Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verführen lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschlösser, die er auf diese Weise erbaut, verkörpern dann das hehre Ideal gegenüber einer so viel unvollkommeneren Realität. Wollen wir jedoch die Gegenwart gerecht und richtig beurteilen, dann dürfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern müssen sie ohne jede Beschönigung beschreiben. Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, wo genau dies möglich ist, nämlich ein vorläufiges Resümee, das uns den Vergleich zwischen einer Vergangenheit erlaubt, in der 95% der Bevölkerung aufgrund des agrarischen Abhängigkeitsgesetzes namenlos, ohnmächtig und in ihrer physischen Existenz regelmäßig gefährdet waren, und einer fossilen Gegenwart, wo dieses Gesetz nach vielen Jahrtausenden zum ersten Mal außer Kraft geriet.

Obwohl zahlenmäßig auf ein Vielfaches angeschwollen,

haben die Massen, die früher ausschließlich zum Dienst einer Minderheit taugten, sich aus dieser sklavenartigen Unterwürfigkeit befreit. Heute haben sie nur noch ausnahmsweise den Hungertod zu befürchten; viele von ihnen erkämpften sich mit der Zeit Rechte, von denen ihre Vorfahren nicht einmal zu träumen wagten. Die nüchternen Zahlen dieser Entwicklung habe ich oben bereits angeführt. Lebenserwartung, Gesundheit, Bildungszugang und allgemeiner Lebensstandard haben sich im 19. bis 20. Jahrhunderts stetig verbessert. Große Hungersnöte traten nur noch zu Beginn dieser beiden Jahrhunderte auf (damit ist leider durchaus nicht gesagt, dass sie in Zukunft nicht wieder auftreten können); Mord und Totschlag gingen zurück, und die Zahl der Kriegsopfer war – in Anteilen der Gesamtbevölkerung gemessen – selbst im blutigen 20. Jahrhundert weniger groß als in vielen sogenannten primitiven Gesellschaften.

Aber warum hört man aus der Vergangenheit so viel weniger Klagen

und in der Gegenwart so sehr viele mehr? Ich denke, dass der Grund offensichtlich ist. Hätten die unterdrückten Massen damals eine Stimme gehabt, dann würde die Weltgeschichte bis heute von ihren Wehklagen widerhallen. Aber sie hatten keine Stimme; in der ganzen Welt blieben die Massen stumm, weil sie weder lesen noch schreiben konnten. Erfunden wurde die Schrift überhaupt erst im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, aber selbst im spätmittelalterlichen England von 1530 wurden in einer Bevölkerung von fünf Millionen nur etwa 26 000 Knaben in der Kunst des Schreibens unterwiesen – also gerade einmal ein halbes Prozent (Durant)! Weltweit war diese Fähigkeit auf die oberen Zehntausend beschränkt – in der Regel nicht mehr als fünf Prozent der Bevölkerung; die aber nahmen eine gehobene Stellung an der Spitze der sozialen Pyramide ein und pflegten deshalb eher mit ihrer Lage zufrieden zu sein. Aus diesem und aus keinem anderen Grund ist die Geschichtsschreibung der Vergangenheit weitgehend auf Goldgrund gemalt, stammt sie doch beinahe ausschließlich von den Profiteuren jenes Systems..

Das sollte sich allerdings schlagartig ändern,

als die fossile Revolution zum ersten Mal in der Geschichte das Wunder vollbrachte, die unteren 95% aus ihrer dienenden Stellung und ihrem Analphabetismus zu befreien. In großem Maßstab wurden nun Bildungsinstitutionen geschaffen, welche in kurzer Zeit nahezu sämtlichen Menschen das Lesen und Schreiben ermöglichten. Und so kam, was von vornherein zu erwarten war: Kaum, dass die Menschen ihre Situation zu kommunizieren vermochten, ließ sich ein Chor der Wehklagen vernehmen, erst in Europa selbst, wo die fossile Revolution begann, und schließlich in der gesamten globalisierten Welt, wohin die europäische Aufklärung reichte.

Denn bis dahin hatten die unterdrückten Massen ja auch deswegen stillgehalten, weil Priester wie Fürsten ihnen mit Erfolg einzureden vermochten, dass Gott oder eine göttliche Ordnung ihnen das Dasein von Knechten verordnet und umgekehrt ihren Herren die Gnade der Herrschaft zugeteilt hatte. Nun gelang es den Aufklärern, allen voran Voltaire, eben diese göttliche Ordnung in Frage zu stellen. Die soziale Hierarchie von oben und unten sei, so ihre Botschaft, nur menschengemacht und beruhe daher auf Willkür, der sich niemand mehr fügen solle und brauche. Die Französische Revolution sprach allen Menschen die gleichen Rechte zu, und der englische Sozialphilosoph Jeremy Bentham sogar das gleiche Anrecht auf Glück.

Eine Lawine von Ressentiment

Die Wirkung dieser Botschaft war explosiv: sie äußerte sich in einem gesteigerten Bewusstsein für persönliches Unglück. Jeder, der von da an in seinem Leben nicht diejenige Stellung oder jenes Ausmaß von Glück erreichte, auf das er einen Anspruch zu haben glaubte, konnte sich nun nicht mehr damit trösten, dass der Herrgott selbst es so und nicht anders gewollt, sondern es waren jetzt die anderen Menschen– oft ganz konkrete Personen -, die seinem Glück im Wege standen. Die Befreiung des Menschen aus jahrtausendealter Unmündigkeit erhöhte nicht etwa die allgemeine Summe des Wohlbefindens, sondern setzte eine Lawine von Neid und Ressentiment in Bewegung. Das war vorher beinahe undenkbar gewesen. Der Neid eines einfachen Bauern auf einen Fürsten wäre nicht nur lächerlich gewesen, sondern man hätte darin sogar einen Frevel gesehen, solange eben jedermann glaubte, dass dem einen wie dem anderen sein jeweiliger Platz aufgrund göttlichen Ratschlusses zugeteilt sei. Doch Neid und Ressentiment waren nun an der Tagesordnung. Jeder intelligente, aufstrebende Mensch der unteren Schichten, der in der neuen Gesellschaft den Zugang zur Bildung erhalten hatte, quälte sich und seine Mitmenschen nun mit der Frage, warum andere, oft nur aufgrund von Erbschaft oder Glück, ihm den Weg nach oben versperrten?

Der Ausbruch aus der unverschuldeten Unmündigkeit

Zweifellos war es ein auf Bildung begründeter Wettbewerb, der den unteren 95% zum ersten Mal in der Geschichte den Ausbruch aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit erlaubte, doch in diese Befreiung war von Anfang an Gift gemischt. Denn in den seltensten Fällen war der einzelne mit der von ihm im Wettbewerb erreichten Lebensstellung zufrieden. Der Herrschaft Gottes hatten sich die Menschen wie unter ein unabwendbares Schicksal gebeugt, doch seitdem die Aufklärer Gott zu einer menschlichen Illusion erklärten, erschien ihnen jede Art von Herrschaft auf einmal als unerträglich. Nun wusste man: Das sind ja auch nur Menschen, noch dazu oft irgendwelche zu Unrecht privilegierten, die sich die Herrschaft über mich andere ihrer Mitmenschen anmaßen. Man höre etwa den Philosophen und Ökonomen Pierre-Joseph Proudhon, der erste, der sich selbst zum „Anarchisten“ (d.h. zum Feind aller Herrschaft) erklärte. In seinen „Bekenntnissen eines Revolutionärs“ von 1849 sagte er: „Wer immer seine Hand auf mich legt, um über mich zu herrschen, der ist ein Usurpator und Tyrann.“ Die Revolution bestand für Proudhon darin, dass kein System Herrschaft über Menschen ausüben dürfe, sei es das der Monarchie, der Aristokratie, ja nicht einmal die Demokratie im Namen des Volkes, ja überhaupt keinerlei Autorität, nicht einmal eine populäre.

Écrasez l‘infâme

Mit dem generellen Verbot der Herrschaft von Menschen über andere Menschen sprach Proudhon eine Forderung aus, die ein grundlegend verwandeltes Verhältnis der aufstrebenden Massen gegenüber der Politik charakterisierte. Das änderte freilich nichts daran, dass Herrschaft weiterhin eine Tatsache war. Daher ließen viele es nicht bei bloßem Misstrauen bewenden, sondern forderten ihre gewaltsame Beseitigung. Der russische Anarchist „Bakunin trieb die romantisch-liberale Auffassung von individueller Autonomie auf die Spitze, als er Freiheit mit freudiger Bereitschaft zur Zerstörung identifizierte“. Und Richard Wagner, sein Zeitgenosse, war nicht nur in der Musik ein Revolutionär, er wollte diese Rolle auch als politisch handelnder Mensch übernehmen. Als 1848 das Fieber der Revolution neuerlich ganz Europa ergriff, schrieb er: „Ich wünsche die Herrschaft der einen über die anderen zu brechen… – die Macht der Mächtigen, des Gesetzes und des Eigentums“. Wagner war ein höchst empfindsamer Mann, deswegen empfand er es als umso schmerzhafter, dass er während seines Aufenthalts in Paris unbekannt und ungewürdigt blieb, während ein jüdischer Komponist wie Giacomo Meyerbeer im Rampenlicht der öffentlichen Beliebtheit stand. Diese Kränkung schlug sich bei Wagner in Tiraden des Hasses nieder, in denen sich intensiver Neid und Ressentiment unverkennbar bekunden. Paris wurde für ihn zum Inbegriff persönlichen Misserfolgs. 1850 schrieb er die furchtbaren Zeilen: „Ich glaube an keine andere Revolution als eine, welche mit der Niederbrennung von Paris beginnt.“ Und Wagner war es auch, der eine der furchtbarsten Hetzschriften gegen die Juden schrieb. Solche Ereignisse sollte man nicht übergehen, denn sie enthalten eine wichtige Lehre. Wenn schon eine Zelebrität wie Richard Wagner sich dazu verleiten ließ, persönliche Unzufriedenheit in wüsten Ressentiments aufflammen zu lassen, dann ist leicht zu verstehen, warum der mit dem 19. Jahrhundert einsetzende globale Alphabetismus einen Tsunami an Ressentiments nach sich zog.

