{"id":435,"date":"2012-04-08T19:05:58","date_gmt":"2012-04-08T17:05:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=435"},"modified":"2018-02-17T17:18:37","modified_gmt":"2018-02-17T16:18:37","slug":"wozu-ist-wissen-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wozu-ist-wissen-gut\/","title":{"rendered":"Wozu ist Wissen gut?"},"content":{"rendered":"<pre>(auch erschienen in: \"scharf-links\")<\/pre>\n<p>Manchmal lohnt es sich, scheinbar dumme Fragen zu stellen, solche, von denen jeder meint, er k\u00f6nne die passende Antwort auf Anhieb aus seinem \u00c4rmel sch\u00fctteln. Ganz gewiss geh\u00f6rt die im Titel genannte Frage zu dieser Kategorie, die Frage \u201eWozu ist Wissen gut.\u201c<!--more--> Jeder ist fest \u00fcberzeugt, dass wir Wissen erwerben, weil unsere Gesellschaft auf Wissen aufgebaut ist und ohne Wissen nicht existieren kann. Das gilt von der technischen bis in die soziale und politische Sph\u00e4re. Zwar erlaubt ein demokratisches Gemeinwesen auch seinen unwissenden B\u00fcrgern den gleichberechtigten Zugang zur politischen Mitbestimmung, doch wird niemand daraus den tollk\u00fchnen Schluss ableiten, dass man in einer modernen Gesellschaft mit Unwissenheit genauso gut \u00fcberlebt.<\/p>\n<h3><b>Die Schutzmauer um das Wissen<\/b><\/h3>\n<p>Doch stimmt es wirklich, dass Wissen vor allem den Zweck der Horizonterweiterung verfolgt, soll der Mensch durch Wissen zu einem m\u00fcndigen B\u00fcrger werden &#8211; so wie es das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung programmatisch verlangte? An dieser optimistischen Formel sind berechtigte Zweifel erlaubt. Sie m\u00fcssen sich jedenfalls augenblicklich aufdr\u00e4ngen, sobald man der Geschichte des Wissens auch nur einen fl\u00fcchtigen Blick zuwirft. Dann gelangt man zu einer ganz anderen Wahrheit: Wissen wurde gew\u00f6hnlich in undurchsichtige Schleier geh\u00fcllt, wenn nicht geradezu mit einer Brandmauer abgeschirmt. Einem indischen Shudra sollte fl\u00fcssiges Blei in die Ohren gegossen werden, wenn dieser auch nur aus Versehen den heiligen Versen der Veden lauschte. Bis zur Ankunft der Engl\u00e4nder hat der Hinduismus keine \u201eKultur des Buches\u201c hervorgebracht, sondern die ungeheure Masse heiliger Texte von jeder Generation in jahrelangem Auswendiglernen m\u00fcndlich tradieren lassen, weil Wissen um keinen Preis in die falschen H\u00e4nde gelangen durfte. Das gleiche Misstrauen gegen das Volk f\u00fchrte in katholischen Kirchen dazu, dass die Priesterschaft christliche Messen bis vor gar nicht so langer Zeit ausschlie\u00dflich in Latein zelebrierte, einer f\u00fcr die Menge unverst\u00e4ndlichen Sprache. Das Volk brauchte nur zu verstehen, was es verstehen sollte \u2013 die Bibel geh\u00f6rte nicht dazu.