{"id":7374,"date":"2022-11-30T09:03:17","date_gmt":"2022-11-30T08:03:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=7374"},"modified":"2022-12-10T13:15:32","modified_gmt":"2022-12-10T12:15:32","slug":"der-fall-sarrazin-cancel-culture-auf-deutsche-art","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/der-fall-sarrazin-cancel-culture-auf-deutsche-art\/","title":{"rendered":"Der Fall Sarrazin \u2013 Cancel Culture auf deutsche Art"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8230;&#8230;. Der Konflikt zwischen gef\u00fchlsgeleiteten Hoffnungen und den Einspr\u00fcchen der Vernunft l\u00e4sst sich zwar entsch\u00e4rfen, aber er wird nie vollst\u00e4ndig aufgehoben. Die Vernunft bremst, w\u00e4hrend Hoffnung selbst das Unm\u00f6gliche leidenschaftlich begehrt.<!--more--> Im besten Fall f\u00fchrt dieser Kampf zu einem Unentschieden. Das M\u00f6gliche wird verwirklicht, das Unm\u00f6gliche erfolgreich abgeschmettert. In letzter Zeit hat dieser best\u00e4ndige Kampf aber auch in Deutschland dazu gef\u00fchrt, dass der Beamtenstab \u2013 seit Preu\u00dfen das kompetente R\u00fcckgrat des Staates \u2013 gestutzt oder in seiner Macht beschnitten wurde, weil Regierungen lieber den bezahlten und oft willf\u00e4hrigen Sachverstand privater Unternehmen mieten, um ihre Entscheidungen zu begr\u00fcnden. Tats\u00e4chlich w\u00fcrde ja auch nichts wesentlich Neues entstehen k\u00f6nnen, wenn eine Routine, die \u00fcblicherweise mit Vernunft gleichgesetzt wird, s\u00e4mtliche Projekte gewagter Neuerung sabotieren darf. Als bewegende Kraft sehen sich Mensch und Gesellschaft immer nur dann, wenn sie zu fernen Ufern aufbrechen und dabei alles eingefahrene Handeln \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Zwiespalt<\/strong>, der aus dem Gegensatz von k\u00fchler Vernunft und leidenschaftlichem Wollen erw\u00e4chst, ist mit gr\u00f6\u00dfter Eindringlichkeit nach der Ver\u00f6ffentlichung im Jahre 2010 von&nbsp;<em>Deutschland schafft sich ab<\/em>&nbsp;ausgebrochen. Wie konnte es dazu kommen? Auch seine vielen Feinde haben \u2013 soweit mir bekannt &#8211; nie bestreiten k\u00f6nnen, dass Thilo Sarrazin eine vorbildliche Beamtenlaufbahn absolvierte. Niemand hat ihm nachzuweisen ver\u00admocht \u2013 obwohl alle genau dies sp\u00e4ter versuchten -, dass er in seiner T\u00e4tigkeit etwas anderes als das Allgemeinwohl im Auge hatte. Meines Wissems hat ihm auch niemand falsche Zahlen, leichtfertige oder gar populistische \u00c4u\u00dferungen vorzuwerfen vermocht. Sarrazin st\u00fctzte sich durchgehend auf wissenschaftliche Untersuchungen, die vorher keinerlei Aufsehen erregten. Allenfalls konnte man berechtigte Kritik an der einen oder anderen seiner Schlussfolgerung geltend machen. Aber f\u00fcr alle seine Schriften gilt, dass sie an faktischer Verl\u00e4sslichkeit und Sicherheit des Urteils teilweise weit \u00fcber dem Niveau seiner Gegner liegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie war es m\u00f6glich,&nbsp;<\/strong>dass dieser Mann dennoch zum verhassten Feindbild aufr\u00fcckte? Ich glaube, dass nur die hier zur Rede stehende Paradoxie darauf eine Antwort gibt. Wunschbilder \u2013 unsere Gef\u00fchle \u2013 sind eine m\u00e4chtige und sehr oft auch eine wirklichkeitsgestaltende Kraft. Nach dem Kriege wollte Deutschland mit aller Kraft Scham und Schuld der Nazizeit \u00fcberwinden &#8211; vor allem die m\u00f6rderische Rassenideologie. Die \u00dcberwindung dieses unseligen Erbes forderte daher einen radikal anderen Umgang mit Fremden, also auch mit den vielen Migranten, die Deutschland schon aufgenommen hatte oder noch aufnehmen w\u00fcrde. Sehr viele, vor allem junge, Menschen waren bereit, sich f\u00fcr Fremde auch unter pers\u00f6nlichen Opfern einzusetzen. Sie haben dies, wie die warmherzige Aufnahme im Jahre 2015 bewies, auch wirklich getan.