Digitale Revolution – Verheißung oder Bedrohung

(Vortrag gehalten am 2. Oktober 2018 im Schlossbergsaal der Steiermärkischen Sparkasse als „Impulsreferat“. Es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass meine Impulse resonanzlos in dem schönen Saal der traditionsreichen Sparkasse verhallten. Vielleicht waren sie schlicht zu schwach oder unbedeutend, vielleicht schossen sie aber auch am Erwartungshorizont der Anwesenden vorbei in eine zu weite Ferne)

 

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, an diesem Diskussionsabend teilnehmen zu können, möchte mich dafür auch vor allem beim Steirischen Wirtschaftsbund herzlich bedanken. Sie haben einen Referenten als Impulsgeber eingeladen, werden sich nun aber damit abfinden müssen, dass damit eine unerwartete Beigabe einhergeht, eine musikalische Umrahmung sozusagen, da ich von einer kürzlichen Verkühlungsattacke immer noch nicht vollständig genesen bin und mit gelegentlichen Hustenanfällen daher leider zu rechnen ist. Für alle Fälle habe ich den Text zu Papier gebracht, sodass er notfalls auch vom Moderator verlesen werden könnte. Also noch einmal meinen herzlichen Dank!

„Digitale Revolution – Verheißung oder Bedrohung“, das ist die Überschrift, die ich meiner Einführung geben möchte, allerdings beginne ich mit der Bedrohung, auf diese Weise sparen wir uns den erfreulichen Teil, den Optimismus, für das Ende auf. Lassen Sie mich mit den Banken beginnen, auch wenn das reichlich gewagt ist, da ich hier in einer der führenden Sparkassen des Landes vor einem Publikum von Experten rede. Ich werden Ihnen da schwerlich viel Neues sagen könne, hoffe aber, das Alte in verändertem Licht zu präsentieren.

Es scheint mit geraten, zwischen vier Kategorien von Banken, bzw. bankähnlichen Institutionen zu unterscheiden; der Notenbank, den unlizenzierten Schattenbanken, den Großbanken wie der Deutschen oder der Commerzbank und schließlich der Masse jener Sparkassen und Geschäftsbanken, die einst das Rückgrat, den Inbegriff und auch den Ursprung des Bankwesens bildeten.

Notenbanken sind dazu da, die Wirtschaft ja nach ihrer Leistung mit Geld zu versorgen, denn die Zirkulation der Gütern setzt einen parallelen Kreislauf von Geld voraus. Die EZB sieht es darüber hinaus als eine ihrer Aufgaben an, das Niveau der Preise konstant zu halten. Man muss leider feststellen, dass die Notenbanken keiner der beiden Aufgaben wirklich erfüllten, ja, in Zeiten der Krise nicht einmal erfüllen konnten. Das hängt damit zusammen, dass sie die Kontrolle über das Geld an Private abgeben, sobald sie es über die Geschäftsbanken in den Wirtschaftskreis einschleusen. Private haben nämlich die Möglichkeit, die Geldmenge zu vergrößern bzw. umgekehrt, sie zu vermindern.

Es gehört zu den Absurditäten unserer Auffassung von Recht und Gerechtigkeit, dass die Vermehrung der Geldmenge, sprich, die Fälschung des Geldes immer aufs allerhärteste bestraft worden ist, nicht selten mit dem Tod. Seine Verminderung, deren Wirkungen ungleich tiefer reichen und viel verheerender sind, wurden nie bestraft. Natürlich denke ich bei Verminderung nicht an das Vorgehen von Geisteskranken, die einen 500 Euroschein ins Feuer werfen. Solche Neigungen scheinen eher wenig verbreitet. Ich denke an die Stockung des Geldkreislaufs. In der nun schon zehn Jahre zurückliegenden Immobilienkrise war der Interbankenverkehr zeitweise völlig ausgetrocknet. Keine Bank war bereit, der anderen noch einen Kredit zu gewähren, man fürchtete die Leichen im Keller des Nachbarn und dass das eigene Geld dort wie in einem schwarzen Loch versickern würde.

Aber der klassische Fall eines totalen Wirtschaftszusammenbruchs, weil das Geld sich nicht länger bewegte (seine Umlaufgeschwindigkeit gegen Null abfiel), obwohl sich an seiner physischen Menge überhaupt nichts verändert hatte, ist bis heute der Schwarze Donnerstag vom 29. Oktober 1929. Der Kreislauf des Geldes stockte, und in der Realwirtschaft blieben in kürzester  Zeit  sämtliche Räder stehen.

