{"id":205,"date":"2012-12-10T12:02:58","date_gmt":"2012-12-10T11:02:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=205"},"modified":"2022-11-16T10:00:17","modified_gmt":"2022-11-16T09:00:17","slug":"wirtschaft-ohne-wachstum-warum-das-gegenwaertige-wirtschaftssystem-eine-entwicklung-zur-nachhaltigkeit-ausschliesst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wirtschaft-ohne-wachstum-warum-das-gegenwaertige-wirtschaftssystem-eine-entwicklung-zur-nachhaltigkeit-ausschliesst\/","title":{"rendered":"Wirtschaft ohne Wachstum &#8211; warum das gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit ausschlie\u00dft"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #ff0000;\">Dieser Artikel wurde in \u201eEurokalypse Now? Es gibt einen Weg aus der Krise!\u201c leider fehlerhaft abgedruckt.<\/span><\/p>\n<p>Seit der <i>Club of Rome<\/i> 1972 zum ersten Mal die Folgen eines grenzenlosen Wachstums auf dramatische Weise beschwor, wurde weltweit das Bewusstsein f\u00fcr den Zusammenhang zwischen Wachstum und Naturvernichtung gesch\u00e4rft. Doch schon damals war vielen klar: Misstrauen, das man gegen das Wachstum sch\u00fcrt, muss auch den richtigen Gegner treffen. Wachstum an sich ist kein \u00dcbel.<!--more--> Jede Gesellschaft ist nur so lange lebendig, wie sie Phasen des Wachstums durchl\u00e4uft. Sie altert und schlittert in eine Phase des Siechtums, wenn jedes weitere Wachstum unm\u00f6glich ist. Es handelt sich also zun\u00e4chst einmal darum, <i>sch\u00e4dliches<\/i> Wachstum eindeutig von <i>positiven<\/i> Wachstumsverl\u00e4ufen zu unterscheiden. Als zerst\u00f6rerische Kraft f\u00fcr die Zukunft des Globus erweist sich allein jenes <i>quantitative<\/i> Wachstum, das im Wesentlichen aus einem st\u00e4ndig anschwellenden G\u00fcterumsatz besteht und dem daf\u00fcr erforderlichen Raubbau an nicht erneuerbaren Ressourcen. Alles Wachstum, das auf erneuerbaren Quellen beruht &#8211; und nat\u00fcrlich auch alles Wachstum, das in einer Steigerung menschlichen Wissens und K\u00f6nnens besteht &#8211; geh\u00f6rt dagegen zu den gr\u00f6\u00dften Errungenschaften einer jeden Gesellschaft.<\/p>\n<h3><b>Wissen ist schon jetzt in ausreichendem Ma\u00dfe vorhanden<\/b><\/h3>\n<p>Menschliches Wissen und K\u00f6nnen waren nie so hochgradig entwickelt wie in der heutigen Zeit. Das trifft auch auf unsere F\u00e4higkeit zu, die optimalen Bedingungen f\u00fcr den \u00dcbergang zu einem nachhaltigen Wirtschaften zu bestimmen. Die entsprechende Pionierarbeit hatte der US-amerikanische \u00d6konom Herman Daly in wegweisenden Schriften wie <i>Steady-State Economics<\/i> (1977) schon vor mehr als drei Jahrzehnten geleistet. Aus diesen Anf\u00e4ngen ist inzwischen nicht nur eine F\u00fclle kaum noch \u00fcberschaubarer Forschungen und Modelle f\u00fcr nachhaltiges Wirtschaften hervorgegangen, sondern es steht auch eine Vielzahl konkreter technischer Verfahren f\u00fcr nachhaltiges Wirtschaften bereit. L\u00e4ngst k\u00f6nnen f\u00fchrende Wissenschaftler der Politik und den W\u00e4hlern beweisen, dass auch ein Industriestaat wie Deutschland auf nicht erneuerbare (fossile und nukleare) Energielieferanten verzichten k\u00f6nnte, ohne wesentliche Abstriche an seinem bisherigen Wohlstand hinnehmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h3><b>Auch die k\u00fcnftigen Folgen unseres Nicht-Handelns sind uns bewusst<\/b><\/h3>\n<p>Es liegt also nicht an mangelndem Wissen und K\u00f6nnen, wenn der \u00dcbergang zur Nachhaltigkeit immer noch in weiter Ferne liegt. Es liegt auch nicht an fehlendem Bewusstsein im Hinblick auf unterlassenes oder versp\u00e4tetes Handeln. Das Menetekel von Klimakatastrophen, nuklearen Verseuchungen oder ganz allgemein eines f\u00fcr kommende Generationen nicht mehr bewohnbaren Planeten steht inzwischen allen drohend vor Augen. Von \u201ef\u00fcnf Minuten vor zw\u00f6lf\u201c ist dabei immer wieder die Rede \u2013 zuletzt Dezember 2012 auf der Klimakonferenz von Durban. Umso st\u00e4rker muss uns die Frage beunruhigen, warum sich vor einer echten Wende zur Nachhaltigkeit dennoch haushohe Barrieren auft\u00fcrmen? Warum denkt selbst in den reichsten Staaten der Welt keine Partei und keine Regierung in wirklichem Ernst daran, das Ruder herumzurei\u00dfen? Warum sieht \u2013 gerade jetzt in der Schuldenkrise &#8211; die ganze Welt die Rettung einzig im Wachstum, <i>obwohl es doch gerade der Wahn eines uneingeschr\u00e4nkten Wachstums ist, der uns mit apokalyptischen Gefahren bedroht<\/i>?<\/p>\n<h3><b>R\u00fccksichtslosigkeit verschafft Vorteile gegen\u00fcber verantwortungsvollem Verhalten<\/b><\/h3>\n<p>Eine nahe liegende Antwort ergibt sich aus dem <i>Konkurrenzverhalten der Staaten<\/i>. Es stimmt zwar, dass ein Staat, der seine Wirtschaft ganz auf erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit umstellt, seiner Bev\u00f6lkerung aller Voraussicht nach immer noch einen Lebensstandard zu bieten vermag, der nicht wesentlich hinter dem bisherigen zur\u00fccksteht, dennoch ist es zweifellos richtig, dass ein konkurrierender Staat, der zwar erneuerbare Energien zum Einsatz bringt, zur gleichen Zeit aber weiterhin die fossilen Lager ausbeutet, eine vergleichsweise kosteng\u00fcnstigere Produktion und damit eine h\u00f6here Wettbewerbsf\u00e4higkeit erzielt. Er wird seiner Bev\u00f6lkerung daher auch ein entsprechend gr\u00f6\u00dferes Lebensniveau bieten k\u00f6nnen. Es macht eben einen Unterschied, ob ich nur die Kraft der Sonne ausnutze, wie sie mir hier und jetzt zur Verf\u00fcgung steht, oder ob ich noch zus\u00e4tzlich ihre in Jahrmillionen gespeicherte Kraft aussch\u00f6pfe. <i>Anders gesagt, verschaffen diejenigen Staaten sich im Wettbewerb einen Vorteil, die ihren eigenen \u00dcbergang zu erneuerbaren Quellen verz\u00f6gern oder zumindest an einer parallelen Fossil- und Nuklearversorgung festhalten<\/i>.<\/p>\n<p>Die Angst im internationalen Wettbewerb zur\u00fcckzufallen, stellt daher eine gewaltige Barriere auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft dar. Diese Angst sitzt vor allem den Entwicklungsl\u00e4ndern im Nacken, die sich deswegen auch hartn\u00e4ckig gegen eine f\u00fcr sie unvorteilhafte Reduktion der fossilen und nuklearen Abh\u00e4ngigkeit str\u00e4uben. Einen solchen Schritt wollen sie erst dann vollziehen, wenn sie in ihrer Entwicklung auf Augenh\u00f6he mit den f\u00fchrenden Industriestaaten stehen. Mit anderen Worten, sie wollen keine Einschr\u00e4nkungen beim quantitativen Wachstum hinnehmen.