{"id":4057,"date":"2020-07-15T09:58:22","date_gmt":"2020-07-15T07:58:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=4057"},"modified":"2021-06-14T21:17:35","modified_gmt":"2021-06-14T19:17:35","slug":"charles-darwin-der-zufall-und-der-liebe-gott-eine-philosophische-exkursion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/charles-darwin-der-zufall-und-der-liebe-gott-eine-philosophische-exkursion\/","title":{"rendered":"Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott &#8211; eine philosophische Exkursion"},"content":{"rendered":"\n<p>1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch &#8222;Le Hasard et la N\u00e9cessit\u00e9&#8220; (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. F\u00fcr einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt&nbsp;<em>nichts als<\/em>&nbsp;Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet &#8211; ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist l\u00e4ngst nicht mehr &#8222;aktuell&#8220;, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler &#8211; und also uns allen &#8211; nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die g\u00e4hnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p><strong>Die Erkundung von Ordnung (Gesetzen)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>stellte immer schon die eigentliche Aufgabe der Erkenntnis dar. Dagegen wurde der Zufall lange Zeit als so st\u00f6rend und \u00fcberfl\u00fcssig empfunden, dass man seine Existenz \u00fcberhaupt in Zweifel zog, und zwar gleich auf doppelte Weise. Beispielsweise konnte man mit Voltaire der Meinung sein, dass er lediglich unser vorl\u00e4ufiges Nichtwissen bezeichne. Diese Meinung kann sich auf handfeste Argumente st\u00fctzen, denn unendlich vieles, was unseren Vorfahren noch als blo\u00dfer Zufall erschien, zum Beispiel Choleraepidemien oder Mondfinsternisse, hat die moderne Wissenschaft inzwischen von ganz bestimmten Ursachen ableiten und somit als gesetzhaft erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Der Schluss lag daher nahe, den Zufall generell als blo\u00dfe L\u00fccke menschlicher Erkenntnis zu deuten. In dem Ma\u00dfe wie der Fortschritt der Wissenschaften diese L\u00fccke mit Wissen f\u00fcllt, w\u00fcrden wir ihn daher beseitigen und am Ende \u00fcberall nur noch gesetzhafte Ordnung erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das jedenfalls war die Meinung von Baruch de Spinoza ebenso wie von dessen gro\u00dfem Bewunderer, Albert Einstein, der die eigene Ablehnung des Zufalls bekanntlich in ein ber\u00fchmtes Diktum gekleidet hat. &#8222;Gott w\u00fcrfelt nicht&#8220;, sagte Einstein. Mit anderen Worten, Gott schaffe nur Ordnung, denn Ordnung erschlie\u00dft sich der Vernunft, ist rational. Dagegen haftet dem Zufall der Ruch des Wertlosen, des Irrationalen an. Zweifellos schwingt in seiner Herabsetzung die Vorstellung mit, dass uns hier etwas ganz Unbrauchbares und \u00dcberfl\u00fcssiges begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber der Zufall ist mehr als nur eine L\u00fccke unseres Wissens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine epochale Entdeckung, dass die Quantenphysik dem Zufall wieder zu einem Bleiberecht im wissenschaftlichen Weltbild verhalf. Die K\u00f6nigsdisziplin der Wissenschaften, die Physik, f\u00fchrte gegen Anfang des 20ten Jahrhunderts neben der Ordnung und dem Berechenbaren (ausgedr\u00fcckt in Gesetzen) deren genaues Gegenteil ein, n\u00e4mlich die Abwesenheit von Ordnung &#8211; eben den Zufall. In der Quantenphysik wurde das bis dahin geltende Grundprinzip der klassischen Physik aufgegeben, wonach man jeder&nbsp;<em>bestimmten<\/em>&nbsp;Wirkung auch eine ganz&nbsp;<em>bestimmte<\/em>&nbsp;Ursache zurechnen k\u00f6nne.&nbsp;Werner Heisenberg&nbsp;dr\u00fcckte das auf folgende Weise aus. \u201eZum Beispiel kann ein Radiumatom ein Alpha-Teilchen aussenden. Wenn die Aussendung des Alpha-Teilchens beobachtet wird, so fragen die Physiker&#8230; nicht mehr nach einem vorausgehenden Vorgang&#8230; Wenn wir den Grund daf\u00fcr wissen wollen, warum das Alpha-Teilchen eben in diesem Augenblick emittiert.. \/worden ist\/, so m\u00fcssten wir dazu den mikroskopischen Zustand der ganzen Welt, zu der auch wir selbst geh\u00f6ren, kennen, und das ist sicher unm\u00f6glich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Zufall hat die Welt der klassischen Physik,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>die als durch und durch berechenbar vorgestellt wurde, um die Dimension des Unberechenbaren erweitert.<a id=\"Kopf1\"><\/a><a style=\"color: blue;\" href=\"#Fuss1\">*1*<\/a> Jacques Monod hat dies auf den Punkt gebracht, wenn er in den folgenden S\u00e4tzen \u00fcber jene Geschichte spricht, die man heute als Evolution bezeichnet, w\u00e4hrend sie fr\u00fcher einmal als Sch\u00f6pfungsgeschehen verstanden wurde: &#8222;Der Zufall allein ist die Quelle jeder Innovation, jeder Sch\u00f6pfung in der Biosph\u00e4re. Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen m\u00f6glichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der franz\u00f6sische Biochemiker<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>w\u00fcrde allerdings nicht so emphatisch auf der Alleing\u00fcltigkeit dieser Hypothese bestanden haben, h\u00e4tte er nicht deren Gegner vor Augen gehabt, die religi\u00f6sen &#8222;Animisten&#8220;, wie er sie nennt, die dem Geschehen der Evolution einen Sinn beilegen wollen. Doch diesen Sinn gebe es eben nicht. Der Wissenschaftler, gleichg\u00fcltig ob Physiker oder Neurologe, k\u00f6nne in der gesamten Entstehungsgeschichte der Welt nichts anderes erblicken als einen gesetzhaften Mechanismus, der seine Fortentwicklung einem blinden, d.h. sinnlosen, Zufall verdankt. Und um ganz sicher zu gehen, dass jeder Leser das Ausma\u00df der von ihm behaupteten Sinnlosigkeit auch richtig erfasst, bezeichnet Monod den Zufall noch als &#8222;l\u00e4rmendes Rauschen&#8220; (engl. noise). &#8222;Man kann also sagen, dass dieselbe Quelle von zuf\u00e4lligen St\u00f6rungen, von &#8222;L\u00e4rm&#8220;, die in einem nicht lebenden.. System nach und nach zum Zerfall aller Strukturen f\u00fchren w\u00fcrde, der Stammvater der Evolution in der Biosph\u00e4re ist und f\u00fcr die uneingeschr\u00e4nkte Freiheit der Entfaltung verantwortlich ist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In diesen vernichtend trostlosen Zeilen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>fasst Monod das Weltbild der modernen Wissenschaften zusammen. Wem sie aber noch nicht trostlos genug sind, der k\u00f6nnte die Absicht des gro\u00dfen Biologen noch mit einer Metapher erg\u00e4nzen, die das Gemeinte auf bildhafte Art illustriert. In der Sicht der Propheten und Religionsgr\u00fcnder aller Zeiten sa\u00df ein Dichter wie Dante an der Schreibmaschine, um die g\u00f6ttliche Kom\u00f6die zu verfassen, nur dass dieser Dichter Gott selber war, der den Kosmos dabei nach einem Heilsplan erschuf, den seine Gesch\u00f6pfe verstehen k\u00f6nnen. Nach Vorstellung der gro\u00dfen Denker seit dem 17ten Jahrhundert f\u00e4llt diese Rolle dagegen einem Affen zu, der sinnlos auf die Tasten eindrischt, wobei nach Verlauf von \u00c4onen der Zufall die g\u00f6ttliche Kom\u00f6die bzw. den Kosmos rein mechanisch hervorbringt. Gott repr\u00e4sentiert im einen Fall die verk\u00f6rperte Intelligenz und Weisheit, der Affe aber das genaue Gegenteil, die verk\u00f6rperte Nicht-Intelligenz, einen Fall f\u00fcr das Irrenhaus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Besondere beider Bilder liegt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>meiner Auffassung nach darin, <em>dass man sie beide falsch nennen muss &#8211; und zwar falsch nach den Ma\u00dfst\u00e4ben von Wahrheit und Wissenschaft<\/em>.<a id=\"Kopf2\"><\/a><a style=\"color: blue;\" href=\"#Fuss2\">*2*<\/a> Dass das erste der beiden Bilder nicht stimmen kann, wonach Gott ein Universum erschuf, dessen Heilsplan dem Menschen rational zug\u00e4nglich ist, war den Wissenschaftlern fr\u00fch aufgefallen &#8211; Monod steht da in einer vierhundertj\u00e4hrigen Tradition. Aber auch Albert Schweitzer, gro\u00dfer Theologe und noch gr\u00f6\u00dferer Mensch, bekennt sich zu dieser Einsicht. &#8222;Die raffinierten und hinterlistigen Versuche, die Welt in optimistisch-ethischem Sinne zu begreifen, haben keinen besseren Erfolg als die naiven. Was unser Denken als Erkenntnis ausgeben will, ist immer nur eine ungerechtfertigte Deutung der Welt. Gegen dieses Eingest\u00e4ndnis wehrt sich das Denken mit dem Mut der Verzweiflung, weil es f\u00fcrchtet, dem Problem des Lebens dann ratlos gegen\u00fcberzustehen. Welchen \/moralischen\/ Sinn dem Menschendasein geben, wenn wir darauf verzichten m\u00fcssen, den \/moralischen\/ Sinn der Welt zu erkennen? Aber es bleibt dem Denken nichts anderes \u00fcbrig, als sich in die Tatsachen zu f\u00fcgen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine eindeutige Stellungnahme! Die gr\u00f6\u00dften Religionskritiker h\u00e4tten sich nicht deutlicher aussprechen k\u00f6nnen als Albert Schweitzer in diesen Zeilen, wenn er die moralische Deutung der Evolution als &#8222;hinterlistig&#8220; bezeichnet. Seit Tausenden von Jahren haben Menschen ihren G\u00f6ttern Heilspl\u00e4ne zugeschrieben, sie erdachten sich einen Sinn f\u00fcr die Welt, aber der wissenschaftlich n\u00fcchterne Beobachter muss feststellen, dass die Tatsachen mit keiner dieser mythologischen Konstruktionen im Einklang stehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber das Gegenbild vom blinden und sinnlosen Zufall<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>deswegen weniger falsch? Nein, man muss noch ein viel h\u00e4rteres Wort gebrauchen, mit dem man heute dieselbe Verdammung ausspricht wie in fr\u00fcheren Zeiten mit den Worten &#8222;atheistisch&#8220; oder &#8222;gottlos&#8220;. Das Bild vom Affen, der rein mechanisch auf die