{"id":263,"date":"2013-11-09T15:02:48","date_gmt":"2013-11-09T14:02:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=263"},"modified":"2017-03-04T09:48:09","modified_gmt":"2017-03-04T08:48:09","slug":"kunst-ist-was-ihr-nicht-begreift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/kunst-ist-was-ihr-nicht-begreift\/","title":{"rendered":"Kunst ist &#8211; was\u00a0 IHR NICHT\u00a0 begreift!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Versuch \u00fcber Kunst und Kalk\u00fcl<\/strong><\/p>\n<p>Was liegt der Kunst ferner als das \u00f6konomische Denken, Synonym f\u00fcr die Niederungen des N\u00fctzlichen? Hier der Ausblick in eine h\u00f6here, sch\u00f6nere, in Geist, Wahrnehmung und F\u00fchlen bewegte Welt, eine Welt, wie sie sein k\u00f6nnte oder sollte, ein k\u00fchner Entwurf des Geistes \u00fcber die Zw\u00e4nge des Gegenw\u00e4rtigen hinaus, dort eine sklavische Verbundenheit mit den Verh\u00e4ltnissen, wie sie sind, und das Bestreben, diese mit abstrakten Formeln zu manipulieren. Und doch h\u00e4ngen beide auf unl\u00f6sbare Weise zusammen. Kunst und Kalk\u00fcl sind Zwillingsschwestern, der eine Bereich w\u00fcrde ohne den anderen nicht existieren, sowenig wie der Kopf ohne den K\u00f6rper. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein \u2013 eine uralte Weisheit -, aber ohne Brot w\u00fcrde er gar nicht leben.<!--more--><\/p>\n<h3><b>Kunst und Kalk\u00fcl<\/b><\/h3>\n<p>Dr\u00fccken wir es etwas drastischer aus. Der Mensch ist, ob er will oder nicht, zuallererst einmal ein Banause, der den gr\u00f6\u00dften Teil seines Denkens auf das eigene \u00dcberleben richtet, \u00dcberleben innerhalb der Natur und vor allem innerhalb von Seinesgleichen, die ihm so oft wie ein Rudel W\u00f6lfe erscheinen. Dieser kunstferne \u00dcberlebenskampf trifft nicht nur auf die Subsahara-Staaten Afrikas zu, wo der Hunger endemisch ist, sondern ebenso auf die reichen L\u00e4nder des Norden, wo Verfettung zur Volkskrankheit wurde und die Sch\u00e4digung der Natur das \u00dcberleben auf dem Planeten in Frage stellt. Zwar gehen wir bei uns l\u00e4ngst nicht mehr an Hunger zugrunde, aber wir k\u00f6nnen durchaus an <i>falschen Kalk\u00fclen<\/i> scheitern. Denn in den hochkomplexen Risikogesellschaften des 21. Jahrhunderts ist das \u00dcberleben keineswegs besser gesichert als vor zehntausend Jahren bei J\u00e4gern und Sammlern. Wohl zu keiner fr\u00fcheren Zeit war \u201edas System\u201c so leicht aus den Angeln zu heben. Ein wochenlanger Streik der M\u00fcllarbeiter wie in Neapel, das Misstrauen der \u201eM\u00e4rkte\u201c, ein Run auf die Banken, eine Cyberattacke gegen die Energieversorger oder die Zerst\u00f6rung der Ozonschicht \u00fcber unseren K\u00f6pfen k\u00f6nnen sich zur existenziellen Bedrohung auswachsen. Die Niederungen des N\u00fctzlichen, die unsere Lebensgrundlage bilden, sind kein Betonfundament. Sie sind ein Moor, auf dessen Planken wir uns immer unsicherer und mit \u00e4ngstlicher Vorsicht bewegen.