<\/p>\n<h3><b>Die Demokratisierung des Wissens<\/b><\/h3>\n<p>Die Reihe solcher Beispiele f\u00fcr die sorgf\u00e4ltige Abschirmung des Wissens gegen die Unbefugten k\u00f6nnte nahezu beliebig fortgesetzt werden. Deshalb war es nicht weniger als eine wirkliche Revolution, als zun\u00e4chst der Protestantismus dann die Aufkl\u00e4rung mit dieser tausendj\u00e4hrigen Tradition einer Erziehung zur Unm\u00fcndigkeit brach. Von nun an sollte Wissen allen Menschen zug\u00e4nglich sein \u2013 ein grandioses Programm, das bis zu einem gewissen Grade auch in die Wirklichkeit \u00fcbersetzt worden ist. Die allgemeine Schulbildung breitete sich \u00fcber Europa und schlie\u00dflich \u00fcber gro\u00dfe Teile des Globus aus. Die Aufkl\u00e4rer haben einen gewaltigen praktischen Sieg erfochten. Doch haben sie ihr Anliegen wirklich durchsetzen k\u00f6nnen? Wie weit l\u00e4sst sich das Programm der Aufkl\u00e4rung \u00fcberhaupt in die Realit\u00e4t umsetzen?<\/p>\n<h3><b>Warum Aufkl\u00e4rung nie mehr als einen Teilerfolg erzielte<\/b><\/h3>\n<p>Die s\u00e4kulare Aufkl\u00e4rung des 18. Jahrhunderts wollte die ganze Wirklichkeit einschlie\u00dflich der sozialen Welt mit dem hellen Lichtkegel der Vernunft ausleuchten. Im Hinblick auf die materielle Natur ist ihr dieses Vorhaben in erstaunlichem Ma\u00dfe gelungen. \u00dcberall auf dem Globus wird Wissen \u00fcber die Natur gelehrt und t\u00e4glich erweitert. Seine praktischen Ergebnisse schlagen sich in Apparaten nieder, die ebenso in China wie in S\u00fcdafrika erdacht, konstruiert und vermarktet werden. Und dennoch: Die Denker des 18. Jahrhunderts haben etwas Entscheidendes \u00fcbersehen. Soziale Erscheinungen sind nicht im gleichen Sinn begr\u00fcndbar wie die materiellen Vorg\u00e4nge in der Natur. Offenbar handelt es sich hier um ein andere Art von Wissen. Auf ganz offensichtliche Art gilt dies f\u00fcr die Aussagen der Religion. Das von Hinduismus, Shintoismus oder Christentum \u00fcber den Sinn des Lebens, \u00fcber Liebe, G\u00f6tter und die jenseitige Welt gelehrte Wissen ist f\u00fcr eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der heutigen Menschheit nach wie vor weit bedeutsamer als alle Erkenntnisse, welche die Naturwissenschaften vermitteln. Aber es unterscheidet sich von deren Wissen, weil sein letzter und einziger Bezugspunkt weder Logik noch Empirie sind.<\/p>\n<p>Das gilt nicht nur f\u00fcr die Aussagen der Religion. Schon gegen\u00fcber einer so elementaren Sph\u00e4re wie dem positiven Rechtssystem einer Gesellschaft, der Grundlage f\u00fcr das Zusammenleben der Menschen, versagt der Zugriff der Naturwissenschaften. Keine Rechtsvorschrift l\u00e4sst sich aus der Natur und ihren Gesetzen ableiten \u2013 nicht einmal das Verbot, andere Menschen zu t\u00f6ten.<\/p>\n<h3><b>\u00c9crasez l\u2019inf\u00e2me!<\/b><\/h3>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung hat ihren spezifischen Feind in der Religion gesehen, weil deren Vorstellungen \u00fcber das Jenseits, die Liebe, den Sinn des Lebens sich nicht beweisen lassen. Daraus zog sie den vorschnellen und gar zu einfachen Schluss, dass von ernst zu nehmendem Wissen hier gar nicht zu reden sei. \u00c9crasez l\u2019inf\u00e2me (l\u00f6scht alle Unvernunft aus!), dieser Spruch wurde oft genug so verstanden, dass alles was nicht begr\u00fcnd- und beweisbar ist, generell als sinn- und wertlos zu gelten habe. Man bemerkte nicht, dass dann ein Gro\u00dfteil aller sozialen Institutionen diesem Verdikt zum Opfer fiele, weil er sich der rationalen Aufkl\u00e4rung entzieht. Das f\u00e4ngt bei der Sprache an, wird im Rechtssystem vollends deutlich und endet bei der geltenden Wirtschaftsordnung. Hier haben wir es mit Setzungen zu tun, <i>die eben deshalb ver\u00e4nderbar<\/i> und tats\u00e4chlich in Raum und Zeit in nahezu unendlichen Varianten vorhanden sind.