{"id":3158,"date":"2019-08-30T17:59:25","date_gmt":"2019-08-30T15:59:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=3158"},"modified":"2020-02-16T15:07:05","modified_gmt":"2020-02-16T14:07:05","slug":"philosophie-des-schwachsinns-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/philosophie-des-schwachsinns-ii\/","title":{"rendered":"Philosophie des lebensf\u00f6rdernden Schwachsinns"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine kleine Geschichte der liebensw\u00fcrdigen, der lebensf\u00f6rdernden, der t\u00f6richten, der idiotischen und der brandgef\u00e4hrlichen Geistesverwirrung in Bezug auf die eigene Person im Besonderen und die menschliche Spezies im Allgemeinen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><!--more-->In unserer Zeit gibt fast jeder halbwegs vollsinnige Mensch bereitwillig zu, dass kein Schwachsinn gr\u00f6\u00dfer als der des Krieges ist, wo Menschen einander so behandeln, als w\u00e4ren sie mit dem Zweck zur Welt gekommen, in Sch\u00fctzengr\u00e4ben als Schlachtvieh f\u00fcr politische Schachspieler zu enden, die auf diese Art ihr Bed\u00fcrfnis nach Macht und Ruhm ausleben. Schon allein deswegen, weil es Kriege auch in unserer angeblich so fortgeschrittenen Zeit immer noch gibt, sollten wir unserer Art ein f\u00fcr alle Mal das Recht absprechen, sich mit der Bezeichnung &#8222;(Homo) sapiens&#8220; zu br\u00fcsten. Einzig richtig erscheint mir die realistische Selbsteinsch\u00e4tzung als &#8222;Homo stupidus&#8220; &#8211; oder eher noch &#8222;stupidissimus&#8220;, denn die Kriege sind ja im Laufe der letzten Jahrhunderte nur noch m\u00f6rderischer geworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Immerhin hatte zur Zeit der Renaissance<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ein Waffengang zwischen Pisa und Florenz noch damit enden k\u00f6nnen, dass ein paar S\u00f6ldner von ihren Pferden fielen. Da sie am Krieg verdienen, aber keinesfalls zu dessen Opfern werden wollten, war ein solches Ungl\u00fcck genug, um die Schlacht als entschieden anzusehen und einen Friedensvertrag abzuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sah Krieg im Zeitalter des Humanismus im gl\u00fccklichen Italien aus. Aber inzwischen haben wir ein halbes Jahrtausend Fortschritt hinter uns! Die Fl\u00e4chenbombardements des zweiten Weltkriegs verfolgten das Ziel, Menschen en masse zu vernichten, nur das z\u00e4hlte nunmehr als wirklicher Sieg. Aber die noch fortschrittlicheren Kriegsf\u00fcrsten unserer heutigen Zeit blicken mit Verachtung auf so viel R\u00fcckst\u00e4ndigkeit. Sie geben sich mit nichts Geringerem zufrieden als mit einer fl\u00e4chendeckenden bakteriellen, chemischen und nuklearen Massenvernichtung. In Japan hatten Atombomben bereits die Bev\u00f6lkerung der beiden Gro\u00dfst\u00e4dte Nagasaki und Hiroshima nahezu vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6scht. Doch man glaube nicht, dass die Intelligenz des Homo stupidissimus daran ihr Gen\u00fcgen fand. Der Fortschritt will immer mehr und er will immer h\u00f6her hinaus &#8211; inzwischen trachtet er nach der ultimativen Vernichtung der eigenen Spezies. Und zum ersten Mal in der Geschichte ist dieses Ziel endlich zum Greifen nahe: Zu Beginn des 21ten Jahrhunderts d\u00fcrfen wir uns damit br\u00fcsten, den vorletzten Schritt auf diesem Weg zur\u00fcckgelegt zu haben. Der Krieg gegen Mensch und Natur ist bereits in ein Endstadium getreten &#8211; die Menschheit bereitet sich auf ihr Ende vor. Homo stupidissimus ist im Begriff seinem Namen alle Ehre zu machen. Ist er der eigenen nutzlosen Existenz \u00fcberdr\u00fcssig? So sieht es aus. An seiner Weisheit verzweifelnd \u00fcberl\u00e4sst er sich ganz dem Fortschritt, sprich seinen Sehns\u00fcchten nach Tod und Selbstausl\u00f6schung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In diesem, wie es scheint unerbittlichen, Fortschritt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">zu einem Krieg, der das \u00dcberleben der Art \u00fcberhaupt bedroht, tritt uns der Schwachsinn des Homo stupidissimus gewiss in seiner reinsten, perfektesten, man m\u00f6chte geradezu sagen, in seiner sch\u00f6nsten Form gegen\u00fcber, denn im Hinblick auf die Orgien an Menschenvernichtung, die der moderne Krieg mit sich bringt, ist jeder verharmlosende Einwand schlechthin unm\u00f6glich. Doch ziehe man daraus bitte nicht den verharmlosenden Schluss, als w\u00fcrde der Schwachsinn in weniger reiner, weniger