{"id":4809,"date":"2021-05-02T11:50:21","date_gmt":"2021-05-02T09:50:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=4809"},"modified":"2025-05-04T09:30:24","modified_gmt":"2025-05-04T07:30:24","slug":"4809-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/4809-2\/","title":{"rendered":"Sahra Wagenknecht &#8211; eine Gerechte inmitten von Selbstgerechten"},"content":{"rendered":"\n<p>(Debatte zwischen dem Teufel, Frau Wagenknecht und einem gewissen GJ. Originalzitate von SW sind kursiv gedruckt)<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>GJ: Vom Eise befreit sind Strom und B\u00e4che durch des Fr\u00fchlings holden, belebenden Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Ob wir unter der lachenden Fr\u00fchlingssonne auch nur einen einzigen Gerechten finden?<\/p>\n\n\n\n<p>GJ eilt auf eine hohe Gestalt in der lustwandelnden Menge zu.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH (fl\u00fcsternd): Achtung! Das ist kein deutsches Gretchen, das ist eine germanisch-iranische Walk\u00fcre!<\/p>\n\n\n\n<p>Mein sch\u00f6nes Fr\u00e4ulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Bin weder Fr\u00e4ulein weder sch\u00f6n kann ungeleitet nach Hause gehn.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die heitere Stimmung macht mich milde. Zu einem Gespr\u00e4ch, meine Herren, bin ich bereit, wenn Sie mir etwas zu sagen haben. Als emanzipierte Frau halte ich M\u00e4nner nicht f\u00fcr grunds\u00e4tzlich dumm. Aber kein Me-Too! Ich rate Ihnen sehr, das nicht an mir zu probieren!<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam begeben sich die drei an einen einladend geschm\u00fcckten Tisch im Garten eines Stra\u00dfencaf\u00e9s.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Darf ich Ihnen meinen Freund Herrn Gottseibeiuns M. pr\u00e4sentieren? Er ist ein gro\u00dfer Entlarver, aber Sie, liebe Frau Wagenknecht, haben einen noch viel sch\u00e4rferen Blick. Sie haben den Heuchlern den linken Glanzfirnis abgekratzt.<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Es scheint, dass unsere Gesellschaft verlernt hat, ohne Aggression und mit einem Mindestma\u00df an Anstand und Respekt \u00fcber ihre Probleme zu diskutieren. An die Stelle demokratischen Meinungsstreits sind emotionalisierte Emp\u00f6rungsrituale, moralische Diffamierungen und offener Hass getreten. Das ist be\u00e4ngstigend<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Und ich dachte immer, die Linken st\u00e4nden f\u00fcr soziale Gerechtigkeit, f\u00fcr Br\u00fcderlichkeit mit der ganzen Welt, f\u00fcr Uneigenn\u00fctzigkeit und Einsatz f\u00fcr die Schwachen. Wer das zu Heuchelei erkl\u00e4rt, setzt der sich nicht selbst ins Abseits?<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Laut Piketty gibt es zwei gro\u00dfe Gruppen, die in den 1950er und 1960er Jahren linke Parteien im weitesten Sinne w\u00e4hlten und \/<\/em>sie<em>\/ 1990\u20132020 nicht mehr \/<\/em>w\u00e4hlen<em>\/. Das sind zum einen die Industriearbeiter und zum anderen einfache Angestellte im Dienstleistungsbereich, bei denen es sich seit den Neunzigern nat\u00fcrlich vielfach auch um ehemalige Industriearbeiter oder deren Kinder handelt. Heute sind es die Bessergebildeten und in zunehmendem Ma\u00dfe auch die Besserverdienenden, die links w\u00e4hlen, w\u00e4hrend die untere H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung den Wahlen entweder fernbleibt oder f\u00fcr Parteien aus dem konservativen und rechten Spektrum stimmt. In Deutschland haben die Gr\u00fcnen mittlerweile die FDP als Partei der Besserverdiener abgel\u00f6st.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Liebe Frau, Ihre Meinungen sto\u00dfen bei mir auf viel Sympathie. Aber dasselbe k\u00f6nnten ja auch die Rechten behaupten, zum Beispiel die AfD.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Einspruch! In Wahrheit sagt unser Gast etwas anderes, n\u00e4mlich dass linke Heuchelei den Aufstand der extremen Rechten \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machte.<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Es h\u00e4tte keinen Donald Trump und auch keine AfD gegeben, wenn ihre Gegner ihnen nicht den Boden bereitet h\u00e4tten. Linksliberale Intoleranz und rechte Hassreden sind kommunizierende R\u00f6hren, die sich gegenseitig brauchen, gegenseitig verst\u00e4rken und voneinander leben. Statt die \/<\/em>Menschen<em>\/ &#8230; mit einem f\u00fcr sie attraktiven Programm anzusprechen, haben SPD und Linke der AfD zu ihren Wahlsiegen verholfen und sie zur f\u00fchrenden \u00bbArbeiterpartei\u00ab gemacht. Die politische Rechte ist der gro\u00dfe Gewinner des beginnenden 21. Jahrhunderts.<\/em>&nbsp;Wir m\u00fcssen zur Kenntnis nehmen,&nbsp;<em>dass die W\u00e4hler rechter Parteien in ihrer Mehrzahl selbst nicht \u00dcberzeugung, sondern Protest als Wahlmotiv angeben. \/<\/em>Diese Tatsache<em>\/ verweist darauf, dass Wirtschaftsliberalismus, Globalisierung und Sozialabbau viele Menschen schlechtergestellt oder zumindest gr\u00f6\u00dferen Unsicherheiten und Lebens\u00e4ngsten ausgesetzt haben. Dass der linksliberale publizistische Mainstream ihnen au\u00dferdem das Gef\u00fchl gegeben hat, dass ihre Werte und ihre Lebensweise nicht mehr respektiert, sondern moralisch abgewertet werden. Dazu passt, dass gerade AfD-Anh\u00e4nger in Umfragen immer wieder den \u00bbweit verbreiteten Egoismus, das fehlende Miteinander und das Macht- und Profitstreben\u00ab in unserer heutigen Gesellschaft kritisieren. Dabei f\u00e4llt vor allem ein Umstand ins Auge, der eigentlich jedem Linken, der noch irgendeine Verbindung zur eigenen Tradition hat, schlaflose N\u00e4chte bereiten m\u00fcsste: Die rechten Parteien sind die neuen Arbeiterparteien.. auch die AfD verdankt ihre Wahlerfolge zu erheblichen Teilen der Arbeiterschaft. Dass eher Unterprivilegierte als Wohlhabende rechts w\u00e4hlen, gilt sogar dann, wenn die betreffende Partei f\u00fcr eine wirtschaftsliberale, auf Privatisierungen und Sozialabbau orientierte Politik eintritt, wie es die AfD mehrheitlich tut, ebenso die FP\u00d6 oder.. Donald Trump. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus 2016 gaben 69 Prozent der befragten AfD-W\u00e4hler an, die Partei aus Entt\u00e4uschung \u00fcber alle anderen gew\u00e4hlt zu haben. Auch bei der Th\u00fcringen-Wahl von 2019 best\u00e4tigte mehr als jeder zweite AfD-W\u00e4hler, die Wahlentscheidung aus Entt\u00e4uschung \u00fcber die anderen Parteien getroffen zu haben<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Anders gesagt, sehen Sie die Schuldigen in jener akademischen Mittelschicht, die zu den Gewinnern der Globalisierung geh\u00f6rt. Sie sprechen von einer Lifestyle-Linken, die hinter der tr\u00fcgerischen Fassade des Liberalismus eine erschreckende Illiberalit\u00e4t verbirgt.<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Besonders die Gr\u00fcnen sind heute in den meisten L\u00e4ndern die Partei der akademischen Mittelschicht, die von Softwareprogrammierern und Marketingfachleuten und von Journalisten und h\u00f6heren Beamten gleicherma\u00dfen gew\u00e4hlt wird. In Reinform verk\u00f6rpern<\/em>&nbsp;\/sie\/&nbsp;<em>dieses Lifestyle-linke Politikangebot, aber auch in den sozialdemokratischen, sozialistischen und anderen linken Parteien ist es in den meisten L\u00e4ndern zur dominierenden Str\u00f6mung geworden. F\u00fcr das politisch-kulturelle Weltbild des Lifestyle-Linken hat sich in j\u00fcngerer Zeit der Begriff des Linksliberalismus etabliert, wobei Linksilliberalismus wesentlich passender w\u00e4re. Was den Lifestyle-Linken in den Augen vieler Menschen und vor allem der weniger Beg\u00fcnstigten so unsympathisch macht, ist seine offensichtliche Neigung, seine Privilegien f\u00fcr pers\u00f6nliche Tugenden zu halten und seine Weltsicht und Lebensweise zum Inbegriff von Progressivit\u00e4t und Verantwortung zu verkl\u00e4ren. \u00dcber Zuwanderung als gro\u00dfe Bereicherung f\u00fcr unsere Gesellschaft m\u00f6chte man nicht ausgerechnet von Freunden des Multikulturalismus belehrt werden, die genau darauf achten, dass das eigene Kind eine Schule besucht, in der es mit anderen Kulturen nur im Literatur- und Kunstunterricht Bekanntschaft machen muss. Auch der Begriff White Trash (wei\u00dfer Abfall) f\u00fcr die wei\u00dfe amerikanische Arbeiterschicht wurde von Linksliberalen verbreitet. Wenig sympathisch macht den Lifestyle-Linken nat\u00fcrlich auch, dass er fortw\u00e4hrend eine offene, tolerante Gesellschaft einfordert, selbst aber im Umgang mit abweichenden Sichten oft eine erschreckende Intoleranz an den Tag legt, die sich mit der der \u00e4u\u00dfersten Rechten durchaus messen kann. F\u00fcr Kampagnen, deren erkl\u00e4rtes Ziel darin besteht, unliebsame Intellektuelle mundtot zu machen und sozial zu vernichten, gibt es mittlerweile sogar einen Begriff: cancel culture. Ein weiterer typischer Zug des Lifestyle-Linken: eine moralisch unantastbare Haltung zu zeigen ist f\u00fcr ihn wichtiger, als seine Anliegen auch umzusetzen. Die richtige Gesinnung wiegt schwerer, als das Richtige zu tun<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Aber das ist doch eine uralte Geschichte! Wie viele Ketzer hat die Kirche des sanften Herrn Jesus Christus gefoltert, zerst\u00fcckelt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, obwohl sie moralisch oft die besseren Menschen waren, deren einziger Fehler darin bestand, irgendeinem Dogma zu widersprechen! Von jeher kam es darauf an, sich zu einem Verein zu bekennen und dessen Fahne zu schwenken. Solange man Opportunist war, geh\u00f6rte man zu den ehrsamen B\u00fcrgern und aufrechten Gl\u00e4ubigen, selbst Tods\u00fcnden durfte man sich dann ungeschoren erlauben. Die richtige Gesinnung z\u00e4hlt, die richtige Tat war Nebensache.