{"id":241,"date":"2012-03-03T14:08:57","date_gmt":"2012-03-03T13:08:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=241"},"modified":"2017-03-04T09:55:11","modified_gmt":"2017-03-04T08:55:11","slug":"wozu-ist-wirtschaft-gut-ein-plaedoyer-fuer-die-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wozu-ist-wirtschaft-gut-ein-plaedoyer-fuer-die-arbeit\/","title":{"rendered":"Wozu ist Wirtschaft gut? Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>Bertrand Russell hat einmal gesagt, dass der Sinn des Lebens f\u00fcr ihn in der Erkenntnis, in der Liebe und in dem Mitleid mit den Benachteiligten liege. Und an anderer Stelle sieht er die Quelle eines gl\u00fccklichen Lebens in der Befriedigung, die der einzelne aus seiner Arbeit und seinen sozialen Beziehungen erf\u00e4hrt.<!--more--><\/p>\n<p>Die Theoretiker der Wirtschaft m\u00fcssen da etwas bescheidener sein. Statt nach dem Sinn des Lebens zu fragen, fassen sie den Sinn ihres Fachgebietes ins Auge. Die sogenannte Neoklassik, also jener Zweig, der seit mehr als einem Jahrhundert das Weltbild der \u00d6konomen beherrscht, hat den Zweck der Wirtschaft vorrangig in der <i>Produktion von G\u00fctern<\/i> gesehen, wobei dem Konsum auf der einen Seite die dazu erforderliche Produktion auf der anderen gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n<p>Wenn Bertrand Russell zu einem erf\u00fcllten Leben das Gl\u00fcck gerechnet hat, das eine befriedigende Arbeit dem Menschen verschafft, dann war Arbeit f\u00fcr ihn offenbar eine eminent \u00f6konomische Kategorie. F\u00fcr viele ist Arbeit jedenfalls weit wichtiger als der Konsum, zumindest gilt das nach der Befriedigung der elementaren Lebensbed\u00fcrfnisse. Jeder kennt Menschen &#8211; seien es Schriftsteller, Mathematiker, Musiker, aber auch Erfinder und ungez\u00e4hlte Menschen in ganz normalen Berufen -, die um einer sie erf\u00fcllenden Arbeit willen ihren Konsum auf ein Minimum beschr\u00e4nken. Hunger-K\u00fcnstler und hungrige Erfinder sind geradezu sprichw\u00f6rtlich, und es ist auch kein Geheimnis, dass viele Deutsche auf das Wachstum der Wirtschaft und einen steigenden Konsum ohne zu z\u00f6gern verzichten w\u00fcrden, vorausgesetzt, man w\u00fcrde ihnen daf\u00fcr die Erhaltung eines sie befriedigenden Arbeitsplatzes versprechen.<\/p>\n<p>Eine realistische Wirtschaftslehre sollte daher auf dem Primat der Arbeit noch vor dem Konsum bestehen. Doch w\u00e4re sie selbst damit noch nicht realistisch genug. Friedrich Nietzsche hat im Willen zur Macht den Hauptantrieb des Menschen gesehen. Nur wenige werden ihm darin folgen, denn es gibt viele Menschen \u2013 und zu ihnen z\u00e4hlen gerade jene, welche die meisten von uns als besonders sympathisch bewerten &#8211; denen ein solcher Trieb weitgehend fehlt. Andererseits l\u00e4sst sich kaum leugnen, dass er bei anderen umso st\u00e4rker und sichtbarer in Erscheinung tritt. Niemand h\u00e4uft Millionen oder gar Milliarden an, um seinen Konsum auszuweiten. Kein Mensch kann statt eines einzigen Steaks pro Tag tausend verzehren und niemand in hundert Villen zur gleichen Zeit wohnen. Der Reichtum der oberen f\u00fcnf Prozent \u00fcberschreitet die Grenzen jedes denkbaren individuellen Konsums.