Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen

William E. Rees gewidmet

Präsident Trump hat die „Fake News“ erfunden und uns zugleich den Gefallen getan, eine denkbar simple Definition dafür mitzuliefern. Falsche Nachrichten sind einfach solche, die ihm nicht passen! Wir würden die Bedeutung dieses Präsidenten allerdings sehr überschätzen, wollten wir gegen ihn auch noch den Vorwurf erheben, die „Fake Reality“ erfunden zu haben. Der Gegensatz zwischen der Wirklichkeit, wie sie ist, und der Wirklichkeit, wie wir sie haben wollen, begleitet die Menschheit seit Beginn ihrer Geschichte – im Guten ebenso wie im Bösen. Es ist wichtig, auch das Gute zu betonen, denn jede Utopie, jedes Denken, das auf Besserung zielt, muss erst einmal das Bleigewicht des ewigen Einspruchs beiseiteschieben: „TINA – es gibt keine andere Wahl“. Nicht selten sind es gerade die größten Geister, die sich gegenüber der Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist, als durchaus blind erweisen, weil sie eine Wirklichkeit mit sich in ihrem Kopfe tragen, wie sie nach ihrer Meinung sein sollte und daher für sie die allein richtige ist.

Das historisch vielleicht bedeutendste Beispiel

für eine derartige kreative Blindheit liefert wohl Francis Bacon, der Erfinder der Neuzeit – um es einmal so plakativ auszudrückenZur selben Zeit, als William Shakespeare seinem Land einen Höhepunkt kultureller Entwicklung bescherte, sah dieser Mann eine durch Technik und Wissenschaft völlig verwandelte Welt voraus, in der nur das Sicht-, Wäg- und Messbare zählt und der Mensch durch die genaue Beobachtung der Natur zur Herrschaft über die Welt gelangt. Francis Bacon hat diese Vision damals einzig aus dem eigenen Kopf geschöpft, denn in der ihn umgebenden Wirklichkeit gab es zu seiner Zeit wenig, was sie auch nur als denkbar erscheinen ließ. Damit will ich nicht sagen, dass es an großen Erfindern gemangelt hätte. Immerhin war Galileo sein Zeitgenosse und Isaac Newton wurde keine zwanzig Jahre nach Bacons Tod geboren. Aber der Lord Chancellor war blind dafür, dass seine Vision ohne Folgen geblieben wäre – und zweieinhalb Jahrhunderte lang ja auch tatsächlich folgenlos blieb -, hätte es gegen Ende des 18ten Jahrhunderts nicht den wirklich entscheidenden Durchbruch gegeben: die fossile Revolution.

Die eigentliche Wende zum Anthropozän,

welche den Beginn unserer Epoche des materiellen Reichtums markiert, wurde erst dadurch ermöglicht, dass man in großem Maßstab die in Millionen Jahren gespeicherten Vorräte an Kohle (hundert Jahre später dann auch Öl und Gas) in den Tiefen der Erde abzubauen begann. *1* Ohne die industrielle Nutzung dieses bis dahin noch ungehobenen Schatzes wäre Bacons Vision und wären alle nachfolgenden Erfindungen eine Art von inspiriertem Denksport geblieben, utopische Wunschbilder, wie es im Laufe der Jahrhunderte so viele gegeben hat. So aber geschah es, dass beides auf einmal einen exponentiellen Verlauf begann: der Reichtum auf der einen, das fossile Feuer auf der anderen Seite.

Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Diese Entwicklung spiegelt ziemlich genau die exponentielle Zunahme des Weltenergieverbrauchs. Im Jahr 1800 belief sich dieser auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill)…

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven

ist offensichtlich. Kohle und Öl wären ohne die Erfindung der Dampfmaschine (sowie später der Diesel- und Elektromotoren) zwar nie zur Wirkung gelangt, aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und die Nutzung fossiler Rohstoffe bilden somit eine unauflösliche Einheit. Erst wenn wir dieser Wahrheit ins Auge sehen, sind wir imstande, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen – und die erweisen sich als höchst beunruhigend: Die Erschöpfung ihrer fossilen Rohstoffbasis könnte die industrielle Revolution dazu verdammen, ein bloßes Strohfeuer gewesen zu sein, ein kleines weltgeschichtliches Intermezzo.

Die Tragik dieser Einsicht ist heute nur den wenigsten bewusst, denn

Keine frühere Epoche der Menschheitsgeschichte

hat in so kurzer Zeit das Los der Menschen materiell so radikal verändert und weitgehend zum Besseren gewendet. Zwar hatten sich schon früh kritische Stimmen gegen das „materialistische Denken“ der neuen Zeit erhoben. In Frankreich lehnte sich Rousseau, in Deutschland die Romantik gegen die Enge von Nützlichkeitsstreben und materialistischer Weltanschauung auf; der große Systemkritiker Karl Marx hatte zwar nichts gegen Wissenschaft und Technik einzuwenden, stattdessen beklagte er, dass der materielle Fortschritt keineswegs zu größerer sozialer Gerechtigkeit führe.

Der Protest der Romantiker blieb auf eine relativ kleine Schicht von Künstlern und Intellektuellen beschränkt (und wurde später zu Unrecht als „reaktionär“ abgetan); der Marxismus eroberte vorübergehend die Hälfte der Welt und spielt im Protest gegen Ungleichheit bis heute eine bedeutende Rolle. Tatsache ist dennoch, dass die unteren neunzig Prozent in der fossilen Epoche zum ersten Mal seit der neolithischen Revolution, also seit etwa zehntausend Jahren, aus ihrer Knechtschaft befreit worden sind. Bürgertum und Mittelstand konnten zu Wohlstand und politischem Einfluss gelangen und – seit dem zwanzigsten Jahrhundert – traf dies selbst auf die Arbeiterschaft zu.

Dennoch trug gerade dieser historisch einzigartige Erfolg

dazu bei, eine neue und überaus gefährliche Blindheit hervorzubringen – was nichts anderes heißt, als dass sich die Menschen wiederum an eine „Fake Reality“ gewöhnten. Hätten im Kopf jedes nachdenklichen Wissenschaftlers nicht von Anfang an – also seit beinahe drei Jahrhunderten – die kritischen Fragen aufkommen müssen: „Wie lange werden die fossilen Vorräte denn reichen?“ Und: „Was geschieht denn, wenn sie versiegen?“

Diese Fragen sind eigentlich so naheliegend, dass man ihre völlige Abwesenheit in der öffentlichen Debatte nur damit erklären kann, dass sie geflissentlich verdrängt worden sind. Politik und Bevölkerung wollten nichts davon wissen. Das Wunschbild ewigen Wachstums war so bezaubernd schön, dass niemand daran gemahnt werden wollte, dass es dergleichen in der Natur weder gab noch überhaupt geben kann. Tatsächlich wurden diese elementaren Fragen auf wissenschaftlich-systematische Art erst kurz vor der ersten Erschütterung des kollektiven Traums durch die Ölkrise von 1973 in die Öffentlichkeit getragen. Das geschah im Jahre 1972 mit dem Bericht des „Club of Rome“ über „Die Grenzen des Wachstums“.

Die Ölkrise erwies sich allerdings als ein vorübergehendes, politisch inszeniertes Problem. Kaum hatte man sie überwunden, als die Welt nach tiefem Aufatmen mit unverminderter Begeisterung wieder um das goldene Kalb der Fake Reality zu tanzen begann. Ewiges Wachstum stand und steht bis heute auf dem Programm aller Industrienationen. Wie sich das mit der Endlichkeit der zur Verfügung stehenden Ressourcen trägt, darüber schweigen sich alle beharrlich aus. Gesellschaften wurden und werden von Wunschdenken und Wunschbildern beherrscht.*2*

Diese Blindheit allein wäre noch nicht fatal

Wie sich bald nach Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ zeigen sollte, reichen die vorhandenen Vorräte um vieles weiter, als die Wissenschaftler zu Anfang der siebziger Jahre aufgrund der vorhandenen Daten noch annehmen konnten. Die eigentliche Gefahr für das kollektive Wunschbild der Fake Reality liegt aber gar nicht hier, sondern droht aus einer ganz anderen Richtung. Lord Bacon, der Erfinder der Neuzeit, stellte sich die glücklichen Menschen einer kommenden Zivilisation – die Bewohner der Insel „Nova Atlantis“ – schlicht in der Weise vor, dass sie aus armen Hütten steinerne Häuser machen und aus dürfti­gen Werkzeugen dauerhafte Geräte. Die schlechte Idee einer Wegwerfgesell­schaft wäre ihm nicht im Traum eingefallen. Aber genau davon ist die moderne Industriegesellschaft geprägt. Unsere Wirtschaft saugt einen ständig anschwellenden Ressourcenfluss in die Fabriken, damit jeder Mensch die ihn umgebenden Apparate ständig durch die neuesten Modelle ersetzt und auf diese Weise Güter und Einkommen sich fortwährend vermehren lassen.

Die Wegwerfgesellschaft hat überhaupt erst die existenzielle Gefahr geschaffen, mit der wir heute leben, denn es sind ja die aus der industriellen Produktion entstehenden biologisch nicht abbaubaren Gifte, welche zur eigentlichen Bedrohung für das fossile Zeitalter wurden. Nicht einmal der sonst so scharfsichtige Karl Marx hat drei Jahrhunderte nach Francis Bacon diesen Gedanken ernsthaft in Erwägung gezogen.

Niemand hat die wirkliche Gefahr vorausgesehen. Denn inzwischen wissen wir, dass es nicht der Klassenkampf ist und nicht einmal die Erschöpfung der fossilen Ressourcen, welche das industrielle Zeitalter in seiner bisherigen Gestalt mit dem Kollaps bedroht.*3* Diese Gefahr geht von den Abfällen des industriellen Prozesses aus, also von den anthropogenen, biologisch nicht abbaufähigen Giften. An erster Stelle steht natürlich das Kohlendioxid, welches das Klima destabilisiert. Die Verseuchung der Weltmeere durch Plastik aber setzt eine bedeutende Nahrungsquelle aufs Spiel. Darüber hinaus verwandelt die Vergiftung ganzer Landstriche in Afrika, Indonesien oder den Philippinen mit Elektroschrott und anderem Müll die Natur in pestilente Wüsten. Nukleare Rückstände wurden zu einer Gefahr, wo immer sich Atomkraftwerke befinden.

