{"id":4705,"date":"2021-03-18T15:24:58","date_gmt":"2021-03-18T14:24:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=4705"},"modified":"2021-04-05T11:18:59","modified_gmt":"2021-04-05T09:18:59","slug":"vereinigte-staaten-im-schuldentaumel-vorbild-fuer-die-uebrige-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/vereinigte-staaten-im-schuldentaumel-vorbild-fuer-die-uebrige-welt\/","title":{"rendered":"Vereinigte Staaten im Schuldentaumel &#8211; Vorbild f\u00fcr die \u00fcbrige Welt?"},"content":{"rendered":"\n<p>Lieber Herr Lingens \/Publizist des Wiener Falter und \u00d6konom\/, ich wei\u00df nicht ob Sie gut daran tun, einen Lobgesang auf die Sch\u00f6nheit der Schulden anzustimmen und dabei das kleine \u00d6sterreich mit den gro\u00dfen USA zu vergleichen. Vergessen Sie nicht, etwa seit den neunziger Jahren beginnt nicht nur die ganze Welt sondern beginnen selbst viele Amerikaner vom Niedergang ihres Landes zu sprechen (denn die hellsichtigsten Beobachter der USA findet man immer noch in diesen selbst).<!--more--> Aber ziemlich zur gleichen Zeit &#8211; nur ein Jahrzehnt fr\u00fcher &#8211; schraubt sich auch die US-Staatsschuldenspirale immer mehr in die H\u00f6he. Der Niedergang ist offensichtlich: das&nbsp; Bildungssystem verf\u00e4llt (selbst die Forschung an Universit\u00e4ten und in der Industrie wird \u00fcberwiegend von eingewanderten oder angeworbenen Asiaten aufrechterhalten), die Infrastruktur ist in einem Zustand wie sonst nur in der Dritten Welt, die Auslagerung eines gro\u00dfen Teils der industriellen Basis hat eine Minderheit steinreich, die Mehrheit aber relativ \u00e4rmer gemacht. Eben deswegen zerf\u00e4llt auch die Gesellschaft, einige sehen sie inzwischen in Richtung B\u00fcrgerkrieg driften. Wenn unter Trump und Biden die Schulden noch viel schneller steigen, dann geht davon gewiss keine Vorbildwirkung f\u00fcr \u00d6sterreich aus, es zeigt nur,&nbsp;<em>wozu ein Staat gezwungen ist<\/em>, wenn er eine solche Kluft zwischen den eigenen B\u00fcrgern einmal entstehen lie\u00df (zumal diese durch die Pandemie noch weiter vertieft wird).<\/p>\n\n\n\n<p>Noch aus einem weiteren Grund k\u00f6nnen die USA kein Vorbild f\u00fcr \u00d6sterreich sein. Mit dem Dollar verf\u00fcgen sie \u00fcber die Weltleitw\u00e4hrung und k\u00f6nnen sich im Ausland im eigenen Zahlungsmittel verschulden. Noch st\u00e4rker aber f\u00e4llt ins Gewicht, dass sie \u00fcber die weltweit gr\u00f6\u00dfte Milit\u00e4rmaschine verf\u00fcgen. Kein Staat, auch nicht China, ihr gr\u00f6\u00dfter Gl\u00e4ubiger, ist imstande, sie zur R\u00fcckzahlung ihrer Schulden zu zwingen. Aber das gilt eben nur f\u00fcr die USA. Anders gesagt: Quod licet Jovi non licet Bovi. \u00d6sterreich &#8211; und selbst Europa &#8211; sind vergleichsweise machtlos. Sie k\u00f6nnen von m\u00e4chtigen Staaten und vom Kapitalmarkt sehr wohl in die Knie gezwungen werden &#8211; die Eurokrise hat uns einen Vorgeschmack darauf gegeben. Gewiss k\u00f6nnen Schulden sinnvoll sein &#8211; f\u00fcr Staaten wie einzelne Unternehmen. Wenn sie n\u00e4mlich jenes Wachstum erzeugen, womit sie danach bezahlt werden k\u00f6nnen. Der Aufstieg der einstigen Weltmacht England und der kommenden Weltmacht China liefern daf\u00fcr eindr\u00fcckliche Beweise. Aber keine alchimistische Zauberformel einer sogenannten &#8222;Saldenmechanik&#8220;, die Sie, Herr Lingens so gern beschw\u00f6ren, beschert diesem Rezept ewige G\u00fcltigkeit.&nbsp;<em><em>Allein in der Geschichte Europas verblassen neben der gro\u00dfen Zahl von Staatsbankrotten aufgrund von \u00dcberschuldung die wenigen Beispiele f\u00fcr ein auf diese Weise bewirktes erfolgreiches Wachstum.