It’s mankind, stupid!

Der Westen als gegenwärtig noch fortschrittlichster Teil der Menschheit – fortschrittlich im Sinne von materieller Wohlfahrt und geistiger Aufgeschlossenheit – leidet an einer Krankheit, die ihn zu lähmen und zu zerreißen droht: er leidet an Schizophrenie. Diese Krankheit ist mit dem Gegensatz von rechtem und linken Lager nur unzulänglich benannt, denn diesen gibt es schon seit dem 18ten Jahrhundert – er gehört sozusagen zur demokratischen Normalität. Auch der drei Jahrhunderte währende Widerspruch zwischen den beiden einander entgegengesetzten Idealen von Gleichheit und Freiheit wird der Situation nicht gerecht. Die Linken wollten und wollen mehr Gleichheit, die Rechten mehr Freiheit.

Doch der Antagonismus zwischen Gleichheit und Freiheit

mutet veraltet an. Die wenigsten hören noch hin, wenn SPD, SPÖ, der italienische Partito Democratico, Frankreichs oder Spaniens Sozialisten ein Mehr an Gleichheit fordern. Die Botschaft kommt nicht mehr an – linke Parteizeitungen sind passé oder werden kaum noch gelesen. Mancher wird – so wie Ralf Dahrendorf schon in den neunziger Jahren – diesen Befund mit der eigentlich ja höchst erfreulichen Tatsache erklären, dass die demokratischen Sozialisten ihr Ziel gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts zumindest in Europa erreichten und sich selbst deshalb überflüssig machten. Das ist zweifellos richtig, denn die Bevölkerungsmehrheit erfreut sich in den Ländern des Westens eines materiellen Lebensstandards wie niemals zuvor. Zwar ist Gleichheit inzwischen eher stärker bedroht, da die Zahl der Superreichen sich stetig vergrößerte, diese Tatsache erregt aber heute kaum oder zumindest weit weniger Protest, seit Ungleichheit nicht mehr wie die längste Zeit menschlicher Geschichte Hunger und frühen Tod für die Benachteiligten bedeutet, sondern auf hohem Niveau in einem Wohlfahrtsstaat stattfindet.

Der Kampf gegen Ungleichheit – das klassische Thema der Linken – erregt im Westen kaum noch die Gemüter, aber nicht anders verhält es sich mit dem Kampf für die Freiheit – dem klassischen Thema der Rechten. Vielmehr haben die beiden Volksparteien in ganz Europa als ihr eigentliches Ziel Wohlfahrt für alle zu ihrem Programm gemacht – in Deutschland wurde die CDU unter Angela Merkel geradezu sozialdemokratisch. Freiheit und Gleichheit waren die Parolen, denen im 18ten Jahrhundert die Aufklärung ihre politische Brisanz und Faszination verdankte, heute spielen beide Begriffe im politischen Diskurs nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Bruchlinien verlaufen an anderer Stelle. Was ist passiert?

Das ist nur zu verstehen,

wenn wir den Blick auf jene Parteien richten, die in den vergangenen Jahrzehnten – manche würden sagen – wie Giftpilze in die Höhe schossen. In Deutschland haben wir die AfD, in Italien die Lega, in Frankreich den Front National (heute Rassemblement National), in Ungarn Fidesz, in Polen die PiS. Shinzo Abe hat in Japan die Liberal-demokratische Partei in die gleiche Richtung geführt, ebenso Donald Trump in den USA die von ihm geistig vergewaltigten Republikaner. Es lässt sich durchaus behaupten, dass der Westen sich mit diesen Bewegungen „globalisierte“ – er macht sich eine weltweit verbreitete Tendenz zu autoritären Regierungsformen zu eigen.

Außerhalb des Westens ist China diesen Weg ja schon seit Jahrzehnten konsequent gegangen, ebenso Indien unter den Hindunationalisten, und Russland hat ihn unter Putin eingeschlagen. In das alte Schema von rechts versus links sind weder die neuen autoritären Parteien des Westens noch die der übrigen Welt einzugliedern. So etwa lassen China, Russland und Indien Freiheit genau in dem Maße zu, wie sie der ökonomischen Stärkung des eigenen Landes dient, nämlich um die private Initiative zu mobilisieren und ausländische Investoren ins Land zu locken. Sie unterdrücken Freiheit aber bedenkenlos und oft auch brutal, sobald sie innere Widersprüche aufkommen und den sozialen Zusammenhalt zu schwächen droht. Der Gleichheit geben sie ebenfalls eine eigene Bedeutung. Sie wird nicht materiell aufgefasst – man vergesse nicht: nirgendwo gibt es mehr Milliardäre als in China und nirgendwo wird spektakulärer Reichtum so unverschämt paradiert wie von Russlands neureichen Oligarchen. Umso mehr Wert legt man dagegen auf die Gleichheit der Weltanschauung, die – moralisch untermauert – vor allem aus einem nationalistischen Credo besteht.

Bezeichnet man die autoritären Parteien als „rechts-extrem“, dann sollte man sich darüber im Klaren sein, dass sie keineswegs rechts im klassischen Sinn sind, denn Freiheit spielt für sie keine Rolle. Sie sind aber auch keine erklärten Gegner materieller Gleichmacherei, so wie das früher einmal für das rechte Lager bezeichnend war. Gleichheit spielt bei ihnen sehr wohl eine Rolle, aber – wie schon gesagt – im strikt ideologisch verstandenen Sinn als Gleichheit der Weltanschauung. Es wäre also viel richtiger, diese Parteien schlicht „nationalistisch“ bis „chauvinistisch“ zu nennen. Von der AfD über die Lega bis zu Trumps Amerika, Putins Russland und Xi Jinpings China beschwören sie die Einzigartigkeit und Größe des eigenen Landes, die sie um jeden Preis erhalten und stärken wollen.

Ihre Gegner, die man wohl am treffendsten als „Kosmopoliten“

bezeichnet, rekrutieren sich nahezu überall aus den höher gebildeten Schichten (eine Ausnahme scheint nur China zu bilden, wo die Partei die Intellektuellen in ihre Reihen zieht). Immer schon war es ein Vorrecht der Gebildeten einen Blick über den Tellerrand des eigenen Landes hinaus auf die übrige Welt zu werfen. Die westliche Forschung – Anthropologie, Soziologie, Psychologie – ist ihnen dabei während der vergangenen Jahrzehnte mit eindeutigen Resultaten vorangegangen. Das Ergebnis: Seit mindestens 50 000 Jahren (aber vermutlich schon sehr viel länger) sind Menschen einander überall auf der Welt genetisch und psychologisch gleich. Diese Einsicht ist historisch vollkommen neu. Zwar stimmt es, dass monotheistische Religionen wie das Christentum oder der Islam die Einheit der Menschheit schon sehr viel früher postulierten, doch umfasste sie nur die Gläubigen – Heiden und Ketzer wurden regelmäßig bekämpft, wenn nicht ausgerottet. Auch die amerikanische und französische Revolution haben die Gleichheit aller Menschen nur in der Theorie proklamiert, in der Praxis galt bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch als ausgemacht, dass andere „Rassen“ – speziell die schwarzen, gelben und roten – der weißen weit unterlegen seien. Deshalb bestanden bis dahin auch wenig Skrupel, sie militärisch zu unterwerfen und ökonomisch auszubeuten.

Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts

hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Zunächst ist die Forschung zu dem Schluss gekommen, dass alle Unterschiede zwischen den Menschen allein auf anerzogenen kulturellen Besonderheiten beruhen – mit anderen Worten, dass sie – so wie die Kultur selbst – modifizierbar sind. Wichtiger als die Forschung, deren Ergebnisse selten das Denken der Öffentlichkeit bestimmen, war jedoch die für jedermann sichtbare Tatsache, dass Staaten wie Japan, die ehemaligen ostasiati­schen Tiger und China einen so fulminanten Aufstieg erlebten. Dieser ungeheure praktische Erfolg von Staaten, die noch vor hundertfünfzig Jahren für den durchschnittlichen Europäer kaum existierten, hat auf eine für jedermann evidente Weise die alten Vorurteile entkräftet. Von da an ließ sich nicht länger leugnen, dass andere Völker unter entsprechenden Bedingungen genauso „tüchtig“ oder vielleicht sogar noch tüchtiger sind als wir selbst. Nicht nur unter den Gebildeten, sondern selbst in großen Teilen der Bevölkerung wurde nun stillschweigend die Forderung akzeptiert, andere Menschen überall auf der Erde als gleichwertig und gleichberechtigt anzuerkennen.