<\/p>\n<h3><b>Kunst als sakraler Raum<\/b><\/h3>\n<p>Und dennoch: Das Kalk\u00fcl ist dem Menschen nie als Selbstzweck erschienen. Warum h\u00e4tte er sonst immer erneut die bohrende Frage gestellt, die Frage nach dem Sinn, die seine ganze bezeugte Geschichte begleitet? Kunst war eine Antwort auf diese Jahrtausende in ihm bohrende Unruhe. Sie r\u00fcckte die Perspektive zurecht. Kunst ist nicht weniger als der grandiose, utopische und tollk\u00fchne Versuch, sich von allen Zw\u00e4ngen des blo\u00df N\u00fctzlichen zu befreien. Kunst schafft einen anderen, einen sakralen Raum &#8211; ganz gleich, ob der jeweils historisch damit verbundene Sinn uns noch etwas sagt oder nicht. Der Stephansdom ist auch dann noch ein heiliger Ort, wenn ein Atheist ihn betritt, der Airavateshvaratempel in Darasuram (Indien) \u00fcberw\u00e4ltigt wie eine \u00fcberirdische Vision auch jene Menschen, die sich nichts aus vierarmigen Gottheiten machen, die entr\u00fcckende Transzendenz der beiden Fl\u00fcgelmoscheen links und rechts des Taj Mahal bleibt auch f\u00fcr Menschen ein Wunder, die den Koran niemals gelesen haben. Der Hinokihain rings um die Schreine von Ise macht auch den noch zum Gl\u00e4ubigen, den die Geschichte von Amaterasu no Mikami ganz unger\u00fchrt l\u00e4sst. Und wer w\u00fcrde nicht &#8211; verzaubert von Schuberts Deutscher Messe &#8211; auch dann noch eine Reise in eine h\u00f6here Welt antreten, wenn er bei anderen Gelegenheiten scheu vor dem Gespr\u00e4ch mit einem Priester zur\u00fcckweicht, der seinen Gott im Handgep\u00e4ck mit sich f\u00fchrt?<\/p>\n<h3><b>Die Vision jenseits der Maske<\/b><\/h3>\n<p>Der tiefste Sinn der Kunst besteht doch wohl nicht darin, den Menschen einer bestimmten Ideologie und deren Machtanspr\u00fcchen zu unterwerfen, <i>er zielt vielmehr auf eine Befreiung von Macht und Ideologie<\/i>. Diese bilden immer nur zeitgebundene Masken, durch die sie ihre Botschaften vermittelt. Denn erst die Kunst schafft einen sakralen Raum jenseits allen Kalk\u00fcls, einen Raum, den alle Menschen gleich welcher ideologischen Pr\u00e4gung auf Anhieb erkennen. Sie k\u00f6nnen darauf nach Kreuzfahrer-Manier mit Wut reagieren, indem sie die St\u00e4tten der Ungl\u00e4ubigen vernichten, aber sie k\u00f6nnen nicht leugnen, dass sie selbst von Schaudern der Verehrung und des Staunens erf\u00fcllt sind. So beschreibt Bernal Diaz del Castillo seine Ergriffenheit, als er im Gefolge von Hern\u00e1n Cort\u00e9z in die Hauptstadt der Azteken einr\u00fcckte: In seinem ganzen Leben habe er etwas so Gro\u00dfartiges niemals gesehen: eine Vision aus monumentalem Stein und G\u00e4rten und Wasser. Diese Vision hielt allerdings dem Ansturm der Spanier nicht stand. Kunst ist gebrechlich, sakrale R\u00e4ume sind leicht zu entweihen. Es siegte das Kalk\u00fcl der Eroberer. In kurzer Zeit hatten die spanischen Horden die Stadt dem Erboden gleichgemacht.<\/p>\n<p>Kunst und Kalk\u00fcl: die Transzendenz jenseits des N\u00fctzlichen und die \u00dcberwindung der Daseinszw\u00e4nge durch die Berechnungen der Vernunft &#8211; das sind und bleiben die beiden einander gegen\u00fcberstehenden Pole, zwischen denen nur eine einzige lebende Spezies sich voller Unentschlossenheit hin- und herbewegt: der Mensch, und er auf extreme Weise. Man trifft den Typus des besessenen Rechners, den reinen Formelmenschen und seinen \u00f6konomischen Avatar, den engstirnigen B\u00f6rsen \u2013 und Zahlenbonzen. Die Frage nach dem Sinn, dem Wert f\u00fcr Gemeinschaft und Leben, tritt hier ganz in den Hintergrund. Solche Menschen handeln als Marionetten im Dienst des Kalk\u00fcls: wertfrei, unheimlich und gerade heute zerst\u00f6rerisch.