{"id":233,"date":"2012-06-06T13:05:37","date_gmt":"2012-06-06T11:05:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=233"},"modified":"2017-03-04T09:53:39","modified_gmt":"2017-03-04T08:53:39","slug":"entweder-kapitalismus-oder-sozialismus-ein-politisches-spiel-mit-falschen-alternativen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/entweder-kapitalismus-oder-sozialismus-ein-politisches-spiel-mit-falschen-alternativen\/","title":{"rendered":"Entweder Kapitalismus oder Sozialismus \u2013 ein politisches Spiel mit falschen Alternativen"},"content":{"rendered":"<p>von Friedrich M\u00fcller-Rei\u00dfmann (Februar 2012)<\/p>\n<p><b>\u201e<\/b>NIEDER MIT DEM KAPITALISMUS. ES LEBE DER SOZIALISMUS\u201c stand auf dem Spruchband. \u201eNein\u201c, dachte ich, als ich das las, \u201eder Kapitalismus soll verschwinden und der Sozialismus bleiben, wo er ist: in unbelehrbaren K\u00f6pfen!\u201c<!--more--><\/p>\n<p>In den \u201egesellschaftswissenschaftlichen\u201c Seminaren, die ich seinerzeit als Student der Physik an der Universit\u00e4t Leipzig besuchen musste, wurde mir unabl\u00e4ssig eingeh\u00e4mmert, dass der \u201eHauptinhalt unserer Epoche\u201c im \u201e\u00dcbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus\u201c best\u00fcnde. Den Studenten der anderen Fachrichtungen ging es zu DDR- Zeiten nicht besser. &#8211; Nun, die Geschichte folgte nicht der marxistischen Geschichtsideologie. Indes, die Propagandam\u00fchlen haben nicht vergebens geklappert. Noch immer sehen viele keine andere Alternative zum Kapitalismus, wenn er doch eines Tages sein Ende findet, als den \u201eSozialismus\u201c.<\/p>\n<p>Wenn ich w\u00e4hlen m\u00fcsste, entweder auf einer Parkbank inmitten einer umtriebigen Weltstadt zu verenden oder in einem Gulag am Rand der Welt, w\u00fcrde ich die Parkbank vorziehen. Andererseits: Wenn ich die Wahl h\u00e4tte zwischen einer Welt ohne Elend und ohne Glamour und einer Welt mit Glamour und mit Elend, w\u00fcrde ich die Welt ohne Elend vorziehen und gern auf den Glamour verzichten. Doch gl\u00fccklicherweise stehe ich nicht vor solchen absurden Alternativen. Man k\u00f6nnte noch viele Wahlsituationen dieser unsinnigen Art konstruieren. Sie sind nicht unsinniger als die gel\u00e4ufige Gegen\u00fcberstellung von \u201eKapitalismus\u201c und \u201eSozialismus\u201c. Doch hier scheint marxistische wie antimarxistische Propaganda den Verstand bei vielen derart vernebelt zu haben, dass sie nicht aus diesem Entweder-oder-Klischee herausfinden.<\/p>\n<p>Wir haben hier ein Musterbeispiel f\u00fcr das beliebte Verwirrungsspiel mit \u201efalschen Alternativen\u201c. Sie geh\u00f6ren zu den wirkungsvollsten Methoden der politischen Irref\u00fchrung. Warum um alles in der Welt muss ich den Sozialismus lieben und anstreben, wenn ich den Kapitalismus hasse und zu \u00fcberwinden trachte?! Und warum darf ich den Kapitalismus nicht antasten, wenn ich den Sozialismus verabscheue?! Wieso \u201ekommt\u201c nach dem Kapitalismus der Sozialismus?? Wieso muss ich mir die marxistische Mythologie von einer festen historischen Abfolge vorgegebener \u201eGesellschaftsordnungen\u201c zueigen machen, anstatt mir selbst das Leitbild einer w\u00fcnschenswerten Zukunft zu entwerfen und daf\u00fcr einzutreten? Wie kann man nur meinen, neben dem \u201eKapitalismus\u201c g\u00e4be es nur den \u201eSozialismus\u201c und umgekehrt, sodass man jeden Kapitalismuskritiker der Sympathie mit dem Sozialismus verd\u00e4chtigen und jeden Sozialismuskritiker vor den Karren des Kapitalismus spannen darf? In den USA nehmen gegenw\u00e4rtig dieses Entweder-oder-Klischee und die darauf fu\u00dfenden Grabenkriege geradezu skurrile Formen an, indem selbst schon eine allgemeine Krankenversicherung als \u201eSocialism\u201c diffamiert wird. In der alten Sowjetunion war jeder, der auch nur einen Hauch von Kritik am System zu \u00e4u\u00dfern wagte, ein \u201eAgent des Klassenfeindes\u201c.<\/p>\n<p>Es gibt nicht den geringsten Grund, zu glauben, dass das Ende des Kapitalismus der Anfang vom Sozialismus sei. Das ist eine moderne Variante des Mythos vom Ungeheuer, das sich, wenn man ihm den Kopf abschl\u00e4gt, automatisch in ein neues Wesen verwandelt: in eine wohlt\u00e4tige, liebenswerte Idealgestalt sagen die einen, in ein noch viel schrecklicheres Ungeheuer, sagen die anderen. Ich behaupte, solange man an diesen Mythos glaubt, dient man der Zementierung des herrschenden kapitalistischen Systems, ganz egal, ob man meint, \u201enach dem Kapitalismus\u201c k\u00e4me bzw. \u201eneben dem Kapitalismus\u201c existiere nur eine gute, wunderbare Welt oder eine noch schrecklichere. Wer letzteres glaubt, ist von vornherein kein Reformer: Wer wird ernsthaft an der \u00dcberwindung des Kapitalismus arbeiten, wenn er bef\u00fcrchten muss, damit dem sich bisher wenig verlockend gezeigten Sozialismus in die H\u00e4nde zu spielen?<\/p>\n<p>Doch auch die, die zum Kampf gegen den Kapitalismus antreten und Bundesgenossen f\u00fcr diesen Kampf zu gewinnen hoffen, indem sie den Sozialismus schmackhaft zu machen versuchen, erweisen in Wahrheit der Kapitalismuskritik einen B\u00e4rendienst. Denn sie best\u00e4tigen und festigen damit jene Vorstellung, die dem Kapitalismus am allermeisten n\u00fctzt: die Vorstellung, dass es zu ihm nur die eine Alternative g\u00e4be: den (sich bisher wenig verlockend gezeigten) Sozialismus.<\/p>\n<p>Aus der Idee einer \u201eneuen Ordnung\u201c, jenem \u201eGespenst\u201c aus Karl Marx\u2019 \u201eKommunistischen Manifest\u201c, das im 19. Jahrhundert die herrschenden Kr\u00e4ften, die Ausbeuter und Unterdr\u00fccker das F\u00fcrchten lehrte, hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts einen Buhmann gemacht, mit dem man die Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten nach Bedarf schrecken und bei der Stange halten kann. Ja, der Sozialismus ist. gewisserma\u00dfen zum besten Verb\u00fcndeten des Kapitalismus geworden.<\/p>\n<p>Ich frage mich, warum heute gewissen Kapitalismuskritikern kein besseres Stichwort einf\u00e4llt als das des \u201eSozialismus\u201c. M\u00fcssen sie den herrschenden Kr\u00e4ften die Munition auch noch frei Haus liefern?? Sie machen sich unsinnigerweise zu Mitspielern im Betrugsspiel mit den \u201efalschen Alternativen\u201c. Wobei es nicht viel n\u00fctzt, wenn man mit der Hinzuf\u00fcgung wohlklingender Adjektive wie \u201edemokratisch\u201c oder \u201emenschlich\u201c den erstrebten Sozialismus von dem abzuheben versucht, was man in der Realit\u00e4t bisher von ihm gesehen hat. Die geschichtlichen Erfahrungen, die konkrete Menschen mit dem \u201eSozialismus\u201c gemacht haben, sind viel wirkungsm\u00e4chtiger als alle theoretischen