Unterkühlt contra Empört – Was kommt nach den Wortgefechten?

Zwei Leute sitzen sich in einem Interview gegenüber. Die Namen tun nichts zur Sache. Sie sind fast beliebig auswechselbar. Ihre Gefühlslage ist schon bezeichnender. Den einen Redner kann man nur als ‚unterkühlt’, den anderen muss man als ‚empört’ bezeichnen. Empörung steht neuerdings hoch im Kurs.

Empört: Mit Schröder hat es begonnen, der Feind des Sozialstaats hat sich ein linkes Mäntelchen übergeworfen. Wie sich die Rechten da freuten! Die brauchen immer nur abzuwarten: Ein paar geistig zerfressene Linke werden dann schon die Drecksarbeit für sie besorgen.

Unterkühlt: Ja, aber vorher war Deutschland der kranke Mann in Europa. Der deutsche Export verlief nur schleppend. Deutsche Produkte waren für den Weltmarkt zu teuer.

Empört: Aber bitte, die deutschen Löhne sind doch viel zu niedrig! Deshalb geht es dem Süden Europas jetzt so erbärmlich. Der wird von Deutschland erbarmungslos tot konkurrenziert. Und einkaufen, das können die Deutschen dort auch immer weniger. Natürlich wird die deutsche Nachfrage gedrosselt, wenn man den Sozialstaat stutzt.*

Unterkühlt: Das ist doch eine Halbwahrheit! Deutschland war krank. Schröder hat den Sozialstaat reduziert und so den Export verbilligt. Auf hohem Sozialstaatsniveau untergehen oder auf niedrigerem Niveau erfolgreich sein und dann wieder mehr Geld verdienen – das ist die Frage. Merkel heimst jetzt die Früchte ein. Deutschland ging es lange nicht mehr so gut.

Empört: Eine falsche Alternative! Südeuropa ist im Begriff auszubluten. In Griechenland können sie sich das Gesundheitssystem nicht mehr leisten. In Italien sterben die Industrien, die Deutschen werden als Blutsauger beschimpft. Da siehst du doch, welches Unheil Schröder mit seinen Parolen vom Engerschnallen des Gürtels bewirkte. „Neoliberalen Irrsinn“ nenne ich das. So treiben unsere Politiker das Volk auf die Barrikaden.

Unterkühlt: Also soll der Norden Europas noch mehr Geld in den Süden pumpen?

Empört: Natürlich. Europa ist eine Gemeinschaft, wo einer für den anderen einstehen muss. Das ist wie in einer Familie. Geht es dem einen schlecht, dann ist es die verdammte Pflicht aller anderen, für ihn zu sorgen.

Unterkühlt: Nein, Europa ist keine Familie, und selbst in der Familie sorgt man nur für diejenigen, die sich nicht selber helfen können, für die Kranken, die Jungen und die Alten. Aber man spannt keine Hängematte im Garten auf, wo jemand sich lebenslang auf Kosten der anderen ausruhen darf. Die Schweiz hilft den Kantonen in der Not, aber sie ist keine Haftungsgemeinschaft, wo jedes Bundesland nach Belieben misswirtschaften darf. Frei nach dem Motto: Die Regierung wird die Rechnungen anschließend schon begleichen. Ebenso wenig haften die Vereinigten Staaten für das Budget der fünfzig Bundesländer. Wenn jeder darauf zählen darf, dass andere die Folgen seiner Misswirtschaft tragen, dann schaffen wir ein System staatlich geförderter Verantwortungslosigkeit. Darauf läuft deine Haftungsgemeinschaft hinaus.

Empört: Ah, dieser erbärmliche Realismus ist so richtig nach meinem Geschmack. Da sollen wir also die Länder des Südens einfach verrecken lassen?

Unterkühlt: Was gegenwärtig im Süden Europas passiert, ist eine Tragödie, und Schuld daran tragen die eifernden Bürokraten in Brüssel, weil sie den Euro zur Unzeit eingeführt haben. Jetzt wird alles vernichtet, was die Gewerkschaften über Jahrzehnte mühsam und Schritt für Schritt für die kleinen Leute erstreikt und erstritten haben. Ohne den Euro könnten die Südländer ihre Währungen abwerten. Alle zusammen, das ganze Land, bekommt dann zwar weniger für den Export, aber der kleine Mann wird nicht gezielt zusammengestaucht, so wie das jetzt geschieht. Bei einer Abwertung wird das Verhältnis von oben und unten kaum verändert. Erst mit dem Euro wurden die Kleinen vogelfrei. Sie vor allem müssen den Gürtel enger schnallen. Hier liegt das wirkliche Verbrechen!