spektakul\u00e4rer Gestalt in Friedenszeiten nicht ebenfalls mitten unter uns weilen, so als blieben wir im zivilen Alltag ganz und gar von ihm verschont. Nein, die Art ist permanent von Schwachsinn bedroht, selbst dann, wenn unsere besten Wissenschaftler nicht gerade an einer neuen Generation von noch t\u00f6dlicheren Bomben basteln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wettbewerb ist, wie wir wissen,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">eine zivile Spielart des Krieges; er ist gegenseitiges Kr\u00e4ftemessen, mit dem Ziel, anderen Menschen vorauszueilen, auf irgendeinem Gebiet besser als sie zu sein oder sie \u00fcberhaupt aus der Bahn zu werfen, in den Konkurs zu treiben. W\u00fcrden Regeln nicht daf\u00fcr sorgen, dass er sich innerhalb unblutiger Grenzen bewegt, dann w\u00fcrden die Unternehmen ihre G\u00fcter nicht l\u00e4nger in kleinen, oft sehr m\u00fchsamen Schritten verbessern, um auf diese Art K\u00e4ufer f\u00fcr sich zu gewinnen, sondern sie w\u00fcrden Saboteure und M\u00f6rder gegen ihre Konkurrenten ausschicken, wie es die Mafia bekanntlich von jeher tat. Anders gesagt, w\u00fcrde der Wettbewerb jederzeit in den offenen Krieg umschlagen, wenn der Staat nicht mit Argusaugen dar\u00fcber wachte, dass er sich innerhalb zivilisierter Grenzen bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die Regeln der Zivilisation gelten immer nur<em> innerhalb eines Staates<\/em> und auch nur solange dieser sie gegen\u00fcber den privaten Interessen seiner m\u00e4chtigsten B\u00fcrger durchzusetzen vermag.&nbsp;<em>Zwischen den Staaten<\/em> werden sie immer erneut au\u00dfer Kraft gesetzt. Was dann folgt ist ein flie\u00dfender \u00dcbergang in den Krieg, zun\u00e4chst einmal in der Gestalt von &#8222;Handelskriegen&#8220;. Die Konkurrenz wird ausgeschlossen, W\u00e4hrungen geraten in einen Wettlauf der Abwertung miteinander, Dumpingaktionen &#8211; von starken Staaten gegen schw\u00e4chere eingeleitet &#8211; bringen deren Industrien ins Wanken. Zwar verm\u00f6gen internationale Vertr\u00e4ge die Raubtiernatur des Homo stupidissimus zeitweise und bis zu einem gewissen Grad zu z\u00e4hmen, dauerhaft ist das bisher jedoch nie gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ist &#8222;eine andere und bessere Welt&#8220; wirklich unm\u00f6glich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Muss man es nicht f\u00fcr einen unverzeihlichen Schwachsinn halten, dass Menschen einander selbst noch in Zeiten des Friedens bek\u00e4mpfen &#8211; wenn nicht mit den Waffen der blutigen und direkten Vernichtung, dann zumindest mit den Waffen der \u00d6konomie, welche die einen bereichern, die anderen hingegen in Armut st\u00fcrzen? Ist denn wirklich keine andere Welt vorstellbar, in der niemand mehr darauf versessen ist, besser, gescheiter, reicher, m\u00e4chtiger als andere Menschen zu sein? M\u00fcssen wir immer in einer Welt am Rande des Krieges leben, einer Welt, wo der Staat mit einem gewaltigen Apparat von Justiz und Polizei dar\u00fcber wachen muss, dass wir unserem N\u00e4chsten zwar nicht den Hals abschneiden, es uns aber dennoch erlaubt ist, ihm ein beliebiges Ausma\u00df an seelischer Pein und Kr\u00e4nkung zuzuf\u00fcgen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wenn die einen im allt\u00e4glichen Wettbewerb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ihre Sieger feiern, w\u00e4hrend die anderen als Versager abgetan werden, weil ja aller Wettstreit notwendig bewirkt, dass wenige siegen, die Mehrheit dagegen zu den Verlierern geh\u00f6rt, gleicht seelische Kr\u00e4nkung dann nicht einer Massenepidemie, die ganze Gesellschaften seelisch ungl\u00fccklich macht? M\u00fcssen wir den Schwachsinn eines zwar geb\u00e4ndigten, aber psychologisch immer noch \u00fcberaus schmerzhaften Krieges nur deswegen f\u00fcr immer erdulden, weil die moderne Gesellschaft den Wettbewerb nun einmal zu ihrer Voraussetzung hat und ihn im Neoliberalismus bis zum Exzess perfektioniert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Doch &#8211; es gibt sie: die andere Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man sage nicht, dass eine Welt ohne Wettbewerb nie existierte und nicht existieren k\u00f6nne &#8211; dieser Einwand ist einfach nicht wahr. Er gilt nicht f\u00fcr die heutige Zeit und schon gar nicht f\u00fcr die dokumentierte Geschichte. Beinahe jeder von uns hat diese ganz andere Welt einmal kennengelernt, die Welt