Amerika hatte soeben einen Nachkriegsboom von ungeahntem Ausmaß durchlebt, es war die führende Wirtschaftsmacht. Der technische Fortschritt hatte allerdings dazu geführt, dass amerikanische Unternehmen bald sehr viel mehr produzierten, als der Markt aufzunehmen imstande war. Eine Riesenproduktions- und Kreditblase war entstanden, denn ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung finanzierte seine Einkäufe durch Verschuldung (auch Aktien wurden durch Kredite finanziert). Als sich die ersten Anzeichen für das Platzen der Blase bemerkbar machten, breitete sich unter den Anlegern Panik aus. Der Kreislauf des Geldes brach zusammen. Amerika lieferte der staunenden und erschütterten Welt das Schauspiel einer Wirtschaft, die mitten im Frieden ohne erkennbaren äußeren Grund von einem Moment auf den anderen in den Zusammenbruch und die totale Lähmung schlittert.

Die Wirkungen dieses Zusammenbruchs blieben nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt, sondern entfalteten ihre größte Zerstörungskraft erst in Europa – und da speziell in Deutschland. Dank amerikanischer Kredite hatte die deutsche Wirtschaft seit wenigen Jahren wieder einen deutlichen Aufschwung genommen. Es gab Hitler, gewiss, so wie es zu jeder Zeit und in jedem Land immer eine Handvoll von Fanatikern und Revoluzzern gibt, die mit allem Bisherigen Schluss machen wollen. Aber Hitler war die letzten drei vier Jahre vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise nur noch eine belächelte Kabarettfigur gewesen. Seit es den Deutschen wieder deutlich besser ging, hatten sie kein Ohr für derartige Leute. Das änderte sich mit einem Schlag, als die amerikanischen Investoren ihre Kredite aus Deutschland in Gestalt von Gold zurückforderten und die deutsche Regierung, da die eigene Währung an einen bestimmten Anteil von Gold gebunden war, die umlaufende Geldmenge stark reduzierte. Über Nacht schoss die Arbeitslosigkeit in die Höhe, über Nacht war man empfänglich für die Parolen der Demagogen. Lassen Sie mich hinzufügen, obwohl es nicht Teil des heutigen Themas ist. Ohne die Weltwirtschaftskrise hätte es keinen Hitler an der Spitze des deutschen Staates gegeben. So jedenfalls steht es bei einem der angesehensten Historiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Eric Hobsbawm, zu lesen, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft und Vertreibung sicher keinen Grund haben konnte, die deutschen Verbrechen schön zu reden.

Die Digitalisierung wird in den Notenbanken mit Sicherheit große Veränderung bewirken und sie bietet jedenfalls die Chance, das Geld großer Anleger mit Negativzinsen zu bedrohen, wenn es nicht in den Kreislauf gelangt. Die technischen Voraussetzungen für einen vollständigen Übergang zu einem bargeldlosen Verrechnungssystem sind schon heute gegeben und werden in skandinavischen Ländern und mehr und mehr auch in China bereits zum Einsatz gebracht. Es ist mir bewusst, dass gerade in Deutschland und Österreich heftige Grabenkämpfe toben, wenn es um dieses Thema geht. Geld sei geprägte Freiheit, kann man dann hören. Da der Staat allerdings über Einkommen und Vermögen der abhängig Beschäftigen, also der Bevölkerungsmehrheit, ohnedies bestens informiert ist, kann ich mich des Verdachts nur schwer erwehren, dass vor allem jene besonders auf ihre Freiheit pochen, denen das Bargeld so viele zusätzliche Möglichkeiten bietet, sie zum eigenen Vorteil, sprich, gegen das Interesse der Allgemeinheit, auszunutzen.

