{"id":2625,"date":"2019-02-14T10:54:17","date_gmt":"2019-02-14T09:54:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=2625"},"modified":"2020-02-16T15:11:15","modified_gmt":"2020-02-16T14:11:15","slug":"2625","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/2625\/","title":{"rendered":"Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra \u2013 der ein\u00e4ugige Blick auf die Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<p>(Auch erschienen in &#8222;Humane Wirtschaft&#8220;)<\/p>\n\n\n\n<p>Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verf\u00fchren lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschl\u00f6sser, die er auf diese Weise erbaut, verk\u00f6rpern dann das hehre Ideal gegen\u00fcber einer so viel unvollkommeneren Realit\u00e4t. Wollen wir die Gegenwart aber gerecht und richtig beurteilen, dann d\u00fcrfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern m\u00fcssen sie ohne jede Besch\u00f6nigung beschreiben.<!--more--> Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, wo genau dies m\u00f6glich ist, n\u00e4mlich ein vorl\u00e4ufiges Res\u00fcmee, das uns den Vergleich zwischen einer Vergangenheit erlaubt,&nbsp;<em>in der 95% der Bev\u00f6lkerung aufgrund des agrarischen Abh\u00e4ngigkeitsgesetzes namenlos, ohnm\u00e4chtig und in ihrer physischen Existenz regelm\u00e4\u00dfig gef\u00e4hrdet waren, und einer fossilen Gegenwart<\/em>, wo dieses Gesetz nach vielen Jahrtausenden zum ersten Mal au\u00dfer Kraft geriet.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Obwohl zahlenm\u00e4\u00dfig auf ein Vielfaches angeschwollen,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>haben die Massen, die fr\u00fcher ausschlie\u00dflich zum Dienst einer Minderheit taugten, sich aus dieser sklavenartigen Unterw\u00fcrfigkeit befreit. Heute haben sie nur noch ausnahmsweise den Hungertod zu bef\u00fcrchten; viele von ihnen erk\u00e4mpften sich mit der Zeit Rechte, von denen ihre Vorfahren nicht einmal zu tr\u00e4umen wagten. Die n\u00fcchternen Zahlen dieser Entwicklung habe ich oben bereits angef\u00fchrt. Lebenserwartung, Gesundheit, Bildungszugang und allgemeiner Lebensstandard haben sich im 19. bis 20. Jahrhunderts stetig verbessert. Gro\u00dfe Hungersn\u00f6te traten nur noch zu Beginn dieser beiden Jahrhunderte auf (damit ist leider durchaus nicht gesagt, dass sie in Zukunft nicht wieder auftreten k\u00f6nnen); Mord und Totschlag gingen zur\u00fcck, und die Zahl der Kriegsopfer war &#8211; in Anteilen der Gesamtbev\u00f6lkerung gemessen &#8211; selbst im blutigen 20. Jahrhundert weniger gro\u00df als in vielen sogenannten primitiven Gesellschaften.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber warum h\u00f6rt man aus der Vergangenheit so viel weniger Klagen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>und in der Gegenwart so sehr viele mehr? Ich denke, dass der Grund offensichtlich ist. H\u00e4tten die unterdr\u00fcckten Massen damals eine Stimme gehabt, dann w\u00fcrde die Weltgeschichte bis heute von ihren Wehklagen widerhallen. Aber sie hatten keine Stimme; in der ganzen Welt blieben die Massen stumm, weil sie weder lesen noch schreiben konnten. Erfunden wurde die Schrift \u00fcberhaupt erst im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, aber selbst im sp\u00e4tmittelalterlichen England von 1530 wurden in einer Bev\u00f6lkerung von f\u00fcnf Millionen nur etwa 26 000 Knaben in der Kunst des Schreibens unterwiesen \u2013 also gerade einmal ein halbes Prozent (Durant)! Weltweit war diese F\u00e4higkeit auf die oberen Zehntausend beschr\u00e4nkt \u2013 in der Regel nicht mehr als f\u00fcnf Prozent der Bev\u00f6lkerung; die aber nahmen eine gehobene Stellung an der Spitze der sozialen Pyramide ein und pflegten deshalb eher mit ihrer Lage zufrieden zu sein. Aus diesem und aus keinem anderen Grund ist die&nbsp;<em>Geschichtsschreibung der Vergangenheit weitgehend auf Goldgrund gemalt<\/em>, stammt sie doch beinahe ausschlie\u00dflich von den Profiteuren jenes Systems..