{"id":228,"date":"2012-05-05T12:54:19","date_gmt":"2012-05-05T10:54:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=228"},"modified":"2019-05-18T10:27:18","modified_gmt":"2019-05-18T08:27:18","slug":"die-zukunft-der-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/die-zukunft-der-demokratie\/","title":{"rendered":"Die Zukunft der Demokratie"},"content":{"rendered":"<h3><b>Brauchen wir eine <i>Andere Welt<\/i>?<\/b><\/h3>\n<p>Gedanken \u00fcber die Zukunft der Demokratie<!--more--><\/p>\n<p>Den Einzelnen gibt es \u2013 geschichtlich gesehen \u2013 nicht lange. Statt seiner gab es den gehorsamen Untertan, der gesichtslos im Kollektiv verschwindet. Erst die Demokratie war der Zauberstab, der den gesichtslosen Einzelne aus seinem Jahrtausende w\u00e4hrenden Schlummer erl\u00f6ste. Demokratie beruht auf der Achtung verschiedener mit einander im Wettstreit befindlicher Meinungen. Demokratie <i>setzt Verschiedenheit und Wettbewerb voraus<\/i> \u2013 den Wettbewerb um die jeweils besten L\u00f6sungen im Sinne des Gemeinwohls.<\/p>\n<h3><b>Friedliche Ameisenstaaten<\/b><\/h3>\n<p>Mit anderen Worten: Demokratie ist ein sch\u00f6nes Ideal, das in der Praxis aus einem unsch\u00f6nen Konzert ewig streitender Kampfh\u00e4hne besteht. Bekanntlich ist die Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen &#8211; sieht man einmal von den \u00fcbrigen ab. Keineswegs muss man in ihr die beste Verfassung im Sinne des Gemeinwohls sehen. Denn es sind historisch F\u00e4lle bezeugt, wo autokratische Herrschaften Einzelner oder einer Oligarchie zum Vorteil des Kollektivs t\u00e4tig waren. Die weitgehend auf alle <i>pers\u00f6nliche<\/i> Machtentfaltung verzichtende Herrschaft der venezianischen Dogen liefert daf\u00fcr das vielleicht eindrucksvollste geschichtliche Beispiel. Und wir brauchen auch nicht daran zu zweifeln, dass in Ameisen- und Bienenstaaten das Gemeinwohl auf ideale Weise gepflegt und verwirklicht wird. Das ist schon deshalb der Fall, weil die Unterordnung und Einbettung aller Einzelnen in das Ganze hier bis zu ihrer biologischen Reduktion auf bestimmte Funktionen perfektioniert worden ist. Eine Arbeiterin im Ameisenstaat kann niemals K\u00f6nigin werden \u2013 das ist schon biologisch unm\u00f6glich. In dieser Gesellschaft gibt es daher kein Streiten, kein Gerangel, kein Intrigieren um Macht, Einfluss und gr\u00f6\u00dferen Besitz. Jeder f\u00fcllt den ihm seit seiner Geburt zugewiesenen Platz aus. Der indische Kastenstaat hat versucht, die fehlende biologische Differenzierung der Menschen in kulturelle Absonderungen zu \u00fcbersetzen und abzubilden. Das ist mit gr\u00f6\u00dftem Erfolg gelungen. Das Kastensystem des indischen Subkontinents hat sich als eine der langlebigsten menschlichen Ordnungen erwiesen \u2013 sein Einfluss reichte so tief, dass es sogar auf christliche und islamische Gemeinschaften auf dem Subkontinent \u00fcbergriff!