{"id":278,"date":"2011-09-18T15:28:35","date_gmt":"2011-09-18T13:28:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=278"},"modified":"2017-03-04T09:58:11","modified_gmt":"2017-03-04T08:58:11","slug":"goetz-werner-in-krems-wie-die-schoene-neue-welt-von-einem-deutschen-realtraeumer-herbeigelacht-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/goetz-werner-in-krems-wie-die-schoene-neue-welt-von-einem-deutschen-realtraeumer-herbeigelacht-wird\/","title":{"rendered":"G\u00f6tz Werner in Krems \u2013 wie die sch\u00f6ne neue Welt von einem deutschen Realtr\u00e4umer herbeigelacht wird"},"content":{"rendered":"<pre>(auch erschienen in: Heise.de)<\/pre>\n<p>Sich selbst bezeichnet G\u00f6tz Werner als einen \u201erealtr\u00e4umenden\u201c Menschen. Sicher ist er ein moderner Romantiker und als einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands zugleich auch ein Mann der Tat. Die ihm zujubelnden Menschen d\u00fcrften allerdings mehrheitlich linke \u00dcberzeugungen vertreten und sind daher eher durch marxistische Einfl\u00fcsse als durch die Lehren einer Business-School gepr\u00e4gt.<!--more--> Unternehmer z\u00e4hlen gew\u00f6hnlich nicht gerade zu ihren Stars. Doch wenn einer aus dem Klischee herausbricht, von ganz unten nach ganz oben gelangt; wenn einer die Seite wechselt und sich als Milliard\u00e4r zu ihnen herabl\u00e4sst, ja, den Hartz-IV-Empf\u00e4nger ganz besonders damit umschmeichelt, dass dieser die Zukunft repr\u00e4sentiere, weil die Arbeit ja ohnehin am Aussterben sei, dann kommt es zu einer Schubumkehr: Das Feindbild wird zur Ikone. Der Mann von ganz oben, der sich mit den Leuten ganz unten solidarisch erkl\u00e4rt, erweckt Enthusiasmus und Optimismus. So auch am 10. September 2011 im Kloster UND zu Krems, wo der Charismatiker im Gespr\u00e4ch mit dem ORF Journalisten Michael Kerbler seine frohe Botschaft verbreitete. Hier kam \u00fcberdies noch eine weitere erstaunliche F\u00e4higkeit zum Durchbruch: Diesem Mann gelingt es mit ein paar Zaubertricks, s\u00e4mtliche Krisen wie traurige Gespenster einfach <i>hinwegzulachen<\/i>. Der Frohsinn war ansteckend. Die \u201esch\u00f6ne neue Welt\u201c des bedingungslosen Grundeinkommens wurde zur Vision, die der Magier einem frommen Publikum offenbarte.<\/p>\n<p>Dieser Drogerieketten-Chef ist ein Meister der demagogischen Beschw\u00f6rung. Die Leute merken nicht einmal dass und wie sie belogen werden, denn das Genie von G\u00f6tz Werner besteht eben darin, alle Argumente der diskursiven Vernunft mit Gef\u00fchl und Spa\u00df an den Rand zu dr\u00e4ngen. Wer kann allen Ernstes etwas dagegen haben, dass wir alle einander immerfort lieben? Gewiss nicht das Publikum in einem Kloster. Und wer kann allen Ernstes Einw\u00e4nde gegen eine monatliche Gratisversorgung erheben? Ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, vor allem junge K\u00fcnstler und Wissenschaftler, denen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen au\u00dferordentlich geholfen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Nur liegt hier leider nicht der Kern des Problems. Den sehe ich in der <i>Unehrlichkeit<\/i>, mit der G\u00f6tz Werner seine Botschaft begr\u00fcndet.