<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das sollte sich allerdings schlagartig \u00e4ndern,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>als die fossile Revolution zum ersten Mal in der Geschichte das Wunder vollbrachte, die unteren 95% aus ihrer dienenden Stellung und ihrem Analphabetismus zu befreien. In gro\u00dfem Ma\u00dfstab wurden nun Bildungsinstitutionen geschaffen, welche in kurzer Zeit nahezu s\u00e4mtlichen Menschen das Lesen und Schreiben erm\u00f6glichten. Und so kam, was von vornherein zu erwarten war: Kaum, dass die Menschen ihre Situation zu kommunizieren vermochten, lie\u00df sich ein&nbsp;<em>Chor der Wehklagen vernehmen<\/em>, erst in Europa selbst, wo die fossile Revolution begann, und schlie\u00dflich in der gesamten globalisierten Welt, wohin die europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung reichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn bis dahin hatten die unterdr\u00fcckten Massen ja auch deswegen stillgehalten, weil Priester wie F\u00fcrsten ihnen mit Erfolg einzureden vermochten, dass Gott oder eine g\u00f6ttliche Ordnung ihnen das Dasein von Knechten verordnet und umgekehrt ihren Herren die Gnade der Herrschaft zugeteilt hatte. Nun gelang es den Aufkl\u00e4rern, allen voran Voltaire, eben diese g\u00f6ttliche Ordnung in Frage zu stellen. Die soziale Hierarchie von oben und unten sei, so ihre Botschaft, nur menschengemacht und beruhe daher auf Willk\u00fcr, der sich niemand mehr f\u00fcgen solle und brauche. Die Franz\u00f6sische Revolution sprach allen Menschen die gleichen Rechte zu, und der englische Sozialphilosoph Jeremy Bentham&nbsp;sogar das gleiche Anrecht auf Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Lawine von Ressentiment<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirkung dieser Botschaft war explosiv: sie \u00e4u\u00dferte sich in einem gesteigerten Bewusstsein f\u00fcr pers\u00f6nliches Ungl\u00fcck. Jeder, der von da an in seinem Leben nicht diejenige Stellung oder jenes Ausma\u00df von Gl\u00fcck erreichte, auf das er einen Anspruch zu haben glaubte, konnte sich nun nicht mehr damit tr\u00f6sten, dass der Herrgott selbst es so und nicht anders gewollt, sondern es waren jetzt die&nbsp;<em>anderen Menschen<\/em>&#8211; oft ganz konkrete Personen -, die seinem Gl\u00fcck im Wege standen. Die Befreiung des Menschen aus jahrtausendealter Unm\u00fcndigkeit erh\u00f6hte nicht etwa die allgemeine Summe des Wohlbefindens, sondern setzte eine Lawine von Neid und Ressentiment in Bewegung. Das war vorher beinahe undenkbar gewesen. Der Neid eines einfachen Bauern auf einen F\u00fcrsten w\u00e4re nicht nur l\u00e4cherlich gewesen, sondern man h\u00e4tte darin sogar einen Frevel gesehen, solange eben jedermann glaubte, dass dem einen wie dem anderen sein jeweiliger Platz aufgrund g\u00f6ttlichen Ratschlusses zugeteilt sei. Doch Neid und Ressentiment waren nun an der Tagesordnung. Jeder intelligente, aufstrebende Mensch der unteren Schichten, der in der neuen Gesellschaft den Zugang zur Bildung erhalten hatte, qu\u00e4lte sich und seine Mitmenschen nun mit der Frage, warum andere, oft nur aufgrund von Erbschaft oder Gl\u00fcck, ihm den Weg nach oben versperrten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Ausbruch aus der&nbsp;<em>unverschuldeten<\/em> Unm\u00fcndigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zweifellos war es ein auf Bildung begr\u00fcndeter Wettbewerb, der den unteren 95% zum ersten Mal in der Geschichte den Ausbruch aus ihrer&nbsp;<em>unverschuldeten<\/em> Unm\u00fcndigkeit erlaubte, doch in diese Befreiung war von Anfang an Gift gemischt. Denn in den seltensten F\u00e4llen war der einzelne mit der von ihm im Wettbewerb erreichten Lebensstellung zufrieden. Der Herrschaft Gottes hatten sich die Menschen wie unter ein unabwendbares Schicksal gebeugt, doch seitdem die Aufkl\u00e4rer Gott zu einer menschlichen Illusion erkl\u00e4rten, erschien ihnen jede Art von Herrschaft auf einmal als unertr\u00e4glich. Nun wusste man: Das sind ja auch nur Menschen, noch dazu oft irgendwelche zu Unrecht privilegierten, die sich die Herrschaft \u00fcber mich andere ihrer Mitmenschen anma\u00dfen. Man h\u00f6re etwa den Philosophen und \u00d6konomen Pierre-Joseph Proudhon, der erste, der sich selbst zum \u201eAnarchisten\u201c (d.h. zum Feind aller Herrschaft) erkl\u00e4rte. In seinen \u201eBekenntnissen eines Revolution\u00e4rs\u201c von 1849 sagte er: \u201eWer immer seine Hand auf mich legt, um \u00fcber mich zu herrschen, der ist ein Usurpator und Tyrann.