Tasten drischt, ist schlicht &#8222;unwissenschaftlich&#8220; und bleibt es auch dann noch, wenn man sich mit Monod damit begn\u00fcgt, den Zufall als &#8222;blind&#8220; und &#8222;sinnlos&#8220; zu bezeichnen. Unwissenschaftlich hei\u00dft in diesem Fall, dass wir mehr behaupten, als wir je wissen k\u00f6nnen. Denn eine Sache k\u00f6nnen wir nur dann mit Eigenschaften belegen, wenn wir sie kennen. Doch genau das ist beim Zufall gerade nicht der Fall. Wir wissen nicht, was der Zufall ist und k\u00f6nnen ihn nicht k\u00fcnstlich erzeugen (schon gar nicht durch einen &#8222;Zufallsgenerator&#8220;!). Jeder Algorithmus, durch den wir ihn darzustellen versuchen, auch der komplexeste, erzeugt notwendig wiederholbare Ordnungen &#8211; also das genaue Gegenteil des Zuf\u00e4lligen. Wer den betreffenden Algorithmus kennt, ist daher auch in der Lage, sein Resultat vorhersagen. Den echten Zufall k\u00f6nnen wir \u00fcberhaupt nur dadurch imitieren, dass wir die Wirklichkeit einbeziehen, indem wir einen bestimmten Algorithmus z.B. stets dann ausl\u00f6sen, wenn ein echter Zufall geschieht, z.B. wenn ein mit ihm verbundener Sensor auf der Stra\u00dfe eine Frau mit gelbem Hemd vorbeigehen sieht. Das ist dann ein genauso zuf\u00e4lliges Ereignis, wie wenn ein die Stra\u00dfe \u00fcberquerender Passant von dem Ziegel erschlagen wird, der ihm pl\u00f6tzlich vom Dach her auf den Kopf f\u00e4llt (Monod bedient sich dieses Beispiels, um den Zufall zu illustrieren).<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist eine schlichte und dennoch entscheidende Erkenntnis. Sie besagt, dass wir uns vom Zufall grunds\u00e4tzlich kein Bild und keinen Begriff machen k\u00f6nnen &#8211; oder anders gesagt, dass er das Gegenteil dessen repr\u00e4sentiert, was wir wissen und sogar (gem\u00e4\u00df Heisenberg): was wir wissen k\u00f6nnen. Der Zufall ist das schlechthin Unbekannte, Undeutbare, das keine Wissenschaft zu erschlie\u00dfen vermag. In diesem Sinne ist und bleibt er f\u00fcr menschliche Erkenntnis&nbsp;<em>ein unl\u00f6sbares Geheimnis<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Philosoph und der kritische Wissenschaftler<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>sehen sich daher gen\u00f6tigt, Monods Weltbild nicht nur als naiv sondern als wissenschaftlich unhaltbar zu bezeichnen. Die Welt ist nicht sinnloser Zufall und Notwendigkeit, sondern&nbsp;<em>ihre beiden Grunddimensionen sind Ordnung und Geheimnis<\/em>. Die Wirklichkeit stellt sich uns auf zweifache Weise dar, einerseits als Gegenstand unseres (vermutlich unendlich erweiterbaren) Wissens, andererseits aber auch als grunds\u00e4tzlich unerkennbar, denn die Grenzen unseres Wissens ergeben sich aus dem unerkennbaren Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr den gl\u00e4ubigen Menschen hat diese Erkenntnis Folgen. Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann muss er sich mit Albert Schweitzer eingestehen, dass er den Sinn, den Gott der Sch\u00f6pfung gab, nicht versteht. Das hei\u00dft aber keinesfalls, dass es keinen Sinn in ihr gibt.&nbsp;<em>Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob es etwas an und f\u00fcr sich nicht gibt oder nur f\u00fcr unser Erkennen<\/em>. Der Biologe Rupert Riedl fand daf\u00fcr das passende Bild. &#8222;Was f\u00fcr ein Vermessen w\u00e4re es, wollte sich die Zecke die Blutgef\u00e4\u00dfe eines S\u00e4ugetieres vorstellen, der Hund die internationale Rauschgiftszene oder wir uns die Gesetze jenseits des Kosmos&#8220; \/also jenseits der uns erkennbaren gesetzhaften Ordnungen\/. Wissenschaft ist inzwischen imstande, unendliche viele Dinge aufs Genaueste zu erkl\u00e4ren, z.B. warum uns eine Biene sticht, ein Vulkan ausbricht oder wie ein Handy funktioniert, aber sie kann uns nichts dar\u00fcber sagen, warum diese Welt und ihre Ordnungen \u00fcberhaupt existieren und welchen Sinn menschliche Existenz darin hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Unterschied wirkt sich auf allen Ebenen aus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie anders sieht z.B. Darwins gro\u00dfartige Evolutionsformel aus, sobald wir uns eingestehen, dass der Zufall nicht blind und nicht sinnlos ist sondern wir darin etwas sehen m\u00fcssen, \u00fcber das wir prinzipiell keine Aussage machen k\u00f6nnen, weil er f\u00fcr uns ein unl\u00f6sbares Geheimnis ist? Darwin erkl\u00e4rt die Entwicklung der Arten aus dem \u00dcberlebenskampf, wo Individuen, die besser an die herrschenden Bedingungen angepasst sind, einen Selektionsvorteil genie\u00dfen und daher die gr\u00f6\u00dfere Nachkommenschaft aufweisen. Karl Popper hat diese Theorie bekanntlich als &#8222;metaphysisch&#8220; bezeichnet, weil sie sich nicht widerlegen (falzifizieren) lasse und daher auch nicht beweisbar sei. Warum wei\u00dfe Birkenspanner auf der ebenso wei\u00dfen Rinde von Birken keinen Selektionsvorteil mehr besa\u00dfen, als die Landschaften Englands langsam verru\u00dften und die