Kassandras gegen den Optimismus des Fortschritts

Im Allgemeinen überwog dennoch die gegenteilige Position. Angefangen von Voltaire über die Enzyklopädisten und Friedrich Hegel bis zu Herbert Spencer berauschte sich das Europa des 19. Jahrhunderts an einem Fortschritt, der es in kurzer Zeit zum Herrn der Welt erhob – eine Stellung, an der die wenigsten damals etwas auszusetzen hatten. Insgesamt war es eine Minderheit, welche künftiges Unheil und den Verfall beschwor. Zu den Kassandras gehörten neben den deutschen Romantikern vor allem Karl Marx und Friedrich Nietzsche, aber ebenso Giuseppe Mazzini in Italien sowie in Russland Alexander Herzen sowie der schon zuvor genannte Bakunin. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts prophezeite Herzen „einen fürchterlichen Kataklysmus… Von täglicher Mühsal überwältigt, von Hunger geschwächt und von Unwissen verblödet,“ seien die Massen lange Zeit „die unwillkommenen Gäste des Lebensfestes“ gewesen und ihre „Unterdrückung die unabdingbare Voraussetzung für das privilegierte Leben einer Minderheit.“ Das wäre eine völlig richtige Diagnose im Hinblick auf die Vergangenheit gewesen, aber Herzen wollte seine Aussage auf die Zukunft bezogen wissen.

Pankaj Mishra

Es ist das Vorrecht von Außenseitern, dass sie nicht selten einen schärferen Blick für die seelisch-geistigen Befindlichkeiten anderer Kulturen besitzen als die in ihnen lebenden Menschen. In seinem brillant geschriebenen Buch „Age of Anger“ (Zeitalter des Zorns) hat der indische Autor Pankaj Mishra eine Kritik der europäischen Aufklärung und ihrer Gegenströmungen vorgelegt, deren Tenor eindeutig ist: Mishra hält das Projekt der Aufklärung für gründlich gescheitert. Dass mag verwundern, weil das neunzehnte Jahrhundert – vor allem in seiner zweiten Hälfte – von einer wahren Euphorie des Fortschrittsglaubens beflügelt war, ein Glaube, der außerhalb des Westens selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts durchaus nicht verklungen ist – man denke etwa an China, das sich gegenwärtig in einem wahren Fortschrittstaumel befindet. Darüber schweigt das Buch; es lässt fast nur die Stimmen von Zweifel, Widerstand bis hin zur Zerstörungswut zu Worte kommen, also Stimmen, die der gegenwärtig vorherrschenden Seelenlage westlicher Leser entsprechen.

 Die Darlegungen des „Age of Anger“ erscheinen auf den ersten Blick bezwingend

Die Verlierer des Fortschritts hatten im angehenden neunzehnten Jahrhundert ja genauso zu leiden wie gegenwärtig die Nachzügler in Asien oder Afrika. Doch bei näherem Hinschauen wird dem Leser die Einseitigkeit des Autors ebenso bewusst wie die der von ihm vorzugsweise zitierten Autoritäten. In Europa war es Jean-Jacques Rousseau, der als erster seine Stimme gegen die Aufklärung erhob, die er des Betrugs und der Täuschung bezichtigte. „Sein Ideal war das kleine, strenge, selbstgenügsame, eifernd patriotische, herausfordernd unkosmopolitische und unkommerzielle Sparta.“ Gewiss, doch schon an dieser Äußerung, gegen die Mishra keine Einwände erhebt, wird die ganz unhistorische Vorgangsweise Rousseaus und vieler seiner geistigen Nachfolger deutlich. Sparta war der Ausbeuterstaat schlechthin, ein Staat, wo fünf Prozent einer selbst ernannten Herrenrasse von Analphabeten ein gnadenloses Regiment von Mord und Erpressung über 95% der von ihnen unterworfenen Ureinwohner, die Heloten, ausübte. Über diese verschwindende Minorität wissen wir dank Platon und Thukydides sehr gut Bescheid, aber die 95% geknechteter Bauern waren der Rede nicht wert und blieben selbst so stumm wie ihre Brüder und Schwestern überall auf der Welt, die in allen großen Agrarkulturen weder schreiben noch lesen konnten. Sie haben uns aber einzig deshalb kein Zeugnis von ihrem Leid hinterlassen, weil sie als Analphabeten es nicht zu hinterlassen vermochten. Und einzig aus diesem Grund haben sich geschichtsblinde Theoretisierer wie Rousseau dazu versteigen können, in Sparta das Vorbild einer idealen Gesellschaft zu sehen.

In der Idealisierung eines Bauerntums,

das bis an die Schwelle der Neuzeit zu stummem Leiden verurteilt blieb, sind Anarchisten wie Alexander Herzen oder Michail A. Bakunin ihrem Vorbild Rousseau blind gefolgt: „Die bäuerliche Gemeinschaft, selbstversorgend und sittenstreng könnte uns den wirklichen Pfad in Richtung einer freien und gleichen Gesellschaft weisen… Russische Autoren von Herzen bis zu Tolstoi verurteilten immer wieder die Besessenheit des westlichen Bürgertums von privatem Eigentum, dem hielten sie den russischen Muzhik als eine bewundernswert altruistische Erscheinung entgegen.“ Selbst Schriftsteller wie Tolstoi oder Dostojewski, die es eigentlich besser wussten, haben zu dieser Idealisierung geneigt, obwohl die Bauern gerade vom russischen Adel besonders gnadenlos unterdrückt worden sind.

Aller Evidenz zum Trotz hat Rousseau

sogar vorauszusehen gemeint, dass die Menschen Gott dereinst darum anflehen werden, ihnen „ihre Unwissenheit, ihre Unschuld und ihre Armut zurückzugeben, denn das seien die einzigen Güter, die uns glücklich machen.“ Dagegen erfülle „unersättlicher Ehrgeiz, die Begierde, ihren jeweiligen Besitz zu mehren, und zwar nicht so sehr aufgrund von Entbehrung, sondern um andere zu überrunden, die Menschen mit der verderblichen Neigung, anderen Schaden zuzufügen.“

Wie der Naive Humanismus die Geschichte verfälscht

Pankaj Mishra, dem ich die vorangehenden Zitate verdanke, schließt sich der Meinung seiner Kronzeugen an. Er verkündet, dass „die Geschichte der Modernisierung im Großen und Ganzen auf Blutvergießen und Chaos beruhe statt auf friedlicher Übereinkunft.“ Diese Auffassung ist zwar einerseits völlig richtig, denn zu keinem Zeitpunkt sind die beiden vergangenen Jahrhunderte frei von Krieg, Not, sozialen Wirren und ökonomischen Rückschlägen gewesen. Aber sie ist andererseits völlig falsch, sobald man zu einem Vergleich übergeht, nämlich mit der Vergangenheit vor der fossilen Ära. Krieg, soziale Wirren und ökonomisches Elend waren gerade vor der fossilen Epoche endemisch und ihre Auswirkungen waren ungleich größer und unheilvoller. Selbst nach der Abschließung gegen die Außenwelt, also nach der Vereinigung der Streitenden Reiche, wurde China – die bis ins 18. Jahrhundert weltweit wohlhabendste Agrarkultur – regelmäßig von Hungersnöten verwüstet, deren Opfer natürlich in erster Linie die fronende Bauernschaft war. Harmonie wurde von oben gepredigt, aber sie entsprach niemals der Realität.

Drei Beispiele: Die Verwüstung Indiens, Muhammad Tughlak und Rajasinghe II

Die Zustände in anderen großen Agrarkulturen waren für eine überwältigende Bevölkerungsmehrheit eher noch schlechter als in China, wie ich an drei willkürlich gewählten Beispielen ganz kurz illustrieren möchte. In „Masse und Macht“ hat Elias Canetti die Zustände an einem indischen Fürstenhof des 14. Jahrhunderts aufgrund der Zeugnisse zweier muslimischer Gelehrter aus jener Zeit beschrieben (Ibn Battuta und Ziauddin Barani). Unter der Herrschaft des Sultans von Delhi, Muhammad Tughlak, erreichte das Sultanat eine Ausdehnung, die es danach erst zweihundert Jahre später – unter dem Mogul-Herrscher Akbar – erneut zu erlangen vermochte. Der Sultan war insofern eine herausragende Gestalt, als man in ihm ein Muster umfassender Bildung und ästhetisierender Feinsinnigkeit sah, aber zugleich war er eine Bestie in Menschengestalt, denn seine Liebe zu Grausamkeiten war kaum zu überbieten. Jeder, der ihn besuchte, musste zunächst einmal die zu Haufen aufgetürmten Leichen der Hingerichteten passieren, die den Pfad zum Tor des Palastes säumten, wo die Körper stets drei Tage lang für jedermann sichtbar waren. Jeden Tag wurden Hunderte von Leuten in Ketten, mit gefesselten Händen und Füßen vor ihn gebracht. Die einen wurden hingerichtet, die anderen gefoltert, die dritten geschlagen. Der dauernde Aufruhr gegen den Herrscher war durchaus verständlich, denn wie nahezu jeder Fürst vor Anbruch der Neuzeit hielt es auch Muhammad Tughlak für sein gottgegebenes Recht, aus seinen Untertanen so viel Steuern wie möglich herauszupressen. Diese waren schon unter seinen Vorgängern sehr hoch gewesen, unter ihm aber wurde die Steuerlast noch vergrößert, wobei deren Eintreibung mit so rücksichtsloser Grausamkeit erfolgte, dass die Bauern zu Bettlern wurden. Wer unter den Hindus etwas besaß, verließ sein Land und schlug sich in die Dschungel zu den Rebellen, von denen es kleinere oder größere Trupps bald überall geben sollte. Der Boden lag brach, immer weniger Getreide wurde produziert. Es kam zu einer Hungersnot in den Kernprovinzen des Reiches.

Die Zerstörung Indiens durch den Islam

Das Schema von herrscherlicher Willkür, der vor allem die Massen der wehrlosen Bauern zum Opfer fielen, ist bezeichnend, denn es wiederholte sich damals überall auf der Welt. Hinzu kamen aber noch religiöse Kämpfe zwischen den das Land seit dem 9. Jahrhundert erobernden muslimischen Invasoren und den heimischen Hindus. Gerade Indien liefert dafür ein besonders trauriges Beispiel. Heute denken wir nur an die wunderbaren architektonischen Monumente, die der Islam gerade in Indien hinterlassen hat, oder wir denken an den Mogul-Herrscher Akbar den Großen, eine der wohl bewundernswertesten und humansten Fürstengestalten aller Zeiten, aber das entsetzliche Unglück, die furchtbaren Verwüstungen, die der Islam in den ersten Jahrhunderten seiner Herrschaft anrichtete, werden meist ausgeblendet. „Die muslimische Eroberung Indiens,“ so sagte es der große US-amerikanische Historiker Will Durant, „ist wahrscheinlich das blutigste Ereignis der Weltgeschichte. Es ist eine entmutigende Geschichte, weil es die offensichtliche Einsicht vermittelt, dass die Zivilisation stets gefährdet ist.“ Von Muhammad Tughlak war schon die Rede. Von einem seiner Nachfolger Sultan Ahmad Shah ist überliefert, dass er jedes Mal drei Tage lang feierte, wenn die Zahl der an einem Tag hingeschlachteten Hindus die Marke von zwanzigtausend übertraf.