<\/p>\n<p>Dennoch hat die Neoklassik als die heute weitgehend herrschende Wirtschaftslehre, das Konsumbed\u00fcrfnis des Menschen zum Eckpfeiler unserer Wirtschaftsordnung erkl\u00e4rt. Sie setzt sich damit \u00fcber die offenkundige Tatsache hinweg, dass gerade der gro\u00dfe und von vielen abg\u00f6ttisch bewunderte Reichtum gar nicht aufgrund dieses angeblich elementaren Bed\u00fcrfnisses entsteht, sondern einem ganz anderen Motiv und Bed\u00fcrfnis entspringt. Wer Reichtum akkumuliert und mit aller Kraft verteidigt, will eben gerade nicht konsumieren, sondern sich Macht und Prestige verschaffen. Mit Reichtum kann man andere Menschen von sich abh\u00e4ngig machen. Gro\u00dfer Reichtum wird bewundert und gef\u00fcrchtet. Die Weisungen und Mahnungen seiner Besitzer lassen sich schlecht \u00fcbergehen, denn Abh\u00e4ngigkeit wirkt sich in Einfluss aus. Zwar verf\u00fcgen die oberen f\u00fcnf Prozent in einer Demokratie nur \u00fcber f\u00fcnf Prozent Stimmenanteil, aber das tats\u00e4chliche Gewicht, das sie durch ihre Interessenvertretungen und auf dem Weg politischer wie \u00f6konomischer Propaganda geltend machen, liegt weit dar\u00fcber. Nach den Worten von Noam Chomsky sind die Vereinigten Staaten heute nur noch formal eine Demokratie, in Wahrheit herrschen die Plutokraten. Seiner Meinung nach werden die USA nicht vom Volk gelenkt, sondern von einer kleinen Elite der Superreichen.<\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, dass diese Schicht den Sinn der Wirtschaft nicht vorrangig in der Arbeit und schon gar nicht im Konsum erblickt. Beide wird sie nur so weit f\u00f6rdern, wie es n\u00f6tig ist, damit soziale Unruhen sie nicht in ihrer Stellung gef\u00e4hrden. Im \u00fcbrigen ist ihr Handeln auf die Erhaltung und Vermehrung der eigenen Macht gerichtet \u2013 und dieses Ziel wird am besten dadurch erreicht, dass sie f\u00fcr einen gewaltigen und wachsenden Renditenstrom von unten nach oben sorgt. Wie gut ihr das inzwischen gelungen ist, beweisen alle Erhebungen \u00fcber den Zuwachs von Einkommen und Verm\u00f6gen w\u00e4hrend der vergangenen zwanzig Jahre.<\/p>\n<p>Es gilt daher festzuhalten, dass Wirtschaft in ihrer heutigen Form von <i>drei Grundbed\u00fcrfnissen<\/i> beherrscht wird, dem Bed\u00fcrfnis nach <i>Arbeit<\/i>, dem Bed\u00fcrfnis nach <i>Macht<\/i> und erst an letzter Stelle dem Bed\u00fcrfnis zu <i>konsumieren<\/i>.<\/p>\n<p>Demnach gibt es auch drei Arten von Wirtschaft mitsamt den ihnen entsprechenden Theorien &#8211; je nachdem ob sie die Arbeit, die Macht oder den Konsum in den Mittelpunkt r\u00fccken.<\/p>\n<p>Betrachten wir zuerst eine Theorie, welche den <i>Konsum an die erste Stelle<\/i> setzt. In Schwellenl\u00e4ndern wie China und Indien, wo gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung noch das Lebensnotwendige entbehren, aber auch in L\u00e4ndern, die wie Deutschland nach 1945 von einem Krieg verheert worden sind, r\u00fcckt das Bed\u00fcrfnis zu konsumieren zweifellos an die erste Stelle. Auch die Arbeit nimmt demgegen\u00fcber eine eher zweitrangige Stellung ein, denn es versteht sich von selbst, dass der Aufbau einer schwachen oder zerst\u00f6rten Wirtschaft nur durch harten Einsatz der ganzen Bev\u00f6lkerung m\u00f6glich ist. In einer solchen Zeit des Aufbaus wird Konsum auch noch ganz eng definiert, eben als Erwerb lebensnotwendiger und nach einiger Zeit lebenserleichternder G\u00fcter. Erst wenn die Gesellschaft bereits zu einem gewissen Wohlstand gelangt ist, weitet der Begriff des Konsums sich schrittweise aus. Dann z\u00e4hlt zu dem, was wir im weitesten Sinn konsumieren, also t\u00e4glich genie\u00dfen wollen, auch die gepflegte Landschaft, eine gesch\u00fctzte Tierwelt, saubere Fl\u00fcsse