Falter auf der dunklen Rinde f\u00fcr ihre Fressfeinde pl\u00f6tzlich viel sichtbarer wurden, leuchtet ohne weiteres ein. Aber die Umwelt, an die sich jedes Lebewesen anpassen muss, ist selten so eindeutig definiert. In der Regel ist sie \u00e4u\u00dferst komplex und ver\u00e4ndert sich in jedem Moment. Von den Lebewesen verlangt sie daher simultane Anpassungen, die sich genauso aller Berechnung entziehen wie die Kr\u00e4fte der ganzen Welt, die in einem bestimmten Moment auf ein Alpha-Teilchen einwirken. Deshalb hat Darwins Theorie nie geleistet, was der Physiker von seinen Gesetzen verlangt, n\u00e4mlich Vorhersagen in die Zukunft. Selbst der \u00fcberzeugteste Darwinist w\u00fcrde nicht wagen, die zuk\u00fcnftige Entwicklung irgendeines bestimmten Lebewesens, geschweige denn die des Menschen, zu prophezeien (es sei denn unter Laborbedingungen, wenn alle Umweltbedingungen k\u00fcnstlich auf ein Minimum reduziert worden sind). Genau diese Unm\u00f6glichkeit, die Zukunft der Evolution vorherzusagen, hat Popper vermutlich gemeint, als er Darwins Theorie metaphysisch nannte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Darwin selbst hat zu seiner Zeit noch nichts von den Mechanismen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>gewusst, welche der Selektion ihr &#8222;Material&#8220; zur Verf\u00fcgung stellen, also genetisch unterschiedliche Individuen. Heute beschreiben Biogenetiker l\u00e4ngst im Detail die Mechanismen, welche zu unterschiedlicher genetischer Ausstattung f\u00fchren &#8211; z.B. endogene oder umgekehrt von au\u00dfen bewirkte Fehler bei der Replikation des genetischen Codes. Wichtig ist, dass der Biogenetiker es hier mit zuf\u00e4lligen Ver\u00e4nderungen (z.B. Mutationen) zu tun hat, denn w\u00fcrden sie gesetzhaft verlaufen, dann w\u00e4re er ja in der Lage, die k\u00fcnftige Entwicklung eines Lebewesens zu berechnen. Anders gesagt, sind sich die Biogenetiker mit Jacques Monod darin einig, dass hier das Reich des Zufalls beginnt &#8211; die Abwesenheit von Gesetzen. Das vermeintliche Grundgesetz Monods l\u00e4sst sich daher von der Physik ebenso auf die Biologie beziehen: &#8222;Die Entwicklung der Arten ist vollst\u00e4ndig durch Zufall und Notwendigkeit erkl\u00e4rt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber was ist das f\u00fcr eine Erkl\u00e4rung, wenn der Zufall f\u00fcr unsere Erkenntnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>reines Geheimnis<\/em>&nbsp;ist? Sobald wir diese Wahrheit anerkennen, erh\u00e4lt die Formel, welche Darwins &#8211; inzwischen wesentlich erg\u00e4nzte &#8211; Lehre zusammenfasst, auf einmal eine ganz verwandelte Form. &#8222;<em>Die Entwicklung der Arten wird vollst\u00e4ndig durch Geheimnis und Notwendigkeit erkl\u00e4rt<\/em>.&#8220; Offensichtlich ist das eine contradictio in adjecto, denn diese Formel scheitert an einem inneren Widerspruch. Eine Erkl\u00e4rung kann niemals vollst\u00e4ndig sein, wenn sie auf einem unaufl\u00f6sbaren Geheimnis gr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Einsicht ist von grundlegender Art, denn sie n\u00f6tigt uns zu erkenntnistheo\u00adretischer Bescheidenheit. Die Wissenschaft vom Leben kann sich zwar ein voll\u00adkommenes Bild von der Deszendenz der Arten machen, d.h.&nbsp;<em>von ihrer Geschichte<\/em>. Aber eine vollst\u00e4ndige Erkl\u00e4rung&nbsp;<em>ihrer Entwicklung<\/em>&nbsp;wird sie nie bieten k\u00f6nnen, eben weil sie als Grundelement die wissenschaftlich undeutbare Dimension des Zufalls in sich birgt.<a id=\"Kopf3\"><\/a><a style=\"color: blue;\" href=\"#Fuss3\">*3*<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Revolution der Erkenntnis, die mit dem 17ten Jahrhundert begann,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>bestand in einer methodisch betriebenen Suche nach Wahrheit, die nun im Prinzip f\u00fcr jedermann auffindbar sein soll. Wissenschaft erkennt kein Machtwort von Autorit\u00e4ten an, sie ist radikal demokratisch. Aber Wissenschaft war stets in Versuchung, selbst Machtw\u00f6rter zu sprechen, und genau deshalb war sie von vornherein nicht nur Wahrheitssuche sondern immer auch durch L\u00fcge gef\u00e4hrdet, zumal sie von Anfang an einen m\u00e4chtigen Gegner hatte: die undemokratische Machtreligion, welche sich nicht auf Vernunft sondern auf vermeintlich unanfechtbare Autorit\u00e4ten berief.