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Frau Wagenknecht kritisiert aber nicht nur, sie sagt auch deutlich, was alles falsch gemacht worden ist. Das erst verleiht ihren Worten Gewicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Wer von der eigenen Regierung erwartet, sie solle sich in erster Linie um das Wohl der hiesigen Bev\u00f6lkerung k\u00fcmmern und diese vor internationaler Dumpingkonkurrenz und anderen negativen Folgen der Globalisierung sch\u00fctzen \u2013 ein Grundsatz, der unter traditionellen Linken selbstverst\u00e4ndlich war \u2013 gilt heute als nationalsozial, gern auch mit der Endung -istisch<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Und das ist er ja auch! Ein echt Weltsozialer setzt sich daf\u00fcr ein, dass nicht er selbst und sein Nachbar noch reicher werden als ohnehin schon der Fall, sondern dass die Schlechtweggekommenen \u00fcberall auf der Welt profitieren. Wenn Betriebe aus den USA oder Deutschland nach China abwandern, dann ist ihm das recht, selbst wenn hier Tausende von Stellen verloren gehen, denn bei uns wird der Reichtum nur auf hohem Niveau reduziert, w\u00e4hrend er in China, Indien oder Afrika \u00fcberhaupt erst entsteht. Dieselbe Haltung dr\u00fcckt sich auch darin aus, dass man Migration zul\u00e4sst und damit Menschen ein besseres Leben verschafft, die darauf in ihren Heimatl\u00e4ndern nie hoffen d\u00fcrften. Es lebe die kosmopolitische Gesinnung!<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Sie wenden dagegen ein, dass auch der scheinbare Altruist, der sich f\u00fcr Migration einsetzt &#8211; m\u00f6glichst sogar eine unbegrenzte -, dies entweder aufgrund von Unwissenheit tut oder weil er damit ganz handfeste eigene Interessen verteidigt.<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>\u00dcberall war die \u00d6ffnung f\u00fcr Migration die Reaktion auf sinkende Arbeitslosigkeit und deren Folge, dass die Arbeiter und ihre Gewerkschaften st\u00e4rker und k\u00e4mpferischer wurden. Die wichtigste Interessengruppe, die seit jeher ein ausgepr\u00e4gtes Interesse an Migration hat, f\u00fcr deren F\u00f6rderung und Erleichterung kr\u00e4ftig lobbyiert und oftmals sogar selbst die Rekrutierung im Ausland \u00fcbernimmt, ist das Unternehmerlager. Und immer ging es dabei vor allem um eins: um billige Arbeitskr\u00e4fte und die Spaltung der Arbeitnehmerschaft. 2,5 Millionen sogenannte Gastarbeiter arbeiteten in Deutschland, als der sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt 1973 diese Politik mit einem kompletten Anwerbestopp beendete. In der heutigen SPD w\u00fcrde er daf\u00fcr wohl als AfD-nah angegiftet. Heute stehen heimische Arbeitnehmer und Zuwanderer in vielen Bereichen in unmittelbarer Konkurrenz, mit allen negativen Folgewirkungen. Immerhin ist der deutsche Niedriglohnsektor einer der gr\u00f6\u00dften in ganz Europa. Jeder f\u00fcnfte Besch\u00e4ftigte arbeitet heute in diesem Bereich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr andere westliche Staaten. <em>Bereits 2016 wurden im Vereinigten K\u00f6nigreich 20 Prozent aller Jobs f\u00fcr Niedrigqualifizierte von Ausl\u00e4ndern erledigt. Die Belegschaften von Abf\u00fcll- und Verpackungsfabriken bestanden zu 43 Prozent aus Migranten, in der Fertigungsindustrie waren es 33 Prozent. Ein gro\u00dfer Getr\u00e4nkehersteller in London hatte seine ganze Belegschaft in Litauen angeheuert. Dass die Migrationsfrage damit zur Schl\u00fcsselfrage der Brexit-Debatte wurde, war nach dieser Vorgeschichte wenig erstaunlich. \u203aLeave Europe\u2039 bedeutet, die Kontrolle \u00fcber die Migration zu gewinnen; \u203aRemain\u2039 dagegen unbegrenzte Einwanderung, sinkende L\u00f6hne und kulturelle Spannungen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><em>Eine Untersuchung \u00fcber Migration in die Vereinigten Staaten belegt einen direkten Zusammenhang zwischen dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad in einzelnen Branchen und der Nicht-Besch\u00e4ftigung von Zuwanderern.<\/em><\/em> <em>Obwohl die USA jenseits der Einwanderung Hochqualifizierter nahezu keine legale Migration zulassen, ist.. die illegale Migration politisch gewollt und wurde deshalb \u00fcber Jahrzehnte weder von den Demokraten noch den Republikanern unterbunden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was die Folgen f\u00fcr das Lohnniveau betrifft, so werden sie durch die Statistiken \u00fcbrigens eher verschleiert<em>. Soweit \/<\/em>diese Folgen<em>\/.. \u00fcberhaupt analysiert werden, wird in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau einer Volkswirtschaft als Referenzgr\u00f6\u00dfe genommen. Die dann nachweisbaren Auswirkungen sind meist gering. Denn es sind eben nicht alle, sondern vor allem die Besch\u00e4ftigten ohne h\u00f6here Qualifikation, die unter der Konkurrenz zu leiden haben. Deshalb beeinflusst Migration auch nicht die Geh\u00e4lter der Sternek\u00f6che, genauso wenig wie die der Journalisten, Werbegrafiker, Oberstudienr\u00e4te oder anderer Berufsgruppen der sogenannten Wissens\u00f6konomie. Im Gegenteil, f\u00fcr sie ist die Auswirkung eher positiv, weil viele Dienstleistungen billiger werden: von der Putzhilfe \u00fcber den Zusteller, der die online bestellten P\u00e4ckchen in die schicke Altbauwohnung schleppt, bis zur Kellnerin, die in der Sushi-Bar die Spezialit\u00e4ten serviert. F\u00fcr die akademisch gebildete Mittelschicht steigt also durch mehr Migration die Kaufkraft der eigenen Einkommen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Frau Wagenknecht, Sie sind eine Seilt\u00e4nzerin. Geschickt lavieren sie zwischen Links und Rechts, zwischen einer- und andererseits. Einerseits verteidigen Sie den Kapitalismus, solange er den Arbeitern gute L\u00f6hne verschafft, andererseits ist er schlecht, weil er die Reichen noch reicher macht. Den Wettbewerb halten sie einerseits f\u00fcr gut, solange er den am wenigsten kaufkr\u00e4ftigen Schichten billige Konsumg\u00fcter verschafft, andererseits ist er auch wieder schlecht, wenn er das \u00dcberleben der St\u00e4rkeren auf Kosten der Schwachen f\u00f6rdert. Wo stehen Sie eigentlich? Einerseits sind Sie links, andererseits vertreten Sie Positionen, die man bisher nur bei den Rechten fand. Einerseits kommen sie von der Linken &#8211; Sie sahen sich selbst sogar eine Zeitlang als Kommunistin -, andererseits tadeln Sie aber Ihre eigenen Leute und mussten deshalb Ihre Stellung als stellvertretende Fraktionsvorsitz aufgeben. Sie verdammen einerseits den furchtbaren L\u00fcgner Donald Trump, andererseits loben Sie seine Zollpolitik.<\/p>\n\n\n\n<p>SW<em>:<\/em><em>&nbsp;Donald Trump.. wurden seine P\u00f6beleien, seine unfl\u00e4tigen Beschimpfungen und sexistischen Spr\u00fcche nicht nur nachgesehen, sie waren sein Erfolgsgeheimnis. Mit alldem profilierte er sich als Underdog, als Au\u00dfenseiter und Gegenspieler des politischen Establishments, der von genau den gleichen Kr\u00e4ften gehasst und bek\u00e4mpft wurde, von denen sich die nicht-akademische amerikanische Bev\u00f6lkerung schon seit vielen Jahren verraten und verachtet f\u00fchlte. Der gemeinsame Gegner trug ihm die Sympathien vom Arbeiter \u00fcber den konservativen S\u00fcdstaatler bis zum strengreligi\u00f6sen Kirchg\u00e4nger ein, der ihn eigentlich f\u00fcr einen gottlosen R\u00fcpel h\u00e4tte halten m\u00fcssen.<\/em>&nbsp;Das ist das eine. Andererseits hat er zwar wenig&nbsp;<em>f\u00fcr die Arbeiter und die \u00c4rmeren getan, aber w\u00e4hrend Demokraten wie Republikaner die De-Industrialisierung des Landes und die Zerst\u00f6rung der Industriearbeitspl\u00e4tze jahrzehntelang mit v\u00f6lliger Gleichg\u00fcltigkeit hingenommen haben, hat er das Thema in den Mittelpunkt gestellt und der Globalisierung mit seiner Zollpolitik den Kampf angesagt.&nbsp;<\/em>Das eine ist so richtig wie das andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nun mein Verh\u00e4ltnis zum Kapitalismus betrifft, so&nbsp;<em>ist der Anreiz, neue Produkte zu entwickeln und arbeitssparender zu produzieren, .. der Grund daf\u00fcr, dass.. \/<\/em>der Kapitalismus<em>\/ 150 Jahre lang die technologische Entwicklung vorangetrieben und die materiellen Grundlagen f\u00fcr unseren gesellschaftlichen Wohlstand vervielfacht hat.