Definitionen, Belehrungen, Klarstellungen, Absichtserkl\u00e4rungen. Die zusammen k\u00f6nnen nicht aus der Welt schaffen, dass sich f\u00fcr lange Zeit mit dem Wort \u201eSozialismus\u201c Vorstellungen von Mauer und Grenzkontrollen, Stasi, kleinkarierter Funktion\u00e4rsmentalit\u00e4t, geistiger G\u00e4ngelung, ineffizienter Planwirtschaft und Schlimmerem verbinden. So leicht lassen sich die real erlebten Schrecken dieser Realit\u00e4t nicht vergessen machen. Diese Kapitalismuskritiker tragen daher Wasser auf die M\u00fchlen des kapitalistischen Systems, dem nach dem Desaster des \u201eSozialismus\u201c nichts so n\u00fctzlich ist wie das Entweder-oder-Klischee: dass Kapitalismuskritik der sicherste Weg (wieder) zum Sozialismus sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn ich mich nicht irre, so steckt f\u00fcr alle, die die weltweiten Verheerungen durch den Kapitalismus mit wachsendem Zorn erleben, hinter der \u201euns\u00e4glich\u201c entt\u00e4uschenden Bemerkung von Joachim Gauck, unserem wahrscheinlich n\u00e4chsten Pr\u00e4sidenten, zur Occupy-Bewegung\u201c auch das Entweder-oder-Klischee. Wie ist sonst zu erkl\u00e4ren, dass aus einer kritischen Verteidigung von Freiheit gegen die Vorherrschaft des Staates \u00fcber das Leben eine unkritische Verherrlichung von Freiheit wird, die blind ist gegen\u00fcber der Vorherrschaft des Geldes und des \u201eGeldmachens\u201c \u00fcber das Leben? Ist es so schwer zu begreifen, dass die Freiheit des B\u00fcrgers von staatlicher Willk\u00fcr, Bevormundung und Bespitzelung die eine Sache ist und die Freiheit einer Minderheit zur Bereicherung auf Kosten der Mehrheit und gegen die gesellschaftlichen Interessen eine v\u00f6llig andere? Freiheit ist nicht immer und unter allen Umst\u00e4nden das, was die Menschen frei macht. \u201eZwischen den Starken und den Schwachen ist es die Freiheit, die unterdr\u00fcckt, und das Gesetz, das befreit\u201c (J.J. Rousseau).<\/p>\n<p>Das Entweder-oder-Klischee blockiert den Zugang zur eigentlichen Aufgabe in allen Lebenssituationen: die L\u00f6sung des Mehr-oder-weniger-Problems. Denn es gibt kaum einen Wert, der nicht durch sein \u00dcberma\u00df zum Unwert wird. Und es gibt kaum einen Wert, den man ungestraft ganz und gar vernachl\u00e4ssigen darf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c war die Parole der Franz\u00f6sischen Revolution. Soll ich heute zwischen zwei Gesellschaftsmodellen w\u00e4hlen, die beide gemessen an der Trias der Franz\u00f6sischen Revolution mangelhaft sind? Die eine verwirklicht ein Zerrbild von Freiheit und vergisst Br\u00fcderlichkeit und Gleichheit, die andere verwirklicht ein Zerrbild von Gleichheit und vergisst Br\u00fcderlichkeit und Freiheit. Selbst die ganze Trias der Franz\u00f6sischen Revolution ist als Leitparole und Wertekanon unvollst\u00e4ndig und weist eklatante Defizite auf. Es fehlen vor allem die elementaren Wertedimensionen SICHERHEIT und EFFIZIENZ. Was ist z.B. die Gesellschaft der Gleichheit wert, in der alle auf gleiche Weise vor staatlicher Willk\u00fcr nicht sicher sind, sowie alle auf die gleiche Weise an der Entfaltung ihre Kreativit\u00e4t gehindert und von bornierten B\u00fcrokraten geg\u00e4ngelt werden? Und was ist eine Gesellschaft der Freiheit wert, die die Schw\u00e4cheren schutzlos der Freiheit der St\u00e4rkeren aussetzt und die Freiheit auch die Freiheit zur sinnlosen Verschwendung knapper Ressourcen einschlie\u00dft?