<\/p>\n<h3><b>Die gr\u00f6\u00dfere Bedrohung geht vorl\u00e4ufig noch von den L\u00e4ndern des Nordens aus<\/b><\/h3>\n<p>Dennoch sollte man sich h\u00fcten, die Schuld vorrangig bei den Entwicklungsl\u00e4ndern zu suchen. In Wahrheit geht die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung von den L\u00e4ndern des Nordens aus, die mit ihrem G\u00fcterumsatz ebenso wie mit ihrer Umweltbelastung pro Kopf (\u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck) weit an der Spitze liegen. Gerade die fr\u00fchen Industrienationen halten am Imperativ des Wachstums wie an einem kollektiven Fetisch und Mantra fest. Das \u00f6kologische Bewusstsein k\u00e4mpft gegen diesen von offizieller Seite nie ernsthaft in Frage gestellten Imperativ wie gegen einen allgegenw\u00e4rtigen und \u00fcberm\u00e4chtigen Feind \u2013 und zieht dabei doch regelm\u00e4\u00dfig den K\u00fcrzeren. Es ist keinesfalls fehlendes Wissen \u00fcber die M\u00f6glichkeit und Machbarkeit einer nachhaltigen \u00d6konomie, es ist nicht einmal ein Mangel an gutem Willen. Denn immerhin ist ja festzustellen, dass der Aufruf zu einer \u00f6kologischen Wende inzwischen vom ganzen Spektrum der politischen Farben kommt. Nat\u00fcrlich vom gr\u00fcnen Lager, aber auch von linker und mittlerweile selbst von rechter Seite. Meinhard Miegel, ein dem rechten Lager verbundener Autor, hat ein aufr\u00fcttelndes Buch gegen den Wachstumswahn geschrieben!<\/p>\n<h3><b>Die sozialen Verh\u00e4ltnisse sind nicht danach<\/b><\/h3>\n<p>Wenn die \u00f6kologische Wende in aller Munde ist und von allen Seiten gefordert wird, woran fehlt es dann noch? Die Antwort f\u00e4llt eher ern\u00fcchternd aus. Es fehlt nicht an gutem Willen, <i>es fehlt an den politisch-sozialen Voraussetzungen<\/i>. Meinhard Miegel hat sich in seinem Buch <i>Exit<\/i> weitl\u00e4ufig \u00fcber den Wachstums<i>wahn<\/i> ausgelassen. Doch damit hat er zu kurz gegriffen. Ein Wahn l\u00e4sst sich durch Aufkl\u00e4rung beheben. Wir m\u00fcssen ihn nur als solchen erkennen, um unser Bewusstsein davon zu befreien. Doch so einfach ist es gerade nicht! Die f\u00fchrenden Industriestaaten der Welt leben mit etwas viel Schlimmerem: Sie leben mit einem Wachstums<i>zwang<\/i> \u2013 und ein Zwang l\u00e4sst sich eben nicht durch blo\u00dfe Aufkl\u00e4rung beseitigen. Mit einem Zwang wird man allein dadurch fertig, dass man die ihm <i>zugrunde liegenden Ursachen beseitigt<\/i>. Unser gegenw\u00e4rtiges Wirtschaftssystem verst\u00f6\u00dft gerade deswegen so radikal gegen alle Forderungen auf Nachhaltigkeit, weil es auf Wachstum wie auf einer lebenserhaltenden Droge beruht. Ohne Wachstum k\u00f6nnte es zwar nachhaltig werden, zun\u00e4chst aber bricht es bei einem Wachstumsstopp schlicht zusammen.<\/p>\n<p>Hier liegt mehr als nur das Dilemma unseres gegenw\u00e4rtigen Wirtschaftssystems, hier liegt \u2013 das sei mit allem Pathos ausgesprochen &#8211; eine existenzielle Trag\u00f6die, weil sie unser \u00dcberleben auf dem Planeten betrifft.<\/p>\n<h3><b>Die \u00f6kologische Wende \u2013 in erster Linie ein soziales Problem<\/b><\/h3>\n<p>Der \u00dcbergang zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem ist daher <i>erst an zweiter Stelle eine technische Aufgabe<\/i> &#8211; die technischen Fragen sind bereits heute weitgehend gel\u00f6st &#8211; er ist vor allem ein politisch-soziales Problem. Wir wissen, dass wir <i>mit<\/i> weiterem, den G\u00fcterumschlag st\u00e4ndig hinaufschraubendem Wachstum die Natur unheilbar zerst\u00f6ren, doch ebenso wissen wir, dass wir <i>ohne<\/i> ein derartiges Wachstum die Gesellschaft ins Chaos st\u00fcrzen. So lautet, auf die einfachste Formel gebracht, die Herausforderung, vor der wir uns heute befinden.<\/p>\n<p>Die Politik sieht sich daher vor eine Entscheidung zwischen zwei elementaren \u00dcbeln gestellt. Soll sie es zulassen, dass die Natur weiter gesch\u00e4digt wird \u2013 m\u00f6glicherweise bis zu einem Punkt \u201eof no return\u201c &#8211; oder soll sie, auf Wachstum verzichtend, einen Schaden am K\u00f6rper der Gesellschaft zulassen, der die Abl\u00f6sung der Regierung und dar\u00fcber hinaus m\u00f6glicherweise auch soziale Unruhen und Aufst\u00e4nde zur Folge hat? Die Antwort steht von vornherein fest, weil die Folgen durchaus nicht symmetrisch sind. Selbst wenn wir den extremen Fall annehmen, dass weite Teile des Globus bei weiterem Wachstum von global 3-4% j\u00e4hrlich nach sp\u00e4testens hundert Jahren unbewohnbar sein werden \u2013 manche Wissenschaftler halten diese Annahme f\u00fcr durchaus realistisch \u2013 so sind doch nicht jene Menschen davon betroffen, auf die eine f\u00fcr die kommenden f\u00fcnf Jahre gew\u00e4hlte Regierung R\u00fccksicht zu nehmen hat, n\u00e4mlich die gerade lebende Generation. Dagegen h\u00e4tte eine jetzt und hier vollzogene Abkehr von weiterem Wachstum unmittelbare Auswirkungen auf die hier und jetzt lebenden W\u00e4hler. F\u00fcr sie w\u00e4ren die Folgen mit gr\u00f6\u00dfter Schmerzhaftigkeit zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Hier liegt der Grund f\u00fcr unsere Schizophrenie. Fast jeder halbwegs aufgekl\u00e4rte B\u00fcrger bef\u00fcrwortet die \u00f6kologische Wende, aber nur die allerwenigsten sind bereit, diese Wende mit einem zumindest in kurzfristiger Sicht erst einmal sehr deutlichen R\u00fcckgang ihres bisherigen Lebensstandards zu bezahlen. Doch genau das w\u00e4re mit einem Verzicht auf weiteres Wachstum verbunden. Denn Wachstum erf\u00fcllt ja l\u00e4ngst nicht mehr die fr\u00fcher damit verbundene Hoffnung auf einen Jahr f\u00fcr Jahr steigenden Lebensstandard. Inzwischen brauchen wir Wachstum, damit die Bev\u00f6lkerungsmehrheit auch weiterhin <i>den schon erreichten Lebensstandard<\/i> genie\u00dft. R\u00fcckl\u00e4ufiges oder gar ausbleibendes Wachstum, also eine station\u00e4re \u00d6konomie, bedeutet nicht \u2013 wie man naiv glauben k\u00f6nnte &#8211; die Erhaltung des schon errungenen Lebensstandards; unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen bedeutet sie dessen dramatischen Einbruch.