&nbsp;<\/em>Das ist die positive Seite dieses Wirtschaftssystem. \/Der Kapitalismus\/..&nbsp;<em>funktioniert also am besten in wettbewerbsintensiven Industrien, in denen Gesetze und starke Gewerkschaften f\u00fcr steigende L\u00f6hne und hohe Sozial- und Umweltstandards sorgen.&nbsp;<\/em>Wenn diese Bedingungen fehlen, sieht es aber v\u00f6llig anders aus.&nbsp;<em>Alles in allem ist der Kapitalismus f\u00fcr eine \u00d6konomie, die von Dienstleistungen dominiert wird, keine vorteilhafte Wirtschaftsordnung.<\/em>&nbsp;<em>Die digitalen Technologien sind f\u00fcr kapitalistisches Wirtschaften denkbar ungeeignet, weil sie aufgrund des Monopolisierungstrends zu extrem hohen Gewinnspannen bei gleichzeitig beispielloser Marktmacht f\u00fchren.<\/em>&nbsp;Heute ist Kapitalismus vielerorts kein \u00f6konomisches Rezept zur F\u00f6rderung von Wohlstand und Wohlergehen sondern das gerade Gegenteil.&nbsp;<em>Ein Extrembeispiel ist der \u00e4rmste Bezirk im schottischen Glasgow, in dem besonders viele Menschen leben, die durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte aus der Bahn geworfen wurden. Hier betr\u00e4gt die Lebenserwartung aktuell gerade noch 54 Jahre, 30 Jahre weniger als in den reichen Londoner Vierteln Kensington und Chelsea. In den USA ist die Lebenserwartung von Frauen und vor allem M\u00e4nnern aus der alten Mittelklasse und der Arbeiterschaft seit Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig.&nbsp;<\/em>Wo liegt der Widerspruch, wenn ich beides zugleich aufzeige?<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Ich gebe Ihnen recht. Sie vertreten eine stimmige Position.<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Und jetzt zu meiner Beurteilung von Rechts versus Links.&nbsp;<em>Rechts im origin\u00e4ren Verst\u00e4ndnis ist die Bef\u00fcrwortung von Krieg, Sozialabbau und gro\u00dfer Ungleichheit. Das aber sind Positionen, die auch viele Gr\u00fcne und linksliberale Sozialdemokraten teilen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Eine harsche Kritik. Sie denken an die Bef\u00fcrwortung des Jugoslawienkriegs durch Joschka Fischer?<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Zum Beispiel. <em>Sich von reaktion\u00e4ren Traditionen zu verabschieden, ist etwas ganz anderes als die Aufl\u00f6sung aller Gemeinsamkeiten und den Zerfall der Gesellschaft in ein gleichg\u00fcltiges Nebeneinander vereinzelter Individuen und egoistischer Kleingruppen als progressive Modernisierung zu bejubeln. Die meisten Menschen lieben ihre Heimat und identifizieren sich mit ihrem Land, und sie wollen daf\u00fcr nicht angefeindet oder moralisch herabgew\u00fcrdigt werden. Wenn die Linksliberalen der Renationalisierung der Politik den Kampf ansagen, dann \u00fcbersetzen sie das damit, dass die Linke den Sozialstaat nicht mehr verteidigt. F\u00fcr Menschen, die sich an Gemeinschaften orientieren, ist ihre Familie nicht irgendeine Familie, ihre Heimatregion nicht irgendein Landstrich und ihr Land etwas anderes als andere L\u00e4nder. Deshalb f\u00fchlen sie sich Staatsb\u00fcrgern des eigenen Landes enger verbunden als Menschen, die woanders leben, und sie wollen nicht, dass die Politik oder die Wirtschaft in ihrem Land von au\u00dfen gesteuert wird. Wer so denkt und die geschilderten Werte hochh\u00e4lt, wird heute konservativ genannt. Der Begriff ist nicht falsch. Menschen, die so denken, wollen tats\u00e4chlich ein Wertesystem erhalten und vor Zerst\u00f6rung bewahren, das im globalisierten Kapitalismus unserer Zeit unter massivem Druck steht und teilweise bereits zerbrochen ist. All diese Einstellungen, die nach Umfragen von Mehrheiten geteilt werden, kann man als aufgekl\u00e4rt konservativ bezeichnen. Sie sind mit einer grunds\u00e4tzlich liberalen Grundeinstellung problemlos vereinbar. In einem tieferen Sinne sind sie sogar links. Denn sie entsprechen der Lebenswelt, den Traditionen und auch den sozialen Interessen der Besch\u00e4ftigten in nichtakademischen Industrie- und Serviceberufen und der klassischen Mittelschicht. Eines sind sie in jedem Fall nicht: rechts.&nbsp;<\/em>Auf keinen Fall ist&nbsp;<em>die Sehnsucht nach sozialen Bindungen &#8230; \/<\/em>das<em>\/ Ergebnis einer Unterwerfung, wie einer der Vordenker des Linksliberalismus, Michel Foucault, behauptet hat. Die Pr\u00e4gung des Menschen durch seine Geschichte und nationale Kultur ist daher auch kein Gef\u00e4ngnis, aus dem man ihn befreien muss. Der Wertkonservatismus, der sich an Zugeh\u00f6rigkeit und Gemeinschaft orientiert, hat aber nicht nur die meisten konservativen Parteien zum Gegner, sondern auch den Linksliberalismus: Letzterem gelten Menschen mit wertkonservativen Einstellungen als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und sie werden verd\u00e4chtigt, \u00fcberholte Vorurteile und Ressentiments zu pflegen.<\/em>&nbsp;Aber<em>&nbsp;wertkonservativ und zugleich links zu sein ist kein Widerspruch. Zugespitzt k\u00f6nnte man ein solches Programm als linkskonservativ bezeichnen, auch wenn dieser Begriff mit dem Risiko lebt, von beiden Seiten abgelehnt zu werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Und doch sind Sie mit Ihrer abw\u00e4genden Art von einer- und andererseits seltsam aus der Zeit gefallen! Junge Leute wollen kein Jein. Die wollen Eindeutigkeit und sie wollen dreinschlagen, wenn Ihnen Politik und Wirtschaft nicht l\u00e4nger passen.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Und das tun sie ja auch mit den endlosen Hasstiraden, die uns aus der Giftk\u00fcche der Social Media entgegensch\u00e4umen. Da lob ich mir den klaren, ehrlichen Blick auf die Wirklichkeit, den uns Frau Wagenknecht bietet. Nur die Emp\u00f6rten, die Dummen und die Verbrecher beziehen eindeutige Positionen. Vernunft w\u00e4gt ab.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Haben die Vern\u00fcnftigen jemals Weltpolitik gemacht? Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden D\u00e4mmerung ihren Flug. Frau Wagenknecht ist aber keine Minerva und nicht einmal eine Eule, sie bet\u00f6rt uns mit ihren idealistischen Visionen. Ginge es nach ihr, so m\u00fcsste man dem Nationalstaat nur wieder mit den Instrumenten ausstatten, welche in den drei Nachkriegsjahrzehnten einen vergleichsweise gerechten Kapitalismus erm\u00f6glichten &#8211; und schon w\u00fcrde sich alles zum Guten wenden.<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Ja, der Nationalstaat ist kein Auslaufmodell.&nbsp;<em>Die linke&#8230; \/<\/em>Position<em>\/ besteht darin, den Nationalstaat nicht nur als obsolet, sondern dar\u00fcber hinaus als gef\u00e4hrlich, n\u00e4mlich potenziell aggressiv und kriegsl\u00fcstern darzustellen. Von einer Handlungsunf\u00e4higkeit der Nationalstaaten kann \/<\/em>aber<em>\/.. keine Rede sein. In jeder gro\u00dfen Krise, egal ob gerade die Banken kollabieren oder Corona die Wirtschaft in den Abgrund zieht, entpuppten sich die totgesagten Nationalstaaten sogar als die einzigen handlungsf\u00e4higen Akteure. Nicht die internationalen Organisationen, sondern die gro\u00dfen Nationalstaaten sind m\u00e4chtig genug, die Einhaltung bestimmter Regeln auch au\u00dferhalb ihres Territoriums zu erzwingen. Besonders r\u00fccksichtslos wird diese Macht mittlerweile von den Vereinigten Staaten eingesetzt. Die Nationalstaaten sind.. auch die einzige Instanz, die gegenw\u00e4rtig in nennenswertem Umfang Marktergebnisse korrigiert, Einkommen umverteilt und soziale Absicherungen bereitstellt. Die M\u00e4r vom schwachen Nationalstaat in unserer globalisierten Welt ist also vor allem eins: eine Zweckl\u00fcge der Regierungen, um die Verantwortung f\u00fcr die Abkehr von den einstigen Schutz- und Sicherheitsversprechen des Staates auf Sachzw\u00e4nge abzuw\u00e4lzen. Laut einer Befragung des World Value Survey zwischen 2010 und 2014 liegt der Anteil der EU-B\u00fcrger, die sich zuerst als Europ\u00e4er und dann erst als B\u00fcrger ihres Nationalstaats f\u00fchlen, in den verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zwischen 4 und 6 Prozent. Den h\u00f6chsten Wert gibt es in Deutschland mit 10 Prozent. Es hilft nichts: Die h\u00f6chste Ebene, auf der Institutionen f\u00fcr gemeinschaftliches Handeln und gemeinsame Probleml\u00f6sungen existieren, die auch noch demokratisch kontrolliert werden k\u00f6nnen, ist auf absehbare Zeit nicht Europa und schon gar nicht die Welt. Es ist der viel gescholtene und voreilig f\u00fcr tot erkl\u00e4rte Nationalstaat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Und doch zeigen Sie in Ihrem Buch doch gerade, dass der Nationalstaat den Schwachen nicht l\u00e4nger hilft. Sie widersprechen sich und betreiben Agitation gegen Europa, womit Sie die Kr\u00e4fte des rechten Lagers st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Eine b\u00f6swillige Unterstellung. Ich zeige nur, dass der neoliberale konzerngesteuerte Nationalstaat, der die Solidarit\u00e4t mit den eigenen B\u00fcrgern gek\u00fcndigt hat, den Schwachen nicht l\u00e4nger hilft. Und ich zeige, dass auch Europa seine Pflicht gegen\u00fcber den einfachen B\u00fcrgern nicht mehr erf\u00fcllt.