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diesen m\u00e4chtigen Feind zu bek\u00e4mpfen, wie sie es seit dem 17ten Jahrhundert tat und Monod noch im zwanzigsten, gab und gibt sie vor, den Menschen eine genauso umfassende, totale Erkl\u00e4rung der Wirklichkeit bieten zu k\u00f6nnen wie es von jeher Anspruch und Absicht der Macht-Religion ist (im Gegensatz zur kritischen Religion, die nicht vorgibt, die letzte Wirklichkeit, also Gott, zu erkennen). In dem Augenblick, wo Wissenschaft diesen Weg beschritt, gleicht sie sich ihrem Gegner an, wird zur dogmatischen Macht-Wissenschaft. Aber immer wieder sind es kritische Wissenschaftler selbst, die sich dagegen wehren. F\u00fcr den Mathematiker G\u00f6del stand es aus logisch-grunds\u00e4tzlichen Erw\u00e4gungen fest, dass kein System \u00fcber sich selbst hinausgelangt, es scheitert an prinzipieller Unvollst\u00e4ndigkeit (Unvollst\u00e4ndigkeitstheoreme). Wenn er es dennoch versucht, handelt er, um im Bild des Biologen Rupert Riedel zu bleiben, so wie ein Polizeihund, der sich einbildet, die Rauschgiftszene zu kennen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Unterschied zur Machtreligion,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>die, wie Albert Schweitzer vehement kritisiert, hinterlistig eine optimistische Weltsicht vorgaukelt, bietet Machtwissenschaft den Menschen allerdings eine \u00fcberaus traurige Perspektive. Oder gibt es eine trostlosere Vision als die&nbsp;<em>Philosophie des Nichts-Als<\/em>, wonach Mensch und Kosmos eben nichts Besseres seien als Mechanismen, deren Entwicklung zudem durch den blinden, sinnlosen Zufall bestimmt wird? Das ist eindeutig jene Art Wertung, die sich Wissenschaftler \u00fcblicherweise verbieten, z.B. wenn sie die Verbindung von H und O zu H<sub>2<\/sub>O beschreiben. Da ist weder von gro\u00dfartig noch von trostlos die Rede &#8211; das Geschehen wird einfach in seiner Faktizit\u00e4t dargestellt. Mehr kann Wissenschaft nicht, wenn sie nicht selbst zur Ideologie werden will.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn wir den Zufall, eine der beiden Grunddimension der Wirklichkeit,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>als Geheimnis bezeichnen, dann ist das keine Wertung sondern wir benennen ein Faktum, denn wir wissen nicht, was der Zufall ist, abgesehen davon, dass er f\u00fcr uns das Gegenteil aller erkennbaren Ordnung repr\u00e4sentiert. Und deswegen m\u00fcssen wir das Weltbild Monods, das heute auch das der meisten Wissenschaftler ist, entschieden zur\u00fcckweisen und es durch ein anderes ersetzen. Wirklichkeit ist eine Architektur aus erkennbarer Ordnung und unerkennbarem Geheimnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Neu ist diese Erkenntnis nur f\u00fcr die Machtwissenschaft und die Machtreligion. Kritische Religion, zu deren gr\u00f6\u00dften Vertretern der Mystiker Meister Eckart geh\u00f6rt, hat immer darum gewusst. Kritische Wissenschaftler wie Kurt G\u00f6del oder der vermeintliche Positivist Karl Popper, der Biologe Rupert Riedl (und viele andere mehr) haben das ebenso erkannt. Aber aus Furcht, die eigenen Grenzen zugeben zu m\u00fcssen, beharren Machtreligion wie Machtwissenschaft auf der totalen Erkl\u00e4rung, die eine, indem sie der Welt k\u00fcnstlich eine optimistischen Heilsplan unterstellt, die andere, indem sie die Welt zu einem Nichts entwertet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In unserer Zeit, wo Wissenschaft und Technik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>die Wirklichkeit tiefer und umfassender umgestalten als das jemals die Religion vermochte, stehen wir nicht nur vor einer geistigen sondern einer nicht minder gro\u00dfen materiellen Bedrohung. Die gr\u00f6\u00dfte Errungenschaft unserer Zeit: wissenschaftliche Wahrheitssuche, droht in praktizierte Sinnlosigkeit umzuschlagen, weil unser immenses Wissen und K\u00f6nnen uns dazu verf\u00fchrt, den gr\u00fcnen Planeten, auf dem uns die Evolution bis heute ein einzigartiges, wunderbares Zuhause bot, nach und nach unbewohnbar zu machen. Welch ein eklatanter Widerspruch! Homo sapiens, der am h\u00f6chsten entwickelte Primat, bringt es zwar fertig, jene Fahrzeuge zu erfinden, die ihn zu einem anderen Planeten im Sonnensystem tragen k\u00f6nnen. Es ist l\u00e4ngst nicht mehr unrealistisch, dass er auf den \u00f6den Steinw\u00fcsten des Mars mit Luft gef\u00fcllte Containergef\u00e4ngnisse errichtet, wo er dann ein trauriges und abgeschiedenes Leben wie in einer Sibirischen Strafkolonie f\u00fchrt. Aber er bringt es nicht fertig, seinen eigenen Wohnraum, diese Erde, f\u00fcr eine nachhaltige Existenz zu sichern. Wissenschaft h\u00e4tte uns die M\u00f6glichkeit bieten k\u00f6nnen, das Leben hier auf der Erde zum Paradies zu machen; wir sind aber im Begriff, die Erde mit ihrer Hilfe in eine unbewohnbare H\u00f6lle zu verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nobelpreistr\u00e4ger vom Rang eines Jacques Monod<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>haben mit der falschen, unwissenschaftlichen Philosophie des Nichts-Als diese Entwicklung geistig vorbereitet. Warum sollte man sich einer sinnlosen Welt, einem sinnlosen Leben gegen\u00fcber irgendwelche Hemmungen auferlegen? Diese Einstellung l\u00e4sst die Zerst\u00f6rung der Welt ebenso zu wie ihre Erhaltung &#8211; beides ist gleich weit von allem Sinn entfernt. Das ist, wie ich es nennen m\u00f6chte, &#8222;falsche Aufkl\u00e4rung&#8220;. Wir d\u00fcrfen uns daher nicht dar\u00fcber wundern, dass sie eine s\u00e4kulare Gegenreaktion provoziert. Die Renaissance fundamentalistischer Religionen ebenso wie das erschreckende Wuchern von artifiziellem esoterischen Sinngebr\u00e4u soll die Leere ausf\u00fcllen, welche die L\u00fcge des Nichts-Als in den K\u00f6pfen erzeugte. Wie so oft der Fall treibt der Fanatismus der einen den der anderen hervor, denn auch Monod l\u00e4sst ja keinen Widerspruch zu: &#8222;Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen m\u00f6glichen oder gar denkbaren Hypothesen.