{"id":378,"date":"2014-12-12T09:40:55","date_gmt":"2014-12-12T08:40:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=378"},"modified":"2022-12-08T15:29:16","modified_gmt":"2022-12-08T14:29:16","slug":"deutsche-sarrazinaden-und-ihr-bedrohlicher-widerhall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/deutsche-sarrazinaden-und-ihr-bedrohlicher-widerhall\/","title":{"rendered":"Deutsche Sarrazinaden \u2013 und ihr bedrohlicher Widerhall"},"content":{"rendered":"<pre>(auch erschienen in: \"scharf-links\")<\/pre>\n<p>Das Dilemma brachte niemand besser auf den Punkt als die Kanzlerin. Zum Buch \u201eDeutschland schafft sich selber ab\u201c, das sie nach eigenem Bekunden weder gelesen hatte noch lesen werde, bemerkte sie, dass es \u201enicht hilfreich\u201c sei.<!--more--><\/p>\n<p>Darin liegt in der Tat das Problem. Es ist nicht hilfreich, wenn ein Arzt einem Kranken, der davon nichts wei\u00df und vor allem nichts wissen will, gleichwohl das Wissen aufdr\u00e4ngt, dass er demn\u00e4chst sterben werde. Es ist auch wenig hilfreich, wenn die Ergebnisse der Intelligenzforschung \u00fcber den statistischen Abstand zwischen Afro-Amerikanern und dem wei\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung an die \u00d6ffentlichkeit dringen.*1* Es ist schon gar nicht hilfreich, wenn das Mitglied einer Notenbank vor Verwerfungen am Geldmarkt warnt. Diese Warnung selbst kann n\u00e4mlich die Wirkung ausl\u00f6sen, solche Verwerfungen entweder stark zu beschleunigen oder sie \u00fcberhaupt erst herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, es ist sehr oft geraten &#8211; manchmal sogar eine Methode der Wahl &#8211; die Fakten sch\u00f6n zu reden, weil gegenteiliges Verhalten dazu beitragen kann, sie erst recht zu verschlechtern.<\/p>\n<p>Thilo Sarrazin hat in seinem Buch keine Fakten erfunden; niemand hat ihm nachweisen k\u00f6nnen, dass er wissenschaftlich gesicherte Fakten falsch zitiert oder verzerrt dargestellt h\u00e4tte. Das r\u00e4umt auch ein so engagierter Gegner wie Hans-Christian Str\u00f6bele ein. Str\u00f6bele, einer der aufrechtesten und \u00fcberzeugendsten deutschen Gr\u00fcnen, meinte vielmehr, Sarrazin habe nur l\u00e4ngst bekanntes Faktenmaterial pr\u00e4sentiert &#8211; anst\u00f6\u00dfig und beleidigend seien die daraus gezogenen Folgerungen.*2*<\/p>\n<p>Was die Fakten betrifft, so hat Str\u00f6bele unbedingt recht. Schon seit wenigstens einem Jahrhundert ist es kein Geheimwissen mehr, dass die gebildeten Schichten, jene also, welche das Fundament f\u00fcr den Reichtum eines modernen Staates bilden, weit weniger zur Fortpflanzung neigen als die weniger gebildete Mehrheit. Wir haben es hier mit einem irgendwie peinlichen Wissen zu tun, das denn auch umgehend den Verdacht ausl\u00f6st, dass es nicht eben \u201ahilfreich\u2019 sei.