Jetzt jedenfalls verhält es sich so, dass die Notenbank keine bessere Strategie als Zucker und Peitsche einzusetzen vermag. Die Peitsche ist eine konstante Inflation von ca. zwei Prozent, die das Horten von Geld verhindern soll; der Zucker, das sind die Zinsen, die allerdings im Augenblick unter null gerutscht sind, weil es um Rettung des Euro geht. Wie es bei einer jährlichen Inflation von etwa zwei Prozent um die Werterhaltung des Geldes nach zwanzig oder gar fünfzig Jahren steht, ist leicht auszurechnen

Die Notenbanken haben noch mit einer zusätzlichen Bedrohung zu kämpfen, die aus langfristiger Sicht ihr Monopol in Frage stellt. Es galt und gilt heute noch als selbstverständlich, innerhalb eines Staatsgebietes mit der dort geltenden Staatswährung zu zahlen. Aber das könnte sich ändern, wenn Kryptowährungen an Einfluss gewinnen.

(Schattenbanken)

Für die Digitalisierung des Arbeitslebens spielen Notenbanken keine besonders Rolle, da die Zahl der dort arbeitenden Menschen von jeher sehr begrenzt war. Das gilt genauso für die unlizenzierten Schattenbanken, die sich der jeweils neuesten Technologien bedienen. Man sollte sie dennoch aus einem anderen Grund erwähnen. Sie führen zu einer historisch einmaligen Konzentration von Geld in wenigen Händen und einem entsprechenden Einfluss auf die politische Macht. Ich zitiere Sandra Navidi, die ein unendlich langweiliges, aber in wenigen Passagen sehr aufschlussreiches Insiderbuch zu diesem Thema veröffentlich hat.

„Inzwischen verwalten Schattenbanken einen Großteil des globalen Reichtums und verleihen den Generälen an ihrer Spitze nie dagewesene Macht. BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, betreut etwa 4700 Milliarden Dollar, was mehr als dem Doppelten der Marktkapitalisierung aller Dax-Konzerne zusammen entspricht. Vanguard verwaltet 3200 Milliarden Dollar, und Fidelity steht mit rund 2000 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen nicht weit hintenan. Die Chefs von Finanzinstitutionen haben Finanzmacht, Politiker regulatorische Macht – und am Ende finanzieren die Finanzinstitutionen die Politik.“

Das Bild vervollständigt sich, wenn man von derselben Autorin erfährt, dass Ben Bernanke, ehemaliger Chef der FED, in dieser Eigenschaft ein Jahresgehalt von 250 000 Dollar empfing, während die Finanzelite des Landes ihm danach eine einzige Vortragsstunde mit einem Honorar in gleicher Höhe vergoldete.

(Großbanken)

Die dritte Kategorie von Finanzdienstleistern, große Banken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank sind schon von größerem Interesse, wenn es um Arbeitsverluste aufgrund von Digitalisierung geht. Diese Institute befassen sich mit Wertpapierhandel, grenzüberschreitenden Investitionen, mit Vermögensberatung und geben sogenannte Derivate aus, die nicht immer, aber in vielen Fällen rein spekulativen Charakter aufweisen, wo die einen gewinnen, was die anderen verlieren. Sofern sie auch noch das klassische Sparguthaben von Kunden verwalten, werden sie von der Digitalisierung genauso wie diese betroffen sein.

(Geschäftsbanken, Sparkassen)

Brennend wird das Thema des Einsatzes künstlicher Intelligenz (also von Algorithmen, welche repetitive geistige Vorgänge abbilden), sobald wir uns den kleinen Geschäftsbanken und Sparkassen zuwenden, denn sämtliche Aufgaben repetitiven Charakters können digital simuliert und gesteuert werden – auch solche geistiger Art. Es scheint kaum noch Zweifel zu geben, dass die Verwaltung von Giro- und Sparkonten ganz auf Menschen verzichten kann, weil künstliche Intelligenz die anstehenden Aufgaben viel schneller und auch viel verlässlicher zu übernehmen vermag. Doch auch das Kreditgeschäft der kleinen Banken lässt sich zum Großteil an intelligente Maschinen übertragen. Über die Bonität eines Kunden geben die Vorgänge auf seinem Girokonto während der vergangenen Jahre einen im Regelfall hinreichenden Aufschluss, nur für die Festlegung von Sicherheiten wie Eigentum an Grund und Boden oder Immobilien braucht man zumindest für die erste Erhebung noch den Experten. Anders gesagt, für die meisten Grundtätigkeiten, die bis dahin in Geschäftsbanken von Menschen ausgeführt werden mussten, genügt heute künstliche Intelligenz. Es kommt aber noch hinzu, dass selbst jener Bereich, der bis zur Reduzierung der Zinsen auf null und darunter in Gestalt der von ihnen abgeschöpften Zinsmarge die eigentliche Geschäftsgrundlage der Banken war, nämlich die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmer ebenfalls in Gefahr gerät. Der Staat drängt bei kleinen Unternehmen auf Transparenz, um eine gerechte Besteuerung zu ermöglichen. Dadurch hat sich der Anteil an mehr oder weniger intuitiv erworbenem Wissen, das einst die Exzellenz etwa einer Bank im ländlichen Raum und ihrer Mitarbeiter ausmachte, deutlich vermindert. Die Bank kann sich bei der Kreditvergabe an vertrauenswürdige Unternehmen in ihrem Umfeld in einem höheren Maße als früher auf objektive Zahlen berufen. Auch dies dürfte die Zahl der Mitarbeiter in den Geschäftsbanken reduzieren, nachdem sie in den vergangenen Jahrzehnten überall schon stark reduziert worden ist. Wie weit auch neuere Formen der Kreditvergabe, wie das Crowdfunding die Rolle der Banken beschränkten könnten, wage ich nicht zu beurteilen.