der Familie,&nbsp;<em>wo jeder nach seinen F\u00e4higkeiten gibt, w\u00e4hrend er nach seinen Bed\u00fcrfnissen nehmen darf<\/em>. Im besten Fall hat es dort den Wettbewerb \u00fcberhaupt nicht gegeben: Eine Mutter sorgt f\u00fcr ihr Kind nicht deswegen, weil sie eine Gegenleistung von ihm erwartet, sondern aus dem einfachen Grund, weil sie es liebt und es allein aufgrund seiner Existenz ihre uneigenn\u00fctzige Liebe verdient. Diese Welt der bedingungslosen Zuwendung und Liebe bildet den Anfang im Leben fast jedes Menschen; sie steht in dem denkbar gr\u00f6\u00dften Gegensatz zur Welt des Wettbewerbs, wo jeder eben gerade nicht nach seinen Bed\u00fcrfnissen nimmt und nach den eigenen F\u00e4higkeiten gibt, sondern wo er Letztere unter Beweis stellen muss, wenn er Erstere befriedigen will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Jede Utopie scheint ihren Ursprung in diesem fr\u00fchen Gl\u00fcck,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">zu haben, denn jeder, der in halbwegs normalen Verh\u00e4ltnissen aufwachsen durfte, bewahrt diese Gegenwelt wie die Erinnerung an ein goldenes Zeitalter in sich auf. Ja, die Feststellung d\u00fcrfte kaum \u00fcbertrieben sein, dass die ganze Menschheit diese Erinnerung in sich lebendig h\u00e4lt, wann immer sie \u00fcber das eigene Schicksal reflektiert. Denn in ihren Utopien von einem gl\u00fccklichen Urzustand oder einem k\u00fcnftigen Paradies, kommt Wettbewerb ja ebenso wenig vor wie der offene Krieg. In der utopischen Wunschgesellschaft wird allen Menschen allein deswegen Gl\u00fcck zuteil, weil es sie gibt: Ihre blo\u00dfe Existenz verleiht ihnen ein Recht auf Gl\u00fcck. Vor diesem Hintergrund erscheint Wettbewerb als eine traurige Verirrung, die den Menschen vom Gl\u00fcck in das Ungl\u00fcck f\u00fchrte &#8211; mit anderen Worten, als kaum \u00fcberbietbarer Schwachsinn. Da erstaunt es kaum, dass selbst ein aufgekl\u00e4rter, moderner Denker wie Karl Marx sich diese Utopie zu der seinen machte.&nbsp;<em>Jeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen<\/em> &#8211; so sollte in seiner Sicht die ideale Gesellschaft aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Schwachsinn des Wettbewerbs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">sollte in der klassenlosen Gesellschaft keinen Platz mehr haben. Karl Marx&#8216; Phantasien von einer zuk\u00fcnftigen Gesellschaft im reinen, ewigen Gl\u00fcck, wo aller Wettbewerb abgeschafft war, unterschied sich von ihren Vorg\u00e4ngern nur dadurch, dass er die Utopie vom Himmel auf die Erde holte. Seiner Meinung nach w\u00fcrde sich dieses Ideal selbst dann verwirklichen lassen, wenn der Staat als Gewaltorgan vollst\u00e4ndig abgeschafft war. Ja, er wird nach Marx sogar absterben m\u00fcssen, denn die klassenlose Gesellschaft hat ja alle zwischenmenschlichen Konflikte restlos aufgehoben. Wenn Menschen keinen Grund mehr haben, miteinander zu streiten, wof\u00fcr wird der Staat dann noch gebraucht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Karl Marx verstand sich auf die Kunst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">logischen Argumentierens. Nur dass die Logik oft auf Voraussetzungen beruht, die sie dazu verdammen, blo\u00dfer Schwachsinn in intelligentem Aufputz zu sein. Die Wirklichkeit hat den radikalen Denker aus Trier nicht nur zu seinen Lebzeiten widerlegt, sondern mit noch gr\u00f6\u00dferer Evidenz nach seinem Tode. Unter dem blutigen Regime eines Staates, den der gro\u00dfe chinesische Diktator Mao Zedong ganz allein in der eigenen Person verk\u00f6rpern wollte, mussten Millionen von Menschen sterben, damit vor\u00fcbergehend ein Volk von kleinen blauen M\u00e4nnchen entstehen konnte, die zumindest aus \u00e4u\u00dferer Sicht weitgehende Gleichheit vort\u00e4uschten. Das Ideal der klassenlosen Gesellschaft schien unter Mao zum ersten Mal in einer Massengesellschaft umgesetzt worden zu sein. Es zeigte sich allerdings von Anfang an, dass diese Umsetzung nur unter dem Einsatz m\u00f6rderischer Gewalt m\u00f6glich war &#8211; und auch nur f\u00fcr wenige Jahre. Weit entfernt davon abzusterben, war der Staat unter dem Diktator m\u00e4chtiger denn je zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Marx h\u00e4tte eigentlich wissen m\u00fcssen,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">dass das Bauwerk seiner sch\u00f6nen Utopie, historisch gesehen, auf sandigem Boden ruhte. Bei fl\u00fcchtiger Betrachtung stimmt