<\/p>\n<p><b>Kreativit\u00e4t \u00fcberall<\/b><\/p>\n<p>L\u00fcge 1 besteht darin, dass er statt von Leistung zu sprechen nur noch den verf\u00fchrerischen Begriff der <i>Kreativit\u00e4t<\/i> verwendet, so als w\u00e4ren wir in ein Zeitalter eingetreten, wo die Arbeit nur Freude macht, wo sie reine Spontaneit\u00e4t ist und selbstbestimmte Eigenverwirklichung. Doch das stimmt gerade heute weniger denn je. Nur zu gerne wollen alle t\u00e4tig sein, sich selbst verwirklichen. Zu Recht spricht Werner hier von einem Grundbed\u00fcrfnis der menschlichen Natur. Die vielbeschworene Gefahr, dass sich die Menschen, kaum dass man ihnen 1500 Euro aufs Konto schreibt, in die H\u00e4ngematte begeben, w\u00e4re ganz irreal, wenn man ihnen wirklich die M\u00f6glichkeit der <i>kreativen Bet\u00e4tigung <\/i>g\u00e4be. Doch diese M\u00f6glichkeit gilt heute nur noch f\u00fcr wenige Menschen. Immer mehr von ihnen werden stattdessen von der Jobpeitsche in den Burnout getrieben. Unbezahlte \u00dcberstunden und der weitgehende Verzicht auf ein Familienleben, das doch zu den elementaren Menschenrechten geh\u00f6rt, sind die landesweit erkennbare Folge. Unter diesen Umst\u00e4nden kann die Flucht aus einer Existenz als Arbeitsklave in die eines von der Allgemeinheit erhaltenen Aussteigers sehr wohl als verlockende Alternative erscheinen. Wenn die Menschen in Deutschland ihre Freiheit dadurch verwirklichen d\u00fcrften, dass sie nur noch tun, was sie wirklich tun wollen, dann wird der Industriestandort Deutschland (\u00d6sterreich etc.), der das bedingungslose Grundeinkommen doch erwirtschaften soll, vermutlich dicht machen k\u00f6nnen. Man erinnere sich doch bitte an die 60er Jahre, wo die wohlhabendsten B\u00fcrger Europas schon einmal entschieden, dass sie f\u00fcr viele Arbeiten einfach zu gut sind, sich jedenfalls nicht in ihnen verwirklichen wollen. War dies nicht der Grund, warum sie Millionen von Fremden ins Land gerufen haben?<\/p>\n<p><b>Gl\u00fcckliche Kassiererinnen<\/b><\/p>\n<p>G\u00f6tz Werner ist eine Frohnatur, in deren intellektuellem Dunstkreis sich alle schwierigen Probleme gleichsam in Rauch aufl\u00f6sen. Eine bedr\u00fcckende, monotone, entmutigende Arbeit scheint es f\u00fcr ihn gar nicht zu geben. Michael Kerbler, sein Gespr\u00e4chspartner in dem Treffen von Krems, sprach ihn auf die T\u00e4tigkeit der Kassiererinnen in den dm-M\u00e4rkten an. Es war herauszuh\u00f6ren, dass er sich diese nicht gerade als Quell menschlicher Kreativit\u00e4t vorstellen kann. Der Magier hatte auf diese Herausforderung nur gewartet. Oh, das sei im Gegenteil ein \u00fcberaus interessanter Beruf, den er in der ersten Zeit seiner Karriere selbst mit Begeisterung ausge\u00fcbt habe. \u201eNicht wahr, Herr Kerbler, da sind Sie verbl\u00fcfft?\u201c In der Tat, wir alle sind \u00fcber die Ma\u00dfen verbl\u00fcfft, denn kein Wort ist davon zu h\u00f6ren, dass menschliche Kassenwarte in einigen L\u00e4ndern bereits durch Automaten ersetzt worden sind, weil eine Maschine die f\u00fcr diese T\u00e4tigkeit notwendige Intelligenz m\u00fchelos \u00fcbernehmen kann. Gewiss gibt es gro\u00dfartige Frauen, die in jeder Lage, also auch an einer Supermarktkasse, das Beste aus ihrem Leben machen und diese geistt\u00f6tende T\u00e4tigkeit durch Liebensw\u00fcrdigkeit \u00fcberwinden. Aber klingt es nicht wie offener Hohn, wenn der dm-Chef den Beruf als angewandtes Menschenstudium preist? \u201eSag mir, was du kaufst, und ich sage Dir, was Du bist.