Empört: Wieder so eine abgeschmackte Wahrheitsverdrehung. Was den Menschen da unten in Wahrheit fehlt, ist das Geld. Das wollen ihnen EU, IWF und Frau Merkel nicht geben, weil der neoliberale Irrsinn auf Austerität besteht, also auf der gewollten Verarmung der kleinen Leute, damit es den Reichen dann umso besser geht.

Unterkühlt: Wirklich? Ich fürchte, dass du an einem zu kurzen Gedächtnis leidest. Billiges Geld hatten die Staaten des Südens im Überfluss, als sie der Eurozone beitraten. Damit wurden sie geradezu überschüttet. Deswegen werden sie ja heute von ihrer Schuldenlast zu Boden gedrückt. Ihre gegenwärtige Misere ist nicht aus einem Mangel an billigem Geld entstanden.

Empört: Ach so? Du bist wohl mit Blindheit geschlagen. Wie ist es denn mit dem Geldmanna heute? Das holen sich die Banken, die Großkonzerne und die oberen fünf Prozent. Die drücken sich um die Steuern, die saugen das Volk so aus, wie sie nur können. Stimmt schon, die EZB wirft die Geldscheine neuerdings von Hubschraubern herunter, aber wer fängt all die Scheine auf? Das sind doch immer nur die Banken. An der Realwirtschaft geht der Geldsegen vorbei.

Unterkühlt: Einen Augenblick bitte, wieder einmal kullern in deinem Kopf heute und gestern, Äpfel und Birnen wild durcheinander. Die Betriebe in Griechenland, Italien und Spanien gehen nicht aus Geldmangel ein, sondern weil ihre Produkte zu teuer sind. Und sie sind zu teuer, weil andere Staaten ähnliche Güter bei gleicher Qualität zu günstigeren Preisen anbieten. Die Betriebe Südeuropas zahlten zu hohe Löhne, sie wurden mit zu hohen Steuern belastet oder ihre Herstellungsverfahren waren zu wenig innovativ. Innovation zaubert man natürlich nicht aus dem Hut, das setzt ein langfristig geplantes Ausbildungsniveau voraus. Also bleibt nur eine einzige Medizin, um eine schnelle Wirkung zu erzielen: die Verbilligung der Produkte durch Senkung von Löhnen und Gehältern oder durch verminderte Steuern, womit man dann zwangsläufig auch sozialstaatliche Leistungen kürzt. Genau das hat die Agenda 2010 in Deutschland bewirkt und auf diese Art aus einem kranken Mann einen halbwegs gesunden gemacht.

Empört: Eines will ich dir jetzt einmal in aller Deutlichkeit sagen, bevor wir hier weiterreden. Wer für Schröder ein gutes Wort übrig hat, der ist für mich ein finsterer Reaktionär, auch wenn er sich unter einen linken Tarnfarbe verbirgt. In Griechenland und Italien braucht man den Gürtel nicht enger zu schnallen. Gerade das ist ja die heutige kriminelle Politik, womit Deutschland seine südlichen Nachbarn in den Ruin treibt. Wer so was verlangt, beweist damit, dass er überhaupt nichts begriffen hat. Dort betreiben die sogenannten Eliten seit Jahrzehnten Steuervermeidung, und die Politiker leben wie die Maden im Speck. Das ist der wahre Grund für die Misere. Keinen Euro müsste man bei den Arbeitern und keinen beim Sozialstaat sparen, wenn man den Parasiten endlich das Handwerk legt.

Unterkühlt: Richtig und falsch zugleich. Opfer kann man von dem ärmeren Teil der Bevölkerung nur verlangen, wenn die Reichen damit den Anfang machen. Ohne Vorbild von oben, ist keine Reform durchzuführen. Da sind wir uns einig. Die Reform selbst aber wird damit leider keineswegs überflüssig. Wenn Schwellenstaaten wie China immer mehr Waren auf den Weltmarkt werfen, alle wesentlich billiger, weil dort Sozial- und Umweltkosten größtenteils eingespart werden, dann müssen wir die eigenen Preise senken – also die eigenen Einkommen und den eigenen Sozialstandard – oder permanent innovativer sein. Letzteres wird uns auf Dauer schwerlich gelingen. Es hat sich ja inzwischen herumgesprochen, dass Chinesen und Inder keineswegs weniger gescheit sind, vermutlich aber um einiges fleißiger als die heutigen Deutschen. Auf jeden Fall verfügen sie über ein vielfach größeres Bevölkerungspotential.