<\/p>\n<h3><b>Der Wachstumszwang beruht auf Verschuldung<\/b><\/h3>\n<p>Wer Zukunft will, muss \u00f6kologische Nachhaltigkeit erstreben. Aber es geh\u00f6rt zur bedrohlichen Komplexit\u00e4t unserer Zeit, dass dies nicht gen\u00fcgt, ja, dass all unser Wissen um die notwendigen Ma\u00dfnahmen zur Verwirklichung dieses Ziels null und nichtig bleibt, solange wir nicht gegen den Wachstums<i>zwang<\/i> ank\u00e4mpfen. Das aber ist ein ehrgeiziges Ziel, das wir nur mit einer grundlegenden Umgestaltung unseres gegenw\u00e4rtigen Wirtschaftssystems erreichen. Wir verbauen uns die eigene Zukunft, solange wir <i>mit diesem System leben und daran gekettet sind<\/i>. Ich wei\u00df, eine solche Feststellung ist dazu angetan, Argwohn hervorzurufen. Sie klingt wie ein Aufruf zur Revolution, wie eine fundamentalistische Mahnung zur radikalen Selbsterneuerung oder wie eine Anstiftung im Auftrag einer religi\u00f6sen oder politischen Ideologie.<\/p>\n<p>Doch sie ist weder dieses noch jenes. Sie beruht auf einigen wenigen, f\u00fcr jedermann verst\u00e4ndlichen Parametern und Kennziffern unserer gegenw\u00e4rtigen \u00f6konomischen Situation. Alle fr\u00fch industrialisierten L\u00e4nder haben ein Staatsschuldenniveau nahe bei 100% erreicht. Um die daraus erwachsende, nur ausnahmsweise die Mindestmarke von 2% unterschreitende Zinslast zu bedienen, brauchen sie auch ein Wachstum von 2%; nur dann wird diese Last vom erwirtschafteten Zuwachs aufgefangen, andernfalls zehrt der Staat von der Substanz: Er muss den Lebensstandard bei jenem Teil der Bev\u00f6lkerung vermindern, welcher die meisten Steuern zahlt. Verschuldung <i>erzwingt<\/i> also Wachstum, wenn der Staat den Lebensstandard der gesamten Bev\u00f6lkerung auf gleichem Niveau erhalten will.<\/p>\n<h3><b>Die reale Schuldenlast Deutschlands<\/b><\/h3>\n<p>Dieser Zwang wird umso gr\u00f6\u00dfer, je h\u00f6her das Ma\u00df der Verschuldung. Rechnet man f\u00fcr Deutschland die implizite Verschuldung des Staates hinzu (hier sind die k\u00fcnftigen Rentenverpflichtungen einbezogen), so kommt man auf einen aktuellen Wert von ca. 200% des BIP.*1* Bei einem Zinssatz von 2% braucht Deutschland daher in Wahrheit <i>ein Wachstum von mindestens 2 mal 2 oder 4%<\/i>, um den derzeitigen Lebensstandard seiner Bev\u00f6lkerung zu wahren. Doch selbst dieses Bild ist unvollst\u00e4ndig. Es fehlt n\u00e4mlich der doppelt so hohe zweite Teil der gesamten Verschuldung: die Unternehmensschulden. Rechnet man diese zur expliziten Staatsschuld hinzu, dann betr\u00e4gt die Gesamtverschuldung 2010 an die 7 Billionen Euro: etwa das Dreifache des BIP.*2* F\u00fcr diese Schulden zahlen die Unternehmen in Gestalt von Dividenden und Zinsen, die sie nat\u00fcrlich im Preis der von ihnen erzeugten Produkte verrechnen. Mit wachsender Verschuldung wird der Konsum daher zunehmend teurer. Das schr\u00e4nkt den Lebensstandard der B\u00fcrger ebenso ein wie eine zunehmende staatliche Steuerlast.<\/p>\n<p>Eine Gesamtschuldensumme von sieben Billionen Euro oder dem Dreifachen der volkswirtschaftlichen Leistung erlaubt wiederum eine einfache Berechnung k\u00fcnftiger Lasten. Selbst wenn Staat und Unternehmen in Deutschland daf\u00fcr nur 1% an Dividenden oder Zinsen entrichten m\u00fcssten (tats\u00e4chlich zahlen die Unternehmen weit h\u00f6here S\u00e4tze), w\u00fcrde die Wirtschaft mindesten 3 mal 1 oder 3% wachsen m\u00fcssen, um den bisherigen Lebensstandard zu bewahren. Bei realistischen 2% Minimalzinsen und Dividenden erzwingt dieser Wert schon ein Wachstum von 3 mal 2 oder 6% (wobei die impliziten Verpflichtungen des Staates noch nicht einmal ber\u00fccksichtigt sind)!<\/p>\n<p>Eine simple Rechnung wie diese macht deutlich, <i>warum die zunehmende Verschuldung Politiker s\u00e4mtlicher Couleurs zu gedanken- und besinnungslosen Anh\u00e4ngern eines forcierten Wachstums macht und bei ihnen jegliche R\u00fccksicht auf dessen Folgen verdr\u00e4ngt<\/i>. Sie macht aber auch begreiflich, warum der Misserfolg einer derartigen Politik von vornherein feststeht. Denn au\u00dfer in Schwellenstaaten w\u00e4chst die Wirtschaft nirgendwo schnell genug, um die Bedienung der Schulden wettzumachen.<\/p>\n<h3><b>Sein bedrohliches Potential entfaltet Wachstum erst in Verbindung mit zunehmender materieller Ungleichheit<\/b><\/h3>\n<p>Der Zusammenhang zwischen Verschuldung und Wachstum ist in Wahrheit noch um eine Stufe komplexer. Angenommen, Verm\u00f6gen und Einkommen w\u00e4ren unter den Deutschen v\u00f6llig gleichm\u00e4\u00dfig verteilt, so w\u00fcrde das auch f\u00fcr die von ihnen zu tragende Zins-, Dividenden- und Steuerlast gelten. Jeder Deutsche w\u00fcrde daher genau so viel an Zinsen und Dividenden f\u00fcr Bankguthaben bzw. Aktien gewinnen, wie er andererseits an Steuern f\u00fcr den Staat entrichtet und in den Preisen der von ihm gekauften Produkte an die Unternehmen bezahlt, denn Schulden und Guthaben sind \u2013 sofern der Staat nicht gegen\u00fcber dem Ausland verschuldet ist \u2013 stets in der Summe identisch. Bei gleichm\u00e4\u00dfiger Verteilung der Einkommen und Verm\u00f6gen w\u00e4ren sie dies aber auch bei jedem einzelnen B\u00fcrger. In diesem Fall w\u00fcrde der Lebensstandard <i>auch durch eine wachsende Verschuldung (sowie hohe Zinsen und Dividenden) nicht eingeschr\u00e4nkt werden<\/i> &#8211; selbst dann nicht, wenn die Verschuldung von Staat und Industrie ein Mehrfaches des BIP betr\u00fcge. Politiker w\u00fcrden sich nicht zum Wachstum getrieben sehen und Verschuldung w\u00fcrde das Land nicht in die Armut f\u00fchren. Die Umstellung der Wirtschaft auf ein nachhaltiges System w\u00e4re in diesem Fall kein Problem.<\/p>\n<h3><b>Bei mangelndem Wachstum zahlt die Bev\u00f6lkerungsmehrheit<\/b><\/h3>\n<p>Ihre ganze Brisanz gewinnt Verschuldung erst dann, wenn ein Teil der Bev\u00f6lkerung \u2013 stets eine Minderheit &#8211; immer mehr Guthaben anh\u00e4uft, w\u00e4hrend ein anderer Teil \u2013 stets die Mehrheit \u2013 immer mehr Schulden tr\u00e4gt, anders gesagt, mit zunehmendem <i>Ungleichma\u00df der Verteilung.