&nbsp;<em>Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese<\/em>, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht&#8220; (meine Hervorhebung).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Dogmatismus der &#8222;Machtwissenschaft&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>wird auch noch auf andere Art widerlegt. Es h\u00e4tte gen\u00fcgt, dem Geheimnis des Zufalls einmal nicht im Gro\u00dfen und Ganzen von Kosmos und biologischer Evolution nachzusp\u00fcren, wo wir es nie entr\u00e4tseln werden, sondern in uns selbst. Denn Evolution ereignet sich ja im Hier und Jetzt und in jedem Lebewesen. In dem Augenblick, wo wir ihn uns selbst aufsuchen, erleben wir ihn unmittelbar als sinnvoll, z.B. in der Musik. Ihre elementare Wirkung auf unsere Psyche beruht auf der Resonanz, dem Wiedererkennen. Wir lieben die Sch\u00f6nheit einer musikalischen Architektur, z.B. einer Sonate von Mozart oder Bach, weil sie nicht nur als \u00e4u\u00dfere Tonfolge auf uns einstr\u00f6mt, sondern die Elemente dieser Ordnung bereits in uns vorhanden sind, so dass es zu einer Wiederbegegnung kommt. Der musikalische Genuss kommt ja gleicherma\u00dfen von au\u00dfen wie von innen, ohne Resonanz, d.h. unser aktives Miterleben, w\u00fcrde Musik nichts in uns bewirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Musik ist weit mehr als nur bestimmte Ordnung oder Architektur, die wir als Teil unserer Kultur verinnerlicht haben; sie ist zugleich Ausbruch aus dieser Ordnung, unberechenbares Spiel mit den architektonischen Grundelementen. Eine Musik wird schlecht, langweilig oder kitschig, wenn sie uns berechenbar erscheint, weil sie tonal oder rhythmisch nichts Neues zu bieten hat, wir also in jedem Moment ihren weiteren Verlauf schon vorausahnen k\u00f6nnen. Die gro\u00dfe Musik \u00fcberrascht uns gerade dadurch, dass wir mit gr\u00f6\u00dfter Intensit\u00e4t wieder-erkennen, und sie uns doch als v\u00f6llig unberechenbar erscheint, weil wir die auf uns einstr\u00f6menden Einf\u00e4lle, Variationen, pl\u00f6tzlichen Entdeckungen eben nicht voraussehen, geschweige denn vorausberechnen k\u00f6nnen. Dadurch erh\u00e4lt der Zufall, dort wo wir ihn selbst erleben, eine Qualit\u00e4t, die weit hinausreicht \u00fcber alles blo\u00df Zuf\u00e4llige. Wir erleben ihn als den h\u00f6chsten Sinn \u00fcberhaupt, weil er sich als Quelle des Gl\u00fccks erweist. Er ist Kreation, aber nicht von Sinnlosigkeit sondern von F\u00fclle. Das aber gilt nicht nur f\u00fcr die Musik sondern f\u00fcr alle kulturellen Kreationen, die ja unseren eigenen, den menschlichen Beitrag zur Evolution darstellen. Auch in diesem Fall bleibt das dadurch erfahrene Gl\u00fcck ein Geheimnis, das wir auf keine Formel bringen k\u00f6nnen, aber seine Wirkung ist deswegen nicht weniger real. Real genug jedenfalls, um das trostlose Weltbild Monods, das dem heute vorherrschenden weitgehend entspricht, entscheidend zu modifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p><a style=\"color: blue;\" href=\"#Kopf1\">*1*<\/a> <a id=\"Fuss1\"><\/a> Dass der Zufall in wahrscheinlichkeitstheoretischer Sicht von null bis eins reichen kann, also von totaler Unvorhersehbarkeit bis zum sicheren Eintreten eines Ereignisses, besagt nur, dass der \u00dcbergang von erkennbarer Ordnung zu unerkennbarem Chaos ein gleitender ist.<\/p>\n\n\n\n<p><a style=\"color: blue;\" href=\"#Kopf2\">*2*<\/a> <a id=\"Fuss2\"><\/a> Vgl. mein Buch <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B07VDD8JLK\/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=\u00c5M\u00c5\u017d\u00d5\u00d1&amp;keywords=kindle+amazon+Gero+Jenner&amp;qid=1563367569&amp;s=gateway&amp;sr=8-2\">&#8222;Sch\u00f6pferische Vernunft&#8220;<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a style=\"color: blue;\" href=\"#Kopf3\">*3*<\/a> <a id=\"Fuss3\"><\/a>&nbsp;So wie wir einer potentiellen Unendlichkeit gegen\u00fcberstehen, wenn wir die Gesamtheit der Fakten erfassen wollen, an welche ein Lebewesen sich anpassen muss, so haben wir es auch mit einer potentiellen Unendlichkeit von m\u00f6glichen Reaktionen auf diese Gegebenheiten zu tun. Wir haben Magnetfelder, infrarotes und ultraviolettes Licht, Ultraschall etc. als m\u00f6gliche sensorische F\u00e4higkeiten bei bestimmten Lebewesen erkannt, womit diese sich \u00dcberlebensvorteile verschaffen, aber wir wissen nicht, wie viele andere Ph\u00e4nomen es gibt, welche die Lebewesen zu diesem Zweck noch verwenden k\u00f6nnten. Schon aus diesem Grund fehlt Darwins Lehre