<em>&nbsp;Seit 2011 das sogenannte Europ\u00e4ische Semester eingef\u00fchrt wurde, in dessen Rahmen die EU-Kommission direkten Einfluss auf die nationalen Haushaltspl\u00e4ne nehmen kann, forderte sie europ\u00e4ische Staaten insgesamt 63 (!) Mal zu K\u00fcrzungen im Gesundheitswesen und zur verst\u00e4rkten Privatisierung von Krankenh\u00e4usern auf. Rund 50 Mal forderte die EU-Kommission Regierungen auf, Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um Lohnwachstum zu unterbinden. 38 Mal erteilte sie Anweisungen zur Einschr\u00e4nkung des K\u00fcndigungsschutzes und zum Abbau anderer Arbeitnehmerrechte.&nbsp;<\/em>Und der Europ\u00e4ische Gerichtshof unterst\u00fctzt diese Politik.<em>&nbsp;Der rote Faden, der sich durch&nbsp;<\/em>\/seine<em>\/ sozial\u00f6konomischen Urteile.. zieht, ist unverkennbar: Sie beg\u00fcnstigen gro\u00dfe transnationale Konzerne und sie verschlechtern die Bedingungen f\u00fcr Arbeitnehmer und Mittelstand. Die Europ\u00e4ische Union sei heute, schlussfolgert Thomas Piketty, zu einem Thema geworden, das die Bildungs- und Wirtschaftseliten verbinde, also Oberschicht und akademische Mittelschicht, w\u00e4hrend es auf der Gegenseite die klassische Mittelschicht, die Arbeiter und einfache Servicebesch\u00e4ftigte zusammenf\u00fchrt, die sich in den meisten L\u00e4ndern in ihrer Ablehnung des derzeitigen Europa einig sind.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Frau Wagenknecht. Die Globalisierung wurde nicht in Europa, sie wurde von den USA gemacht. Diese Tatsache blenden sie aus.<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Die Globalisierung der Produktion war.. ein unter dem Druck der Konzerne politisch erm\u00f6glichter Prozess. Ihr Motiv waren nicht Produktivit\u00e4tsfortschritte, sondern Interessen. Sie hob nicht den allgemeinen Wohlstand, sondern machte einige reicher und viele \u00e4rmer.&nbsp;&nbsp;Es wird gesch\u00e4tzt, dass ein F\u00fcnftel bis ein Viertel der verlorenen Industriearbeitspl\u00e4tze auf das Outsourcing zur\u00fcckgeht. Hatten zu Beginn der siebziger Jahre gro\u00dfe Automobilbauer noch etwa 60 Prozent der Wertsch\u00f6pfung in Eigenregie vollzogen, lag diese Quote am Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch zwischen 20 und 30 Prozent. Allein bis 1983, innerhalb der ersten f\u00fcnf Jahre der Regierung Thatcher, verschwand ein Drittel aller britischen Industriearbeitspl\u00e4tze. In Gro\u00dfbritannien und Frankreich ging bis 2012 jeder zweite Industriearbeitsplatz verloren, in Deutschland war es jeder vierte. Am st\u00e4rksten betroffen waren die Branchen Textil, Schiffbau, Bergbau und Stahl.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Da ist Ihnen aber ein Irrtum unterlaufen &#8211; und noch dazu ein sehr gro\u00dfer. Die Globalisierung hat nicht einige reicher und viele \u00e4rmer sondern genau umgekehrt: sie hat viele reicher und einige \u00e4rmer gemacht. Beinahe ein Viertel der Menschheit, n\u00e4mlich Japan, China und die Asiatischen Tiger sind reich geworden und Indien ist im Begriff, ihnen zu folgen. Nur die alten Industrienationen USA und Europa, bev\u00f6lkerungsm\u00e4\u00dfig ein Bruchteil der Menschheit, haben Verluste hinnehmen m\u00fcssen, weil viele ihrer Industrien von den Asiaten \u00fcbernommen wurden. Wer an die ganze Menschheit denkt und nicht an jenen kleinen Teil, der ohnehin schon seit zwei Jahrhunderten die gr\u00f6\u00dften Vorteile genie\u00dft, kann diese Entwicklung nur begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Es waren Politiker, die die Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben und den Weg f\u00fcr internationale Direktinvestitionen ge\u00f6ffnet haben. Es waren Politiker, die darauf verzichteten, die Unterschiede in den Produktionskosten durch Z\u00f6lle auszugleichen oder auch nur das internationale Steuerdumping einzud\u00e4mmen. Es waren Politiker, die sich um Investitionsschutzabkommen und den weltweiten Schutz von Marken-, Patent- und Urheberrechten bem\u00fchten, um die Auslandsinvestments der Konzerne in einen m\u00f6glichst vorteilhaften rechtlichen Rahmen einzubetten. Sie taten das, weil Wirtschaftsunternehmen und ihre Lobbyisten all ihren Einfluss, ihr Geld und ihre \u00f6konomische Macht zum Einsatz brachten, um die entsprechenden Entscheidungen herbeizuf\u00fchren. Aber die Politik h\u00e4tte das nicht tun m\u00fcssen. Die Globalisierung hat den Reichtum der Oberschicht und der Wirtschaftseliten extrem vergr\u00f6\u00dfert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Da stimme ich Frau Wagenknecht zu. Dieses Vorgehen war nicht das Ergebnis eines altruistisch bewegten Weltb\u00fcrgertums. Amerikanische Unternehmen machten China reich, sie legten den Grundstein f\u00fcr den Aufstieg der kommenden Weltmacht, die Amerika von der ersten Stelle verdr\u00e4ngen wird, aber sie taten das nicht etwa aus Kosmopolitismus und N\u00e4chstenliebe. Sie taten es aus kurzfristigem Interesse und langfristiger Dummheit, denn sie selbst haben den m\u00e4chtigen Rivalen dadurch \u00fcberhaupt erst geschaffen und aufgep\u00e4ppelt.<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Die Chiffre der Weltoffenheit und das linksliberale Weltb\u00fcrger-Gehabe sind.. vor allem eins: eine besonders trickreiche, weil mit edlen Motiven versehene Rechtfertigung genau der Entwicklung, die wir seit gut drei\u00dfig Jahren erleben: eine Rechtfertigung f\u00fcr die Freiheit globalen Renditestrebens, das durch keine staatlichen Einschr\u00e4nkungen mehr behindert wird, Auch das zeigt, dass das zelebrierte Weltb\u00fcrgertum vor allem ein Alibi ist, um sich der Bindungen und damit auch der empfundenen Verpflichtungen gegen\u00fcber den weniger privilegierten Bev\u00f6lkerungsschichten im eigenen Land zu entledigen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich bestehe darauf, dass man nicht ganze Bev\u00f6lkerungsschichten in die Arbeitslosigkeit entlassen darf. Dann wird es Revolutionen geben wie im Nahen Osten und im Ansatz auch schon in den USA. Das w\u00e4re eine Horrorvision f\u00fcr Rechts und Links gleicherma\u00dfen. Wenn die Linken nicht f\u00fcr die Benachteiligten Partei ergreifen, dann werden es eben die Rechten tun.&nbsp;<em>W\u00e4hrend die Parteien, die in Polen unter dem Label links firmierten, einem Wildwest-Kapitalismus mit extremer Ungleichheit den Boden bereitet hatten, beschloss die viel gescholtene PiS nach ihrem Wahlsieg 2015 das gr\u00f6\u00dfte Sozialprogramm der j\u00fcngeren polnischen Geschichte. Dazu geh\u00f6rte als wichtigste Ma\u00dfnahme ein Kindergeld von 500 Zloty pro Monat, umgerechnet rund 120 Euro, eine mit Blick auf das polnische Pro-Kopf-Einkommen gewaltige Summe. Allein diese Ma\u00dfnahme hat die Armutsquote in Polen um 20 bis 40 Prozent reduziert, bei Kindern sogar um 70 bis 90 Prozent. Welche linke Partei kann in j\u00fcngerer Zeit solche Erfolge vorweisen? Wie unsympathisch man die PiS sonst immer finden mag und wie reaktion\u00e4r deren Positionen in vielen Fragen tats\u00e4chlich sind, dieses Paket steht f\u00fcr eine couragierte Sozialpolitik, wie man sie sich von allen sozialdemokratischen und linken Parteien in Westeuropa w\u00fcnschen w\u00fcrde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Einverstanden! Genau diese Politik hat China ganz genauso betrieben und deswegen kann die dortige Diktatur bis heute auf die Loyalit\u00e4t ihrer Bev\u00f6lkerung vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>SW: So ist es.&nbsp;<em>W\u00e4hrend in China 82 Prozent und in Indien 79 Prozent Vertrauen in die genannten Institutionen \/<\/em>Staat, Wirtschaft und Medien<em>\/ haben, sind es in den USA nur 47 Prozent, in Deutschland 46 Prozent und in Gro\u00dfbritannien 42 Prozent.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Sie loben nicht nur die Regierungen in Polen und Ungarn sondern selbst noch die chinesische Diktatur. Wie k\u00f6nnen Sie sich da noch wundern, dass viele Sie f\u00fcr eine verkappte Rechte halten?<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Eine b\u00f6swillige Unterstellung! Ich versuche nur zu verstehen, warum Menschen mit einer Regierung zufrieden sind, welche Ihre Interessen vertritt und warum sie umgekehrt Regierungen &#8211; gleichg\u00fcltig ob links oder rechts &#8211; ihre Stimme verweigern, die diese Interessen ignorieren.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: China hat zwei Drittel der weltweiten industriellen Produktion \u00fcbernommen, weil es nach wie vor \u00fcber ein gewaltiges Reservoir an disziplinierten Billigarbeitern verf\u00fcgt. Was Deutschland vor einem halben Jahrhundert einmal war, aber inzwischen immer weniger ist: ein Sozialstaat, genau das ist China heute. Millionen Menschen wurden aus der Armut erl\u00f6st, inzwischen erfreut sich das Milliardenvolk sogar einer Krankenversicherung f\u00fcr alle. Bei uns aber m\u00fcssen immer mehr Menschen auf den gewohnten Lebensstandard verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Dann h\u00e4tten eure Politiker also das Gemeinwohl verraten? Diese Sicht kann ich nicht teilen. Nein, es gab Gr\u00fcnde f\u00fcr den von ihnen eingeleiteten Umbau der Wirtschaft. Der ehemalige Justizminister Horst Ehmke bezeichnete Daimler Benz damals als eine Bank mit angegliederter Autoabteilung.