<\/p>\n<p>Es ist also keineswegs ein Vorrecht der Demokratie, eine stabile Gesellschaft hervorzubringen. Aus geschichtlicher Perspektive haben sich Ameisenstaaten und menschliche Ordnungen, die ihnen nahe kommen, als weit stabiler erwiesen. Wenn die mehr als tausendj\u00e4hrige Stabilit\u00e4t des indischen Kastensystems ein Beweis f\u00fcr Effizienz im Sinne des Gemeinwohls ist, dann muss man ihnen auch in dieser Hinsicht einen sehr hohen Rang zuerkennen. Damit verglichen ist die Demokratie des alten Griechenland nicht mehr als eine politische Eintagsfliege gewesen. Sie ist vor allem an sich selbst gescheitert: ihren inneren Parteik\u00e4mpfen und fortw\u00e4hrenden Zwistigkeiten. Welchen Weg und welche Entwicklung die erst zweihundertj\u00e4hrige Demokratie der westlichen Staaten einschlagen wird, ist vorerst noch v\u00f6llig offen.<\/p>\n<h3><b>Selbstverwirklichung oder Tod durch Erstickung?<\/b><\/h3>\n<p>Dennoch k\u00f6nnen wir eines mit Bestimmtheit behaupten. Wo immer Demokratien entstanden, haben sie ein unvergleichliches Feuerwerk des Geistes, der Kunst, des K\u00f6nnens auf allen Gebieten menschlicher Schaffenskraft entfacht. Der Gegensatz zwischen dem entfesselten Geist Athens und dem Tod des Geistes durch Erstickung in der autokratischen Ordnung Spartas k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. In Athen konnte jeder freie B\u00fcrger mit Talent und K\u00f6nnen zum eigenen und zum Wohl des Ganzen beitragen. Es herrschte st\u00e4ndiger Wettbewerb um die gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit, den gr\u00f6\u00dferen Applaus. Der Philosoph musste best\u00e4ndig neue Gedanken, der Dichter neue Theaterst\u00fccke, der Politiker neue Ideen beisteuern. Wer hinter den anderen zur\u00fcckblieb, musste mit Spott und H\u00e4me rechnen. Dieser kleine Stadtstaat produzierte in wenigen Jahrzehnten mehr Gedanken, k\u00fchne Geistesentw\u00fcrfe und bis in die Gegenwart nachwirkende Werke der Dichtung als die gro\u00dfen Reiche der Perser oder \u00c4gypter in vielen Jahrhunderten \u2013 ganz zu schweigen von der kulturellen Totenstille, die in weniger als zweihundert Kilometern Entfernung in Sparta herrschte.<\/p>\n<p>In Athen war jeder freie Mann davon besessen, dem eigenen Ruf und Ruhm zu dienen &#8211; wenn sich daraus auch ein Vorteil f\u00fcr das Gemeinwohl ergab, umso besser. In Sparta hingegen ging es ausschlie\u00dflich um das Gemeinwohl. Sparta war ein Ameisenstaat, wo jeder den ihm von der Gemeinschaft zugewiesenen Platz auszuf\u00fcllen hatte, wenn es sein musste bis hin zur Selbstaufopferung f\u00fcr das Ganze. F\u00fcr die selbsts\u00fcchtige Entfaltung von Geist und K\u00f6nnen war in Sparta kein Platz. Man muss sich diesen Staat etwa so wie das heutige Nordkorea vorstellen. Der Einzelne verschwindet v\u00f6llig hinter dem Kollektiv. Alle politischen Verlautbarungen triefen von Moral und Aufrufen zur Selbstaufopferung im Sinne des gro\u00dfen Ganzen.<\/p>\n<p>In Sparta galt der Einzelne nichts, das Kollektiv war alles. In Athen war es umgekehrt: Man bewunderte den Einzelnen umso mehr, je unverkennbarer er als Einzelner in Erscheinung und aus dem Kollektiv mit unverwechselbarer Stimme und Physiognomie vor die anderen trat \u2013 mit anderen Worten sich als Einzelner <i>verwirklichte<\/i>, wie wir es heute nennen w\u00fcrden. Es verstand sich von selbst, dass diese Verwirklichung kein abstrakter auf die Person beschr\u00e4nkter Prozess war, sondern sich auf die Dinge erstreckte, also die \u00f6konomische Freiheit des G\u00fcter- und Reichtumerwerbs umschloss. Durch gr\u00f6\u00dferes Wissen, gr\u00f6\u00dfere Zielstrebigkeit oder einfach die gr\u00f6\u00dfere R\u00fccksichtslosigkeit durfte er auch seinen materiellen Wohlstand vermehren. Demokratie und Verf\u00fcgung \u00fcber pers\u00f6nliches Eigentum sind unl\u00f6sbar miteinander verbunden. Der Einzelne verwirklicht sich, indem er geistig und materiell mit den anderen Gliedern der Gesellschaft in Wettbewerb tritt.