\u201c Die Revolution bestand f\u00fcr Proudhon darin, dass kein System Herrschaft \u00fcber Menschen aus\u00fcben d\u00fcrfe, sei es das der Monarchie, der Aristokratie, ja nicht einmal die Demokratie im Namen des Volkes, ja \u00fcberhaupt keinerlei Autorit\u00e4t, nicht&nbsp;einmal eine popul\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00c9crasez l\u2018inf\u00e2me<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem generellen Verbot der Herrschaft von Menschen \u00fcber andere Menschen sprach Proudhon eine Forderung aus, die ein grundlegend verwandeltes Verh\u00e4ltnis der aufstrebenden Massen gegen\u00fcber der Politik charakterisierte.&nbsp;Das \u00e4nderte freilich nichts daran, dass Herrschaft weiterhin eine Tatsache war. Daher lie\u00dfen viele es nicht bei blo\u00dfem Misstrauen bewenden, sondern forderten ihre&nbsp;<em>gewaltsame Beseitigung<\/em>. Der russische Anarchist \u201eBakunin&nbsp;trieb die romantisch-liberale Auffassung von individueller Autonomie auf die Spitze, als er Freiheit mit freudiger Bereitschaft zur Zerst\u00f6rung identifizierte\u201c. Und Richard Wagner, sein Zeitgenosse, war nicht nur in der Musik ein Revolution\u00e4r, er wollte diese Rolle auch als politisch handelnder Mensch \u00fcbernehmen. Als 1848 das Fieber der Revolution neuerlich ganz Europa ergriff, schrieb er: \u201eIch w\u00fcnsche die Herrschaft der einen \u00fcber die anderen zu brechen\u2026 &#8211; die Macht der M\u00e4chtigen, des Gesetzes und des Eigentums\u201c. Wagner war ein h\u00f6chst empfindsamer Mann, deswegen empfand er es als umso schmerzhafter, dass er w\u00e4hrend seines Aufenthalts in Paris unbekannt und ungew\u00fcrdigt blieb, w\u00e4hrend ein j\u00fcdischer Komponist wie Giacomo Meyerbeer&nbsp;im Rampenlicht der \u00f6ffentlichen Beliebtheit stand. Diese Kr\u00e4nkung schlug sich bei Wagner in Tiraden des Hasses nieder, in denen sich intensiver Neid und Ressentiment unverkennbar bekunden. Paris wurde f\u00fcr ihn zum Inbegriff pers\u00f6nlichen Misserfolgs. 1850 schrieb er die furchtbaren Zeilen: \u201eIch glaube an keine andere Revolution als eine, welche mit der Niederbrennung von Paris beginnt.\u201c Und Wagner war es auch, der eine der furchtbarsten Hetzschriften gegen die Juden schrieb. Solche Ereignisse sollte man nicht \u00fcbergehen, denn sie enthalten eine wichtige Lehre. Wenn schon eine Zelebrit\u00e4t wie Richard Wagner sich dazu verleiten lie\u00df, pers\u00f6nliche Unzufriedenheit in w\u00fcsten Ressentiments aufflammen zu lassen, dann ist leicht zu verstehen, warum der mit dem 19. Jahrhundert einsetzende globale Alphabetismus einen Tsunami an Ressentiments nach sich zog.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kassandras gegen den Optimismus des Fortschritts<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Allgemeinen \u00fcberwog dennoch die gegenteilige Position. Angefangen von Voltaire \u00fcber die Enzyklop\u00e4disten und Friedrich Hegel&nbsp;bis zu Herbert Spencer&nbsp;berauschte sich das Europa des 19. Jahrhunderts an einem Fortschritt, der es in kurzer Zeit zum Herrn der Welt erhob \u2013 eine Stellung, an der die wenigsten damals etwas auszusetzen hatten. Insgesamt war es eine Minderheit, welche k\u00fcnftiges Unheil und den Verfall beschwor. Zu den Kassandras geh\u00f6rten neben den deutschen Romantikern vor allem Karl Marx&nbsp;und Friedrich Nietzsche, aber ebenso Giuseppe Mazzini&nbsp;in Italien sowie in Russland Alexander Herzen&nbsp;sowie der schon zuvor genannte Bakunin. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts prophezeite Herzen \u201eeinen f\u00fcrchterlichen Kataklysmus\u2026 Von t\u00e4glicher M\u00fchsal \u00fcberw\u00e4ltigt, von Hunger geschw\u00e4cht und von Unwissen verbl\u00f6det,\u201c seien die Massen lange Zeit \u201edie unwillkommenen G\u00e4ste des Lebensfestes\u201c gewesen und ihre \u201eUnterdr\u00fcckung die unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr das privilegierte Leben einer Minderheit.