\u201c Das k\u00f6nnten seine gl\u00fccklichen Kassiererinnen bei ihrer Arbeit lernen &#8211; und G\u00f6tz Werner lacht und lacht sein diesmal gar nicht mehr so gewinnendes Lachen. Man fragt sich, ob er auch dann noch lachen w\u00fcrde, wenn seine Kassiererinnen aus dieser T\u00e4tigkeit in das bedingungslose Grundeinkommen fl\u00fcchten, weil sie ehrlicher sind als der Milliard\u00e4r und zu der \u00dcberzeugung gelangen, dass sie sich ihre Selbstverwirklichung so nicht vorgestellt haben?<\/p>\n<p><b>Teilhabe statt Arbeit?<\/b><\/p>\n<p>L\u00fcge 2. G\u00f6tz Werner verspricht den Menschen <i>Teilhabe<\/i> statt Arbeit \u2013 und diese Teilhabe werde erst durch das bedingungslose Grundeinkommen geschaffen. Wie bitte? Haben wir richtig geh\u00f6rt? Derselbe Mann, der im Gespr\u00e4ch immer aufs Neue betont, dass alles was jenseits der realen Wirtschaft in Finanz und Geldwesen geschehe, nicht mehr sei als Schall und Rauch, verwechselt gesellschaftliche Teilhabe mit einigen Hunderteuro-Scheinen, also mit Schall und Rauch? Sollte ihm wirklich entgangen sein, dass er uns hier eine durch und durch mechanische L\u00f6sung f\u00fcr ein tief reichendes soziales Problem pr\u00e4sentiert? Glaubt der Charismatiker allen Ernstes, dass die Jugendlichen in London deshalb gez\u00fcndelt haben, weil sie hungerten oder man ihnen die elementaren Segnungen unserer Zivilisation vorenthielt (z.B. Handys)? Nein, diese Jugendlichen sind materiell unendlich viel reicher als Millionen von Menschen in Afrika oder Asien, die Jahr f\u00fcr Jahr hungers sterben und so gut wie nie protestieren oder gar z\u00fcndeln. Den Londoner Halbw\u00fcchsigen fehlt etwas ganz anderes als die (umgerechnet) 1500 Euro. Es fehlt ihnen die soziale Einbindung, also die Teilhabe. Sie f\u00fchlen sich \u00fcberfl\u00fcssig, weil niemand &#8211; und wirklich niemand &#8211; sie braucht. Hier liegt das eigentliche Problem und das Problem einer Gesellschaft, die es \u00fcberhaupt soweit kommen lie\u00df. Doch \u00fcber wirkliche Probleme spricht der Charismatiker nicht. Lieber lacht er sie hinweg und verkauft seine heile 1500-Euro-Welt.<\/p>\n<p><b>Wer eignet sich den Reichtum an?<\/b><\/p>\n<p>L\u00fcge 3 liegt in der Verherrlichung einer <i>Kooperation<\/i>, die in Wirklichkeit keine ist. Michael Kerbler spricht Werner darauf an, einer der hundert reichsten Deutschen zu sein: Habe er sich mit seinem Unternehmen nicht eine Milliarde an pers\u00f6nlichem Verm\u00f6gen erwirtschaften k\u00f6nnen? Diese Frage kommt Herrn Werner gerade recht. Mit l\u00e4chelnder \u00dcberlegenheit pariert er den Sto\u00df. Bitte sch\u00f6n, nicht er habe doch diesen Reichtum hervorgebracht, sondern in erster Linie die vielen Mitarbeiter. Er selbst habe dabei nur vermittelnd, harmonisierend, organisierend gewirkt. Wir sind ger\u00fchrt. Diesmal sagt der Mann zweifellos die Wahrheit. Man g\u00f6nnt es ihm in diesem Augenblick gern, wenn nun wieder sein mitrei\u00dfendes Lachen ert\u00f6nt. \u201eDa sind Sie verbl\u00fcfft, nicht wahr Herr Kerbler?