<\/p>\n<h3><b>Demokratien sind bedroht: Sie bergen den Keim der Selbstzerst\u00f6rung<\/b><\/h3>\n<p>Und genau daraus entstehen jene elementaren Konflikte, welche die demokratische Eigentumsgesellschaft \u2013 die Gesellschaft der <i>individuellen Selbstverwirklichung<\/i> \u2013 von Anfang an heimgesucht haben und sie immer wieder von innen zerst\u00f6rten. Denn der Wettbewerb ist zwar die geschichtlich m\u00e4chtigste Kraft, um alle nat\u00fcrlichen Anlagen des Menschen zur h\u00f6chsten Entfaltung zu bringen, aber er hat sich immer auch als gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr das Gemeinwohl erwiesen. Nicht ungestraft erlaubt man dem Einzelnen die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Entfaltung. Da diese regelm\u00e4\u00dfig auch die maximale Mobilisierung der <i>Eigensucht<\/i> nach sich zieht, f\u00fchrt sie zur Aufl\u00f6sung der Gemeinschaft und zum Ruin des Gemeinwohls. Die demokratische Eigentumsgesellschaft \u2013 das erfolgreichste Modell zur Entfaltung der Individuen \u2013zersprengt dann das eigene Fundament.<\/p>\n<h3><b>Das reaktion\u00e4re Gegenideal<\/b><\/h3>\n<p>So erkl\u00e4rt sich, dass in diesem Milieu der geistigen Efferveszenz: des best\u00e4ndigen Brodelns kreativer Ideen, k\u00fchner Utopien und konkurrierender Weltentw\u00fcrfe auch immer wieder das radikale Gegenideal die Geister in seinen Bann zieht: die <i>ein f\u00fcr alle Mal ruhig gestellte<\/i> Gesellschaft, wo es keinen Streit, keinen Wettbewerb und damit auch keine Vielfalt gibt. Mit anderen Worten, das Ideal der <i>Re-Aktion<\/i>. Es ist kein Zufall, dass dieses Ideal mit der Demokratie zugleich auf die Welt gelangt. Es ist gewisserma\u00dfen der Schatten, der sie seit ihrer Geburt begleitet. Denn der Urtyp dieser weltanschaulichen Selbstverleugnung, die sich aus geistiger Helle und der Unruhe des Geistes nach der Friedhofsstille einer <i>ewigen Ordnung <\/i>sehnt, einer Ordnung, wo man die Vielfalt der Meinungen und Individuen von oben gewaltsam unterdr\u00fcckt, weil die einmal gefundene ewige Wahrheit sie als \u00fcberfl\u00fcssig und st\u00f6rend verwirft; dieser Urtyp der Re-Aktion tritt uns im geistig brodelnden Athen selbst entgegen, n\u00e4mlich in Gestalt des gro\u00dfen Plato, des \u00dcbervaters der abendl\u00e4ndischen Philosophie, der die eigene Schizophrenie allen sp\u00e4teren Zeitaltern vererbte.<\/p>\n<h3><b>Der verratene Sokrates<\/b><\/h3>\n<p>Nirgendwo in der Geschichte des menschlichen Geistes hat sich geistige Schizophrenie auf gleich krasse Weise manifestiert. Einerseits hat Plato Sokrates zu einem Helden der Geschichte und einem leuchtenden Vorbild verkl\u00e4rt: Sokrates, ein Mann, den man im zeitgen\u00f6ssischen Sparta ebenso wie im heutigen Nordkorea, kaum dass er den Mund auch nur \u00f6ffnet, von Staats wegen ermorden w\u00fcrde. In der ehemaligen DDR oder in