{"id":202,"date":"2009-04-14T11:49:53","date_gmt":"2009-04-14T09:49:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=202"},"modified":"2019-05-18T10:33:43","modified_gmt":"2019-05-18T08:33:43","slug":"protektionismus-ein-bedrohliches-gespenst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/protektionismus-ein-bedrohliches-gespenst\/","title":{"rendered":"Protektionismus \u2013 ein bedrohliches Gespenst?"},"content":{"rendered":"<p><b><\/b>Von den verschiedensten Seiten wird gegenw\u00e4rtig die Bedrohung durch staatliche Schutzma\u00dfnahmen beschworen. Nichts Schlimmeres k\u00f6nne geschehen, als dass jeder Staat mit der sich versch\u00e4rfenden Krise zun\u00e4chst einmal an sich selber denke, indem er protektionistisch, d.h. egoistisch handelt. Diese Warnung vor dem Egoismus leuchtet unmittelbar ein, allerdings fragt man sich, warum Egoismus f\u00fcr einzelne, besonders wenn sie Banker, Manager und Verm\u00f6gensbesitzer waren, bis gestern noch als das vornehmste und sch\u00fctzenswerteste Recht der B\u00fcrger galt?<!--more--> Abgesehen von diesem seltsamen Widerspruch, muss man sich aber auch die grunds\u00e4tzliche Frage stellen, ob Protektionismus wirklich eine so verdammenswerte Ma\u00dfnahme w\u00e4re?<\/p>\n<p>In kurzfristiger Perspektive haben die Warner sicher Recht. Jede Ver\u00e4nderung einer eingespielten Routine bringt zu Anfang fast immer katastrophale Auswirkungen hervor. Man kann ein dicht gewobenes Netz von Handelsbeziehungen und \u2013abh\u00e4ngigkeiten nicht lockern, ohne dass daraus f\u00fcr alle Beteiligten zun\u00e4chst einmal gro\u00dfe Nachteile entstehen. Das gilt ebenso heute wie vor einem dreiviertel Jahrhundert nach 1929.<\/p>\n<p>Aber wie ist es, wenn wir den Schutz eigener Industrien und Arbeitspl\u00e4tze in eine weitere Perspektive einordnen? Der renommierte Wirtschaftshistoriker Paul Bairoch hat die Perioden von Freihandel und Protektionismus w\u00e4hrend der vergangenen zweihundert Jahre untersucht und stellt dabei eine Bilanz auf, die der \u00fcblichen Sicht deutlich widerspricht (\u00bbEconomics and World History\u00ab).<\/p>\n<p>Bairoch konnte von der j\u00fcngsten Krise noch nichts wissen. Bezieht man diese in die historische Betrachtung mit ein, dann ergibt sich etwa f\u00fcr die Vereinigten Staaten eine bemerkenswerte Bilanz. Nach der Jahrhundertwende f\u00e4llt es nicht schwer, eine klare Antwort darauf zu geben, wann es den USA besser ging: Nach dem B\u00fcrgerkrieg bis 1914, als sie ihre Industrien mit teilweise sehr hohen Z\u00f6llen gegen Konkurrenz von au\u00dfen sch\u00fctzten, und danach bis in die f\u00fcnfziger Jahre, als sie immer noch hohe Z\u00f6lle verh\u00e4ngten, oder seit den 60er Jahren? Der ersten dieser beiden deutlich unterschiedenen Perioden verdanken sie ihren Aufstieg zur Weltmacht, der f\u00fcr sie genauso verlief wie im Falle Chinas, n\u00e4mlich durch \u00e4u\u00dferen Schutz. Der zweiten Periode verdanken sie ihren Niedergang als f\u00fchrende Industriemacht. Nachdem sie unmittelbar nach dem Kriege und dem Zusammenbruch ihrer Konkurrenten eine \u00fcberw\u00e4ltigende industrielle Vormachtstellung besa\u00dfen und der Freihandel ihnen daher die gr\u00f6\u00dften Vorteile bescherte, ging dieser Vorzug f\u00fcr sie schon seit den achtziger Jahren verloren. Ihre eigenen Industrien wurden nach und nach ausgelagert, das Wachstum verlief auf Pump oder war Patenten, Lizenzen, dem Immobiliensektor und nicht zuletzt ihrer weltbeherrschenden Stellung als f\u00fchrende Handelsmacht geschuldet, d.h. \u00fcberwiegend immateriellen Faktoren, die in einer ernsten Krise sehr schnell an Bedeutung verlieren. Es war vor allem die zentrale Stellung der Vereinigten Staaten im Netz der Informations- und Handelsstr\u00f6me, die es ihnen erlaubte, Waren aus dem Ausland zu Billigpreisen zu kaufen und Informationen (Patente, Lizenzen etc.) zu H\u00f6chstpreisen zu verkaufen. Dann kam 2008 die Krise, die diese zentrale Stellung ersch\u00fcttern sollte. Auf einmal z\u00e4hlt nur noch die reale Basis der Produktion, die aber inzwischen in breiten Rostg\u00fcrteln verkommen ist.