Zumindest für die Mehrheit der Intellektuellen

und eine kurze Zeit sogar für einen großen Teil der Bevölkerung resultierte diese Erkenntnis in der Bereitschaft zur offenen Tür, die auch gern sperrangelweit geöffnet sein durfte. Wenn alle Menschen einander gleich und gleichberechtigt sind, gibt es ja keinen vernünftigen Grund, warum nicht jeder (zumindest solange dies ökonomisch möglich erscheint) Zugang zum eigenen Land genießen solle. Dieser Schluss scheint vielen so evident und unanfechtbar, dass er gerade vonseiten der Intellektuellen wie ein neues Ideal verfochten wurde – mit gleicher Überzeugung – und mehr und mehr auch mit gleicher Unduldsamkeit – wie früher einmal die Ideale von Freiheit und Gleichheit.

Immigration ist also keineswegs zufällig zu einem Kampfwort geworden, an dem sich die Geister scheiden. Die „Aufgeklärten“ rennen gegen die „Nationa­listen“ mit gleichem Fanatismus an, wie umgekehrt die Nationalisten gegen die Aufgeklärten. Beide verweigern einander das Gespräch, so als fehlte den jeweili­gen Gegnern nicht nur die Vernunft, sondern die Existenzberechtigung überhaupt. Die einen sehen in den Aufmüpfigen eine Art von minderbemittelten Affen, die sich unbegreiflicherweise im Land der Anständigen und Aufrechten breit gemacht haben, die anderen sprechen von „Scheißliberalen“ – mit anderen Worten, dieser Kampf erinnert an die Glaubenskriege früherer Zeiten, wo Katholiken sich weigerten mit den Protestanten, Sunniten mit Schiiten, Christen mit Muslimen, Sozialisten mit Kapitalisten an einem Tisch zu sitzen oder gar mit ihn zu reden. Für jeden stand die eigene Wahrheit unverrückbar fest, während man die des Gegners als menschenunwürdig oder tabu erklärte. Damals wurden solche Konflikte regelmäßig durch Gewalt und Krieg entschieden – heute durch soziale Ächtung.*1*

Ideologische Feindschaften haben in der Regel

wenig mit den vorgegebenen Idealen, dagegen sehr viel mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zu tun. Auf geringem geistigen Niveau lief der Gegensatz der Ideale von Gleichheit und Freiheit schlicht darauf hinaus, dass die einen sich im Namen der Gleichheit den Reichtum und die sozialen Positionen aneignen wollten, welche die Begünstigten schon besaßen, während Letztere im Namen der Freiheit umgekehrt ihre erworbene Stellung auf keinen Fall räumen wollten. 

Der Gegensatz zwischen Kosmopoliten und Nationalisten reicht in größere Tiefen. Die generelle Menschenliebe ist eine typische Intellektuellenhaltung, begründet auf Erkenntnis und einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Aber es ist ein abstraktes Ideal: Wir kennen nur Menschen – die Menschheit überhaupt ist ein Begriff, dem alle Anschauung fehlt. Der Durchschnittsbürger weiß daher auch wenig oder gar nichts mit ihm anzufangen. Er liebt seine Frau, seine Kinder, seine Freunde und allenfalls die Menschen, die seine Sprache reden und so denken und fühlen wie er. Für ihn, wie für fast alle Menschen seit Beginn ihrer Geschichte existiert nur die Nächstenliebe – die Fernstenliebe zu Menschen, die er nicht kennt, ist ihm fremd. Daran hat sich auch durch die Einführung von Zeitungen, Briefverkehr und die sozialen Medien unserer Zeit nichts Grundlegendes geändert. Tiefe menschliche Bindungen setzen immer noch den Austausch von Gefühlen und die direkte physische Nähe voraus. Das haben inzwischen sogar die Unternehmen einsehen müssen. Videokonferenzen werden nur abgehalten zwischen Leuten, die einander aus persönlichen Begegnungen bereits gut bekannt sind. Andernfalls macht gegenseitiges Misstrauen den Abschluss von haltbaren Verträgen nahezu unmöglich.

Der Gegensatz zwischen Nächsten- und Fernstenliebe

hat mit unserem Thema sehr viel zu tun. Um es in der Gesellschaft aushalten zu können, kommt es nicht darauf an, dass wir Muslime in Afghanistan, Schiiten in Persien oder die Bantu des Kongo für gleichwertige Menschen halten – diese Einsicht ist für unsere Theorie vom Menschen von größter Bedeutung, sie ist aber belanglos für unser Wohlergehen in der Gesellschaft, in der wir heimisch sind. Dort kommt es vielmehr darauf an, dass wir die Menschen in unserer Um­gebung achten, schätzen und lieben können und umgekehrt dieselbe Achtung von ihnen erfahren. Nun ist es allerdings ein Faktum, dass die moderne Wettbe­werbsgesellschaft zwar einerseits Reichtum wie nie zuvor erzeugte, aber dass sie andererseits die Menschen mehr isoliert und voneinander entfremdet hat. Vor allem die schwächsten Glieder der Gesellschaft hat sie aus allen festen Bindungen herausgerissen; der dauernde technische Wandel, die erzwungene Bereitschaft jederzeit disponibel zu sein und den Wohnort und damit auch Freunde und Partner zu wechseln – all dies hat die moderne Gesellschaft atomisiert und dazu beigetragen, die isolierten Individuen in eine soziale Leere zu verstoßen, wo gegenseitige Achtung, Wertschätzung oder gar Liebe zunehmend verkümmern. In dieser Situation erscheint alles Neue mehr und mehr als Bedrohung – vor allem auch fremde Menschen mit abweichenden Gewohnheiten und Überzeugungen. Der Protest gegen die eigene Zeit und ihre als unzumutbar empfundenen Herausforderungen äußert sich dann in einem Festhalten an den Resten von Identität, die man aus der Vergangenheit schöpft. In den neuen Bundesländern, wo statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ immer noch Desorientierung bis hin zum Verfall vorherrschen, besteht die verlorene Identität aus den nostalgisch beschworenen Zuständen der einstigen DDR, wo das Leben für viele weit ärmlicher war, aber dennoch als sozial befriedigender empfunden wurde. Marx hat den Begriff der Entfremdung auf das Verhältnis des Menschen zu den von ihm produzierten Dingen verwendet, aber die Entfremdung zwischen Mensch und Mensch war und ist immer das eigentliche Problem, denn sie schlägt viel tiefere Wunden. Darüber hinaus schöpfen die Nationalisten ihre Identität nicht aus den großen Epochen der deutschen Geschichte, von denen sie genug Gutes lernen könnten, sondern das Ungenügen an der Gegenwart – bei vielen bis zum Hass gesteigert – verführt sie dazu, sich an dem Schandfleck deutscher Geschichte zu orientieren, den unseligen dreizehn Jahren, wo der pure Hass das Basso continuo war.