\u201c Das w\u00e4re eine v\u00f6llig richtige Diagnose im Hinblick auf die Vergangenheit gewesen, aber Herzen wollte seine Aussage auf die Zukunft bezogen wissen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pankaj Mishra<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist das Vorrecht von Au\u00dfenseitern, dass sie nicht selten einen sch\u00e4rferen Blick f\u00fcr die seelisch-geistigen Befindlichkeiten anderer Kulturen besitzen als die in ihnen lebenden Menschen. In seinem brillant geschriebenen Buch \u201eAge of Anger\u201c (Zeitalter des Zorns) hat der indische Autor Pankaj Mishra&nbsp;eine Kritik der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung und ihrer Gegenstr\u00f6mungen vorgelegt, deren Tenor eindeutig ist:&nbsp;<em>Mishra h\u00e4lt das Projekt der Aufkl\u00e4rung f\u00fcr gr\u00fcndlich gescheitert.<\/em> Dass mag verwundern, weil das neunzehnte Jahrhundert &#8211; vor allem in seiner zweiten H\u00e4lfte &#8211; von einer wahren Euphorie des Fortschrittsglaubens befl\u00fcgelt war, ein Glaube, der au\u00dferhalb des Westens selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts durchaus nicht verklungen ist \u2013 man denke etwa an China, das sich gegenw\u00e4rtig in einem wahren Fortschrittstaumel befindet. Dar\u00fcber schweigt das Buch; es l\u00e4sst fast nur die Stimmen von Zweifel, Widerstand bis hin zur Zerst\u00f6rungswut zu Worte kommen, also Stimmen, die der gegenw\u00e4rtig vorherrschenden Seelenlage westlicher Leser entsprechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;Die Darlegungen des \u201eAge of Anger\u201c erscheinen auf den ersten Blick bezwingend<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Verlierer des Fortschritts hatten im angehenden neunzehnten Jahrhundert ja genauso zu leiden wie gegenw\u00e4rtig die Nachz\u00fcgler in Asien oder Afrika. Doch bei n\u00e4herem Hinschauen wird dem Leser die Einseitigkeit des Autors ebenso bewusst wie die der von ihm vorzugsweise zitierten Autorit\u00e4ten. In Europa war es Jean-Jacques Rousseau, der als erster seine Stimme gegen die Aufkl\u00e4rung erhob, die er des Betrugs und der T\u00e4uschung bezichtigte. \u201eSein Ideal war das kleine, strenge, selbstgen\u00fcgsame, eifernd patriotische, herausfordernd unkosmopolitische und unkommerzielle Sparta.\u201c Gewiss, doch schon an dieser \u00c4u\u00dferung, gegen die Mishra keine Einw\u00e4nde erhebt, wird die ganz unhistorische Vorgangsweise Rousseaus und vieler seiner geistigen Nachfolger deutlich. Sparta war der Ausbeuterstaat schlechthin, ein Staat, wo f\u00fcnf Prozent einer selbst ernannten Herrenrasse von Analphabeten ein gnadenloses Regiment von Mord und Erpressung \u00fcber 95% der von ihnen unterworfenen Ureinwohner, die Heloten, aus\u00fcbte. \u00dcber diese verschwindende Minorit\u00e4t wissen wir dank Platon&nbsp;und Thukydides&nbsp;sehr gut Bescheid, aber die 95% geknechteter Bauern waren der Rede nicht wert und blieben selbst so stumm wie ihre Br\u00fcder und Schwestern \u00fcberall auf der Welt, die in allen gro\u00dfen Agrarkulturen weder schreiben noch lesen konnten. Sie haben uns aber einzig deshalb kein Zeugnis von ihrem Leid hinterlassen,&nbsp;<em>weil sie als Analphabeten es nicht zu hinterlassen vermochten<\/em>. Und einzig aus diesem Grund haben sich geschichtsblinde Theoretisierer wie Rousseau dazu versteigen k\u00f6nnen, in Sparta das Vorbild einer idealen Gesellschaft zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Idealisierung eines Bauerntums,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>das bis an die Schwelle der Neuzeit zu stummem Leiden verurteilt blieb, sind Anarchisten wie Alexander Herzen oder Michail A. Bakunin ihrem Vorbild Rousseau blind gefolgt: \u201eDie b\u00e4uerliche Gemeinschaft, selbstversorgend und sittenstreng k\u00f6nnte uns den wirklichen Pfad in Richtung einer freien und gleichen Gesellschaft weisen\u2026 Russische Autoren von Herzen bis zu Tolstoi verurteilten immer wieder die Besessenheit des westlichen B\u00fcrgertums von privatem Eigentum, dem hielten sie den russischen Muzhik als eine bewundernswert altruistische Erscheinung entgegen.\u201c Selbst Schriftsteller wie Tolstoi&nbsp;oder Dostojewski, die es eigentlich besser wussten, haben zu dieser Idealisierung geneigt, obwohl die Bauern gerade vom russischen Adel besonders gnadenlos unterdr\u00fcckt worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aller Evidenz zum Trotz hat Rousseau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>sogar vorauszusehen gemeint, dass die Menschen Gott dereinst darum anflehen werden, ihnen \u201eihre Unwissenheit, ihre Unschuld und ihre Armut zur\u00fcckzugeben, denn das seien die einzigen G\u00fcter, die uns gl\u00fccklich machen.