{"id":1859,"date":"2017-08-11T12:40:47","date_gmt":"2017-08-11T10:40:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=1859"},"modified":"2017-08-23T16:03:38","modified_gmt":"2017-08-23T14:03:38","slug":"das-janusgesicht-des-eigentums-koenigsweg-in-die-freiheit-oder-inaufruhr-und-unfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/das-janusgesicht-des-eigentums-koenigsweg-in-die-freiheit-oder-inaufruhr-und-unfreiheit\/","title":{"rendered":"Janusk\u00f6pfiges Eigentum: K\u00f6nigsweg in die Freiheit oder in Revolutionen und Unfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>(erscheint auch in &#8218;Humane Wirtschaft&#8216; und fbkfinanzwirtschaft)<\/p>\n<p>Es gibt kein unmittelbareres, kein elementareres Eigentum als das, was ich an meinem eigenen K\u00f6rper habe. Wenn man mich fesselt, ins Gef\u00e4ngnis wirft oder auch nur meinen T\u00e4tigkeitsbereich beschr\u00e4nkt, dann verliere ich das Recht auf dieses angeborene Grundeigentum &#8211; meine Freiheit wird aufgehoben.<!--more--> Im Extrem macht man Menschen zu Sklaven, indem man ihnen die Verf\u00fcgung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper nimmt. Dieser unterliegt nicht mehr ihrem eigenen Wollen, sondern ger\u00e4t unter die Botm\u00e4\u00dfigkeit von Fremden. In der Antike und in den S\u00fcdstaaten der United States haben die Sklavenhalter andere Menschen zu ihrem Eigentum gemacht und auf diese Weise die eigene Freiheit erh\u00f6ht. Sie potenzierten ihren Reichtum, aber das geschah auf Kosten der Freiheit anderer Menschen.<\/p>\n<h3>Ein Grundbed\u00fcrfnis des Menschen: die Verf\u00fcgung \u00fcber sich selbst und sein Eigentum<\/h3>\n<p>Die Definition von Eigentum als exklusive Verf\u00fcgungsberechtigung hat hier \u2013 beim eigenen K\u00f6rper \u2013 ihren Ausgangspunkt. Ich bin frei, wenn ich \u00fcber Dinge \u2013 angefangen beim eigenen K\u00f6rper \u2013 nach <em>meinem<\/em> Wollen, <em>meinen<\/em> Pl\u00e4nen und <em>meinem<\/em> Lebenszweck verf\u00fcge. Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass es einem Menschen die tiefste Befriedigung verschafft, sich von keinem anderen sagen lassen zu m\u00fcssen, was er mit seinem eigenen K\u00f6rper anstellen soll, wenn also kein <em>fremdes<\/em> Wollen, <em>fremde<\/em> Pl\u00e4ne und <em>fremde<\/em> Zwecke an die Stelle des eigenen treten und dadurch seine Freiheit beschneiden. Aus genau diesem Grund sind ja alle Arten der Kollektivierung, wo Menschen von oben geg\u00e4ngelt werden, auf so erbitterten Widerstand gesto\u00dfen \u2013 sie beschneiden ein Grundbed\u00fcrfnis des Menschen: die Verf\u00fcgung \u00fcber sich selbst und die Dinge, die er als sein Eigentum f\u00fcr sich in Anspruch nimmt.<\/p>\n<h3>Eigentum bildet das erweiterte Ich<\/h3>\n<p>Freiheit wird demnach auf die gleiche Art verstanden, wenn sie sich \u00fcber den eigenen K\u00f6rper hinaus auf die Dinge der \u00e4u\u00dferen Welt erstreckt. Mein Haus, mein Garten, meine B\u00fccher und Ger\u00e4te bilden mein Eigentum \u2013 eine Erweiterung des eigenen Selbst -, wenn sie ausschlie\u00dflich mir geh\u00f6ren, weil sie mir dienen: n\u00e4mlich meinem Wollen, meinen Pl\u00e4nen und meinem Lebenszweck. Auch in