es ja, dass uns der Wettbewerb als verdammenswerter Schwachsinn erscheint. Ohne Zweifel stellt er eine Form des Krieges dar, wenn auch eines unblutigen durch Regeln geb\u00e4ndigten. Und es stimmt ebenfalls, dass er trotz aller B\u00e4ndigung immer und sogar zwangsl\u00e4ufig Wunden erzeugt, weil er nur die Sieger gl\u00fccklich macht, die Verlierer hingegen kr\u00e4nken muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alles ist richtig, und dennoch sieht sich die abw\u00e4gende Vernunft zu dem Schluss gen\u00f6tigt, dass der Wettbewerb zwar ein Schwachsinn ist, aber&nbsp;<em>ein lebensf\u00f6rdernder und in diesem Sinne ein sozial schlechthin unverzichtbarer Schwachsinn<\/em>. Keine gesunde Gesellschaft hat jemals ohne ihn leben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Historiker wird dem Philosophen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">an diesem Punkt Recht geben m\u00fcssen. Immerhin ist es einzig dem Wettbewerb zu verdanken, dass sich seit dem achtzehnten Jahrhundert eine Mehrheit von Menschen zum ersten Mal seit der neolithischen Revolution, also seit etwa zehntausend Jahren, aus ihrer sklavenartigen Unm\u00fcndigkeit befreite, sich ein Minimum an Gl\u00fcck verschaffte!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewiss, Wettbewerb bedeutet Kampf, und Kampf ist das Gegenteil von Neigung und Liebe. Aber es w\u00e4re ein Trugschluss zu glauben, dass, wo der Wettbewerb fehlt, Liebe und Neigung das Feld behaupten. Denn es ist ja eine historische Tatsache, dass der Wettbewerb \u00fcberall auf der Welt bis zur industriellen Revolution nur eine marginale Rolle spielte. In s\u00e4mtlichen alten Gro\u00dfkulturen wie Indien, China, Mittelamerika und den f\u00fchrenden Staaten Europas waren an die neunzig Prozent der Bev\u00f6lkerung dazu verdammt, als geknechtete Nahrungslieferanten f\u00fcr die oberen zehn Prozent zu dienen. Sie waren Bauern von der Wiege bis zur Bahre, weil es keinen Wettbewerb gab, der ihnen erm\u00f6glicht h\u00e4tte, ihre F\u00e4higkeiten unter Beweis zu stellen und aus ihrer dienenden Stellung aufzusteigen. Nicht Wettbewerb entschied dar\u00fcber, welche Privilegien ein Mensch bis zu seinem Tode genie\u00dfen oder welches erb\u00e4rmliche Los er bis dahin erdulden musste, sondern ausschlie\u00dflich seine Geburt. F\u00fcr neunzig Prozent der Bev\u00f6lkerung lief das auf eine Fron mit dem Urteil: &#8222;lebensl\u00e4nglich&#8220; hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und was f\u00fcr eine Fron noch dazu! In der Mehrzahl aller Staaten (vor allem in den bev\u00f6lkerungsreichsten Kulturen) wurden die Nahrungslieferanten &#8211; eben jene \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit &#8211; von der weltlichen und geistlichen Macht so sehr ausgequetscht, dass ihnen in aller Regel nur das Minimum f\u00fcr das eigene \u00dcberleben blieb. Bauernaufst\u00e4nde &#8211; das gerade Gegenteil einer auf wettbewerbsfreien Harmonie begr\u00fcndeten Gesellschaft &#8211; waren in allen Gro\u00dfstaaten endemisch, aber selbst diese Aufst\u00e4nde n\u00fctzten den Bauern in der Regel nichts oder wenig &#8211; noch zu Zeiten Luthers &#8211; und mit seinem Segen &#8211; wurden sie mit hemmungsloser Brutalit\u00e4t von den oberen zehn Prozent unterdr\u00fcckt oder blutig niedergeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und \u00fcberall auf der Welt lebten die Bauern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">abseits der Hochkultur. Sie konnten und durften weder lesen noch schreiben. Was h\u00e4tte ihnen das auch gen\u00fctzt, wenn ihr einziger Daseinszweck doch allein darin bestand, den oberen zehn Prozent ein sorgenfreies Leben zu bescheren, frei von der M\u00fchsal der Daseinsf\u00fcrsorge? Die ganze bisherige Geschichte wurde bis ins 18te Jahrhundert nahezu ausschlie\u00dflich von jenen geschrieben, welche zu den wenigen Gl\u00fccklichen an der Spitze der sozialen Pyramide geh\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>So also sah die Gesellschaft aus,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">bevor Wettbewerb in ihr aufkommen durfte. Man vergesse nicht: Zwischen den unteren neunzig Prozent und den Herren war er ohnehin ausgeschlossen. In der Regel starb jeder in derselben niedrigen Stellung, in die er geboren wurde. Doch auch der Wettbewerb unter Gleichen war f\u00fcr die fronende Mehrheit so gut wie ausgeschlossen, weil er ihr in der Regel nur Schaden