\u201c Dagegen erf\u00fclle \u201euners\u00e4ttlicher Ehrgeiz, die Begierde, ihren jeweiligen Besitz zu mehren, und zwar nicht so sehr aufgrund von Entbehrung, sondern um andere zu \u00fcberrunden, die Menschen mit der verderblichen Neigung, anderen Schaden zuzuf\u00fcgen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie der Naive Humanismus die Geschichte verf\u00e4lscht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Pankaj Mishra, dem ich die vorangehenden Zitate verdanke, schlie\u00dft sich der Meinung seiner Kronzeugen an. Er verk\u00fcndet, dass \u201edie Geschichte der Modernisierung im Gro\u00dfen und Ganzen auf Blutvergie\u00dfen und Chaos beruhe statt auf friedlicher \u00dcbereinkunft.\u201c Diese Auffassung ist zwar einerseits v\u00f6llig richtig, denn zu keinem Zeitpunkt sind die beiden vergangenen Jahrhunderte frei von Krieg, Not, sozialen Wirren und \u00f6konomischen R\u00fcckschl\u00e4gen gewesen. Aber sie ist andererseits v\u00f6llig falsch, sobald man zu einem Vergleich \u00fcbergeht, n\u00e4mlich mit der Vergangenheit vor der fossilen \u00c4ra. Krieg, soziale Wirren und \u00f6konomisches Elend waren gerade vor der fossilen Epoche endemisch und ihre Auswirkungen waren ungleich gr\u00f6\u00dfer und unheilvoller. Selbst nach der Abschlie\u00dfung gegen die Au\u00dfenwelt, also nach der Vereinigung der Streitenden Reiche, wurde China &#8211; die bis ins 18. Jahrhundert weltweit wohlhabendste Agrarkultur &#8211; regelm\u00e4\u00dfig von Hungersn\u00f6ten verw\u00fcstet, deren Opfer nat\u00fcrlich in erster Linie die fronende Bauernschaft war. Harmonie wurde von oben gepredigt, aber sie entsprach niemals der Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Drei Beispiele: Die Verw\u00fcstung Indiens, Muhammad Tughlak und Rajasinghe II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zust\u00e4nde in anderen gro\u00dfen Agrarkulturen waren f\u00fcr eine \u00fcberw\u00e4ltigende Bev\u00f6lkerungsmehrheit eher noch schlechter als in China, wie ich an drei willk\u00fcrlich gew\u00e4hlten Beispielen ganz kurz illustrieren m\u00f6chte. In \u201eMasse und Macht\u201c hat Elias Canetti&nbsp;die Zust\u00e4nde an einem indischen F\u00fcrstenhof des 14. Jahrhunderts aufgrund der Zeugnisse zweier muslimischer Gelehrter aus jener Zeit beschrieben (Ibn Battuta&nbsp;und Ziauddin Barani). Unter der Herrschaft des Sultans von Delhi, Muhammad Tughlak,&nbsp;erreichte das Sultanat eine Ausdehnung, die es danach erst zweihundert Jahre sp\u00e4ter \u2013 unter dem Mogul-Herrscher Akbar&nbsp;\u2013 erneut zu erlangen vermochte.&nbsp;Der Sultan war insofern eine herausragende Gestalt, als man in ihm ein Muster umfassender Bildung und \u00e4sthetisierender Feinsinnigkeit sah, aber zugleich war er eine Bestie in Menschengestalt, denn seine Liebe zu Grausamkeiten war kaum zu \u00fcberbieten. Jeder, der ihn besuchte, musste zun\u00e4chst einmal die zu Haufen aufget\u00fcrmten Leichen der Hingerichteten passieren, die den Pfad zum Tor des Palastes s\u00e4umten, wo die K\u00f6rper stets drei Tage lang f\u00fcr jedermann sichtbar waren.&nbsp;Jeden Tag wurden Hunderte von Leuten in Ketten, mit gefesselten H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen vor ihn gebracht. Die einen wurden hingerichtet, die anderen gefoltert, die dritten geschlagen. Der dauernde Aufruhr gegen den Herrscher war durchaus verst\u00e4ndlich, denn wie nahezu jeder F\u00fcrst vor Anbruch der Neuzeit hielt es auch Muhammad Tughlak f\u00fcr sein gottgegebenes Recht, aus seinen Untertanen so viel Steuern wie m\u00f6glich herauszupressen. Diese waren schon unter seinen Vorg\u00e4ngern sehr hoch gewesen, unter ihm aber wurde die Steuerlast noch vergr\u00f6\u00dfert, wobei deren Eintreibung mit so r\u00fccksichtsloser Grausamkeit erfolgte, dass die Bauern zu Bettlern wurden. Wer unter den Hindus etwas besa\u00df, verlie\u00df sein Land und schlug sich in die Dschungel zu den Rebellen, von denen es kleinere oder gr\u00f6\u00dfere Trupps bald \u00fcberall geben sollte. Der Boden lag brach, immer weniger Getreide wurde produziert. Es kam zu einer Hungersnot in den Kernprovinzen des Reiches.