Deutschland ist nur mit bescheidenen zwei Prozent

an der Verseuchung der Atmosphäre mit Kohlendioxid beteiligt. Diesen Vorzug verdankt es freilich weniger seinen Anstrengungen zum Klimaschutz als dem Umstand, dass es die schmutzigsten Industrien und deren negative Umweltbilanz in Entwicklungsländer auslagerte, vor allem nach China.

So gesehen, hat das gestiegene Umweltbewusstsein der Europäer eine eher geringe Bedeutung. Selbst wenn eine grüne Partei in Deutschland die Politik nach ihrem Willen bestimmen könnte, wäre sie bestenfalls in der Lage, die globalen CO2-Emissionen um maximal zwei Prozent zu vermindern. Es sind nicht die Deutschen und auch nicht die Europäer, es sind die weltweit größten Verschmutzer – China, die USA und Indien – die über das weitere Schicksal des Planeten entscheiden. Bekanntlich sind die USA unter Trump aus dem Pariser Vertrag zur Begrenzung der CO2-Emissionen ausgestiegen. In Indien hält man das Gerede über die Umwelt überhaupt für ein Luxusproblem des reichen Westens. Und wie steht es mit China? China ist tatsächlich ein eigener Fall. Was dort gegenwärtig geschieht, wird über unser aller Zukunft entscheiden.

Die Chinesen verfügen über ein großes

 – inzwischen wohl über das weltweit größte Potential an hervorragenden Wissenschaftlern. Alles westliche Wissen wird dort kopiert, aufgesogen und inzwi­schen in manchen Sektoren auch schon über den westlichen Standard hinaus perfektioniert. Ähnlich wie Deutschland ab 1870 an seinem Lehrmeister England in wenigen Jahren vorüberzog, drängt das Land der Mitte auf allen Gebieten von Wissenschaft und Technik mit größter Entschlossenheit an die Spitze. Über die existenziellen Bedrohungen durch die Industrialisierung wissen Chinas Experten natürlich ebenso gut Bescheid wie wir in Europa – die gesundheitsgefährdende Vergiftung der Luft in den Großstädten ihres Landes und der flächendeckende Raubbau an der Natur ruft sie ihnen ja fortdauernd in Erinnerung. Aber unter dem Präsidenten Xi Jinping hat sich die Partei eine absolute Verfügung über den öffentlichen Diskurs angeeignet. Und das Politbüro hat die Richtung der Politik eindeutig vorgegeben: „Erst müssen wir den Westen im Hinblick auf Wohlstand und Macht eingeholt haben, dann können wir uns den Luxus leisten, über Umweltprobleme zu reden.“

In diesem Sinne sind Journalisten verpflichtet, der Loyalität gegenüber der Partei grundsätzlich den Vorrang gegenüber dem zu geben, was sie persönlich für wahr erachten – eine Forderung, die natürlich auch für die Wissenschaft gilt, sofern sie sich an die Öffentlichkeit wendet. Das Bekenntnis zur Fake Reality ist erstes Gebot in China.

Bisher hat sich die Linie der Partei

sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung als auch gegenüber dem Ausland auf erstaunliche Art bewährt. Im Inland wurden Millionen Menschen in phänomenal kurzer Zeit aus jahrtausendealter Armut erlöst. Und was das Ausland, speziell den Westen, betrifft, so sind die Chinesen über die in Europa und den USA herrschenden Gedankenströmungen ganz genau informiert und richten die eigene Propaganda geschickt daran aus. Man hat längst begriffen, welche Bedeutung die Vokabel „grün“ seit einiger Zeit bei uns im Westen besitzt. Also schaltet man auch in China die politischen Ampeln auf grün und scheut keine propagandistische Anstrengung, um das eigene Land als Pionier einer grünen Politik hinzustellen und die Vereinigten Staaten unter Trump als einen rückständigen Staat, der die Zeichen der Zeit nicht verstehen will.

Die Kunst, die Wirklichkeit hinter einer Fassade von Fake Reality zu verstecken, wurde in einer so alten Kultur wie der chinesischen natürlich zu weit größerer Perfektion entwickelt als in einem vergleichsweise so jungen Staat wie den USA. De facto verfährt China zwar viel rücksichtsloser gegen die Natur als die USA, aber anders als Trump – ein Elefant, der alles überhaupt vorhandene Porzellan mutwillig und offenbar mit Gusto zertritt – ist man in China Meister des schönen Scheins. Und es stimmt ja, dass man die größten Windparks der Welt aufgebaut hat und mehr Wald aufforstet als irgendein anderer Staat. Die Kehrseite dieser Entwicklung bleibt jedoch unerwähnt: Nach Zahlen des Mercator Instituts für Gemeingüter und Klimawandel (MCC) sind allein in China und Indien noch etwa 150 neue /Kohle-/Kraftwerke im Bau, noch einmal so viele sind geplant. Insgesamt beläuft sich die Abhängigkeit Chinas bei der Stromerzeugung immer noch auf 70 Prozent (Atlas der Globalisierung). China ist neben Indien der Mega-Umweltsünder – und es deutet nichts darauf hin, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

Der Grund für das chinesische Vorgehen liegt auf der Hand

Nur aufgrund eines weiterhin immer stärker lodernden fossilen Feuers ist es möglich, nun auch den ärmsten Bürgern mit jedem Jahr ein größeres Maß an Wohlfahrt zu verheißen. Obwohl es nirgendwo mehr Milliardäre gibt als in dem angeblich kommunistischen Land, wird das mittlere Prokopf-Einkommen von der enormen Bevölkerungszahl stark in die Tiefe gedrückt. Daher ist es vorerst auch noch nicht höher als in Algerien, Brasilien oder Mazedonien, wenn man die Kaufkraft in Betracht zieht (Ulrike Herrmann). Dies macht verständlich, warum es dem chinesischen Staat so sehr darauf ankommt, alle nur möglichen Quellen verfügbarer Energie zu erschließen. Die Parteispitze ist sich durchaus bewusst, dass sie sich nur an der Macht halten kann, wenn sie einer ganzen Milliarde Menschen innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte denselben Lebensstandard ermöglicht, den bisher in erster Linie die Bewohner der Küstenregionen genießen. Auch aus unserer westlichen Perspektive erscheint das durchaus gerecht zu sein. Warum sollte den Chinesen ein Wohlstand verwehrt sein, den wir schon seit langem genießen? Andererseits ist es inzwischen für jeden ökologisch auch nur halbwegs gebildeten Menschen offensichtlich, welche desaströsen Folgen sich daraus für den Globus ergeben.

Wer also ist schuld?

Es gehört zu unserer Gewöhnung an Fake Reality, dass wir das Profitstreben manischer Egoisten für alle Übel einschließlich der fortschreitenden Zerstörung der Umwelt verantwortlich machen – mögen wir diese Egoisten nun als Kapitalisten, Konzerne, Banken oder einfach als neoliberalen System bezeichnen.

Wenn es doch nur so einfach wäre!

Denn dann hätten zumindest einige Länder das Problem durch einen politischen Umsturz schon längst gelöst!

Aber so einfach ist es gerade nicht! Eine halbe Milliarde Chinesen wartet noch immer darauf, so wie wir mindestens ein Wasserklosett und ein Auto zu besitzen und wenigstens einmal im Jahr einen Flug in den Urlaub zu genießen. Und inzwischen fordern auch die Menschen in Afrika und Innerasien genau diesen Lebensstandard von ihren Regierungen. Sieben, bald sogar zehn Milliarden Menschen wollen materiell so gut leben wie wir. Es interessiert sie wenig, mit welcher Wirtschaftsform und unter welchem politischen System sie dieses Ziel erreichen, wenn dies nur überhaupt geschieht, und zwar besser heute als morgen!

In Wahrheit sind Politiker und Regierungen

überall auf der Welt Getriebene, weil es diese Milliarden sind, die alle nach jenem Wohlstand streben, den die jeweils reichsten Nationen bereits besitzen. Bis vor dreihundert Jahren hatte eine überwältigende Mehrheit der Menschen – mochten sie nun in Neuguinea, China, Indien oder Persien zu Hause sein – keine Vorstellung davon, wie Deutsche, Italiener oder Nordamerikaner leben. Heute trägt das Fernsehen Bilder vom guten westlichen Leben weltweit in jedes Haus. Als zwangsläufige Folge aus dieser global zugänglichen Information erlebt die Menschheit nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein globales Wettrennen der Nationen um Reichtum und Macht. Und dieses Wettrennen wird nicht nur von Neid verursacht – es steht durchaus im Einklang mit unserem Gefühl für Gerechtigkeit. Gleichgültig, ob wir politisch links oder rechts eingestellt sind, halten wir es in jedem Fall für die Aufgabe einer guten Regierung, allen ihren Bürgern Chancengleichheit zu bieten, also die Aussicht auf einen annähernd gleich hohen Lebensstandard. Sieht die Europäische Union ihr Ziel nicht selbstverständlich darin, das bisher noch bestehende Reichtumsgefälle zwischen den östlichen und westlichen Mitgliedstaaten allmählich auszugleichen? Diese Forderung aber sollte natürlich auch für den ganzen Planeten gelten. Da erscheint es nur als gerecht, dass für alle Menschen und Nationen Chancengleichheit besteht, die ihnen mit der Zeit den gleichen Reichtum verschafft.

