansteckendere Variante des Virus machte die Fortsetzung dieser Politik unm\u00f6glich \u2013 man h\u00e4tte praktisch das ganze Land in Quarant\u00e4ne schicken und den Kollaps der Wirtschaft riskieren m\u00fcssen. Wiederum waren es die wissenschaftlichen Experten, die dem Regime eine radikale Kurs\u00e4nderung empfahlen, doch diese \u00c4nderung hat schwerwiegende Folgen. Gleichsam \u00fcber Nacht wird das Gesundheitssystem total \u00fcberlastet \u2013 vermutlich wird das nun auch in China Millionen Menschen das Leben kosten. Wie Erdbeben, menschliches Versagen oder auch unvorhersehbare menschliche Bed\u00fcrfnisse (z.B. nach Freiheit) repr\u00e4sentiert das Virus jenen Anteil des Unberechenbaren, das jedes nat\u00fcrliche, also offene System mit sich bringt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Existenz jedes einzelnen Menschen&nbsp;<\/strong>wie auch die ganzer \u00f6konomischer, finanztechnischer, sozialer und politischer Systeme bleibt gew\u00f6hnlich beherrschbar \u2013 jedenfalls innerhalb gewisser Grenzen. Dieser Umstand erkl\u00e4rt, warum jeder einzelne von uns seine eigene \u00dcberlebensstrategie entwickelt und dies auch der Menschheit insgesamt so gut gelungen ist, dass aus vereinzelten J\u00e4gern und Sammlern acht Milliarden der erfolgreichsten lebenden Art hervorgehen konnten. Aber die Offenheit jedes nat\u00fcrlichen Systems und die Tatsache, dass es deshalb nie vollst\u00e4ndig berechenbar ist, wird uns gerade in unserer Zeit auf drastische Art vor Augen gef\u00fchrt. Niemand hat vor zweihundert Jahren vorausgesehen, dass es gerade der welthistorische Erfolg in der Vermehrung von materiellem Reichtum durch die Nutzung der fossilen Energietr\u00e4ger sein w\u00fcrde, der unseren Globus zu \u00fcberhitzen und das menschliche Leben auf ihm zu zerst\u00f6ren droht. Die Vergiftung der Umwelt durch CO<sub>2<\/sub>&nbsp;und tausend andere R\u00fcckst\u00e4nde der von uns prozessierten Rohstoffe war damals noch nicht vorauszusehen. Wir berechneten unser Tun auf wissenschaftliche Art \u2013 und das hat uns jenen \u00fcberw\u00e4ltigenden Fortschritt beschert, den Autoren wie Yuval Noah Harari dazu verleiten, vom Homo Deus zu schw\u00e4rmen. Aber in unseren Berechnungen fehlten schlicht und einfach die Giftstoffe und die von ihnen ausgehenden verheerenden Wirkungen \u2013 das ist heute die offene Flanke aller industriellen Gesellschaften.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stefan Thurner wei\u00df darum<\/strong>, und das ist f\u00fcr ihn ein weiterer Grund, die Analyse mit Hilfe von Big Data zu propagieren. Damit w\u00e4re es n\u00e4mlich m\u00f6glich, den Prozess der Klimaerw\u00e4rmung umfassend zu kontrollieren, um gef\u00e4hrliche Tipping-Points rechtzeitig zu erkennen und den Systemkollaps zu vermeiden. Aber Thurner ist Realist genug, um Radikalkuren abzulehnen, denn sie w\u00fcrden nur das \u00dcbel der Klimaerw\u00e4rmung durch andere \u2013 auf kurze Sicht ebenso drastische \u2013 ersetzen.