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Zerst\u00f6rung Indiens durch den Islam<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Schema von herrscherlicher Willk\u00fcr, der vor allem die Massen der wehrlosen Bauern zum Opfer fielen, ist bezeichnend, denn es wiederholte sich damals \u00fcberall auf der Welt. Hinzu kamen aber noch religi\u00f6se K\u00e4mpfe zwischen den das Land seit dem 9. Jahrhundert erobernden muslimischen Invasoren und den heimischen Hindus.&nbsp;Gerade Indien liefert daf\u00fcr ein besonders trauriges Beispiel. Heute denken wir nur an die wunderbaren architektonischen Monumente, die der Islam gerade in Indien hinterlassen hat, oder wir denken an den Mogul-Herrscher Akbar den Gro\u00dfen, eine der wohl bewundernswertesten und humansten F\u00fcrstengestalten aller Zeiten, aber das entsetzliche Ungl\u00fcck, die furchtbaren Verw\u00fcstungen, die der Islam in den ersten Jahrhunderten seiner Herrschaft anrichtete, werden meist ausgeblendet. \u201eDie muslimische Eroberung Indiens,\u201c so sagte es der gro\u00dfe US-amerikanische Historiker Will Durant, \u201eist wahrscheinlich das blutigste Ereignis der Weltgeschichte. Es ist eine entmutigende Geschichte, weil es die offensichtliche Einsicht vermittelt, dass die Zivilisation stets gef\u00e4hrdet ist.\u201c Von Muhammad Tughlak war schon die Rede. Von einem seiner Nachfolger Sultan Ahmad&nbsp;Shah ist \u00fcberliefert, dass er jedes Mal drei Tage lang feierte, wenn die Zahl der an einem Tag hingeschlachteten Hindus die Marke von zwanzigtausend \u00fcbertraf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dabei hat es durchaus Stimmen gegeben, die den Herrschern \u201eins Gewissen geredet\u201c haben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aber gegen das religi\u00f6s-ideologische&nbsp;<em> Pseudogewissen<\/em> (hierzu sp\u00e4ter) und die Verlockung schneller Beute kamen sie nicht an. Ein christlicher Papst hat sich f\u00fcr die Verbrechen des Christentums entschuldigt, aber von Seiten der h\u00f6chsten Vertreter des Islam wartet man immer noch auf eine vergleichbare \u00c4u\u00dferung. \u201eHat man jemals davon geh\u00f6rt,\u201c fragt der Althistoriker David Engels, \u201edass ein Direktor der Universit\u00e4t Al Azhar (die gr\u00f6\u00dfte Autorit\u00e4t der Sunniten) sich im Namen des Islam f\u00fcr die brutale Unterdr\u00fcckung des Hinduismus entschuldigt habe, von der Indien zwischen 1000 und 1500 unserer Zeitrechnung heimgesucht wurde, wodurch sich die Bev\u00f6lkerung dort um 80 Millionen Menschen verringerte \u2013 ein Ereignis das zu den&nbsp;\u00bbblutigsten der Weltgeschichte\u00ab z\u00e4hlt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Robert Knox und das Ceylon des 17. Jahrhunderts<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Extreme Willk\u00fcr in der Aus\u00fcbung von Herrschaft war vor der fossilen Revolution ein gemeinsames Merkmal aller gro\u00dfen Agrarkulturen, selbst dort, wo der friedliche Buddhismus den Ton angab, zum Beispiel in Ceylon. Auch in diesem Fall besitzen wir das Zeugnis eines Beobachters, der keinen Grund hatte, der herrschenden Macht nach dem Mund zu reden. Im 17. Jahrhundert geriet ein Engl\u00e4nder namens Robert Knox&nbsp;von 1659 bis 1678 in die Gefangenschaft des K\u00f6nigs von Kandy Rajasinghe&nbsp;II. Weil der K\u00f6nig die Wei\u00dfen, die an der K\u00fcste bereits die ersten Forts errichtet hatten (erst Portugiesen, dann Holl\u00e4nder), f\u00fcr Menschen einer st\u00e4rkeren Rasse hielt, lie\u00df er die Gefangenen von den Untertanen auf deren Kosten durchf\u00fcttern und wies ihnen heimische Frauen zu, damit sie zwecks Aufbesserung der eigenen Rasse m\u00f6glichst viel Nachkommenschaft produzierten. Knox hat dem Land zwar keine Kinder geschenkt, stattdessen hinterlie\u00df er der Nachwelt das \u00fcberaus farbige Gem\u00e4lde einer hochentwickelten Agrarkultur vor ihrer Eroberung durch die Engl\u00e4nder. Er schildert ein Land, in dem die Frauen durch entsprechende Praktiken ihre Kinderzahl begrenzten, so dass der Bev\u00f6lkerungsdruck auf die Ressourcen offenbar nicht allzu gro\u00df werden konnte. \u201eOft t\u00f6ten sie die Neugeborenen, aber selten die erste Geburt.