<\/p>\n<h3><b>Eine k\u00e4mpferische Beziehung<\/b><\/h3>\n<p>Im Gegenlager der Kunst steht dem sinnfernen Formelmenschen der abgehobene Phantast gegen\u00fcber, f\u00fcr den die Kunst kein sakraler Raum, sondern vor allem das eigene oft ma\u00dflos aufgeplusterte Ego ist. Unter K\u00fcnstlern der mitlaufenden Art geh\u00f6rt es zum guten Ton &#8211; oder sagen wir eher zum geistigen Snobismus \u2013 die Nase \u00fcber nutzenh\u00f6rige Existenzen zu r\u00fcmpfen, so als brauchte man sich selbst und den eigenen Produktionen nur das Etikett \u201eKunst\u201c aufzukleben, um sich auf eine h\u00f6here Ebene zu katapultieren. Das jedoch ist ein Irrtum. Ich sagte es schon: Kunst und Kalk\u00fcl, Kunst und Kommerz liegen ganz nah beieinander. Sie sind Zwillingsgesch\u00f6pfe, auf einander existenziell angewiesen. Erst in der Dialektik ihrer k\u00e4mpferischen Beziehung gewinnen sie ihr je eigenes Profil. Es ist eine Ausnahme und ein seltener Gl\u00fccksfall, wenn Kunst sich einmal wirklich von allen Zw\u00e4ngen befreit und uns wie die Offenbarung einer anderen Welt erscheint!<\/p>\n<p>Das war schon immer so. Kunst stand im Dienst der Macht, mochte sie nun F\u00fcrst oder Priester hei\u00dfen. Durch diese Maske drang ihre Verk\u00fcndung. Das Mahabharata besingt die M\u00e4chtigen seiner Zeit, die Ilias ist eine Hymne auf blutige und unbarmherzige Herren. Deutschlands geistige Bl\u00fcte ereignete sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der Atmosph\u00e4re einer wetteifernden Kleinstaatlichkeit. Die unglaubliche Entfaltung von Glanz und Sch\u00f6nheit an den H\u00f6fen der Renaissance war nahezu ausschlie\u00dflich Auftragskunst. Jeder Hof wollte sich mit Geist und Pracht vor den Rivalen auszeichnen. Wehe dem K\u00fcnstler, der es sich mit der Kirche oder den F\u00fcrsten verdarb! Es galt einen Glauben bzw. einen Herrn zu verherrlichen und m\u00f6glichst f\u00fcr die Ewigkeit zu glorifizieren. Das N\u00fctzliche wurzelt in den Zw\u00e4ngen des \u00dcberlebens, und Macht ist seine treibende Kraft. Der jeweilige Herrscher verf\u00fcgte souver\u00e4n \u00fcber den Reichtum seines Staates. Seit fr\u00fchesten Zeiten ist Kunst daher eine Magd im Dienste der Herrschaft gewesen. Der K\u00fcnstler musste sich f\u00fcgen. Wollte er bis in den sakralen Raum vordringen, dann musste er die Botschaft hinter der Maske verbergen!<\/p>\n<p>Kunst und Kalk\u00fcl waren auf Gedeih und Verderb, man darf wohl sagen, in Hassliebe, miteinander verbunden. Wenn die Liebe dabei \u00fcberwog, dann sind, so scheint es, die gr\u00f6\u00dften Werke entstanden. Pergolesi hat an den katholischen Gott von Herzen geglaubt, und deshalb gelang ihm das tief bewegende Stabat Mater. Bach hat seinen protestantischen Gott wirklich angebetet, deshalb hinterlie\u00df er die Matth\u00e4us-Passion als ein Werk der religi\u00f6sen Entr\u00fcckung. Homer hat seine Helden Agamemnon, Achill und Hector wirklich wie h\u00f6here Wesen verehrt, nur deshalb hat er in \u00fcberschw\u00e4nglichen Wendungen, Bildern und Metaphern ihre res gestae beschworen. Die Maler, Steinmetze, Architekten von Chartres waren wirklich davon \u00fcberzeugt, im Auftrag des Heiligen Geistes zu handeln, nur deshalb haben sie uns ein Werk hinterlassen, das die unmittelbare \u00dcbertragung von Musik in die Formen des Sichtbaren ist. Wann immer eine solche Verbindung von Macht