und gesunde Luft. Wir legen Wert auf ein wohnliches Umfeld statt Agrarw\u00fcsten, Fabrikgel\u00e4nde und tristen Wohncontainern. Aus der zu Anfang noch rein materiell definierten Kategorie des Konsums geht ein ins Spirituelle erweiterter Begriff hervor. Der punktuelle Konsum erscheint uns wertlos, wenn er mit einer globalen Zerst\u00f6rung bezahlt wird. Die Bereitschaft w\u00e4chst, den materiellen Konsum auf ein vern\u00fcnftiges Ma\u00df einzuschr\u00e4nken, wenn er mit dem umfassenden Konsum, d.h. der Forderung nach nachhaltigem Wirtschaften, in Widerspruch ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Wie sieht nun eine Theorie der Wirtschaft aus, <i>welche den Schwerpunkt auf das Bed\u00fcrfnis nach Macht legt<\/i>? Keiner hat daf\u00fcr eine bessere Analyse geliefert als der Sozialrevolution\u00e4r Karl Marx. Das Bed\u00fcrfnis nach Macht erzeugt Monopole und eine zunehmende Konzentration der Verm\u00f6gen. Die Eigentumsgesellschaft (der sogenannte Kapitalismus) wird dadurch von innen her aufgel\u00f6st. Mit dieser Analyse hat Marx Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt, die von der akademischen Wirtschaftstheorie zu ihrem Schaden vernachl\u00e4ssigt wurden. Allerdings tr\u00e4gt Marx selbst ein Gutteil Schuld an dieser Geringsch\u00e4tzung: Den unheilvollen Trend der Selbstzerst\u00f6rung hat er mit einer grundfalschen Therapie heilen wollen. Zwar hat er ein \u201eAbsterben des Staates\u201c im Kommunismus und damit ein Ende aller von oben lenkenden Macht angedeutet (erst Lenin hat diesen Begriff wirklich verdeutlicht) \u2013-, doch war er sich nicht bewusst, dass staatliche Macht in einer Massengesellschaft nirgendwo unduldsamer vorgehen muss, als dort, wo das Eigentum unterdr\u00fcckt wird. Die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c, bestehend aus einer Nomenklatur, die so absolut herrschte wie bis dahin nur feudalistische Herrscher, stellt das logische Ergebnis einer nur mit \u00e4u\u00dferster H\u00e4rte durchsetzbaren Aufhebung des Privateigentums dar. Statt Aufhebung des Machtbed\u00fcrfnisses in einer kommunistischen Wirtschaft war die <i>\u00e4u\u00dferste Versch\u00e4rfung und Konzentration der \u00f6konomischen und politischen Macht (in noch weniger H\u00e4nden als im Westen) die Folge<\/i>.<\/p>\n<p>Zu dieser <i>Allmacht<\/i> des Staates trug zus\u00e4tzlich noch der <i>Internationalismus<\/i> der kommunistischen Bewegung bei, weil er die regionale Selbstbestimmung im ganzen Ostblock systematisch und erbarmungslos unterdr\u00fcckte. Das \u201eAbsterben des Staates\u201c unter den Bedingungen des Marxismus wurde damit vollends in die Sph\u00e4re der Utopie verwiesen.<\/p>\n<p>Die neoklassische Wirtschaftstheorie hat allerdings keinen besseren Weg eingeschlagen. Sie diente und dient als Rechtfertigung f\u00fcr die Eigentumsgesellschaft. Sie hat aber in wesentlicher Hinsicht versagt, weil sie den wertvollsten Teil der Marxschen Theorie, n\u00e4mlich seine brillante Analyse, \u00fcberging und damit das Bed\u00fcrfnis nach Macht als wesentlichem Bestimmungsfaktor der Wirtschaft au\u00dfer Acht lie\u00df. Doch krankt sie nicht nur an dem Pferdefu\u00df dieser folgenschweren Unterlassung, sondern sie hat ihrerseits dazu beigetragen, dass das Bed\u00fcrfnis nach Macht sich in der Eigentumsgesellschaft ungehindert entfaltet. Sie hat n\u00e4mlich die unverzeihliche S\u00fcnde begangen, die menschliche Arbeit, den eigentlichen Ursprung alles Wirtschaftens, auf