&nbsp;<em>Wir wollen einfach nicht, dass, w\u00e4hrend wir \u00f6kologische Netzwerke sch\u00fctzen, wirtschaftliche und soziale \/Netzwerke\/ kollabieren und Massenarbeitslosigkeit, soziale Unruhen, Armut und politisches Chaos die absehbaren Folgen w\u00e4ren\u2026 W\u00fcrden wir den Energiehahn pl\u00f6tzlich abdrehen, w\u00e4re es so, als w\u00fcrden wir unserer Gesellschaft die Luft abdrehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn Radikalkuren<\/strong>&nbsp;aber undurchf\u00fchrbar erscheinen, k\u00f6nnte es dann nicht sein, dass wir \u00fcberhaupt keine Chance mehr besitzen, die \u00dcberhitzung des Planeten noch zu umgehen? Thurner beweist seine Ehrlichkeit, wenn er eingesteht, dass nach Meinung f\u00fchrender Experten der richtige Zeitpunkt f\u00fcr ein erfolgreiches Eingreifen bereits verpasst sei, denn das<em>&nbsp;Ziel (von zwei Grad) zu erreichen, ist laut Hans Joachim Schellnhuber, Gr\u00fcnder und ehemaliger Chef des Potsdam Institut f\u00fcr Klimafolgenforschung (PIK), gar nicht mehr m\u00f6glich. Und sobald wir einmal bei zwei Grad sind, werden wir durch eine Reihe von R\u00fcckkopplungsschleifen bald bei vier Grad sein, sch\u00e4tzt er.&nbsp;<\/em>John Rockstr\u00f6m, ebenfalls Experte am Potsdam-Institut f\u00fcr Klimafolgenforschung, sieht Folgen f\u00fcr unsere Art voraus, die \u2013 so m\u00f6chte ich hinzuf\u00fcgen \u2013 um vieles einschneidender w\u00e4ren als alle bisherigen Kriege.&nbsp;<em>\u201eBei einer um vier Grad w\u00e4rmeren Welt ist es schwierig zu sehen, wie wir eine Milliarde Menschen, oder auch nur die H\u00e4lfte davon, darin unterbringen k\u00f6nnen.<\/em><a id=\"Kopf3\"><\/a><a style=\"color: blue;\" href=\"#Fuss3\">*3*<\/a><em>&nbsp;<\/em>Will Steffen, renommierter Klimaforscher und Mitarbeiter bei IPCC fasst seine Erkenntnisse in einem Satz zusammen:&nbsp;<em>\u201eDas derzeit wahrscheinlichste Szenario ist der Kollaps.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Therapie<\/strong>&nbsp;verhei\u00dft Thurners Buch, um einen&nbsp;<em>schnellen Ausstieg aus den CO<sub>2<\/sub>-Emissionen zu erreichen<\/em>?<em>&nbsp;<\/em>Thurners Rezept lautet wie folgt:<em>&nbsp;Erstens die Formulierung der Rechte des Planeten. Zweitens das Bekenntnis weiter Teile der Bev\u00f6lkerung zu diesen Rechten, und drittens die Schaffung einer exekutiven Macht \u2013 einer Institution \u2013 zur \u00dcberwachung der Einhaltung der Planetaren Rechte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die zwei ersten Punkte in diesem Ma\u00dfnahmenkatalog entsprechen den \u00fcblichen Bekenntnissen auf Klimakonferenzen, die bisher keine Wirkung erbrachten und das wohl auch in Zukunft kaum tun werden. Ein einziger Punkt \u2013 derselbe, den ich in allen meinen Arbeiten mantragleich wiederhole &#8211; n\u00e4mlich&nbsp;<em>die Schaffung einer exekutiven Macht<\/em>, wie sie schon der Historiker Arnold Toynbee verlangte, k\u00f6nnte effektive Abhilfe schaffen. Aber Toynbee wusste auch, dass der teilweise Verzicht auf einzelstaatliche Souver\u00e4nit\u00e4t, den die Schaffung einer solchen globalen Exekutive notwendig zur Bedingung macht, nicht freiwillig erfolgen wird sondern allenfalls nachdem die Menschheit eine mehr oder minder gro\u00dfe Katastrophe erlitten hat \u2013 wir wissen, dass auch die Europ\u00e4ische Union das Ergebnis der Katastrophe von zwei verheerenden Bruderkriegen gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><a style=\"color: blue;\" href=\"#Kopf1\">*1*<\/a> <a id=\"Fuss1\"><\/a> In seinem Buch \u201eShip of Fools\u201c nimmt der britische Anthropologe Christopher Hallpike kein Blatt vor den Mund.