Hierin liegt die große Gefahr,

der man nicht gerecht wird, wenn man ihre Ursachen nicht in den Blick bekommt. Anders gesagt, sollten die Gebildeten in Europa ihre Überlegenheit nicht durch hochmütige Verachtung der extremistischen Bewegungen zum Ausdruck bringen, sondern sich fragen, warum diese überhaupt entstehen konnten? Fast ein halbes Jahrhundert vom Ende des zweiten Weltkriegs gerechnet gab es den virulenten Nationalismus ja praktisch nicht (in homöopathischer Dosis sind freilich alle Abartigkeiten in jeder Gesellschaft in jedem Moment präsent). Warum hat die AfD – ursprünglich eine Partei von Professoren, die mit durchaus ernstzunehmenden Argumenten den Euro bekämpften – sich nach Angela Merkels Flüchtlingspolitik plötzlich in eine Partei von Fremdenhassern verwandelt? Warum wurden überall in Europa und in anderen Staaten des Westens die nationalistischen Bewegungen so sehr gestärkt? Könnte es sein, dass die Gebildeten sich letztlich als halbgebildet entpuppen, weil ihnen Ursachenforschung und vor allem die Beseitigung der Ursachen selbst als zu aufwändig erscheinen? Könnte es sein, dass es ihnen viel befriedigender erscheint – ein Charakteristikum aller begünstigten sozialen Schichten – auf die armen Irren herabzublicken, weil man sich selbst dann so überlegen fühlen darf? Man sollte sich zumindest bewusst sein, dass Ausgrenzung, Verweigerung des Gesprächs, Verachtung und die mangelnde Bereitschaft, die Ursachen zu bekämpfen, für die Demokratie auf Dauer ein tödliches Gift sind.

Die Wettbewerbsgesellschaften

haben Reichtum auf Kosten des sozialen Zusammenhalts geschaffen. Das Tempo der Neuerungen ist für viele Menschen zu groß; es überfordert sie und verlangt von ihnen zu viele Opfer. Man hat den Menschen ihre Identität genommen oder richtiger, man verlangt von ihnen, Identitäten fortdauernd zu wechseln oder auch ganz auf sie zu verzichten. Manche Intellektuelle wie Isolde Charim in Österreich gießen noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem sie diese Entwicklung ausdrücklich für richtig und unausweichlich erklären. Doch wenn man die Menschen ihrer Identität beraubt, beeilen sich Populisten und Demagogen, die entstehende Leere mit künstlichen Identitäten zu füllen – meistens solchen, welche den schlimmsten Perioden der eigenen Geschichte, solchen des Hasses entstammen. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden extremistische Bewegun­gen in den kommenden Jahren noch wesentlich stärker werden, da nichts gegen ihre Ursachen getan wird.

Der Kosmopolitismus der Eliten

ist zweifellos zu einer welthistorischen Notwendigkeit geworden. Alle existenziellen Gefahren, denen die Menschheit heute ausgesetzt ist: die Erschöpfung der Ressourcen, die Vergiftung der Natur (Klimakrise), das neuerdings wieder stark gestiegene Risiko einer nuklearen Konflagration sind nur noch global in dem Bewusstsein zu lösen, dass wir alle uns im selben fragilen Boot befinden. Doch wenn dieser Kosmopolitismus zur Entwurzelung führt, weil er die einzig emotional reale Nächsten- durch eine abstrakte Fremdenliebe ersetzt, wird es keine Bereitschaft geben, sich dieser Notwendigkeit zu stellen. Denn globales Denken setzt die lokale Verankerung voraus, den Regionalismus. Echte menschliche Gemeinschaft, die Voraussetzung für ein erfülltes Leben, kann immer nur hier entstehen.

1. Die erstaunlichste Hetze in Nachkriegsdeutschland musste Thilo Sarrazin erleiden, weil er ein Tabu unserer Zeit verletzte. Er hatte einen kleinen Fehler gegen die vorherrschende wissenschaftliche Lehre begangen, als er die Möglichkeit in Betracht zog, die besondere Leistungsfähigkeit der Juden genetisch zu begründen. Abgesehen davon hat er aber die mangelnde Integration vor allem der arabischen und türkischen Immigranten ausschließlich auf kulturelle Ursachen zurückgeführt. Aus wissenschaftlicher Sicht hätten auch die überzeugtesten Kosmopoliten dagegen keinen Einspruch erheben dürfen. Man erinnere sich an den großen Alexis de Tocqueville, der mit einer gewissen Bewunderung davon sprach, dass die Indianer Nordamerikas sich nicht der Lebensweise der Weißen anpassen wollten, weil ihr Stolz ihnen dies verbiete: Feld- und Industriearbeit waren in ihren Augen nur für Sklaven gemacht. Tocqueville als Nachfahre einer adligen Familie wusste, wovon er sprach. So klar wie Sarrazin erkannte er die kulturellen Gründe für solches Verhalten – Gründe, die sich langfristig völlig ändern können, aber eben nicht über Nacht.

Noch vor Trump zeigte sich in Deutschland, dass man den Blick auf die Wirklichkeit, wie sie ist, nicht erträgt und diejenigen verfolgt, die sie ohne Beschönigung beschreiben. Die selbstdeklarierten Anständigen und Aufrechten halten sich an die Fake-Reality – die Wirklichkeit, so wie man sie sehen möchte. Kann man eine Situation wirklich verbessern, wenn man nicht den Mut besitzt, sie vorher nüchtern zu analysieren?

Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei in die Quere kommt. Der Techniker drängt dem Poeten recht schonungslos seine Meinung auf: Dessen Ansichten würden in unserer Zeit wenig zählen – zweifellos werde der Ernst des Lebens von Wissenschaft und Technik bestimmt. Sie hätten die Welt vermessen und es überhaupt erst ermöglicht, dass demnächst zehn Milliarden Menschen statt wie noch vor zwei Jahrhunderten nur eine einzige den Planeten bevölkern werden. Ihr seid nur Zuschauer, während man uns, die Techniker, dafür bezahlt, dass wir die Maschinerie der Daseinserhaltung für die wachsende Menschenflut planen und am Laufen halten.

Der Poet

(worunter wir uns die Kunst insgesamt vorstellen sollten) fasst seine Aufgabe ganz anders auf. Er versucht dem menschlichen Leben einen Sinn zu geben, wenn er nicht umgekehrt dessen fehlenden Sinn beklagt. In der Regel begegnen sich Techniker und Poet mit größtem gegenseitigen Unverständnis. Sie repräsentieren die „Zwei Kulturen“, von deren gegenseitiger Entfremdung schon C. P. Snow gegen Ende der fünfziger Jahre geschrieben hatte.

Die Machtergreifung der Technokraten – denn so muss man ihren Aufstieg eigentlich beschreiben – ist eine historische Neuheit. Grob gesprochen, datiert sie von Aufklärung und Industrieller Revolution, ist also keine dreihundert Jahre alt. Atemberaubend ist allerdings ihr Erfolg. Inzwischen haben die Wissenschaft und ihre materiellen Erzeugnisse wachsenden Teilen der Weltbevölkerung einen Lebensstandard beschert, wie er schlechthin einzigartig in der Geschichte ist. Kein Wunder, dass die technischen Weltvermesser und Weltverbesserer mittlerweile überall auf dem Planeten den Ton angeben, während der Poet – und mit ihm die Kunst insgesamt – bei vielen nur noch als Zugabe gilt: als bloßes Freizeitvergnügen, das für den Ernst des Lebens doch eher entbehrlich sei.

Die wissenschaftlichen Vertreter des Optimismus,

zu dessen Frontkämpfern zweifellos der US-amerikanische Kognitionswissenschaftler Steven Pinker gehört, bestehen darauf, dass es der heutigen Menschheit um vieles besser gehe als ihren sämtlichen Vorfahren bis hin zu Jägern und Sammlern. Lebenserwartung, Gesundheit, Ernährung, ja selbst Verbrechensrate und kriegsbedingte Mortalität hätten sich eindeutig zum Besseren gewandelt.

Doch das beginnt sich seit Ende des vergangenen Jahrhunderts zu ändern. Etwa seit dieser Zeit haben die Techniker eine neue Aufgabe zu bewältigen, die ihr Ansehen durchaus nicht erhöht, sondern es auf Dauer stark zu beschädigen droht. Hatte der Soziologe Ulrich Beck in den achtziger Jahren noch von der modernen Risikogesellschaft gesprochen, so sind die Risiken inzwischen längst Realität geworden. Heute sind Wissenschaft und Technik in zunehmendem Maße damit beschäftigt, die katastrophalen, weitgehend unvorhergesehenen Folgen der Technik in den Griff zu bekommen. Spätestens seit der Klimakrise leben wir alle in einer „Reparaturgesellschaft„: Was der Fortschritt verdorben hat, soll der Fortschritt nun reparieren.