Dabei hat es durchaus Stimmen gegeben, die den Herrschern „ins Gewissen geredet“ haben

Aber gegen das religiös-ideologische  Pseudogewissen (hierzu später) und die Verlockung schneller Beute kamen sie nicht an. Ein christlicher Papst hat sich für die Verbrechen des Christentums entschuldigt, aber von Seiten der höchsten Vertreter des Islam wartet man immer noch auf eine vergleichbare Äußerung. „Hat man jemals davon gehört,“ fragt der Althistoriker David Engels, „dass ein Direktor der Universität Al Azhar (die größte Autorität der Sunniten) sich im Namen des Islam für die brutale Unterdrückung des Hinduismus entschuldigt habe, von der Indien zwischen 1000 und 1500 unserer Zeitrechnung heimgesucht wurde, wodurch sich die Bevölkerung dort um 80 Millionen Menschen verringerte – ein Ereignis das zu den »blutigsten der Weltgeschichte« zählt?“

Robert Knox und das Ceylon des 17. Jahrhunderts

Extreme Willkür in der Ausübung von Herrschaft war vor der fossilen Revolution ein gemeinsames Merkmal aller großen Agrarkulturen, selbst dort, wo der friedliche Buddhismus den Ton angab, zum Beispiel in Ceylon. Auch in diesem Fall besitzen wir das Zeugnis eines Beobachters, der keinen Grund hatte, der herrschenden Macht nach dem Mund zu reden. Im 17. Jahrhundert geriet ein Engländer namens Robert Knox von 1659 bis 1678 in die Gefangenschaft des Königs von Kandy Rajasinghe II. Weil der König die Weißen, die an der Küste bereits die ersten Forts errichtet hatten (erst Portugiesen, dann Holländer), für Menschen einer stärkeren Rasse hielt, ließ er die Gefangenen von den Untertanen auf deren Kosten durchfüttern und wies ihnen heimische Frauen zu, damit sie zwecks Aufbesserung der eigenen Rasse möglichst viel Nachkommenschaft produzierten. Knox hat dem Land zwar keine Kinder geschenkt, stattdessen hinterließ er der Nachwelt das überaus farbige Gemälde einer hochentwickelten Agrarkultur vor ihrer Eroberung durch die Engländer. Er schildert ein Land, in dem die Frauen durch entsprechende Praktiken ihre Kinderzahl begrenzten, so dass der Bevölkerungsdruck auf die Ressourcen offenbar nicht allzu groß werden konnte. „Oft töten sie die Neugeborenen, aber selten die erste Geburt.“ Die Gesellschaft war durch Kastenschranken streng gegliedert, wobei den Bauern wie überall sonst die Aufgabe zufiel, sich selbst und die oberen zehn Prozent zu ernähren. Wer eine Schuld aufnahm, die er nicht zurückzahlen konnte, sank auf die Stufe eines Sklaven hinab – da Schulden nach zwei Jahren auf das Doppelte wuchsen, war dieser Fall durchaus häufig. Die Gesellschaft ließ keinen Aufstieg von Individuen zu, denn niemand konnte die ihm durch das Kastensystem zugewiesene Stellung verlassen. Der buddhistische König lebte allerdings in beständiger Furcht vor Aufruhr und Verrat seiner Untertanen, deswegen hielt er sich durch Grausamkeit und Unberechenbarkeit an der Spitze, wobei er ganz wie später der Gewaltherrscher Stalin gerade jene in seinem Umkreis begünstigte, die er vernichten wollte. Verschiedene Prozeduren der Tortur und Zertrampeln durch Elefanten spielten dabei eine besondere Rolle, aber schlimmer als selbst die grausamste Todesart galt die Vernichtung der sozialen Würde, wenn der König die Frauen oder Töchter seiner Opfer der untersten Klasse der Bettler gleichsam zum Fraß vorwarf und deren Familien dadurch für alle Zeit entehrte (Knox 1681).

Die Blindheit der naiven Humanisten für die Vergangenheit

Man kann sich durchaus die Frage stellen, ob es den Ceylonesen zu jener Zeit wesentlich schlechter ging als den Engländern des 17. Jahrhunderts, das eine Zeit blutigen Bürgerkriegs war. Doch angesichts der äußersten Willkür, der selbst die höchsten Würdenträger unter einem absoluten Fürsten ausgesetzt waren – von der Masse der Bevölkerung ganz zu schweigen – ist es kaum zu begreifen, dass ein hochgebildeter Autor wie Pankaj Mishra diese Vergangenheit einfach verschweigt, um dann mit Rousseau und vielen anderen Kritikern der Moderne die Gegenwart so darzustellen, als wäre damit ein bisher unerreichtes Ausmaß von menschlichem Leid verwirklicht. Zustimmend zitiert er Michel Foucault, in dessen Worten der kapitalistische Westen, “die härteste, grausamste, selbstsüchtigste, verlogenste und ausbeuterischeste Gesellschaft“ repräsentiert, „die sich überhaupt denken lasse.“ Das ist schlicht und einfach eine grobe historische Unwahrheit.

Anders als Pankaj Mishra behauptet,

ist die Geschichte der Modernisierung im Großen und Ganzen von viel weniger Blutvergießen und Chaos begleitet als die Geschichte der großen Agrarzivilisationen vor der fossilen Revolution. Das ist umso bemerkenswerter, als die Zahl der Menschen sich innerhalb von nur dreihundert Jahren zu verzehnfachen droht. Dass in dieser unkontrollierten Vervielfachung unserer Art eine der größten Gefahren liegen könnte, gerät den Kritikern der Moderne im Allgemeinen gar nicht erst in den Blick. Stattdessen lauschen sie dem allgemeinen Wehgeschrei, denn diese Milliarden können sich, wie schon gesagt, mit ihren Klagen viel besser Gehör verschaffen, weil sie inzwischen fast alle sowohl lesen wie schreiben können. Nicht wenige Intellektuelle, die persönlich in abgesicherten Verhältnissen leben, reden sich in zahllosen Büchern über Missstände in Rage, die früheren Zeiten nicht einmal der Rede wert erschienen wären.

Die Kritik an den Versprechungen der Aufklärer

ist inzwischen so alt wie diese selbst, nämlich bald dreihundert Jahre. Der außerordentliche Fortschritt, den man den Propheten der Vernunft verdankt, wird dabei oft übergangen oder auch schlicht übersehen, weil er inzwischen so selbstverständlich erscheint. Gegen Beginn des zwanzigstens Jahrhunderts standen fast allen Bürgern – bald auch den Frauen – sämtliche Stellungen offen, welche eine Gesellschaft vergeben konnte. Daraus hätte die erste wirklich klassenlose Gesellschaft der Geschichte hervorgehen können. Denn das Ideal, wie es die Aufklärer formulierten, sah ja ausdrücklich vor, dass über die Befähigung zu einem erstrebten Posten allein die Leistung eines Individuums entscheiden sollte. Im Prinzip sollte der Wettbewerb die Karten in jeder Generation aufs Neue mischen, so dass niemand aufgrund der Geburt, zum Beispiel nur deshalb weil er reiche Eltern besaß, in eine höhere Stellung gelangt. Doch schnell zeigte sich, dass die Reichen weiterhin ihren Kindern die besseren Posten verschafften und immer reicher wurden, eben weil ihnen der Reichtum dafür die besseren Voraussetzungen bot. Doch ist das gerade kein Argument gegen die Aufklärung und deren Sinn für Gerechtigkeit, sondern beweist nur, dass es nicht gelang, die Last der Vergangenheit abzuschütteln. Nicht die Aufklärung hat versagt, sondern deren Verwirklichung.

Nur eine Art von Entwicklung wäre noch radikaler gewesen

als diejenige, welche die Aufklärer von Voltaire über Diderot und d’Alembert bis zu Kant und Hegel ins Auge fassten, nämlich eine  Gleichbehandlung aller Menschen ungeachtet ihrer Fähigkeiten (und damit auch ohne Wettbewerb), so wie sie im Nukleus der Familie vermutlich seit Beginn der Menschheitsgeschichte die Regel war: Eine Mutter liebt ihre Kinder, ganz gleich ob sie stark oder schwach sind, dumm oder intelligent. Das war gleichermaßen das Ideal, welches Marx vorschwebte. In der klassenlosen Gesellschaft, wie er sie verwirklichen wollte, „gab jeder nach seinen Fähigkeiten und nahm gemäß seinen Bedürfnissen.“

 Wir wissen heute,

dass es eine solche familienähnliche Solidarität in vielen kleinen Gesellschaften tatsächlich gab, angefangen bei den Jägern und Sammlern bis zu einigen frühen Gartenkulturen wie z.B. den Zuni. Aufgrund des agrarischen Abhängigkeitsgesetzes wurde sie allerdings nie in den großen Agrarkulturen verwirklicht – jedes Experiment dieser Art ist bisher blutig gescheitert: mit Millionen von Toten zuletzt in der Kulturrevolution, der Mao das chinesische  Milliardenvolk in den zehn Jahren zwischen 1966 und 1976 unterwarf. Ganz und gar undenkbar aber ist ein strikter Egalitarismus in der Ära der Streitenden Reiche, wo jede Nation Talent und Willenskraft aufs Höchste zu steigern trachtet. In solchen Zeiten werden alle Leistungen, welche einen Vorteil im Wettbewerb und Überlebenskampf versprechen, im Gegenteil besonders betont und belohnt, also vor allem ökonomisches Können und militärische Erfindungskraft. Wettbewerb spielt dann eine so beherrschende Rolle, dass er auch von denen, die ihm ihren Aufstieg verdanken, nicht mehr als Chance gesehen wird, sondern nur noch als ein zerstörerischer Kampf alle gegen alle. Heute leben wir – nicht anders als die Menschen der Achsenzeit vor zweitausend fünfhundert Jahren – wieder in einer Ära der Streitenden Reiche. Genau darin liegt – wie eine der Hauptthesen dieses Buches besagt – das eigentliche Problem unserer Zeit (das aber Kritiker der Moderne angefangen von Rousseau bis zu Pankaj Mishra geflissentlich verdrängen und übersehen).

Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„.)

Globus unter dem Zepter Chinas?

Wie beurteilt ein führender US-amerikanischer Experte für die Streitenden Reiche unserer Zeit, der Historiker Alfred McCoy, das künftige Verhältnis der Supermächte und die relative Stärke seines Landes im Vergleich zu der Chinas? Was die WIRTSCHAFT betrifft, so besteht aus seiner Sicht nicht der geringste Zweifel, dass das Reich der Mitte bald die Vereinigten Staaten bald überholen wird.

„China wurde 2010 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Im selben Jahr wurde es auch zur weltweit führenden Industrienation und verdrängte die Vereinigten Staaten von einer Position, die diese seit über einem Jahrhundert innehatten. Im April 2011 prognostizierte der IWF, dass China die Vereinigten Staaten nach nur fünf weiteren Jahren beim realen BIP überholen würden, um dann zur größten Volkswirtschaft der Welt aufzusteigen.“ „Von 1820 bis 1870 erhöhte Großbritannien seinen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt um 1 Prozent pro Jahrzehnt; die Vereinigten Staaten erhöhten ihren Anteil während ihres halbhundertjährigen Aufstiegs von 1900 bis 1950 um 2 Prozent; parallel dazu wuchs Japans Anteil während seines Wiederaufstiegs nach dem Krieg zwischen 1950 bis 1980 um etwa 1,5 Prozent. China jedoch hat von 2000 bis 2010 seinen Anteil am Weltkuchen um außerordentliche 5 Prozent erhöht und ist auf dem besten Weg, dies im darauffolgenden Jahrzehnt bis 2020 weiterhin zu tun, wobei Indien nicht weit hinterherhinkt“. Dies sind abstrakte Zahlen, aber sie haben einen direkten Einfluss auf die Investitionstätigkeit des amerikanischen Staates, da die Sozialkosten einen immer größeren Teil des Budgets ausmachen. „Während der Anteil /der Vereinigten Staaten/ an der Weltproduktion bis 2016 auf nur noch 17 Prozent sank…. stiegen ihre Sozialkosten von 4 Prozent des BIP im Jahr 2010 bis auf voraussichtlich 18 Prozent bis 2050.“

McCoy lässt die tieferliegenden Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang seines Landes (Auslagerung und Freihandel zur Bereicherung der Elite) weitgehend unerörtert, er beschreibt nur ihre Folgen. „Zwischen 1999 und 2011 haben chinesische Importe 2,4 Millionen amerikanische Arbeitsplätze vernichtet.“ Er weist aber auch darauf hin, dass „trotz ganzer Bände von Wirtschaftsstudien, die das Gegenteil behaupten, nur 19 Prozent aller im Juli 2016 befragten Amerikaner der Meinung waren, dass der /internationale/ Handel mehr Arbeitsplätze schafft“.

Im Zuge des wirtschaftlichen Niedergangs waren die Menschen gezwungen, ihre Ausgaben für BILDUNG deutlich zu reduzieren. „Angesichts wachsender sozialer Unterschiede, welche die Vereinigten Staaten auf die Nummer sechsundfünfzig in der Einkommensgleichheit weltweit zurückdrängen, verfügen die Familien über immer weniger Mittel, um…. in die Bildung ihrer Kinder zu investieren… „. Die Wirkungen seien bereits deutlich zu spüren. „Im Jahr 2012 testete die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 510 000 Fünfzehnjährige in vierunddreißig entwickelten Nationen, wobei sie herausfand, dass die Schüler in Shanghai in Mathematik, Wissenschaft und Lesen an erster Stelle standen, während die Schüler in Massachusetts, „einem leistungsstarken US-Bundesstaat“, als siebzehnte in Lesen, zwanzigste in Wissenschaft und siebenundzwanzigste in Mathematik rangierten.“ „Nachdem in den USA der Jahrgang zwischen 25 und 34 Jahren jahrzehntelang weltweit führend in Universitätsabschlüssen war, sank er 2012 auf den zwölften Platz. Im selben Jahr reihte das Weltwirtschaftsforum die Vereinigten Staaten auf einem mittelmäßigen siebenundvierzigsten Platz unter 144 Nationen in Bezug auf die Qualität ihrer universitären Mathematik- und Wissenschaftsausbildung. Zwei Jahre später rutschten sie auf Position einundfünfzig.“ Die Situation ist noch schlimmer, wenn man bedenkt, dass die im Land geborenen Amerikaner selbst zu einer Minderheit an ihren Universitäten geworden sind. „Eine Umfrage unter rund 150 großen amerikanischen Universitäten im Jahr 2010 ergab, dass mehr als die Hälfte aller Doktoranden in den Naturwissenschaften Ausländer waren: 70 Prozent in der Elektrotechnik, 63 Prozent in der Informatik und 52 Prozent in der Werkstofftechnik.“

           Die AUSWIRKUNGEN AUF DIE WISSENSCHAFTLICHE LEISTUNG des Landes traten im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich zutage. „Im Jahr 2008 lagen die Vereinigten Staaten bei den weltweiten Patentanmeldungen mit 232 000 immer noch auf Platz zwei hinter Japan, obwohl China mit 195 000 dank eines rasanten Anstiegs von 400 Prozent seit 2000 schnell aufgeschlossen hatte. Bis 2014 übernahm dann China aber die Führung mit fast der Hälfte der weltweiten Anmeldungen: außerordentliche 801 000 gegenüber nur 285 000 für Amerikaner.“ Der Abwärtstrend wird durch schrumpfende staatliche Investitionen noch verstärkt. „Zwischen 2010 bis 2013 hat der Kongress die schärfsten Einschnitte in der Wissenschaftsförderung seit den 1960er Jahren vorgenommen, als es um die Eroberung des Weltraums ging. So wurde der Rückgang in Forschung und Entwicklung (F&E) von 2 Prozent des BIP in den 1970er Jahren auf nur 0,78 Prozent bis 2014 zusätzlich beschleunigt.“ „Während Pekings explodierende Investitionen in Forschung und Entwicklung bis 2026 die Vereinigten Staaten vermutlich übertreffen werden, reduzierte Washington seine zivilen und militärischen Forschungsmittel von 160 Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf 140 Milliarden Dollar im Jahr 2015 – Kürzungen, die den Pool der talentierten jungen Wissenschaftler des Landes sicherlich schrumpfen lassen.“

            Gleichzeitig stärkt Peking seine BEZIEHUNGEN ZUM REST DER WELT und drängt die Vereinigten Staaten unerbittlich aus ihrer führenden Stellung. „Im Oktober 2014 kündigte Peking die Gründung der Asian Infrastructure Investment Bank an. Chinas Führung sieht in dieser Institution eine zukünftige eurasische Alternative zur von den USA dominierten Weltbank. Trotz des Drucks Washingtons, nicht beizutreten, unterzeichneten 57 Länder – darunter enge amerikanische Verbündete wie Deutschland, Großbritannien, Australien und Südkorea – den Vertrag und leisteten einen Kapitalbeitrag von 100 Milliarden Dollar, was die neue Institution bereits am Eröffnungstag im Januar 2016 halb so stark machte wie die Weltbank.“ Auch die Handelsbeziehungen zwischen China und der umgebenden Welt werden mit jedem Tag enger. „Peking hat es geschafft, seinen jährlichen Handel mit Afrika in nur vier Jahren auf 222 Milliarden Dollar zu verdoppeln, das Dreifache von Amerikas 73 Milliarden Dollar.“

Inzwischen nutzen die Handelsbeziehungen zwischen Europa und China den direkten Transport auf der Schiene, der viel schneller ist als der Verkehr mit Containerschiffen. „Hochwertige Industriegüter wie Computer und Autoteile werden in nur zwanzig Tagen 6 700 Meilen von Leipzig, Deutschland, nach Chongqing, China, transportiert“ /aber die meisten Güter bewegen sich eher in umgekehrter Richtung/. „2013 begann die Deutsche Bahn AG mit der Vorbereitung einer dritten Strecke zwischen Hamburg und Zhengzhou, welche die Reisezeit auf nur fünfzehn Tage verkürzen wird.“

            Die amerikanische Überlegenheit bleibt nur in einem Bereich unbestritten: DEM MILITÄR. Auch hier aber machen sich die Auswirkungen des wirtschaftlichen Niedergangs bemerkbar. „Im Jahr 2010 entsprach das US-Verteidigungsbudget von 700 Milliarden Dollar fast der Hälfte (43 Prozent) der weltweiten Militärausgaben, verglichen mit nur 7 Prozent für China“ – eine enorme Belastung für die Wirtschaft. „Um 2010 fiel es den Vereinigten Staaten bereits äußerst schwer, 40 Prozent der weltweiten Rüstungsproduktion mit nur 23 Prozent der Brutto-Wirtschaftsleistung zu erhalten.“ Diese Ausgaben werden in den kommenden Jahrzehnten mit Sicherheit stark reduziert. „Wie der National Intelligence Council vorhergesagt hatte, werden „steigende Kosten“, um eine alternde Bevölkerung zu versorgen, „einen immer größeren Teil des Bundeshaushalts verbrauchen“, was den Anteil der Verteidigung am BIP von 7 Prozent während des Kalten Krieges und 5 Prozent in der Dekade nach 2001 auf nur 2 Prozent im Jahr 2030 sinken lässt und die Verringerung der globalen Präsenz der USA unerbittlich erzwingt“.