Diesen Ruf nach materieller Gerechtigkeit leuchtet ein, gleichzeitig aber sind wir uns peinvoll bewusst, dass wir als Kollektiv gegen eine unüberwindbare Barriere anprallen. Denn spätestens seit der Klimakrise sind wir mit einem neuen Faktum konfrontiert:

Die Natur spielt nicht mehr mit!

In Kalifornien, Australien, im Amazonasbecken und in ganz Sibirien brennen die Wälder – sie brennen immer öfter und immer länger. Auf den Philippinen, in Japan, China, aber auch in Teilen Afrikas und Europas wüten mit jedem Jahr heftigere Stürme. Die Eispanzer der Arktis und Antarktis schmelzen schneller als die kühnsten Prognosen der Wissenschaftler in ihren Computersimulationen vorhergesehen hatten. Der Mensch aber ist inzwischen so beängstigend „erfolgreich“, dass er unter den Säugetieren allein 36% der gesamten Biomasse bildet. Mit 60% sind die von ihm verzehrten Nutztiere vertreten, während alle Wildtiere zusammen nur noch vier Prozent bilden, also praktisch am Limit der vollständigen Ausrottung stehen.

So zeigt die Fassade der Fake Reality seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal unübersehbare und gefährliche Risse. Wir müssen uns eingestehen, dass wir seit dem 21. Jahrhundert vor einem Entweder-Oder stehen. Entweder reduzieren wir innerhalb der kommenden zwei, drei Jahrzehnte unseren fossilen Verbrauch gegen Null (und den anderer knapper Res­sourcen ebenfalls auf ein sehr geringes Niveau) oder wir bewegen uns im Eiltempo dem ökologischen Kollaps entgegen.

Das Beispiel Greta Thunbergs

und der von ihr begründeten Bewegung „Friday for Future“ zeigt, dass es einer Schülerin bedurfte, um die Wahrheit über des Kaisers neue Kleider in aller Öffentlichkeit auszusprechen. Greta Thunberg war mutig genug, um der Fake Reality den Kampf anzusagen. Aber kann man sich von dieser Bewegung Erfolg versprechen? Ja, auf äußerlich sichtbare Weise wohl schon. Ich kann mir gut vorstellen, dass religiöse Sekten in der Art der vor acht Jahrhunderten von Franz von Assisi gegründeten demnächst in Europa oder auch den Vereinigten Staaten entstehen werden. Ähnlich wie damals werden dann eine kleine Zahl „Heiliger“ barfuß und in Lumpen gekleidet durch die Straßen ziehen, um ihren Mitmenschen zu predigen, dass sie sich grundlegend ändern müssen, wenn der Planet auch künftigen Generationen noch Platz bieten soll. Aber genau wie damals wird sich dadurch an der tatsächlichen Situation wenig ändern. Die Sektenjünger lassen sich – wie weiland die Franziskaner – vom Rest der Bevölkerung erhalten, der sich dadurch ein gutes Gewissen verschafft und genauso weiter macht wie bisher. Die USA werden jedenfalls eisern am „American Way of Life“ festhalten, während China, Indien und Afrika laut auf ihrem Recht bestehen, ihrerseits an diesem Wohlstand zu partizipieren.

Obwohl das Ergebnis – „nämlich Kollaps –

klar absehbar ist, gibt es keine Mehrheit die für einen Abbruch /des bisherigen Wirtschaftsgebarens/ stimmen würde“ (Harald Welzer).*4* Die Frage ist, warum? Ich glaube nicht, dass alle und nicht einmal die meisten Menschen unverbesserliche, kurzsichtige Egoisten wären und deshalb unfähig, über den Tellerrand ihrer jeweiligen Augenblicksbedürfnisse hinwegzusehen. Es liegt daran, dass jeder Staat, der den Weg des Verzichts beschreitet, sich dadurch entscheidend schwächt und zum Opfer der Stärkeren macht. Würden alle von einer starken übernationalen Autorität dazu genötigt, sich gleichzeitig und gemeinsam zum Verzicht zu entschließen, so dass keiner vor dem anderen einen Vor- oder Nachteil erwirbt, dann wäre die Rettung des Planeten vermutlich überhaupt kein Problem. Auf einzelstaatlicher Ebene hat dieses Prinzip ja durchaus funktioniert. Die Aufgabe einer funktionierenden Regierung bestand von jeher darin, Menschen daran zu hindern, dass sie für einander zu Wölfen werden. Aber heute genügen nationale Regierungen nicht mehr, um mit den globalen Problemen fertig zu werden. Eine transnationale Instanz mit Entschei­dungsbefugnis ist gefordert, um dem unseligen Wettrennen der Nationen um größeren Reichtum und größere Macht ein Ende zu setzen. *5*

Der kanadische Ökologe William E. Rees

hat aufgrund der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz errechnet, dass unter den gegebenen technischen Voraussetzungen zwei Milliarden Menschen – etwa eine Milliarde mehr als um 1800, als das fossile Feuer entzündet wurde – für eine nachhaltige Lebensweise vertretbar seien. *6*

Mit dieser Erkenntnis zündet die Wissenschaft eine Bombe. Die Menschheit muss ja beinahe wieder an den Ausgangspunkt zurück, wo sie vor der industriellen Revolution begann. Diese Forderung macht begreiflich, warum man auf der ganzen Welt die Augen so beflissen vor der Wirklichkeit verschließt und sich lieber zum Zerrbild der Fake Reality bekennt. Denn jedem von uns ist natürlich bewusst, dass auch die beste Familienplanung die Zahl der Menschen nicht schnell genug sinken lässt, damit sie noch in diesem Jahrhundert von sieben bis zehn auf nur zwei Milliarden Menschen abgesenkt wird. Es muss aber etwas geschehen, denn das Klima kümmert sich nicht darum, wie viel Zeit wir uns nehmen.

Ich schließe aus dieser Evidenz,

dass die Katastrophe nur durch radikalen Verzicht abgewehrt werden kann. Die gesamte Menschheit muss ihren heutigen Ressourcenverbrauch auf etwas weniger als ein Siebtel reduzieren, damit wir nicht mehr als diese maximal zwei Milliarden Menschen an Ressourcen verbrauchen und an Giften in die Natur emittieren. Andererseits haben wir aber gerade argumentiert, dass jeder Einzelstaat, der mit einem solchen Schritt beginnt, ohne dass ihm die anderen folgen, nur sich selber schwächt, ohne der Natur zu nützen. Mit anderen Worten, kein Einzelstaat allein kann – und will – wirklich etwas gegen die Klimakatastrophe tun -, denn dann müsste er die eigene Bevölkerung dazu zwingen, auf Wohlstand zu verzichten, auch wenn der Rest der Welt dazu nicht bereit ist. Nur eine transnationale Instanz, vermag diese Forderung durchzusetzen, wenn sie allen Einzelstaaten zusammen den gemeinsamen Verzicht auferlegt. Aus diesem – und nur aus diesem Grunde – sehe ich in einer Weltregierung das Ziel der Geschichte, denn sie allein ist imstande die Menschheit vor dem ökologischen Kollaps und der nuklearen Selbstvernichtung zu retten („Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“, Amazon).

Das ist der erste Grund, warum uns keine Grüne Partei die Wahrheit sagt. Denn eine gesetzgebende transnationale Instanz scheint im gegenwärtigen Moment noch völlig utopisch. Wir alle wollen hier und jetzt etwas tun – nicht nur die Grünen -, aber wenn wir ehrlich sind und uns nicht in das Wunschbild einer Fake Reality flüchten, sind wir zu dem Eingeständnis gezwungen, dass die jetzigen Bedingungen uns zur Ohnmacht verdammen.*7* Die Situation muss für die Menschheit erst so unerträglich werden, dass sie der globalen Gefahr mit globalem Handeln begegnet – bis dahin wird man sich um die Wahrheit drücken und im Gegenteil noch diejenigen als Panikmacher verleumden, welche mit dem Finger auf die Fake Reality zeigen.

Der deutsche Ökonom Meinhard Miegel

hat es gewagt, auf vorsichtige Weise die Richtung anzudeuten, in die wir uns bewegen müssen: Er sprach von einem „Wachstumswahn“, den wir beenden müssen. *8* Das ist bemerkenswert, weil Miegel ein politisch eher konservativer Denker ist. Der Ruf, dem vermeintlich ewigen Wachstum und damit dem Zerrbild der Fake Reality ein Ende zu setzen, kommt inzwischen also aus allen Richtungen. Was Meinhard Miegel nicht sah – und wohl auch nicht sehen wollte – ist, dass der Verzicht auf Wachstum eine völlig andere Wirtschaftsordnung als die heutige zur unerlässlichen Bedingung macht. Und die Folgen eines derartigen Wandelns sind von so grundlegender Art, dass dies der zweite Grund ist, warum gegenwärtig niemand – nicht einmal die Grünen – uns die Wahrheit sagen.

Von der Notwendigkeit einer globalen Instanz, um globale Problem zu lösen, habe ich schon gesprochen. Von der Notwendigkeit eines grundlegend veränderten Wirtschaftssystems wird im nächsten Artikel die Rede sein.

1. Ian Morris zufolge deckte England schon um 1650, also eineinhalb Jahrhunderte vor dem eigentlichen Beginn der fossilen Revolution, die Hälfte seines Energiebedarfs mit Kohle ab. Um 1700 „produzierte England fünfmal so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen, fünfzigmal so viel wie China“ (Michael Mann), denn die Möglichkeiten der Energiegewinnung aus den bis dahin zur Verfügung stehenden erneuerbaren Quellen waren so gut wie ausgereizt. Es gab in England und Irland kaum mehr Bäume. Auch der Tagebau der Kohle wäre schnell an ein Ende gelangt, wenn es nicht mithilfe der Dampfmaschine gelungen wäre, diese aus den Tiefen der Erde zu fördern.