<\/p>\n<p>Zu den wissenschaftlich gut abgesicherten Fakten geh\u00f6rt auch die Einsicht, dass es kulturelle Pr\u00e4gungen gibt, die sich als \u00fcberaus resistent im Hinblick auf die \u00dcbernahme moderner westlicher Lebensformen erweisen. Nat\u00fcrlich r\u00e4t uns unser historisches Wissen auf diesem Gebiet zu besonderer Vorsicht. Auf keinen Fall sind wir berechtigt, von einer Unver\u00e4nderlichkeit kultureller Eigenheiten zu sprechen. Noch vor zwei Jahrhunderten wollte die tonangebende Elite der Qing-Dynastie von abendl\u00e4ndischer Wissenschaft und Technik nichts wissen. F\u00fcr den westlichen Homo oeconomicus empfand sie die tiefste Verachtung. Heute erobern die Chinesen \u2013 von der eigenen Elite dazu mit der Peitsche vorangetrieben &#8211; mit be\u00e4ngstigender Schnelle s\u00e4mtliche Bereiche der Hochtechnologie und betreiben einen \u00fcberaus brutalen Kapitalismus.<\/p>\n<p>Oder blicken wir auf die eigene Geschichte zur\u00fcck. Vor f\u00fcnfhundert Jahren war das Italien der Renaissance der strahlende Mittelpunkt der zivilisierten Welt; die Deutschen galten in ihrem unwirtlichen Norden als zur\u00fcckgebliebene Barbaren von Dritte-Welt-F\u00fcrstent\u00fcmern. Der deutsche Mao-Zedong jener Zeit, der den Barbaren immerhin zu einem gewissen Selbstbewusstsein verhalf, war niemand anders als Martin Luther.<\/p>\n<p>Kein Zweifel, kulturelle Pr\u00e4gungen unterliegen dem Wandel, doch dieser Wandel braucht Zeit &#8211; oftmals sehr viel Zeit. Der Gegensatz zwischen einem hochindustrialisierten italienischen Norden und einem in Verbrechen und R\u00fcckst\u00e4ndigkeit dahinsiechenden S\u00fcden reicht schon l\u00e4nger als ein halbes Jahrtausend zur\u00fcck und blieb w\u00e4hrend dieser langen Zeit nahezu unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Wenn Sarrazin feststellt, dass das von der Wissenschaft zusammengestellte, von ihm genutzte Zahlenmaterial bef\u00fcrchten lasse, Deutschland werde bei unver\u00e4ndertem Trend nach f\u00fcnfzig bis hundert Jahren kaum noch wiederzuerkennen sein, weil eben beides zusammenwirke, einerseits der Fortpflanzungsboykott der heimischen Bev\u00f6lkerung, vor allem ihrer gebildeten Schichten, andererseits der demographische Vormarsch eines aufgrund seiner besonderen kulturellen Pr\u00e4gung (statistisch gesehen) ziemlich bildungsresistenten Bev\u00f6lkerungsteils, so wird man seinen Bef\u00fcrchtungen kaum widersprechen k\u00f6nnen \u2013 jedenfalls solange man die kurzfristige Perspektive im Auge beh\u00e4lt.*3*<\/p>\n<p>Der sonst so \u00fcberzeugende Hans-Christian Str\u00f6bele irrt, wenn er die Fakten Sarrazins \u2013 den Fortpflanzungsboykott und eine bildungsresistente kulturelle Pr\u00e4gung &#8211; zwar akzeptiert aber die daraus gezogenen Schl\u00fcsse mit gr\u00f6\u00dfter Emp\u00f6rung von sich weist. Denn das ist ja gerade so best\u00fcrzend an \u201eDeutschland schafft sich selber ab\u201c: Sarrazin braucht das von der Wissenschaft \u00fcber Jahre zusammengestellte Datenmaterial gar nicht zu interpretieren \u2013 die Fakten sprechen f\u00fcr sich allein!*4*<\/p>\n<p>Nicht Hans-Christian Str\u00f6bele, sondern eben Angela Merkel hat das grundlegende Problem auf den neuralgischen Punkt gebracht. M\u00f6gen die Fakten noch so verl\u00e4sslich sein, \u201ahilfreich\u2019 ist Sarrazins Buch ganz gewiss nicht. Es besteht die Gefahr, dass es den Umgang mit den Migranten vergiftet, dass es zu deren Herabsetzung beitr\u00e4gt oder sogar Hass und Verfolgung bewirkt \u2013 so wie das unbedachte Wort eines Mitglieds der Notenbank einen Run auf die Geldinstitute und damit die Ersch\u00fctterung des Gemeinwesens hervorzurufen vermag.