<\/p>\n\n\n\n<p><a style=\"color: blue;\" href=\"#Kopf2\">*2*<\/a> <a id=\"Fuss2\"><\/a> Thurner ist, wie gesagt, der Einwand nat\u00fcrlich bewusst, dass China sich jedem kritischen Leser seines Buches sofort als verk\u00f6rperte Realanwendung des Pardus-Spiels aufdr\u00e4ngen wird. Um diese Assoziation m\u00f6glichst auszuschalten, vergleicht er das kommunistische Regime mehrfach mit der totalit\u00e4ren Hitler-Diktatur \u2013 wie ich meine zu Unrecht. So l\u00e4sst sich beispielsweise die blutige Unterdr\u00fcckung der Uiguren in Xinjiang nur oberfl\u00e4chlich mit dem Massenmord an den Juden vergleichen. Das kommunistische Regime hat nichts gegen Minderheiten,&nbsp;<em>sofern diese die Ziele des materiellen Fortschritts eines s\u00e4kularen Staats und die Rolle der Partei als lenkende Instanz in diesem Prozess akzeptieren<\/em>. Wenn sie dies tun, stehen ihnen dieselben M\u00f6glichkeiten des Aufstiegs wie den Han-Chinesen offen, die \u00fcbrigens derselben Verfolgung ausgesetzt sind, wenn sie sich den Weisungen der Partei widersetzen. Das entspricht ganz der klassischen Tradition des alten China, wo die b\u00fcrokratische Elite der Literaten \u2013 von Voltaire als Philosophen-K\u00f6nige bezeichnet \u2013 das Ziel eines Staates in der Erhaltung von Wohlstand und sozialem Frieden erblickte. Das dumme Volk hatte ein Recht auf materielle Wohlfahrt, aber es hatte den Mund zu halten, wenn die kluge Regierung aus gebildeten Literaten \u00fcber die Verwirklichung dieses Zieles befand. Hitler hingegen sprach offen dar\u00fcber, dass man die Juden erfinden m\u00fcsse, wenn es sie nicht gebe. Er brauchte Feinde, auf die er Hass und Mordlust lenken konnte. Die Juden wurden selbst dann aus allen \u00c4mtern gedr\u00e4ngt, wenn sie sich vollst\u00e4ndig assimilierten. Ja, sie wurden gerade deswegen verfolgt, weil viele von ihnen erfolgreicher als die Deutschen waren.<\/p>\n\n\n\n<p><a style=\"color: blue;\" href=\"#Kopf21\">*21*<\/a> <a id=\"Fuss21\"><\/a> Quelle: https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1103602\/umfrage\/entwicklung-der-fallzahlen-des-coronavirus-in-den-usa\/.<\/p>\n\n\n\n<p><a style=\"color: blue;\" href=\"#Kopf3\">*3*<\/a> <a id=\"Fuss3\"><\/a> Wie optimistisch mutet da die Prognose an, die der bekannte kanadische \u00d6kologe William Rees aufstellte: Zwei Milliarden Menschen, meint er, w\u00fcrde die Welt bei unserem heutigen Ressourcenverbrauch allenfalls verkraften. Ich zitiere ihn in meinem Buch&nbsp;<em>Ob wir das schaffen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcber Zuschriften freue ich mich, aber<\/strong>&nbsp;<strong>ich werde keine Kommentare mehr ver\u00f6ffentlichen<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,89,366,1431,1094,660,28,24],"tags":[860,1365,682,249,1471,1469,1475,1470,194,718,1473,1477,1474,1467,871,1478,973,1468],"class_list":["post-7554","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-betrachtungen","category-china","category-climate-crisis","category-klimakrise","category-rezensionen-oder-quasi","category-umwelt","category-zukunftsperspektiven-wirtschaftstheorie","tag-adolf-hitler","tag-christopher-hallpike","tag-daron-acemoglu","tag-erich-fromm","tag-ernst-f-schumacher","tag-fritjof-capra","tag-hans-joachim-schellnhuber","tag-hans-peter-duerr","tag-herman-daly","tag-hoimar-von-ditfurth","tag-iain-mcgilchrist","tag-john-rockstroem","tag-pardus","tag-stefan-thurner","tag-steven-pinker","tag-will-steffen","tag-william-rees","tag-yuval-noah-harari"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7554","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7554"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7554\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}