2. Und diese Herrschaft führt oft auch zu einem intensiven Verlangen, die Realität, wie sie ist, zu verdrängen. „Ich stelle mir vor: Es gibt kein Gerede mehr vom Weltuntergang, vom Anthropozän, von den irreversiblen Zerstörungen, von den planetaren Grenzen“ (Welzer, „Alles könnte anders sein“). Das ist ein Aufruf zur Verdrängung: Leute haltet euch an die Fake Reality, die ist schöner!

3. Aber auch die Erschöpfung der Ressourcen ist bedrohlich genug. Siehe Ugo Bardi, „Der geplünderte Planet“.

4. Welzer, op. cit.

5. Im Einzelnen habe ich diese Perspektive in meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert“ (Amazon Kindle und Taschenbuch) ausgeführt.

6. Vgl. „Ecological economics for humanity’s plague phase“ in Ecological Economics, Band 169, März 2020, 106519. Der Aufsatz wurde dem Verfasser von Herrn Rees freundlicherweise vor der Veröffentlichung übersandt.

7. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Tausend für die Umwelt sinnvolle Aktionen werden schon jetzt und werden in Zukunft von den meisten Staaten ausgeführt werden. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das Verbot der FCKW, um die Zerstörung der Ozonschicht zu beenden. Dennoch werden die entscheidenden Maßnahmen nicht vollzogen, nämlich solche, welche einem Staat im Wettrennen um die größere Macht und Wirtschaftsstärke allen anderen gegenüber ernstliche Nachteile bringen. Keine Nation wird – außer, wenn sie dazu gezwungen wird – ihren Ressourcenverbrauch auf etwa ein Siebtel reduzieren, wie es für nachhaltiges Wirtschaften in Zukunft notwendig sein wird.

8. Siehe Meinhard Miegel, „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“. Propyläen 2010.

Krugman, Trump und die Geopolitik

In einem am 5. September in der New York Times erschienenen Artikel (Trumpism Is Bad for Business) hat Paul Krugman die gegen China verhängten Wirtschaftssanktionen scharf kritisiert. Nicht nur kämen sie die Konsumenten seines Landes teuer zu stehen, weil ja sie es seien, welche die Quittung für die hohen Zölle zu zahlen hätten, auch die amerikanische Agrarindustrie würde bitter leiden, da China seinerseits amerikanische Einfuhren mit hohen Abgaben bestraft. Man könne die „supply chain“, also die internationale Verflechtung der Produktion, nicht durch Zölle beschädigen, ohne dass alle Beteiligten schwer darunter zu leiden hätten. Das Ergebnis sei schon jetzt klar zu erkennen: Trump mache Amerika nicht „great“, sondern das genaue Gegenteil sei zu befürchten.

Aus der Perspektive Trumps und seiner Wähler

sah das zunächst freilich durchaus anders aus. Amerikas industrielle Landschaft war – und ist nach wie vor – von Rostgürteln geprägt, den Ruinen aufgelassener Industrien, die in den USA verschwanden, weil sie nach China verlagert wurden. Hunderttausende einst sehr gut bezahlter Arbeitsplätze wurden entweder zur Gänze vernichtet oder durch schlechter entlohnte ersetzt. Außerdem ließ sich aus Umfragen erkennen, dass eine Mehrheit der Amerikaner China für die größte Bedrohung des eigenen Landes hielt. Die amerikanische Bevölkerung war von einem diffusen Unbehagen an der Politik der beiden Großparteien ergriffen worden. Trump führte insofern eine Wende herbei, als er diesen längst nicht mehr unterschwelligen Protest deutlich erkannte und mit dem ihm eigenen undiplomatischen Draufgängertum das politische Ruder in Richtung Protektionismus herumwarf.

Die Weichen für die Demontage der Vereinigten Staaten

als industrielle Großmacht wurden freilich schon in den späten siebziger Jahren gestellt. Während der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren die USA noch die unbestrittene militärische und ökonomische Supermacht gewesen. Der Krieg hatte Europa und Japan ausgeblutet, andere Staaten zählten noch nicht als bedrohliche Konkurrenten. Doch schon zu Beginn der achtziger Jahre begann sich das Blatt für die Vereinigten Staaten zu wenden: Deutschland und Japan rückten als ernst zu nehmende industrielle Wettbewerber immer mehr auf. In dieser Lage begann in den USA ein epochaler Umschwung, der dort Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern sollte und schließlich zur Bedrohung für ihre Weltherrschaft wurde.

Amerikanische Unternehmen erkannten,

dass man technologisch einfache Prozesse in Entwicklungsstaaten auslagern konnte – selbst in solche mit feindseliger Ideologie wie China – und auf diese Weise die Herstellungskosten wesentlich reduzierte. Epochal muss man diesen Entschluss deswegen nennen, weil er Amerikas damalige Hauptkonkurrenten, Deutschland und Japan, dazu zwang, dem amerikanischen Vorbild zu folgen, wenn sie sich auf dem Weltmarkt gegen die sehr bald viel billigeren US-amerikanischen Produkte durchsetzen wollten. Mit anderen Worten, sämtliche Industriestaaten des westlichen Lagers sahen sich spätestens seit Beginn der neunziger Jahre gezwungen, immer größere Teil der eigenen Produktion ins billige Ausland – vor allem nach China – auszulagern. Dieser Prozess wurde zusätzlich dadurch begünstigt, dass er von bekannten Ökonomen offiziell abgesegnet wurde. Damals schrieb Robert Reich sein bekanntes Buch „The Work of Nations“, wo dieser „internationalen Arbeitsteilung“ das Wort geredet wurde.

Für die ökonomische Entwicklung der nicht-westlichen Welt,

also vor allem für China, bedeutete diese Verlagerung der industriellen Produktion natürlich eine gewaltige Chance. Keine Entwicklungshilfe (die man kommunistischen Ländern ja ohnehin nicht gewährte) hätte das unter Mao noch völlig unterwickelte Land in wenigen Jahren so schnell zu einer Supermacht aufrücken lassen wie die kapitalistischen Investoren, die von da an im Eiltempo und unter Einsatz gewaltiger Mengen an Investitionskapital in Shenzhen und bald an der ganzen Küste Chinas ihre Fabriken errichteten. Chinas Aufstieg ist noch weit beeindruckender als der Deutschlands, das gegen Ende des 19ten Jahrhunderts die von England initiierte industrielle Revolution nicht nur erfolgreich nachgeahmt hatte, sondern seinen Lehrmeister England zu dieser Zeit bereits übertraf. Anders als Deutschland und Japan hat das fernöstliche Land dazu allerdings kein Jahrhundert, sondern nur zwei, drei Jahrzehnte gebraucht. Es hat das gesamte Wissen und Können des Westens gleichsam über Nacht (raub-)kopiert. Inzwischen kann sich China aber schon rühmen, auf einer Anzahl von Gebieten seine ursprünglichen Lehrmeister überholt zu haben oder kurz davor zu stehen.

Die große Armut in China wurde dabei zurückgedrängt,

eine sehr wünschenswerte Entwicklung. Der ökologische Fußabdruck hat sich zur gleichen Zeit jedoch dramatisch vergrößert und wird es in Zukunft noch weiter tun – ein sehr gefährlicher Prozess. Denn China hängt sich zwar mit Vorliebe ein grünes Mäntelchen um, wobei es darauf verweist, dass es auf seinem Gebiet die weltweit größten Windkraftparks errichtet hat. Doch hängt das damit zusammen, dass in China alles groß ist – genauso nämlich auch der Zubau von neuen Atommeilern und immer mehr Kohlekraftwerken.

Das westliche Modell, so hatten einst Friedrich von Weizsäcker und Kurt Biedenkopf gesagt, lasse sich nicht verallgemeinern, eine solche Entwicklung würde den Globus ökologisch zerstören. Doch genau dies geschieht inzwischen. Immer größere Teile der Welt – inzwischen auch der afrikanische Kontinent – werden industrialisiert und die dazu nötige Energie zum weitaus größten Teil aus fossilen Quellen gewonnen.

Was die USA betrifft,

so waren es in den achtziger Jahren schlaue Geschäftsleute von der Art eines Donald Trump, welche die Möglichkeit der Auslagerung begierig ergriffen, um Kosten zu sparen und ihre internationale Konkurrenzfähigkeit dadurch wesentlich zu erhöhen. Das wird gerne vergessen, wenn Trump und seine Anhänger China die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes zuweisen. Ja es stimmt, dass die USA noch bis vor Kurzem auf den Gebieten der Informationstechnologie und Künstlichen Intelligenz – die sie ja weitgehend überhaupt erst erfunden hatten – weltweit an der Spitze lagen. Doch heute sitzen ihnen chinesische Konkurrenten wie Huawei nicht nur dicht auf den Fersen, sondern sind im Begriff, sie zu übertreffen. Auch Boeings Vormacht (so wie die von Airbus) wird wohl nicht mehr allzu lange bestehen.

Der von Trump losgetretene Handelskrieg ist nichts anderes als ein Ausdruck von Panik. Alles deutet darauf hin, dass die USA sich – anders als die Sowjetunion unter Gorbatschow – nicht freiwillig und friedlich vom Sockel der führenden Großmacht stoßen lassen.

Wir sind es inzwischen gewohnt,

in den meisten nationalen Fußballmannschaften zugekaufte Spieler aus anderen Ländern zu sehen. Inzwischen werden viele sportliche Meisterschaften vor allem durch Geld entschieden, eben durch die Möglichkeit eines Clubs, Spitzensportler aus dem Ausland dazu zu kaufen. Die Ergebnisse von Weltmeisterschaften würden sicher ganz anders aussehen, wenn solche Usancen nicht möglich und üblich wären. Ebenso sähe aber auch die globale Wirtschaft völlig anders aus, würde man die aufgrund von Auslagerung bestehenden globalen Handelsketten zerreißen.

Kann das Amerika von Donald Trump von einer solchen Maßnahme wirklich profitieren?

