{"id":1116,"date":"2017-02-01T16:41:09","date_gmt":"2017-02-01T15:41:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=1116"},"modified":"2017-03-04T09:40:40","modified_gmt":"2017-03-04T08:40:40","slug":"geldschoepfung-aus-dem-nichts-realitaet-oder-chimaere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/geldschoepfung-aus-dem-nichts-realitaet-oder-chimaere\/","title":{"rendered":"Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts \u2013 Realit\u00e4t oder Chim\u00e4re?"},"content":{"rendered":"<pre>(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)<\/pre>\n<p>Von der Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts, wie sie angeblich die Notenbanken betreiben, <a href=\"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=1032\">war schon die Rede<\/a>. Jetzt geht es um die Gesch\u00e4ftsbanken.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich sind Gesch\u00e4ftsbanken in der Lage, auf dem Wege der so genannten Bilanzverl\u00e4ngerung Kredit aus dem Nichts zu sch\u00f6pfen, bei entsprechender Nachfrage vonseiten der Kreditnehmer\u00a0w\u00e4re\u00a0ihnen dies sogar in unbegrenztem Ausma\u00dfe m\u00f6glich. Die Frage ist nur, ob sie es tun, genauer gesagt, <strong>ob es sich f\u00fcr sie lohnt,<\/strong> das zu tun.<!--more--><\/p>\n<p>Wer diese Frage entscheiden will, muss zwei Situationen deutlich trennen und sie gegeneinander abgrenzen. Erstens, den Fall eines <strong>intensiven Wettbewerbs<\/strong> zwischen Gesch\u00e4ftsbanken A bis Z und, zweitens, den Fall einer (fiktiv-hypothetischen)\u00a0<strong>monopolistischen<\/strong> Gesch\u00e4ftsbank A, die als einzige unterhalb der Notenbank \u00fcbrig bleibt.<\/p>\n<h3><strong>Eine monopolistische Gesch\u00e4ftsbank sch\u00f6pft Kredit aus dem Nichts<\/strong><\/h3>\n<p>Im Falle der monopolistischen Gesch\u00e4ftsbank darf davon ausgegangen werden, dass der Zins f\u00fcr Einlagen, d. h. f\u00fcr das Bargeld, dass die Sparer auf ein Sparkonto legen, gleich Null sein wird. Die Bank ist auf die Einlagen von Sparern ja nicht l\u00e4nger angewiesen, weil sie das selbst kreierte Geld billiger kommt als eine Spareinlage, f\u00fcr die sie dem Sparer im Regelfall einen Minimalzins zahlen muss. <strong>Eine monopolistische Bank wird also schnell dazu \u00fcbergehen, auf Spareinlagen \u00fcberhaupt zu verzichten und alles Kreditgeld aus dem Nichts zu sch\u00f6pfen.\u00a0<\/strong>In diesem Fall, aber auch nur in diesem, sind jene im Recht, welche in der Buchgeldsch\u00f6pfung aus dem Nichts ein gewaltiges Problem erblicken.<\/p>\n<h3><strong>Gesch\u00e4ftsbanken im perfekten Wettbewerb<\/strong><\/h3>\n<p>Wie verh\u00e4lt es sich aber mit einem System des perfekten Wettbewerbs zwischen den Gesch\u00e4ftsbanken A bis Z?<\/p>\n<p>Auch in diesem Fall steht es jeder Bank offen, Kreditgeld durch Bilanzverl\u00e4ngerung aus dem Nichts zu sch\u00f6pfen. Sie muss aber damit rechnen, dass der Kreditnehmer den ihm gut geschriebenen Girobetrag dazu verwendet, um G\u00fcter oder Leistungen bei einem Kunden zu erwerben, der ein Konto bei der Bank Z unterh\u00e4lt und den von der Bank A nach Z \u00fcberwiesenen Betrag dann in bar behebt. Das zwingt die Bank A zu einem Saldoausgleich mit der Bank Z, den sie in Notenbankgeld begleichen muss.\u00a0<strong>Anders gesagt, muss die Bank A, wenn sie Geld aus dem Nichts sch\u00f6pft, den entsprechenden Betrag in Notenbankgeld an andere Banken entrichten.<\/strong><\/p>\n<h3>Dieses Notenbankgeld hat sie aber nicht<\/h3>\n<p>da sie ja Buchgeld aus dem Nichts gesch\u00f6pft hatte und den Betrag eben nicht in bar von einem Sparer erhielt. Die Bank ist daher gezwungen, <strong>sich den Betrag zu leihen und f\u00fcr die Entleihung nat\u00fcrlich Zins zu entrichten<\/strong>.<\/p>\n<p>Drei verschiedene Zinss\u00e4tze kommen bei einer solchen Entleihung in Frage. Der <strong>Spargeldzins<\/strong>, den sie an Sparer entrichtet, der <strong>Interbankenzins<\/strong>, falls sie sich das Geld von einer anderen Bank entleiht, oder der\u00a0<strong>Zins, den sie an die Notenbank<\/strong> zu entrichten h\u00e4tte, wenn sie das Geld aus dieser Quelle bezieht. Es leuchtet ein, warum der Interbankenzins\u00a0<strong>immer \u00fcber<\/strong> dem Sparzins liegt und der Notenbankzins seinerseits\u00a0<strong>fast immer \u00fcber<\/strong>\u00a0dem Interbankenzins (au\u00dfer Kraft gesetzt wird diese Regel nur in den seltenen F\u00e4llen, wo gegenseitiges Misstrauen zwischen den Banken so gro\u00df ist, dass es den Interbankengeldmarkt austrocknet).