Festlandchina h\u00e4tte man ihn zumindest ausgewiesen, eher aber wohl einfach verschwinden lassen. Denn Sokrates verk\u00f6rpert den freien Menschen, der sich durch nichts und niemanden von sich selbst und den eigenen \u00dcberzeugungen abbringen l\u00e4sst. Sokrates repr\u00e4sentiert das m\u00fcndige Individuum, das sich selbstbewusst dem Ganzen entgegenstellt. Es ist wahr, Sokrates hatte dabei immer das Gemeinwohl im Auge, nicht den pers\u00f6nlichen Vorteil, aber die blo\u00dfe Tatsache, dass ein Individuum hier die Wahrheit <i>nur in sich selber sucht<\/i> statt die Tradition und die Weisheit der Alten zur obersten Instanz f\u00fcr Wahrheit und Recht anzuerkennen, macht ihn zu einem archetypischen Repr\u00e4sentanten der athenischen Demokratie. Auch wenn dieser Mann das Gemeinwohl predigt, ist er doch die Inkarnation des selbstverwirklichten Menschen, wie sie damals nur in Athen m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Doch Plato hat nicht nur diesen, er hat noch einen zweiten Sokrates geschaffen. Plato hat die Freiheit Athens und damit auch Sokrates selbst posthum verraten. Er hat Sokrates zum F\u00fcrsprecher der spartanischen Diktatur gemacht. Im <i>Staat<\/i> l\u00e4sst Plato den neuen Sokrates vom Individualisten zu einem Kollektivisten mutieren. Er macht aus ihm einen Mann, der in Platos Staat keinen Platz haben w\u00fcrde, ja, in dem man ihn keinen Tag h\u00e4tte leben lassen. Der Staat Platos schafft n\u00e4mlich die Individuen und die Vielfalt der Meinungen ab. Er beseitigt den Wettbewerb und das misst\u00f6nige Konzert der konkurrierenden Wahrheiten. Dieser Staat sorgt mit eiserner Hand f\u00fcr Ordnung, aber um welchen Preis! Plato ermuntert die W\u00e4chter des Staates \u2013 d.h. die mehr oder weniger Geheime Staatspolizei \u2013 ausdr\u00fccklich zur L\u00fcge, um die Bev\u00f6lkerung ideologisch in Schach zu halten. Dieser radikal verf\u00e4lschte Sokrates, mit dem Plato im <i>Staat<\/i> das Andenken des realen Sokrates nachtr\u00e4glich verf\u00e4lscht und entweiht, predigt L\u00fcge, Gewalt und Gleichschaltung im Sinne einer vermeintlich ewigen Ordnung. Plato, selbst Kind und Gesch\u00f6pf einer freien Gesellschaft, <i>wird im Alter von einer wachsenden Angst vor der Freiheit beherrscht<\/i>. Der sp\u00e4te Plato wird zum Verr\u00e4ter an den Idealen des historischen Sokrates und des athenischen Staats.<\/p>\n<h3><b>Verrat aus edlen Motiven<\/b><\/h3>\n<p>Warum spreche ich \u00fcber einen Verrat, der mehr als zweitausend Jahre zur\u00fcckliegt? Weil Demokratien immer aufs Neue und immer nach gleichem Muster von solchem Verrat heimgesucht werden. Gerade weil Demokratien neben den Zwecken des Gemeinwohls auch den Individuen die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Entfaltung gew\u00e4hren, sind sie von innerem Zerfall bedroht und bringen die Verr\u00e4ter an ihren Idealen hervor. Im besten Fall ist es <i>ein Verrat aus edlen Motiven<\/i>. Karl Marx hatte die Selbstverwirklichung jener fr\u00fchen Kapitalisten vor Augen, die ihr Eigentum an Geld und G\u00fctern auf Kosten ihrer Mitmenschen so r\u00fccksichtslos vermehrten, dass im England der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts eine Menschenschinderei m\u00f6glich wurde, wie sie