<\/i> Bis um die Mitte der achtziger Jahre war die materielle Ungleichheit in Deutschland noch relativ gering, seitdem hat sie be\u00e4ngstigend zugenommen. Heute verf\u00fcgen etwa zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung \u00fcber 60% aller zins- und dividendentragenden Guthaben (Verm\u00f6gen), d.h. \u00fcber etwa 4,2 der insgesamt 7 Billionen. Diese Zinsen und Dividenden m\u00fcssen die unteren 90% mit ihrer Arbeit erwirtschaften. Gelingt ihnen das nicht durch ein Wachstum in der zuvor beschriebenen H\u00f6he, dann schneiden die Anspr\u00fcche der oberen zehn Prozent direkt in ihr Fleisch: Sie m\u00fcssen mit ihrem erworbenen Lebensstandard den Luxus der oberen zehn Prozent bezahlen. Genau dies ist seit den neunziger Jahren in s\u00e4mtlichen fr\u00fch industrialisierten Staaten der Fall, weil sie kein ausreichendes Wachstum zustande brachten. An der Spitze wachsender Glanz und \u00fcppige Verschwendung, unten ein Prekariat, das sich wie ein h\u00e4sslicher Schimmel ausbreitet. Bis zum Mittelstand frisst sich der Pilz beginnender Armut inzwischen durch. Gerade f\u00fcr diese Schicht ist die Steuer, Zins- und Dividendenlast immer schwerer zu tragen. Doch der Spitze geht es zunehmend besser: Sie wird die ganze Zeit nur noch fetter. Selbst in den Finanzturbulenzen der vergangenen Jahre haben nur jene Reichen wirklich verloren, die ihr Verm\u00f6gen ausschlie\u00dflich in Geld angelegt hatten. Wer rechtzeitig in Sachwerte fl\u00fcchtete, hatte keine M\u00fche, den Abstand zu den nicht-privilegierten Schichten in vollem Umfang zu wahren.<\/p>\n<h3><b>Ungleichheit und Schulden fachen das Wachstum an<\/b><\/h3>\n<p>Es trifft also zu, was zu Anfang behauptet wurde: Der Wachstumszwang h\u00e4lt gerade jene Staaten in Bann, die aufgrund ihres angesammelten Wissens und K\u00f6nnens am ehesten in der Lage w\u00e4ren, einen schnellen \u00dcbergang in die Nachhaltigkeit zu vollziehen. <i>Ungleichheit und Verschuldung bilden zusammen<\/i> das unheilige Tandem, das sie in eine Richtung zwingt, die der \u00f6kologischen Wende genau entgegengesetzt ist. Um eine Bev\u00f6lkerungsmehrheit zufriedenzustellen, die von den wachsenden Anspr\u00fcchen einer minorit\u00e4ren Verm\u00f6gensoligarchie aufgrund der Verschuldungsmechanik immer st\u00e4rker belastet wird, bleibt einer Politik, die mit den Stimmen der Mehrheit gew\u00e4hlt wird, gar nichts anderes \u00fcbrig, als ewiges Wachstum zu predigen und zu praktizieren \u2013 wenn es sein muss, bis zur v\u00f6lligen Zerst\u00f6rung der Umwelt.<\/p>\n<p>Und doch \u00fcberwindet sie dabei nicht einmal den sozialen Niedergang. Denn was sie auch unternimmt, kein Wachstum reicht aus, um bei zunehmender Ungleichheit die Last der Verschuldung wettzumachen. \u201eDass Schulden schneller wachsen als die F\u00e4higkeit der Bev\u00f6lkerung sie zu bedienen, ist eine Konstante durch die ganze dokumentierte Geschichte.\u201c*3* Die Virulenz dieser Wahrheit zeigt sich auch in unserer Zeit. Um es auf drastische Weise zu sagen: <i>Wir haben unserem Wirtschaftssystem eine Zeitbombe eingebaut, welche die Selbstzerst\u00f6rung zu einem mathematisch vorausberechenbaren Endstadium macht<\/i>.<\/p>\n<h3><b>Teil II: Der Friede mit der Natur setzt den sozialen Frieden voraus<\/b><\/h3>\n<p>Wie kommen wir zu einer nachhaltigen Wirtschaft, die sich vom Wachstum verabschiedet, indem sie sich nur noch auf erneuer- und wieder verwertbare Quellen verl\u00e4sst? Die technischen L\u00f6sungen f\u00fcr dieses gr\u00f6\u00dfte Problem unserer Zeit sind, wie gesagt, weitgehend vorhanden. Was uns nach wie vor fehlt, ist eine \u00fcberzeugende soziale Antwort. Die Frage muss daher in Wahrheit lauten: Wie k\u00f6nnen wir die <i>sozialen Voraussetzungen<\/i> f\u00fcr den \u00dcbergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft herstellen? Nach dem zuvor Gesagten wird es kein nachhaltiges Wirtschaft geben, solange wir uns nicht vom Imperativ ewigen Wachstums befreien. Aber von diesem Imperativ kann die Politik sich nicht l\u00f6sen, solange die soziale Verfassung durch \u00fcberm\u00e4\u00dfige Verschuldung und Ungleichheit gekennzeichnet ist. <i>Die Perspektive f\u00fcr eine k\u00fcnftige Gesellschaft im Frieden mit der Natur setzt daher den Frieden in der Gesellschaft voraus: den sozialen Frieden.<\/i><\/p>\n<p>Auf welchem Wege wir diesen erreichen, sollte nach dem zuvor Gesagten kein Geheimnis sein. Einerseits m\u00fcssen wir den Hebel bei den Schulden und den ihnen entsprechenden Guthaben ansetzen. Andererseits m\u00fcssen wir Strategien gegen die zunehmende Ungleichheit entwickeln. Das scheint eine Forderung von gr\u00f6\u00dfter logischer Einfachheit zu sein &#8211; in der Praxis haben wir es freilich mit einem Problem von immenser Komplexit\u00e4t und Schwierigkeit zu tun.<\/p>\n<h3><b>Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts<\/b><\/h3>\n<p>Haben sich Schulden n\u00e4mlich erst einmal zu einem hohen Berg aufget\u00fcrmt, sind sie <i>prinzipiell unbezahlbar<\/i>. Das gilt nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr den einzelnen Schuldner im Verh\u00e4ltnis zu seinem Gl\u00e4ubiger. Es gilt ebenso wenig f\u00fcr einen Staat, der gegen\u00fcber einem anderen Staat verschuldet ist. In beiden F\u00e4llen besteht die M\u00f6glichkeit, das gesamte Eigentum des Schuldners (einschlie\u00dflich Staatsgebiet) zu konfiszieren. In fr\u00fcheren Zeiten hatten Schuldner sogar noch mit ihrem eigenen Leben zu haften: Sie wurden zu Schuldknechten oder auch einfach versklavt.<\/p>\n<p>Die prinzipielle Unbezahlbarkeit \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Schulden gilt f\u00fcr die Gesamtverschuldung <i>innerhalb<\/i> eines Staates. Die gr\u00f6\u00dften Gl\u00e4ubiger setzen ja ihr \u00fcberfl\u00fcssiges Verm\u00f6gen gerade deshalb zur Gewinnung von Zinsen und Dividenden ein, weil ihr Einkommen jeden <i>m\u00f6glichen Konsum<\/i> l\u00e4ngst \u00fcberschritten hat. Zinsen und Dividenden werden daher ihrerseits zur Gewinnung weiterer Zinsen und Dividenden genutzt. Geld erf\u00fcllt nur noch den Zweck, neues Geld zu schaffen. <i>Es wird zu einem Mittel des \u00f6konomischen und politischen Machtgewinns<\/i>.<\/p>\n<p>Daran \u00e4ndern auch Privatisierungen nichts, mit denen ein Staat sich seiner Schulden entledigt. Denn der Umfang der <i>Gesamtverschuldung<\/i> wird durch Privatisierungen nicht ver\u00e4ndert, sondern im Gegenteil noch erh\u00f6ht. Aus den von ihnen frisch erworbenen Unternehmen (bzw. dem entsprechenden Aktienbesitz) flie\u00dft den Gl\u00e4ubigern danach derselbe Geldstrom in Dividendenform zu, den sie vorher in Gestalt von Zinsen f\u00fcr Staatsobligationen bezogen. Da sie die betreffenden Unternehmen aber meist zu Schleuderpreisen erwarben, hat sich der gesamte aus Staats- plus Privatschulden zusammengesetzte Schuldenstand tats\u00e4chlich noch erh\u00f6ht. Anders gesagt, pflegen die oberen zehn Prozent (in den USA das oberste ein Prozent) nach Privatisierungen noch reicher und die unteren 90% dementsprechend \u00e4rmer zu sein.