ein und dieselbe Ebene mit leblosen Dingen zu stellen, n\u00e4mlich mit Boden und Kapital. Alle drei werden in ihrem Theoriegeb\u00e4ude gleichrangig als blo\u00dfe \u201eProduktionsfaktoren\u201c behandelt. Die Neoklassik erweckt den Eindruck, als w\u00fcrden Boden und Geld von sich aus Ernten abliefern oder Autos erzeugen \u2013 so als gesch\u00e4he dies Zutun des Menschen. Dies ist eine offenkundige Absurdit\u00e4t, die das ganze Geb\u00e4ude der Neoklassik besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Selbst Keynes hat sich in diesem Punkt nur teilweise von der Neoklassik entfernt. Zwar hat er die Vollbesch\u00e4ftigung als ein herausragendes Ziel jeder Wirtschaftspolitik definiert, doch ging es ihm nur um die Wiederherstellung eines gest\u00f6rten Gleichgewichts &#8211; an eine wirkliche Korrektur, geschweige denn eine Umwertung des neoklassischen System hat er sich nicht gewagt. Auch in der \u201eGeneral Theorie\u201c bleibt die Arbeit ein Stiefkind.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit den neunziger Jahren sp\u00fcren wir die Folgen dieser Missachtung der Marxschen Analyse und der damit verbundenen Blindheit der herrschenden \u00f6konomischen Theorie. In der Betonung des Shareholdervalues als angeblich h\u00f6chstem Zweck modernen Wirtschaftsgebahrens hat sich das Machtbed\u00fcrfnis einer Minorit\u00e4t durchgesetzt. Um ihre Forderungen m\u00f6glichst unangreifbar zu machen, ist diese Schicht inzwischen global in der \u201eInternationale der Gl\u00e4ubiger\u201c vernetzt und als solche m\u00e4chtiger als jeder einzelne Staat. Sie braucht sich weder vor Regierungen noch vor Gewerkschaften zu f\u00fcrchten. Unter ihrer Aufsicht werden die Eckpunkte festgesetzt, unter denen heute L\u00f6hne und soziale Systeme verhandelt werden. Unsere Wirtschaft steht nicht mehr unter demokratischer Kontrolle, sondern unter dem Diktat einer Elite. Diese herrscht diskret aus dem Hintergrund &#8211; wenn auch nicht aufgrund von Verschw\u00f6rung \u2013 sie verfolgt schlicht ihr \u00f6konomisches Interesse. Jeder, der aufgrund eines besonderen wirtschaftlichen Erfolgs zu ihren Reihen aufschlie\u00dft und in ihrem Sinne handelt, ist ihr willkommen. Diese Elite ist so kosmopolitisch und so weltoffen wie der Adel des 18. Jahrhunderts vor der franz\u00f6sischen Revolution. Sie ist, mit anderen Worten, aus h\u00f6chst achtenswerten Menschen zusammengesetzt. Das \u00e4ndert nichts daran, dass ihre Existenz und ihr Machtbed\u00fcrfnis die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der Eigentumsgesellschaft bedeuten.<\/p>\n<p>Damit komme ich zu einer dritten Art \u00f6konomischer Theorie, <i>welche die menschliche Arbeit in den Mittelpunkt stellt<\/i>. Wer sie theoretisch begr\u00fcndet, kann sich auf den friedlichsten und stabilsten Teil der bisherigen Menschheitsgeschichte berufen. Geben und Nehmen sind der soziale Kitt, der Menschen zusammenf\u00fcgt. Ich biete meine Arbeit und deren Produkte an andere und nehme daf\u00fcr im Gegenzug die Leistungen meiner Mitmenschen entgegen.<\/p>\n<p>Manche glauben, dass wir einer Zukunft entgegenstreben, in der sich der Mensch von der Arbeit g\u00e4nzlich befreien wird, weil automatisierte Fabriken und k\u00fcnstliche Intelligenz ihm alle k\u00f6rperlichen und geistigen T\u00e4tigkeiten f\u00fcr die Lebensf\u00fcrsorge abnehmen. Sie glauben (auch wenn sie diesen Gedanken selten bis zur letzten Konsequenz weiterf\u00fchren), dass wir dann in einer Art von Gratisgesellschaft ankommen, wo alle aus den produzierenden Automatenfabriken ein <i>garantiertes Grundeinkommen<\/i> an kostenlosen Fertigwaren beziehen.