und Kunst wirklich gl\u00fcckte, hat die Kunst die Maske abgeworfen. Auf seltsame Art w\u00e4chst sie dann \u00fcber ihre eifernden Auftraggeber und deren ideologische Enge hinaus. Sie wird zu einer Offenbarung <i>f\u00fcr alle Menschen<\/i>, weil sie den allen gemeinsamen sakralen Raum beschw\u00f6rt, eine h\u00f6here Realit\u00e4t jenseits allen Kalk\u00fcls und aller N\u00fctzlichkeit. In Japan oder Israel, wo sich nur verschwindende Minderheiten zum Christentum bekennen, werden Menschen genauso wie wir von Pergolesi und Bach verzaubert.<\/p>\n<h3><b>Gestutzte Fl\u00fcgel<\/b><\/h3>\n<p>Phantasie muss Fl\u00fcgel haben, um Grenzen zu \u00fcberwinden. Ist ihr K\u00f6rper mit Blei beschwert, sehen wir sie hilflos und kl\u00e4glich am Boden kriechen. Wir leben heute in einer wenig beg\u00fcnstigten Zeit. Mit Kunst hat der Durchschnittsb\u00fcrger nur noch in Gestalt von Design und Werbung zu tun. Design ist Auftragskunst von h\u00f6chster Bedeutung. Es tr\u00e4gt dazu bei, die Dinge des Alltags, die andernfalls nicht mehr als nur ihren vordergr\u00fcndigen Zweck bekunden, auf eine h\u00f6here Ebene zu heben. Das Element der Sch\u00f6nheit, des Ansprechenden, des vielleicht intellektuell oder sinnlich Herausfordernden tritt hinzu, also eine im blo\u00df Verwertbar-N\u00fctzlichen nicht enthaltene Dimension, die dem N\u00fctzlichen im Gegenteil ganz und gar fremd ist. Das ist wie ein versuchter Sprung in die Transzendenz. Das Design geh\u00f6rt zweifellos ebenso zur Kunst wie die Leistungen eines Piero della Francesca, der im Dienste seines Herrn den Palast von Urbino versch\u00f6nerte. Doch es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein K\u00fcnstler f\u00fcr einen Herrn t\u00e4tig ist, der in der <i>Vergeistigung der Macht durch die Kunst<\/i> seinen eigentlichen Auftrag erblickt, oder ob ein Designer f\u00fcr eine Firma von Haarf\u00f6nen, K\u00fcchenm\u00f6beln oder Motorr\u00e4dern besch\u00e4ftigt wird. Auf beklemmende Weise fehlt derartigen Ger\u00e4ten der Bezug zu h\u00f6heren Zwecken. Im Kosmos eines h\u00f6heren Sinns haben sie keinen Platz. Man kann sie versch\u00f6nern, gewiss, sie f\u00fcr das Auge gef\u00e4lliger machen. Das ist aber auch schon alles. Mehr als alle K\u00fcnstler fr\u00fcherer Zeiten ist der Designer ein Sklave der Macht. Sein wirklicher Auftraggeber ist der Geschmack der Masse, der sich im Verkaufserfolg niederschl\u00e4gt. Das ist eine Fessel, aus der er sich nur um den Preis des eigenen Misserfolgs l\u00f6st.<\/p>\n<h3><b>Befreiung und Vertiefung<\/b><\/h3>\n<p>Es scheint eine Eigenart der europ\u00e4ischen Neuzeit zu sein, dass Kunst in zwei Richtungen auseinander driftet: eine Kunst der Befreiung und Abwehr auf der einen, eine Kunst der Aufdeckung und Vertiefung auf der anderen Seite. Befreiung ist ein Akt des Protestes gegen tote, erstarrte, in Sinnlosigkeit abgeglittene Formen. Sie ist Rebellion gegen alles, was jeweils als unecht, abgelebt, verlogen empfunden wird. Wenn wir in sinnferner Zeit den Sinn nicht mehr finden, dann k\u00f6nnen wir immer noch den schlechten Sinn in schlechten Formen blo\u00dfstellen. Das leistet die Kunst der Ersch\u00fctterung und Befreiung. Nach den Schl\u00e4chtereien des ersten Weltkriegs schien alle Berufung auf akademische Kunst\u00fcbungen als leer und erheuchelt, ja als obsz\u00f6n. In ihrem Aufschrei ist keine Kunst so weit wie Dada gegangen. Vor dem Hintergrund des europ\u00e4ischen B\u00fcrgerkrieges von 14-18 waren aller Sinn, alle vers\u00f6hnliche Lebensdeutung, alles Aufbauen zu Recht verd\u00e4chtig. Sie waren zum Gegenstand bei\u00dfenden Spotts geworden. Und so verfuhr man nach dem Motto Nietzsches, des gr\u00f6\u00dften Ikonoklasten des 19. Jahrhunderts: \u201eWas f\u00e4llt, das soll man auch noch sto\u00dfen.