selbst in Feudaldiktaturen selten so extreme Ausw\u00fcchse erreichte. Marx war ein Moralist, der die Freiheit des Eigentums f\u00fcr das Elend verantwortlich machte, so wie Plato die Ursache f\u00fcr den politischen Zerfall in der Vielfalt konkurrierender Wahrheiten sah. Es ist kein Zufall, dass beide auf eine gleich radikale L\u00f6sung verfielen. F\u00fcr Plato sollte und durfte es nur noch <i>eine einzige Wahrheit<\/i> geben, welche die W\u00e4chter den Staatsb\u00fcrgern mit Gewalt aufzwingen. F\u00fcr Marx durfte es nur noch einen <i>einzigen Verf\u00fcger \u00fcber alles Eigentum<\/i> geben, den Staat, der mit Gewalt dessen private Aneignung verhindert. Beide Male erleben wir eine Re-Aktion gegen das Individuum und seine jeweils eigene Verwirklichung in Politik und \u00d6konomie. Beide Male wird diese Re-Aktion im Namen des Gemeinwohls und Kollektivs vorgenommen. Man kann auch sagen, dass in beiden F\u00e4llen Zeit und Entwicklung abgestellt werden, zugunsten der Vision einer <i>ewig und unver\u00e4nderlich g\u00fcltigen sozialen Ordnung und Wahrheit<\/i>.<\/p>\n<h3><b>Der antidemokratische Stillstand<\/b><\/h3>\n<p>Wo immer Plato, Marx oder ihre Gefolgschaft die antidemokratische Vision zu realisieren vermochten, sorgten sie f\u00fcr einen Stillstand der Zeit. In der historischen Realit\u00e4t ist das indische Kastensystem der Vision Platos wohl n\u00e4her gekommen als jedes andere Gesellschaftsmodell. Es besteht sogar eine oberfl\u00e4chliche Analogie zwischen den sozialen Klassen von N\u00e4hr-, Wehr- und Lehrstand im platonischen Staat und den drei indischen Hauptkasten der Shudras, Kshatriyas und Brahmanen. Das indische System hat sich keineswegs als schlecht f\u00fcr das Gemeinwohl erwiesen. Es hat \u2013 allen ausl\u00e4ndischen \u00dcberf\u00e4llen zum Trotz \u2013 der indischen Gesellschaft eine Stabilit\u00e4t und Widerstandskraft verliehen, wie sie wenig andere soziale Ordnungen besitzen. Und es hat in Indien bis an die Schwelle der Neuzeit zu einer der sch\u00f6nsten und umfassendsten Symbiosen mit der nat\u00fcrlichen Umwelt gef\u00fchrt. Nur eines hat dieses System systematisch verhindert: die freie Entfaltung der Individuen, ihre Selbstverwirklichung durch individuelles Wissen und K\u00f6nnen. Denn der Lebensweg jedes Einzelnen war durch die Geburt festgelegt. Kein K\u00f6nnen, kein Wissen, keine Intelligenz f\u00fchrte ihn aus diesem Gef\u00e4ngnis hinaus. Man kam als K\u00f6nig ebenso wie als Unber\u00fchrbarer auf die Welt. Den einzigen Ausweg aus dieser un\u00fcberwindlichen sozialen Determination bot das Leben als kastenloser Asket, der allen weltlichen Zielen entsagt.<\/p>\n<h3><b>Die antidemokratische Opferung der Individuen<\/b><\/h3>\n<p>Im real existierenden Sozialismus gab es keine drei Hauptklassen oder Kasten. Es blieben nur zwei Schichten \u00fcbrig: die Nomenklatur und das gleichgeschaltete Volk. In romantischen Augenblicken hat Marx von der Freiheit geschw\u00e4rmt, die dem Einzelnen im Kommunismus angeblich erlaube, des Morgens auf Fischfang zu gehen und nachmittags ein kritischer Kritiker zu sein. Doch Marx mochte sich noch so sehr darum bem\u00fchen, die Gleichschaltung der Einzelnen in einer klassenlosen Gesellschaft mit Verhei\u00dfungen zu