Es ist fraglich, ob das gelingen wird. Von vielen wird der Klimawandel bereits als unabwendbares Faktum stillschweigend hingenommen, zumal solange er „nur“ die Staaten des Südens schädigt. Aber der Klimawandel bezeichnet nur eine der auf die Menschheit zukommenden Reparaturen; eine andere ist der rasante Ressourcenverbrauch, der schon in den „Grenzen des Wachstums“ als Menetekel gedeutet wurde. Er hat das ökonomisch-militärische Wettrennen der Nationen beschleunigt, das uns direkt in den Abgrund zu führen droht. Als wäre das nicht schon genug, müssen wir der Verseuchung der Meere mit Plastik ein Ende machen; der zunehmenden Degradierung der Böden durch die industrielle Landwirtschaft; der weltweiten Zerstörung der Wälder, der rasanten Vernichtung der Arten und dem globalen Wachsen der Mülldeponien – wir alle kennen das bis zum Überdruss! All das sind die Manifestationen eines „Fortschritts“, den die Zauberlehrlinge der Technik entfesselt haben, aber immer weniger zu beherrschen imstande sind.

Da ist es nicht erstaunlich, wenn die Frage nach dem Sinn – dem Sinn von Technik und Fortschritt – jetzt wieder in herausfordernder Weise gestellt wird. Auf einmal ist es der totgeglaubte Poet, auf den wir in solchen Momenten von Neuem hören.

Der Poet:

Ihr, die Techniker, seid im Begriff, den Planeten – die einzige Wohnstätte, die wir haben – auszuschlachten und unbewohnbar zu machen, denn ihr habt euch zu Sklaven einer Sucht gemacht, die inzwischen die ganze Menschheit erfasst: eine Sucht, die schon Mahatma Gandhi auf eine einfache Formel brachte. „Die Welt hat genug,“ sagte er, „für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“. Diese Gier habt ihr von Europa aus auf den gesamten Globus getragen. Heute wollen alle ein eigenes Wasserklosett besitzen, natürlich über ein eigenes Auto verfügen und sich möglichst noch einen Flug ins nächstgelegene Urlaubsparadies leisten. Alle – unabhängig ob sie politisch rechts oder links eingestellt sind – streben nach dem jeweils höchsten Lebensstandard, den sie bei ihren Nachbarn bewundern. Längst streiten sie nicht mehr über luxusbedingten Ressourcenverschleiß an sich, sondern nur darüber wie er gerecht verteilt wird, damit ihn jeder auch noch in Grönland und Neuguinea genießen kann. Noch konzentrieren sich Reichtum und die dazu nötige Ausbeutung des Planeten zwar auf die Staaten des Westens, aber schon in zwei, drei Jahrzehnten könnte der Ferne Osten die Vorhut bilden. Haben dann endlich ganz Asien und der gesamte afrikanische Kontinent das von allen erstrebte Ziel erreicht, wird die Menschheit nicht weniger als fünf bis zehn Globen verbrauchen.

Ihr Techniker wisst aber, was das bedeutet, denn das Rechnen ist ja eure einzige Leidenschaft. Das ganze Fortschrittsgebäude wird wie ein Kartenhaus kollabieren, weil wir eben leider nur über einen einzigen Globus verfügen. Was bleibt den Staaten dann anderes übrig, als in Raubkriegen um die letzten Ressourcen einander zu überfallen? Der „American Way of Life“ ist, wie wir wissen, durchaus „nicht verhandelbar“ – und das gilt natürlich ganz genauso für den japanischen, den chinesischen, den europäischen und so weiter. Niemand – am wenigsten Prof. Pinker, der Optimist aus Prinzip – regt sich darüber auf, dass der Globus mittlerweile wie eine Zitrone ausgequetscht wird, damit wir uns weiterhin am täglichen Zivilisationsluxus erfreuen. Doch wehe dem, der es wagt, uns diesen Luxus wegzunehmen oder ihn auch nur zu schmälern! Wenn das geschieht, erheben alle ein mörderisches Geschrei, dann gehen die Menschen auf die Barrikaden und sind bereit, Kriege für den weiteren „Fortschritt“ und gegen die Terroristen zu führen, die ihn bedrohen. Dann werdet ihr darauf bestehen, „Europa auch am Hindukusch zu verteidigen“.

Der Techniker:

Lieber Dichter und Romantiker, auf derartige Vorwürfe brauche ich wohl kaum einzugehen – mit uns, den Technikern, haben sie doch überhaupt nichts zu tun. Wir führen nur aus, was die Politik von uns verlangt – und die Politik richtet sich ihrerseits nach den Menschen, andernfalls hält sie sich nicht lang an der Macht. Die demokratische Mehrheit ist der wirkliche König – und dieser König ist zugleich Opfer und Protagonist der Gier. Oder hast du nicht begriffen, dass der durchschnittliche Konsument süchtig nach den jeweils neuesten Modellen und Produkten in den großen Kaufmärkten ist? Er ist es doch, der kauft und wieder kauft. Und er ist es auch, der den ganzen Firlefanz nach ein- oder zweimaligem Gebrauch bedenkenlos auf den Müll expediert, kaum dass ihn eine größere Neuheit lockt.

Ja, ja, ich weiß schon, dass eine gewaltige Reklameindustrie ihrerseits dazu beiträgt, diese Sucht anzuheizen, aber da geht es doch allein um den Gewinn konkurrierender Konzerne! Für die Wunderwerke unserer Technik braucht man den Durchschnittskonsumenten nicht zu begeistern. Vor den Konsumtempeln steht er Schlange, um den Produzenten die neuesten Handys und Computer aus der Hand zu reißen. Und Billigflüge in den Süden braucht man ihm auch nicht aufzuschwatzen – der Tourismus ist zu einer Massenindustrie geworden, weil die Leute sich in ihrer Freizeit amüsieren wollen. Das Auto aber hat als fetischistisches Symbol längst die Götzen und das goldene Kalb früherer Zeiten abgelöst. Die Leute sind doch alle darauf versessen, selbst wenn sie Stunden im täglichen Stau zubringen.

Also bitte, gebt nicht uns, den Technikern, die Schuld an dem Luxuskonsum. Wir alle sind Konsumenten, wir alle haben die Schöne Neue Welt der Wegwerfgesellschaft geschaffen.

Und noch etwas solltet ihr hoffnungslosen Sozialromantiker wissen. Nicht Trägheit und doppelte Moral – die üblichen Verdächtigen – halten die Bürger im Korsett der Konsumsucht gefangen, sondern die moderne Wirtschaft hat den Luxuskonsum und die Wegwerfmentalität zu ihrer Grundlage und Existenzbedingung gemacht. Als Konsumenten müssen wir kaufen – wir sollen wegwerfen und neuerlich kaufen, damit wir als Angestellte, Arbeiter, Forscher, Ingenieure und Erfinder in einem fort produzieren können. Wir produzieren aber, damit wir Einkommen beziehen. Und, siehst du, hier schließt sich der Kreis, denn die Einkommen beziehen wir ja einzig, um etwas mit ihnen zu kaufen. Natürlich verfolgt der jährliche Kampf zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern um die Erhöhung der Einkommen keinen anderen Sinn als denjenigen, dass die Bürger mit jedem Jahr ihren Luxuskonsum um weiteren Luxus steigern. Man nennt das „Wachstum“, und, wie du weißt, schreien sämtliche Regierungen der Welt im Namen ihrer Bürger nach dieser Wunderdroge.