\u201c Die Gesellschaft war durch Kastenschranken streng gegliedert, wobei den Bauern wie \u00fcberall sonst die Aufgabe zufiel, sich selbst und die oberen zehn Prozent zu ern\u00e4hren. Wer eine Schuld aufnahm, die er nicht zur\u00fcckzahlen konnte, sank auf die Stufe eines Sklaven hinab &#8211; da Schulden nach zwei Jahren auf das Doppelte wuchsen, war dieser Fall durchaus h\u00e4ufig. Die Gesellschaft lie\u00df keinen Aufstieg von Individuen zu, denn niemand konnte die ihm durch das Kastensystem zugewiesene Stellung verlassen. Der buddhistische K\u00f6nig lebte allerdings in best\u00e4ndiger Furcht vor Aufruhr und Verrat seiner Untertanen, deswegen hielt er sich durch Grausamkeit und Unberechenbarkeit an der Spitze, wobei er ganz wie sp\u00e4ter der Gewaltherrscher Stalin&nbsp;gerade jene in seinem Umkreis beg\u00fcnstigte, die er vernichten wollte. Verschiedene Prozeduren der Tortur und Zertrampeln durch Elefanten spielten dabei eine besondere Rolle, aber schlimmer als selbst die grausamste Todesart galt die Vernichtung der&nbsp;<em>sozialen W\u00fcrde<\/em>, wenn der K\u00f6nig die Frauen oder T\u00f6chter seiner Opfer der untersten Klasse der Bettler gleichsam zum Fra\u00df vorwarf und deren Familien dadurch f\u00fcr alle Zeit entehrte (Knox 1681).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Blindheit der naiven Humanisten f\u00fcr die Vergangenheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann sich durchaus die Frage stellen, ob es den Ceylonesen zu jener Zeit wesentlich schlechter ging als den Engl\u00e4ndern des 17. Jahrhunderts, das eine Zeit blutigen B\u00fcrgerkriegs war. Doch angesichts der \u00e4u\u00dfersten Willk\u00fcr, der selbst die h\u00f6chsten W\u00fcrdentr\u00e4ger unter einem absoluten F\u00fcrsten ausgesetzt waren \u2013 von der Masse der Bev\u00f6lkerung ganz zu schweigen \u2013 ist es kaum zu begreifen, dass ein hochgebildeter Autor wie Pankaj Mishra diese Vergangenheit einfach verschweigt, um dann mit Rousseau und vielen anderen Kritikern der Moderne die Gegenwart so darzustellen, als w\u00e4re damit ein bisher unerreichtes Ausma\u00df von menschlichem Leid verwirklicht. Zustimmend zitiert er Michel Foucault, in dessen Worten der kapitalistische Westen, \u201cdie h\u00e4rteste, grausamste, selbsts\u00fcchtigste, verlogenste und ausbeuterischeste Gesellschaft\u201c repr\u00e4sentiert, \u201edie sich \u00fcberhaupt denken lasse.\u201c Das ist schlicht und einfach eine grobe historische Unwahrheit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anders als Pankaj Mishra behauptet<\/strong>,<\/p>\n\n\n\n<p>ist die Geschichte der Modernisierung im Gro\u00dfen und Ganzen von viel weniger Blutvergie\u00dfen und Chaos begleitet als die Geschichte der gro\u00dfen Agrarzivilisationen vor der fossilen Revolution. Das ist umso bemerkenswerter, als die Zahl der Menschen sich innerhalb von nur dreihundert Jahren&nbsp;<em>zu verzehnfachen droht<\/em>. Dass in dieser unkontrollierten Vervielfachung unserer Art eine der gr\u00f6\u00dften Gefahren liegen k\u00f6nnte, ger\u00e4t den Kritikern der Moderne im Allgemeinen gar nicht erst in den Blick. Stattdessen lauschen sie dem allgemeinen Wehgeschrei, denn diese Milliarden k\u00f6nnen sich, wie schon gesagt, mit ihren Klagen viel besser Geh\u00f6r verschaffen, weil sie inzwischen fast alle sowohl lesen wie schreiben k\u00f6nnen. Nicht wenige Intellektuelle, die pers\u00f6nlich in abgesicherten Verh\u00e4ltnissen leben, reden sich in zahllosen B\u00fcchern \u00fcber Missst\u00e4nde in Rage, die fr\u00fcheren Zeiten nicht einmal der Rede wert erschienen w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Kritik an den Versprechungen der Aufkl\u00e4rer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>ist inzwischen so alt wie diese selbst, n\u00e4mlich bald dreihundert Jahre. Der au\u00dferordentliche Fortschritt, den man den Propheten der Vernunft verdankt, wird dabei oft \u00fcbergangen oder auch schlicht \u00fcbersehen, weil er inzwischen so selbstverst\u00e4ndlich erscheint. Gegen Beginn des zwanzigstens Jahrhunderts standen fast allen B\u00fcrgern \u2013 bald auch den Frauen \u2013 s\u00e4mtliche Stellungen offen, welche eine Gesellschaft vergeben konnte. Daraus h\u00e4tte die erste&nbsp;<em>wirklich klassenlose Gesellschaft<\/em> der Geschichte