brachte. Es lohnte sich ja nicht, besser als der Nachbar zu sein. Gelang es einem t\u00fcchtigen Landwirt aufgrund technisch \u00fcberlegener Methoden oder einem Mehr an Arbeit in einem Jahr mehr zu produzieren als seine Nachbarn, dann wurden die Steuereintreiber sofort auf ihn aufmerksam, und es fielen im n\u00e4chsten Jahr nur umso h\u00f6here Abgaben an. Aus diesem und keinem anderen Grund &#8211; sicher nicht aus einem Mangel an Intelligenz &#8211; pflegte die Landbev\u00f6lkerung erzkonservativ zu sein. Jede Neuerung war verd\u00e4chtig, weil sie f\u00fcr jeden Mehrertrag in der Regel mit h\u00f6heren Steuern zu b\u00fc\u00dfen hatte. Das war die unbarmherzige Realit\u00e4t f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit, solange es in ihr keinen Wettbewerb gab. Freiheit von Wettbewerb war kein Gl\u00fcck, sondern darin lag im Gegenteil der eigentliche Grund f\u00fcr ihr Ungl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erst im 18ten Jahrhundert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">begann sich die Welt f\u00fcr die bis dahin in&nbsp;<em>allen gro\u00dfen<\/em>Staaten geknechtete Mehrheit allm\u00e4hlich zu \u00e4ndern. Zwar nicht sofort, die erste Phase der Industrialisierung pflegte gegen die \u00c4rmsten im Gegenteil sogar noch brutaler zu sein als ihre vorherige Situation (hier ist Marx unbedingt Recht zu geben). Doch war dies ein vor\u00fcbergehendes \u00dcbel. Es kam die industrielle Revolution und mit ihr kam der&nbsp;<em>institutionalisierte Wettbewerb&nbsp;<\/em>&#8211; zusammen haben beide die Massen zum ersten Mal seit zehntausend Jahren aus ihrer unverschuldeten Unm\u00fcndigkeit befreit. Heute reicht ein Bev\u00f6lkerungsanteil von drei Prozent, um in den entwickelten Staaten der Erde, die Nahrung f\u00fcr die \u00fcbrigen siebenundneunzig Prozent zu erzeugen. Und selbst diese drei Prozent genie\u00dfen die freie Berufswahl: Sie sind nicht von Geburt aus dazu verdammt, diesen und keinen anderen Beruf auszu\u00fcben. So wurde auf eine beinahe symmetrische Art das bisherige Modell der Geschichte vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der erste Schritt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">dieser nach der neolithischen Revolution gr\u00f6\u00dften Wende der Menschheitsgeschichte bestand in der Einf\u00fchrung eines allgemeinen Ausbildungssystems, welches im Prinzip allen Menschen die M\u00f6glichkeit geben sollte, im Wettbewerb ihre F\u00e4higkeiten unter Beweis zu stellen. Von nun an durfte Geburt keine Rolle mehr spielen, gesellschaftliche Positionen sollten aufgrund von nachgewiesenen F\u00e4higkeiten verliehen werden. Die sichtbarste Folge dieser institutionalisierten Revolution waren Schulen und Universit\u00e4ten: In ihnen wurde Auslese aufgrund eines nunmehr allgegenw\u00e4rtigen Wettbewerbs betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>War damit ein neuer Schwachsinn losgetreten,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">der alle Menschen gegeneinander in Stellung brachte, w\u00e4hrend sie zuvor ohne den Wettbewerb vergleichsweise in innerem Frieden lebten? Wir sahen schon, dass eine solche Behauptung der historischen Realit\u00e4t diametral widerstreitet. Vorher hatte es einen weit grausameren Kampf gegeben: den Kampf einer verschwindenden Minorit\u00e4t an der Spitze des Staats gegen die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit auf dem Lande, die mit Waffengewalt zur Arbeit f\u00fcr den Luxus der Herren gezwungen wurde. Das war ein Dauerkampf, der in fortw\u00e4hrenden Klageliedern der Unterdr\u00fcckten seinen Niederschlag fand. Doch wurden diese nur selten zu Papier gebracht, weil in der Regel nur die Herren Geschichte schrieben und nicht etwa ihre analphabetischen Diener und Sklaven. Gewiss, f\u00fchrten Aufst\u00e4nde manchmal zum Sturz der F\u00fcrsten, aber solange keine neuen Energiequellen au\u00dfer menschlichen und tierischen Muskeln gefunden wurden, d.h. bis ins 18te Jahrhundert, f\u00fchrten Staatsstreiche allenfalls in Zwergstaaten zu einer halbwegs gleichm\u00e4\u00dfigen Aufteilung der vorhandenen Ressourcen. Dagegen wurden in s\u00e4mtlichen Gro\u00dfkulturen immer nur die K\u00f6pfe getauscht, ohne dass sich an dem Verh\u00e4ltnis einer dienenden Mehrheit und einer sie ausbeutenden Minderheit das Geringste ge\u00e4ndert h\u00e4tte. Es lie\u00df sich eben auch nichts grunds\u00e4tzlich \u00e4ndern, solange alle Arbeit auf menschlichen und