(Bescheidenheit)

Einige ganz knappe Worte über unsere Fähigkeit, die Zukunft der Arbeit wirklich vorauszusagen. Das 18. Jahrhundert war in mancher Hinsicht ein Höhepunkt in der Entwicklung der europäischen Geisteskultur, damals lebten Philosophen-Wissenschaftler wie Leibniz, Kant, Voltaire, damals wurde von d’Alembert und Diderot die berühmte Enzyklopädie der Wissenschaften veröffentlicht, welche den praktischen vernunftgelenkten Umgang mit der Natur in den Mittelpunkt rückte. Aber war es diesen Giganten des Geistes möglich, auch nur zu ahnen, was die folgenden zwei Jahrhunderte an Neuerungen bringen würden, z.B. Eisenbahnen, Flugzeuge, Diesel- und Elektromotoren oder gar Computer und Handys? Haben sie vorauszusehen vermocht, wie auf der Grundlage solcher Erfindungen innerhalb kürzester Zeit Zehntausende neuer Berufe und eine ganz neue Umwelt für den Menschen entstehen würde? Die Antwort fällt ganz eindeutig aus. Nichts von alledem wurde vorausgesehen. Die Tätigkeit von Mensch und Gesellschaft ist zwar auf Planung angelegt. Und was wir planen können, ist für uns berechenbar. Wir wissen, wie ein Elektrizitätswerk, wie ein Bahnnetz, wie das Verkehrsaufkommen in den kommenden zwanzig Jahren unter bestimmten Voraussetzungen aussehen wird, wenn wir entsprechende Planungsschritte ausführen. Aber unser Wissen und unsere Planung beruhen auf den jeweils vorhandenen technischen Mitteln und Erfindungen. Wie die Welt aussehen wird, wenn ganz andere technische Mittel und Erfindungen zur Verfügung stehen, darüber wissen wir absolut nichts – und können es nicht einmal wissen. Die Zukunft ist und bleibt offen – auch die der Arbeit.

(Letzter Teil)

Dieser Abschluss soll ein optimistischer sein, zu diesem Zweck betrachte ich zwei Arten menschlicher Tätigkeit: Bauern und Industriearbeiter. Bauern bildeten zehntausend Jahre eine Bevölkerungsmehrheit von zwischen 80 bis 95 Prozent. Wenn Böden wenig fruchtbar waren, dann mussten wenigstens 95 Prozent für die nötige Nahrung sorgen, damit eine kleine Zahl von Menschen – fünf bis maximal zwanzig Prozent – eine Existenz außerhalb der Landwirtschaft führen konnten. In den zweihundert Jahren zwischen dem Beginn des 19. bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts schrumpfte die Zahl der Bauern in den Staaten des Westens auf einen Bruchteil von 2-3 Prozent zusammen, während die Nahrungserzeugung zur gleichen Zeit wuchs, und zwar für eine bedeutend vergrößerte Zahl von Menschen. In dieser Zeit kamen die Industriearbeiter als größte Beschäftigungsgruppe auf. Um 1910 bildeten sie ein ganzes Drittel der Menschen in den Vereinigten Staaten.