<\/p>\n<h3><strong>Der Zins f\u00fcr Spareinlagen ist immer der billigste, deswegen sind die Gesch\u00e4ftsbanken so auf das Geld der Sparer versessen<\/strong><\/h3>\n<p>Da der Interbanken- bzw. der an die Notenbank zu zahlende Zins f\u00fcr das von Bank A ben\u00f6tigte Banknotengeld also fast immer h\u00f6her liegt als der Zins, den die Bank f\u00fcr eine in bar gezahlte Spareinlage entrichtet, <strong>kommt sie ein Kredit, der auf einer Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts beruht, zwangsl\u00e4ufig teurer als ein Kredit, der aufgrund einer Spareinlage zustande kommt<\/strong><em>.<\/em><\/p>\n<p>Diese im Vergleich zum Sparzins h\u00f6here Last muss die Bank A aber an den Kreditnehmer weiterreichen. Zwangsl\u00e4ufig hat dieses Vorgehen zur Folge, dass sie im Wettbewerb mit anderen Banken, die keine Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts betreiben, <strong>an Konkurrenzf\u00e4higkeit einb\u00fc\u00dft<\/strong>.<\/p>\n<h3><strong>Im perfekten Wettbewerb ist die Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts f\u00fcr Gesch\u00e4ftsbanken viel zu teuer<\/strong><\/h3>\n<p>Hier und nur hier ist der Grund daf\u00fcr zu suchen, dass die Gesch\u00e4ftsbanken in einem System funktionierenden Wettbewerbs de facto keine Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts betreiben, obwohl sie dazu durchaus in der Lage w\u00e4ren. <strong>\u00d6konomisch betrachtet, macht es f\u00fcr sie schlicht keinen Sinn, von einem System der Kreditvergabe aufgrund von Spareinlagen zu einem solchen der Kreditvergabe aufgrund von Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts \u00fcberzugehen<\/strong>.<\/p>\n<p>Geradezu als Indikator f\u00fcr einen\u00a0funktionierenden Wettbewerb muss es dabei gelten, wenn nur geringe Geldmengen im t\u00e4glichen Saldenausgleich zwischen den Banken verschoben werden &#8211; eben weil der Ausgleich f\u00fcr geliehenes Geld so teuer ist (nennen wir ihn den &#8222;Interbankentransferindikator&#8220;).<\/p>\n<p>Im \u00fcbrigen wird nach dem Gesagten auch verst\u00e4ndlich, warum Banken bei einem \u00dcberma\u00df an faulen Krediten Bankrott gehen k\u00f6nnen, ohne dass sie eine Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts davor retten k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3><strong>Welches System herrscht in Deutschland: ein Monopol oder der Wettbewerb?<\/strong><\/h3>\n<p>Die Frage, ob das gegenw\u00e4rtige Gesch\u00e4ftsbankensystem eher auf Wettbewerb gr\u00fcndet, ob also die Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts praktisch kaum eine Rolle spielt, oder ob es eher zur Alternative eins tendiert, d.h. sich bereits in Richtung eines Kartells oder gar Monopols entwickelt, wo Geldsch\u00f6pfung aufgrund fehlender Konkurrenz eine realistische M\u00f6glichkeit w\u00e4re,\u00a0<strong>l\u00e4sst sich nicht theoretisch, sondern nur auf empirischem Weg entscheiden<\/strong>, und zwar, erstens, durch den von mir so genannten Interbankentransferindikator und, zweitens, durch den Vergleich des gesamten Sparvolumens mit dem gesamten Kreditvolumen. Die empirischen Untersuchungen zur zweiten Frage sind Helmut Creutz zu danken und lassen keinen Zweifel zu:<\/p>\n<p>\u201eDie Geldersparnisse gehen aber nicht nur den Krediten voraus, sondern sie liegen auch durchweg <em>\u00fcber<\/em> den Krediten&#8230; Zieht man daf\u00fcr die Gesamtbilanzen heran, die regelm\u00e4\u00dfig im statistischen Teil der Monatsberichte der Deutschen Bundesbank auf den Seiten 20 bis 23 ver\u00f6ffentlicht werden, dann ergeben sich dort f\u00fcr Ende 2002 folgende Gr\u00f6\u00dfen:<\/p>\n<p>Kredite an Nichtbanken u.a. Aktiva: 4258 Mrd. Euro<\/p>\n<p>Einlagen von Nichtbanken u.a. Passiva: 5003 Mrd. Euro<\/p>\n<p>Dadurch entsteht also ein Einlagen\u00fcberschuss von 745 Mrd. Euro bzw. rund 15 Prozent, was l\u00e4ngerfristig betrachtet etwa der Obergrenze dieser \u00dcbersch\u00fcsse entspricht<em>\u201c<\/em> (H. Creutz, Die 29 Irrt\u00fcmer rund ums Geld, M\u00fcnchen 2004).