Auf kurze Sicht auf keinen Fall,

denn man kann ganze Industrien zwar innerhalb von Tagen oder Monaten in Rostgürtel verwandeln, für ihren Wiederaufbau aber braucht man Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, und die dazu nötigen Fähigkeiten müssen durch ein entsprechendes Ausbildungssystem herangebildet werden. Amerika aber besitzt zwar nach wie vor einige der besten Universitäten der Welt, aber es hat die Elementarausbildung sträflich vernachlässigt.

Trump will die verlorenen Jobs ins eigene Land zurückholen – ein Vorhaben, für das man ihn sicher nicht tadeln kann und zu dem ein Wirtschaftsguru wie Krugman in dem vorgenannten Artikel kein Rezept anbietet. Wir dürfen nur leider sicher sein, dass dem amerikanischen Präsidenten das in ein oder zwei Wahlperioden unmöglich gelingen kann.

Doch auch auf lange Sicht stößt dieses Vorhaben auf große Schwierigkeiten. Kämen die Jobs nämlich wirklich nach Amerika zurück, würde Apple zum Beispiel seine iPhones nur noch im eigenen Land produzieren, dann müsste das Unternehmen die Preise so stark erhöhen, dass es gegen Samsung und andere Konkurrenten keine Chance mehr auf dem Weltmarkt hätte. Anders gesagt, könnten einige immer noch weltbeherrschende amerikanische Firmen zwar den eigenen Markt ganz zurückerobern (der dann ja auch durch Zölle geschützt ist), aber ihre Stellung als weltweit dominante Konzerne hätten sie dabei verloren. Auch der Übergang zu einer automatisierten Produktion mit einem Minimum an Arbeitskräften würde die Situation nicht entschärfen, weil die Jobs dann ja von Maschinen verrichtet werden.

Hingegen hätte China mit diesem Problem

nur in abgeschwächter Form zu kämpfen. Es produziert ja weiterhin billiger als die meisten übrigen Staaten, müsste sich aber, wenn diese ringsherum die eigenen Industrien ebenso schützen wie die Vereinigten Staaten, gleichfalls mehr und mehr mit dem eigenen Markt begnügen.

Für weltweit tätige Konzerne in den großen Industrienationen

läuft Protektionismus daher auf eine radikale Schrumpfkur hinaus, die einige von ihnen wohl kaum überleben würden – schon jetzt hat der freie Handel zwischen den drei großen Wirtschaftsräumen USA, Europa und China empfindliche Einbußen zu verzeichnen. Dieser Trend könnte sich mit der Zeit verstärken. Ebenso wie der freie Handel mit Müll, der es Industriestaaten bisher erlaubte, ihre toxischen Abfälle irgendwo in der Dritten Welt abzulagern, von den Entwicklungsstaaten nicht länger geduldet wird, ist es sehr wohl möglich, dass mehr und mehr Nationen auch die Dominanz der Billiganbieter nicht länger akzeptieren, sodass der Welthandel schrittweise reduziert werden wird.

Das herrschende Paradigma

– also die forcierte Industrialisierung des ganzen Globus in einem Tempo, das ihn ökologisch zu ruinieren droht – wird dadurch zweifellos abgebremst. Das ist die gute Nachricht; die schlechte ist, dass von der Einschränkung des freien Handels Staaten wie Deutschland besonders betroffen wären. Während die amerikanische Wirtschaftsleistung nur zu zwölf Prozent vom Export abhängig ist, sind es in Deutschland ganze achtundvierzig.

Noch dazu wird das Paradigma gleichzeitig auf mehrfache Art erschüttert. Es ist ja nicht nur Auslagerung, welche dem oberen einen Prozent Amerikaner einen phantastischen Reichtum bescherte, während gleichzeitig ein Großteil der restlichen Bevölkerung dadurch ärmer wurde, weil er gut bezahlte Arbeitsplätze verlor. Zusätzlich drückte sich dieser Prozess auch darin aus, dass der Reichtum der westlichen Industriestaaten in Strömen nach Asien floss, weil die Renditen dort höher waren.

Das ist eine alte Geschichte, schon die Vormachtstellung der einstigen englischen Großmacht wurde auf dieselbe Art ausgehöhlt: Englisches Kapital suchte auf dem Kontinent nach Veranlagung, weil es dort größeren Profit machen konnte. Anders gesagt, waren die reichsten Engländer damit beschäftigt, die Vormachtstellung ihres eigenen Landes zu untergraben. Das haben die oberen ein Prozent Amerikaner, zu denen Trump ja zweifellos gehört, ganz genauso getan und suchen jetzt die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes statt bei sich selbst bei ausländischen Sündenböcken. Von einem kommunistischen Erzfeind hätte sie zu diesem Punkt mehr lernen können. Lenin meinte, dass die Kapitalisten seinem Land selbst noch den Strick verkaufen würden, an dem er sie aufhängen könnte.

Angesichts des oft reichlich unbedachten,

um nicht zu sagen, billigen Antiamerikanismus, der unter europäischen Intellektuellen so stark verbreitet ist, wird mancher vielleicht der Meinung sein, dass ein Abdanken der USA als Weltmacht doch längst fällig und wünschenswert sei. Müsse denn nicht jeder, der Präsidenten wie George W. Bush oder Donald Trump vor Augen habe, zu der Überzeugung gelangen, dass selbst ein China unter dem Autokraten Xi Jinping kein schlechterer Hegemon sein könne?

Ich erlaube mir, dieser Meinung recht entschieden zu widersprechen. Ohne die militärische Präsenz der USA hätte Putin sein Projekt, die Sowjetunion wiederauferstehen zu lassen, nicht nur in der Krim durchgesetzt, sondern in weiteren Ländern mit starken russischen Minderheiten – in der Ukraine gärt der Krieg schon seit Jahren. Überdies sollten wir nicht vergessen, dass auch „die slawischen Brüdervölker“ Putins besondere Aufmerksamkeit genießen.

Über politische Expansionsgelüste lässt sich natürlich streiten,

unstreitig fest steht aus meiner Sicht hingegen, dass der Abschied von der bipolaren Welt der bisherigen Supermächte USA und Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für den Planeten existenzielle Gefahren birgt– viel größere, wie ich meine, als auf dem Höhepunkt der nuklearen Konfrontation der beiden Mächte in den sechziger Jahren. Denn der neue Polyzentrismus einer wachsenden Zahl von Staaten mit eigenen Industrien, läuft de facto auf die Vervielfältigung von nuklear gefüllten Pulverfässern hinaus. In den kommenden Jahrzehnten wird es in vielen Teilen der Welt weitere Nordkoreas geben, welche imstande sind, ganze Staaten nuklear zu verstrahlen oder auch ganz auszulöschen. Wenn es dem Iran gelingt, seine schon vorhandenen Raketen mit atomaren Köpfen auszustatten, wird Saudi Arabien selbstverständlich nachziehen wollen. Es verhält sich hier ganz genauso wie mit der Auslagerung und dem Zukauf von Spitzensportlern. Sobald ein einzelner Staat einmal damit beginnt, folgen ihm die anderen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Polyzentrismus ist das Schlechteste, was unseren Kindern und Enkeln, vielleicht sogar noch uns selbst geschehen kann. Wir brauchen nicht nur ein Vereintes Europa, sondern wir brauchen eine Vereinte Welt, wenn unsere Art das 21ste Jahrhundert erleben soll. *1*

1. Vergl. Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken (Amazon)

Die Hand am Drücker: Wie ein amerikanischer Präsident mutwillig auf den Krieg zusteuert

In den ersten Weltkrieg schlitterten die damaligen Weltmächte hinein. Sie hatten über Jahre aufgerüstet, da bedurfte es schließlich nur noch eines Funkens – wie z.B. des Attentats auf den österreichischen Thronfolger – um das zum Bersten gefüllte Pulverfass zur Explosion zu bringen.

Nicht nur in den Arsenalen des Militärs,

auch in den Herzen der Menschen hatte sich viel Sprengstoff angesammelt. Im ersten Moment der Kriegserklärung waren viele Menschen in ganz Europa zeitweise von Enthusiasmus überwältigt. „Der Krieg von 1914… diente noch einem Wahn, dem Traum einer besseren, einer gerechten und friedlichen Welt… Darum gingen, darum jubelten die Opfer damals trunken der Schlachtbank entgegen, mit Blumen bekränzt und mit Eichenlaub auf den Helmen, und die Straßen dröhnten und leuchteten wie bei einem Fest“ (Stefan Zweig).

Nicht wenige Militärs und Politiker an der Spitze des Staates ahnten freilich, welches Unheil der Krieg bringen würde, nur gab es für niemanden mehr ein Zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Politiker ließen sich mehr oder weniger willig treiben und trieben ihrerseits die Völker in die Vernichtung.

Heute wird die Welt erneut getrieben,

aber nirgendwo auf der Welt wird der Krieg mit Enthusiasmus begrüßt, weder von den Vereinigten Staaten noch von ihren Rivalen. Nicht einmal vom amerikanischen Präsidenten. Es fällt ja schwer, Donald Trump überhaupt noch etwas zu glauben, denn er vermischt Wahrheit und Lüge nach eigenem Gutdünken, doch wird man ihm wohl abnehmen dürfen, dass er den Krieg mit Iran nicht vom Zaun brechen will, denn bis jetzt hat er seine Versprechungen dem eigenen Wahlvolk gegenüber weitgehend eingehalten – und zu diesen Versprechen gehörte eben auch die Verminderung der militärischen Präsenz der USA außerhalb ihrer Grenzen. Warum also zeigt der derzeitige amerikanische Präsident der Welt ein so unerfreuliches Gesicht? Warum sind die USA spätestens seit George W. Bush nicht mehr, was sie so lange wären, nämlich ein Schutzschild für Europa, dem dieses während der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts seine Freiheit und seine Prosperität verdankte?