tierischen Muskeln beruhte. Wenn zehn Prozent von der Arbeit auf den Feldern befreit sein sollten, dann war es unausbleiblich, dass neunzig Prozent die Nahrung f\u00fcr sie erwirtschaften mussten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der skeptische Philosoph<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">tut sich schwer mit Utopien &#8211; selbst dann, wenn er sich w\u00fcnschte, dass sie in Erf\u00fcllung gehen. Er wei\u00df, dass Wettbewerb niemals eine ideale Gesellschaft hervorzubringen vermochte. Auch in Zukunft wird das kaum gelingen, denn Wettbewerb ist Kampf und jeder Kampf kr\u00e4nkt die Verlierer. Doch mit Sicherheit hat der Wettbewerb sehr viel weniger Wunden und Verletzungen erzeugt als das nahezu wettbewerbsfreie Unrechtsregime der durch Geburt garantieren Privilegien. Solange eine dienende Stellung bzw. ein Adelstitel den Menschen einfach in die Wiege gelegt worden sind, geh\u00f6rte eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit zu&nbsp;<em>den lebensl\u00e4nglich gekr\u00e4nkten Verlierern<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daran gibt es nichts zu besch\u00f6nigen. Historisch ist es ein unbestreitbares Faktum, dass die gro\u00dfen Kulturen und deren Herren r\u00fccksichtslos gegen die Mehrheit verfuhren. Diese war f\u00fcr sie wirklich nicht mehr als ein zu nutzendes &#8222;Menschenmaterial&#8220;, einzig dazu bestimmt, den wenigen Gl\u00fccklichen an der Spitze der sozialen Pyramide ein Leben in Glanz und Luxus zu bescheren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Doch hat der Philosoph deshalb noch l\u00e4ngst keinen Grund,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">nun umgekehrt den Wettbewerb zu verkl\u00e4ren. Dieser ist stets in Gefahr, aus seiner geb\u00e4ndigten, lebensf\u00f6rdernden Funktion in den offenen ungeb\u00e4ndigten Kampf umzuschlagen. Viel schwerer wiegt aber, dass er &#8211; ohne entsprechende Aufsicht &#8211; immer wieder und zwar auf zwangsl\u00e4ufige Weise&nbsp;<em>zu einer wachsenden Vormacht der Sieger f\u00fchrt<\/em>, weil es diesen im Laufe der Zeit unfehlbar gelingt, einen immer gr\u00f6\u00dferen Teil des gesellschaftlichen Reichtums in die eigenen Taschen zu lenken. Das Ergebnis war und ist immer gleich: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird kontinuierlich gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darin liegt die eigentliche, die bisher niemals \u00fcberwundene Gefahr allen Wettbewerbs. Denn dieser Vorsprung verschafft den urspr\u00fcnglich T\u00fcchtigsten so viel Macht,&nbsp;<em>dass ihre Nachfahren nicht l\u00e4nger t\u00fcchtig sein m\u00fcssen, um ihren Vorsprung zu bewahren und ihn sogar mehr und mehr zu festigen und zu erweitern<\/em>. Das aber hat zur unausweichlichen Folge, dass die Privilegien der Geburt, welche der Wettbewerb anfangs erfolgreich vernichtet hatte, mit der Zeit wieder auferstehen. Die neuen Monopolisten von Geld und Macht bilden dann wiederum eine sehr kleine Schicht an der Spitze der sozialen Pyramide &#8211; in den USA gerade einmal ein Prozent der Bev\u00f6lkerung. Diese Schicht ist ein neuer Adel &#8211; eine Plutokratie -, die den Wettbewerb um die h\u00f6chsten Stellen zunehmend erstickt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In aufstrebende Staaten wie China und Indien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">wird diese Gefahr am wenigsten wahrgenommen, weil die Mehrheit sich gerade aus ihrer unverschuldeten Unm\u00fcndigkeit befreit. Da f\u00e4llt es kaum auf, dass auch die Zahl der Milliard\u00e4re best\u00e4ndig im Steigen ist. Daf\u00fcr werden die alten Industrienationen umso st\u00e4rker von dieser Konzentration der Verm\u00f6gen erfasst, weil die Armen ihren Wohlstand nicht mehr vermehren, sondern ihn im Gegenteil zu verlieren beginnen &#8211; n\u00e4mlich relativ zur reichen Spitze der oberen Zehntausend. Daher der immer lautere Protest gegen den neoliberalen Kapitalismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dieser unheilvolle Entwicklung, die regelm\u00e4\u00dfig die schon errungenen Erfolge wieder zuschanden macht, sollten sich die soziale Theorie und die Reformer besch\u00e4ftigen &#8211; nicht mit den wilden Tr\u00e4umereien eines Karl Marx von einer klassenlosen Gesellschaft, die gegen alle historische Evidenz ohne allen Wettbewerb in ewiger Harmonie existiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Es h\u00e4tte ja nicht einmal eines