\u201c Einer faszinierten und zugleich angewiderten Welt pr\u00e4sentierte Marcel Duchamps eine b\u00e4rtige Mona Lisa und eine Klosch\u00fcssel als Kunst &#8211; letzteres ein Objekt, das allein dadurch zur Kunst werden konnte, dass man das Etikett \u201eKunst\u201c darauf dr\u00fcckte oder das Objekt in ein Museum schaffte. Ausgeweidete Matratzen, ein St\u00fcck Filz oder Essensr\u00fcckst\u00e4nde auf einem schmutzigen Tisch konnten von da an in den Rang der Kunst avancieren, allerdings unter der nun ganz und gar unerl\u00e4sslichen Bedingung, dass man sie <i>ausdr\u00fccklich dazu erkl\u00e4rte<\/i> und sie unter entsprechenden Schutz gestellt wurden, andernfalls h\u00e4tte sie die Reinmachefrau in den M\u00fcll geworfen.<\/p>\n<p>Die Kunst der Befreiung will Denkmuster aufbrechen, gewaltsam schl\u00e4gt sie dabei auf K\u00f6pfe ein, vor allem die K\u00f6pfe derjenigen, die sie verachtungsvoll in das Lager der heillosen Banausen verst\u00f6\u00dft. Diese Kunst geht einen gef\u00e4hrlichen Weg, denn der Unterschied zu M\u00fcll oder Wahnsinn ist dabei hauchd\u00fcnn geworden \u2013 bisweilen ist er \u00fcberhaupt nicht vorhanden. Eine Frau, die sich in aller \u00d6ffentlichkeit selbst befriedigt, landet in der Psychiatrie. Wird das Ereignis hingegen vorher als Kunst deklariert, finden sich glatzk\u00f6pfige Professoren, tiefgr\u00fcndige Philosophen, allerlei Quacksalber und ein sensations- oder auch sonst wie l\u00fcsternes Publikum ein, um in letzter Ergriffenheit das Ganze als \u201eEreignis\u201c zu feiern!<\/p>\n<p>Der Dada stammelte Widersinn, Unlogik und F\u00e4kaliensprache \u2013 und erkl\u00e4rte das alles zur Kunst. Das schien immer noch ein besseres Res\u00fcmee f\u00fcr eine verrottete Zeit zu sein als irgendeines der formerstarrten Scheinrituale, welches die L\u00fcge der heilen Welt beschwor. Kunst der Befreiung ist Aufschrei und Protest. Sie hat ihren Sinn, wenn solcher Protest notwendig wird. Aber sie ist gewiss nicht die Kunst, die uns am meisten Bewunderung abn\u00f6tigt W\u00e4re es so, dann w\u00fcrden wir den Schmerz zu einer Quelle von Freude machen.<\/p>\n<h3><b>Kunst der Vertiefung<\/b><\/h3>\n<p>Die Kunst der Befreiung und Abwehr deckt L\u00fcge und Selbstbetrug auf, wie ein reinigendes Gewitter kann sie f\u00fcr frische Luft und Aufatmen sorgen, aber sie ist letztlich aus dem Ungl\u00fcck geboren und bleibt darin stehen und stecken, wenn ihr nicht der Sprung in die Kunst der Vertiefung gl\u00fcckt. Jacob Burckhardt hat das Gemeinte im Hinblick auf die Kunst der Renaissance angedeutet. Die in endloser Vielfalt gestalteten Madonnen, so sagte er sinngem\u00e4\u00df, seien nicht das am wenigsten Gegl\u00fcckte, sondern das Beste, was jene Epoche hervorgebracht habe. Immer aufs Neue h\u00e4tten die K\u00fcnstler sich daran versucht, im verkl\u00e4rten Gesicht einer Frau die Transzendenz des Geistigen durchschimmern und