<\/p>\n<h3><b>Welche sozialen Ma\u00dfnahmen f\u00fchren zu einer nachhaltigen Wirtschaft?<\/b><\/h3>\n<p>\u00dcberm\u00e4\u00dfige Schulden sind prinzipiell unbezahlbar, sie k\u00f6nnen sich nur bis zum Kollaps des Systems weiter und weiter vermehren. Es gibt nur eine einzige Art, Schulden abzubauen, n\u00e4mlich indem man sie selbst oder die ihnen entsprechenden Guthaben auf mehr oder weniger drastische Art reduziert. Wie der amerikanische Wirtschafts\u00f6konom Michael Hudson und der Anthropologe David Graeber zeigten,*4* wurden seit der Zeit der Sumerer \u00fcberm\u00e4\u00dfige Schulden immer wieder in Revolutionen und Kriegen <i>gewaltsam vernichtet<\/i>. Zwischendurch aber wurden sie auch durch das bewusste Eingreifen m\u00e4chtiger Herrscher gel\u00f6scht. Das waren dann <i>Schuldenerl\u00e4sse<\/i>, welche eine gro\u00dfe Zahl Menschen aus der Schuldknechtschaft erl\u00f6sten.<\/p>\n<p>Der Weg zu einer Wirtschaft ohne Wachstum, einer nachhaltigen \u00d6konomie mit einem auf erneuerbare Ressourcen begr\u00fcndeten G\u00fcterverbrauch, wird in unserer Zeit in gleicher Richtung verlaufen m\u00fcssen. Die bestehenden Schulden der gro\u00dfen Industrienationen sind \u2013 das trifft auch auf Deutschland zu \u2013 im Prinzip unbezahlbar. *5* Damit unsere Gesellschaften nicht zu ewigem Wachstum gezwungen sind, muss man sie daher l\u00f6schen. Daf\u00fcr aber kommen grunds\u00e4tzlich nur zwei Vorgehensweisen in Frage: Entweder wird das Geld und damit auch das bestehende Geldverm\u00f6gen entwertet oder es kommt zu einem Schuldenerlass, also einer direkten, zumindest partiellen Enteignung der Gl\u00e4ubiger. Die erste Alternative, <i>eine galoppierende Inflation<\/i>, kann Schulden und die ihnen entsprechenden Guthaben \u00fcber Nacht auf Null reduzieren. Sie trifft aber die Masse der Bev\u00f6lkerung mit besonderer H\u00e4rte, w\u00e4hrend sie gerade die reichsten Gl\u00e4ubiger verschont, da diese gew\u00f6hnlich im rechten Moment in Sachwerte fl\u00fcchten. Hyperinflationen treiben das Volk auf die Barrikaden und zerr\u00fctten das Staatsgef\u00fcge. Die Politik hat daher allen Grund, sich vor einer gro\u00dfen Geldentwertung zu f\u00fcrchten.*6*<\/p>\n<p><i>Enteignungen der Gl\u00e4ubiger<\/i> f\u00fchren hingegen zum Aufruhr der privilegierten Schicht, die den ganzen Apparat der von ihnen bezahlten Medien, Lobbyisten und industriellen Kr\u00e4fte zum Widerstand aufruft: Statt von unten wird der Staat in diesem Fall von oben destabilisiert. Es ist eine Entscheidung wie zwischen Teufel und Beelzebub. Vergangenes politisches Fehlverhalten &#8211; eine \u00fcbergro\u00dfe Verschuldung verbunden mit wachsender Ungleichheit &#8211; stellt die Politik vor Alternativen, die in ihren Folgen f\u00fcr Staat und Gesellschaft unabsehbar sind. Auf den ersten Blick erscheint die Situation schon deshalb ausweglos, weil man keinem der beiden Lager, die sich hier als Schuldner und Gl\u00e4ubiger gegen\u00fcberstehen, einen Versto\u00df gegen die Gesetze, also schuldhaftes Verhalten, nachsagen kann. <i>Das \u201eSystem\u201c selbst hat sie zu ihrem Handeln ermuntert<\/i>. Bis zum Ausbruch der Krise galt dieses nicht nur als v\u00f6llig normal, sondern schien sogar im Sinne des Gemeinwohls geboten.<\/p>\n<h3><b>Schulden erzwingen Wachstum \u2013 doch Wachstum erzwingt auch Schulden<\/b><\/h3>\n<p>Die Wende zu einer nachhaltigen Wirtschaft werden wir solange nicht schaffen, wie Schulden den Lebensstandard der Bev\u00f6lkerungsmehrheit belasten und Wachstum daher das einzige Mittel ist, um diese Last zu erleichtern. Denn im Zweifelsfall wird immer der soziale Frieden \u2013 das Wohlergehen der gerade jetzt lebenden Generation \u2013 mehr z\u00e4hlen als der Frieden mit der Natur: Wir k\u00f6nnen auch vom Frieden f\u00fcr kommende Generationen sprechen.<\/p>\n<p>Dieses Bild einer fundamentalen Bedingtheit der \u00f6kologischen durch soziale Nachhaltigkeit ist jedoch in einem wichtigen Punkt noch zu einfach. Tats\u00e4chlich haben wir es hier mit einer <i>gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit<\/i> zu tun. Schulden erzwingen Wachstum, doch umgekehrt erzwingt Wachstum seinerseits Schulden, und zwar auch ein <i>gutes qualitatives<\/i> Wachstum, auf das wir selbst in einer nachhaltigen Wirtschaft schwerlich verzichten k\u00f6nnen. Unsere geltende Wirtschaftsordnung ist darauf begr\u00fcndet, dass Menschen mit Ideen aber ohne Geld auf das Kapital von Menschen mit Geld aber ohne Ideen zugreifen. Sie setzt voraus, dass Individuen und Korporationen, einzelne Forscher, Labore, Konzerne etc. sich \u00fcber B\u00f6rsen und Banken mit Kapital versorgen. Die Entwicklung der fr\u00fchen Industrienationen ebenso wie der kometenhafte Aufstieg ihrer heutigen Nachfolger im fernen Osten w\u00e4re nicht m\u00f6glich ohne Verschuldung. Wachstum, gleichg\u00fcltig ob quantitativer oder qualitativer Art, f\u00fchrt also seinerseits zu Schulden.<\/p>\n<h3><b>Ein vollst\u00e4ndiger Verzicht auf Wachstum und Schulden ist nicht m\u00f6glich<\/b><\/h3>\n<p>Zweifellos kommt auch eine Gesellschaft im Frieden mit der Natur, die ihren G\u00fcterumsatz sukzessive auf ein Niveau beschr\u00e4nkt, das sie durch erneuerbare Quellen und Wiederverwertung abdeckt, nicht ohne Forschung aus. Im Gegenteil, sie wird sehr viel Forschung ben\u00f6tigen, um ihr Ziel ohne eine wesentliche Einschr\u00e4nkung des erreichten Lebensstandards zu erreichen. Forschung aber verlangt Investitionen und damit Verschuldung. Selbst wenn wir auf dem Weg der Nachhaltigkeit schon sehr weit gekommen w\u00e4ren, w\u00fcrden wir nie ganz ohne Verschuldung auskommen. Daher besteht eine wesentliche Aufgabe der politischen \u00d6konomie in der Suche nach Wegen und Strategien, mit der wir die <i>negativen Folgen der Verschuldung<\/i> beherrschen. Das gelingt am besten, indem wir die Ungleichheit nach oben klar begrenzen. Ich sagte schon, dass im Fall einer vollkommen gleichen Verteilung von Einkommen und Verm\u00f6gen Schulden ohne Auswirkung auf den sozialen Frieden sind. Statt dass eine immer st\u00e4rker in die Enge getriebene Mehrheit die Taschen einer Minderheit f\u00fcllt, empf\u00e4ngt jeder B\u00fcrger mit der linken Hand, was er mit der rechten zuvor gegeben hatte. Das gilt z.B. f\u00fcr eine Rente im Alter, die er w\u00e4hrend der Arbeitszeit ersparte.