entsch\u00e4rfen, die \u201ejedem [ein materielles Leben] nach seinen Bed\u00fcrfnissen\u201c versprachen &#8211; die Realit\u00e4t sah zwangsl\u00e4ufig anders aus. Vielfalt l\u00e4sst sich nur mit Zwang und Gewalt unterbinden. Eine unnachsichtige Diktatur (des Proletariats) sorgte in Gestalt des Politb\u00fcros f\u00fcr die geforderte Gleichschaltung. Plato und Marx stellten der freien Gesellschaft eine Zwangsordnung entgegen, in denen eine Oligarchie alle und die gleichgeschaltete Masse keine Freiheit besitzt. Gewiss ist das eine Gesellschaft, wo uns nicht die Misst\u00f6ne ewig widerstreitender Meinungen irritieren \u2013 es herrscht Ruhe. Aber was f\u00fcr eine: die Friedhofsruhe.<\/p>\n<h3><b>Nur Freiheit erlaubt den Verrat an der Freiheit<\/b><\/h3>\n<p>Wenn wir es nicht ohnehin ahnen w\u00fcrden, so beweisen es Plato und Marx: Es z\u00e4hlt zu den Vorrechten der Demokratie, ihre eigenen Feinde hervorzubringen. In Sparta gab es keinen Marx und keinen Plato, ebenso wenig konnten und k\u00f6nnen diese in der DDR, in Sowjetrussland oder im gegenw\u00e4rtigen China entstehen, und zwar aus einem ganz einfachen Grund. In diesen Staaten glaubte oder glaubt man, die ewig g\u00fcltige Wahrheit oder Sozialordnung <i>bereits gefunden<\/i> zu haben. Propheten mit abweichenden Meinungen gelten daher zwangsl\u00e4ufig als ausrottungsw\u00fcrdige Abtr\u00fcnnige oder Ketzer. Der Verrat an der Freiheit ist nur in Staaten m\u00f6glich, wo es Freiheit schon gibt: die Freiheit des Individuums, die Vielfalt der Meinungen, den offen ausgetragenen Streit der \u00dcberzeugungen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur, dass Demokratien immer wieder die Rebellion gegen die Freiheit in ihrem Innern erzeugen. Es liegt darin leider eine Art von historischer Zwangsl\u00e4ufigkeit. Marx hatte ja recht mit seinen aufr\u00fcttelnden Anklagen gegen Kinderarbeit und Ausbeutung, und Plato hatte gleichfalls recht, wenn er im Hass der streitenden Parteien die Ursache f\u00fcr den Niedergang seines Landes sah. Und blicken wir auf unsere Zeit, so bietet sich ein \u00e4hnliches Spektakel. Die USA als \u00e4lteste Demokratie der Welt sind gerade im Begriff, sich am Parteienhass zu verschlei\u00dfen. Denn Demokraten und Republikaner sind unf\u00e4hig zum Dialog. Das Wohl des Landes tritt hinter dem der eigenen Gruppe, der eigenen Clique und nicht selten auch ganz elementar hinter dem der eigenen Bereicherung zur\u00fcck. Es zeigt sich, was wir schon von der griechischen Demokratie wissen: Unter allen Regierungsformen ist sie die am wenigsten stabilste, weil sie zwei Zwecke zugleich anstrebt: <i>das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Gemeinwohl und die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Entfaltung der Einzelnen<\/i>. Nur wenn und nur solange sich diese beiden Ziele im Gleichgewicht miteinander befinden, ist diese Gesellschaftsordnung \u00f6konomisch und politisch jeder anderen weit \u00fcberlegen. In diesen gl\u00fccklichen Momenten ist sie es aus einem offensichtlichen Grund: Nur dieses System bringt es fertig, die Gesamtintelligenz dadurch zu potenzieren, <i>dass sie alle Einzelintelligenzen f\u00fcr ihre Zwecke benutzt<\/i>. Ameisenstaaten platonischer oder marxistischer Pr\u00e4gung sind einem solchen Modell notwendig unterlegen; in ihnen kommt nur die Intelligenz einer Oligarchie zum Zuge. Die Bev\u00f6lkerungsmehrheit tritt als abgerichtetes Bataillon in Erscheinung, das die Befehle des Politb\u00fcros ohne Widerspruch zu exekutieren hat.