Blicks<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">auf die gro\u00dfe Geschichte bedurft, um diesen Traum als das zu entlarven, was er in Wahrheit ist: ein gutgemeinter, theoretisch aber \u00fcberaus komplexer und daher f\u00fcr viele verf\u00fchrerischer Schwachsinn. Schon die Individualgeschichte fast jedes Menschen liefert uns den Beweis, dass Wettbewerb bereits in der Biologie unserer Spezies eine fest verankerte Rolle spielt. W\u00e4hrend der S\u00e4ugling noch in unaufl\u00f6sbarer Symbiose mit der eigenen Mutter und seiner Umwelt lebt, weil sein eigenes Ich noch nicht zur Ausbildung gelangte, macht schon ein dreij\u00e4hriges Kind seinen Eigensinn geltend. Un\u00fcbersehbar beginnt es mit anderen Personen in einen Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Lob zu treten. Die Pubert\u00e4t und die auf sie folgenden Jahren f\u00fchren dann einen noch tieferen Einschnitt herbei. Oft lehnt der Heranwachsende sich nun ganz bewusst gegen die eigenen Eltern auf, wenn nicht gar \u00fcberhaupt gegen die \u00fcbrige Welt. Dieser&nbsp;<em>Wettbewerb der Generationen<\/em>ist ein biologisches Faktum, und ebenso ist es die damit verbundene Emp\u00f6rung gegen \u00fcberkommene Vorschriften und Lehren. Stillehalten, Duckm\u00e4usertum, \u00e4ngstliche Zur\u00fcckhaltung &#8211; also wettbewerbsfreie Harmonie &#8211; sind dem Menschen keineswegs in die Wiege gelegt,&nbsp;<em>sondern werden ihm fast immer von au\u00dfen aufgezwungen<\/em>. Wie wir sahen, geschah das seit der neolithischen Revolution bis nah an die Gegenwart ganze zehntausend Jahre lang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gewiss w\u00e4re es ein ebenso gro\u00dfer Schwachsinn,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">das eigene Ich st\u00e4ndig allen anderen Ichs entgegenzusetzen &#8211; es muss Refugien geben, wo der Mensch sich von seinen k\u00e4mpferischen Neigungen ausruhen kann -, aber es w\u00e4re ein ebenso unverzeihlicher Schwachsinn, einen Wettbewerb zu ersticken, der als lebensf\u00f6rdernde, die Gesellschaft bereichernde und erneuernde Kraft \u00fcberhaupt erst die in uns schlummernden Talente und Energien zur Entfaltung bringt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zu den Feinden einer lebendigen Gesellschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">z\u00e4hlen beide Extreme: einerseits jene geistige Pest, die unter dem Namen des Neoliberalismus seit den achtziger Jahren wieder gro\u00dfen Auftrieb erhielt und bereits im alten Rom dazu f\u00fchrte, dass die Reichen auf Proskriptionslisten gesetzt und schlie\u00dflich physisch ermordet wurden. Ge\u00e4ndert wurde dadurch freilich nichts, denn die alte Plutokratie wurde nur durch eine neue ersetzt. In den beiden gro\u00dfen Revolutionen der Neuzeit wurde dieses Spiel dann neuerlich fortgesetzt. Zun\u00e4chst einmal stellte der B\u00fcrgerkrieg in sehr kurzer Zeit gr\u00f6\u00dfere Gleichheit her, die dann einsetzende Refeudalisierung &#8211; der Sieg der Starken \u00fcber die Schwachen &#8211; hob sie jedoch im Laufe der Zeit mit mechanischer Zwangsl\u00e4ufigkeit wieder auf und sch\u00fcrte auf diese Weise zunehmende Unruhe bei der Mehrheit. Dies sollte bis in die Moderne das Muster f\u00fcr menschlichen Schwachsinn bleiben: eine stumpfsinnige Wiederholung des Immer-Gleichen. Nicht Wettbewerb war daran schuld, sondern die Unf\u00e4higkeit, ihn zu b\u00e4ndigen, damit er wirklich allen zugutekommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Denn der Sieg der St\u00e4rkeren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">bildet ja an sich ja keine Gefahr. Da sich Intelligenz und K\u00f6nnen in jeder Generation auf andere K\u00f6pfe verteilen, hat nur Wettbewerb das Potential, die Bildung von sozialen Klassen ganz zu verhindern &#8211;&nbsp;<em>also eine wahrhaft klassenlose Gesellschaft hervorzubringen<\/em>. Denn nur Reichtum, der durch Geburt und eben nicht durch die Auslese der Besten erworben wird, f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zur Bildung sozialer Klassen. Dagegen hat sich staatliche Umverteilung dieser Tendenz nie dauerhaft entgegenzustellen vermocht. Durch Umverteilung von (halb-)oben nach unten haben die Gewerkschaften den Prozess zwar verlangsamen, aber nicht aufhalten k\u00f6nnen, denn die Reichen waren den weniger Beg\u00fcnstigten bei der Vermehrung ihres Reichtums stets um L\u00e4ngen voraus. Um diesen Prozess wirklich einzud\u00e4mmen, h\u00e4tte