<\/p>\n<h3><b>Teil III: Gibt es einen friedlichen \u00dcbergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft?<\/b><\/h3>\n<p>Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich die Frage nach einer Wirtschaft ohne Wachstum ein zweites Mal stellen, doch an diesem Punkt verlasse ich den sicheren Boden der Analyse und wage mich auf das unsichere und stets umk\u00e4mpfte Gel\u00e4nde m\u00f6glicher Therapien hinaus. Die Frage lautet nicht l\u00e4nger, warum der dringend notwendige \u00dcbergang zu einer Wirtschaft der Nachhaltigkeit auf so gewaltige Widerst\u00e4nde st\u00f6\u00dft, sondern wie und ob es m\u00f6glich ist, sie zu \u00fcberwinden. Die vorangehende Analyse \u2013 ich hatte sie bereits im <i>Pyramidenspiel<\/i> durchgef\u00fchrt und in <i>Von der Krise ins Chaos<\/i> wesentlich erg\u00e4nzt \u2013 wird mittlerweile von einer immer gr\u00f6\u00dferen Zahl Wissenschaftler gebilligt und setzt sich auch in weiteren Kreisen durch. Wer diese Analyse gut und richtig hei\u00dft, muss aber noch l\u00e4ngst nicht zu denselben Folgerungen und Vorschl\u00e4gen gelangen. Das Gegenteil ist der Fall \u2013 bei der L\u00f6sung der Probleme gehen die Meinungen weit auseinander. So wird das Anwerfen der Notenpresse von nicht wenigen Wissenschaftlern und Politikern als Rezept f\u00fcr die \u00dcberwindung der Krise empfohlen, unter anderen von so hellsichtigen und klugen \u00d6konomen wie Michael Hudson.*7* Zweifellos ist es ein Ausweg \u2013 einer der beiden grunds\u00e4tzlich m\u00f6glichen. Ich f\u00fcrchte aber, dass wir daf\u00fcr bitter bezahlen m\u00fcssten. Die Sorge um die Natur wird mit Sicherheit in noch weitere Ferne ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die ungebremste Versorgung mit Geld durch die Europ\u00e4ische Notenbank und die daraus sp\u00e4ter resultierende Vernichtung der Schulden auf dem Wege der Inflation stellt aber, wie schon bemerkt, nur eine von zwei m\u00f6glichen Strategien gegen die Krise dar. Der zweite Weg besteht in einem <i>Schuldenerlass<\/i> oder, anders gesagt, einer sozial vertr\u00e4glichen Reduktion der gro\u00dfen Guthaben (Verm\u00f6gen). Argentinien hat diesen Weg beschritten. Nachdem der Staat die Anspr\u00fcche seiner Gl\u00e4ubiger um 70% reduzierte und daf\u00fcr zun\u00e4chst einmal in die Rolle eines Parias geriet, stand es eine Zeitlang wirtschaftlich gl\u00e4nzend da und wurde geradezu als Krisenspezialist zu Rate gezogen (Vgl. Der Spiegel 11\/51; S. 98). Auf welche Art dieser historisch immer wieder beschrittene Weg in Deutschland oder anderen Staaten der Union durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnte oder, anders gesagt, wie sich ein Staat aus der Falle einer galoppierenden Verschuldung befreit, dazu habe ich eigene Vorschl\u00e4ge entwickelt, die ich an dieser Stelle nur andeuten m\u00f6chte, da ich sie anderer Stelle ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert habe.<\/p>\n<p>1. Die Einf\u00fchrung einer Obergrenze f\u00fcr privates (im Unterschied zu betrieblichem, <i>privat nicht nutzbarem<\/i>) Verm\u00f6gen. Der Staat sollte sie so bemessen, dass individuelles privates Verm\u00f6gen ausschlie\u00dflich dem aufgeschobenen Konsum im Alter, bei Krankheit, Arbeitslosigkeit etc. dient, aber nicht wie heute \u00fcblich <i>\u00fcber jeden m\u00f6glichen Konsum hinaus<\/i> angeh\u00e4uft werden kann, um eine ganz andere, sozial sch\u00e4dliche Funktion zu erf\u00fcllen, n\u00e4mlich die eines Markers f\u00fcr pers\u00f6nlichen Status und pers\u00f6nliche Macht. W\u00fcrde der Staat nur dieses sozial dysfunktionale \u201e<i>Macht-Verm\u00f6gen<\/i>\u201c der oberen zehn Prozent einziehen, um die darauf beruhenden Schulden der unteren 90% zu l\u00f6schen, so w\u00e4re auf einen Schlag der gr\u00f6\u00dfte Teil aller bestehenden Guthaben und der ihnen entsprechenden Schulden aufgehoben, <i>ohne dass die hiervon Betroffenen au\u00dfer einem Verlust an Macht eine Einbu\u00dfe an Lebensqualit\u00e4t hinnehmen m\u00fcssten<\/i>. Man vergesse nicht, dass das gesamte Guthabenvolumen in Deutschland etwa das Dreifache des BIP betr\u00e4gt (7 Billionen Euro). Eine solche Steuer schafft maximalen Nutzen f\u00fcr das Gemeinwohl, ohne den Betroffenen anderen als psychischen Schmerz (\u00fcber ihren Machtverlust) zuzuf\u00fcgen. Allerdings ist ein solcher Schuldenerlass nicht ohne einschneidende flankierende Ma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren, andernfalls werden sich gerade die gr\u00f6\u00dften Verm\u00f6gen vorher ins Ausland absetzen. Vor dieser Herausforderung stehen \u00fcbrigens auch die Bef\u00fcrworter einer freiz\u00fcgigen Geldversorgung von Seiten der EZB. Diese sehen gern dar\u00fcber hinweg, dass sie zu denselben Ma\u00dfnahmen gezwungen sind \u2013 nur mit einiger zeitlicher Verz\u00f6gerung.*8*<\/p>\n<p>Mit einer Obergrenze f\u00fcr private Verm\u00f6gen erreicht man weit mehr als mit einem einmaligen Schuldenerlass, der ja nicht zu verhindern vermag, dass das Spiel \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Verschuldung nach kurzer Zeit wieder von vorn beginnt. Materielle Ungleichheit wird dauerhaft in vern\u00fcnftigen Grenzen gehalten, ohne deswegen ihre belebende Anreizfunktion einzub\u00fc\u00dfen oder diese gar abzuschaffen. Wir wollen ja nur die <i>\u00fcberm\u00e4\u00dfige<\/i> Ansammlung von materiellem Reichtum in wenigen H\u00e4nden und dessen Akkumulation zu Zwecken der Macht verhindern.*9*<\/p>\n<p>2. Die Einf\u00fchrung einer neuartigen <i>progressiven Besteuerung des individuellen Konsums<\/i> und einer Besteuerung des <i>Ressourcenverbrauchs der Unternehmen<\/i>, verbunden mit der Abschaffung der Mehrwert- wie s\u00e4mtlicher Steuern auf Arbeit. Diese grundlegende Reform dient der sozialen Gerechtigkeit ebenso wie einer konsequent \u00f6kologischen Ausrichtung staatlichen Handelns. In der Krise wird damit ein weiterer Effekt erzielt: Die Aufhebung aller Steuerlast auf Arbeit f\u00fchrt zu einer au\u00dferordentlichen Konjunkturbelebung und einer sprunghaft steigenden Nachfrage nach Arbeit: eine wirksame Medizin angesichts der verheerenden Folgen, die vom verordneten Totsparen in der Krise ausgehen.*10*<\/p>\n<h3><b>Und wie ist es mit radikalen L\u00f6sungen f\u00fcr eine Gesellschaft der sozialen und \u00f6kologischen Nachhaltigkeit?