            Zur gleichen Zeit aber weitet Peking seine militärische Schlagkraft immer mehr aus. „Im August 2016, drei Jahre nachdem das Pentagon seinen eigenen Versuch der Satellitensicherheit durch das hochaufgelöste F-6-System eingestellt hatte, startete Peking den weltweit ersten Quantenkommunikationssatelliten.“ „China produzierte /außerdem/ den schnellsten… /supercomputer/ …. bis es 2016 endlich einen Sieg erzielte, der wirklich zählt: ein Supercomputer mit Mikroprozessorchips made in China. Zu der Zeit verfügte das Land bereits über die meisten Supercomputer der Welt, nämlich 167 im Vergleich zu 165 für die Vereinigten Staaten und nur 29 für Japan.“ Die Verteidigungsfähigkeit wurde auf diese Art ständig verstärkt: „Im gleichen Maße wie Chinas Wirtschaft wuchs, vervierfachte sich sein Verteidigungsbudget, das konstant bei 2 Prozent des BIP lag, von 52 Milliarden Dollar im Jahr 2001 auf 214 Milliarden Dollar im Jahr 2015: das zweitgrößte nach dem Washingtons.“ Über die daraus zu ziehenden Folgerungen bestehen für McCoy keine Zweifel. „Die chinesische Innovation in der Militärtechnologie ist auf dem Weg zur Weltspitze irgendwann um das Jahr 2030, während gleichzeitig Amerikas gegenwärtiges Aufgebot an brillanten Wissenschaftlern und Ingenieuren in den Ruhestand geht, ohne dass es durch eine schlecht ausgebildete jüngere Generation noch angemessen ersetzt werden könnte.“ Doch bereits /viel früher/, nämlich 2016 „in Obamas letzten Monaten /als Präsident/ warnte eine Studie der RAND Corporation, „War with China“, dass Pekings verbesserte /militärische/ Fähigkeiten inzwischen bedeuten, dass /im Falle eines Kriegs/ ein Sieg der Vereinigten Staaten nicht mehr gewährleistet sei“.

            McCoy kommt zu dem Schluss, dass die USA wahrscheinlich gegen 2030 ihren Platz als führende Supermacht an China abtreten werden. „Die Ökologie der Macht großer Imperien ist so heikel, dass sie sich, wenn es wirklich schief zu gehen beginnt, regelmäßig mit unheiliger Eile auflösen: nur ein Jahr für Portugal, zwei Jahre für die Sowjetunion, acht Jahre für Frankreich, elf Jahre für die Osmanen, siebzehn Jahre für Großbritannien und aller Wahrscheinlichkeit nach nur siebenundzwanzig Jahre für die Vereinigten Staaten, gerechnet ab dem entscheidenden Jahr 2003“ /in dem die USA laut McCoy im unseligen Irakkrieg ihre Weltmachtstellung verspielten/ (alle Zitate aus McCoy 2017).

           Das bleibt jedoch eine Frage der Spekulation. Mit Sicherheit wird es in den kommenden Jahren starke, vielleicht sogar dramatische Wachstumseinbrüche auch in China geben, zumal das Land mit um die 300 Prozent des BIP sehr stark verschuldet ist (doch handelt es sich wie bei Japan um eine Binnenschuld!). Alle werden dann den weiteren Aufstieg des fernöstlichen Giganten bezweifeln, doch was zählt ist die wachsende Stärke des Landes im Vergleich zur übrigen Welt – und da sind bedeutende Einbußen eher unwahrscheinlich. Trotzdem werden die bisherigen Supermächte USA und Russland nicht einfach als große Mächte verschwinden. Ungeachtet ihres wirtschaftlichen Niedergangs sind sie aufgrund ihres Nukleararsenals weiterhin in der Lage, ihre Rivalen wie auch die ganze übrige Welt in Schutt und Asche zu legen. Darin liegt der entscheidende Unterschied zu aller bisherigen Geschichte. In den 90er Jahren erlitt Russland einen katastrophalen Zusammenbruch, aber selbst seine immer noch niedrige Wirtschaftskraft hat keine Auswirkungen auf die weltpolitische Stellung des Landes, denn Russland bleibt eine große Atommacht. Die US-Rüstung mag über ungleich komplexere Waffen verfügen, solange es jedoch unendlich viel schwieriger ist, eine ballistische Rakete mit einer Geschwindigkeit von Mach 20 abzufangen als sie nur auf das Land eines Feindes zu schießen, stellen auch kleinere atomar bewaffnete Länder eine massive Bedrohung für den Weltfrieden und das menschliche Überleben dar. Der scheinbar unabwendbare Aufstieg Chinas wird die heute bestehende Rivalität der Supermächte daher kaum grundlegend verändern.

(Kapitel aus meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“. Das deutsche Original liegt bei einem Verlag, die englische Übersetzung ist aber – zeitweilig zumindest – über das Netz verfügbar:  “In Search of Meaning and Purpose in History„.http://www.gerojenner.com/mfilesm/MandP.pdf))

Apokalypse – Wann?“

Im Nachhinein wird es uns als ein Glücksfall der Historie erscheinen, dass das für den Globus existenzbedrohende Arsenal an Massenvernichtungswaffen damals einzig in den Händen von nicht mehr als zwei Akteuren lag: denen der USA und der Sowjetunion. Die gegenwärtige Entwicklung zielt in eine andere Richtung: An die Stelle einer bipolaren ist eine multipolare oder – wie andere es nennen – eine polyzentrische Weltordnung getreten.

Viele glauben, darin einen bedeutenden Fortschritt zu sehen, weil sie bei diesem Übergang in erster Linie eine größere politische und kulturelle Vielfalt vor Augen haben. Die dualistische Welt des Kalten Krieges erstickte ja in einer ideologischen Enge, die nichts anderes mehr kannte als die beiden tödlich verfeindeten Wirtschaftssysteme: den sowjetischen Kommunismus und den westlichen Kapitalismus. Im östlichen Lager wollte man einen neuen Menschen schaffen – wie an ein unanfechtbares religiöses Dogma glaubte man an die hundertprozentige Formbarkeit des Menschen. Allerdings waren aus der Zeit der Finsternis noch die durch die voraufgegangene Bourgeoisie geistig verformten Menschen übriggeblieben, die man erst einmal beseitigen musste, damit der neue Mensch sich ungestört zu entfalten vermochte. In der Sowjetunion wurden aus diesem Grund die „bürgerlichen“ Kulaks in Massen ermordet. Die Chinesische Revolution definierte ihre Feinde auf ähnliche Art, denn dazu gehörten ehemalige Grundherren, „reiche“ Bauern und Lehrer, die man erniedrigte, folterte und ermordete. Die Roten Khmer machten es sich noch einfacher: Stadtbewohner und Angehörige der Bildungsschichten wurden in Arbeitslager gesteckt und exekutiert.

Bemerkenswert ist die gleich blutige Wirkung, welche das extrem linke Credo von der totalen Formbarkeit des Menschen und die extrem rechte Lehre des Sozialdarwinismus für das Schicksal der Menschen hatte. Die Nazis sprachen von unterlegenen Rassen, welche industriell zu vernichten waren, für die Sowjets, Chinesen und Roten Khmer gab es falsch programmierte Klassen, welche in noch höherer Zahl ausgemerzt wurden. Der totalitären Rechten galt die Gleichheit der Menschen, der totalitären Linken die Freiheit als Illusion. Während die ideale Gesellschaft für die ersten ausschließlich aus Ariern bestehen sollte, sahen die Marxisten im Proletarier das Ziel der Geschichte.

Auch außerhalb der beiden ideologischen Lager bestimmten letztlich nur diese beiden Alternativen das politische Denken und Handeln. Die sogenannten blockfreien Länder begründeten keine eigene politische oder ökonomische Ideologie, sie lavierten nur zwischen den Lagern.

Von einer polyzentrischen Welt versprechen sich viele die entscheidende Wende. Hundert bunte Blumen dürfen nun blühen, viele Denk- und Daseinsentwürfe können sich gleichzeitig entfalten. Kein Wunder, dass die Befreiung aus der bipolaren Falle zunächst als eine Art von Erlösung empfunden wurde. In Europa, vor allem in den osteuropäischen Ländern, die bis dahin die Knute der Sowjetmacht ertragen mussten, wurde sie auch als eine solche erlebt und gefeiert.

Zwei glückliche Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ahnte kaum jemand, dass die Welt für diese Erlösung einen hohen – einen sehr hohen – Preis zu bezahlen hätte. Denn polyzentrisch ist die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja nicht nur in kultureller Hinsicht geworden, sondern eben auch in militärischer. Und das ist leider kein Fortschritt, sondern der größte nur denkbare Rückschritt. Denn seit dieser Zeit drohen sich die Arsenale der Massenvernichtung über den gesamten Planeten zu verbreiten. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich und England verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über die Bombe. Nordkorea hat sie bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn damit zu bedrohen. Der Iran und vermutlich auch Saudi-Arabien arbeiten an der Bombe.*1 Durch einen kriegsunwilligen Westen werden sie sich daran umso weniger hindern lassen, als China und Russland im Weltsicherheitsrat bislang stets ihr Veto einlegten, wenn es um vorbeugende Schläge gegen atomare Aufrüster ging.

Japan hat in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen.*2 Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat das fernöstliche Land sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist Japan jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.*3

Von der bipolaren zur polyzentrischen Welt

In der bipolaren Ära waren die beiden Supermächte USA und Sowjetunion aufeinander fixiert, die übrige Welt zählte wenig. Kleinere Staaten, die Länder Europas eingeschlossen, traten nur als Statisten, Schachfiguren und Zuschauer in Erscheinung, von den beiden Großen nur zu jeweils eigenen Zwecken in Stellung gebracht. Zum eigentlichen Motor dieser gegenseitigen Fixierung wurde die Angst, verbunden mit der fortwährenden Taxierung des Gegners. Welche Reaktionen waren von ihm zu erwarten, wenn man die eigenen Raketenstellungen an diesem oder jenem Punkt des Globus vorrücken ließ oder andere Staaten für die eigene Ideologie und das eigene Lager gewann? Dieses Spiel wurde zwar kalt geführt, aber jede der beiden Mächte war sich bewusst, dass es jederzeit in die heiße Phase eines Weltbrands umschlagen konnte.

Ganz akut bestand diese Gefahr 1962, als Nikita Chruschtschow sich in der Psychologie seines jugendlichen Gegenübers irrte. Er glaubte, John F. Kennedy nicht übermäßig ernst nehmen zu müssen. Daher entschloss er sich zur Stationierung von Langstreckenraketen auf Kuba, um die größten amerikanischen Städte aus geringer Entfernung mit Atomwaffen bedrohen zu können. In diesem Pokerspiel ging es dem sowjetischen Ministerpräsidenten um mehr als bloße Abwehr und Abschreckung, es ging um einen strategischen Vorteil für das eigene Land. Wäre es der Sowjetmacht damals gelungen, Raketen unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, hätte sie diese mit einem Erstschlag nicht nur bedrohen, sondern auch endgültig mattsetzen können. Bis zuletzt wurde vonseiten der Sowjets systematisch gelogen. Sie taten alles, um die Amerikaner in Hinblick auf ihr wirkliches Vorgehen zu täuschen. Ihr Kalkül wäre auch beinahe aufgegangen. Fast wäre es ihnen gelungen, mehrere Basen auf Kuba in abschussbereitem Zustand zu errichten.