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser Gefahr wurden Sarrazin und sein Buch von der politischen Elite und von der Mehrheit intellektueller Meinungsbilder \u00fcbereinstimmend ge\u00e4chtet. Ganz \u00fcbersehen hat man dabei allerdings einen grundlegenden Widerspruch. Demokratien geraten geradezu zwangsl\u00e4ufig in Konflikt mit Wissenschaft und Wahrheit \u2013 im Gegensatz zu Diktaturen, die ein solches Problem nicht kennen. Zum Beispiel ist sich die chinesische F\u00fchrung sehr deutlich bewusst, dass religi\u00f6se Bewegungen die politische Ordnung Chinas in der Vergangenheit immer wieder destabilisierten. Also sorgt sie in aller Stille daf\u00fcr, dass Falun Gong oder der islamische Fundamentalismus in Xin Jiang gar nicht erst stark genug werden. Bev\u00f6lkerungsschichten, die sich ihren Zielen rapider Modernisierung entgegenstellen, werden ohne \u00f6ffentliche Diskussion von dem allgegenw\u00e4rtigen Polizei- und Sicherheitsapparat kaltgestellt. Diktaturen gelingt es m\u00fchelos zwischen \u201ahilfreichen\u2019 Fakten und jenen, die sie nicht als solche verstehen, eine scharfe Trennlinie zu ziehen. Die einen d\u00fcrfen ver\u00f6ffentlicht werden, die anderen unterdr\u00fcckt man.<\/p>\n<p>In einer funktionierenden Demokratie f\u00e4llt diese M\u00f6glichkeit aus. Es ist gewiss nicht \u201ahilfreich\u2019, wissenschaftliche Daten an die gro\u00dfe Glocke zu h\u00e4ngen, die einem Teil der Bev\u00f6lkerung eine unterdurchschnittliche Bef\u00e4higung im Hinblick auf die Anforderungen einer modernen Gesellschaft zusprechen. Ein solches Vorgehen kann im Extrem zu Verhetzung und Verfolgungen f\u00fchren (bekanntlich hat die NPD die Thesen Sarrazins begierig aufgegriffen).<\/p>\n<h3>Aber darf sich Wissenschaft deswegen solche Fragestellungen verbieten? Nat\u00fcrlich nicht!<\/h3>\n<p>Freiheitliche Ordnungen m\u00fcssen mit dieser Achillesverse leben. Sie haben Transparenz auf ihre Fahnen geschrieben. Gerade und vor allem die Opposition, sei sie gr\u00fcn, gelb oder blau, besteht auf Transparenz und Wahrheit. Aus gutem Grund lehnt sie sich gegen kein anderes Demokratieversagen so heftig auf wie gegen das Verschweigen oder die Verdrehung von Wahrheit. Nur weil ihre Wirkungen unter Umst\u00e4nden durchaus gef\u00e4hrlich sind, darf Wahrheit weder unterdr\u00fcckt, noch ge\u00e4chtet oder gar mit allen Mitteln der bewussten Verdrehung entstellt und geleugnet werden.<\/p>\n<p>Von Unterdr\u00fcckung kann im Hinblick auf Sarrazins Thesen zwar keine Rede sein. Durch den Absatz eines Buches, das den Autor zum Million\u00e4r werden lie\u00df, haben sie im Gegenteil eine \u00fcberaus starke Wirkung entfaltet. Umso mehr h\u00e4tte man sich vonseiten der politischen und medialen Intelligenz statt \u00c4chtung bis hin zur bewussten Wahrheitsverdrehung einen besonnenen Umgang gew\u00fcnscht. Wenn es stimmt, dass Demokratie und Transparenz unl\u00f6sbar zusammengeh\u00f6ren, dann muss solche Transparenz auch und gerade f\u00fcr Wahrheiten gelten, die sich als \u201anicht hilfreich\u2019 erweisen.