<\/b><\/h3>\n<p>Die Idee des Wachstums \u2013 vor allem die eines unbegrenzten quantitativen Wachstums \u2013 geh\u00f6rt zum ideologischen Inventar des Neoliberalismus. Sie wurde und wird aber ebenso auch vom real existierenden Sozialismus gepredigt, der dieses Projekt nur aus den H\u00e4nden der konkurrierenden Einzelnen nimmt, um daraus seine nationalen F\u00fcnf-Jahres-Pl\u00e4ne zu schmieden. Dagegen tr\u00e4gt \u00f6kologisches Bewusstsein weder linke noch rechte Farben. Es f\u00fchrt aber, wie oben gezeigt, in Richtung einer St\u00e4rkung egalit\u00e4rer Tendenzen. Je gr\u00f6\u00dfer die materielle Ungleichheit, desto gr\u00f6\u00dfer der Druck in Richtung eines quantitativen Wachstums. Es braucht nicht betont zu werden, dass die St\u00e4rkung egalit\u00e4rer Tendenzen sich mit einem linken ebenso wie mit einem christlichen Weltbild vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die \u00f6kologische Wende setzt auf Gemeinsinn und Kooperation: Ohne eine solche Geisteshaltung sind egalit\u00e4re Tendenzen kaum denkbar. Sie setzt aber keineswegs die Abschaffung des Wettbewerbs voraus oder gar die \u00dcberf\u00fchrung privaten in kollektives Eigentum. So entscheidend die <i>Begrenzung<\/i> des pers\u00f6nlichen Eigentums und eines ungeb\u00e4ndigten Wettbewerbs ist &#8211; mit der Abschaffung beider h\u00e4tten wir das Kind mit dem Bade ausgesch\u00fcttet. Mit Ausnahme kleinerer religi\u00f6ser Gruppierungen und der ebenso kleinen fr\u00fchen Stammesgesellschaften des Teilens und Schenkens hat keine historische Gesellschaft ein solches Experiment je unbeschadet begonnen, geschweige denn sich dauerhaft damit eingerichtet. Denn auf dem Weg eines gewaltsamen Kollektivismus wird jene belebende Dynamik beseitigt, welche die individuellen Kr\u00e4fte einer ganzen Gesellschaft auf maximale Art mobilisiert.*11* Nicht der Wettbewerb an sich ist von \u00dcbel, sondern der Verlust des Gleichgewichts, der immer dann eintritt, wenn ein Zuviel an Konkurrenz das Fundament der Kooperation aush\u00f6hlt und schlie\u00dflich zum Einsturz bringt. Dieser Verlust findet seinen sichtbaren Niederschlag in der Konzentration von Eigentum in immer weniger H\u00e4nden.<\/p>\n<h3><b>Schlussbemerkung<\/b><\/h3>\n<p>Als unerl\u00e4ssliche soziale Bedingung f\u00fcr die \u00f6kologische Wende habe ich hier die teilweise Aufhebung von Schulden und Guthaben gefordert. Hartgesottene Vertreter des Neoliberalismus sehen darin einen Frontalangriff auf einen ihrer heiligen Glaubensartikel. Die Begrenzung privater Verm\u00f6gen halten sie f\u00fcr einen ganz und gar inakzeptablen Eingriff in Eigentumsrechte. Doch der Neoliberalismus ist aus einer L\u00fcge geboren. Damals, zu Beginn der 80er Jahre, ging das Wachstum in einigen fr\u00fch industrialisierten Staaten dramatisch zur\u00fcck. Angesichts dieser Krise wurde ein neuer Slogan geboren: Macht die Spitze reich, dann f\u00e4llt unten umso mehr f\u00fcr die Massen ab. Das war eine direkte Verdrehung von Logik und historischer Wahrheit.*12* Die Folgen waren abzusehen, sie lieferten den Extremisten von der Gegenseite die Munition. Diese, die Gefolgsleute von Marx, vertreten daher die genau entgegengesetzte Position: Eigentum und Wettbewerb sind das eigentliche \u00dcbel, das sie am liebsten ganz beseitigen wollen. Der Vorschlag einer Obergrenze f\u00fcr Verm\u00f6gen muss ihnen daher immer noch als Verteidigung bourgeoiser Verh\u00e4ltnisse erscheinen und daher auf ihren vehementen Widerstand sto\u00dfen. Ich meine, dass man diesen gleichzeitigen Protest von Seiten linker wie rechter Fanatiker als ein G\u00fctesiegel verstehen sollte. Ist die Vernunft nicht gut beraten, wenn sie sich zwischen den feindlichen Lagern der Extremisten ihren Weg in der Mitte sucht?*13*<\/p>\n<p>1 Schon im Jahr 1995 machte der \u00bbEconomist\u00ab warnend darauf aufmerksam, dass die laufende Staatsverschuldung in Wahrheit nur einen Bruchteil der l\u00e4ngerfristig \u00fcbernommenen Rentenverpflichtungen abbilde \u2013 und zwar in s\u00e4mtlichen f\u00fchrenden Volkswirtschaften. So betrug die laufende US-amerikanische Staatsverschuldung damals 85% des Bruttoinlandsprodukts, rechnete man jedoch die ungedeckten Rentenschulden hinzu, dann ergab sich ein Gesamtbetrag in H\u00f6he des Anderthalbfachen des BIP (151%) \u2013 weit h\u00f6her als die offiziell genannten Zahlen. Die entsprechenden Zahlen f\u00fcr Deutschland beliefen sich damals auf 53\/213, f\u00fcr Gro\u00dfbritannien auf 52\/238, f\u00fcr Frankreich auf 56\/272 und f\u00fcr Japan betrugen sie 97\/297 (The Economist, 8. Juli 1995, S. 115. Quelle: OECD. Zitiert in Public Sector Finances. Vgl. hierzu auch ein k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichtes Papier des Chef-Volkswirts der Basler Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Stephen Cecchetti, The Future of Public Debt. 2. 2. 2010).<\/p>\n<p>2 Einer 2010 von McKinsey Global Institute ver\u00f6ffentlichten Studie zufolge, betr\u00e4gt der Gesamtschuldenstand Deutschlands 285% (ca. 7 Billionen Euro).<\/p>\n<p>3 Michael Hudson in: <a href=\"http:\/\/michael-hudson.com\/2011\/12\/democracy-and-debt\/\">http:\/\/michael-hudson.com\/2011\/12\/democracy-and-debt\/<\/a><\/p>\n<p>4 Graeber in seinem Buch <i>Debt<\/i>, Hudson in: <a href=\"http:\/\/michael-hudson.com\/2011\/12\/democ\">http:\/\/michael-hudson.com\/2011\/12\/democracy-and-debt\/<\/a>.<\/p>\n<p>5 Mit ungew\u00f6hnlicher Ehrlichkeit hat ein amtierender Bundeskanzler &#8211; Werner Faymann &#8211; diese Tatsache f\u00fcr \u00d6sterreich ausdr\u00fccklich zugegeben. In einem Interview mit dem Wiener Stadtmagazin Falter (vom 5. 8. 2009) sagte er: \u201eDie europ\u00e4ische Verschuldung, bei der wir immer im Mittelfeld liegen, wird in zwei, drei Jahren um ein paar Prozent h\u00f6her sein. Ich glaube nicht daran, dass irgendein Staat das zur\u00fcckbezahlt.