<\/p>\n<p>Europa hat die USA vor allem als Inhaber der Weltleitw\u00e4hrung beneidet und glaubt darin immer noch einen entscheidenden Vorteil zu erblicken. F\u00fcr alles Geld, das andere Staaten ben\u00f6tigen, um ihren Warenverkehr untereinander in Dollars abzurechnen, k\u00f6nnen die USA Leistungen (Waren und Dienste) verlangen, ohne irgendwelche Gegenleistungen zu erbringen. Diese \u00bbSeigneurage\u00ab setzte in Richtung USA einen Strom geschenkter Waren in Fluss, der sich in einer entsprechenden Erh\u00f6hung des amerikanischen Lebensstandards auswirkte. F\u00fchrende Kreise Europas sahen und sehen ihren Ehrgeiz darin, den Euro an die Stelle des Dollars zu setzen, um ihn als neue Leitw\u00e4hrung zu etablieren. In der von den Vereinigten Staaten ausgehenden Krise erblicken nicht wenige eine Chance f\u00fcr den Euro.<\/p>\n<p>Aber liegt darin eine wirkliche Chance oder eher eine gef\u00e4hrliche Verf\u00fchrung?<\/p>\n<p>Nimmt man beides zusammen: den Freihandel und die Leitw\u00e4hrung Dollar, so dr\u00e4ngt sich dem vorurteilsfreien Beobachter heute die Einsicht auf, dass die Weltmachtstellung der USA in erster Linie durch diese beiden Institutionen ausgeh\u00f6hlt worden ist und letztlich an ihnen zugrunde ging. Daf\u00fcr gibt es eine Reihe von Beispielen aus der Geschichte. Die spanische Vormachtstellung im 16. Jahrhundert beruhte auf Gold, und sie ging in k\u00fcrzester Zeit aufgrund eben dieses Goldflusses zu Ende. Leistungslos erworbener Reichtum, gleichg\u00fcltig ob dieser nun aus Gold, \u00d6l, Gas oder den Vorteilen einer Leitw\u00e4hrung besteht, verschafft kurzfristig gr\u00f6\u00dften Gewinn. Dagegen f\u00fchrt er auf l\u00e4ngere Sicht fast immer zu einer L\u00e4hmung der produktiven Kr\u00e4fte. Stark, wohlhabend und sozial dynamisch wird ein Staat durch eigene Arbeit; geschw\u00e4cht, abh\u00e4ngig und sozial gespalten wird er durch alles, was ihm ohne Arbeit nur in den Scho\u00df f\u00e4llt. So gesehen k\u00f6nnte Europa gar nichts Schlechteres passieren, als dass der Euro die Stelle des Dollars als internationale Leitw\u00e4hrung \u00fcbernimmt. Eine solche Rolle Europas w\u00e4re vermutlich durchaus im Sinne Chinas und Indiens, die dann auch bei uns so wie zuvor schon in den Vereinigten Staaten mehr und mehr industrielle Kapazit\u00e4ten in eigene Regie \u00fcbernehmen und unsere noch intakten Fabriken in Rostg\u00fcrtel verwandeln. Auf kurze Frist w\u00fcrden alle zufrieden sein, auf lange Sicht w\u00fcrde Europa denselben Weg wie die USA beschreiten.<\/p>\n<p>So segensreich der freie Handel unter bestimmten Bedingungen ist (n\u00e4mlich innerhalb eines politisch geeinten und sozial halbwegs homogenen Territoriums), so verheerend k\u00f6nnen seine Auswirkungen sein, wenn diese Bedingungen fehlen. Die fr\u00fchere Weltmacht Gro\u00dfbritannien hat ihre einstmals f\u00fchrenden Industrien fast g\u00e4nzlich eingeb\u00fc\u00dft, die USA sind gerade dabei, General Motors zu verlieren, bis vor kurzem Inbegriff das Flagschiff amerikanischer Vormachtstellung. England hat eine Zeitlang genug am \u00d6l verdient, um den Lebensstandard seiner B\u00fcrger zu wahren. Man meinte \u00fcberdies, den Verlust an realer produktiver Substanz durch Finanzdienstleistungen wettzumachen. Die USA glaubten sich aufgrund ihrer \u00fcberragenden milit\u00e4rischen St\u00e4rke, der Leitw\u00e4hrung Dollar und einer Handvoll von Spitzenuniversit\u00e4ten auch dann noch als Weltmacht behaupten zu k\u00f6nnen, wenn von der industriellen Basis im eigenen Land immer weniger \u00fcbrig blieb. Eine einzige gro\u00dfe Krise hat jetzt gen\u00fcgt, um solche Vorstellungen als Illusion zu entlarven.