&nbsp;\u201eDie Firma Daimler-Benz hat im Jahre 1981 an ihren Einnahmen aus Verm\u00f6gen, vor allem an Zinseinnahmen, mehr verdient als am Verkauf der Lkw- und Pkw-Produktion\u201c, gab er am 13. Oktober 1982 vor dem Deutschen Bundestag zu Protokoll. \u00c4hnlich verhielt es sich damals in den Vereinigten Staaten. \u201eGeneral Motors\u2026 verdient heute mehr Geld mit Hypotheken als mit dem Verkauf von Autos\u201c (Roszak, Alarmstufe rot, S.&nbsp;67).&nbsp;Die M\u00e4rkte waren ges\u00e4ttigt, f\u00fchrende Industrien verdienten nichts mehr in der Realwirtschaft, deshalb lie\u00dfen sie sich auf Finanzspekulationen ein. Da traten Wirtschaftswissenschaftler wie Robert Reich auf die B\u00fchne und verk\u00fcndeten der Welt, dass die Vorortproduktion (local content) ein Fehler sei. Der sogenannte Washington Consensus erhob diese Lehrmeinung zum Dogma und forderte eine neue \u00f6konomische Ordnung. Das war die entscheidende Wende zur Globalisierung. Ihr Europ\u00e4er habt da nur ohnm\u00e4chtig zuschauen k\u00f6nnen. Nachdem die USA einmal begonnen hatten, immer gr\u00f6\u00dfere Bereiche der industriellen Fertigung nach China auszulagern, blieb deutschen Unternehmen gar keine andere Wahl als diese Strategie zu \u00fcbernehmen, andernfalls w\u00e4ren deutsche Produkte aufgrund zu hoher Preise auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsf\u00e4hig gewesen. Anders als Sie, Frau Wagenknecht, uns einreden wollen, waren die deutschen Politiker und die deutsche Wirtschaft in dieser Situation die Getriebenen. Der Nationalstaat war gegen\u00fcber dieser Entwicklung zur Ohnmacht verdammt.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Nicht ganz. Deutsche Politiker h\u00e4tten die Globalisierung verweigern k\u00f6nnen. Dann w\u00e4re der deutsche Export eben auf Europa beschr\u00e4nkt geblieben. Zu Beginn der Neunziger Jahre waren die Auswirkungen dieses Verzichts noch \u00fcberschaubar. Drei Viertel des deutschen Exports gingen damals noch nach Europa, der Verlust h\u00e4tte sich somit auf den vierten Teil des damaligen Exports beschr\u00e4nkt. Diesen Vorschlag hatte ich in meinem Buch &#8222;Die Arbeitslose Gesellschaft&#8220; (S. Fischer) gemacht. Meinhard Miegel kommentierte ihn mit den Worten: &#8222;Versuchen Sie mal, deutsche Industrielle zu einem Verzicht zu bewegen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Dieser Verzicht war schon deswegen nicht zu erwarten, weil die Globalisierung f\u00fcr eine Mehrheit der Menschheit segensreich war und es immer noch ist. Chinesen und Inder w\u00fcrden die Thesen von Frau Wagenknecht schlicht als absurd bezeichnen &#8211; und genau deswegen haben sie ja auch so gro\u00dfes Vertrauen in ihre Regierungen. Zugleich aber m\u00fcsst ihr die Tatsache akzeptieren, dass Auslagerung, wenn ein Staat (in diesem Fall die USA) einmal damit begonnen hat, von den \u00fcbrigen Staaten akzeptiert werden muss, um auf dem Weltmarkt pr\u00e4sent zu bleiben. Vor diesem Faktum verschlie\u00dft Frau Wagenknecht beflissen die Augen, weil es nicht in ihr Bild vom souver\u00e4nen Nationalstaat passen will. Damit stimmt auch ihr harsches Urteil \u00fcber die Agenda 2010 des damaligen deutschen Kanzlers Gerhard Schr\u00f6der zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Wirtschaftsliberale wie Schr\u00f6der oder Blair haben sich im Umgang mit Konzernvorst\u00e4nden und Unternehmerverb\u00e4nden von ihren konservativen Kollegen in der Regel nur durch ihre noch gr\u00f6\u00dfere Unterw\u00fcrfigkeit unterschieden. \/<\/em>Die Existenz<em>\/ des Niedriglohnsektors\/ geht \/<\/em>zum Teil<em>\/.. auf die Arbeitsmarktreformen in der Zeit der SPD-Gr\u00fcnen-Koalition unter Gerhard Schr\u00f6der zur\u00fcck, die viele Schutzrechte von Besch\u00e4ftigten aufgehoben und den Unternehmen die M\u00f6glichkeit gegeben hatte, gro\u00dffl\u00e4chig regul\u00e4re Vollzeitjobs durch irregul\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse zu ersetzen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Wieder klammert Frau Wagenknecht einen wesentlichen Teil der \u00f6konomischen Realit\u00e4t einfach aus. Nachdem der Washington Consensus die Auslagerung salonf\u00e4hig machte, hing die H\u00f6he der in Deutschland gezahlten L\u00f6hne eben nicht mehr ausschlie\u00dflich von den Wettbewerbsbedingungen in Europa ab sondern ebenso von den Vorgaben des Weltmarkts. Wenn Billiglohnl\u00e4nder dort Produkte zu weit geringeren Preisen absetzten, dann mussten deutsche Exportunternehmen die L\u00f6hne zu Hause dr\u00fccken oder sie wurden vom Markt gedr\u00e4ngt. Diesem \u00e4u\u00dferen Zwang standen die betreffenden Unternehmen so machtlos wie die Gewerkschaften gegen\u00fcber. Das will Frau Wagenknecht nicht sehen (ebenso wie Heiner Flassbeck und viele andere). Sie scheint ganz zu vergessen, dass diese Verdr\u00e4ngung bereits in vollem Gange war, deswegen verspottete ja der Rest der Welt das damalige Deutschland als &#8222;den kranken Mann Europas&#8220;. Mit der Agenda 2010 hat Schr\u00f6der damals nur die Notbremse gezogen. Indem er den deutschen Sozialstaat verbilligte, verschaffte er dem deutschen Export einen gewaltigen Aufschwung aber um den Preis im eigenen Land einen Niedriglohnsektor, den gr\u00f6\u00dften in Europa, zu installieren. F\u00fcr eine linke Partei wie die SPD war es ein furchtbares Ungl\u00fcck, dass gerade ein Kanzler aus ihrer Reihe sich zu einem solchen Schritt entschloss.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Solange Deutschland mit Innovationen brillierte, war es dem \u00e4u\u00dferen Lohndruck noch wenig unterworfen, denn f\u00fcr innovative Produkte k\u00f6nnen Unternehmen zumindest zeitweise Monopolpreise verlangen. Aber Innovation l\u00e4sst sich nicht verordnen. Die Chinesen melden inzwischen weltweit die meisten Patente an.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Frau Wagenknecht pflegt noch eine Reihe anderer Illusionen. Auch ohne Auslagerung wird es kein Zur\u00fcck zu den Zust\u00e4nden vor einem halben Jahrhundert geben. Ich wundere mich sehr dar\u00fcber, dass der Begriff &#8222;Automation&#8220; in Ihrem Buch nicht ein einziges Mal erscheint. Aber gerade diese von Ihnen, Frau Wagenknecht, aus gutem Grund unterschlagene Automation macht Ihre Vision zuschanden. Arbeiter und Angestellte, deren Funktion in der Aus\u00fcbung geistiger oder k\u00f6rperlicher Routinevorg\u00e4nge bestand, werden in der modernen Wirtschaft nicht l\u00e4nger gebraucht, weil ein Gro\u00dfteil ihrer T\u00e4tigkeiten inzwischen von Robotern und k\u00fcnstlicher Intelligenz erledigt wird. Wer nicht gebraucht wird, dem wird aber auch kein Lohn gezahlt. Nat\u00fcrlich kann man kein Unternehmen und keinen Staat dazu zwingen, Roboter und k\u00fcnstliche Intelligenz einzusetzen, aber wenn er diese Entwicklung verschl\u00e4ft oder verweigert, bleibt er technologisch zur\u00fcck und seine Unternehmen produzieren weniger effizient und teurer. Aus diesem Grunde sind Digitalisierung und der Siegeszug der arbeitsvernichtenden Roboter nicht l\u00e4nger aufzuhalten. Davon sind aber s\u00e4mtliche klassischen Berufe der Arbeiterschaft und der Angestellten betroffen &#8211; also jener Teil der Bev\u00f6lkerung der w\u00e4hrend der drei von Frau Wagenknecht als Vorbild ger\u00fchmten drei Nachkriegsjahrzehnte einmal die Mehrheit gebildet hatte. Aufgrund des technischen Fortschritts ist diese Mehrheit jetzt schon weitgehend weggebr\u00f6ckelt. Wie k\u00f6nnen Sie da noch hoffen, dass deren Vertretung, die Gewerkschaften, in Zukunft noch eine Rolle spielen? Wie wollen Sie mit den Instrumenten der Vergangenheit, die Herausforderungen dieser ganz neuen Zukunft meistern?<\/p>\n\n\n\n<p>SW:&nbsp;<em>Privates Eigentum und Gewinnstreben \/<\/em>kann<em>\/ nur da den technologischen Fortschritt voranbringen und damit die Wohlstandspotenziale der Wirtschaft erh\u00f6hen, wo der Wettbewerb funktioniert und klare Regeln und Gesetze daf\u00fcr sorgen, dass Kosten nicht zulasten von Besch\u00e4ftigten und Umwelt gesenkt werden k\u00f6nnen.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Das ist leider nicht wahr. Aufgrund der Agenda 2010 wurde Deutschland insgesamt reicher, es gab wieder Wachstum, nur die weniger beg\u00fcnstigten Schichten, die Globalisierungsverlierer, haben gelitten. Und wie gesagt, w\u00e4hrend die Globalisierung die Verlierer in Old Europe und den Vereinigten Staaten \u00e4rmer macht, ist nahezu ein Viertel der Menschheit seitdem wohlhabender geworden &#8211; insgesamt wurde die Welt also reicher.