Von den Bauern müssen wir aus heutiger Perspektive sagen, dass alle Kultur, wie wir sie heute verstehen, auf ihren Schultern ruhte, denn die 100 000 Jahre der Jäger und Sammler ließen zwar einige wenige großartige Malereien in wenigen Höhlen wie Lascaux und Altamira zurück, aber ziehende Nomaden von allenfalls ein paar Dutzend Menschen produzieren nicht mehr, als sie auf den Schultern zu tragen vermögen, also überaus wenig. Erst die Sesshaftigkeit, sollte das alles grundlegend ändern. Leider zogen die Bauern selbst daraus in der Regel aber gar keinen Vorteil, da Menschen, die sich über große Flächen verteilen, von einer kleinen Anzahl Bewaffneter mühelos beherrscht werden können. Mit wenigen Ausnahmen von Regionen mit freien Bauern – meist schwer zugänglichen Inseln oder zerklüfteten Gebirgsregionen wie der Schweiz oder Afghanistan – wurde der nahrungserzeugende Teil der Bevölkerung rücksichtslos ausgebeutet, und zwar in sämtlichen agrarischen Großkulturen: in Mesopotamien, in Ägypten, in Indien und Persien ebenso wie in China, in Süd- und Mittelamerika ebenso wie in Europa, wobei sich weltliche und geistliche Macht gleich unerbittlich zeigten: Der Zehnte, den beide den Bauern abverlangten, war ja oft nur ein Minimum. Bauernaufstände waren deshalb auch in aller Welt endemisch. Allein in Europa gab es seit Ende des 14. Jahrhunderts bis zur französischen Revolution einen Aufstand mindestens alle zehn Jahre, von denen jeder unweigerlich mit einer Niederlage der schlecht organisierten und schlecht bewaffneten Bauern endete. Für die Bauern bedeuteten die zehntausend Jahre bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine Ära der staatlich verfügten Ungleichheit. Sie waren Frondiener, Leibeigene, oft auch nur Sklaven der sie beherrschenden und auf ihre Kosten lebenden Oberschicht. Nur von dieser sind uns Zeugnisse überliefert, die Bauern waren fast immer Analphabeten.

So gesehen gibt es keinen Grund darüber zu klagen, dass ihre Zahl aufgrund technischer Neuerungen innerhalb von nur zweihundert Jahren so dramatisch zusammenschmolz, und eine völlig neue Schicht, die Industriearbeiter, als Mehrheit an ihre Stelle trat. Zwar ging es den Fabrikarbeitern in den Kinderjahren des Industrialismus keineswegs besser, also bis etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als Marx und Dickens ihr Los beklagten. Selbst heute geht es ihnen in manchen Entwicklungsländern kaum merklich besser als auf dem Lande, von wo sie in Scharen in die neuen Fabriken flüchteten, aber das pflegt sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu ändern. Im Gegensatz zu den Bauern konzentrierten sich die Arbeiter  zu Tausenden an wenigen Stellen des Landes. Bald waren sie hervorragend organisiert und konnten Forderungen aufstellen, wie die Versicherung gegen Unfall und Krankheit oder Altersrente. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, also in knapp einem Jahrhundert, hatten die Arbeiter erreicht, was den Bauern der großen Agrarkulturen in zehntausend Jahren niemals gelungen war: Sie wurden prinzipiell als gleichberechtigte Menschen angesehen.

Das ist der positive Aspekt, dem wir unsere Anerkennung auch dann noch zollen müssen, wenn der frühere Industriearbeiter von der weltgeschichtlichen Bühne verschwunden sein wird, weil Maschinen, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, die fälligen Arbeiten weit verlässlicher und schneller verrichten.

Aber es gibt auch einen negativen Aspekt, der sich schon bald bemerkbar machte, nämlich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war von fallenden Preisen, also von Deflation, markiert. Die Industriebetriebe produzierten weit mehr Güter als der Markt aufzunehmen vermochte. 1873 führte das zu einem großen Crash in Europa: Tausende von Banken und Unternehmen gingen pleite. Es war die erste Produktions- und Kreditblase des neuen Industriezeitalters. Die Marxisten hatten den Schuldigen dafür umgehend ausgemacht, nämlich das unselige System des Kapitalismus. Aber die Erklärung ist sehr viel simpler. Die Maschinen konnten in kurzer Zeit sehr viel mehr erzeugen, als der Markt und die Käufer zu absorbieren vermochten. Auch wenn die Arbeiter zu Eigentümern der Fabriken geworden wären, hätte sich daran gar nichts geändert. Denn es war ja nicht daran zu denken, dass die Arbeiter an den Fließbändern weniger produzieren wollten. Von dem Ausstoß der Unternehmen hingen ihr Lohn und ihr Status ab. Es lag im Interesse des Unternehmers wie der Arbeiterschaft, Qualität und Quantität der Waren ständig heraufzusetzen.