<\/p>\n<h3><b>Nur Mittel zum Zweck<\/b><\/h3>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung hatte die Gesellschaft ganz allein auf Vernunft begr\u00fcnden wollen, so als k\u00f6nnte ihr Aufbau das Ergebnis rationaler Berechnungen sein \u2013 so wie man eine Maschine aufgrund der geltenden Naturgesetze berechnet. Aber die Vernunft kann nur die Instrumente liefern, um vorgegebene Werte zu realisieren \u2013 und auch das nur bei konstanten Bedingungen. Die Werte selbst und deren kulturelle Voraussetzungen entziehen sich ihrem Zugriff. Es gibt kein Naturgesetz, das mich zwingen k\u00f6nnte, mit anderen zu teilen statt als Egoist aufzutreten. Es gibt auch kein Naturgesetz, das eine Gesellschaft bewegen k\u00f6nnte, eher im inneren Frieden als im dauernden Kampf aller gegen alle zu liegen. In jedem Moment beruht mein Verhalten in s\u00e4mtlichen sozialen Lebenslagen, sei es gegen\u00fcber dem Partner oder am Arbeitsplatz, auf einem Sollen, das im Idealfall mit meinem eigenen Wollen identisch ist. Denn ich kann auch ganz anders \u2013 und das gilt genauso f\u00fcr jeden anderen Menschen. Seine und meine Freiheit erlauben mir jederzeit den Ausbruch aus diesem Sollen. Ich kann meinen Mitmenschen ein l\u00e4chelndes Gesicht voller Freundlichkeit zeigen oder mich brutal gegen sie verhalten. Sollen und Wollen sind die fundamentalen Kategorien der individuellen und sozialen Existenz. Das hebt die menschliche Sph\u00e4re weit \u00fcber die von Physik und Chemie hinaus. Sieht man einmal von modernen Esoterikern ab, so kommt niemand auf den Gedanken, dem Mond dieselbe Freiheit zuzusprechen. Die Naturwissenschaft bestimmt seine Bahn ausschlie\u00dflich aufgrund der im gesamten bekannten Kosmos f\u00fcr alle physischen K\u00f6rper geltenden Gesetze.<\/p>\n<h3><b>Zwei Arten des Wissens<\/b><\/h3>\n<p>Dem Wissen kommt deshalb eine besondere Bedeutung und Stellung zu. Offenbar gibt es davon nicht nur eine einzige Art, wie allgemein angenommen, sondern es tritt uns immer schon in zwei ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen entgegen. Das eine m\u00f6chte ich als <i>Wertewissen<\/i>, das andere als <i>Gesetzeswissen<\/i> bezeichnen.<\/p>\n<p>Das Gesetzeswissen umfasst alle als richtig erwiesenen Erkenntnisse \u00fcber die Natur. Es steht zu vermuten, dass es in seinem potentiellen Umfang unendlich ist &#8211; so grenzenlos wie die Natur selbst, auf die es sich richtet. Dieses Wissen ist einer best\u00e4ndigen Ausweitung und Vervollkommnung f\u00e4hig \u2013 in einem fort verdr\u00e4ngt es seine weniger genauen oder weniger umfassenden Vorstadien. Gesetzeswissen unterliegt zudem dem Kriterium von wahr oder falsch. Hier kann es den Irrtum geben, wenn das Wissen auf falscher Beobachtung oder auf falschen Schl\u00fcssen beruht. Ein solcher Irrtum kann bisweilen t\u00f6dliche Folgen haben, zum Beispiel, wenn die Wirkung giftiger Substanzen oder gef\u00e4hrlicher Viren falsch eingesch\u00e4tzt wurde. Aber solche Irrt\u00fcmer werden in einzelnen Menschen und ihrem Versagen gesucht. Sie beeintr\u00e4chtigen nicht unser Menschenbild, und auf das Zusammenleben der V\u00f6lker haben sie keinerlei Wirkung. Niemand bringt andere Menschen um, weil sie Einstein nicht richtig verstanden haben oder \u00fcber Entropie falsche Deutungen in Umlauf bringen.