sichtbar zu machen. Diese Suche kann man mit einem schon oben gebrauchten, unserer Zeit merkw\u00fcrdig fremden Begriff umrei\u00dfen. Es war die zugleich religi\u00f6s und sinnlich gef\u00e4rbte <i>Liebe<\/i> zu dem, was sie sahen und f\u00fchlten, welche eine solche Kunst der unendlichen Vertiefung erm\u00f6glichte. An dieser Kunst durfte und sollte man sich erfreuen &#8211; das war durchaus keine banausische Einstellung. Das war alles anderes als eine Kunst des Protestes. Es war Kunst des Aufbruchs, einer lebensbejahenden Welt- und Bewusstseinserweiterung!<\/p>\n<h3><b>Die Kunst des rostigen Nagels<\/b><\/h3>\n<p>Warum mutet so vieles in der Kunst unserer eigenen Zeit demgegen\u00fcber so freudlos, oft geradezu kl\u00e4glich und nichtssagend an? Warum ist l\u00e4hmende Gleichg\u00fcltigkeit ihr gegen\u00fcber zur vorherrschenden Einstellung geworden? Da gibt es K\u00fcnstler, die irgendwo zwischen Mais und Weizen einen Nagel, eine Leiter oder einen Stuhl in die Landschaft stellen. Die Vorbeifahrenden sch\u00fctteln den Kopf und fahren weiter. Wieder so eine Art Spinnerei! K\u00f6pfsch\u00fctteln ist keine Erregung, sondern nur befremdete Gleichg\u00fcltigkeit. Wovon will diese Kunst befreien? Welche Botschaft geht davon aus? Die Klosch\u00fcssel war ein Aufruf gegen die Verlogenheit einer ganzen Epoche, aber die Leiter in der Landschaft macht weder warm noch kalt. Bei einem Stuhl oder einem rostigen Nagel im Landschaftsbild muss jemand daneben stehen, die Sache zur Kunst und dann ihren Sinn erkl\u00e4ren. Dann verstehe ich das und werde als Kenner gew\u00fcrdigt, oder ich verstehe es eben nicht \u2013 und habe mich dadurch als kunstfernen Banausen geoutet. Betrete ich hingegen Malraux` Mus\u00e9e imaginaire, das die Kunst von Jahrtausenden von China bis zu den Mayas vereint, dann braucht sich niemand erkl\u00e4rend neben mir aufzupflanzen. Ich bin auch so hingerissen, angeweht von h\u00f6herer Eingebung, auch wenn ich nichts \u00fcber die Maya, den Konfuzianismus, die Hindus, Byzanz oder die alten Griechen wei\u00df. Ich erlebe Kunst, ohne jede Erkl\u00e4rung, ich erlebe sie mit jener Art von sakralem Befinden, das sich angesichts eines rostigen Nagels partout nicht einstellen will.<\/p>\n<p>Gleichg\u00fcltigkeit ist die vorherrschende Reaktion gegen\u00fcber der Kunst des verrosteten Nagels \u2013 vernichtende, t\u00f6tende Gleichg\u00fcltigkeit. Solche Kunst ist ein Nichtereignis, das der <i>k\u00fcnstlichen Aufwertung<\/i> durch allerlei philosophische Besserwisser, raffinierte Wortemacher und andere Esoteriker bedarf, um \u00fcberhaupt wahrgenommen zu werden. Ihre Urheber ahnen das, sie selbst leiden ja ganz besonders an diesem Mangel. Daher verlassen sie sich auf die einschl\u00e4gigen Techniken der Werbung. Will niemand protestieren, <i>dann erfindet man den Protest eben selbst<\/i>. In den frischen Beton, der dem rostigen Nagel, der Leiter oder dem ins Weizenfeld gepflanzten Sessel als Fundament dienen soll, gr\u00e4bt der K\u00fcnstler in aller Heimlichkeit und mit eigener Hand den Protest der Banausen ein, zum Beispiel den emp\u00f6rten Satz: \u201eWas soll denn blo\u00df dieser Schei\u00df, ihr Arschl\u00f6cher!