diesem Fall sind Eigentum und Freiheit unl\u00f6sbar miteinander verbunden. Das gilt auch f\u00fcr den Genuss, den mir solches Eigentum zu verschaffen vermag. <em>Wir \u201averwirklichen\u2019 uns nicht nur in unserem K\u00f6rper, unserem selbstbestimmten Lebenslauf, sondern ebenso in den Dingen, die uns umgeben, sie sind unser erweitertes Ich<\/em>. Alle Einschr\u00e4nkungen und Eingriffe, die sich der Staat oder irgendeine andere Instanz an meinem Eigentum erlauben, erscheinen mir subjektiv als \u201aEntfremdung\u2019 von diesen Dingen und als Verlust an Freiheit. Eine Eigentumswohnung etwa oder gar ein Eigentumshaus dient der Verwirklichung eigener Pl\u00e4ne, m\u00f6gen diese nun in Vorstellungen von Gem\u00fctlichkeit, architektonischer Sch\u00f6nheit oder privater Abgeschiedenheit bestehen; eine Mietwohnung hingegen dient den Zwecken fremder Eigent\u00fcmer und schr\u00e4nkt daher meine Freiheit wesentlich ein. Es ist verst\u00e4ndlich, dass fast jeder, der es sich leisten kann, lieber Eigent\u00fcmer als Mieter ist.<\/p>\n<h3>Why Nations Fail<\/h3>\n<p>So ist es nicht erstaunlich, dass jede erfolgreiche Demokratisierung, sowie die nachhaltigsten und belebendsten Auswirkungen auf die Wirtschaft von Reformen ausgehen, welche eine Verteilung von Eigentum auf bisher eigentumslose Schichten bewirken. Demokratien sind in der Regel \u00fcberhaupt erst dadurch entstanden, dass die Ballung von Macht in den H\u00e4nden einer feudalen oder sozialistischen Oberschicht erst einmal beendet wurde \u2013 meist auf dem Wege von Revolutionen. Ich kenne kein Buch, dass die tonisierende Wirkung solcher Eigentumsverteilung so \u00fcberzeugend beschreibt wie \u201aWhy Nations Fail\u2019 von Acemoglu und Robinson.<a id=\"Kopf1\"><\/a><a href=\"#Fuss1\">*1*<\/a><\/p>\n<h3>Grund und Boden sind begrenzt<\/h3>\n<p>Allerdings macht sich an dieser Stelle ein regelm\u00e4\u00dfig eintretender Konflikt bemerkbar: der zwischen dem elementaren Bed\u00fcrfnis aller Menschen nach (in Eigentum bestehender) Freiheit und der M\u00f6glichkeit, diese f\u00fcr eine maximale Zahl von ihnen auch tats\u00e4chlich zu realisieren. In jedem einzelnen Staat wie auch auf dem Globus als ganzem ist der Vorrat an zu bewirtschaftendem Land im Verh\u00e4ltnis zur Bev\u00f6lkerung begrenzt. Wenn eine kleine Zahl von Eigent\u00fcmern \u00fcber s\u00e4mtliches Land verf\u00fcgt, l\u00e4uft dies zwangsl\u00e4ufig darauf hinaus, dass eine Mehrheit darauf verzichten muss. Oder anders gesagt: Liegt die Verf\u00fcgungsberechtigung \u00fcber Grund und Immobilien in der Hand einer kleinen Zahl von Investoren, dann l\u00e4uft dies nat\u00fcrlich darauf hinaus, dass eine Mehrheit niemals ein gleiches Ma\u00df an Verf\u00fcgungsberechtigung und damit an Freiheit genie\u00dft. Ist dieser Widerspruch aufl\u00f6sbar?