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Weswegen Frau Wagenknecht ja auch nur aus Old Europe und vielleicht auch noch aus den Vereinigten Staaten Beifall f\u00fcr ihre Thesen erh\u00e4lt. Aber meine Zweifel reichen noch tiefer. Etwas anderes &#8211; etwas wirklich Erschreckendes &#8211; hat sie n\u00e4mlich ganz \u00fcbersehen. Seit der industriellen Revolution ging die Welt etwa zwei Jahrhunderte lang davon aus, dass Ressourcen in unbegrenzter Menge vorhanden seien. Auf dieser Hoffnung beruhte die Forderung nach ewigem Wachstum, das irgendwann alle Menschen des Globus reich machen w\u00fcrde. Auf diese Illusion muss die Menschheit inzwischen verzichten. Jetzt schon verbraucht sie mehr als nur einen einzigen Globus (weil sie in zunehmendem Tempo die nicht erneuerbaren fossilen Energiereserven verzehrt). Wenn aber ein nicht mehr vermehrbarer Rest aufgezehrt wird, dann haben wir es mit einem Nullsummenspiel zu tun. Was die einen zu viel verbrauchen, muss den anderen jetzt und in Zukunft fehlen. In einer Welt mit begrenzten Ressourcen wird der Reichtum f\u00fcr alle zur Fata Morgana. Das Wachstum der einen geht zwangsl\u00e4ufig zu Lasten der anderen. Diesen Einwand gegen das Wachstum m\u00fcsstet ihr selbst dann noch akzeptieren, wenn es die Klimakrise nicht g\u00e4be.<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Ach ja, die Klimakrise.&nbsp;<em>\u00bbFridays for Future\u00ab und der linksliberale Mainstream hatten die Klimadebatte zu einer Lifestyle-Debatte gemacht und die Forderung nach einer CO<sub>2<\/sub>-Steuer in den Mittelpunkt gestellt. Das als Reaktion auf die\/<\/em>se<em>\/ Bewegung von der Bundesregierung beschlossene Klimapaket belastet \u00fcberproportional die untere Mitte und die \u00c4rmeren sowie Menschen, die in l\u00e4ndlichen Regionen leben.<\/em>&nbsp;<em>Wollen wir, um Umwelt und Klima zu retten, viele Annehmlichkeiten des Lebens wieder zu einem Luxusgut machen, das sich nur noch Privilegierte leisten k\u00f6nnen \u2013 oder stattdessen lieber nachhaltig und mit anderen Technologien produzieren?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Bitte, das ist doch wohl die falsche Alternative. Das bisherige Wachstum f\u00fchrt auf den Zusammenbruch zu, wenn wir den Ressourcenverbrauch nicht radikal beschr\u00e4nken. An anderer Stelle geben Sie selbst das ja auch zu:&nbsp;<em>Woher soll die Energie kommen, die unsere Wirtschaft am Laufen h\u00e4lt, unsere Fahrzeuge antreibt und unsere H\u00e4user mit W\u00e4rme und Strom versorgt, wenn wir auf fossile Energietr\u00e4ger verzichten und auch nicht zum Atomstrom zur\u00fcckkehren wollen? Wer glaubt, dieses Problem durch ein paar mehr Windr\u00e4der und Solarpanels auf dem heutigen technologischen Stand l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, hat sich offenbar nie mit dem Energiebedarf einer Gesellschaft wie der unsrigen und auch nicht damit besch\u00e4ftigt, dass dunkle, windarme Tage in unseren Breiten trotz Klimawandels sehr h\u00e4ufig sind.&nbsp;<\/em>Indirekt geben Sie an dieser Stelle also selber zu, dass Klimawandel und versiegende Ressourcen den Verzicht erzwingen. Die Frage ist eben nur, wer soll da verzichten? Sie setzen sich f\u00fcr die \u00c4rmsten der Gesellschaft ein &#8211; und da stehe ich ganz an Ihrer Seite. Wenn der Verzicht nicht zu Aufst\u00e4nden innerhalb der Staaten und zu Ressourcenkriegen zwischen ihnen f\u00fchren soll, dann muss er f\u00fcr alle gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Sehr richtig, aber diesen Verzicht auch durchzusetzen, dazu ist der Nationalstaat nicht in der Lage. Wenn er die Unternehmen im eigenen Land so besteuert, dass den Armen ernstlich geholfen wird, verlagern sie ihren Sitz ins Ausland; wenn er die Reichen zur Kasse bittet, ergreifen sie mit ihrem Kapital die Flucht; wenn er dem Talent &#8211; den Wissenschaftlern, Informatikern, \u00c4rzten etc. &#8211; die Geh\u00e4lter zum Zweck der Umverteilung k\u00fcrzt, sucht es sich seine Arbeitspl\u00e4tze an anderen Orten. Nur neue Mauern zwischen den Staaten &#8211; eine weltweite Deglobalisierung &#8211; k\u00f6nnte solches Ausweichen verhindern. Aber das w\u00e4re nur unter Bedingungen m\u00f6glich, die heute gerade nicht existieren. Jeder Staat m\u00fcsste die f\u00fcr seinen Wohlstand erforderlichen Ressourcen im eigenen Land finden k\u00f6nnen; es d\u00fcrfte die Abfallprodukte nicht geben, mit denen er die Luft und die Meere des ganzen Globus verseucht und die Raketen und Bomben, womit er die ganze \u00fcbrige Welt bedroht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Technologie hat euch die Globalisierung aufgezwungen &#8211; nicht die B\u00f6swilligkeit von Politikern. Ihr sitzt alle im gleichen Boot, weil ihr den Globus seit einem Jahrhundert, so klein gemacht habt, dass jeder in Echtzeit wissen kann, was im selben Augenblick nicht nur sein Nachbar am selben Ort sondern die Menschen auf der anderen Seite des Globus tun und bezwecken. Die durch Technik bewirkte Globalisierung ist euer Verh\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Ich beharre darauf, dass es trotzdem immer noch den Gegensatz von nah und ferne gibt.&nbsp;<em>Eine Schl\u00fcsselkategorie zur Abgrenzung von Gemeinschaften ist die Unterscheidung von zugeh\u00f6rig und nicht zugeh\u00f6rig. In einer intakten Familie f\u00fchlen wir uns anderen Familienmitgliedern enger verbunden als Menschen, die nicht zur Familie geh\u00f6ren. Wir sind eher bereit, Familienmitglieder zu unterst\u00fctzen als Fremde. Und wir haben ein gr\u00f6\u00dferes Vertrauen, dass wir nicht ausgenutzt und hintergangen werden. Das ist kein moralisch fragw\u00fcrdiges, sondern ein normales menschliches Verhalten.&nbsp;Je mehr wir uns Menschen verbunden f\u00fchlen, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Hemmschwelle, sie \u00fcber den Tisch zu ziehen. Genau.. \/<\/em>diese N\u00e4he\/<em>&nbsp;schafft eine Basis f\u00fcr Vertrauen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Gewiss, und Sie bringen auch ein treffendes Zitat des gro\u00dfen Rousseau:&nbsp;\u00bb<em>Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in Acht, die in ihren Schriften aus weiter Ferne Pflichten herholen, deren Erf\u00fcllung sie in Bezug auf ihre eigne Umgebung ver\u00e4chtlich zur\u00fcckweisen. Ein solcher Philosoph liebt die Tataren, um dessen \u00fcberhoben zu sein, seine Nachbarn zu lieben.<\/em>\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch, ob wir es wollen oder nicht, die Technologie hat alle Menschen auf der Welt durch den st\u00e4ndig anschwellenden Fluss an Ressourcen, Waren, Informationen und leider auch M\u00fcll und Bomben einander so nahe gebracht, dass sie heute f\u00fcr ihr \u00dcberleben gezwungen sind, den Fernsten ebenso zu vertrauen wie den N\u00e4chsten in ihrer unmittelbaren Umgebung, denn alle sind heute gleicherma\u00dfen imstande, Luft und Meere zu vergiften, die Atmosph\u00e4re zu verstrahlen und die letzten Gletscher zum Schmelzen zu bringen. Man kann darin ein Verh\u00e4ngnis sehen, weil der Nationalstaat und seine Menschen die Kontrolle \u00fcber das eigene Schicksal weitgehend verloren haben. Man kann diese Abh\u00e4ngigkeit leugnen, wie Frau Wagenknecht es tut. Oder man kann der \u00fcbrigen Welt das Evangelium einer ewig wachsenden und noch dazu gr\u00fcnen Wirtschaft verhei\u00dfen, wie China es tut und sich damit r\u00fchmt, dass es in unserer Zeit der st\u00e4rkste Motor f\u00fcr die Industrieproduktion, den Welthandel und einen globalen Wohlstand sei.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Eine blau\u00e4ugige Vision, die man auch als Betrug bezeichnen kann, weil China sehr wohl um die schwindenden Ressourcen wei\u00df. Zur gleichen Zeit unternimmt es n\u00e4mlich alles in seiner Macht, um weltweit Land aufzukaufen und sich den Zugang zu den Ressourcen in Afrika ebenso wie in Lateinamerika zu sichern. Der Kampf um die verbliebenen Sch\u00e4tze hat l\u00e4ngst begonnen. Aber ich muss meinen Vorwurf noch steigern, dass Frau Wagenknecht blind f\u00fcr die wirklichen Herausforderungen ist, jene n\u00e4mlich, welche die Lage der \u00c4rmsten auch in den reichen Staaten des Westens in Zukunft noch zus\u00e4tzlich verschlimmern werden. Was wir schon seit einigen Jahrzehnten beobachten, ist ein weltweites Rennen um die besten K\u00f6pfe. Seit der digitalen Revolution wird Technik ja mit jedem Tag nur immer komplexer. Die am h\u00f6chsten entwickelten Computerprogramme sind schon heute so umfangreich, dass mit ihnen beschriebene DIN-A4 Seiten einen Stapel in der H\u00f6he des Eiffelturms ergeben. In positiver Sicht k\u00f6nnen wir das als eine Vergeistigung unserer Zivilisation bezeichnen. In negativer Perspektive l\u00e4uft diese Entwicklung darauf hinaus, dass immer weniger Menschen f\u00fcr diese Berufe in Frage kommen, denn die Gausssche Normalverteilung von Intelligenz bleibt ja dieselbe. Der Pool, aus dem hier gesch\u00f6pft werden kann, ist also begrenzt. Die Unterschiede der Bezahlung m\u00fcssen daher zwangsl\u00e4ufig gr\u00f6\u00dfer werden, weil die exzeptionelle Begabung ein seltenes Gut darstellt. Eure Gesellschaft ist in Gefahr an Komplexit\u00e4t zu scheitern oder gar zu zerbrechen. W\u00e4hrend eine schrumpfende Minderheit von Hochbegabten den technologischen &#8222;Fortschritt&#8220; aufrechterh\u00e4lt, sieht sich eine Mehrheit immer mehr ins Abseits gedr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowenig der Nationalstaat, mag er sich noch so sehr um soziale Gerechtigkeit bem\u00fchen, die Automation r\u00fcckg\u00e4ngig machen kann, so wenig kann er gegen die Tendenz wachsender Komplexit\u00e4t ausrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>SW: Sachzw\u00e4nge! Ich wei\u00df schon, so reden all jene, die auch f\u00fcr die unertr\u00e4glichsten Verh\u00e4ltnissen eine Erkl\u00e4rung finden, die sie dann dazu berechtigt, die H\u00e4nde in den Scho\u00df zu legen: da k\u00f6nne man eben nichts mehr tun.