Die Vereinigten Staaten sahen sich am 27. Oktober 1962 der Herausforderung gegenüber, die Russen im letzten Moment aufzuhalten oder ihnen ihrerseits mit einem atomaren Erstschlag zuvorzukommen. Es war dem besonnenen Vorgehen Kennedys, dann aber auch der Einsicht Nikita Chruschtschows zu danken, dass der nukleare Holocaust damals vermieden wurde – allerdings erst im allerletzten Moment.*4

Eine bestürzende Erkenntnis bleibt dennoch zurück. Damals hing das Schicksal von fünf Milliarden Menschen von der Vernunft oder Unvernunft zweier Individuen ab, ergänzt um nicht mehr als eine Handvoll Berater. Was hätte sich zugetragen, wenn Kennedy weniger besonnen und Chruschtschow weniger einsichtig gewesen wären? Hier liegt die unheilvolle Wirkung von Massenvernichtungswaffen. Sie besteht in der immensen Macht, die wenigen Individuen über den Rest der Menschen gegeben ist. Im Extremfall wird das Schicksal von Milliarden Menschen von einigen wenigen Politikern durch einen Knopfdruck entschieden. Alles deutet übrigens darauf hin, dass selbst nach diesem nur knapp vermiedenen Weltuntergang neokonservative amerikanische Kreise unter George W. Bush weiterhin von einem Erstschlag träumten.*5 So gesehen hatte Hoimar von Ditfurth (1921 – 1989) schon recht, als er den Deutschen empfahl, es Luther nachzutun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn solange es diese Waffen gibt, wird es immer Menschen geben, die ungeniert mit ihrem Einsatz liebäugeln.

In einer polyzentrischen Welt sind die Folgen des Wettrüstens unabsehbar. Da keine Großmacht stark genug ist, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen systematisch durch Androhung von Gewalt zu verhindern, andererseits aber auch keine so schwach, dass sie die Anwendung von Gewalt nicht durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat zu verhindern vermag, ist damit zu rechnen, dass jeder wirtschaftlich erstarkende Staat über kurz oder lang danach streben wird, seine ökonomische Macht mit militärischen Mitteln zu garantieren, Nuklearwaffen eingeschlossen. Dadurch kommt es zu einem zusätzlichen Schneeballeffekt. Je mehr Staaten die Bombe bereits besitzen, umso größer wird dann das Bestreben der anderen sein, ihrerseits in deren Besitz zu gelangen. Die Welt wird dadurch zu einem weit gefährlicheren, durch Zufall und Achtlosigkeit viel leichter entflammbaren Pulverfass als jemals zu Zeiten des Kalten Krieges.

Ich denke, dass man den starken Gegensatz zwischen einer vergleichsweise sicheren bipolaren und der weit gefährlicheren multipolaren Welt, wie sie sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt, gar nicht genug betonen kann. Solange das Schicksal der Welt nur in den Händen von zwei Akteuren lag, haben diese sich über ein Gleichgewicht des Schreckens vergleichsweise leicht zu verständigen vermocht. Die beste Lösung bestand in jenem Minimum an Kooperation, wodurch sich beide Lager ein Maximum an Sicherheit verschafften. Unter gegenseitiger Kontrolle verzichteten sie eine Zeitlang sogar auf die Weiterentwicklung von Waffen, die das bestehende Gleichgewicht außer Kraft setzen würden. Gemeinsam hatten sie nach 1986 eine Reduktion der Atomköpfe erreicht, und zwar um ganze zwei Drittel.Auch wenn das restliche Drittel immer noch ausreicht, alles irdische Leben auf dem blauen Planeten mehrfach zu tilgen, haben sie es doch fertig gebracht, durch Kooperation und das dadurch gewonnene Vertrauen einen halbwegs stabilen Zustand herzustellen.

Der menschliche Faktor

Schon zu der Zeit, als nur zwei Atommächte einander feindselig gegenüberstanden, sah sich die Weltgemeinschaft vor das Risiko ihrer physischen Auslöschung gestellt. Aber eine derartige Konfrontation (einschließlich eines auf technischem oder menschlichem Versagen beruhenden GAUs; siehe Anm. 48) ergab sich damals vielleicht einmal im Laufe von zwanzig Jahren. In einer polyzentrischen Welt, wo Dutzende Mächte über solche Todeswaffen verfügen, müssen wir mit „Beinahe-Katastrophen“ oder echten Zwischenfällen in weit kürzerem Tempo rechnen. Das Verhältnis der gegenseitigen Taxierung und Überwachung ermöglicht ja nun immer mehr Kombinationen: Israel gegen Iran, Nord- gegen Südkorea, Pakistan gegen Indien, China gegen die USA, die USA gegen Russland oder – zu einem späteren Zeitpunkt – China gegen Russland etc. Hier spielt der menschliche Faktor demnach eine immer größere Rolle. Schwache Nerven, beleidigter Stolz oder pure Lust am Spiel mit dem Feuer waren schon bei Chruschtschow und Kennedy nicht auszuschließen; sie sind aber charakterliche Standardmerkmale der unvermeidlichen Kims, Ahmadinedschads und leider auch Trumps und Putins unserer Welt.

Dabei bildet der Faktor Mensch nur eine von zwei Dimensionen eines enorm angewachsenen Bedrohungspotentials: Schlamperei, Achtlosigkeit und technische Fehlplanung, mit einem Wort, das Verhängnis ungeplanter technischer Fehlfunktionen, spielt eine mindestens gleich große Rolle. Regelmäßig stürzen irgendwo auf der Welt Flugzeuge ab oder explodieren Waffenlager. Bei einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungs­waffen ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der größtmögliche anzunehmende Zwischenfall ereignet – ein atomarer Fast-GAU zum Beispiel, wie er drei Tage nach der Amtseinführung von John F. Kennedy geschah.

Damals geriet ein B-52-Bomber über North Carolina außer Kontrolle – zwei scharfe Wasserstoffbomben fielen dabei zu Boden. Da ein Sicherheitsmechanismus nach dem anderen versagte, stand die Bombe unmittelbar vor der Zündung. Nur dem Zufall, dass die letzte von vier Sicherheitssperren dann doch funktionierte, ist es zu danken, dass die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Gestalt immer noch existieren. Um ein Haar wären sie die ersten Opfer einer 4-Megatonnen Wasserstoffbombe geworden!

Die zweite Bombe landete in einem Sumpf. Ihr Explosivmaterial blieb intakt, der Uran-Kern aber versank in der Tiefe – mehr als einundzwanzig Meter. Er wurde bis heute nicht gefunden. In seinem jüngsten Buch „Control and Command“zählt Eric Schlosser eine ganze Serie gleich dramatischeUnfälle mit Nuklearwaffen auf, die sich entweder bei deren Transport ereigneten oder aufgrund von unzureichender Verwahrung. In manchen Fällen wurden diese Waffen so schlecht bewacht, dass sie ohne größere Schwierigkeiten in die Hände von Terroristen gelangen konnten.

Natürlich steigt dabei auch der Pegel nuklearer Strahlung aufgrund militärischer wie ziviler Nutzung der Kernkraft. Atombomben wurden nicht nur in voller Absicht über Hiroshima und Nagasaki gezündet, sondern danach fanden etwa zweitausend weitere Testzündungen statt.

Wohin treibt uns der Wettlauf?

Es sind die USA gewesen, die das Gleichgewicht des Schreckens mutwillig durchbrachen, und zwar mit dem von ihnen propagierten und entwickelten Raketenabwehrschirm. Es war abzusehen, ja eigentlich unvermeidlich, dass sie Russland und China, die großen mit ihnen konkurrierenden Mächte, dadurch zwingen würden, gleichfalls nach technischen Lösungen zu suchen, die den Vorsprung wettmachen würden. Anders gesagt, musste das globale Wettrüsten zu neuer Stärke entflammen. Es entwickelt sich aber nicht mehr zum Vorteil der USA. Man geht davon aus, dass die militärischen Ausgaben der Chinesen spätestens 2020 die Höhe der US-amerikanischen erreichen und sie danach übertreffen werden. Jedenfalls wurden die technischen Instrumente, mit denen sich der vorläufige Vorsprung Amerikas überwinden lässt, inzwischen sowohl in Russland wie in China entwickelt. Vorläufig sieht es so aus, dass mehrfach überschallschnelle Raketen (mit 10 Mach Geschwindigkeit) jeden existierenden Raketenschutzschirm unterlaufen. Russland behauptet schon jetzt, mit seinen kürzlich entwickelten atomar betriebenen ballistischen Raketen genau dazu in der Lage zu sein.

Die Zerstörung des Gleichgewichts hat den USA keinen Vorteil gebracht. Sie hat im Gegenteil nicht nur ihre eigene Verwundbarkeit, sondern auch die aller übrigen Staaten wesentlich erhöht. Wer über eine ausreichende Zahl dieser neuartigen Raketen verfügt, kann sogar auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zählen, einen Erstschlag auf den Feind halbwegs zu überleben. Dass derartig makabre Rechenspiele auch von hochrangigen Politikern angestellt werden, hatte bereits Mao Zedong vor einem halben Jahrhundert mit seiner berüchtigten Rede von 1957 gezeigt. Unter dem Titel „American Imperialism is a Paper Tiger“ gab Mao damals öffentlich zu Protokoll, dass er in einem Atomkrieg keine übermäßig gefährliche Katastrophe erblicke. Vielleicht würde die Hälfte der Chinesen einen nuklearen Holocaust nicht überleben, aber die übrig gebliebene zweite Hälfte würde sich alsbald wieder derart vermehren, dass sie in kurzer Zeit die ursprüngliche Bevölkerungsstärke erreicht.*6 Wenn es stimmt, was in einer Broschüre der Anti-Atom-Bewegung zu lesen war, dann waren ähnliche Töne auch in Deutschland zu hören, zum Beispiel aus dem Mund des Berliner Bischofs Otto Dibelius: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe ist vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“*7 Es ist zu befürchten, dass noch in vielen anderen Köpfenderart makabre Kalküle sprießen.