<\/p>\n<h3>Wenn Eigentum eine Mehrheit von Menschen unfrei macht<\/h3>\n<p>Eigentum ist janusk\u00f6pfig: Es hat die sichtbare Eigenschaft, ein Instrument der Freiheit zu sein, dann n\u00e4mlich, wenn ich die volle Verf\u00fcgungsberechtigung dar\u00fcber genie\u00dfe, es kann aber auch das genaue Gegenteil bewirken, wenn ich lediglich der Nutzer fremden Eigentums bin und mich daher dem Wollen, den Pl\u00e4nen und dem Lebenszweck <em>anderer Menschen<\/em> zu f\u00fcgen habe. Der kapitalistische Eigent\u00fcmer, der gro\u00dfe Mengen an Land aufkauft, m\u00f6glicherweise ohne jemals auch nur den Fu\u00df darauf zu setzen, vermehrt zwar die eigene Freiheit, hebt aber zur gleichen Zeit die Freiheit vieler anderer Menschen auf, denen er vorschreiben kann, was sie auf seinem Grund und Boden zu tun und zu lassen haben. Nichts anderes bewirkt ein kollektivistischer Staat, wenn er alles Land \u201asozialisiert\u2019 und dessen jeweilige Nutzung seinen B\u00fcrgern von oben verordnet. Die grassierende Sabotage in den sowjetrussischen Kolchosen war nichts anderes als ein Aufstand gegen Ohnmacht und Unfreiheit. Aus freien Bauern, die bis dahin auf eigenem Land eigenes Wollen, Pl\u00e4ne und Lebenszwecke verwirklichten, waren unfreie Landarbeiter geworden, die sklavisch die Anweisungen einer allm\u00e4chtigen B\u00fcrokratie zu befolgen hatten. Acemoglu und Robinson haben gezeigt, wie solche Unfreiheit \u2013 in ihren Worten \u201aausbeuterische Institutionen\u2019 (extractive institutions) &#8211; wirtschaftliches Leben erstickt und auf Dauer nur von Diktaturen durchgesetzt werden kann.<\/p>\n<h3>Vollwertiges, gerechtes Eigentum<\/h3>\n<p>Gelingende Landreformen \u2013 gleichg\u00fcltig ob gegen das geballte kapitalistische Eigentum in den H\u00e4nden weniger Fonds oder Gro\u00dfgrundbesitzer gerichtet oder gegen das kollektivistische (sozialisierte) Eigentum in der Hand einer kommunistischen Nomenklatura &#8211; verfolgen den Zweck, Eigentum, welches die Freiheit weniger Gro\u00dfeigent\u00fcmer mit der Unfreiheit einer gro\u00dfen Zahl abh\u00e4ngiger Nutzer erkauft, in vollwertiges, gerechtes Eigentum umzuwandeln, in solches also, welches ausschlie\u00dflich Freiheit verschafft. Das ist der Fall, <em>wenn der jeweilige Eigent\u00fcmer frei dar\u00fcber verf\u00fcgen kann, aber ohne die Freiheit anderer einzuschr\u00e4nken<\/em>, indem er sie als Sklaven, Leibeigene, P\u00e4chter, Zeitarbeiter, Mieter etc. zu eigenen Zwecken benutzt. Wer ein St\u00fcck Land selbst bewirtschaftet, der geht damit wie mit seinem eigenen K\u00f6rper um, also pfleglich und meist sogar liebevoll. W\u00e4hrend er auf den Kolchosen das Staatseigentum geraubt oder misshandelt hatte, wenn er Traktoren und Erntemaschinen nicht einfach dahinrosten und auf diese Weise verkommen lie\u00df, behandelt er alles pers\u00f6nliche Eigentum wie eine Kostbarkeit, weil er damit sein je eigenes Wollen, seine Pl\u00e4ne und seinen Lebenszweck realisiert. Wie gesagt, ist es alles andere als ein Zufall, dass gelingende Landreformen fast immer am Beginn einer sich demokratisierenden, freien Gesellschaft stehen.