<\/p>\n<p>In seinem dritten Buch hat Sarrazin den Feldzug des linken Lagers gegen die eigenen Thesen als neuen \u201aTugendterror\u2019 bezeichnet. Dessen Virulenz erkl\u00e4rt er mit einem in diesem Lager w\u00fctenden \u201aGleichheitswahn\u2019 \u2013 wie mir scheint, auf ziemlich einseitige Weise.*5* Die Idee, dass Menschen einander wesenhaft gleich sind, ist alles andere als ein Wahn. Man kann darin sogar den eigentlichen Motor f\u00fcr allen wirklichen Fortschritt sehen. Aus gegenseitiger Ablehnung von Gruppen und St\u00e4mmen, die einander urspr\u00fcnglich f\u00fcr \u201aNichtmenschen\u2019, \u201aStumme\u2019 (Nemec), \u201aBarbaren\u2019, \u201aG\u00f6tzenanbeter\u2019, \u201aNigger\u2019, \u201aLes Boches\u2019, \u201aThe Krauts\u2019 etc. hielten, ging ein Verst\u00e4ndnis des Mitmenschen hervor, das hinter den \u00e4u\u00dferlichen Gegens\u00e4tzen das gemeinsame Menschsein in den Vordergrund stellt. Der zwischenmenschliche Br\u00fcckenschlag durch gegenseitige Empathie und den Abbau von Argwohn und Hassgef\u00fchlen wurden immer nur auf diese Weise erreicht. Auch eine bleibende Friedensordnung kann nur auf einer Einstellung beruhen, die Sarrazin in seinem letzten Buch mit zu leichter Hand als \u201aGleichheitswahn\u2019 diskreditiert.*6*<\/p>\n<p>Andererseits hat Sarrazin in meinen Augen wiederum Recht, wenn er auf der belebenden Wirkung von Ungleichheiten besteht. Alle Bem\u00fchungen, materiell, geistig oder spirituell das individuelle oder das Wohl einer Gesellschaft zu mehren, setzen voraus, dass die darum bem\u00fchten Individuen oder Gesellschaften \u00fcberzeugt sind, dass ihr eigener Beitrag moralisch richtiger, technisch zielf\u00fchrender, intellektuell wahrer \u2013 also auf irgendeine Art besser sei als das was andere Individuen oder Gesellschaften schon erreicht haben oder in Zukunft erreichen wollen. Ohne die \u00dcberzeugung, etwas besser zu wissen oder richtiger zu machen, ist keine soziale Bewegung, sind keine Fortschritte irgendwelcher Art auch nur denkbar.<\/p>\n<p>In Grenzen geduldete Ungleichheit und ma\u00dfvoller Wettbewerb geh\u00f6ren zur Conditio humana ebenso wie das tief verwurzelte Bed\u00fcrfnis, \u00fcber und jenseits aller Ungleichheiten &#8211; und allen dadurch hervorgerufenen Wettbewerbs &#8211; das gemeinsame Menschsein nie aus dem Blick zu verlieren. Vorwerfen kann man Sarrazin, dass er sich f\u00fcr das zweite Bed\u00fcrfnis nahezu blind erweist. Damit macht er sich derselben Einseitigkeit schuldig, die er seinen Gegnern zur Last legt. Die einen verst\u00fcmmeln die Conditio humana, indem sie Wettbewerb und Ungleichheit aus ihr herausoperieren, die anderen, indem sie das Bed\u00fcrfnis nach wesenhafter Gleichheit als Wahn abtun.<\/p>\n<p>Was bleibt dann von den Gedanken eines Mannes, der mit seinen Thesen die \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland st\u00e4rker aufw\u00fchlte als irgendein anderer Ikonoklast seit Ende des zweiten Weltkriegs? Es bleibt die Zerst\u00f6rung zweier von vielen leidenschaftlich geglaubter Tr\u00e4ume, die letztlich ihre Verhei\u00dfungen nicht erf\u00fcllten. Sarrazin ist der gro\u00dfe Desillusionator \u2013 mit dem Hammer und scheinbar v\u00f6lliger Emotionslosigkeit zerschl\u00e4gt er die beiden sch\u00f6nsten Nachkriegsillusionen. Die Eliten sagen bis heute, und viele Deutsche haben es ihnen lange Zeit auch durchaus geglaubt: Nie waren wir Deutschen den Fremden gegen\u00fcber so aufgeschlossen, so liberal, so entgegenkommend &#8211; und nie ist uns ein so gedeihliches Miteinander gelungen.