Im Jahr 1961 nach Abschluss

seiner zehnbändigen Geschichte der menschlichen Zivilisationen befand Arnold Toynbee, dass das „American Empire“ zwei Merkmale besaß, die es von dem zwei Jahrzehnte zuvor untergegangenen Imperium Großbritanniens unterschied: Militärbasen in Hülle und Fülle und die Betonung einer großzügigen Wirtschaftshilfe für die eigenen Bündnispartner. Durch eine Politik, die „beispiellos in der Geschichte der Imperien“ sei, habe Amerika „seine imperiale Position für Wirtschaftshilfe zugunsten der Völker unter seiner Herrschaft genutzt, anstatt… sie wirtschaftlich auszubeuten“. Ja, die USA waren im Großen und Ganzen ein milderer Hegemon als alle vorangegangenen Großmächte. Die am Ende des Zweiten Weltkriegs geschaffene Pax Americana sollte sich in der Tat für die ersten drei bis vier Nachkriegsjahrzehnte für die meisten Satellitenstaaten der USA als Vorteil erweisen. Der US-Historiker Alfred McCoy bemerkt zu Recht, dass „die Vereinigten Staaten all ihr Prestige und ihre ganze Macht in die Bildung einer neuen Weltordnung durch dauerhafte internationale Institutionen investierten: die Vereinten Nationen (1945), den Internationalen Währungsfonds (1945) und das Allgemeine Abkommen über Zölle und Handel (1947), den Vorläufer der Welthandelsorganisation…..“

Man muss die Rolle der Vereinigten Staaten als friedens- und ordnungsschaffende Macht

ausdrücklich betonen, bevor man auf ihren derzeitigen Präsidenten und die Gefahr zu sprechen kommt, die dieser in unseren Tagen so massiv und so mutwillig heraufbeschwört und damit den Ruf einer großen Nation in den Augen der Weltöffentlichkeit verspielt. Gleich nach seinem Amtsantritt beging der neue Herr im Weißen Haus die unverzeihliche Dummheit, beinahe sämtliche Maßnahmen seines Vorgängers zu konterkarieren. Unter großen Mühen hatte Obama mit Hilfe der Alliierten einen Vertrag ausgehandelt, der Iran dazu verpflichtet, Atomkraft ausschließlich zu zivilen Zwecken zu nutzen und sich der Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde IAEO zu unterziehen. Trump zerriss den Vertrag und verspielte auf diese Weise leichtfertig das Prestige der USA als Vertragspartner, auf den man sich im Ausland verlassen kann. Wie soll man einem Staat noch glauben, wenn jeder Präsident die Verpflichtungen seines Vorgängers annulliert?

Und dann noch die unglaubliche Naivität, mit der ein Donald Trump Geschäftspraktiken auf die internationale Politik überträgt! Vorherrschendes Kriterium beim Abschluss von Deals unter Businesspartnern ist der jeweilige Nutzen. Man kann mit ziemlicher Sicherheit damit rechnen, dass kein Konkurrent, setzt man ihm die Pistole auf die Brust, für ein paar Dollar weniger das eigene Leben riskiert.

Diese Einsicht glaubte der Immobilienmakler Trump auch auf die Politik übertragen zu können. „Nachgeben werden sie, sobald ich ihnen die Pistole auf die Brust setze – und dann machen wir einen Deal!“, so etwa lautet die schlichte Philosophie, nach der der derzeit mächtigste Mann agiert. 

Die Pistole, das sind in diesem Fall nicht allein Maßnahmen,

um die iranische Wirtschaft zu schleifen. Die Ausfuhr von Erdöl, dem das Land seinen mäßigen Lebensstandard verdankt, ist weitgehend gedrosselt, etwaige Embargobrecher müssen mit hohen Strafen rechnen. Deshalb erfüllt auch Europa seine Verpflichtungen gegenüber Iran nicht mehr. Es hat seine Geschäftsbeziehungen weitgehend abgebrochen, um nicht den Boykott seiner eigenen Firmen durch die USA zu riskieren.

Trump ging aber noch einen Schritt weiter. Es genügte ihm nicht, die iranische Wirtschaft abzuwürgen. Damit seine Botschaft auch ganz bestimmt richtig verstanden wird, lässt er seit Beginn dieses Jahres auch das Militär aufmarschieren. Zwei Flugzeugträger sind seit kurzem vor der Küste Irans stationiert, dazu strategische Bomber B-52, vermehrt um die neuesten Tarnkappenbomber vom Typ F-35 und eine schnell wachsende Zahl von US-amerikanischen Soldaten. Sie alle wurden und werden gegenwärtig an den Persischen Golf verlagert.

Nur ein politisch blinder, in hohem Grade egozentrischer Geschäftsmann

wie Donald Trump konnte allen Ernstes glauben, dass es genügen würde, mit Flugzeugträgern und Bombern vor der Küste des Gegners zu spielen, um diesem bewusst zu machen, dass er einem Trump nicht gewachsen ist. Inzwischen ist der Iran ein konventionell hochgerüsteter Staat, der nach Meinung von Experten in einem Erstschlag durchaus in der Lage ist, sämtliche amerikanischen Militärbasen am Golf mit höchst effizienten Raketen aus eigener Produktion auszuschalten. Dieses Land ist nicht mit dem Irak, mit Libyen oder Syrien zu vergleichen. Die Mullahs sind sich ihrer Stärke inzwischen durchaus bewusst, zumal das Vorgehen Trumps ihnen die Bevölkerung neuerlich in die Arme treibt, nachdem sie diese zuvor schon beinahe verloren hatten. Wie mehrere frühere Aufstände beweisen, hat das Regime sich auch in der eigenen Bevölkerung keineswegs ungeteilter Zustimmung erfreut. Vielmehr hat es seine Herrschaft nur mit Hilfe von polizeistaatlicher Repression aufrechtzuerhalten vermocht.

Doch ebenso wie Donald Trump

es verstand, die Menschen Venezuelas abermals in die Arme ihres unfähigen Autokraten Maduro zu treiben, schließt er nun die Bevölkerung des Iran hinter ihrer Führung zusammen – und das, obwohl es dem Land und seinen Bewohnern aufgrund der Blockade seit Beginn der Revolution niemals so schlecht ging wie heute. Trump ist ein Meister darin, Amerika nicht zur Nummer eins zu machen, wie er es nach eigener Propaganda bezweckt, sondern ringsumher für immer mehr Feinde zu sorgen. Abe Shinzo, der japanische Premier, ist da noch eine seltene Ausnahme. Wie vor ihm der deutsche Außenminister Heiko Maas, versuchte er am 13. Juni vergebens, das zerschlagene Porzellan zu kitten. Ayatollah Khamenei hat ihm gegenüber ausdrücklich klargestellt, dass der Iran mit dem amerikanischen Präsidenten nur verhandelt, wenn dieser zuvor die Sanktionen und den militärischen Aufmarsch gegen sein Land beendet.

Nun stehen die Feinde einander mit entsicherten Pistolen gegenüber

Niemand kann mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Wie will Trump die Flugzeugträger zurückbeordern, ohne von der Welt als Verlierer verspottet zu werden? Und wie soll das Regime der Ayatollah unter vorgehaltener Pistole nachgeben können, ohne den Rückhalt in der Bevölkerung zu verlieren und im Vorderen Orient als Schwächling verlacht zu werden? Anders als im Geschäftsleben geht es hier nämlich um Ehre und nationales Prestige, Begriffe, die zwischen Nationen niemals aus der Mode gekommen sind – in den USA genauso wenig wie im Iran. Trump hat sein Land, ohne es zu wollen, nur aufgrund seiner Unfähigkeit für das Amt, in dieses Patt gesteuert, aus dem es für ihn kaum noch einen Ausweg gibt. Ich halte einen Krieg für unabwendbar; doch das ist natürlich nur eine persönliche Meinung. Glücklicherweise hat die Geschichte niemals Prophezeiungen mit absoluter Sicherheit zugelassen.

Vorerst wartet noch jeder der beiden Kontrahenten auf eine Dummheit des anderen,

also auf den ersten Akt der Aggression, um dann mit geballter Macht zuzuschlagen: die Iraner mit einem Raketenüberfall auf sämtliche Basen und Schiffe der Amerikaner; die Amerikaner mit augenblicklichen Angriffen ihrer Tarnkappenbomber auf sämtliche militärische Stellungen und Radarposten der Iraner. An Provokationen fehlt es schon jetzt nicht. Heute, am 13. Juni, sind mehrere Tanker im Golf von Oman beschossen worden. Es gibt Gruppierungen genug, die den Krieg herbeisehnen und ihn sogar um jeden Preis herbeiführen wollen. Man darf nicht vergessen, dass Menschen, deren Länder seit Jahren so fürchterlichen Verwüstungen ausgesetzt sind wie Syrien, der Irak, Jemen oder Libyen nichts zu verlieren haben, sondern im Gegenteil den Krieg, wenn er schon sein muss, gern noch auf den Rest der Welt übertragen.

Natürlich wird Amerika den Krieg gegen Iran in wenigen Tagen oder zumindest Wochen gewinnen,

aber Trump und sein Nachfolger werden den Frieden so wenig wie in Libyen herstellen können. Die Meerenge von Hormuz wird aufgrund von permanentem Terror möglicherweise für Jahre gesperrt sein – was nichts anderes heißt, als dass die Hauptschlagader für die Ölversorgung westlicher Länder auf Dauer blockiert sein wird. Mit dem bisherigen Wohlstand Europas, Japans und vieler weiterer Staaten ist es dann erst einmal vorbei.

Doch wir sollten bei einem Krieg in der Ferne nicht nur an eigene Verluste denken: Der Iran – wie Syrien und der Irak ein weiteres Land das sich einiger der größten Zeugnisse menschlicher Zivilisation rühmen kann – wird so wie jetzt schon weite Gebiete im ganzen Vorderen Orient in Schutt und Asche versinken. Das aber geschieht aus keinem anderen Grund, als weil ein unbedarfter amerikanischer Präsident mit Geschäftspraktiken, die unter Maklern Erfolg haben mögen, leichtfertig in der großen Politik experimentiert.