<\/p>\n<h3>Die Tragik der Allmenden<\/h3>\n<p>Weil es im elementaren Interesse jedes Eigent\u00fcmers liegt, mit den von ihm verwalteten Dingen so sorgf\u00e4ltig umzugehen wie mit dem eigenen K\u00f6rper, bedarf dieser Umgang keiner \u00e4u\u00dferen Aufsicht durch andere Menschen, schon gar keiner Kontrolle durch einen Staat. Ganz anders verh\u00e4lt es sich mit Allmenden, dem Gemeineigentum, auf das jeder B\u00fcrger zugreifen darf. Es war und ist immer und \u00fcberall aufs st\u00e4rkste gef\u00e4hrdet (\u201athe Tragedy of the Commons\u2019). Die Meere werden leer gefischt oder r\u00fccksichtslos mit Plastik und anderen Abf\u00e4llen verseucht, Boden und Fl\u00fcsse vergiftet, wenn das Gemeineigentum nicht der strengsten Kontrolle durch die Allgemeinheit unterliegt, oft repr\u00e4sentiert durch den Staat oder internationale Organe. Ohne diese st\u00e4ndige \u00dcberwachung und Aufsicht holt sich jeder auf Kosten aller anderen, was er sich nur zu holen vermag oder, schlimmer noch, er nutzt das Gemeineigentum als kostenfreie Senke \u2013 wie das gegenw\u00e4rtig mit den Meeren geschieht. Dennoch sind Allmenden eine unverzichtbare Institution in bestimmten Bereichen (hierzu vgl. Fu\u00dfnote 2).<\/p>\n<h3>Gerechtes Eigentum ist kein Diebstahl, sondern das genaue Gegenteil: darin manifestiert sich ein Grundbed\u00fcrfnis des Menschen<\/h3>\n<p>Die Verwandlung von vollwertigem, gerechtem Eigentum, das den einzelnen frei macht, in moralisch anfechtbares Eigentum, das einige wenige frei, aber viele andere unfrei macht, weil es auf deren Kosten erworben wird, bezeichnet einen Trend, der so alt ist wie die dadurch bewirkte menschliche Ungleichheit (die Geschichte der Ungleichheit, welche nach der neolithischen Revolution beginnt, hat der Polyhistor Walter Scheidel in einem bemerkenswerten Buch \u201aThe Great Leveler: Violence and the History of Inequality\u2019 \u00fcber alle gro\u00dfen Kulturen bis in die Gegenwart verfolgt). Eben weil Freiheit als selbstbestimmte Verf\u00fcgung \u00fcber das eigene Ich und die es umgebenden Dinge ein so elementares Bed\u00fcrfnis ist und so tiefe Befriedigung verschafft, <em>streben die meisten Menschen nach immer mehr Freiheit und immer mehr Verf\u00fcgungsgewalt<\/em>.<a id=\"Kopf2\"><\/a><a href=\"#Fuss2\">*2*<\/a> Genau damit aber sto\u00dfen sie schnell an die Grenze, wo sie best\u00e4ndig und in steigendem Ma\u00dfe die Freiheit anderer beschneiden. So grell in die Augen springend, so vorherrschend, so bedr\u00fcckend kann diese Tendenz in Erscheinung treten, dass die eigentumslosen Massen im Eigentum selbst schlie\u00dflich den Grund allen \u00dcbels erblicken und gro\u00dfe Denker ihnen in dieser Einsch\u00e4tzung folgen. So ist zu erkl\u00e4ren, dass Philosophen wie Rousseau (\u201eder erste, der ein St\u00fcck Land mit einem Zaun umgab \u2026\u201c), Proudhon oder Marx das Eigentum \u00fcberhaupt zum Diebstahl erkl\u00e4rten.<a id=\"Kopf3\"><\/a><a href=\"#Fuss3\">*3*<\/a> Sie sahen die Unfreiheit, welche das moralisch anfechtbare Eigentum mit sich bringt, aber sie waren seltsam blind f\u00fcr das elementare Bed\u00fcrfnis des Menschen nach freier Verf\u00fcgung \u00fcber sich selbst und die ihn umgebenden Dinge, welche ihm gerade das gerechte Eigentum zu verschaffen vermag.