<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, beruhte das deutsche Gesch\u00e4ftsbankensystem im Jahr 2002 auf einem funktionierendem Wettbewerb, ebenso im Jahr 2008 (siehe Creutz, Das Geldsyndrom 2012: 205).<\/p>\n<h3><strong>Vollgeld: auf Illusion gebaut<\/strong><\/h3>\n<p>Das Problem der Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts ist damit definitiv gel\u00f6st. Jahre lang konnte man so unsinnige S\u00e4tze lesen, wie dass die Annahme, <strong>Kredite w\u00fcrden auf Spareinlagen beruhen, eine Irrlehre sei, in Wahrheit w\u00fcrden Gesch\u00e4ftsbanken alle oder doch 95% aller Kredite aus dem Nichts erzeugen<\/strong>.<\/p>\n<p>Oder: &#8222;<strong>Um heute investieren zu k\u00f6nnen, muss nicht erst langwierig Geld gespart und Eigenkapital gebildet werden&#8230;, sondern das ben\u00f6tigte Geld kann nach Bedarf und nach vorhanden Willen der ma\u00dfgeblichen Akteure frei im Vorhinein gesch\u00f6pft werden&#8220;<\/strong> (Huber 2016: 53; vgl. meinen Artikel: <a href=\"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=1185\">Prof. Dr. Joseph Hubers Vollgeldtheorie &#8211; gebaut auf Sand und schlechtem Denken<\/a>).<\/p>\n<p>So wurde die Wahrheit &#8211; bei Huber mit einem erstaunlichen Aufwand an vernebelnder professoraler Gelehrsamkeit &#8211; von den F\u00fc\u00dfen auf den Kopf gestellt, denn eine solche Geldsch\u00f6pfung ist nur in einem einzigen, theoretisch konstruierten Extremfall real, einem Extremfall, der bisher nirgendwo verwirklicht wurde und hoffentlich auch nie eintreten wird: in einem System, wo die Kreditversorgung innerhalb eines W\u00e4hrungsraums zum Monopol einer einzigen Gesch\u00e4ftsbank geworden ist oder ein striktes Kartell die gleiche Wirkung erzielt. In diesem, und nur in diesem, Fall w\u00fcrde die Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts die Spareinlagen vollst\u00e4ndig verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Hingegen ist eine Geldsch\u00f6pfung durch die Gesch\u00e4ftsbanken in einem System funktionierenden Wettbewerbs ausgeschlossen. Theorien wie &#8222;100% Money&#8220; oder die sogenannte &#8222;Monetative&#8220;, welche dies dennoch behaupten, sagen schlicht und einfach die Unwahrheit.<\/p>\n<p>Dazu ist es gekommen, weil die Theoretiker der Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts sich die Tatsache nicht zu erkl\u00e4ren vermochten, dass die moderne Wirtschaft kaum mehr Bargeld, sondern stattdessen fast nur noch Buchgeld benutzt &#8211; eine Tatsache, die doch <a href=\"http:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/?p=1032\">auf recht einfache Art erkl\u00e4rt werden kann<\/a>.<\/p>\n<p>Ja, das herrschende Geldsystem w\u00fcrde gewiss viele dringende Reformen ben\u00f6tigen, was es hingegen gar nicht braucht, ist eine so genannte Vollgeld-Reform, die schlicht auf Denkfehlern gr\u00fcndet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft) Von der Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts, wie sie angeblich die Notenbanken betreiben, war schon die Rede. Jetzt geht es um die Gesch\u00e4ftsbanken. Grunds\u00e4tzlich sind Gesch\u00e4ftsbanken in der Lage, auf dem Wege der so genannten Bilanzverl\u00e4ngerung Kredit aus dem Nichts zu sch\u00f6pfen, bei entsprechender Nachfrage vonseiten der Kreditnehmer\u00a0w\u00e4re\u00a0ihnen dies sogar in unbegrenztem &hellip; <a href=\"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/geldschoepfung-aus-dem-nichts-realitaet-oder-chimaere\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts \u2013 Realit\u00e4t oder Chim\u00e4re?<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,27,18,30,31],"tags":[159,86],"class_list":["post-1116","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-holzwege","category-geld-schoepfung-zinsen","category-wirtschaftsreform","category-wirtschaftstheorie","tag-ellen-brown","tag-helmut-creutz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1116"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1116\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerojenner.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}