<\/p>\n<p>Doch die Illusion betrifft nicht nur Staaten, die ihre eigenen Industrien leichtfertig opferten, sie betrifft auch die anderen: die gro\u00dfen Exporteure China, Japan und Deutschland.<\/p>\n<p>Nehmen wir zum Beispiel Deutschland. Trotz exportgetriebenen Wachstums wurde die Wohlfahrt nach den neunziger Jahren nur noch f\u00fcr eine Minderheit erh\u00f6ht. Aufgrund der Konkurrenz asiatischer Billiglohnl\u00e4nder standen die Massenl\u00f6hne unter fortw\u00e4hrendem Druck. Die au\u00dfereurop\u00e4isch orientierte Exportindustrie erbrachte zwar nicht einmal zehn Prozent der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung, aber sie dr\u00fcckte unaufh\u00f6rlich das Lohnniveau bei den au\u00dferhalb von ihnen arbeitenden restlichen 90 Prozent der arbeitenden Menschen. Die Mehrheit verlor relativ an Kaufkraft, w\u00e4hrend sich die Spitzenl\u00f6hne erh\u00f6hten \u2013 eine zunehmende soziale Spaltung in Arm und Reich war die Folge.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens wenn der US-W\u00e4hrung in den Keller rutscht (was jetzt schon absehbar ist, weil die phantastische Staatsverschuldung nur mit dem Druck neuer Dollarnoten bezahlt werden kann), werden die USA damit beginnen, ihre verlorenen Industrien wieder aufzubauen. Dazu werden protektionistische Ma\u00dfnahmen unumg\u00e4nglich sein. Einerseits weil bei zunehmend schw\u00e4cherem Dollar das Geld f\u00fcr den weiteren Import ihres hohen Lebensstandards einfach nicht l\u00e4nger vorhanden ist, andererseits weil sie ohne diesen Import und ohne eigene Produktion auf das Niveau eines Entwicklungslandes herabsinken w\u00fcrden. Die Wirkung dieses kommenden Protektionismus wird die jetzt schon massiven Exporteinbr\u00fcche in Japan und Europa noch weit \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Der von den USA ausgehende und bald weltweit ausgreifende Protektionismus wird sich zun\u00e4chst als \u00fcberaus schmerzhaft erweisen und den allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang stark beschleunigen. F\u00fcr die Zukunft birgt er dennoch die entscheidende Chance, dass er den \u00dcbergang zu einem nachhaltigen Wirtschaftsmodell erleichtert oder ihn vielleicht sogar erzwingt. Denn dieser \u00dcbergang wird nur auf regionaler Ebene m\u00f6glich sein: mit erneuerbaren Energien, mit organisierter Wiederverwertung und einer Vorortproduktion, die innerhalb politisch geeinter und sozial weitgehend homogener Wirtschaftsbl\u00f6cke stattfindet. Solche Bl\u00f6cke waren bisher nur Nationen &#8211; die Europ\u00e4ische Union k\u00f6nnte und wird hoffentlich einmal zu einer solchen Einheit zusammenwachsen. Nur auf der Ebene politisch und sozial geeinter Gesellschaften entfaltet die Teilung der Arbeit, eine der wichtigsten Voraussetzungen f\u00fcr die Hebung des Lebensstandards, ihre belebenden Wirkungen, w\u00e4hrend sie zwischen Nationen auf ganz unterschiedlichem Niveau der Entwicklung selten eindeutig g\u00fcnstige, sehr oft aber f\u00fcr eine oder auch beide Seiten geradezu zerst\u00f6rerische Wirkungen freisetzt. Hier kann Protektionismus wirklichen Schutz bedeuten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von den verschiedensten Seiten wird gegenw\u00e4rtig die Bedrohung durch staatliche Schutzma\u00dfnahmen beschworen. Nichts Schlimmeres k\u00f6nne geschehen, als dass jeder Staat mit der sich versch\u00e4rfenden Krise zun\u00e4chst einmal an sich selber denke, indem er protektionistisch, d.h. egoistisch handelt. 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