<a id=\"Kopf4\"><\/a><a href=\"#Fuss4\">*4*<\/a><\/p>\n<h3>Henry George<\/h3>\n<p>Das Buch \u201aProgress and Poverty\u2019, zuerst ver\u00f6ffentlicht im Jahre 1879, erwies sich als sensationeller Welterfolg. In englischsprachigen L\u00e4ndern \u00fcbertraf sein Absatz w\u00e4hrend der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts den aller sonstigen B\u00fccher mit Ausnahme der Bibel. Henry George lieferte eine Erkl\u00e4rung, warum gerade die am h\u00f6chsten entwickelten Staaten \u2013 und dazu z\u00e4hlten schon damals die United States of America \u2013 neben glei\u00dfendem Reichtum eine so in die Augen springende Armut aufwiesen. George zufolge lag die Verantwortung f\u00fcr dieses Elend bei einer Minderheit von Eigent\u00fcmern an Grund und Boden, die parasit\u00e4r auf Kosten der restlichen B\u00fcrger leben. Selbst wenn sie ihren Boden ungenutzt brach liegen lie\u00dfen, profitierten sie in Gestalt einer steil aufschie\u00dfenden Bodenrente von der Entstehung einer Fabrik oder einer Ortschaft in der N\u00e4he ihres Grundst\u00fccks. Mit anderen Worten, brauchten sie selbst keinen Finger zu r\u00fchren, um auf diese Weise an der Arbeit anderer zu verdienen. In einem Staat, wo die B\u00fcrger mit gleichen Rechten und Pflichten geboren werden, sei nicht einzusehen, warum einige wenige dieses begrenzt vorhandene Gut in gro\u00dfer Menge besitzen, w\u00e4hrend andere \u2013 die Mehrheit &#8211; ein Leben lang von diesem Eigentum ausgesperrt bleiben und noch dazu gezwungen sind, an die parasit\u00e4ren Rentiers hohe Bodenrenten als Entgelt f\u00fcr blo\u00dfes Nichtstun zu zahlen. Um diesem \u00dcbel abzuhelfen, schlug George eine 100%ige Steuer vor, die allen parasit\u00e4r erwirtschafteten Profit absch\u00f6pfen sollte. Diese Steuer w\u00fcrde die vorhandenen Abgaben auf Arbeit und Kapital nicht nur ersetzen, sondern sie schlechthin \u00fcberfl\u00fcssig machen &#8211; ein gewaltiger Vorteil f\u00fcr die Produktion, die wirkliche Quelle allen Reichtums, die auf diese Weise wesentlich stimuliert werden w\u00fcrde.<\/p>\n<h3>Ein revolution\u00e4rer und dennoch nicht restlos befriedigender Vorschlag<\/h3>\n<p>Henry George hielt das Privateigentum an Grund und Boden f\u00fcr eine grunds\u00e4tzlich ungerechte Institution; de facto l\u00e4uft seine Forderung nach einer 100%igen Besteuerung denn auch auf eine Nationalisierung des Bodens hinaus, da ein Interesse an dessen Erwerb nat\u00fcrlich nicht l\u00e4nger besteht, wenn der Ertrag daraus zu 100 Prozent abgesch\u00f6pft wird. Verlieren Anleger aber alles Interesse am Boden, da es ihnen keinen Profit mehr verschafft, wird nat\u00fcrlich auch die daraus flie\u00dfende Steuer auf Null reduziert: Die Reform erweist sich zwar als voller Erfolg, die parasit\u00e4re Bodenrente ist abgeschafft, aber Steuern (gar solche, welche alle anderen ersetzen) lassen sich daraus nicht mehr gewinnen. Eindringlich und \u00fcberzeugend hat Henry George den Finger auf die Wunde des parasit\u00e4ren Wirtschaftens in den reichen Industriel\u00e4ndern gelegt, aber seine Steuer (Single tax) hat nicht \u00fcberzeugt und wurde daher auch nie praktisch angewendet. Auff\u00e4llig ist \u00fcberdies, dass George blind auf einem Auge blieb. Der Mechanismus der Zinsen (einschlie\u00dflich Dividenden, Mieten etc.), der in unserer Zeit eine weit gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt, sorgt (au\u00dfer in seltenen Nullzinsperioden) ebenso wie die Bodenrente f\u00fcr eine parasit\u00e4re Ballung des Reichtums in wenigen H\u00e4nden, und zwar zu Lasten der arbeitenden Mehrheit.