Trump hat die Parole „America First“ ausgegeben

Das kann man ihm schwer zum Vorwurf machen. Jeder Staatsmann ist durch seinen Eid verpflichtet, vor allem dem eigenen Land zu nützen. Wirkliche Staatsmänner waren allerdings klug genug, dieses Vorgehen nicht an die große Glocke zu hängen. Genau das tut der derzeitige Präsident. Er könnte seinem Land und der Welt mehr schaden als irgendein früherer. Jetzt müsste schon ein Wunder geschehen, damit das Kriegsfeuer nicht im Iran auflodert, die Enge von Hormuz nicht vermint wird, der Stopp der Ölversorgung Europa nicht ins Chaos stürzt.

Immerhin, ein kleines Wunder ist jetzt schon sichtbar. Kaum jemand scheint zu ahnen, welche Dämonen uns gegenwärtig belauern. So wenige, dass viele Leser diese Zeilen vermutlich als reine Panikmache betrachten. Hoffentlich haben sie Recht!

Globus unter dem Zepter Chinas?

Wie beurteilt ein führender US-amerikanischer Experte für die Streitenden Reiche unserer Zeit, der Historiker Alfred McCoy, das künftige Verhältnis der Supermächte und die relative Stärke seines Landes im Vergleich zu der Chinas? Was die WIRTSCHAFT betrifft, so besteht aus seiner Sicht nicht der geringste Zweifel, dass das Reich der Mitte bald die Vereinigten Staaten bald überholen wird.

„China wurde 2010 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Im selben Jahr wurde es auch zur weltweit führenden Industrienation und verdrängte die Vereinigten Staaten von einer Position, die diese seit über einem Jahrhundert innehatten. Im April 2011 prognostizierte der IWF, dass China die Vereinigten Staaten nach nur fünf weiteren Jahren beim realen BIP überholen würden, um dann zur größten Volkswirtschaft der Welt aufzusteigen.“ „Von 1820 bis 1870 erhöhte Großbritannien seinen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt um 1 Prozent pro Jahrzehnt; die Vereinigten Staaten erhöhten ihren Anteil während ihres halbhundertjährigen Aufstiegs von 1900 bis 1950 um 2 Prozent; parallel dazu wuchs Japans Anteil während seines Wiederaufstiegs nach dem Krieg zwischen 1950 bis 1980 um etwa 1,5 Prozent. China jedoch hat von 2000 bis 2010 seinen Anteil am Weltkuchen um außerordentliche 5 Prozent erhöht und ist auf dem besten Weg, dies im darauffolgenden Jahrzehnt bis 2020 weiterhin zu tun, wobei Indien nicht weit hinterherhinkt“. Dies sind abstrakte Zahlen, aber sie haben einen direkten Einfluss auf die Investitionstätigkeit des amerikanischen Staates, da die Sozialkosten einen immer größeren Teil des Budgets ausmachen. „Während der Anteil /der Vereinigten Staaten/ an der Weltproduktion bis 2016 auf nur noch 17 Prozent sank…. stiegen ihre Sozialkosten von 4 Prozent des BIP im Jahr 2010 bis auf voraussichtlich 18 Prozent bis 2050.“

McCoy lässt die tieferliegenden Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang seines Landes (Auslagerung und Freihandel zur Bereicherung der Elite) weitgehend unerörtert, er beschreibt nur ihre Folgen. „Zwischen 1999 und 2011 haben chinesische Importe 2,4 Millionen amerikanische Arbeitsplätze vernichtet.“ Er weist aber auch darauf hin, dass „trotz ganzer Bände von Wirtschaftsstudien, die das Gegenteil behaupten, nur 19 Prozent aller im Juli 2016 befragten Amerikaner der Meinung waren, dass der /internationale/ Handel mehr Arbeitsplätze schafft“.

Im Zuge des wirtschaftlichen Niedergangs waren die Menschen gezwungen, ihre Ausgaben für BILDUNG deutlich zu reduzieren. „Angesichts wachsender sozialer Unterschiede, welche die Vereinigten Staaten auf die Nummer sechsundfünfzig in der Einkommensgleichheit weltweit zurückdrängen, verfügen die Familien über immer weniger Mittel, um…. in die Bildung ihrer Kinder zu investieren… „. Die Wirkungen seien bereits deutlich zu spüren. „Im Jahr 2012 testete die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 510 000 Fünfzehnjährige in vierunddreißig entwickelten Nationen, wobei sie herausfand, dass die Schüler in Shanghai in Mathematik, Wissenschaft und Lesen an erster Stelle standen, während die Schüler in Massachusetts, „einem leistungsstarken US-Bundesstaat“, als siebzehnte in Lesen, zwanzigste in Wissenschaft und siebenundzwanzigste in Mathematik rangierten.“ „Nachdem in den USA der Jahrgang zwischen 25 und 34 Jahren jahrzehntelang weltweit führend in Universitätsabschlüssen war, sank er 2012 auf den zwölften Platz. Im selben Jahr reihte das Weltwirtschaftsforum die Vereinigten Staaten auf einem mittelmäßigen siebenundvierzigsten Platz unter 144 Nationen in Bezug auf die Qualität ihrer universitären Mathematik- und Wissenschaftsausbildung. Zwei Jahre später rutschten sie auf Position einundfünfzig.“ Die Situation ist noch schlimmer, wenn man bedenkt, dass die im Land geborenen Amerikaner selbst zu einer Minderheit an ihren Universitäten geworden sind. „Eine Umfrage unter rund 150 großen amerikanischen Universitäten im Jahr 2010 ergab, dass mehr als die Hälfte aller Doktoranden in den Naturwissenschaften Ausländer waren: 70 Prozent in der Elektrotechnik, 63 Prozent in der Informatik und 52 Prozent in der Werkstofftechnik.“

           Die AUSWIRKUNGEN AUF DIE WISSENSCHAFTLICHE LEISTUNG des Landes traten im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich zutage. „Im Jahr 2008 lagen die Vereinigten Staaten bei den weltweiten Patentanmeldungen mit 232 000 immer noch auf Platz zwei hinter Japan, obwohl China mit 195 000 dank eines rasanten Anstiegs von 400 Prozent seit 2000 schnell aufgeschlossen hatte. Bis 2014 übernahm dann China aber die Führung mit fast der Hälfte der weltweiten Anmeldungen: außerordentliche 801 000 gegenüber nur 285 000 für Amerikaner.“ Der Abwärtstrend wird durch schrumpfende staatliche Investitionen noch verstärkt. „Zwischen 2010 bis 2013 hat der Kongress die schärfsten Einschnitte in der Wissenschaftsförderung seit den 1960er Jahren vorgenommen, als es um die Eroberung des Weltraums ging. So wurde der Rückgang in Forschung und Entwicklung (F&E) von 2 Prozent des BIP in den 1970er Jahren auf nur 0,78 Prozent bis 2014 zusätzlich beschleunigt.“ „Während Pekings explodierende Investitionen in Forschung und Entwicklung bis 2026 die Vereinigten Staaten vermutlich übertreffen werden, reduzierte Washington seine zivilen und militärischen Forschungsmittel von 160 Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf 140 Milliarden Dollar im Jahr 2015 – Kürzungen, die den Pool der talentierten jungen Wissenschaftler des Landes sicherlich schrumpfen lassen.“

            Gleichzeitig stärkt Peking seine BEZIEHUNGEN ZUM REST DER WELT und drängt die Vereinigten Staaten unerbittlich aus ihrer führenden Stellung. „Im Oktober 2014 kündigte Peking die Gründung der Asian Infrastructure Investment Bank an. Chinas Führung sieht in dieser Institution eine zukünftige eurasische Alternative zur von den USA dominierten Weltbank. Trotz des Drucks Washingtons, nicht beizutreten, unterzeichneten 57 Länder – darunter enge amerikanische Verbündete wie Deutschland, Großbritannien, Australien und Südkorea – den Vertrag und leisteten einen Kapitalbeitrag von 100 Milliarden Dollar, was die neue Institution bereits am Eröffnungstag im Januar 2016 halb so stark machte wie die Weltbank.“ Auch die Handelsbeziehungen zwischen China und der umgebenden Welt werden mit jedem Tag enger. „Peking hat es geschafft, seinen jährlichen Handel mit Afrika in nur vier Jahren auf 222 Milliarden Dollar zu verdoppeln, das Dreifache von Amerikas 73 Milliarden Dollar.“

Inzwischen nutzen die Handelsbeziehungen zwischen Europa und China den direkten Transport auf der Schiene, der viel schneller ist als der Verkehr mit Containerschiffen. „Hochwertige Industriegüter wie Computer und Autoteile werden in nur zwanzig Tagen 6 700 Meilen von Leipzig, Deutschland, nach Chongqing, China, transportiert“ /aber die meisten Güter bewegen sich eher in umgekehrter Richtung/. „2013 begann die Deutsche Bahn AG mit der Vorbereitung einer dritten Strecke zwischen Hamburg und Zhengzhou, welche die Reisezeit auf nur fünfzehn Tage verkürzen wird.“

            Die amerikanische Überlegenheit bleibt nur in einem Bereich unbestritten: DEM MILITÄR. Auch hier aber machen sich die Auswirkungen des wirtschaftlichen Niedergangs bemerkbar. „Im Jahr 2010 entsprach das US-Verteidigungsbudget von 700 Milliarden Dollar fast der Hälfte (43 Prozent) der weltweiten Militärausgaben, verglichen mit nur 7 Prozent für China“ – eine enorme Belastung für die Wirtschaft. „Um 2010 fiel es den Vereinigten Staaten bereits äußerst schwer, 40 Prozent der weltweiten Rüstungsproduktion mit nur 23 Prozent der Brutto-Wirtschaftsleistung zu erhalten.“ Diese Ausgaben werden in den kommenden Jahrzehnten mit Sicherheit stark reduziert. „Wie der National Intelligence Council vorhergesagt hatte, werden „steigende Kosten“, um eine alternde Bevölkerung zu versorgen, „einen immer größeren Teil des Bundeshaushalts verbrauchen“, was den Anteil der Verteidigung am BIP von 7 Prozent während des Kalten Krieges und 5 Prozent in der Dekade nach 2001 auf nur 2 Prozent im Jahr 2030 sinken lässt und die Verringerung der globalen Präsenz der USA unerbittlich erzwingt“.