<\/p>\n<p>Angenommen, wir w\u00fcrden alle Rohstoffe tats\u00e4chlich gratis erhalten (eine offenkundige Illusion, denn diese werden im Gegenteil zunehmend teurer); angenommen zudem, wir w\u00fcrden uns mit einer kleinen Palette normierter Produkte zufriedengeben und die automatisierten Betriebe w\u00fcrden nur einer minimalen Wartung bed\u00fcrfen, dann h\u00e4tten wir mit dieser Vision immerhin ein denkbares Zukunftspanorama entworfen.<\/p>\n<p>Aber w\u00fcrde die Arbeit damit verschwinden? W\u00fcrden wir alle fortan in Unt\u00e4tigkeit verharren, um t\u00e4glich an die Automaten zu eilen so wie das Vieh an die Tr\u00e4nke, um dort unsere Gratisration zu empfangen? Keineswegs, denn mit der Arbeit h\u00e4tten wir auch das gegenseitige Geben und Nehmen beseitigt, also das m\u00e4chtigste soziale Band \u00fcberhaupt. Da wir soziale Wesen sind, w\u00fcrden wir sogleich eine F\u00fclle neuer T\u00e4tigkeiten erfinden. Die Menschen w\u00fcrden einander alle Arten der seelischen und geistigen Betreuung, des physischen Trainings, der Naturerkundung und des Genusses anbieten. Physiotherapeuten, Sozialdienste, Psychotherapien, k\u00fcnstlerische Aktivit\u00e4ten der vielf\u00e4ltigsten Art \u2013 all dies w\u00fcrde an die Stelle der materiellen Lebensf\u00fcrsorge treten, so wie das ja in den reichsten Staaten des Globus schon in hohem Ma\u00dfe der Fall ist.<\/p>\n<p>Theoretisch k\u00f6nnte solche Arbeit, da ja die Lebensf\u00fcrsorge durch die Automatenfabriken gesichert ist, ganz freiwillig erfolgen. Theoretisch k\u00f6nnte Geld als Rechenma\u00dfstab f\u00fcr empfangene und erhaltene Leistungen unter diesen Umst\u00e4nden verschwinden. Theoretisch w\u00e4ren wir dann in einem paradiesischen Urzustand des Schenkens und Teilens angekommen.<\/p>\n<p>Doch wie steht es um diesen vermeintlichen Urzustand? Hat es jemals eine Gesellschaft gegeben, in welcher der einzelne frei dar\u00fcber entscheiden durfte, ob er einen Beitrag zum Gemeinwohl erbringt oder sich parasit\u00e4r von anderen erhalten l\u00e4sst? Gewiss, f\u00fcr Alte, Kinder und Kranke hat man diese Ausnahme sehr wohl gelten lassen, doch nie f\u00fcr gesunde, erwachsene und arbeitsf\u00e4hige Menschen. In kleinen und \u00fcberschaubaren Gruppen brauchte man kein Geld, um Geben und Nehmen zu regulieren, es gen\u00fcgte das Schamgef\u00fchl und im Extremfall die soziale Exkommunikation, um jeden daran zu erinnern, dass er neben Rechten ebenso viele Pflichten gegen\u00fcber der Gemeinschaft zu erf\u00fcllen hatte.<\/p>\n<p>Doch heute leben wir in einer anonymen Massengesellschaft. Das Schamgef\u00fchl hat seine Wirksamkeit weitgehend eingeb\u00fc\u00dft. Ohne Geld als Rechenma\u00dfstab lassen sich Geben und Nehmen nicht regulieren. Selbst wenn wir nur noch geistige und k\u00fcnstlerische Arbeit verrichten w\u00fcrden, weil ein automatisierter industrieller Apparat unsere materiellen Lebensbed\u00fcrfnisse gratis befriedigt, w\u00e4re unsere Wirtschaft weiterhin auf dem Prinzip von Geben und Nehmen begr\u00fcndet. <i>Wir w\u00fcrden nach wie vor bezahlte Arbeit leisten, und daf\u00fcr die Produkte aus der bezahlten Arbeit anderer erwerben.