<\/p>\n<p>Sarrazin entlarvt und dekonstruiert das Credo als Wunschvorstellung. In Wirklichkeit sei die Integration missgl\u00fcckt und Parallelwelten entstanden, die dem Durchschnittsb\u00fcrger immer bedrohlicher und unwirtlicher erscheinen.<\/p>\n<p>Die Eliten sagen bis heute, aber immer weniger Deutsche glauben heute noch an diesen zweiten nicht weniger hochfliegenden und wirkm\u00e4chtigen Traum: Nie habe Deutschland so viel f\u00fcr Europa getan wie mit der Einf\u00fchrung des Euro.<\/p>\n<p>Sarrazin entlarvt und dekonstruiert auch dieses Credo als blo\u00dfe Wunschvorstellung. Der Euro habe die Nationen Europas nicht zusammengeschwei\u00dft, sondern sei im Begriff, sie zu zerrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Desillusionierung sch\u00e4rft den Blick f\u00fcr die Wirklichkeit, aber sie ist, f\u00fcr sich genommen, noch keine positive und schon gar keine belebende Kraft. Sie kann sogar ihrerseits in Scheuklappenmentalit\u00e4t einm\u00fcnden. So etwa verleitet die Polemik gegen den Gleichheitswahn Sarrazin schlie\u00dflich dazu, Ungleichheit an sich schon f\u00fcr einen Wert zu halten, obwohl sie nie mehr als ein Stimulans sein sollte, um im Wettbewerb Werte zu schaffen. Selbst die zerst\u00f6rerischen Wirkungen eines ungeb\u00e4ndigten Wettbewerbs erscheinen Sarrazin durchaus akzeptabel. In seinem letzten Buch hei\u00dft es an einer Stelle: \u201eNie aber konnte ich eine Quelle der Ungerechtigkeit darin entdecken, dass jemand anders mehr Geld hatte als ich. Er nahm mir ja nichts weg.\u201c<\/p>\n<p>Welch fundamentaler Irrtum! Die Chancengleichheit der modernen westlichen Gesellschaften steht inzwischen nur noch auf dem Papier. Sie ist elementar gef\u00e4hrdet, weil die oberen f\u00fcnf Prozent genau das tun, was Sarrazin im letzten Satz dieses Zitats bestreitet: Sie nehmen der Mehrheit fortdauernd etwas weg &#8211; und zwar mit jedem Jahr mehr! *7*<\/p>\n<p>Hier w\u00e4re ein Aufschrei n\u00f6tig, eine soziale Mobilisierung, eine politische Bewegung, um diesen Verfall aufzuhalten. Die Gleichheit der Chancen ist ja nicht weniger als das Fundament der modernen Gesellschaft und die Grundlage ihrer Legitimation in den Augen der B\u00fcrger! Es ist sicher schlimm, dass zwei Zukunftsprojekte, die soziale Akzeptanz der Einwanderung bei der Masse der B\u00fcrger sowie die Einf\u00fchrung einer gemeinsamen W\u00e4hrung, als gescheitert gelten m\u00fcssen, aber weit schlimmer ist es, dass die wichtigste Errungenschaft auf dem Weg zu einer als sozial gerecht anerkannten Gesellschaft, die Gleichheit der Chancen, gegenw\u00e4rtig wieder in Frage gestellt und de facto demontiert wird.