            Zur gleichen Zeit aber weitet Peking seine militärische Schlagkraft immer mehr aus. „Im August 2016, drei Jahre nachdem das Pentagon seinen eigenen Versuch der Satellitensicherheit durch das hochaufgelöste F-6-System eingestellt hatte, startete Peking den weltweit ersten Quantenkommunikationssatelliten.“ „China produzierte /außerdem/ den schnellsten… /supercomputer/ …. bis es 2016 endlich einen Sieg erzielte, der wirklich zählt: ein Supercomputer mit Mikroprozessorchips made in China. Zu der Zeit verfügte das Land bereits über die meisten Supercomputer der Welt, nämlich 167 im Vergleich zu 165 für die Vereinigten Staaten und nur 29 für Japan.“ Die Verteidigungsfähigkeit wurde auf diese Art ständig verstärkt: „Im gleichen Maße wie Chinas Wirtschaft wuchs, vervierfachte sich sein Verteidigungsbudget, das konstant bei 2 Prozent des BIP lag, von 52 Milliarden Dollar im Jahr 2001 auf 214 Milliarden Dollar im Jahr 2015: das zweitgrößte nach dem Washingtons.“ Über die daraus zu ziehenden Folgerungen bestehen für McCoy keine Zweifel. „Die chinesische Innovation in der Militärtechnologie ist auf dem Weg zur Weltspitze irgendwann um das Jahr 2030, während gleichzeitig Amerikas gegenwärtiges Aufgebot an brillanten Wissenschaftlern und Ingenieuren in den Ruhestand geht, ohne dass es durch eine schlecht ausgebildete jüngere Generation noch angemessen ersetzt werden könnte.“ Doch bereits /viel früher/, nämlich 2016 „in Obamas letzten Monaten /als Präsident/ warnte eine Studie der RAND Corporation, „War with China“, dass Pekings verbesserte /militärische/ Fähigkeiten inzwischen bedeuten, dass /im Falle eines Kriegs/ ein Sieg der Vereinigten Staaten nicht mehr gewährleistet sei“.

            McCoy kommt zu dem Schluss, dass die USA wahrscheinlich gegen 2030 ihren Platz als führende Supermacht an China abtreten werden. „Die Ökologie der Macht großer Imperien ist so heikel, dass sie sich, wenn es wirklich schief zu gehen beginnt, regelmäßig mit unheiliger Eile auflösen: nur ein Jahr für Portugal, zwei Jahre für die Sowjetunion, acht Jahre für Frankreich, elf Jahre für die Osmanen, siebzehn Jahre für Großbritannien und aller Wahrscheinlichkeit nach nur siebenundzwanzig Jahre für die Vereinigten Staaten, gerechnet ab dem entscheidenden Jahr 2003“ /in dem die USA laut McCoy im unseligen Irakkrieg ihre Weltmachtstellung verspielten/ (alle Zitate aus McCoy 2017).

           Das bleibt jedoch eine Frage der Spekulation. Mit Sicherheit wird es in den kommenden Jahren starke, vielleicht sogar dramatische Wachstumseinbrüche auch in China geben, zumal das Land mit um die 300 Prozent des BIP sehr stark verschuldet ist (doch handelt es sich wie bei Japan um eine Binnenschuld!). Alle werden dann den weiteren Aufstieg des fernöstlichen Giganten bezweifeln, doch was zählt ist die wachsende Stärke des Landes im Vergleich zur übrigen Welt – und da sind bedeutende Einbußen eher unwahrscheinlich. Trotzdem werden die bisherigen Supermächte USA und Russland nicht einfach als große Mächte verschwinden. Ungeachtet ihres wirtschaftlichen Niedergangs sind sie aufgrund ihres Nukleararsenals weiterhin in der Lage, ihre Rivalen wie auch die ganze übrige Welt in Schutt und Asche zu legen. Darin liegt der entscheidende Unterschied zu aller bisherigen Geschichte. In den 90er Jahren erlitt Russland einen katastrophalen Zusammenbruch, aber selbst seine immer noch niedrige Wirtschaftskraft hat keine Auswirkungen auf die weltpolitische Stellung des Landes, denn Russland bleibt eine große Atommacht. Die US-Rüstung mag über ungleich komplexere Waffen verfügen, solange es jedoch unendlich viel schwieriger ist, eine ballistische Rakete mit einer Geschwindigkeit von Mach 20 abzufangen als sie nur auf das Land eines Feindes zu schießen, stellen auch kleinere atomar bewaffnete Länder eine massive Bedrohung für den Weltfrieden und das menschliche Überleben dar. Der scheinbar unabwendbare Aufstieg Chinas wird die heute bestehende Rivalität der Supermächte daher kaum grundlegend verändern.

(Kapitel aus meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“. Das deutsche Original liegt bei einem Verlag, die englische Übersetzung ist aber – zeitweilig zumindest – über das Netz verfügbar:  “In Search of Meaning and Purpose in History„.http://www.gerojenner.com/mfilesm/MandP.pdf))

Der Fluch der Globalisierung

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Ich lebe in Puch bei Weiz, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeichnen, obwohl die Menschen hier keineswegs müßige Träumer sind, sondern im Gegenteil überaus arbeitsam. Das macht sich auf angenehme Weise bemerkbar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohlstand, die Abwesenheit von äußeren Umgrenzungen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nachbarschaft schließen. Gerade die einfachen Leute pflegen hier besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Fremden gegenüber herrscht Toleranz, was mir und meiner Familie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Achtzigerjahre entschloss, Berlin zu verlassen und meinen Wohnsitz hier aufzuschlagen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächsten größeren Stadt. Der Fluch der Globalisierung weiterlesen

Vorahnungen von Krieg: USA gegen China – hoffentlich nur ein Handelskrieg

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Noch gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts war im Spiegel zu lesen, dass die Supermacht USA nach dem Untergang der Sowjetunion einen vollständigen Sieg errungen habe. Tatsächlich waren überall auf der Welt die Filme Hollywoods zu sehen, kleideten sich die Leute in Jeans, wurde amerikanisch gesungen und musiziert, Coca-Cola getrunken und breiteten sich Windows, Apple und das in Amerika erfundene Internet aus. Noch in den neunziger Jahren schien keine andere Weltmacht denkbar zu sein als die Vereinigten Staaten von Amerika. Vorahnungen von Krieg: USA gegen China – hoffentlich nur ein Handelskrieg weiterlesen

Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich?

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Wie Unternehmen funktionieren und welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen, das weiß man heute ziemlich genau. Produzierende Betriebe sind auf eine Infrastruktur angewiesen, die eine verlässliche Zufuhr von Energie und Grundstoffen (oder Vorprodukten) erlaubt. Hinzukommen muss in der Regel noch ein staatliches Ausbildungssystem, das dem Unternehmen ein entsprechendes „Humanmaterial“ anbietet. Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich? weiterlesen

Kapitalismus, Reichtum und Macht

Bei allem Gejammer über den Neoliberalismus geht manchmal die Einsicht verloren, dass die vergangenen zweihundert Jahre den größten Fortschritt in der Geschichte des Menschen bewirkten – vorausgesetzt natürlich, man beschränkt sich ganz und gar auf dessen materiellen Aspekt. Kapitalismus, Reichtum und Macht weiterlesen

Trump – die transatlantische Ego-Trompete

Was passiert mit einem Land, wo einige der besten Universitäten beheimatet sind und viele der intelligentesten Bücher über Soziologie, Politik, Wirtschaft entstehen, anders gesagt, wo nicht wenige der weltbesten Intellektuellen zu Hause sind – was passiert, wenn dort ein Mann an die Spitze gelangt, der eher als Inkarnation aus einem Comic-Heft erscheint, sozusagen als Avatar von Dagobert Duck, freilich mit einem noch weit aufgeblasenerem Ich – ein Mann, der absolut keine Gelegenheit versäumt, die eigene Unwissenheit vor aller Welt zu demonstrieren, zum Beispiel wenn er wie ein wiedergeborener Obelix die angeblich in der Klimafrage irregeleiteten Wissenschaftler aller Welt in die Schranken weist: Die spinnen! Trump – die transatlantische Ego-Trompete weiterlesen

Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens

Ich möchte die Lektüre eines Aufsatzes des Islamwissenschaftlers Michael Lüders empfehlen: „Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens“ (Blätter für deutsche und internationale Politik). Eines der Hauptübel der Globalisierung ist die globalisierte – meist ideologisch und scheinmoralisch notdürftig verbrämte – Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, auch wenn von diesen keine militärische Gefahr für uns selbst ausgeht. Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens weiterlesen

Der Sinn, die Technik und warum die Zeit der „Führer“ zurückkommt

(auch erschienen in "Humane Wirtschaft" 3/2017)

Im Zusammenleben der Nationen wird Stärke durch zwei Vorzüge bestimmt, die man – je nachdem – auch als Waffen bezeichnen kann: durch Technik einerseits, durch Sinn auf der anderen Seite, beide von gleicher Wirkmächtigkeit. Der Sinn, die Technik und warum die Zeit der „Führer“ zurückkommt weiterlesen

Für eine soziale Geldreform!

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Die sogenannte Geldschöpfung aus dem Nichts, von manchen fälschlich als größtes Übel beschworen, ist entweder inexistent oder lässt sich durch vorhandene gesetzliche Kontrolle wirksam verhindern. Diese Kontrolle ist aber völlig unzureichend, wenn es um andere Gebrechen geht, die das herrschende Geldsystem nicht nur imaginär, sondern ganz real bedrohen. Für eine soziale Geldreform! weiterlesen