Empört: Dieser ewige Quatsch! Wenn du keine besseren Argumente mehr findest, dann kommst du mir mit den Chinesen. Schon zu Beginn der neunziger Jahre wurde über China geklagt, aber die Einfuhren von dort nach Europa betrugen gerade mal läppische 2,5% des europäischen BIP. Hörst du, 2,5%!** Es ist einfach lächerlich, sich hier auf China herauszureden, nur um das eigene Versagen schön zu reden! Unsere Wirtschaft machen wir selbst kaputt, dazu haben wir die Chinesen nicht nötig. Die brauchen im Gegenteil unsere Hilfe.

Unterkühlt: Unglaublich, wie du mit deinem Viertelwissen wieder blitzschnell aus der Hüfte schießt! Damals, zu Beginn der neunziger Jahre, haben die Chinesen ihre Waren zu einem Bruchteil der hier geltenden Preise angeboten. Lag ihr Preis um neun Zehntel unter dem vergleichbarer europäischer Güter, dann wurden hier in Wahrheit Waren im Wert von 2,5 mal zehn, also von 25 Prozent des BIPs, durch chinesische Einfuhren verdrängt. Das ist ein gewaltiger Wert! Selbst wenn heute bei gleicher Qualität nur noch zehn oder zwanzig Prozent Preisunterschied besteht, reicht selbst dieser kleine Unterschied aus, um die südeuropäische Produktion vom Markt zu fegen. Genau darin besteht ja der Sinn allen Wettbewerbs, gleich ob international oder bei uns zu Hause. Wenn zwei deutsche Firmen gleichwertige Autos anbieten, aber die eine sie um zwanzig Prozent billiger als die andere verkauft, dann schicken wir die teurere Firma in den Bankrott und verhelfen der billigen zum Erfolg. Gegenwärtig sind die asiatischen Billiganbieter im Begriff, den Westen in den Bankrott zu schicken.***

Empört: Dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Die waren doch lange genug bitterarm. Ich wünsche denen, dass sie auch endlich zum Zuge kommen!

Unterkühlt: Schön und gut, das meine ich auch, wundere mich aber, dass du auf einmal ganz dieselbe Meinung vertrittst wie die „irrsinnigen Neoliberalen“. Die plädieren nämlich für die bestmögliche Allokation des Kapitals, will heißen für die Veranlagung deutschen Kapitals in China, wenn dieses dort gleichwertige Waren zu geringeren Kosten hervorbringt als in den hiesigen Firmen. Ob der Aufstieg der Asiaten dann zu unserem Niedergang führt, das geht sie natürlich nichts an. Dieses Problem schieben sie unbekümmert der Politik in die Schuhe. Auch du scheinst dir daraus nichts zu machen. Weißt du, da stellt sich bei mir ein Déja-Vu-Erlebnis ein. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs haben die reichen Engländer überall in der Welt investiert, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland. Die Deutschen haben das englische Vorbild erst kopiert – genau wie die Chinesen heute – und es dann überrundet. Waren unsere Vorfahren den englischen Industrialisierungspionieren dankbar? Ganz gewiss nicht. Man fühlte sich im Gegenteil durch die Weltmacht Britannia eingeengt. Da gab es nur ein einziges Ziel – ganz wie heute bei den Chinesen – den Ehrgeiz, endlich selbst zur Spitze durchzustoßen, um den Platzhirsch von seinem Platz zu verdrängen. Was wiederum den Engländern gar nicht gefiel. Die sahen sich in ihrer Weltmachtstellung bedroht und schlossen sich mit ihren Erzfeinden, den Franzosen, gegen Deutschland, zusammen. Eric Hobsbawm, ein Kenner der europäischen Geschichte, sah in dieser Rivalität einen wesentlichen Grund für den Ausbruch des Großen Krieges.