Und jetzt noch ein kleines Wort speziell zu euch, die ihr von euren Wolkenschlössern hochmütig auf uns herabblickt. Reichlich naiv seht ihr darüber hinweg, dass doch gerade ihr von jeher die Nutznießer des materiellen Fortschritts und Wohlstands seid. Hat sich Kunst jemals in Zeiten von Not und Dürftigkeit entfaltet? Wo findet man so viele Theater und Opernhäuser, so viele öffentliche Konzerte, Museen und Dichterlesungen wie in Deutschland (Navid Kermani)? Aber Deutschland kann sich diesen Luxus nur deshalb leisten, weil es eines der reichsten Länder ist. Nur weil wir, Wissenschaftler und Techniker, innerhalb von drei Jahrhunderten die Hungersnöte beseitigten, die Seuchen unterdrückten, die Naturgewalten bändigten, die bis dahin regelmäßig ganze Bevölkerungsteile niedermähten, führen immer mehr Menschen ein gesichertes Leben, das ihnen genug Freizeit und Freiheit beschert, um die Öffentlichkeit mit einer wahren Sintflut verrückter Einfälle zu konfrontieren, die ihnen als „Kunst“ erscheinen. Heute gibt es auf dem Globus mehr Technik und Wissenschaft als jemals zuvor, aber gerade deswegen gibt es auch mehr von jenen verrückten Einfällen, die man uns unter dem Namen der Kunst präsentiert. Gerade ihr hängt doch von Technik und Fortschritt ab – selbst dann noch, wenn ihr eure Stimme hochmütig gegen uns erhebt. Und, bitte, man weiß doch, wie lauthals gerade ihr zu schreien beginnt, wenn man euch die jährlichen Subventionen kürzt!

Der Poet macht eine saure Miene,

dann schüttelt er missbilligend seinen Kopf. Wie typisch engstirnig diese Sicht aus rein technischer Perspektive, die doch ebenso oberflächlich wie falsch ist. Der Mensch lebt vom Sinn, den er seinem Leben zu geben vermag. Zerfällt der Sinn, dann verkümmern selbst technisch hoch entwickelte Zivilisationen, wie wir beispielhaft im Rückblick auf das Schicksal des hochzivilisierten römischen Reichs erkennen. Heute bedroht uns eine ähnliche Entwicklung, weil wir zwar materiellen Reichtum im Überfluss besitzen, aber der Sinn uns abhandenkommt. Immer mehr Erfindungskraft und Energie müssen wir daran verschwenden, den „Fortschritt“ zu reparieren, damit er uns nicht in den Abgrund führt.

Auf einmal scheint der Poet nachdenklich geworden zu sein,

so als hätte er die Gegenwart des Technikers vergessen und würde ein Selbstgespräch führen:

Lass mich noch etwas anderes sagen. Was seit drei Jahrhunderten mit uns geschieht, betrifft nicht nur den Wandel der materiellen Lebensgrundlagen, es betrifft nicht nur unser physisches Sein, das der Fortschritt zuerst auf spektakuläre Weise gebessert hat, während ihr jetzt damit beschäftigt seid, die klaffenden Wunden des Fortschritt zu reparieren. Dieser Wandel betrifft neben unser physischen ebenso auch unsere psychische Existenz. Wir sind nicht nur eine Reparaturgesellschaft geworden, was den materiellen Fortschritt betrifft, sondern wir müssen inzwischen auch noch die Seele des Menschen reparieren, denn diese wurde mindesten ebenso stark beschädigt.

Ich weiß, dass du mich nicht auf Anhieb begreifen wirst, aber du wirst nicht bestreiten, dass Technik und Kunst ganz verschiedenen Göttern gehorchen. Die Techniker richten sich nach Naturgesetzen, nur die Kunst genießt Freiheit. Du wirst nicht bezweifeln, dass die Naturgesetze in China, in der Mongolei und in Deutschland absolut ein und dieselben sind. Daher gibt es auch keine chinesische, mongolische oder deutsche Physik oder Chemie – alle Staaten auf der Welt fabrizieren Autos, Flugzeuge und Bomben aufgrund weltweit identischer Formeln. Als Techniker gehorcht ihr der Notwendigkeit, die euch die überall gleiche Natur auferlegt. Ihr kennt keine Freiheit, weil euch die Natur ihre Gesetze diktiert. Notwendigkeit – das ist eure Wahrheit: die einzige, die ihr kennt.

Der Poet aber bedient sich überall auf der Welt seiner jeweils eigenen Sprache, er findet andere Gleichnisse, erdichtet andere Stories, lebt in anderen Traditionen. Er erschafft seine eigene Wahrheit, die er nicht findet, sondern die er erfindet, denn sie existiert nicht außerhalb von ihm selbst, sondern er schöpft sie aus seinem Inneren. Wir, Poeten, schaffen aus Freiheit, dem kostbarsten Gut des Menschen.

Der Techniker:

Oh ja sicher! Da bin ich einverstanden, nur dass ich den Sachverhalt doch etwas weniger romantisch sehe. Ich weiß schon, der Unterschied zwischen Notwendigkeit und Freiheit prägt das Weltbild der Neuzeit seit Aufklärung und Industrieller Revolution. Von meinem, dem Standpunkt des Technikers aus gesehen ist das, was du Freiheit nennst, gleichbedeutend mit Zufall oder Beliebigkeit.

Nehmen wir das ganz konkrete Beispiel der Sprache. Theoretisch könnte es neben Englisch, Chinesisch, Deutsch usw. unendlich viele Sprachen und neben der französischen oder japanischen unendliche viele Kulturen und Traditionen, unendlich viele Romane geben. Keine dieser kulturellen Erzeugnisse kann auf Notwendigkeit pochen. Im Gegenteil, sind sie mehr oder weniger kurzlebige Gebilde der reinen Beliebigkeit – zu einer bestimmten Zeit entstanden und mit deren Ablauf manchmal sehr schnell wieder zum Verschwinden verdammt. Dagegen hat alles, was die Technik ersonnen hat, einen potentiell unendlichen Bestand bis zum Ende der menschlichen Zivilisation. Das beginnt mit der Erfindung des Feuers, gilt für die Züchtung von Weizen und Mais und alle fortschrittlichen Techniken des Ackerbaus, aber ebenso natürlich für alle großartigen Erfindungen unserer Zeit. Im Unterschied zu jedem Gedicht, Roman oder Gemälde, sind Feuer und Computer für alle Zeit unvergesslich, sobald sie einmal vorhanden sind.

Selbst so langlebige kulturelle Schöpfungen wie die menschlichen Sprachen erscheinen im Vergleich damit nur als ephemere Zeugnisse der Beliebigkeit. Tausende von Sprachen sind im Laufe der Geschichte entstanden und wieder verschwunden, und von den heute noch existierenden werden die meisten in Zukunft untergehen. Was soll ich da noch über Geschichte sagen? Wer außer ein paar Spezialisten interessiert sich in unserer Zeit noch für Geschichte, diesem Massenfriedhof untergegangener Kulturen und Künste? Eure Schöpfungen sind nichts Besseres als flüchtiger Zeitvertreib. Wir Techniker dagegen halten uns an die Notwendigkeit, die wir der Natur entlehnen, denn nur aus dieser lassen sich die ewigen und ehernen Gesetze ablesen.

Um es dir noch einmal ganz deutlich auszurichten: Die Menschheit braucht all die vielen Traditionen, Kunstformen und Kulturen nicht – sie braucht die ganze bisherige Geschichte nicht, dieses Kaleidoskop der kulturellen Beliebigkeiten.

Deshalb drückt sich der moderne Mensch auch mehr und mehr in mathematisch-physikalischen Formeln aus, welche die materielle Realität der Welt viel genauer beschreiben als jede Umgangssprache. Überall auf der Welt ist Technik im Vormarsch, während der kulturelle „Überbau“ weltweit von Schwindsucht erfasst ist. Aus den Lehrfächern von Schulen und Universitäten ist er schon weitgehend verschwunden oder nur noch als Restposten und Überbleibsel vorhanden. Schau doch hin, was noch an Geschichte, Religion, Sprachen etc. selbst an deutschen Gymnasien gelehrt wird! All dieses Zeug wird nicht länger gebraucht. Damit macht man keinen Staat reich oder mächtig. Ihr Künstler seid Luxusgeschöpfe von unserer Gnade – und maßt euch dennoch an, über uns zu Gericht zu sitzen.