der Staat an anderer Stelle ansetzen m\u00fcssen, n\u00e4mlich bei all jenen Verm\u00f6gen,&nbsp;<em>deren Wachstum eben nicht l\u00e4nger aufgrund von individueller Leistung erfolgt<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Doch von diesem durch die ganze Geschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">hin wirksamen Auf und Ab wollten Wirtschaftswissenschaftler und Politiker im Allgemeinen gar nichts wissen, weil&nbsp;<em>in kurzfristiger Sicht<\/em> Deregulierung vor allem in den Entwicklungsstaaten eine so belebende Wirkung entfaltet. Die Befreiung des einzelnen und seiner F\u00e4higkeiten durch den Wettbewerb vervielf\u00e4ltigt alle bis dahin gebundenen sozialen Energien. Adam Smith hatte ja durchaus Recht, als er dem Egoismus des B\u00e4ckers sowie jedes einzelnen Wirtschaftsakteurs segensreiche Auswirkungen nicht nur f\u00fcr diese selbst, sondern auch auf das Gemeinwohl bescheinigte. Erst&nbsp;<em>in langfristiger Perspektive<\/em> zeigt sich, dass ohne den regulierenden Eingriff des Staats die Verm\u00f6gen sich mit mathematischer Zwangsl\u00e4ufigkeit immer mehr konzentrieren, bis schlie\u00dflich mit dem einen Prozent der Superreichen an der Spitze einer Gesellschaft aus einer Herrschaft des Volks (Demokratie) eine solche des Reichtums (Plutokratie) geworden ist. Selbst in einer alt-ehrw\u00fcrdigen Demokratie wie der amerikanischen ist der Prozess der Refeudalisierung schon sehr weit vorangeschritten. Kein Wunder, dass die Vereinigten Staaten von einem Pr\u00e4sidenten beherrscht werden, der die gr\u00f6\u00dfte \u00c4hnlichkeit mit einem Soldatenkaiser des imperialen Rom aufweist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wer an den Egoismus appelliert,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">gewinnt selten unsere Sympathie, denn er wendet sich sicher nicht an die beste Seite des Menschen. Viel eher k\u00f6nnen Utopien auf eine gro\u00dfe Gefolgschaft z\u00e4hlen, welche die G\u00fcte des Menschen zu ihrer Voraussetzung haben. Die Forderung nach der Abschaffung des Wettbewerbs st\u00f6\u00dft daher emotional auf viel gr\u00f6\u00dferen Widerhall, obwohl es niemals eine gro\u00dfe Gesellschaft (im Unterschied zu kleineren Sekten) gegeben hat, welche Gleichheit ohne m\u00f6rderischen Druck von oben verwirklichte. Da unter einem derartigen Druck die wenigsten Menschen dazu angeregt werden, die in ihnen schlummernden F\u00e4higkeiten und Energie zu mobilisieren &#8211; denn davon sollen sie ja keinerlei Vorteil haben -, l\u00e4hmt dies alle \u00f6konomische Aktivit\u00e4t. Talent und Erfindungskraft werden nicht gef\u00f6rdert, sondern umgekehrt schon im Keim erstickt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Extremisten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">des rechten ultraliberalen Lagers ebenso wie die Utopisten der extremen Linken beweisen jeder auf seine Art, wie blind sie f\u00fcr die menschliche Natur und Geschichte sind. Ich m\u00f6chte behaupten, dass sich fast jeder Schwachsinn mit Vorliebe in den K\u00f6pfen der Radikalen sucht &#8211; m\u00f6gen diese nun dem rechten oder dem linken Lager zugeh\u00f6ren. Solchen Menschen &#8211; Laien wie Wissenschaftlern &#8211; haben wir es zu verdanken, dass aus der ewigen Wiederholung des gleichen Schwachsinns bisher kein Ausbruch auch nur m\u00f6glich erscheint.*1*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1) Im Detail werden diese \u00dcberlegungen in den folgenden B\u00fcchern ausgef\u00fchrt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/1687736898\">Frieden, Krieg und Klimawandel &#8211; Aufruf zum Umdenken<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/dp\/1687250502?ref_=pe_3052080_397514860\">Von Sinn und Ziel der Geschichte &#8211; Das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Geschichte der liebensw\u00fcrdigen, der lebensf\u00f6rdernden, der t\u00f6richten, der idiotischen und der brandgef\u00e4hrlichen Geistesverwirrung in Bezug auf die eigene Person im Besonderen und die menschliche Spezies im Allgemeinen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3158","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3158","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3158"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3158\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3158"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3158"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}