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sarrazins Buch<\/strong>&nbsp;wirkte da wie eine kalte, allen Enthusiasmus erstickende Dusche. Dem in die Zukunft zielenden, auf Ver\u00e4nderung dr\u00e4ngenden Wollen stellte er Fakten entgegen &#8211; unbestreitbare Fakten -, die er aus der Vergangenheit sch\u00f6pfte. Danach war das Zusammenleben mit Fremden oft problematisch verlaufen. Warum sollte es gerade jetzt anders sein? Hier standen sich Wissenschaft und hoffendes W\u00fcnschen in aller Unvers\u00f6hnlichkeit gegen\u00fcber. Die eine kann immer nur auf vergangene Tatsachen verweisen, die sie in die Zukunft extrapoliert; das W\u00fcnschen dagegen sieht seine Mission darin, das Vergangene in einer ganz anderen, neuen Zukunft zu \u00fcberwinden. Die damalige Kanzlerin Angela Merkel&nbsp;gab ein treffendes Urteil ab. Sie nannte Sarrazins Buch \u201ewenig hilfreich\u201c. Tats\u00e4chlich ist f\u00fcr das vom eigenen Wollen und W\u00fcnschen getriebene Handeln \u2013 das eines Individuum wie das einer Gesellschaft &#8211; der Blick auf die Vergangenheit selten hilfreich. Skeptische Einspr\u00fcche k\u00f6nnen alles Handeln vollst\u00e4ndig l\u00e4hmen und haben das oft genug auch getan.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber ist das ein Einwand<\/strong>&nbsp;gegen die Wissenschaft? Soll sie deswegen schweigen? D\u00fcrfen wir uns von jedem Wunschbild leiten lassen, auch wenn es uns \u2013 wie so oft in der Geschichte \u2013 ins Abseits oder sogar wie Adolf Hitlers&nbsp;Rassenideologie in den Abgrund f\u00fchrt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Niemals ist von vornherein erwiesen<\/strong>, ob der Wille zu einer neuen Zukunft, diese Zukunft auch tats\u00e4chlich hervorbringen wird. Im Falle Deutschlands bedeutet dies, dass es nach wie vor keineswegs ausgemacht ist, ob den Deutschen das ersehnte harmonische Zusammenleben mit den vielen von ihnen aufgenommenen Fremden gelingen wird, oder ob nicht umgekehrt die von Sarrazin aus vergangener Erfahrung im eigenen und in anderen L\u00e4ndern abgeleiteten Schl\u00fcsse weiterhin gelten werden. Ob Deutschland einen anderen Weg einschlagen wird als Frankreich oder England, scheint zumindest zweifelhaft, etwa wenn man Sarah Wagenknecht&nbsp;(2021) liest.&nbsp;<em> Nach vier Jahren Recherche, zu der er <\/em>\/Bernard Rougier, der am Zentrum f\u00fcr Arabische und Orientalische Studien an der Sorbonne lehrt\/<em> seine Studenten undercover in die Vorst\u00e4dte geschickt hatte, legte er Ende 2019 eine 353 Seiten starke Arbeit \u00fcber &#8222;Die eroberten Territorien des Islamismus&#8220; vor. Darin beschreibt er, wie Salafisten und andere radikale Moslemgruppen franz\u00f6sische Viertel unter ihre Kontrolle bringen und wie in den betroffenen Wohngebieten ein von der franz\u00f6sischen Gesellschaft weitgehend abgeschottetes Paralleluniversum entstanden ist, in dem die westliche Lebensart als verwerflich gilt und wei\u00dfe Franzosen als Eindringlinge betrachtet werden\u2026&nbsp;&nbsp;In Gro\u00dfbritannien tragen immer mehr Frauen mit Vorfahren aus Bangladesch einen Schleier, obwohl das in Bangladesch gar nicht \u00fcblich ist&#8230; An diesem Beispiel wird auch klar, dass das Anliegen gar nicht darin besteht, an Br\u00e4uchen und Traditionen der Herkunft festzuhalten, sondern die Praktiken ausdr\u00fccklich dazu dienen, sich von der einheimischen Bev\u00f6lkerung abzugrenzen.<\/em>&nbsp;Und Wagenknecht schlie\u00dft mit der Bemerkung:&nbsp;<em>Was von vielen Linksliberalen als Multikulturalit\u00e4t sch\u00f6ngeredet wird, ist in Wahrheit das Scheitern von Integration.