Schlimmer ist allerdings, dass auch in denjenigen Staaten, in denen wir die Vernunft heimisch glaubten, ein substantieller Anteil des volkswirtschaftlichen Reichtums darauf verwendet wird, die Instrumente des Todes weiter zu perfektionieren. Um ihren potentiellen Feinden auch nach Aushebelung der Abwehrschirme zumindest ein paar Schritte voraus zu sein, arbeiten die USA inzwischen an einem System von Himmelsbomben. Sie wollen Satelliten mit atomaren Raketen bestücken, die dann auf Knopfdruck und innerhalb weniger Minuten jedes beliebige Gebiet des Globus angreifen und auslöschen können. Sollte dies wirklich in den kommenden Jahren geschehen, dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Chinesen und Russen ihrerseits den Himmel mit Bomben behängen werden: eine schöne neue Welt, wie sie freilich nicht der Fantasie satanischer Mächte, sondern unserer angeborenen atavistischen Primatenmentalität entspringt.

Diese primitive Mentalität ist uns bis heute geblieben, während sich zugleich unser technologisches Können aufs Höchste vervollkommnete. In der bisherigen Geschichte stellte die Verbreitung von Waffen niemals eine Gefahr für das Überleben der Menschheit dar. Sie führte immer „nur“ zu Ausrottungen in bestimmten Teilen des Globus. So ungern man es auch zugeben mag, hat sich das wechselseitige Töten sogar als einer der stärksten Motoren des materiellen Fortschritts erwiesen. Um den militärischen Übergriffen anderer Stämme, Staaten oder Nationen gewachsen zu sein, kam es darauf an, jede technische Neuerung, welche die eigene Stellung gefährden könnte, unverzüglich zu kopieren und möglichst noch zu verbessern. Aus diesem Grund hat Heraklit Krieg den „Vater aller Dinge“ genannt. Der Rüstungswettlauf war immer ein Wettlauf um die besten Ideen und ihre bestmögliche Realisierung – insofern bildet er bis heute eine der wirkmächtigsten Kräfte der Innovation.

Doch genau dieses Wettrennen um die besten Methoden der gegenseitigen Vernichtung kann sich die Menschheit nicht länger leisten. Krieg ist heute mehr als nur ein Phänomen des „moral hazard“ – also eine Veranstaltung, bei der gerade diejenigen, die ihn vom Zaune brechen – Könige, Fürsten, Generäle und Machteliten – in aller Regel am wenigsten riskieren. Der Atomkrieg hat daraus eine Veranstaltung zur kollektivenVernichtung gemacht. Die Vorstellung, dass Atom- oder gar Wasserstoffbomben mitsamt den dazu benötigten Trägerraketen in spätestens zehn bis zwanzig Jahren außer in die Hände von Nordkorea auch in die eines Dutzends anderer Staaten gelangen, ist unerträglich, denn sie läuft auf eine sichere Garantie für den kollektiven Untergang hinaus.

Diese düstere Voraussage gilt leider selbst für den Fall, dass weder Angriffslust noch böse Absicht der Kontrahenten dabei im Spiel ist. Schon die halbwegs sichere bipolare Welt, wo nur zwei Mächte den Finger am Drücker der Apokalypse hatten, hätte, wie oben an wenigen Beispielen gezeigt, die Welt durch bloßen Zufall in das atomare Desaster hineintreiben können. Dass die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten technischen Zwischenfalls in einer polyzentrisch atomar gerüsteten Welt ins Unabsehbare steigt, bedarf daher keiner weiteren Begründung.1983 entging die Welt ganz knapp einem Erstschlag durch die Sowjetunion.*8Überhaupt ist es, wie Noam Chomsky mit Recht konstatiert, „a near miracle that nuclear war has so far been avoided.“

Ein kurzer Blick auf das heute bestehende nukleare Vernichtungspotential genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Die USA, Russland, Frankreich, China, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über ein Arsenal von jeweils etwa 4650, 3740, 300, 240, 160, 100, 100, 80 und ?? (unbekannt) nuklearen Sprengköpfen. Das ergibt eine Gesamtzahl von annähernd zehntausend Bomben.*9 Diese Zahl erhält ihre volle Bedeutung aber erst in dem Augenblick, da man sie mit der Aussage US-amerikanischer Experten konfrontiert, wonach die bescheidene Menge von insgesamt dreihundert nuklearen Bomben völlig ausreichen würde, um jeden potentiellen Feind von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten abzuhalten. Ein Gegenschlag mit dreihundert Bomben würde dessen eigenes Territorium für Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Zwar ist es den Vereinigten Staaten und Russland in wechselseitiger Absprache gelungen, ihr Arsenal substantiell zu reduzieren – die USA im Vergleich zu 1967 um 85%, Russland um 89% im Vergleich mit dem Maximum zu Sowjetzeiten. Es gibt jetzt 54 000 weniger Nuklearbomben als 1986. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, da zufallsbedingte Unfälle auf diese Art natürlich wesentlich eingeschränkt werden können. Doch an das Ziel, zu dem sich die ursprünglichen Nuklearmächte in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags ausdrücklich verpflichteten, nämlich eine fortschreitende Verminderung bis zur völligen Abschaffung des atomaren Arsenals, ist vorläufig nicht einmal zu denken. Vielmehr stand von vornherein fest, dass Artikel VI ein toter Buchstabe bleiben wird, da jede Macht, die bei der Reduktion der Waffen einen Schritt zu weit gehen würde, sich dadurch verwundbar macht und den anderen gegenüber in einen entscheidenden Nachteil gerät. Tatsächlich ist vieles verschrottet worden, was ohnehin durch Veraltung unbrauchbar wurde. Dagegen werden Rüstungsausgaben zum Zwecke der Modernisierung und Innovation weiter in die Höhe geschraubt – seit Trump sogar in neuerlich beschleunigtem Umfang und Tempo. Knapp 1,7 Billionen Dollar gibt die Welt insgesamt dafür aus – etwa 70 Prozent mehr als zu Anfang dieses Jahrhunderts oder soviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung von Kanada.

Wie sollte eine Welt beschaffen sein, in der eine globalisierte Menschheit zu überleben vermag. Sollte sie multilpolar, bipolar oder gar monopolar aussehen? Auf diese drängende Frage versuche ich in meinem neuen Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ eine Antwort zu geben. Im Internet zugänglich in englischer Übersetzung: „In Search of Meaning and Purpose in Human History”. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

 

1 Chomsky weist darauf hin, dass die USA selbst den Shah zur atomaren Aufrüstung ermuntert haben: „(Cheney, Rumsfeld, Kissinger and others) were urging the shah to proceed with nuclear programs and pressuring universities to accommodate these efforts.“

2 Siehe http://www.business-standard.com/article/news-ians/us-presses-japan-to-hand-back-300-kg-of-plutonium-114012700058_1.html.

3 Ishihara setzt sich lautstark für eine japanische Aufrüstung mit Atomwaffen ein: „Japan needs nuclear weapons. Unless we have them, we won’t be treated as equals. Look at world politics… The only way Japan will survive is to set up a military regime. Unless we do so, Japan will become a vassal state.“ (http://www.japancrush.com/2012/stories/ex-tokyo-mayor-ishihara-shintaros-most-outrageous-remarks.html).

4 Kennedy 1999, Pos. 590. „In think these few minutes [als bei den Amerikanern noch Unklarheit darüber herrschte, ob die sowjetischen Kriegsschiffe die Blockade Kubas akzeptieren würden]were the time of gravest concern for he President. Was the world on the brink of a holocaust?”

5 Expressis verbis wird dies durch den Artikel „The Rise of Nuclear Primacy” in ‘Foreign Affairs’ vom März/ April 2006 bestätigt: „Today, for the first time in almost 50 years, the United States stands on the verge of attaining nuclear primacy. It will probably soon be possible for the United States to destroy the long-range nuclear arsenals of Russia or China with a first strike.“ (http://www.dartmouth.edu/~dpress/docs/Press_Rise_US_­Nuclear_Primacy_FA.pdf). Siehe auch Anm. 52.

6 “I’m not afraid of nuclear war. There are 2.7 billion people in the world; it doesn’t matter if some are killed. China has a population of 600 million; even if half of them are killed, there are still 300 million people left. I’m not afraid of anyone.” (http://www.theepochtimes.com/n3/4758-maos-nuclear-mass-extinction-speech-aired-on-chinese-tv/).

7Zit. Aus Radkau (2017), S.77.

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.

9 SIPRI (http://www.sipri.org/yearbook/2013/files/sipri-yearbook-2013-chapter-6-overview) kommt auf eine höhere Zahl: “At the start of 2013 eight states possessed approximately 4400 operational nuclear weapons. Nearly 2000 of these are kept in a state of high operational alert. If all nuclear warheads are counted — operational warheads, spares, those in both active and inactive storage, and intact warheads scheduled for dismantlement — the United States, Russia, the United Kingdom, France, China, India, Pakistan and Israel together possess a total of approximately 17 270 nuclear weapons.”

Der Fluch der Globalisierung

Ich lebe in Puch bei Weiz, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeichnen, obwohl die Menschen hier keineswegs müßige Träumer sind, sondern im Gegenteil überaus arbeitsam. Das macht sich auf angenehme Weise bemerkbar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohlstand, die Abwesenheit von äußeren Umgrenzungen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nachbarschaft schließen. Gerade die einfachen Leute pflegen hier besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Fremden gegenüber herrscht Toleranz, was mir und meiner Familie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Achtzigerjahre entschloss, Berlin zu verlassen und meinen Wohnsitz hier aufzuschlagen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächsten größeren Stadt.

Wohlstand ist hier keinesfalls selbstverständlich.

Noch bis vor einem Dreivierteljahrhundert liefen die Kinder barfuß zur Schule. Knechte und Mägde, die es heute längst nicht mehr gibt, waren allgegenwärtig und führten ein nicht nur ärmliches, sondern erbärmliches Leben. Eine heute achtzigjährige Nachbarin, deren Bruder im Krieg gefallen war, hatte als Kind noch den Ochsen zum Pflügen auf das Feld führen müssen. Dennoch reichte die Arbeit auf dem eigenen Grund gerade aus, um die Menschen nicht verhungern zu lassen. Niemand hier würde der „guten alten Zeit“ nachtrauern. Denn alles hat sich danach innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend geändert: Man möchte sagen, die alte und die neue Zeit haben nichts mehr miteinander gemein.