<\/p>\n<h3><b>Wenn Demokratie an Parteienhass und \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Selbstbereicherung scheitert<\/b><\/h3>\n<p>Doch, wie gesagt, diese gewaltige \u00dcberlegenheit der demokratischen Ordnung gilt nur so lange, wie das Gemeinwohl den gleichen Rang neben der Entfaltung der Einzelnen und ihrer Interessen einnimmt. Sie gilt nicht mehr, wenn die pers\u00f6nlichen Interessen der konkurrierenden Einzelnen den Blick auf das Gemeinwohl verstellen. Ohne die n\u00f6tigen Sicherungen ist das eine unausweichliche Entwicklung. Denn es sind ja stets einige Individuen intelligenter, tatkr\u00e4ftiger oder auch einfach r\u00fccksichtsloser als der Rest der Gesellschaft. Ihnen f\u00e4llt daher ein immer gr\u00f6\u00dferer Anteil materieller Ressourcen zu. Sobald das wirtschaftliche Wachstum erlahmt oder gar r\u00fcckl\u00e4ufig ist, agieren sie auf einmal <i>gegen das Gemeinwohl<\/i>, da sie ihren Reichtum <i>auf Kosten<\/i> der eigenen Mitb\u00fcrger vermehren. Die Brisanz ihres Verhaltens wird zus\u00e4tzlich dadurch gesteigert, dass die im Wettbewerb am st\u00e4rksten beg\u00fcnstigten Spieler begreiflicherweise bestrebt sind, ihre Vorteile auf Dauer zu sichern, damit sie nach M\u00f6glichkeit auch ihren Kindern und Enkeln zugute kommen. Dazu aber haben sie nun auch die erforderliche \u00f6konomische und politische Macht. Unter dem l\u00fcgenhaften Deckmantel der F\u00f6rderung des Gemeinwohls hat der Neoliberalismus die Regeln von Wirtschaft und Politik zu Gunsten der ohnehin schon Privilegierten und zum eindeutigen Nachteil des Gemeinwohls korrumpiert.<\/p>\n<h3><b>Wir brauchen eine andere Welt!<\/b><\/h3>\n<p>Demokratien w\u00e4ren wohl un\u00fcberwindbar, wenn ihre Feinde nur von au\u00dfen k\u00e4men. Doch sie kommen vornehmlich von innen, n\u00e4mlich von ihren <i>ideologischen<\/i> Feinden, die sich der Freiheit bedienen, um Freiheit abzuschaffen, und von ihren <i>praktischen<\/i> Feinden, die das Gemeinwohl opfern, um nur noch ihren eigenen Interessen zu dienen. Die gr\u00f6\u00dfere Gefahr geht im Augenblick eindeutig von den letzteren aus. Je mehr Macht die politisch wie \u00f6konomisch herrschenden Schichten bereits besitzen, desto leichter f\u00e4llt ihnen die Umpolung der echten demokratischen Selbstbestimmung in ein System, das immer weniger dem Gemeinwohl und immer mehr ihren eigenen Zwecken dient. Die Abgeordneten des US-Kongresses machen vor, wie diese Aush\u00f6hlung der Demokratie und ihre Verwandlung in eine Plutokratie funktioniert: Sie verabschieden Gesetze zugunsten von Unternehmen, <i>in denen sie selbst als Investoren fungieren<\/i> (Vgl. Guardian vom 25. 11. 2011, Naomi Wolf: The shocking truth about the crackdown on Occupy). Fast immer beenden diese \u201eVolksvertreter\u201c ihre T\u00e4tigkeit im Kongress als einfache oder vielfache Million\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brauchen wir eine Andere Welt? 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