\u201c In der Tat, sind wir alle verbl\u00fcfft, weil Herr Werner uns n\u00e4mlich wieder nur die halbe Wahrheit erz\u00e4hlt. Der Interviewer vom ORF war sogar derma\u00dfen verbl\u00fcfft, dass er nach Worten rang und sie danach kaum noch gefunden hat. Denn in diesem Fall dr\u00e4ngt sich doch jedem kritischen Menschen eine nahe liegende Frage auf. Wenn in erster Linie die Mitarbeiter f\u00fcr den Reichtum verantwortlich sind, warum ist dann nur einer, G\u00f6tz Werner, zum Milliard\u00e4r geworden, w\u00e4hrend alle anderen nach Abschluss ihrer Berufslaufbahn von einer bescheidenen Pension leben m\u00fcssen?<\/p>\n<p><b>Geld gibt es in H\u00fclle und F\u00fclle<\/b><\/p>\n<p>L\u00fcge 4. Wer als Demagoge und Prophet eine Gefolgschaft gewinnen will, muss eine ganz narrensichere Botschaft vermitteln &#8211; je einfacher desto besser. Er muss es gerade dann, wenn alle fr\u00fcheren Sicherheiten bedroht sind. Gerade steht unsere Welt nach der gro\u00dfen Depression von 1929 zum zweiten Mal vor einem gef\u00e4hrlichen Abgrund. So wie damals droht die Finanzwirtschaft die gesamte \u00d6konomie in den Abgrund zu rei\u00dfen. Und wo liegt die Schuld, wenn wir G\u00f6tz Werner glauben? Es ist kaum zu fassen. <i>Sie liegt bei uns selbst, weil wir so dumm sind, uns t\u00e4uschen zu lassen.<\/i> Er, G\u00f6tz Werner, k\u00f6nne z.B. von seinem Arbeitsplatz bis zum Mercedeswerk blicken. Da werde von einer Kapitalvernichtung bei den Autoherstellern gefaselt, aber er, G\u00f6tz Werner, habe durchaus nicht entdecken k\u00f6nnen, dass unter den B\u00fcrot\u00fcrmen von Mercedes auch nur einer vernichtet sei. Sie st\u00e4nden da, so unverr\u00fcckbar wie eh und je, und alle Fahrzeuge aus der Firma laufen immer noch auf ihren vier R\u00e4dern. Die Finanzwirtschaft, so seine Botschaft, ist irreal. Wir sollten uns doch nicht vormachen lassen, dass sie irgendeine Bedeutung f\u00fcr die Realwirtschaft habe. Und G\u00f6tz Werner lacht wieder sein tolles Lachen. \u201eNicht wahr, Herr Kerbler, da sind Sie verbl\u00fcfft?\u201c Oh ja, wir alle sind \u00fcberaus verbl\u00fcfft, zumal wenn er dann noch hinzuf\u00fcgt, dass es Geld in Wahrheit in H\u00fclle und F\u00fclle gebe. Das sehe man doch an den immer gr\u00f6\u00dferen Rettungsschirmen.<\/p>\n<p>Nein, ich glaube nicht, dass G\u00f6tz Werner, einer der f\u00fchrenden Unternehmer in Deutschland, wirklich so naiv ist, seinen eigenen Halluzinationen zu glauben. Vielmehr bin ich \u00fcberzeugt, dass er den Deutschen <i>bewusst<\/i> die Unwahrheit sagt, weil er wei\u00df, dass er bei ihnen ein elementares Bed\u00fcrfnis nach sch\u00f6nen Illusionen befriedigt. Das erkl\u00e4rt auch, warum er sich grunds\u00e4tzlich nicht auf Argumente einl\u00e4sst. Als echter Prophet horcht er lieber auf seinen Bauch oder besser, er l\u00e4sst sein Zwerchfell sprechen. <i>Er lacht die sch\u00f6ne neue Welt einfach herbei<\/i>.<\/p>\n<p><b>Ein Dutzend Hunderteuro Scheine und schon haben wir die bessere Gesellschaft?