Da hält der Poet seinen Ärger nur mit Mühe zurück:

Mit Verlaub gesagt, welche Borniertheit aus diesen Worten spricht! Alles, was ihr uns bieten könnt, ist doch nicht mehr als das steinerne Fundament menschlichen Lebens: die materielle Daseinsfürsorge. Wer würde deren Unverzichtbarkeit denn bestreiten? Wir können nur denken, solange wir uns ausreichend ernähren. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Mit einer derartigen Banalität brauchst du mir nun wirklich nicht zu kommen! Aber die materielle Daseinsfürsorge dient doch allein dazu, dem eigentlichen Ziel menschlichen Daseins ein Stück näher zu kommen – und darunter verstehe ich Freiheit und Lebenssinn.

Wir sind soziale Wesen; ein erfülltes Leben besteht in der Resonanz, die unsere Ideen, unsere Gefühle, unser Sein in anderen Menschen erzeugen. Die schlimmste Strafe für jeden Menschen ist ein Leben in Einzelhaft oder vollständiger Einsamkeit. Ein Neugeborenes lässt sich zwar in einem Apparat künstlich ernähren und physisch am Leben erhalten. Wächst es jedoch ohne die Gesellschaft anderer Menschen auf, dann verblödet es, weil es das elementare Organ der Resonanz – die Sprache – nicht ausbilden kann.

Und das elementare Verlangen nach menschlicher Resonanz bleibt für das ganze Leben eine elementare Forderung – ganz gleich ob wir uns den frühesten Epochen zuwenden, als der Mensch gerade von den Bäumen herunterstieg oder der heutigen Zeit, wo er sich mit den modernsten Hightech-Geräten umgibt. Trotz all seinen Erfindungen und Apparaten würde selbst der genialste Techniker geistig und seelisch verkümmern, wenn sich niemand dafür interessiert.

Und der Poet fällt plötzlich in einen scharfen Ton

Ja, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Technik als Lebensform im Gegensatz zu Technik als Mittel der Daseinsfürsorge verrichtet keinen Dienst am Menschen, sondern wird im Gegenteil zu einer Macht der psychischen Zerstörung. Dann verwendet sie nämlich Menschen auf rein funktionale Art als Material – eben als „Menschenmaterial“ – ohne jede Rücksicht auf ihr Bedürfnis nach Resonanz. Die typischen ökonomischen Einheiten moderner Staaten, ihre administrativen, wissenschaftlichen, produzierenden Betriebe, sind bestrebt, Menschen wie Roboter als bloße Funktionen einzusetzen. Sobald sie die verlangte Leistung nicht länger erbringen, wird das defekte oder überforderte Menschenmaterial sofort gegen besseres ausgetauscht. Das ist der psychische Schaden, von dem ich sprach. Die neoliberale Wirtschaft erhebt die Forderung, dass jeder Beschäftigte bereit sein müsse, seinen bisherigen Lebenskreis, seine Freunde und Partner zu verlassen, wenn der Betrieb ihn an einen anderen Ort versetzt. Auf diese Weise hat der ökonomische Apparat absolute Priorität gegenüber allen menschlichen Rücksichten gewonnen.

Ich frage dich: Was ist das anderes als ein Werk der Zerstörung? Denn die Folgen sind ja für alle sichtbar. Seit drei Jahrhunderten, also seit Beginn der Industriellen Revolution, beobachten wir eine zunehmende Entwurzelung des Einzelnen aus allen gewachsenen Bindungen, die seinem Bedürfnis nach Resonanz entspringen. Inzwischen ist selbst die älteste menschliche Gemeinschaft, die Familie, diesem Prozess der Erosion ausgesetzt.

Und der Poet setzt seine Anklage fort:

Der Kampf gegen den Kapitalismus, gegen das „System“, gegen den Neoliberalismus usw. hat hier seine eigentlichen, seine tieferen Wurzeln. Der auf die Funktion reduzierte Mensch findet sich in die äußerste Einsamkeit verstoßen – als funktionierender Roboter wird er gebraucht, als Mensch fühlt er sich überflüssig. Sein Bedürfnis nach Resonanz will sich in Gemeinschaften manifestieren, aber menschliche Gemeinschaft ist von der Ratio der Technik nicht vorgesehen.

Der Techniker hat dem Poeten nur mit größter Mühe zugehört

Schließlich fällt er ihm abrupt ins Wort.

Das ist doch maßlose Übertreibung! In vielen Betrieben bewundere ich die demokratische Mitbestimmung; kluge Firmenchefs erlauben ihren Mitarbeitern, den Arbeitsplatz mit Blumen zu schmücken und haben nichts dagegen einzuwenden, dass sich Freundschaften in der Belegschaft bilden. Wer sperrt denn schon die arbeitenden Menschen in Einzelzellen, damit sie acht Stunden am Tag funktionieren, also verlässlich wie Roboter oder Computer das vorgelegte Arbeitspensum erfüllen?

Das gibt es doch nirgendwo! Freundschaften und Beziehungen entstehen überall, auch wenn es sicher richtig ist, dass sie in den Augen eines auf Effizienz bedachten Chefs manchmal als störend erscheinen. Ein ökonomischer oder wissenschaftlicher Betrieb ist nun einmal kein Tanzkurs oder Gesangverein.

Der Poet setzt ein sarkastisches Lächeln auf

Oh ja, natürlich. Dennoch sollte sich auch ein Techniker einmal die Frage stellen, warum es niemals gelingt, den Menschen ganz und gar in einen Roboter zu verwandeln, der auf bloßen Knopfdruck sein Tagespensum erledigt? Das ist doch gerade deswegen der Fall, weil das menschliche Bedürfnis nach Resonanz so übermächtig ist, dass es sich selbst noch gegen die stärksten Widerstände behauptet! Entscheidend ist aber doch, in welche Richtung die Menschen durch die Übermacht der Technik getrieben werden!

Über die Fakten sind wir uns doch wohl einig. Diese aber besagen, dass Firmen heute den Lebensmittelpunkt für die meisten Menschen bilden – wenn man den Schlaf abrechnet, verbringen sie dort den größten Teil ihres bewussten Lebens. Gerade hier aber setzt sich die Ratio der Technik erbarmungslos durch: Sobald der allgegenwärtige Konkurrenzdruck stärker wird und Arbeitskräfte leicht zu bekommen, setzt man sich über menschliche Bedürfnisse unbekümmert hinweg. Firmen werden dann schnell zu Verwertungsmaschinen für das im Überfluss vorhandene Humanmaterial. Anders gesagt, geraten sie in größte Ähnlichkeit zum Militär, wo der Mensch im Ernstfall schon immer als bloßer Roboter zu funktionieren hatte. Das Militär war und ist die klassische Institution für funktionale Menschenver­wertung und funktionalen Menschenverschleiß – und die neoliberale Wirtschaft ist in Gefahr sich diesem Modell soweit irgend möglich anzugleichen.

Achtung!, sagt der Techniker,

das ist wieder eine einseitige Übertreibung. Wir wissen doch, dass gerade beim Militär die stärksten menschlichen Bindungen entstehen konnten. Ich kenne Kameradschaftsbünde, in denen sich Überlebende noch Jahrzehnte später begegnen, weil sie sich daran erinnern, wie einer dem anderen in Momenten existenzieller Not das Leben gerettet hat oder ihm Trost gewährte. Das widerstreitet deinen Feststellungen doch diametral. Überall gibt es menschliche Resonanz, um es in deinen Worten zu sagen – selbst dort, wo man Menschen als bloße Marionetten verwendet.