<\/p>\n<h3><b>Das Wertewissen<\/b><\/h3>\n<p>Ganz anders das Wertewissen: Es entscheidet \u00fcber Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck des Einzelnen wie \u00fcber das ganzer Nationen. Bis in seine kleinsten Verzweigungen wird das t\u00e4gliche Leben jedes Menschen von diesem Wissen und seinen Regeln beherrscht. Die Vorstellungen \u00fcber den richtigen Umgang mit Partnern, Freunden, Kollegen am Arbeitsplatz, \u00fcber das also, was ich in meiner jeweiligen sozialen Sph\u00e4re tun sollte oder niemals tun darf, lenken mein Leben in die Bahn der Zufriedenheit oder zerst\u00f6ren es in st\u00e4ndigen Konflikten. Denn im Unterschied zum Gesetzeswissen ist das Wertewissen niemals neutral. Das Gesetzeswissen l\u00e4sst unsere Gef\u00fchle kalt, sofern wir nicht gerade zu den Erfindern und Forschern z\u00e4hlen. Wir freuen uns zwar \u00fcber neue, das Leben erleichternde Technologien, doch ob eine bestimmte wissenschaftliche Hypothese nun wahr oder falsch ist, verursacht den wenigsten Menschen schlaflose N\u00e4chte. Das Gesetzeswissen entsteht im Dialog des menschlichen Geistes mit der \u00e4u\u00dferen Natur. Ausgestattet mit einer Bibliothek k\u00f6nnte der gro\u00dfe Erfinder theoretisch auch ganz allein deren Gesetze erkunden. Werte dagegen entstehen auf ganz andere Weise. Sie erwachsen immer nur aus der <i>aktiven Beziehung zu anderen Menschen<\/i>. Sie sind das Band, das sie miteinander verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Weil das Wertewissen so eng mit Gef\u00fchlen verbunden ist, prallen die wissenschaftlichen Kategorien von wahr und falsch von ihm ab. Werte sind gut oder b\u00f6se, gef\u00e4hrlich oder begl\u00fcckend, sie sind unsere eigenen oder die der anderen. Werte sind die Br\u00fccke zu den mich umgebenden Menschen oder der Abgrund, der mich von ihnen trennt. Aber sie k\u00f6nnen nicht falsch oder wahr sein wie wissenschaftliche Aussagen in Bezug auf die von ihnen beschriebene Wirklichkeit. Zweifellos gibt es einen Fortschritt der Werte, z.B. wenn wir das Gef\u00fchl der Br\u00fcderlichkeit von Familie und Stamm allm\u00e4hlich immer weiter spannen, so dass es auch ethnisch Fremde, religi\u00f6s andersgl\u00e4ubige und schlie\u00dflich sogar Menschen mit abweichenden Werten umfasst. Aber dieser Fortschritt entspringt keiner irgendwie gearteten Notwendigkeit. Er entspringt allein unserer Freiheit, und daher ist er auch st\u00e4ndig in Gefahr, wieder aufgehoben zu werden. Die Menschheit muss sich nicht in Richtung gr\u00f6\u00dferer Br\u00fcderlichkeit und zum Frieden entwickeln \u2013 sie k\u00f6nnte es allenfalls.