\u201c<\/p>\n<p>6 Michael Hudson, ein hellsichtiger, weil auch historisch geschulter US-\u00d6konom, definiert die Aufgabe einer Notenbank geradezu als Drucken von Geld (ohne Orientierung an Wirtschaftsleistung und Preisstabilit\u00e4t) und verweist dabei auf das Vorgehen der englischen Notenbank seit Ende des 17. Jahrhunderts (<a href=\"http:\/\/michael-hudson.com\/2011\/12\/europe's-transition-from-social-democracy-to-oligarchy\/\">http:\/\/michael-hudson.com\/2011\/12\/europe\u2019s-transition-from-social-democracy-to-oligarchy\/<\/a>). Kann die englische Notenbank uns als Vorbild dienen? Wohl kaum. Damals begann die britische Wirtschaft ihren Prozess <i>permanenten Wachstums, <\/i>der auf imperialer Politik beruhte: Die freiz\u00fcgige Geldversorgung spiegelte diesen Prozess. Die hoch entwickelten Industrienationen unserer Zeit steuern hingegen auf das Ende ihres quantitativen Wachstums zu, \u00fcbersch\u00fcssiges Geld flie\u00dft daher in den Finanzsektor oder wird zwecks hoher Renditen in die Schwellenl\u00e4nder geschleust. Schneidet man ihm diesen Ausweg ab, dann wirkt es in der Realwirtschaft inflation\u00e4r. Unber\u00fccksichtigt l\u00e4sst Michael Hudson auch, dass die USA mit dem Dollar \u00fcber die Weltleitw\u00e4hrung verf\u00fcgen und daher von vornherein weit gr\u00f6\u00dfere Geldmengen drucken k\u00f6nnen, ohne damit Inflation zu riskieren. Ebenfalls unber\u00fccksichtigt bleibt, dass die USA \u2013 ebenso wenig wie etwa die Schweiz \u2013 f\u00fcr die Schulden der Bundesstaaten aufkommen, z.B. f\u00fcr die Kaliforniens oder Missouris. Genau das aber tut die EZB, wenn sie die Staatsobligationen der Peripheriestaaten aufkauft.<\/p>\n<p>7 Hierzu Anm. 4.<\/p>\n<p>8 Der Politik scheint der erste Weg einer ungebremsten Versorgung mit Geld auf den ersten Blick die weit einfachere Alternative zu bieten. Die Einf\u00fchrung von Kapitalverkehrskontrollen (wie sie schon J\u00f6rg Huffschmid gefordert hatte) bedroht deutsche Exportinteressen ins au\u00dfereurop\u00e4ische Ausland und st\u00f6\u00dft daher \u2013 vorerst noch &#8211; auf erbitterten Widerstand. Eine inflation\u00e4re Politik der EZB w\u00fcrde dagegen zu Beginn nur segensreich wirken, obwohl mit dem frisch gedruckten Geld zun\u00e4chst einmal nur die Gl\u00e4ubiger des Staates, \u00fcberwiegend also die oberen zehn Prozent, in In- und Ausland ausbezahlt werden. Damit die Realwirtschaft \u00fcberhaupt etwas merkt, muss der Staat daher ein <i>zweites Mal<\/i> \u2013 diesmal nicht zum Zweck der Entschuldung, sondern f\u00fcr eigene Investitionen &#8211; Geld drucken lassen (eine Art Marschallplan durch die Druckerpresse. Das heizt eine sp\u00e4tere Inflation unfehlbar an, zumal es auf diesem Weg keine nat\u00fcrliche Grenze gibt. Warum soll der Staat nur Investitionen in H\u00f6he von, sagen wir, 10% des BIP mit frisch gedrucktem Notenbank vornehmen, warum nicht gleich Investitionen in H\u00f6he von 50 oder 100%? Und warum soll er dies nur ein einziges Jahr, warum nicht j\u00e4hrlich tun? Mit anderen Worten, wenn Geld kostenlos ist, wird aus einer kleinen sehr schnell eine galoppierende Inflation.<\/p>\n<p>Der scheinbar so einfache Weg, die Schuldenkrise \u00fcber die Notenpresse zu regeln, bietet auch nur zu Anfang den bequemeren Weg. Statt die Gl\u00e4ubiger zu ver\u00e4rgern, werden sie ordnungsgem\u00e4\u00df ausbezahlt. Doch der Staat wird schnell entdecken, dass er der Einf\u00fchrung von Kapitalverkehrskontrollen auch in diesem Fall nicht entgeht, da das gro\u00dfe Verm\u00f6gen sich aus berechtigter Furcht vor Entwertung erst einmal in Sachwerte fl\u00fcchtet und dann aus Furcht, dass der Staat auch auf die letzteren zugreift, dieses abst\u00f6\u00dft, um sein Geld im Ausland in Sicherheit zu bringen.<\/p>\n<p>9 Hierzu vgl. Jenner: <a href=\"http:\/\/www.gerojenner.com\/portal\/gerojenner.com\/Neuer_Fiskalismus.html\">http:\/\/www.gerojenner.com\/portal\/gerojenner.com\/Neuer_Fiskalismus.html<\/a> sowie http:\/\/www.gerojenner.com\/portal\/gerojenner.com\/Vermoegenssteuer.html.<\/p>\n<p>10 Hierzu Jenner: <i>Wohlstand und Armut <\/i>(Marburg 2010) sowie <a href=\"http:\/\/www.gerojenner.com\/portal\/gerojenner.com\/Neu\">http:\/\/www.gerojenner.com\/portal\/gerojenner.com\/Neuer_Fiskalismus.html<\/a>).<\/p>\n<p>11 <a href=\"http:\/\/www.gerojenner.com\/portal\/gerojenner.com\/Zukunft_der_Demokratie.html\">http:\/\/www.gerojenner.com\/portal\/gerojenner.com\/Zukunft_der_Demokratie.html<\/a>.<\/p>\n<p>12 Die \u00d6konomik gilt als Wissenschaft. Wenn das stimmt, so muss man sich allerdings fragen, wie sie eine so elementare logische Wahrheit wie jene zu \u00fcbersehen vermochte, dass bei fehlendem Wachstum ein Reichtumsgewinn an der Spitze notwendig einen Wohlstandsverlust an der Basis zur Folge hat?<\/p>\n<p>13 Selbst ehemalige Kommunisten sind inzwischen zu dieser Einsicht gelangt. Im Spiegel (11\/50; S. 29) hei\u00dft es: \u201eDie fr\u00fcher als Kommunistin verfemte Sahra Wagenknecht, darf im Feuilleton der \u201eFAZ\u201c ganzseitig darlegen, warum der Staat private Gro\u00dfverm\u00f6gen zur Krisenbew\u00e4ltigung heranziehen soll. In der \u201eZeit\u201c zeigen sich deutsche Million\u00e4re offen daf\u00fcr, endlich h\u00f6her besteuert zu werden.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel wurde in \u201eEurokalypse Now? Es gibt einen Weg aus der Krise!\u201c leider fehlerhaft abgedruckt. Seit der Club of Rome 1972 zum ersten Mal die Folgen eines grenzenlosen Wachstums auf dramatische Weise beschwor, wurde weltweit das Bewusstsein f\u00fcr den Zusammenhang zwischen Wachstum und Naturvernichtung gesch\u00e4rft. Doch schon damals war vielen klar: Misstrauen, das man &hellip; <a href=\"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wirtschaft-ohne-wachstum-warum-das-gegenwaertige-wirtschaftssystem-eine-entwicklung-zur-nachhaltigkeit-ausschliesst\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Wirtschaft ohne Wachstum &#8211; warum das gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit ausschlie\u00dft<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,209,375,28,24],"tags":[200,422,194,423,481,453,482,316,195,196,415,64,140,229,199,198,197,147],"class_list":["post-205","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-jenseits-vom-wachstum","category-neuer-fiskalismus","category-umwelt","category-zukunftsperspektiven-wirtschaftstheorie","tag-dividenden","tag-entwicklungslaender","tag-herman-daly","tag-hyperinflation","tag-japan","tag-jeremy-rifkin","tag-manager","tag-meinhard-miegel","tag-nachhaltigkeit","tag-oekologischer-fussabdruck","tag-privatisierung","tag-privilegien","tag-progressive-endverbrauchssteuer","tag-rohstoffabhaengigkeit","tag-ungleichheit","tag-verschuldung","tag-wachstumszwang","tag-zinsen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=205"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/205\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}