<\/i><\/p>\n<p>Damit ist nat\u00fcrlich nicht gesagt, dass sich nicht jeder \u00fcber dieses rechenhafte Geben und Nehmen hinaus ehrenamtlich (und unbezahlt) f\u00fcr das Gemeinwohl bet\u00e4tigen kann. Ein <i>Mehr<\/i> an Einsatz wurde von jeher besonders gew\u00fcrdigt und seine Protagonisten vor anderen geehrt und manchmal gefeiert, verp\u00f6nt war nur das <i>Weniger<\/i>, eben das parasit\u00e4re Leben auf Kosten der anderen.<\/p>\n<p>Noch ein weiterer wichtiger Schluss l\u00e4sst sich aus der utopischen Vision einer automatisierten Produktion alles Lebensnotwendigen ableiten. Die bezahlte Arbeit ist keineswegs durch die Automatisierung der Produktion bedroht, also durch den technologischen Fortschritt, wie das heute von interessierter Seite so oft zu h\u00f6ren ist und auch von den Vertretern des bedingungslosen Grundeinkommens behauptet wird. Vielmehr stammt die Bedrohung aus einer ganz anderen Richtung. <i>Die Arbeit wird durch das Machtbed\u00fcrfnis einer \u00f6konomisch und politisch f\u00fchrenden Schicht verdr\u00e4ngt<\/i>, also durch jene zweite grundlegende Komponente des Wirtschaftsgeschehens, von der oben die Rede war. Mehr und mehr h\u00e4lt die \u201eInternationale der Gl\u00e4ubiger\u201c ihre Exekutoren in den Chefetagen der gro\u00dfen Konzerne auch dann noch zu Automatisierungen an, wenn diese nicht dem Gemeinwohl dienen, sondern lediglich der <i>Verlagerung von Einkommen von der Arbeit zum Kapital<\/i>. Der gesamte heimische Konsum wird damit zunehmend ausgeh\u00f6hlt, da die gro\u00dfen Gl\u00e4ubiger ihren speziellen Konsum ja kaum noch erweitern k\u00f6nnen, vielmehr legen sie ihren Gewinn wiederum in Investitionen an (und noch dazu in den renditetr\u00e4chtigsten Schwellenl\u00e4ndern). Und ferner dringt die \u201eInternationale der Gl\u00e4ubiger\u201c auch dann noch auf die Auslagerung der heimischen Produktion in Billiglohnl\u00e4nder, wenn sie damit zwar ihre Profite erh\u00f6ht, aber Arbeitspl\u00e4tze vernichtet, weil &#8211; wie etwa im Handel mit China der Fall &#8211; die exportierte Hochtechnologie mit einer Schwemme von Billigartikeln bezahlt wird, die bei uns die Ausl\u00f6schung ganzer Industrien zur Folge hat. Gern wird dann hervorgehoben, dass ein nach China exportierender deutscher Konzern f\u00fcr die Verwaltung seiner ausl\u00e4ndischen Filialen auch zu Hause neue Arbeitspl\u00e4tze kreiert. Das trifft sicher zu. Aber wer redet davon, dass die Schwemme an Billigprodukten, womit China den Export eines deutschen Konzerns bezahlt, zwangsl\u00e4ufig eine F\u00fclle von urspr\u00fcnglich bei uns produzierten G\u00fctern verdr\u00e4ngt und dadurch ein Vielfaches an vorhandenen Arbeitspl\u00e4tzen vernichtet?<\/p>\n<p>Das Machtbed\u00fcrfnis einer kleinen \u00f6konomisch herrschenden Schicht, sprechen wir ruhig mit Noam Chomsky von einer <i>Plutokratie<\/i>, stellt sich dem Bed\u00fcrfnis nach Arbeit entgegen und damit einer Wirtschaft, die nicht einer Minorit\u00e4t, sondern der Mehrheit dient. Dass diese Minorit\u00e4t Arbeit nicht nur vernichtet, sondern \u00fcberdies f\u00fcr eine schleichende Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und f\u00fcr den Abbau des Sozialsystems in s\u00e4mtlichen L\u00e4ndern Europas verantwortlich ist, davon habe ich in schon in meinem Essay \u201eDas Unternehmen und die Internationale der Gl\u00e4ubiger\u201c gesprochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bertrand Russell hat einmal gesagt, dass der Sinn des Lebens f\u00fcr ihn in der Erkenntnis, in der Liebe und in dem Mitleid mit den Benachteiligten liege. 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