die prognostische F\u00e4higkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Herrn <strong>Hans Oberl\u00e4nder<\/strong> aus Jena erhalte ich per Mail folgende R\u00fcckmeldung:<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter, lieber Herr Jenner,<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr letzter Essay beeindruckte mich ungemein. Weil Sie nach meinem Empfinden Evolution in ein bisher so nicht erfahrenes philosophische Licht r\u00fcckten und so meine Weltanschauung best\u00e4rkten &#8211; ich z\u00e4hle mich zu einem &#8222;modifizierten intelligent Designer&#8220;. Gemeint ist, dass das G\u00f6ttliche sein gro\u00dfartiges Naturgesetz Evolution nicht einfach &#8222;kalt ablaufen&#8220; l\u00e4sst, sondern Einfluss nimmt. In der N\u00e4he von Bifurcationen verwirklichen sich dann extrem unwahrscheinliche Potentialit\u00e4ten. Ein beobachtetes Beispiel nannte ich Ihnen wohl bereits: Dass ich Ihnen hier schreiben kann und nicht wie alle anderen Menschen atomar w\u00e4hrend 40 Jahre Kalter Krieg vernichtet wurde, ist mit kleiner ein tausendel extrem unwahrscheinlich und f\u00fcr mich indirekter Beweis der Existenz des G\u00f6ttlichen, Urgrund und Sch\u00f6pfer allen Seins. Mystik in ihren drei Hauptstufen Eingebung, Allbewusstsein, Auftrag ist hierbei bedeutungsvoll, siehe Kurztext &#8222;\u00dcber Mystik&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde durch Ihr Essay zum Nachdenken angeregt und habe meine \u00dcberlegungen Ihrem Text als Fu\u00dfnoten angef\u00fcgt, die ich Ihnen nicht vorenthalten m\u00f6chte. Sie sollten als respektvolles Weiterdenken verstanden werden. F\u00fcr mich besteht Geistige Evolution ma\u00dfgeblich darin, dass jemand eine Idee, ein Konzept entwickelt, welches nicht vollkommen ist, ja (als Erstimpuls) kaum sein kann. St\u00f6\u00dft es auf kritische, ja ablehnende Resonanz, f\u00fchrt es zum Effekt des Weiter- oder Kontr\u00e4rdenkens anderer, zu dem es ohne den Erstimpuls nicht gekommen w\u00e4re.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Herzlich gr\u00fc\u00dft aus Jena Ihr Oberl\u00e4nder <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Replik:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lieber Herr Oberl\u00e4nder,<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00f6ttliches,&nbsp;<em>f\u00fcr den Menschen begreifliches<\/em>&nbsp;Design (gleichg\u00fcltig ob modifiziert oder nicht) ist jene vorherrschende Deutung des Weltgeschehens, welche wohl 95% aller Menschen f\u00fcr die einzig richtige hielten, weil es ein verst\u00e4ndliches Wunschbild ist. Albert Schweitzer und meine Wenigkeit sind da anderer Meinung. Gewiss, &#8222;Geheimnis&#8220; ist weniger befriedigend als Design, aber viel befriedigender als &#8222;sinnloser Zufall&#8220; &#8211; vor allem aber ist diese Alternative rational begr\u00fcndbar. Sie steht mit allem in Einklang, was wir wissen und wissen k\u00f6nnen!<\/p>\n\n\n\n<p>.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Herrn <strong>Bernd Winkelmann<\/strong> aus Adelsborn bekomme ich &#8211; per Mail &#8211; folgende Zuschrift:<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Dr. Jenner.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Aufsatz \u201e<em>Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott \u2013 eine philosophische Ex<\/em>kursion\u201c ist f\u00fcr mich mal wieder Anlass, mich f\u00fcr die Zusendungen Ihrer Schriften zu bedanken. Diese Letzte kam gerade zur rechten Zeit, da ich mich z.Zt. mit diesen Fragen einmal mehr befasse; so in dem Versuch einer kleinen Studie \u201eGott ist im Werden \u2013 Skizzen einer posttheistischen Evolutionstheologie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann Ihren Ausf\u00fchrungen generell zustimmen. Sie sind f\u00fcr mich eine sehr hilfreiche Anregung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier nur einige eigene Gedanken und Fragen dazu:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wenn \u201eZufall\u201c nur das Noch-Nichtwissen von Ursachen-Folge-Ketten ist, dann ist die Welt voll determiniert und es gibt keinen wirklichen Zufall (und auch keinen freien Willen). Auch der Dachziegel, der vom Dach f\u00e4llt und einen Mann trifft oder nicht trifft, w\u00e4re in einer unendlich langen Ursachen-Folge-Kette von Ziegel und Mann bestimmt.<\/li><li>Sehr gef\u00e4llt mir ihre Grunddimension \u201e<em>Ordnung und Geheimnis<\/em>\u201c. \u201eGeheimnis\u201c, wenn ich Sie richtig verstehe, ist das Offene, nicht rational Fassbare, aber eben nicht einfach Zufall oder Willk\u00fcr. \u201eGeheimnis\u201c meint mehr als \u201eunbekannt\u201c. Im Geheimnis schwingt immer ein \u201eMysterium\u201c mit, eine rational nicht fassbare Wahrheit und Kraft, die das Wesentliche ist und mich unmittelbar anspricht. Von Einstein ist ja das Zitat bekannt: \u201e<em>Das tiefste und erhabenste Gef\u00fchl, dessen wir f\u00e4hig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein kommt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gef\u00fchl fremd ist, und wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot.\u201c<\/em><\/li><li>Meines Erachtens kommt das dem nahe, was in der Relativit\u00e4tstheorie, Quantenphysik und Unsch\u00e4rferelation als das Unbestimmbare umschrieben wird, ein \u201ePotentialit\u00e4t\u201c als Hintergrund der subatomaren Wirklichkeit, die offen ist, \u201eGeheimnis\u201c ist, eben rational nicht fassbar ist \u2013 oder fassbar nur in einer Wissenschaft, die das \u201eMystische\u201c einbezieht?<\/li><li>Ich unterscheide zwischen zwei Ebenen von Wirklichkeitserfahrungen: einmal die rationale, verobjektivierende, wie sie in den Naturwissenschaften wie im praktischen Leben \u00fcblich und n\u00f6tig ist; zum anderen die subjektive, intuitive, spirituelle Ebene, wie sie in Wahrheits- und Sinnfragen, im Zwischenmenschlichen, in der Liebe, in Kunst und Spiritualit\u00e4t als \u201eGeheimnis\u201c erfahren wird. Sie haben zum Schluss Ihres Textes mit dem Hinweis auf die Musik daf\u00fcr ein sch\u00f6nes Beispiel gegeben. Ich nenne diese Ebene auch Transzendenzerfahrungen. Ich meine, dass wir gleichsam \u201ein einem Meer von Transzendenz schwimmen.\u201c&nbsp;<\/li><li>F\u00fcr mich ist es immer wieder unbegreiflich, wie die naturalistischen \u201eMachwissenschaftler\u201c zwar begeistert von den \u201eWundern\u201c und den au\u00dferordentlichen \u201eEinf\u00e4llen der Evolution\u201c sprechen, zugleich aber behaupten, dass es darin keinen Sinn gibt und nur alles Zufall w\u00e4re (z.B. Schmidt-Salomon in \u201eHoffnung Mensch\u201c). Wie kann es und wozu kann es sinnvolle Einf\u00e4lle der Evolution, den Kosmos, das Leben&nbsp;&nbsp;geben, wenn es dahinter keinen Sinn gibt?&nbsp;<\/li><li>F\u00fcr mich ist die Frage nach einem \u201eSinn\u201c im Sein, nach dem Woher und Warum der Evolution, des Kosmos, des Lebens, nach einer sinngebenden Tendenz in allem Sein zwingend. Ich sehe die Evolution und alles Sein als immer gr\u00f6\u00dfere Entfaltung in wachsender Vielfalt, auch Sch\u00f6nheit und Synergie. Liegt nicht in dieser Entfaltung der Sinn des Seins, der Evolution, des Lebens? Und liegt hierin nicht auch die Aufgabe unseres Lebens? Diese Wahrheit ist rational nicht beweisbar, sie bleibt Geheimnis. Sie kann nur existentiell erfahren werden.<\/li><li>Ich meine, dass wir nur von hierher der Trostlosigkeit eines nur zuf\u00e4lligen Kosmos und sinnlosen Seins widerstehen k\u00f6nnen. Hier liegt wohl auch der wahre Kern aller Religion, so oft sie auch in allen \u201eMachtreligionen\u201c pervertiert wurde. Und von hierher kann \u201eGott\u201c neu gedacht werden, jenseits der alten theistischen Gottesbilder. Heute w\u00e4re es Aufgabe der Religion, sich von den alten Weltbildvorstellungen zu l\u00f6sen und sich auf der hier angedeuteten Ebene neu zu artikulieren.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Seien Sie mit guten W\u00fcnschen herzlich gegr\u00fc\u00dft von&nbsp;<br><em>Bernd Winkelmann.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von Herrn&nbsp;<strong>Dr. Hans-Werner Franz<\/strong>&nbsp;aus Dortmund erhalte ich per Mail folgende Nachricht:<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, Herr Jenner,<\/p>\n\n\n\n<p>ich ziehe es vor, bei Zufall und Notwendigkeit zu bleiben. Zwar mag die apodiktische Form, in der &nbsp;Monod sie begr\u00fcndet, umstritten sein, festzustehen scheint mir jedoch, dass Ordnung und Geheimnis nichts erkl\u00e4ren. Ordnung entsteht durch Notwendigkeit und Zufall. Geheimnisse sind Geheimnisse sind Geheimnisse, schaffen aber keine Fakten, Zuf\u00e4lle schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n\n\n\n<p>Hans-Werner Franz<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Replik:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Franz<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig richtig haben Sie gesehen, dass der Zufall nichts erkl\u00e4rt. Er stellt im Gegenteil die Grenze f\u00fcr alles Erkl\u00e4ren dar. Dies aufzuzeigen ist ja auch der Sinn meines Artikels, der deshalb eine besondere Brisanz im Hinblick auf die vermeintliche &#8222;Erkl\u00e4rung&#8220; der Evolution nach Darwin erh\u00e4lt. Anders als Sie annehmen beruht Erkl\u00e4rung allerdings auf dem Nachweis von Ordnung (Gesetzen). R\u00fcckblickend auf das Vergangene deckt sie dessen Ordnungen auf.&nbsp;Alfred North Whitehead&nbsp;hat wissenschaftliches Erkl\u00e4ren auf die denkbar k\u00fcrzeste Formel gebracht: \u201eSearch for measurable elements among your phenomena, and then search for relationships among these measures of physical quantities\u201c. GJ.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch &#8222;Le Hasard et la N\u00e9cessit\u00e9&#8220; (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. F\u00fcr einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt&nbsp;nichts als&nbsp;Zufall und Notwendigkeit. 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