<\/p>\n<p>Werte sind nicht das Werk berechnenden Denkens. Ihr Ursprung liegt jenseits der planenden Vernunft. Sie k\u00f6nnen spontan entstehen, z.B. in einer Notsituation, wo Menschen einander ohne \u00e4u\u00dferen Druck zur Hilfe kommen. Dann entsteht ein Einverst\u00e4ndnis und Einklang in Denken und Handeln, der auch allen Zeiten des kulturellen Aufschwungs zueigen ist. Niemand kommt dann auch nur auf die Idee, danach zu fragen, ob die selbst gesetzten Regeln solchen Wertewissens eine objektive Realit\u00e4t jenseits menschlichen Wollens aufweisen. Das w\u00e4re so absurd, wie wenn ein Verliebter auf den Gedanken verfiele, seine Beziehung zu dieser und keiner anderen Geliebten von irgendwelchen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten ableiten zu wollen. <i>Das Wertewissen besitzt die \u00fcberw\u00e4ltigende Evidenz von Gef\u00fchlen<\/i>. Es bedarf keiner Best\u00e4tigung durch die Ratio.<\/p>\n<h3><b>Werte unter Beschuss<\/b><\/h3>\n<p>Doch Vernunft kann sich sehr wohl einmischen. Sie wird immer dann zur Hilfe gerufen, wenn die Evidenz nicht mehr stimmt, wenn sie im Schwinden ist. Dann setzt der Zweifel ein, dann werden wir uns pl\u00f6tzlich bewusst, dass unsere Werte auf keiner Gesetzestafel verzeichnet stehen, <i>sondern wir selbst sie geschaffen haben<\/i>. Wenn das Einverst\u00e4ndnis, dem diese Werte ihr Dasein verdanken, mehr und mehr erodiert, dann geraten die bestehenden Werte auf einmal unter Beschuss \u2013 und das Wissen umgibt sich mit einer hohen Mauer, um dem Zweifel den Mund zu verbieten. Dann spricht es auf einmal in toten Sprachen, in Sanskrit oder Latein, um von den Lebenden nicht verstanden zu werden. Dann w\u00e4hlt es absichtlich einen esoterisch-abgehobenen Jargon, um die Laien auf Abstand zu halten. Dann umgibt es sich mit Vorliebe mit dem Nebel der Mystifikation: Auch das Einfachste wird m\u00f6glichst komplex und f\u00fcr den Normalmenschen unverst\u00e4ndlich gehalten, w\u00e4hrend eine demokratisch orientierte Vermittlung sich darum bem\u00fcht, selbst komplexe Zusammenh\u00e4nge auf m\u00f6glichst einfache Art darzustellen (1).<\/p>\n<p>Vor allem aber versucht das Wertewissen, sobald seine Evidenz im Schwinden ist, <i>mit Mimikry \u00fcber sein wahres Wesen hinwegzut\u00e4uschen<\/i>. Es schl\u00fcpft in die Verkleidung des ihm ganz fremden Gesetzeswissens.<\/p>\n<h3><b>Die neoliberale Mimikry<\/b><\/h3>\n<p>In diesem Sinne hat die in unserer Zeit so m\u00e4chtige Wirtschaftswissenschaft das neoliberale Weltbild zu zementieren gesucht, indem sie sich das Gewand der Mathematik \u00fcberstreifte. Mathematik soll f\u00fcr exakte und beweisbare Wahrheit wie bei der Beschreibung nat\u00fcrlicher Vorg\u00e4nge b\u00fcrgen. Dadurch dass man eine Wertentscheidung wie den Neoliberalismus in einem Kokon aus komplexen mathematischen Formeln versteckte, sollte der Eindruck entstehen, man h\u00e4tte es hier genau wie in der physikalischen Welt mit unab\u00e4nderlichen Gesetzen zu tun (2).