<a id=\"Kopf5\"><\/a><a href=\"#Fuss5\">*5*<\/a> Aber dar\u00fcber sah Henry George hinweg: das Kapital blieb f\u00fcr ihn unantastbar.<a id=\"Kopf6\"><\/a><a href=\"#Fuss6\">*6*<\/a><\/p>\n<h3>Es fehlt die Unterscheidung von gerechtem und f\u00fcr die Allgemeinheit gef\u00e4hrlichem Eigentum<\/h3>\n<p>Abgesehen von solchen Einw\u00e4nden vermag die Forderung nach einer 100%igen Besteuerung der Bodenrente schon deshalb nicht wirklich zu \u00fcberzeugen, weil die eigentlich wichtige Unterscheidung zwischen gerechtem Eigentum und jenem, das in die Unfreiheit f\u00fchrt, dabei unber\u00fccksichtigt bleibt. Wenn jeder Mensch mit gleichen Rechten geboren ist, dann steht ihm an dem unvermehrbaren Erbe des Bodens (und dem innerhalb einer gegebenen Zeit nur begrenzt vermehrbaren Erbe der Immobilien) ein numerisch im Hinblick auf die Bev\u00f6lkerungszahl genau zu errechnender Anteil zu. Dieser Teil gerechten Privateigentums geh\u00f6rt demnach zum Erbteil eines jeden B\u00fcrgers und sollte deshalb auch unbesteuert bleiben. Erst wenn dieser Anteil \u00fcberschritten wird, darf und muss eine <em>progressive Besteuerung<\/em> eintreten (so mein Vorschlag: siehe \u201aNeuer Fiskalismus\u2019 http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=139, in dem man auch eine praktikable Abwandlung und Fortf\u00fchrung der Gedanken von Henry George sehen kann). Eine solche L\u00f6sung tastet das gerechte Privateigentum nicht an und tr\u00e4gt so der empirisch mit \u00fcberw\u00e4ltigender Evidenz belegten Tatsache Rechnung, dass von ihm eine im h\u00f6chsten Grade stimulierende und demokratisierende Wirkung ausgeht. Andererseits l\u00e4sst sich die Akkumulation von Privateigentum in wenigen H\u00e4nden auf diese Art wirksam bek\u00e4mpfen, da parasit\u00e4res Einkommen aus Boden und Kapital im Sinne der Allgemeinheit besteuert wird, und zwar mit progressiver Tendenz. Je nach Steilheit der Progression l\u00e4sst sich die Konzentration von Eigentum in wenigen H\u00e4nden nicht nur wesentlich erschweren, sondern auch ganz verhindern. Das Freiheit erm\u00f6glichende Privateigentum wird dabei nicht in Mitleidenschaft gezogen, weil ja erst jenes, das Unfreiheit schafft, den parasit\u00e4ren Profit erzeugt und so zum Motor wachsender Ungleichheit wird.<\/p>\n<p><a href=\"#Kopf1\">1<\/a> <a id=\"Fuss1\"><\/a> Einen Mangel des Buches sehe ich allenfalls darin, dass es zwar \u00fcberzeugend die belebende Wirkung m\u00f6glichst stark verteilten Privateigentums nachweist, aber praktisch ganz aus den Augen l\u00e4sst, dass Gesellschaften, die dem demokratischen Ideal und einer weitgehenden Eigentumsverteilung einmal sehr nahe waren (man denke an die ersten zwei, drei Jahrzehnte der Bundesrepublik), sich im Laufe der Zeit fast automatisch \u2013 und zwar trotz aller Umverteilung &#8211; wieder in Richtung der Konzentration von Eigentum und politischer Macht entwickeln (siehe das genannte Buch von Walter Scheidel).