Der Poet:

Wieder liegst du daneben! Oder glaubst du etwa, das Militär werde um einen Deut menschlicher, weil Freundschaften selbst noch in Situationen brutalen gegenseitigen Abschlachtens entstehen! Genauso wenig wird die funktionale Verwertung des Menschen im neoliberalen System deswegen humaner, weil es diesem trotz größter Anstrengungen nie vollständig gelingt, das Bedürfnis des Menschen nach Resonanz zu unterdrücken oder gar abzuschaffen. Wie groß die Einsamkeit vieler Menschen gerade an jenen Plätzen ist, wo sie den größten Teil ihres bewussten Lebens verbringen, beweist die Statistik. Laut einer Studie der Harvard Business Review schätzen fünfzig Prozent amerikanischer Fachkräfte die eigene Arbeit als völlig sinnlos ein, während dies für 37% der Briten gilt. Eine Querschnittsuntersuchung über 142 Länder ergab, dass nicht mehr als 13 Prozent aller abhängig Beschäftigten mit ihrer Arbeit zufrieden sind (Siehe https://www.weforum.org/agenda/2017/04/why-its-time-to-rethink-the-meaning-of-work/). Sinnverlust und Einsamkeit liegen eng beieinander, und Einsamkeit erzeugt Schmerz und wirkt deswegen wie eine Krankheit (Manfred Spitzer).

Der Techniker:

Deine Sprünge erscheinen mir reichlich gewagt. Sinnverlust und Einsamkeit sind doch keinesfalls dasselbe. Derartige Behauptungen erscheinen mir unwissenschaftlich.

Der Poet

hat den Einwand offenbar überhört.

Ohne Beisammensein, Gemeinschaft, ohne das Miteinander, das eine gemeinsame Sprache bewirkt, verkümmern Menschen. Und mit Sprache meine ich nicht nur ein beliebiges Idiom wie Deutsch, Englisch oder Chinesisch, sondern die Gefühle, Ideen und Vorstellungen, die auf dieser Grundlage zwischen Menschen aufkommen und wachsen. Das in der Kindheit erlernte Idiom allein bewirkt noch keine Gemeinsamkeit. Man halte sich eine jener schrecklichen Wohnkasernen vor Augen, in der nicht wenige Menschen unserer Zeit ihr ganzes Leben verbringen. An der einen Tür steht „Katholik“, an der zweiten „Buddhist“, an den weiteren vielleicht „Atheist“, „Briefmarkensammler“, „schlagender Burschenschaftler“, „Anarchist“, „Maoist“ usw. Diese Menschen haben einander nichts zu sagen; sie sind einander so fremd, als lebten sie auf eigenen Planeten. Sie dürfen nicht einmal…

Da fällt ihm der Techniker neuerlich ins Wort

Aber das ist doch selbstverständlich! In alten Zeiten, als neunzig Prozent der Menschen noch als Bauern an ein Stück Ackerland gefesselt waren, konnten natürlich alle über dasselbe reden – ihr Leben verlief ja überall gleich eintönig und primitiv. Die heutige Gesellschaft dagegen besteht aus Lastwagenfahrern, Universitätsprofessoren, Stewardessen, Bäckern, Vermessungsingenieuren und zehntausend weiteren Berufen – und jedes Jahr kommen weltweit ein paar Hundert dazu. Wie können wir da noch von gemeinsamen Identitäten reden? Solche Zeiten gehören doch längst einer unwiederbringlichen Vergangenheit an. Vielleicht wird in hundert Jahren jeder einzelne Mensch auf dem Globus ein Spezialist in seinem eigenen Fache sein. Ich sehe darin nicht weniger als das Ziel der Entwicklung unserer Spezies zum Homo sapientissimus. Jeder Mensch ist dann ein Fachmann auf einem Gebiet, das nur er als einziger vollständig beherrscht. So gelangt die Explosion des Wissens an jenen höchsten Punkt, dem sie seit dreihundert Jahren – ich würde sagen, mit logischer Notwendigkeit – entgegenstrebt. Übrigens hat der Historiker Ian Morris diesen Endpunkt bereits vorausgesehen. In einer bemerkenswerten Untersuchung zeigte er, dass die Zunahme von wissenschaftlichen Fachzeitschriften zwischen dem 17ten bis zum 20sten Jahrhundert exponentiell erfolgte, so dass rein logisch irgendwann der Punkt erreicht sein müsste, wo auf jeden Erdenbürger eine Zeitschrift kommt.

Angewidert schüttelt der Poet den Kopf

Ich weiß schon: Das ist eure Vision, die Vision der Sozialklempner, für die es für alle Probleme stets eine technische Lösung gibt. Alle Menschen nur noch Rädchen in der großen ökonomischen Megamaschine, um den immer komplexeren Apparat der Daseinsfürsorge am Laufen zu halten. Aber welchen Sinn hat dieser Apparat für die Menschen, wenn jeder nur noch eine Privatsprache als Experte spricht, so dass sie einander nichts mehr zu sagen haben, weil ihr Bedürfnis nach Resonanz ins Leere geht? Oder kann unter bloßen Funktionen noch Gemeinschaft wachsen?

Habe ich es nicht gerade gesagt? Die eigentliche Krankheit, das Grundübel der Neuzeit, ist die Einsamkeit des durch technische Funktionalisierung entwurzelten Menschen. Die Technik kann dagegen nichts tun, denn menschliche Freiheit, welche sich in Sprachen, Traditionen, gemeinsamen Überzeugungen manifestiert und Menschen eine von ihnen selbst geschaffene Identität verschafft, beruht für euch ja auf bloßer Beliebigkeit – in euren Augen ist sie nichts wert. Resonanz und Gemeinschaft könnt ihr nicht erzeugen, weil sie für euch keine Bedeutung haben – ihr könnt sie nur zerstören.

Aber du hast schon Recht. Weil Gemeinschaft ein Grundbedürfnis des Menschen ist, unternimmt er alles, um sie – in wie primitiver Form auch immer – selbst im Militär, selbst in der neoliberalen Wirtschaft, selbst im hochtechnisierten Apparat durchzusetzen. Daher schließt ja auch ihr euch in Gruppen zusammen. Ob ihr nun Elektriker, Quantenphysiker oder Biogenetiker seid, ihr bildet Vereine oder Forschergemeinschaften, weil ihr einem „irrationalen“ Bedürfnis folgt, das sich aus der Technik selbst nicht ableiten lässt. Um es auf den kürzesten – wenn auch zu Recht umstrittenen – Begriff zu bringen: Auch ihr verschafft euch eine je eigene Identität, denn Gleichklang oder Resonanz kann nur unter Menschen entstehen, welche auf gleichen Frequenzen schwingen.

Identität!, ruft der Techniker

und man hört ihm die Empörung an, die er mit diesem Wort ausdrücken will. Wie gut ich die Vokabel aus dem Munde der ewig Gestrigen kenne! Die Identitären wollen sie, die AfD strebt nach deutsch-nationaler Identität, die FPÖ in Österreich verteidigt den Alpenmenschen gegen die Verunreinigung des Volkskörpers durch artfremde Einwanderung. Jenseits von Europa streben die Hindunationalisten nach identitärer Verwirklichung. Wladimir Putin versucht die panslawische Identität gegen den europäischen Liberalismus in Stellung zu bringen, überall dröhnt der Ruf nach Identität an mein Ohr. Und jetzt fällst auch du noch auf die Demagogen herein! Aber darüber sollte ich mich eigentlich nicht wundern. Ihr Sozialromantiker seid für solche Versuchungen immer schon besonders anfällig gewesen.

Der Poet fährt in die Höhe, man sieht ihm den Ärger an.

Wenn das so einfach wäre! Ihr Techniker seht nicht einmal das Problem, denn ihr verwechselt die Wirkung mit ihrer Ursache. Warum tanzen rechte Populisten um die Identität wie um das goldene Kalb? Warum nutzen sie die Angst der Bevölkerung vor Überfremdung, vor dem Ungewissen, vor den vielen Umwälzungen, die sie verunsichern? Den Grund dafür habt ihr geschaffen, weil ihr alle gewachsene Identität: den Glauben, die gemeinsame Geschichte, eine verbindende Weltanschauung als beliebig belächelt, seziert und zerstört habt. Was ihr mit unseren alten Städten getan habt, wenn ihr im Namen des Nützlichkeitsprinzips die gewachsenen historischen Kerne durch Kaufhäuser oder einförmige Mietskasernen ersetzt, das habt ihr ganz genauso am lebenden Menschen praktiziert. Tausende von Vereinen, Bünden, Genossenschaften wurden planiert, damit am Ende der rein funktional agierende „Mensch ohne Eigenschaften“ als gesichtsloses Reliktübrigbleibt. Auf diese Weise habt ihr das emotionale Nichts in den flexiblen Robotermenschen geschaffen, die als atomisierte Intelligenzen beziehungs- und sprachlos nebeneinander leben. Und da wundert ihr euch über die Angst, die nun nach künstlichen Identitäten schreit, nachdem ihr die gewachsenen flächendeckend zerstört habt?