<\/p>\n<h3><b>Der Dienst an der Macht<\/b><\/h3>\n<p>Dieser Eindruck kam der politischen Macht und den hinter ihnen stehenden \u00f6konomischen Interessen entgegen und wurde deshalb von ihr durch entsprechende Ma\u00dfnahmen aktiv gef\u00f6rdert. Ein kleiner Kreis von \u00d6konomen durfte sich in der Rolle von Hohepriestern gefallen und \u00fcbernahm die Deutungshoheit \u00fcber die Wirtschaft. Die Politik belohnte die Willf\u00e4hrigkeit, indem sie bei ihnen jene Gutachten bestellte und gro\u00dfz\u00fcgig honorierte, mit denen sie dann die eigenen Entscheidungen in den tr\u00fcgerischen Schein der Unanfechtbarkeit h\u00fcllte. Auf diese Weise erhielt die neoliberale Politik der vergangenen drei\u00dfig Jahre einen pseudowissenschaftlichen Segen. Wissen wurde nicht erzeugt, wie die Schulweisheit glaubt, der B\u00fcrger nicht zur M\u00fcndigkeit erzogen, wie es die Aufkl\u00e4rung verlangt, sondern Dogmen wurden im Auftrag der Politik als exakte Wissenschaft ausgegeben. <i>Das Wissen dieser Monopolisten der Wahrheit diente tats\u00e4chlich dem Zweck, Wahrheit zu unterdr\u00fccken und als unwissenschaftlich zu denunzieren: \u201eThere is no alternative\u201c lautete die Devise<\/i>. Eigentliches Wertewissen \u2013 in diesem Fall die aktive Beg\u00fcnstigung einer Minorit\u00e4t auf Kosten der Mehrheit &#8211; wurde zum (pseudo-)wissenschaftlichen Gesetzeswissen umgedeutet und so mit einer Brandmauer gegen jeden Einspruch gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die Frage, wozu Wissen auch gut sein kann, erlaubt in diesem Fall eine recht eindeutige Antwort. Es kann dazu gut sein, Unwissenheit zu erzeugen.<\/p>\n<p>1 Die Tendenz, das Komplexe auf m\u00f6glichst einfache und verst\u00e4ndliche Art darzustellen, und ihr Gegenteil, die Versuchung, selbst das Einfache so zu verkomplizieren, dass es nur Insidern verst\u00e4ndlich ist, verhalten sich ganz \u00e4hnlich zueinander wie Demokratie und autokratische Regime. Das autokratische Wissen ist auf Abgrenzung gegen die \u201eMasse\u201c aus. Meist tritt es mit dem Gestus und Anspruch der h\u00f6heren Inspiration in Erscheinung. Es ist begreiflich, dass in alten Demokratien wie England und den Vereinigten Staaten das Bestreben zur Klarheit im Vordergrund auch des wissenschaftlichen Stiles steht. Dieses Bestreben gelangte mit den Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert zu Durchbruch, da die Letzteren ihrem Wesen nach demokratisch sind. Zu den Vorbildern f\u00fcr diesen Stil rechne ich Descartes, Bertrand Russell und Karl Popper, mit Einschr\u00e4nkungen auch Immanuel Kant und Schopenhauer.<\/p>\n<p>2 Die Reichweite \u00f6konomischer Wissenschaft l\u00e4sst sich klar begrenzen. Einerseits bet\u00e4tigt sie sich wie die Rechtswissenschaften als normative Instanz, z.B. in der Betriebswirtschaft, und vermittelt dann ein in konkreten Handlungsanweisungen verdichtetes Wertewissen. Andererseits greift sie in das Gesetzeswissen \u00fcber. Dann eruiert sie z.B. die technischen Ma\u00dfnahmen, die unter den geltenden Bedingungen zur Erreichung wertbestimmter Ziele am besten geeignet sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(auch erschienen in: &#8222;scharf-links&#8220;) Manchmal lohnt es sich, scheinbar dumme Fragen zu stellen, solche, von denen jeder meint, er k\u00f6nne die passende Antwort auf Anhieb aus seinem \u00c4rmel sch\u00fctteln. 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