<\/p>\n<p><a href=\"#Kopf2\">2<\/a> <a id=\"Fuss2\"><\/a> Es versteht sich, dass diese Befriedigung nur dort in Frage kommt, wo Eigentum der eigenen Verwirklichung auch einen entsprechenden Spielraum bietet. Das ist nat\u00fcrlich nicht bei nat\u00fcrlichen Ressourcen wie Wasser, \u00d6l, Gold, Eisenerz oder sonstigen Bodensch\u00e4tzen der Fall. Hier l\u00e4uft das Privateigentum nur auf eine Monopolstellung einzelner hinaus, die dem Interesse der Gesellschaft zuwiderl\u00e4uft. In diesem Sektor sollten deshalb immer \u00f6ffentliche Eigent\u00fcmer in Erscheinung treten, im besten Fall wohl auf kommunaler Ebene, um die Ballung von Macht an der Spitze des Staats zu verhindern.<\/p>\n<p><a href=\"#Kopf3\">3<\/a> <a id=\"Fuss3\"><\/a> Proudhon argumentiert in Wahrheit viel differenzierter. Vgl. Egon Friedells Kommentar in der \u201aKulturgeschichte der Neuzeit\u2019: \u201eF\u00fcr einen Kommunisten gilt auch Proudhon wegen seines ber\u00fchmten Ausspruchs: \u00bbWas ist Eigentum? Es ist Diebstahl\u00ab; aber dieser Satz kehrt sich eben nur gegen das vom Staat gesch\u00fctzte, arbeitslose Eigentum, das aus Renten und Zinsen, Hausmiete und Bodenpacht, Sinekuren und Privilegien und dergleichen flie\u00dft, und nicht gegen den privaten Besitz: das Eigentum, sagt er, sei die Quelle alles Missbrauchs, der Besitz aber (der im blo\u00dfen Gebrauch dessen besteht, was man sich erarbeitet hat) schlie\u00dfe jede M\u00f6glichkeit des Missbrauchs aus; dieser sei die Bedingung, jenes der Selbstmord der menschlichen Gesellschaft, dieser sei rechtlich, jenes widerrechtlich; und weit entfernt, den Privatbesitz abschaffen zu wollen, in dem er den notwendigen Ansporn zur Arbeit, die Grundlage der Familie und die Quelle alles Fortschritts erblickt, will er vielmehr, dass jeder Mensch Privatbesitzer sei.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#Kopf4\">4<\/a> <a id=\"Fuss4\"><\/a> Es gibt allerdings Liebesgemeinschaften wie Liebespaare, intakte Familien, Klostergemeinschaften oder auch Sekten, wo die Unterscheidung von mein und dein keine Rolle spielt. Abgesehen davon, dass sich die in ihnen \u00fcbliche G\u00fctergemeinschaft auf gr\u00f6\u00dfere Gesellschaften nie \u00fcbertragen lie\u00df, wurde solcher Kommunismus nur nach <em>innen<\/em> gepflegt, nach au\u00dfen haben solche Gruppierungen in der Regel streng auf ihrem Eigentum beharrt. Vgl. hierzu meinen fr\u00fcheren Artikel \u201aKarl Marx \u2013 ein hellsichtiger Reaktion\u00e4r\u2019 (http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=366).<\/p>\n<p><a href=\"#Kopf5\">5<\/a> <a id=\"Fuss5\"><\/a>\u00a0Hierzu vgl. meine Arbeit &#8218;Das \u00f6konomische Manifest&#8216; (http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Das-\u00d6konomische-Manifest.pdf)<\/p>\n<p><a href=\"#Kopf6\">6<\/a> <a id=\"Fuss6\"><\/a> Siehe Prof. Dirk L\u00f6hrs\u00a0informativen und f\u00fcr mich sehr anregenden Artikel \u201a(Un)Recht am Boden\u2019 (\u201aHumane Wirtschaft\u2019, 04\/2017) und <a href=\"https:\/\/mises.org\/library\/single-tax-economic-and-moral-implications\">https:\/\/mises.org\/library\/single-tax-economic-and-moral-implications<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(erscheint auch in &#8218;Humane Wirtschaft&#8216; und fbkfinanzwirtschaft) Es gibt kein unmittelbareres, kein elementareres Eigentum als das, was ich an meinem eigenen K\u00f6rper habe. 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