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Gegen diesen Vorwurf nehme ich meinen Freund in Schutz. Er behauptet nur, dass der Nationalstaat ohnm\u00e4chtig gegen diese Entwicklung sei. Ob wir das wollen oder nicht, es ist Technologie, die unseren Globus so sehr verengt und uns gnadenlos ihren Gesetzen ausliefert. Nirgendwo ist dieser Zwang so evident wie bei den Waffen. Jeder Staat, der es sich leisten kann, ist heute im Besitz einer R\u00fcstung, womit er zumindest seine Nachbarn vernichten kann. Die drei Superm\u00e4chte aber k\u00f6nnen mit ihren Bomben die ganze Menschheit ausl\u00f6schen und den Globus f\u00fcr Tausende von Jahren unbewohnbar machen. Der einzelne Staat kann dagegen nichts unternehmen. W\u00fcrde er sich aus christlicher N\u00e4chstenliebe dazu entschlie\u00dfen, das eigene Waffenarsenal komplett zu neutralisieren, darf er mit Sicherheit damit rechnen, unter die Knute seiner bisherigen Gegner zu geraten. In der bisherigen Geschichte wurde noch nie ein Staat belohnt, wenn er nach dem Schlag auf die rechte Backe auch noch die linke pr\u00e4sentierte. Also r\u00fcsten alle Staaten nur immer weiter auf &#8211; und werden f\u00fcr einander immer gef\u00e4hrlicher. Inzwischen gen\u00fcgt ein Funke, um einen Weltbrand zu entfachen. Diese seit Beginn des neuen Jahrhunderts uns immer st\u00e4rker bedrohende Gefahr kann kein einzelner Staat abwenden sondern ausschlie\u00dflich die Superm\u00e4chte. Entweder gelingt es ihnen, ein gemeinsames Regiment zu beschlie\u00dfen oder sie st\u00fcrzen einander und den Rest der Welt ins Verderben.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Liebe Frau, Sie haben nicht gesehen oder nicht sehen wollen, dass der Nationalstaat dieses dr\u00e4ngendste Problem des neuen Jahrhunderts nicht l\u00f6sen kann. Aber dasselbe gilt auch f\u00fcr die Klimakrise, den Ressourcenverbrauch und die Verm\u00fcllung der Umwelt. Jeder einzelne Nationalstaat, aber auch jeder Staatenbund wie die Europ\u00e4ische Union, erleidet Nachteile, wenn er allein auf fossile Brennstoffe und Atomkraft verzichtet, denn die Erneuerbaren allein k\u00f6nnen ihren Bedarf nicht decken &#8211; wie Sie selbst ja auch einr\u00e4umen. Auch hier ist der Nationalstaat zur Hilflosigkeit verdammt. F\u00fcr die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen unseres Jahrhunderts gibt es deshalb nur eine einzige L\u00f6sung. Die Staaten m\u00fcssen sich zusammensetzen und Regeln f\u00fcr die ganze Welt beschlie\u00dfen. Nur ein Verzicht, der alle zugleich betrifft, hat eine Chance auch von allen anerkannt und befolgt zu werden. Indem Sie den Nationalstaat eine L\u00f6sungskompetenz zuschreiben, die er in unserer Zeit nicht mehr haben kann, beschreiben Sie Zust\u00e4nde, die der Vergangenheit angeh\u00f6ren, ohne uns eine realistische Perspektive f\u00fcr die Zukunft zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Halt, dieses Urteil geht mir zu weit. Frau Wagenknecht ist eine Gerechte unter den Selbstgerechten, weil sie die Heuchelei der Lifestyle-Linken entlarvt. Sie wehrt sich gegen den Zerfall der Gesellschaft, der nicht nur die USA bedroht sondern auch Europa, indem sie sich an die Seite der Globalisierungsverlierer stellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sahra Wagenknecht zu GJ:<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ist denn dieser angriffslustige Herr, der mich so sehr bedr\u00e4ngt?<\/p>\n\n\n\n<p>GJ: Das ist Gottseibeiuns M., mein pers\u00f6nlicher Schatten und selbsternannter Freund.<\/p>\n\n\n\n<p>MEPH: Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das B\u00f6se will und stets das Gute schafft.<\/p>\n\n\n\n<p>GJ und sein Begleiter gemeinsam:<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Dr. Wagenknecht. Wir danken Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Ernst Ulrich von Weizs\u00e4cker<\/strong> schreibt folgenden Kommentar:<\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Gero Jenner,<\/p>\n\n\n\n<p>ein recht witziger Trialog. \u201eMephisto\u201c und Sie haben die Trumpisierende Sarah ziemlich in die Ecke getrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was in der historischen Beschreibung des Trialogs gefehlt hat, war der Kollaps des Sowjetimperiums und die daraus resultierende Arroganz der Neoliberalen. Als ich Vorsitzender der Bundestags-Enquetekommission \u201eGlobalisierung der Weltwirtschaft\u201c war, hab ich als erstes die FAZ gebeten, uns mitzuteilen, wie oft das Wort Globalisierung in der FAZ aufgetaucht sei. Die Antwort kam rasch und professionell:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"blob:https:\/\/www.gerojenner.com\/f61816cc-4390-47c5-ab33-ecca604c19a8\" alt=\"image001.png\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>(Folie f\u00fcr meine Vortr\u00e4ge. Die erste FAZ-Antwort reichte nur bis 1999. die Balken 2000 und 2001 wurden uns sp\u00e4ter nachgereicht)<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere fast einstimmige Erkl\u00e4rung war: Solange es das Sowjetimperium gab, musste \u201edas Kapital\u201c den Sozialstaat tolerieren, weil man nur mit ihm den sozial-philosophischen Kampf zwischen Marktwirtschaft und Kommunismus gewinnen konnte (zugegeben: Pinochet, Thatcher und Reagan haben sich nicht an diese Regel gehalten und haben schon in den 80er Jahren den \u201eWashington Konsens\u201c durchgesetzt \u2013 aber dieser adressierte eigentlich nur die Welt-Nord-S\u00fcd-Beziehungen, nicht die Sozialstaaten in Kontinental-Westeuropa).<\/p>\n\n\n\n<p>Trump h\u00e4tte in den 80er Jahren keine Mehrheit bekommen. Reagan und Thatcher waren &nbsp;zwar Nationalisten, aber zugleich Globalisierer, und Thatcher hat nicht im Traum an einen Brexit gedacht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Globalisierung hat (wie \u201eMephisto\u201c richtig sagt) die Regierung Schr\u00f6der praktisch zur Agenda 2010 gezwungen. Dass f\u00fcr Lafontaine und Wagenknecht Schr\u00f6der der Intimfeind wurde, spricht nicht f\u00fcr deren Weltanalysequalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Beste Gr\u00fc\u00dfe<\/p>\n\n\n\n<p>Ernst Weizs\u00e4cker<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. G\u00fcnther Schmid<\/strong> schreibt mir:<\/p>\n\n\n\n<p>Originell und interessant &#8211; aber Ihr letzter Satz?<br>Freundliche Gr\u00fc\u00dfe aus Berlin,<br>G\u00fcnther Schmid<\/p>\n\n\n\n<p>Von Herrn <strong>Karl Ernst Ehwald<\/strong> erhalte ich folgende Nachricht:<\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Gero Jenner,<\/p>\n\n\n\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr diesen ebenso geistreichen und humorvollen, als auch tiefsch\u00fcrfenden Artikel im Zusammenhang mit Sarah Wagenknechts neuestem Buch! Sie treffen, wie fast immer, voll ins Schwarze. Ein ausgezeichnetes Bild zum gegenw\u00e4rtigen Zustand der westlichen &#8222;Intelligenzia&#8220; und unserer Parteilandschaften. Die von Sarah und Ihnen angeprangerte linksliberale Intoleranz (siehe Die Gr\u00fcnen!) ist \u00fcbrigens neben der von dieser Intoleranz profitierenden R\u00fcstungsbranche eine der Haupttriebkr\u00e4fte der gegenw\u00e4rtig be\u00e4ngstigend steigenden internationalen Spannungen zwischen den sogenannten autorit\u00e4ren Regimen wie China, Russland, Iran usw. auf der einen Seite und dem sogenannten freiheitlichen Westen. Gerade zur Bewahrung unserer sch\u00f6nen Erde vor \u00f6kologischem Kollaps und\/oder Krieg muss diese verbohrte linke Intoleranz bek\u00e4mpft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als unverbesserliches Mitglied der LINKEN und deren von Sarah Wagenknecht mitgegr\u00fcndeten Kommunistischer Plattform (KPF) aus Frankfurt(oder) und dennoch eifriger Leser Ihrer Aufs\u00e4tze mit freundlichen Gru\u00df<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Ernst Ehwald<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Ulrich Scharfenorth schreibt folgenden Kommentar:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lieber Herr Jenner,<\/strong>&nbsp;da haben Sie ja wieder weit ausgeholt. Leider l\u00e4uft das Dreiergespr\u00e4ch auch auf eine Kontroverse mit