<\/em>*1*<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eines ist<\/strong>&nbsp;daher auf jeden Fall sicher: Wunschvorstellungen, die alle Erfahrung missachten, k\u00f6nnen kein brauchbares Leitbild f\u00fcr menschliches Handeln sein. Sarrazin hatte nicht nur ein Recht, sein Buch zu schreiben &#8211; als \u00fcberdurchschnittlich gut informierter Zeitgenosse hatte er sogar die Pflicht dazu. Denn die politisch Verantwortlichen d\u00fcrfen sich nie ausschlie\u00dflich an blo\u00dfen Hoffnungen orientieren. Sie m\u00fcssen dar\u00fcber im Bilde sein, welche Hindernisse ihnen die bestehenden Institutionen oder auch die \u00f6ffentliche Meinung entgegenstellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Am Beispiel Sarrazin<\/strong>&nbsp;offenbarte sich auf exemplarische Weise die Paradoxie von vergangenheitsbezogener Vernunft und zukunftgerichtetem Wollen. Beide Pole sollten gleich m\u00e4chtig sein, nie einer allein die \u00dcberhand gewinnen. H\u00e4tte sich die deut\u00adsche Politik damals stark genug gef\u00fchlt, alle (in der \u00d6ffentlichkeit bestehenden) Widerst\u00e4nde m\u00fchelos zu \u00fcberwinden, dann w\u00e4re die Reaktion auf Sarrazin sicher nicht so heftig und b\u00f6sartig ausgefallen. Man hat diesen Mann \u201efertiggemacht\u201c, man wollte ihn &#8222;canceln&#8220;, weil man sich selbst und dem eigenen Erneuerungswillen nicht wirklich traute. <em>Es ging darum, den Widerspruch bei sich selbst zu \u00fcberwinden, indem man daf\u00fcr ein symbolisches Opfer sucht<\/em>e.<\/p>\n\n\n\n<p>1 Folgende Feststellung Wagenknechts k\u00f6nnten auch aus der Feder Sarrazins stammen:&nbsp;<em>Selbstgerechtigkeit\u2026 wirft\u2026 Licht auf\u2026&nbsp;einen weiteren typischen Zug des Lifestyle-Linken: eine moralisch unantastbare Haltung zu zeigen ist f\u00fcr ihn wichtiger, als seine Anliegen auch umzusetzen. Die richtige Gesinnung wiegt schwerer, als das Richtige zu tun.&nbsp;<\/em>Oder der Satz:<em>&nbsp;Wer von der eigenen Regierung erwartet, sie solle sich in erster Linie um das Wohl der hiesigen Bev\u00f6lkerung k\u00fcmmern und diese vor internationaler Dumpingkonkurrenz und anderen negativen Folgen der Globalisierung sch\u00fctzen \u2013 ein Grundsatz, der unter traditionellen Linken selbstverst\u00e4ndlich war \u2013 gilt heute als nationalsozial, gern auch mit der Endung -istisch<\/em>.&nbsp;Trotz dieser offensichtlichen mentalen \u00dcberschneidungen sollte man aber den Gegensatz nicht \u00fcbersehen. Der ehemalige Berliner Senator hat sich in der \u00d6ffentlichkeit immer zur\u00fcckgenommen. Dagegen betreibt Sarah Wagenknecht mit unverkennbarer Hingabe eine nicht selten grelle mediale Selbstinszenierung. Kein Wunder, dass der wohl gr\u00f6\u00dfte Meister in dieser Kunst, Wladimir Putin, sie deshalb auch heute noch in den Bann schl\u00e4gt &#8211; selbst nach dem barbarischen \u00dcberfall auf die Ukraine. \u00dcberhaupt l\u00e4sst diese begabteste deutsche Linkspopulistin sich gern von ihrem Wunschdenken leiten, was dann dazu f\u00fchrt, dass ihr Realit\u00e4tssinn bisweilen empfindlich darunter leidet. Umgekehrt vergisst Sarrazin zu leicht, dass Individuen und Gesellschaft nur lebendig bleiben, solange W\u00fcnsche und Hoffnungen sie beseelen.<\/p>\n\n\n\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-medium-pink-color\">Auszug aus meinem neuen Buch<\/mark> <em>Am Anfang war &#8211; am Ende ist das Wort. Der ewige Kreislauf von Idealen und Paradoxien<\/em><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#e94258\" class=\"has-inline-color\"> <\/mark>(<a href=\"http:\/\/amazon.com\/Books-Gero-Jenner\/s?rh=n%3A283155%2Cp_27%3AGero+Jenner\">Kindle Ausgabe<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Zuschriften freue ich mich, aber <strong>ich werde keine Kommentare mehr ver\u00f6ffentlichen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;&#8230;. Der Konflikt zwischen gef\u00fchlsgeleiteten Hoffnungen und den Einspr\u00fcchen der Vernunft l\u00e4sst sich zwar entsch\u00e4rfen, aber er wird nie vollst\u00e4ndig aufgehoben. 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