hervorgehen k\u00f6nnen. Denn das Ideal, wie es die Aufkl\u00e4rer formulierten, sah ja ausdr\u00fccklich vor, dass \u00fcber die Bef\u00e4higung zu einem erstrebten Posten allein die Leistung eines Individuums entscheiden sollte. Im Prinzip sollte der Wettbewerb die Karten in jeder Generation aufs Neue mischen, so dass niemand aufgrund der Geburt, zum Beispiel nur deshalb weil er reiche Eltern besa\u00df, in eine h\u00f6here Stellung gelangt. Doch schnell zeigte sich, dass die Reichen weiterhin ihren Kindern die besseren Posten verschafften und immer reicher wurden, eben weil ihnen der Reichtum daf\u00fcr die besseren Voraussetzungen bot. Doch ist das gerade kein Argument gegen die Aufkl\u00e4rung und deren Sinn f\u00fcr Gerechtigkeit, sondern beweist nur, dass es nicht gelang,&nbsp;<em>die Last der Vergangenheit abzusch\u00fctteln<\/em>. Nicht die Aufkl\u00e4rung hat versagt, sondern deren Verwirklichung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nur eine Art von Entwicklung w\u00e4re noch radikaler gewesen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>als diejenige, welche die Aufkl\u00e4rer von Voltaire&nbsp;\u00fcber Diderot&nbsp;und d\u2019Alembert&nbsp;bis zu Kant&nbsp;und Hegel&nbsp;ins Auge fassten, n\u00e4mlich eine&nbsp;<em> Gleichbehandlung aller Menschen ungeachtet ihrer F\u00e4higkeiten<\/em> (und damit auch ohne Wettbewerb), so wie sie im Nukleus der Familie vermutlich seit Beginn der Menschheitsgeschichte die Regel war: Eine Mutter liebt ihre Kinder, ganz gleich ob sie stark oder schwach sind, dumm oder intelligent. Das war gleicherma\u00dfen das Ideal, welches Marx&nbsp;vorschwebte. In der klassenlosen Gesellschaft, wie er sie verwirklichen wollte, \u201egab jeder nach seinen F\u00e4higkeiten und nahm gem\u00e4\u00df seinen Bed\u00fcrfnissen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<strong>Wir wissen heute,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>dass es eine solche familien\u00e4hnliche Solidarit\u00e4t in vielen kleinen Gesellschaften tats\u00e4chlich gab, angefangen bei den J\u00e4gern und Sammlern bis zu einigen fr\u00fchen Gartenkulturen wie z.B. den Zuni. Aufgrund des agrarischen Abh\u00e4ngigkeitsgesetzes wurde sie allerdings nie in den gro\u00dfen Agrarkulturen verwirklicht \u2013 jedes Experiment dieser Art ist bisher blutig gescheitert: mit Millionen von Toten zuletzt in der Kulturrevolution, der Mao&nbsp;das chinesische&nbsp;&nbsp;Milliardenvolk in den zehn Jahren zwischen 1966 und 1976 unterwarf.&nbsp;<em>Ganz und gar undenkbar aber ist ein strikter Egalitarismus in der \u00c4ra der Streitenden Reiche<\/em>, wo jede Nation Talent und Willenskraft aufs H\u00f6chste zu steigern trachtet. In solchen Zeiten werden alle Leistungen, welche einen Vorteil im Wettbewerb und \u00dcberlebenskampf versprechen, im Gegenteil besonders betont und belohnt, also vor allem \u00f6konomisches K\u00f6nnen und milit\u00e4rische Erfindungskraft. Wettbewerb spielt dann eine so beherrschende Rolle, dass er auch von denen, die ihm ihren Aufstieg verdanken, nicht mehr als Chance gesehen wird, sondern nur noch als ein zerst\u00f6rerischer Kampf alle gegen alle. Heute leben wir \u2013 nicht anders als die Menschen der Achsenzeit vor zweitausend f\u00fcnfhundert Jahren &#8211; wieder in einer \u00c4ra der Streitenden Reiche. Genau darin liegt &#8211; wie eine der Hauptthesen dieses Buches besagt &#8211; das eigentliche Problem unserer Zeit (das aber Kritiker der Moderne angefangen von Rousseau bis zu Pankaj Mishra geflissentlich verdr\u00e4ngen und \u00fcbersehen).<\/p>\n\n\n\n<p>Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte \u2013 Leben in der \u00c4ra der Streitenden Reiche. Englische Version im Netz aufrufbar (&nbsp;\u201c<a href=\"http:\/\/www.gerojenner.com\/mfilesm\/MandP.pdf\">In Search of Meaning and Purpose in History<\/a>&#8222;.)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Auch erschienen in &#8222;Humane Wirtschaft&#8220;) Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verf\u00fchren lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschl\u00f6sser, die er auf diese Weise erbaut, verk\u00f6rpern dann das hehre Ideal gegen\u00fcber einer so viel unvollkommeneren Realit\u00e4t. 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