Ihr habt die Menschen in ein emotionales Nichts versetzt, weil auch Emotionen für euch nur belächelnswerte Restposten sind. Aber Menschen halten es nicht aus, dauerhaft in der Einsamkeit eines psychischen Vakuums zu leben. Wenn sie das historische Band von gemeinsamen Überzeugungen, gegenseitigem Verstehen und Gesprächsbereitschaft, also eine oft über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Identität nicht länger zusammenhält, dann reagieren sie mit innerer Verstörung auf diesen elementaren Verlust an Resonanz. Verstörung und Angst aber treiben dann jenen Hass hervor, aus dem die Sumpfblüten künstlicher Identitäten sprießen. Denn leider ist es ja so, dass der Hass – das gemeinsame Anbrüllen gegen wirkliche oder erdachte Feinde – das Vakuum der Einsamkeit viel schneller auszufüllen vermag als dies auf dem langsamen Wege gegenseitiger Anpassung möglich ist. Dann entstehen die extremistischen, oft über Nacht geschaffenen Identitäten, womit Demagogen und Populisten die vereinsamten Massen zu brüllenden Herden zusammenschweißen. Dann kann es passieren, dass alle Wohlfahrt und aller Luxus, die eure Technik geschaffen hat, den Menschen plötzlich als nichtssagendes und wertloses Gehäuse erscheint, während sie ihr Heil darin sehen, fanatische Fremdenhasser, besessene Fremdenlieber, fundamentalistische Kapitalisten, verfolgungssüchtige Marxisten, kreuzzugsbereite Katholiken, mordende Muslime oder radikale Atheisten zu sein. Worauf es den Extremisten ankommt, ist letztlich gar nicht der Inhalt, den sie in die Welt posaunen, sondern dass sie dies unisono in einer Gemeinschaft der gemeinsam von „Wahrheit“ besessenen tun (Eric Hoffer). Worauf es ihnen ankommt ist die Fahne, welche ihre emotionale Leere bedeckt und ihnen das heiß ersehnte Gefühl vemittelt, endlich dazuzugehören.

Der Techniker:

Das verstehe ich nicht. Was hat die Technik mit Extremismus zu tun? Wir brüten über nützlichen Formeln und stellen all die Geräte her, mit denen wir euer Leben physisch erleichtern können. Das Innenleben der Leute geht uns doch, bitte schön, gar nichts an; davon wollen wir überhaupt nichts wissen – von mir selbst kann ich das jedenfalls mit gutem Gewissen behaupten. Was du da behauptest, mag ja richtig sein, aber für mich hat es wirklich gar keine Bedeutung. Ich habe dir doch schon gesagt, dass wir Techniker die Kultur zu den Nebensächlichkeiten rechnen – das gilt noch mehr für den kollektiven Wahn von Extremisten. Das sind doch nur Krämpfe und Krankheiten, die nach kurzer Zeit wieder vergehen, also Beliebigkeiten. Wir denken in Naturgesetzen, d.h. in Jahrtausenden und nicht in Jahrzehnten. Das alles geht einen Techniker doch überhaupt nichts an!

Poet:

Ja, und genau darin liegt die Misere und akute Gefahr. Ihr Techniker kennt euch mit Apparaten aus, aber für den Menschen ist in eurem Weltbild kein Platz vorgesehen. Es ist aber der Mensch, der mit seinen Werten und Wünschen das eigene Leben gestaltet. Die Apparate können ihm dazu bestenfalls Hilfe leisten, aber mehr ganz gewiss nicht. Und es ist das Vorrecht des Menschen, dass er diese Werte und Wünsche aus sich selber schöpft und sie nicht aus der Natur als fertige Rezepte empfängt. Was euch als Beliebigkeit erscheint, ist das eigentliche Ziel des Menschen: die Eroberung der Zukunft, so wie er sie kraft seiner Freiheit gestalten möchte. So erschafft er sich selbst eine Identität, einen Sinn und ein Lebensziel, das ihn mit anderen Menschen verbindet, aber sich aus keiner technischen Formel oder gar Naturnotwendigkeit herleiten lässt.*1* Das bekommt ihr nicht in den Blick – aber ihr seid dabei ja nicht einmal allein. Eine modische Wiener Philosophin (Isolde Charim) weiß nicht einmal, dass sie euch, den Technikern, nach dem Munde redet, wenn sie die Notwendigkeit von Identität überhaupt bestreitet. Es ist ein trauriges Faktum, dass selbst jene, die über Politik und Gesellschaft reden, sich von ihrem berechtigten Abscheu gegen Demagogen und Rechtspopulisten dazu verleiten lassen, die tiefsten Bedürfnisse des Menschen ganz einfach zu übersehen.

Der Techniker scheint plötzlich

nicht mehr anwesend zu sein. Er murmelt noch ein:

Ja, ja, das mag ja alles richtig sein, aber jetzt habe ich Wichtigeres zu tun.

Damit beugt er sich über ein liniertes Blatt, das von oben bis unten mit Zeichen und formalhaften Abkürzungen bedeckt ist – vermutlich eine kürzlich fertiggestellte Forschungsarbeit. Dem Poeten wird auf einmal bewusst, dass er ins Leere gesprochen hat. Er entfernt sich leise, der Techniker scheint dies nicht einmal zu bemerken. Doch der Techniker wendet sich ihm neuerlich zu.

Das Gespräch sollten wir fortsetzen, aber auf seriös-wissenschaftliche Art. Ich schlage vor, dass wir es unter den Titel bringen: Der Kampf zwischen Technik und Kultur.

Der Poet:

Einverstanden, aber das Ergebnis steht doch schon fest. Deswegen schlage ich einen anderen Titel vor: Von der Risiko- zur Reparaturgesellschaft.

Gut, erwidert der Techniker

nennen wir unser Vorhaben: Von der Risiko- zur Reparaturgesellschaft – Der Kampf zwischen Technik und Kultur.

1. Es gibt, wie ich in aller Unbescheidenheit meine, eine Lösung für das Problem der Freiheit. Siehe mein Buch: „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ (wahlweise als Taschenbuch oder Kindle eBook).

Auf der Suche nach dem verlorenen Feind

(auch erschienen in "Tichys Einblick")

Unter Philosophen ist es üblich, in der pluralistischen Gesellschaft so etwas wie den End- und Zielpunkt moderner sozial-politscher Entwicklung zu sehen. Diesen Standpunkt vertritt eine Wiener Philosophin namens Isolde Charim mit viel Beredsamkeit. Ihr zufolge sei es ein natürlicher und wünschbarer Prozess, dass sich Identitäten auffächern, verschmelzen und ins Amorphe auflösen, so dass jeder Mensch sozusagen in verschiedenen Spielfiguren auf der sozialen Bühne erscheint. Die ganze Buntheit der Welt darf und soll sich in jedem einzelnen Individuum spiegeln. Auf der Suche nach dem verlorenen Feind weiterlesen

Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren

(auch erschienen in: Tichys Einblick und Forum Freie Gesellschaft)

Eine Wiener Philosophin hat kürzlich im österreichischen Rundfunk mit einem Text von großer sprachlicher Eindringlichkeit für die pluralistische Gesellschaft geworben. Nicht im Kampf der Kulturen, wie Huntington ihn beschwor, liege die eigentliche Bedrohung, sondern im Kampf aller Fundamentalisten gleich welcher Religion und Ideologie gegen die multikulturelle Gesellschaft. Deren Vielfalt sei das einzig positive Ideal unserer Zeit, nicht Homogeneität wie von den Fundamentalisten erstrebt. Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren weiterlesen