<\/p>\n<p>1 Zahlen in Amy Chua und Jed Rubenfeld: \u201eThe Triple Package: How Three Unlikely Traits Explain the Rise and Fall of Cultural Groups in America\u201c. Die Autoren erkl\u00e4ren die gemessenen Unterschiede der Intelligenz mit kultureller Pr\u00e4gung (superiority complex, insecurity, impulse control). Wobei nat\u00fcrlich zus\u00e4tzlich bedacht werden muss, dass die Kriterien f\u00fcr intelligentes Verhalten \u2013 Abstraktion, Kombination und F\u00e4higkeit zu analogischem Denken &#8211; nicht vom Himmel fallen, vielmehr hat die Wissenschaft sie vom Erfolg individuellen Denkens und Handelns in modernen wissenschaftlich-technischen Gesellschaften abgeleitet. Der Flynn-Effekt, also die Tatsache, dass der Durchschnittswert so definierter Intelligenz mit der Zeit steigt, ist ein Indikator, dass Gesellschaften sich in diese Art Denken tats\u00e4chlich mehr und mehr \u201aeingew\u00f6hnen\u2019. Insofern kann man nat\u00fcrlich von einem Zirkelschluss sprechen: Wissenschaftliche Gesellschaften beweisen sich selbst, dass sie am intelligentesten sind, weil sie die Kriterien f\u00fcr Intelligenz von den eigenen Denk- und Verhaltensnormen ableiten. Diese Kriterien beweisen dann zwar, dass so definierte Intelligenz f\u00fcr den individuellen Erfolg von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist, aber damit ist keinesfalls ausgeschlossen, dass andere Kulturen Intelligenz und den darauf beruhenden Erfolg anders definierten.<\/p>\n<p>2 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ad5atkvsTvQ\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ad5atkvsTvQ<\/a><\/p>\n<p>3 Fruchtbarkeitsboykott auf der einen Seite, starke Zunahme des muslimischen Bev\u00f6lkerungsanteils auf der anderen, eine derartige Entwicklung muss \u2013 wenn die genannten Zahlen stimmen \u2013 zwangsl\u00e4ufig dazu f\u00fchren, dass Deutschland in f\u00fcnfzig bis hundert Jahren seine bisherige Identit\u00e4t verliert und weitgehend muslimisch gepr\u00e4gt sein wird.<\/p>\n<p>4 Au\u00dfer der Folgerung, dass das Deutschland von morgen bei anhaltenden demographischen Trends ganz anders aussehen wird als das Deutschland von heute, habe ich keine weiteren aus den Daten abgeleiteten Schl\u00fcsse in Sarrazins Buch zu entdecken vermocht. Str\u00f6bele h\u00e4tte besser daran getan, statt von \u201aFolgerungen\u2019 von verborgenem \u201aZweck\u2019 oder verborgener \u201aAbsicht\u2019 zu sprechen. Die einzige Folgerung, die ich habe finden k\u00f6nnen, ergibt sich unmittelbar aus dem Zahlenmaterial. \u201eIch m\u00f6chte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu gro\u00dfen Teilen muslimisch ist, dass dort \u00fcber weite Strecken t\u00fcrkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Reise ins Morgenland buchen.\u201c Dies ist eine pers\u00f6nliche Pr\u00e4ferenz des Autors, die man billigen kann oder auch nicht. Etwas anderes sind die unausgesprochenen Absichten oder Zwecke, die Sarrazin wie jeder andere Autor mit seinem Buch verfolgt. In diesem Sinne bleibt das Buch offen f\u00fcr alle denkbaren Interpretationsm\u00f6glichkeiten \u2013 worin denn auch der eigentliche Stein des Ansto\u00dfes liegt. M\u00f6gliche Interpretationen reichen von der direkten Aufforderung zu kriminellem Handeln gegen Mitb\u00fcrger aus islamischen L\u00e4ndern, wie sie die NPD propagiert oder toleriert, \u00fcber ein das Zusammenleben vergiftendes Misstrauen bis hin zu einer von Verantwortung gepr\u00e4gten Politik, welche alles unternimmt, um Menschen aus fremden Kulturen erfolgversprechend zu integrieren, aber bei der Aufnahme neuer Migranten mit der n\u00f6tigen Vorsicht verf\u00e4hrt, indem sie immer zugleich auch die Frage stellt, wie viel Andersartigkeit sie den eigenen B\u00fcrgern zumuten darf.