<\/em> <\/em>Der etwa drei\u00dfigj\u00e4hrige Anstieg der Schulden in den USA und ihr gleichzeitiger Niedergang d\u00fcrfte niemanden dazu ermuntern, dieser Tatsache zu widersprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder haben die USA mit ihrer unaufhaltsam steigenden Schuldenlast etwa ihrem Bildungssytem geholfen? Haben sie die Infrastruktur erneuert, ihre ausgelagerten Industrien wieder ins Land geholt? Nein, sie haben all dies nur noch weiter geschw\u00e4cht, gewachsen ist einzig der Milit\u00e4rapparat und die Kluft zwischen Arm und Reich. Wenn das BIP in der Pandemie nicht so stark abgefallen ist wie das \u00f6sterreichische, so muss sich doch der Verdacht aufdr\u00e4ngen, dass diese Differenz \u00fcberwiegend mit Schulden bezahlt worden ist. Den Konsum haben sie zwar gest\u00fctzt (und damit die Produktion), aber kaum Wachstum bewirkt. Schulden sind und waren nie die Ursache f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe einer Nation.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch haben Sie recht, Herr Lingens, in der Pandemie muss den Menschen gro\u00dfz\u00fcgig geholfen werden,&nbsp;<em>aber bitte begehen Sie nicht den Fehler, eine Notl\u00f6sung in eine Tugend umzudeuten oder gar in ein Patentrezept &#8211; Stichwort &#8222;Saldenmechanik&#8220;!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von Prof. <strong>Michael Kilian<\/strong> erhalte ich folgenden Kommentar:<\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Herr Dr. Jenner,<br>danke, ganz meine Meinung. Auch N.C. Parkinson (der mit dem Gesetz) bemerkte, dass man am Schuldenstand und &#8211; damit verbunden &#8211; an der Steuerbelastung der B\u00fcrger ersehen kann, ob sich das Staatswesen im Niedergang befinde. F\u00fcr Gro\u00dfbritannien galt dies seit Ende des Ersten Weltkriegs, endg\u00fcltig dann nach dem Zweiten.<br>Beste Gr\u00fc\u00dfe, Ihr Michael Kilian<\/p>\n\n\n\n<p>Von Herrn <strong>Rainer Glaser<\/strong> kommt folgende Nachricht:<\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Herr Jenner,&nbsp;<br>vielleicht gen\u00fcgt es nicht, sich auf die Schuldenfrage zu kaprizieren. Lohnenswert finde ich in diesem Zusammenhang sich mit aufgekl\u00e4rten Okonomen wie Thomas Piketti und seiner neuesten Analyse &#8222;Kapital und Ideologie&#8220; zu besch\u00e4ftigen. Das System so umzubauen scheint mir vor allem in Zeiten von Korona, wo Gesellschaftsver\u00e4nderungen nicht geahnten Ausma\u00df pl\u00f6tzlich m\u00f6glich erscheinen, notwendig. Schon um den allzu christlichen Kriegsgewinnlern die Suppe zu verderben. Wobei letzteres ein Randerscheinung ist. Schlimmer ist der Zerfall der Infrastruktur, das ungerechte Steuersystem, das es den Unternehmern und Kapitalbesitzern Steuervermeidung und Verlagerung in Billigsteuerl\u00e4ndern erm\u00f6glicht und jeden kleinen Arbeiter gnadenlos mit Steuer belegt. Abschafftung (Frankreich) und Aussetzung der Verm\u00f6genssteuer sind nur die Spitze des Eisbergs. Ein europ\u00e4isches Steuersystem und die Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzip in der EU w\u00e4ren erste Schritte. Ach, es gibt so viele Baustellen, aber die Bauleiter sind leider die gr\u00f6\u00dften Nutznie\u00dfer des falschen Systems.&nbsp;<br>freundliche Gr\u00fc\u00dfe Rainer Glaser<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Replik<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p>Es betr\u00fcbt mich manchmal zu sehen, wie ungenau heute gelesen wird. Ich kapriziere mich nicht auf die Schuldenfrage sondern kritisiere einen anderen &#8211; einen mir sonst sehr sympathischen Mann &#8211; daf\u00fcr, dass er eben dies tut, indem er in Schulden eine Art von Patentrezept sieht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber Herr Lingens \/Publizist des Wiener Falter und \u00d6konom\/, ich wei\u00df nicht ob Sie gut daran tun, einen Lobgesang auf die Sch\u00f6nheit der Schulden anzustimmen und dabei das kleine \u00d6sterreich mit den gro\u00dfen USA zu vergleichen. 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