\u201c Er triumphiert, nun hat er sein Werk aus der Gleichg\u00fcltigkeit erl\u00f6st. Bei der Er\u00f6ffnung nimmt er die Haltung des M\u00e4rtyrers an, der wie ein moderner David siegreich die Goliathsdummheit der ewigen Hinterw\u00e4ldler bek\u00e4mpft:<\/p>\n<h3><b><i>Ihr Banausen, ihr Spie\u00dfer: Kunst ist, was ihr <\/i><\/b><b>nicht<\/b><b><i> versteht!<\/i><\/b><\/h3>\n<p><b>Das ist nun aber: Kunst der Ohnmacht,<\/b><\/p>\n<p>Kunst in der Sackgasse. Wenn der K\u00fcnstler selbst f\u00fcr den Protest sorgen muss, von dem er die eigene Bedeutung ableitet, dann hat er sich von seiner Zeit sehr weit und von der Gesellschaft ganz abgekoppelt. Kunst wird zur Selbstbefriedigung, ein Abgleiten in die geistige Onanie und den Selbstbetrug.<\/p>\n<p>Dabei ist der K\u00fcnstler, der sich nicht in dieser Sackgasse verrennt, vielleicht der einzig ganz und gar freie Mensch. Niemand darf ihm eine Grenze ziehen. Kunst ist nie ganz auf den Begriff zu bringen, das hie\u00dfe sie in ihrer Freiheit beengen. Kunst kann sich als reine Tollheit manifestieren, wie im Taugenichts, bei Alice in Wonderland oder in der kindlichen Allwissenheit eines Jorge Luis Borges. Sie kann den Sinn beschw\u00f6ren und doch die Antwort verweigern, wie eine geheimnisvolle Kuppel mit Reptilienhaut, die &#8211; mitten in einem Maisfeld mitten in der Provinz errichtet &#8211; Transzendenz als d\u00fcnnes Licht von oben herabrieseln l\u00e4sst. Die Verweigerung einer Antwort auf die dr\u00e4ngende Frage nach Sinn wird zur Aufforderung nach dem Sinn zu suchen. Stehen wir nicht wieder in einer Zeit, wo diese Aufforderung immer dringlicher wird?<\/p>\n<h3><b>Sinn und Werte r\u00fccken erneut in den Vordergrund<\/b><\/h3>\n<p>Mit dieser Frage komme ich zur\u00fcck zum Ausgangspunkt: n\u00e4mlich zu Kunst und Kalk\u00fcl, Kunst und Kommerz. Das Kalk\u00fcl bildet in dieser Dichotomie die scheinbar verl\u00e4ssliche und doch die eigentlich gef\u00e4hrliche und gef\u00e4hrdete Seite. Es ist die rein technische, manipulierbare Dimension, der durch erschreckenden Missbrauch der Sinn abhanden zu kommen droht. Unter allen Gesellschaftsordnungen hat die Eigentumsgesellschaft die effizienteste jemals praktizierte Blaupause f\u00fcr die allgemeine Bereicherung gefunden. Kein anderes Gesellschaftssystem vermag <i>i<\/i><i>m Idealfall<\/i> alle Begabungen so erfolgreich zum Wohl des Ganzen zu n\u00fctzen. Doch diese Blaupause war und ist stets gef\u00e4hrdet, da sie den Siegern im Wettbewerb mit der Zeit auch die gr\u00f6\u00dfte \u00f6konomische und politische Macht verleiht. Dadurch aber schaltet sie die individuelle Begabung wiederum aus und dient schlie\u00dflich nur noch der Bereicherung einer verschwindenden Minderheit: Sie entartet zum rabiaten Kapitalismus. Das System verwandelt sich immer mehr in eine sinnlos ratternde Maschinerie, die den Menschen als bedr\u00fcckendes Gef\u00e4ngnis erscheint, ein Gef\u00e4ngnis, das einem unheimlichen Automatismus gehorcht statt einem demokratisch ausgerichteten Wollen. Mit anderen Worten: Das Kalk\u00fcl hat sich von den Menschen gel\u00f6st. Es verselbst\u00e4ndigt sich, wird zu einem fremden Gegen\u00fcber, wird zu den \u201eM\u00e4rkten\u201c, die als unbez\u00e4hmbare Macht den einzelnen auf ein Nichts reduzieren.