<\/b><\/p>\n<p>Doch all dies sind ja vielleicht nur die kleinen Fehler eines gro\u00dfen Mannes, die nicht wirklich \u00fcber Wert oder Unwert seiner messianischen Botschaft entscheiden. Ausschlaggebend ist letztlich die Frage, <i>ob eine bessere oder eine schlechtere Gesellschaft entsteht, wenn der Staat an alle B\u00fcrger lebensl\u00e4nglich ein Grundeinkommen verteilt<\/i>?<\/p>\n<p>Ich sagte schon, dass kein vern\u00fcnftiger Mensch ernsthaft behaupten wird, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen seinen Mitmenschen Schaden statt Nutzen zuf\u00fcgen w\u00fcrde. M\u00f6glicherweise wird die Schweiz schon bald \u00fcber die Einf\u00fchrung eines solchen Einkommens eine Volksabstimmung abhalten. Das Land ist reich genug, um sich eine derartige Schenkungsaktion zu leisten. Vorausgesetzt dass die hierzu erforderlichen Mittel \u00fcberwiegend bei den reichsten zehn Prozent Schweizern erhoben werden, k\u00f6nnte man darin sogar eine Art Umverteilung von oben nach unten erblicken. Ich halte es durchaus f\u00fcr m\u00f6glich, dass dieses Experiment in dem Sinne ein Erfolg werden k\u00f6nnte, dass eine Mehrheit dabei zufriedener ist als vorher.<\/p>\n<p>W\u00e4re das ein Beweis f\u00fcr die Richtigkeit der Wernerschen Botschaft? W\u00e4re in der Schweiz dann aufgrund des Wernerschen Grundeinkommens eine bessere Gesellschaft entstanden? Das k\u00f6nnte durchaus der Fall sein, wenn die Schweizer ihren B\u00fcrgern <i>echte soziale Teilhabe<\/i> gew\u00e4hren. Dann n\u00e4mlich w\u00fcrde jeder, sobald sich ihm dazu die Gelegenheit bietet, wieder in eine T\u00e4tigkeit dr\u00e4ngen, wo er den anderen so n\u00fctzlich sein kann wie diese es f\u00fcr ihn \u2013 in einer tausendfach verflochtenen Gesellschaft \u2013 ja ebenfalls sind. Vielleicht ist diese Bedingung in der Schweiz tats\u00e4chlich vorhanden, vielleicht aber auch nicht. Das w\u00fcrde das Experiment erst erweisen. In London jedenfalls war und ist diese Bedingung durchaus nicht erf\u00fcllt. Die Einf\u00fchrung eines bedingungslosen Grundeinkommens h\u00e4tte nicht das Geringste daran ge\u00e4ndert, dass Zehntausende Menschen die Hoffnung verloren haben, je als vollwertige Mitglieder ihrer Gesellschaft Anerkennung zu finden.<\/p>\n<p>Diese elementare Erkenntnis ist dem Realtr\u00e4umer G\u00f6tz Werner verborgen. Er begreift nicht, dass blo\u00dfes Papier \u2013 ein Dutzend Hundert Euroscheine &#8211; nicht die Voraussetzung f\u00fcr eine bessere Gesellschaft abgeben, jedenfalls nicht, wenn diese \u00fcber das Stadium des Hungers so weit hinausgelangt ist wie die reichen Staaten des Westens. Diese Voraussetzung liegt ungleich tiefer: Sie liegt in sozialer Bindung, n\u00e4mlich in dem Bewusstsein der Menschen, von anderen gebraucht und gew\u00fcrdigt zu werden. Wie ist es m\u00f6glich, so fragt man sich, dass jemand, f\u00fcr den Finanzen und Geld nach eigenem Bekunden nur Schall und Rauch darstellen, in den primitiven Glauben verf\u00e4llt, man k\u00f6nne mit etwas mehr monet\u00e4rer Unterst\u00fctzung ein \u00dcbel abstellen, das seine Ursachen in Wahrheit in einer sozialen Krankheit hat?<\/p>\n<p><b>Mit Geld freikaufen?