S.W. hinaus. Ich h\u00e4tte es besser gefunden, wenn Sie ihre Denkweise mit der von Wagenknecht noch dichter zusammengef\u00fchrt h\u00e4tten. Denn im Grunde sind die Vorschl\u00e4ge von S. W. f\u00fcr eine moderne Wirtschaftsordnung \u00fcberaus diskussionsw\u00fcrdig &#8211; auch wenn Madame das Wort&nbsp;<em>Automatisierung<\/em>&nbsp;nicht erw\u00e4hnt. Aber daf\u00fcr werden die Begriffe Innovation, Digitalisierung und Industrie 4.0 &#8211; sie sind Voraussetzung und Bestandteil der Automatiserung&nbsp; und damit integraler Bestandteile modernen Wirtschaftens &#8211; zig mal in &#8222;Reichtum ohne Gier&#8220; bewertet und &#8222;abgearbeitet&#8220;. Ich denke Sie stellen auch auf dieses Buch ab &#8211; obwohl Sie es nicht beim Namen nennen. Klar: Wagenknecht glaubt, dass Paradigmenwechsel nur in den Nationalstaaten &#8211; in denen der W\u00e4hler direkt Druck machen kann &#8211; nicht aber in einer schlecht fassbaren EU (geschweige denn auf Basis der UNO) vollzogen werden k\u00f6nnen. Dann schlicht und ergreifend:&nbsp; Unter der Voraussetzung, dass die Macht der KonzernMultis zur\u00fcckgedreht, sprich: die Globalisierung gestoppt wird. Wagenknecht fordert, dass Innovationen in der Wirtschaft nicht zur Arbeitsplatzvernichtung f\u00fchren darf, resp. dass alte Arbeitspl\u00e4tze durch neue ersetzt werden m\u00fcssten, dass in der Gesellschaft auch f\u00fcr niedrig qualifizierte T\u00e4tigkeiten Platz bleiben m\u00fcsse.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Ansatz unterscheidet sich grunds\u00e4tzlich von Ihrem. Denn an ein Zur\u00fcckdrehen der Globalisierung, an den Erhalt des Gros der Arbeitspl\u00e4tze (vor allem der gering bezahlten), glauben Sie nicht. Und Paradigmenwechsel gehen&nbsp; &#8211; wenn ich Sie richtig verstanden habe &#8211; nur, wenn sie synchron auf der ganzen Welt (keinesfalls aber nationalstaatlich) angeschoben und verwirklicht werden. Beiden Projektionen liegen ernstzunehmende Analysen, ethische Abw\u00e4gungen und W\u00fcnsche zugrunde. Fragt sich, wo und wie eine sinnvolle Verkn\u00fcpfung m\u00f6glich ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Bewertung von Kanzler Schr\u00f6der angeht, so seh ich diesen ausschlie\u00dflich als Erf\u00fcllungsgehilfen der Wirtschaft (er hat etwas weise getan, was man allenfalls einem CDU-Granden zugetraut h\u00e4tte). Hartz IV hat den Niedriglohnsektor m\u00f6glich gemacht und die Konkurrenzf\u00e4higkeit deutscher Unternehmen auf dem Weltmarkt gesichert. Man mag das gut finden, wenn man dem Gusto des Neoliberalismus, der den eigenen Wohlstand, sprich: den f\u00fcr die Abgesicherten und Besserverdienenden sichert, folgt. F\u00fcr mich hat Schr\u00f6der zwar viele Arbeitspl\u00e4tze und ein Grundeinkommen f\u00fcr Arbeitslose gesichert, aber der urspr\u00fcnglichen&nbsp; SPD-Klientel, der Arbeiterschaft, einen Dorn ins Gesicht getrieben. Denn die Eink\u00fcnfte im Niedriglohnsektor sind nach Schr\u00f6ders Handkantenschlag um 20% gesunken. Da lief nichts in Richtung von mehr Menschlichkeit. Da standen die Erfolge, die Profite der deutschen Multis im Mittelpunkt &#8211; Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben diese Dinge ja mehr als einmal thematisiert. Die Globalisierung als Tummelplatz der Platzhirsche und Totengr\u00e4ber vieler Mittelst\u00e4ndler, die dem Gegenstrom billiger Importe nicht gewachsen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr will ich hier nicht anmerken. Eine ausf\u00fchrliche Diskusson w\u00fcrde wieder mal ein Buch f\u00fcllen. Ich f\u00e4nde es aber wichtig, die brauchbaren Hinweise von Wagenknecht ins Denken zu integrieren. Denn diese Frau ist intelligent, wegweisender als all die anderen, die uns derzeit in der Politik begegnen. Vielleicht schicken Sie ihr Papier&nbsp;+ ihr Buch&nbsp;mal direkt an ihre Adresse. W\u00e4re doch interessant zu erfahren, wie die Dame darauf reagiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfe aus Ratingen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ulrich Scharfenorth<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine kurze Replik, denn die Antwort steht im Aufsatz selbst:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Herr Scharfenorth,<\/p>\n\n\n\n<p>wie der Titel besagt, befasse ich mich ausschlie\u00dflich mit dem Buch \u00fcber die Selbstgerechten &#8211; daher stammen auch alle kursiv gedruckten Zitate. Mein Ansatz unterscheidet sich nicht grunds\u00e4tzlich von dem von Frau Wagenknecht, denn jeder vern\u00fcnftige Mensch kann nur w\u00fcnschen, dass Arbeitspl\u00e4tze im Lande bleiben. Mein Buch &#8222;Die Arbeitslose Gesellschaft&#8220; forderte genau das &#8211; und zwar schon in den Neunziger Jahren. Meine These ist nur, dass die technikgetriebene Globalisierung dies nicht mehr zul\u00e4sst, selbst dann nicht, wenn die alten Industrienationen keine &#8222;b\u00f6swilligen Politiker&#8220; h\u00e4tten. Alles Gute, Gero Jenner<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Alexander Dill<\/strong> schreibt mir folgende, recht geheimnisvolle Mail, in der er zu Recht einen Fehler beim Schreiben des Vornamens r\u00fcgt (Sarah statt Sahra):<\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Herr Jenner,&nbsp;bei mir steht stolz ein von ihr signiertes Exemplar von \u201cFreiheit statt Kapitalismus\u201d,in dem sie mich mehrfach zitiert. Nachdem ich ihren Werdegang nun seit 10 Jahren verfolge \u2013 sie hat mich inspiriert, selbst eine \u00fcberparteiliche Sitzung im Deutschen Bundestag abzuhalten (2018) und eine Bundespressekonferenz zu geben (2019) \u2013 m\u00f6chte ich feststellen:&nbsp;1) Kein politisches oder diskursives Talent kann die Dynamik des Systems&nbsp;&nbsp;&nbsp; beeinflussen. Selbst Systemkenntnis (Herbert von Arnim, Gero Jenner,&nbsp; Sahra Wagenknecht, Alexander Dill, Richard David Precht) findet keinen&nbsp;Ansatz der Beeinflussung. 2) Es gibt&nbsp;<strong>daf\u00fcr bisher keine besondere Erkl\u00e4rung<\/strong>&nbsp;&#8211; ausser vielleicht der Soziologie des Wu-Wei im Tao-Te-King von Lao-Tse. 3) Wir m\u00fcssen uns deshalb ernsthaft fragen, ob politisches und publizistisches Engagement mehr sind als eitler Selbstzweck. 4) Bitte schreiben Sie ihren Vornamen richtig&nbsp;<img decoding=\"async\" src=\"blob:https:\/\/www.gerojenner.com\/14ace497-911d-4ba1-8f7a-de49224af426\" alt=\"Smiley\">&nbsp;Herzlicher Gru\u00df von Ihrem Dr. Alexander Dill Basel Institute of Commons and Economics<\/p>\n\n\n\n<p>Von <strong>Herrn Gerhard Loettel,<\/strong> Pfarrer in Magdeburg bekommen ich folgenden Kommentar:<\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Gero Jenner !<\/p>\n\n\n\n<p>Bravo, da haben Sie ja mal wieder einen Text analysiert und beantwortet, wie nur Sie es k\u00f6nnen. Denn ehrlich gesagt, ich selbst finde mich durch diese komplexe-komplizierte Darstellung nicht durch.&nbsp; So sind mir auch die Lehren \u2013selbst durch Ihre Analyse &#8211; teils versperrt. Nur so viel habe ich verstanden, dass Sie einige der Gedanken von Frau Wagenknecht durchaus f\u00fcr bedenkenswert halten, aber Sie erkennen auch die Ungereimtheiten in dieser Darstellung, z.B. dass der Nationalstaat alle die Globalprobleme l\u00f6sen k\u00f6nnte\/sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir geht es viel einfacher um eine Frage um die Gerechtigkeit bzw. Machbarkeit von sozialen und\/oder ethischen Vorstellungen: \u201eSoll ich \u2013 als Christ oder Humanist , der sieht in wlcher verzweifelten \u2013oder gar lebensbedrohlicher Situation \u2013 sich ein Migrant befindet, immer erst einmal recherschieren, ob sich mit der Hilfe oder die Aufnahme eines solchen Migranten andere oder meine Situation verschlimmert? Oder anders gefragt, kann ich guten Gewissens einen Krieg&nbsp; (Eingreiftruppeneinsatz) ablehnen oder mache ich mich schuldig, nicht auf die Vorteile (?) eines Krieges gesehen zu haben (u.U. \u201ewir verteidigen m Hindukusch auch unsere wirtschaftlichen Interessen\u201c (K\u00f6hler ))?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit solchen Spitzfindigkeiten kann ich mich nicht abfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerhard Loettel<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Replik:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Herr Loettel,<br>Da werfen Sie eine entscheidende Frage auf, die nicht nur Christen besch\u00e4ftigt. Jeder Mensch wird in Friedenszeiten (in Kriegen ist alles anders!) ein Baby aus dem Wasser vor dem Ertrinken retten, auch wenn es \u00a0nicht zur eigenen Familie geh\u00f6rt. Was aber wird er tun, wenn auf einer H\u00f6he jemand steht und ein Baby nach dem anderen hinunterwirft? Was die T\u00fcrkei eine Zeitlang machte, war genau das. Was die Schlepper tun, ist auch nicht grunds\u00e4tzlich anders. Sie sehen, die Probleme sind wirklich komplex.<br>Alles Gute<br>Gero Jenner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Debatte zwischen dem Teufel, Frau Wagenknecht und einem gewissen GJ. 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