<\/p>\n<p>Der \u201eSozialismus\u201c als Alternative zum \u201eKapitalismus\u201c ist kl\u00e4glich gescheitert. Das ist eine offenkundige Tatsache. Dar\u00fcber muss man nicht streiten. Wieso das ein Argument <b>f\u00fcr<\/b> den \u201eKapitalismus\u201c sein soll, wird mir immer r\u00e4tselhaft sein. Es ist lediglich ein Argument <b>gegen<\/b> den \u201eSozialismus\u201c. Wenn die Therapie eines kranken Systems scheitert, wird doch dadurch das System nicht gesund.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, unsere Gesellschaft wird dieser historischen Aufgabe nicht gerecht werden. Den kritischen Reformkr\u00e4ften stehen zu viele unkritische Kr\u00e4fte der Tr\u00e4gheit und Selbstgef\u00e4lligkeit gegen\u00fcber. Da ist einmal die leider gro\u00dfe Menge derer, die keine Meinung haben und sich f\u00fcr Zukunftsfragen nicht interessieren. Da sind zum anderen diejenigen, die die Entwicklung grunds\u00e4tzlich nicht f\u00fcr steuerbar und gesellschaftliche Strukturen nicht f\u00fcr verbesserbar halten. Und da sind ferner diejenigen, die das herrschende System f\u00fcr das beste aller m\u00f6glichen Systeme und von daher eine Therapie f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig, ja abwegig halten. Und schlie\u00dflich sind da noch die, die die Suche nach einer Therapie f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig halten weil sie schon die beste aller m\u00f6glichen Therapien gefunden zu haben meinen. F\u00fcr sie besteht das \u00dcbel darin, dass die Gesellschaft die Therapie verschm\u00e4ht, obwohl &#8211; und darin haben sie ja durchaus recht \u2013 die Krankheit immer offensichtlicher wird. Es ist kaum noch zu bestreiten: der gegenw\u00e4rtige Kapitalismus entfesselt und heizt einen privaten Egoismus an, der im wahrsten Sinne des Wortes \u00fcber Leichen geht, das Zusammenleben der Menschen vergiftet und die nat\u00fcrlichen, kulturellen und sozialen Lebensgrundlagen der Menschheit in Gefahr bringt. Die Verbrechen und die Zerst\u00f6rungskraft des kapitalistischen Systems nehmen lokal und global immer mehr zu. Also lasst es uns noch einmal mit dem Sozialismus versuchen, ehe es zu sp\u00e4t ist! Doch so wenig wie ein krankes System durch das Scheitern einer Therapie gesund wird, wird eine verheerende Therapie dadurch zu einer guten, dass die Krankheit offensichtlicher wird. Was allein richtig ist: Wenn die Krankheit immer offensichtlicher ist, wird die Suche nach einer geeigneten Therapie zum Gebot der Stunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Friedrich M\u00fcller-Rei\u00dfmann (Februar 2012) \u201eNIEDER MIT DEM KAPITALISMUS. ES LEBE DER SOZIALISMUS\u201c stand auf dem Spruchband. \u201eNein\u201c, dachte ich, als ich das las, \u201eder Kapitalismus soll verschwinden und der Sozialismus bleiben, wo er ist: in unbelehrbaren K\u00f6pfen!\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,23,31],"tags":[212,246],"class_list":["post-233","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-politik-demokratie","category-wirtschaftstheorie","tag-friedrich-mueller-reissmann","tag-jean-jacques-rousseau"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=233"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/233\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}