<\/b><\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, dass G\u00f6tz Werner mit seiner einf\u00e4ltigen Botschaft uns nicht nur keine bessere Gesellschaft in Aussicht stellt, sondern dass er das genaue Gegenteil bewirkt: <i>Wir werden eine schlechtere Gesellschaft bekommen<\/i>. Ich sage dies, obwohl ich mir sehr wohl bewusst bin, dass es nicht wenige Menschen gibt, die zweifellos profitieren w\u00fcrden. Eine Minderheit w\u00fcrde ganz sicher mit einer bedingungslosen Grundsicherung gl\u00fccklicher sein als sie es heute ist. Denn K\u00fcnstler und junge Wissenschaftler sind von ihren jeweiligen T\u00e4tigkeiten in der Regel begeistert und sie brauchen sich um sp\u00e4tere gesellschaftliche Teilhabe wenig oder gar nicht zu sorgen. Sie &#8211; und generell intellektuelle Kreise &#8211; d\u00fcrften denn auch die Janitscharen der Grundeinkommensbewegung bilden. Doch eben nur sie. Die gro\u00dfe Mehrheit hat mir ihr wenig oder gar nichts zu tun. Arbeiter und Kassiererinnen wissen zu gut, dass ihnen nichts geschenkt wird, und dass etwas faul an der Sache sein muss, wenn ihnen jemand dennoch so gro\u00dfartige Geschenke verspricht. Das wirkliche Problem liegt bei jenen Menschen, die nicht zu den \u201eKreativen\u201c geh\u00f6ren, sondern von denen man schlicht Arbeit und Leistung verlangt. Es liegt bei all jenen, die wie die rebellierenden Jugendlichen in London zwar arbeiten wollen, aber keine Arbeit mehr finden, weil Politik und Unternehmen die Arbeit nach Asien verlagert haben und man daher f\u00fcr sie schlicht und einfach keine Verwendung mehr hat.<\/p>\n<p>Angenommen, man gibt diesen Menschen, wie G\u00f6tz Werner es will, das Doppelte von dem, was ihnen heute bereits zur Verf\u00fcgung steht, so dass sie beinahe so viel an <i>gesichertem<\/i> Einkommen bekommen wie hart arbeitende Menschen in den schlechtesten Berufen an <i>ungesichertem<\/i> Einkommen beziehen, so sind die Folgen schon heute abzusehen. Die Boulevardzeitungen werden, wie sie es jetzt schon tun, noch heftiger gegen die Nichtstuer und Parasiten hetzen. Sie werden nicht die geringste M\u00fche haben, soviel Neid und Hass in der arbeitenden Bev\u00f6lkerung wach zu rufen, dass der soziale K\u00f6rper zumal in Zeiten der Krise davon zerrissen wird.<\/p>\n<p>Das ist die eine Gefahr, die andere liegt darin, dass Leute wie der messianische Milliard\u00e4r dann erst so richtig lachen. Denn sie selbst &#8211; die Privilegierten unserer Gesellschaft \u2013 haben ihre H\u00e4nde in Unschuld gewaschen. Sie haben sich mit Geld freigekauft \u2013 <i>ja, und das nicht einmal mit ihrem eigenen Geld<\/i>, denn die Mehrwertsteuer, mit der das alles ja bezahlt werden soll, wird \u00fcberproportional nicht von ihnen sondern von den unteren 90% aufgebracht. Wieder einmal, wie so oft in der Geschichte, lachen sich die Privilegierten ins F\u00e4ustchen. Sie lachen \u00fcber die Dummen, die sich so einfach in ihren Netzen fangen lie\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(auch erschienen in: Heise.de) Sich selbst bezeichnet G\u00f6tz Werner als einen \u201erealtr\u00e4umenden\u201c Menschen. Sicher ist er ein moderner Romantiker und als einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands zugleich auch ein Mann der Tat. 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