Empört: Was gestern war, will ich nicht wissen. Ich lebe im Hier und Jetzt. Da möchte ich, dass ausnahmslos alle profitieren, Chinesen, Inder und natürlich auch wir. Für mich gibt es da überhaupt keinen Gegensatz. Das ist doch gerade das Neue an unserem Denken, dass wir für alle das Beste wollen. Die Asiaten wollen endlich so reich werden wie wir – das verstehe ich. Und wir wollen reich bleiben – das verstehe ich auch. Was gibt es daran auszusetzen?

Unterkühlt: Wenn die Welt so einfach wäre wie ihr Abbild in deinem harmoniesüchtigen Kopf! Eine schöne konfliktlose Neue Welt phantasierst du dir da zusammen. Das ist aber nicht die real existierende, die wir wie eine Zitrone ausgequetscht haben. Tatsache ist, dass wir die Natur mit unseren industriellen Fußabdrücken großflächig zertrampeln. Wer jetzt die meisten Ressourcen für sich beansprucht, der tut das zwangsläufig auf Kosten der anderen. Der Traum vom Win-Win, wo wir alle nur immer reicher werden, ist endgültig ausgeträumt. Dieser Traum zerstört unseren Globus.

Empört. Diese defätistische Litanei! Die hängt mir zum Hals heraus. Das ist doch die abgestandene Denke von gestern. Dein vermeintlicher Realismus ist in Wahrheit nichts anderes als die dürftigste Phantasielosigkeit. Bis heute hat sich die Menschheit immer noch aus allen schwierigen Situationen mit tollen Erfindungen gerettet. Energie wird es schon bald im Überfluss geben, die Kernfusion wird die Welt für alle Zeit retten. Ich bin ein Optimist, ich glaube an das Paradies auf Erden.

Unterkühlt: Wenn das nur nicht die Hölle wird! Die Motorsäge hat die tropischen Urwälder bis auf kleine Reste vernichtet, der atomare Müll verpestet die Umwelt für Hunderttausende von Jahren. Bricht das Zeitalter der nahezu kostenlosen Energie durch Kernfusion an, dann haben wir eine Motorsäge gefunden, mit der wir absägen, abmähen, abteufen, was jetzt noch verborgen ist: unter den Weltmeeren, den Gebirgen, den Kontinenten. Unser Ressourcenverbrauch wird keine Grenzen mehr kennen.

Empört. Und ich sehe das Goldene Zeitalter voraus. Da werden wir dann dich und alle anderen Miesmacher in die Hölle schicken. Wie das Paradies aussehen muss, das wissen wir heute nämlich zum ersten Mal ganz genau. Es ist ganz einfach: Kein Wettbewerb, kein Eigentum – diese Krankheit der Liberalen, diese Endemie der letzten Jahrtausende wird endgültig abgeschafft und durch die universale Liebe ersetzt. Das Zeitalter der Wölfe, wo einer den anderen frisst, wird abgelöst durch das neue Zeitalter der Empathie, wo es kein Mein und Dein und keinen Krieg mehr gibt.

Unterkühlt: Wie schön! Wenn mir diese Reden nur nicht so merkwürdig in den Ohren klingeln würden. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat Stalin seinen Landsleuten ein solches Reich versprochen, und Mao Zedong ebenso und jetzt tut es Kim Jong Un. Die waren und sind noch weit besser als du, wenn es darum geht, Paradiesvisionen in die Zukunft zu malen. Da troff und trieft es nur so von Moral und Glücksverheißung.

In diesem Augenblick springt Empört von seinem Sitz in die Höhe.

Empört: Schluss, ich wusste ja, dass du ein Reaktionär im Schafspelz bist, ein verkappter Neoliberaler, ein Saukerl. Mit solchen Leuten diskutiere ich nicht.

So reden sie im Internet miteinander, so zwischen den ideologischen Lagern. Wie lange noch? Was kommt nach dem Reden?

*Unverzeihlich, dass Empört ohne Fußnoten und Erläuterung einfach die Ansichten von Heiner Flassbeck, einem seriösen Wirtschaftsgelehrten, in sein loses Mundwerk nimmt!

**Empört beruft sich hier offenbar auf das falsche Argument von Thomas Piketty, L’Économie des Inégalités. Paris 2004, Éditions La Découverte; S. 69.

***Unterkühlt könnte noch auch über einen dritten Weg sprechen, bei dem Europa auf Distanz zur Globalisierung geht. Aber es hat keinen Sinn, Empört würde ihn nicht zu Wort kommen lassen.

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