Genau das war aber nicht mehr möglich, nachdem die innereuropäischen Märkte weitgehend gesättigt waren. Um das Ziel dennoch zu erreichen, sahen die Staaten Europas bald keinen anderen Weg, als die übrige Welt außerhalb Europas zu Märkten für die eigenen Waren zu machen. Die Engländer hatten das schon seit einiger Zeit getan, nun traten die Deutschen ebenbürtig an ihre Seite. Das musste zu Problemen führen, um es vorsichtig auszudrücken. Bereits 1897 stellte der Autor eines Artikels in der Londoner »Saturday Review« klar, welche dramatische Folge sich daraus für die Zukunft ergeben würde. 17 Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb dieser Autor folgende hellsichtige Zeilen:

»England mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Aggression, mit seiner Überzeugung, dass es in Verfolgung seiner eigenen Interessen Licht an die im Dunkeln lebenden Nationen spendet, und Deutschland, Bein von seinem Bein, Blut von seinem Blut, mit einer geringeren Willenskraft, aber vielleicht mit einer schärferen Intelligenz, konkurrieren in jeder Ecke der Welt. In Transvaal, am Kap, in Zentral-Afrika, in Indien und im Osten, auf den Inseln der Südsee und im fernen Nordwesten, überall und wo nicht? Die Flagge ist der Bibel gefolgt, und der Handel folgt der Flagge; hier kämpft der deutsche Bannerträger mit dem englischen Händler. Ist irgendwo eine Mine auszubeuten, eine Eisenbahn zu bauen, ein Eingeborener von Brotfrucht zum Büchsenfleisch zu bekehren, von Enthaltsamkeit zum Schnaps, der Deutsche und der Engländer kämpfen, der Erste zu sein. Eine Million kleine Auseinandersetzungen bauen den größten Grund zum Kriege auf, den die Welt je gesehen hat. Wenn Deutschland morgen ausgelöscht würde, würde übermorgen auf der ganzen Welt kein Engländer sein, der nicht reicher wäre.Nationen haben jahrelang wegen einer Stadt gekämpft oder wegen eines Erbrechts; müssen sie nicht kämpfen um 250 Millionen Pfund jährlichen Handelsumsatzes?«

Die Gleichberechtigung der Menschen, die in Europa innerhalb von nur hundert Jahren errungen wurde, hat gewaltige Opfer gekosten. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kolonialismus ist es bis heute damit immer noch nicht vorbei. Der Kampf wird zwar nicht länger – oder doch nur zu geringem Teil – gegen Menschen geführt, stattdessen führen wir ihn nun gegen die Natur. Damit die Produktion an Gütern nicht reduziert werden muss, haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg die Wegwerfgesellschaft erfunden. Wir können weiter und wir können sogar immer mehr konsumieren, vorausgesetzt, dass wir die konsumierten Güter ständig durch neue ersetzen, denn die treibende Kraft hinter dem Imperativ des permanenten Konsums sind Unternehmer und Arbeiterschaft, die ihre Einkommen nur unter dieser Voraussetzung bewahren.

So gesehen, könnte es die Erlösung von einem die Menschheit existenziell bedrohenden Unheil bedeuten – die Erlösung von einem schon heute untragbaren ökologischen Fußabdruck -, wenn die treibende Kraft hinter dem Wegwerfkonsum entfällt. Intelligente, digitalisierte Maschinen produzieren so viel oder so wenig wie man von ihnen verlangt, ohne dass wir deswegen mit Aufständen zu rechnen hätten. Der Industriearbeiter, der soviel für die Gleichberechtigung der Menschen geleistet hat, wird verschwinden, genauso wie die Bauern, welche einst die Kultur ermöglichten, relativ gesehen, fast völlig verschwunden sind. Ob uns ein Übergang ohne soziale Konvulsionen gelingt, wird sich allerdings erst noch zeigen müssen. Menschen, die in ihren Berufen keinen Platz mehr haben, müssen vom Rest der Gesellschaft aufgefangen werden.