<\/p>\n<p>5 Sarrazin: \u201eDas ist der Kern des Tugendterrors: Die Ideologie (oder Religion) der Gleichheit erkl\u00e4rt alle sich manifestierenden Unterschiede in den Leistungen und im materiellen Erfolg von Individuen und Gruppen zum Ausfluss von Ungerechtigkeit, letztlich zum Ergebnis des B\u00f6sen, das in dieser Welt wirkt.\u201c<\/p>\n<p>6 Eine Einstellung zur Gleichheit, die bei den Kritikern Sarrazins durchaus nicht immer vorhanden ist. Wenn es wahr ist, was G\u00f6tz Aly, der bekannte Historiker, in seiner Replik auf den \u201einquisitorischen Gestus\u201c meint, \u201emit dem linksliberale Kritiker \u00fcber den Autor Sarrazin herfallen,\u201c so vertr\u00e4gt sich dieser Gestus offenbar mit einem ger\u00fcttelten Ma\u00df Heuchelei. \u201eIch lebe in diesen linksliberalen Kreisen,\u201c bemerkt Aly, \u201eund wei\u00df, wie dort dar\u00fcber gewacht wird, dass die eigenen Kinder und Enkel die \u203arichtigen\u2039, sprich: migrantenarmen, b\u00fcrgerlich gehobenen Kinderg\u00e4rten und Schulen besuchen.\u201c (G\u00f6tz Aly: Das Juden-Gen, Frankfurter Rundschau vom 7. September 2010).<\/p>\n<p>7 Sarrazin selbst ist das keineswegs unbekannt, auch wenn er versucht, die Fakten sch\u00f6n zu reden. \u00dcberraschenderweise hei\u00dft es n\u00e4mlich einige Zeilen sp\u00e4ter: \u201eAllgemein steigt die Sparquote mit dem Einkommen, deshalb ist es leider mathematisch zwingend &#8230;, dass die Verm\u00f6gensverteilung immer ungleicher ist als die Einkommensverteilung und dass diese Ungleichheit im Zeitablauf noch w\u00e4chst, wenn sich das Verm\u00f6gen auch nur ma\u00dfvoll verzinst.\u201c H\u00e4tte er nur die richtigen Folgerungen aus dieser Einsicht gezogen! Warum Sarrazin aber an der mit drei P\u00fcnktchen bezeichneten Stelle des Zitats die Passage hinzuf\u00fcgt \u201eund nicht Ausfluss einer besonderen Ungerechtigkeit\u201c, ist mir unerkl\u00e4rlich. Eine systemhaft und gleichsam automatisch wirkende Ungerechtigkeit ist doch wohl am wenigsten gerecht und entschuldbar! In meinem n\u00e4chsten Buch \u201eGleiche Chancen f\u00fcr alle \u2013 gegen den parasit\u00e4ren Transfer und die Zerst\u00f6rung von Demokratie und Umwelt!\u201c thematisiere ich genau diese Tendenz einer wachsenden parasit\u00e4ren Ausbeutung durch eine Minderheit, welche die Gleichheit der Chancen weitgehend ausgeh\u00f6hlt hat. Der parasit\u00e4re Transfer beruht zudem keineswegs nur auf der Mechanik der Zinsen, sondern wird ebenso durch renditetr\u00e4chtiges Sachkapital bewirkt, gleichg\u00fcltig ob dieses in Gestalt materiellen Eigentums oder in Form von Wertpapieren gehalten wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(auch erschienen in: &#8222;scharf-links&#8220;) Das Dilemma brachte niemand besser auf den Punkt als die Kanzlerin. 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