<\/p>\n<h3><b>Zeichen des Wandels<\/b><\/h3>\n<p>Mit jeder gro\u00dfen Krise stellt sich erneut die Frage nach Sinn und Werten. Und hier hat Kunst ihre eigentliche Aufgabe zu erf\u00fcllen. Ihr muss es wieder gelingen, das Fenster zu den sakralen R\u00e4umen zu \u00f6ffnen. Ihre Aufgabe ist es, den Panzer der Gleichg\u00fcltigkeit zu durchbrechen. Das dem Menschen angeborene Streben nach einer Transzendenz jenseits des N\u00fctzlichen ist allein schon Antwort, die aber in Zeiten wie dieser zu einer Suche nach der Erh\u00f6hung und Intensivierung des Lebens durch Gemeinschaft, durch Sch\u00f6nheit, durch den offenen Blick f\u00fcr alle Anregungen werden muss. Kunst, die uns in ihren Bann zieht, verbl\u00fcfft durch K\u00f6nnen, durch einen ver\u00e4nderten Blick auf die Dinge, selbst noch im Unscheinbaren entdeckt sie das Wesentliche und manchmal das Wunder. \u00dcber die blo\u00dfe Befreiung und den Protest geht sie hinaus und sucht wieder die Tiefe. Solche Kunst bewirkt eine Revolution in den K\u00f6pfen. Sie \u00fcberwindet Kalk\u00fcl und Kommerz, weil sie zeigt, wozu und warum der Mensch lebt. Nur eine Kunst der Tiefe und Hoffnung kann die von der Krise bewirkte Leere ausf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Das Kalk\u00fcl unterwirft Mensch und Natur der Macht. Es uniformiert, richtet ab, nimmt ihnen die Spontaneit\u00e4t, damit sie unseren Zwecken zu Diensten sind. Wirtschaft ist eine normative Veranstaltung, bestehend aus einem fast un\u00fcberschaubaren Korpus von Vorschriften und Regeln, die weltweit in den dazu vorgesehenen Ausbildungsst\u00e4tten gelehrt und antrainiert werden. Wirtschaft ist ein System der Abrichtung von Mensch und Natur im Dienste einer m\u00f6glichst effizienten Sicherung der materiellen Basis. Kunst dagegen l\u00e4sst sich nur im Hinblick auf das darin genutzte K\u00f6nnen lehren, ihr eigentlicher Kern entzieht sich der Erlernbarkeit, weil sie nie fertige Sprache ist, sondern eine Sprache, die immer von neuem gefunden wird: durch Hinh\u00f6ren, Hinsehen, Hinsp\u00fcren \u2013 Akten der mystischen Versenkung in das Geheimnis der Dinge. Kunst (der Tiefe) <i>bringt Dinge und Menschen zum Sprechen<\/i>, aber mit Worten, die wir jedes Mal wie das erste Mal \u00a0h\u00f6ren. Gro\u00dfe Kunst ist Ersch\u00fctterung, die gar nicht direkt von Sinn und Werten zu sprechen braucht, um doch unmittelbar auf diese Grunddimension hinzuleiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Versuch \u00fcber Kunst und Kalk\u00fcl Was liegt der Kunst ferner als das \u00f6konomische Denken, Synonym f\u00fcr die Niederungen des N\u00fctzlichen? Hier der Ausblick in eine h\u00f6here, sch\u00f6nere, in Geist, Wahrnehmung und F\u00fchlen bewegte Welt, eine Welt, wie sie sein k\u00f6nnte oder sollte, ein k\u00fchner Entwurf des Geistes \u00fcber die Zw\u00e4nge des Gegenw\u00e4rtigen hinaus, dort &hellip; <a href=\"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/kunst-ist-was-ihr-nicht-begreift\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kunst ist &#8211; was\u00a0 IHR NICHT\u00a0 begreift!<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,89,465],"tags":[412,413,476,411,262,402],"class_list":["post-263","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-betrachtungen","category-indien","tag-dada","tag-jacob-burckhardt","tag-jaeger-und-sammler","tag-kunst","tag-nietzsche","tag-werte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=263"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/263\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}