Wenn ich mir vorstelle, die ganze Menschheit könnte in verträumten Dörfern leben, aber mit modernem Komfort, dann wäre das ein optimistischer Ausblick. Dann hätten wir Grund, mit unserem Leben zufrieden zu sein, denn hier scheint alles auf Dauer, auf leidliche Zufriedenheit und selbst auf Schönheit angelegt. Niemand käme hier auf den Gedanken, die bestehende Gesellschaftsordnung zu stürzen, nach einem neuen Menschen zu rufen oder gar eine blutige Revolution zu beginnen. Zwar ist die Mehrheit mit ihrem Los heute sowenig zufrieden wie sie es in der Vergangenheit war, denn jeder bemisst seinen eigenen Stand und Vorteil an dem seiner Nachbarn, und da es stets jemanden gibt, dem es besser geht, sind dem eigenen Wünschen und Hoffen keine Grenzen gesetzt. Aber das sind die üblichen Geschichten von Neid und Konkurrenz, die seit Anfang der Welt bestehen und wohl auch nur mit ihrem Ende aufhören werden.

Dennoch trügt die Idylle.

Schon vor Jahren hatte Helmut Schmidt mit Staunen vermerkt, dass die deutsche Landwirtschaft mit einem Betrag subventioniert wird, der ziemlich genau ihrer Wertschöpfung entspricht – ohne diese staatliche Hilfe wäre sie nicht überlebensfähig. Anders gesagt, ist es der IndustriestaatDeutschland, der sich eine Landwirtschaft leistet, die es nicht mehr geben würde, wenn die Bauern ohne diese Hilfe auskommen müssten. Man muss es in aller Deutlichkeit sagen, deutsche und österreichische Landwirte würde es kaum mehr geben, wenn die Industrie beider Länder nicht so leistungsstark wäre, dass sie den Bauern durch entsprechende Subventionen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt ermöglicht. Dennoch versucht man, die Last zu reduzieren, indem man die kleinen bäuerlichen Betriebe dazu zwingt, sich zu immer größeren zusammenschließen. Die Folge: Felder, die sich bis an den Horizont ausdehnen, und industrialisierte Massentierhaltung. Wo beides nur schwer möglich ist, wie in der Bergregion, wo ich lebe, erobert sich der Wald weite Gebiete zurück, die einst bewirtschaftet wurden. Postämter schließen, Gemeinden und Polizeistationen werden zusammengelegt, öffentliche Verkehrsmittel stellen die Fahrten ein. Neuerdings verschwinden auch die Gasthäuser, die für das kommunale Leben noch bis vor kurzem von großer Bedeutung waren. In den kleineren Ortschaften bietet sich ein Anblick der Trostlosigkeit, da die Geschäfte reihenweise veröden. Die Menschen wandern in die größeren Städte ab. Das Land ist zwar nach wie vor schön, es macht immer noch den Eindruck bürgerlicher Wohlhabenheit, aber seit etwa zwei Jahrzehnten trat hier die Wende ein: Die Idylle befindet sich in einem gar nicht mehr so schleichenden Prozess der Entvölkerung.

Das Selbstvertrauen der hiesigen Menschen

beruhte auf dem durchaus realen Gefühl, Herren ihres eigenen Schicksals zu sein. Dank ihres Fleißes haben fast alle (einschließlich der ehemaligen Knechte und Mägde) ihr eigenes Dach über dem Kopf und führen ein nicht nur gesichertes, sondern ein Leben, das im Vergleich zur Vergangenheit geradezu opulent anmutet. Dieses elementare Selbstvertrauen in den Erfolg der eigenen Leistung und Kraft ist heute nur noch in Teilen Europas und auch im reichen Norden nur noch in begünstigten Schichten der Bevölkerung zu finden. Das Selbstvertrauen ist abgewandert, es wurde ausgelagert in die aufstrebenden Staaten Asiens, vor allem nach China und Indien. Dort erleben die Menschen gegenwärtig, was bei uns nicht nur abgeschlossen, sondern in Teilen Europas sogar rückläufig ist, nämlich die Erlösung der Bevölkerungsmehrheit aus Jahrtausenden von Armut und Abhängigkeit.

Warum ist den Menschen im Westen der Optimismus abhandengekommen?

Weil nicht nur die Landwirtschaft uns eine verblassende Idylle vor Augen hält, sondern – viel gefährlicher für die Zukunft – auch die Industrie, die doch die Basis unseres Aufstiegs und Reichtums ist. Die größten im Dax registrierten Konzerne Deutschlands sind längst nicht mehr Eigentum der einstigen Deutschland AG (also der führenden deutschen Banken), inzwischen gehören sie zu mehr als der Hälfte einer Internationale der Gläubiger. Die kann ihren Aktienbesitz jederzeit abstoßen und dadurch entwerten, wenn der Standort Deutschland (oder Österreich) nicht den verlangten Profit beschert. Dieser Fall ist jedenfalls dann gegeben, wenn Arbeiter und Angestellte zu hohe Löhne fordern oder der Staat eine in ihren Augen zu teure Wohlfahrts-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik betreibt. Industrien wandern dann nicht nur in den Osten Europas ab, sondern oft verlassen sie den Alten Kontinent überhaupt. Der Staat steht solchen Entscheidungen ohnmächtig gegenüber, weil börsennotierte Unternehmen das Privateigentum ihrer Shareholder sind.

Ulrike Herrmann, ein Shooting Star in der modeanfälligen Wirtschaftspublizistik

hat dazu andere Vorstellungen. Sie demonstriert mit ihren Thesen, dass es nicht nur populistische Politik, sondern auch eine populistische Wissenschaft gibt – jedenfalls in der immer schon für alle möglichen Ideologien anfälligen ökonomischen Theorie. Sie fordert eine Politik höherer Löhne wie andere höhere Renten, kürzere Arbeitszeit oder längeren Urlaub. Bravo! Die Botschaft ist einfach und leuchtet ein. Schließlich wird kein vernünftiger Mensch daran zweifeln, dass eine höhere Entlohnung vor allem des am schlechtesten gestellten Bevölkerungsteils oder dessen aktive Unterstützung, sofern er von Armut bedroht ist, das Hauptanliegen einer auf sozialen Ausgleich bedachten Politik sein sollte. Eine Vielfalt von Untersuchungen belegt, dass eine in Arm und Reich zerfallende Gesellschaft der Nährboden für extreme Ideologien bis hin zum sozialen Aufruhr ist. Ein Populist kann gewiss sein, mit solchen Forderungen ein breites Publikum anzusprechen, weil die wenigsten danach fragen, ob ihre Verwirklichung unter den herrschenden Bedingungen überhaupt möglich ist. Die derzeitige italienische Regierung aus Politamateuren ist gerade im Begriff, ein Lehrstück in Sachen Realitätsblindheit zu zelebrieren. Während man das fehlende Geld zusammenkratzt, um ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine Flat Tax zu finanzieren, erhöhen die internationalen Anleger, in deren Händen sich die enormen Staatsschulden des Landes konzentrieren, den Risikoaufschlag, sprich die Zinsen. Dieser Aufschlag droht in kurzer Zeit so hoch zu werden, dass er ein Loch in das Budget reißt, das größer sein wird als die projektierten Wohltaten an die Armen des Landes.

Deutschland und Österreich

liegen aufgrund ihres Erfindungsreichtum und ihrer Ingenieurskompetenz weit vor Italien, aber in wesentlicher Hinsicht gleichen sie dem südlichen Nachbarn. Die Internationale der Gläubiger bestimmt auch in ihrem Fall, wie weit die Wohltaten des Staates und die der Unternehmen (Löhne) gehen dürfen. Die Nationen Europas sind durchaus frei, wenn es darum geht, in die Extreme von Rechts oder Links abzudriften. Antisemitismus und Fremdenhass oder umgekehrt Toleranz und demokratische Umgangsformen – die Gamme der Möglichkeiten zwischen Orban und Merkel wird hier nach wie vor auf nationaler Ebene bestimmt. Aber gerade dort, wo es um die materielle Wohlfahrt der Bevölkerung geht, ist jedes europäische Land zum bloßen Standort herabgekommen, dessen Schicksal nicht mehr dem eigenen demokratischen Wollen gehorcht, sondern von außen bestimmt wird. Ulrike Herrmann hat recht, wenn sie nach einen stärkeren Staat ruft, der die Belange der Globalisierungsverlierer vertritt. Das Problem ist nur, dass in Deutschland wie Österreich beide Volksparteien der wirtschaftlichen Fremdbestimmung tatenlos zugesehen haben und die neoliberale Kommission an der Spitze Europas sie bis heute aktiv befördert.

Der deutsche Kanzler Gerhard Schröder

hatte diese Fremdbestimmung viel klarer als die blauäugigen Populisten erkannt und daraus die Konsequenz gezogen. Bevor er die Agenda 2010 durchsetzte, galt Deutschland als Patient, genauer als „kranker Mann Europas“. Schröder entschloss sich zu einer Schrumpfkur für den Sozialstaat, d.h. er verbilligte ihn. Die Internationale der Gläubiger (welche über den größten Teil der Staats- wie der Unternehmensschulden verfügt) dankte es ihm. Danach ging es mit der deutschen Wirtschaft wieder bergauf. Unter den herrschenden Bedingungen der Abhängigkeit tat Schröder zweifellos das Richtige im rechten Moment. Er war nur leider der falsche Mann von der falschen Partei. Bis heute haben ihm die Sozialdemokraten nicht verziehen, dass es ein Kanzler des linken Lagers war, der den ersten Schritt zur Demontage der größten linken Errungenschaft, des Sozialstaats, vollzog. Schröder hat der deutschen Wirtschaft geholfen, aber der Sozialdemokratie ein Vermächtnis hinterlassen, das sehr wohl ein Todeskuss gewesen sein könnte.

Populismus besteht in der Unterdrückung von Fakten, wenn diese dem Wunschdenken widersprechen. Selbst Wirtschaftswissenschaftler wie Heiner Flassbeck und in seinem Gefolge Ulrike Herrmann haben sich bis zum heutigen Tag nicht zu einer offensichtlichen Erkenntnis durchringen können: Durch ihre Abhängigkeit von der Internationale der Gläubiger haben sich die Staaten des Westens in eine Falle begeben, aus der bloßes Wunschdenken sie nicht hinauszuführen vermag. Nicht einmal Forderungen von so elementarer Art wie eine höhere Besteuerung internationaler Unternehmen vermag der Einzelstaat durchzusetzen.

Die Abhängigkeit war von langer Hand vorbereitet

Gerade die erfolgreichen Industriestaaten haben auf immer mehr ausländische Ressourcen zugegriffen. Öl und Gas werden weiterhin in wachsenden Mengen in die westliche Welt geschleust (nur die Vereinigten Staaten sind aufgrund heimischer Schiefergasförderung inzwischen in einer besseren Position). Bald genügte die eigene industrielle Produktion nicht mehr, um die Forderungen der Öl- und Gasförderländer zu begleichen, vielmehr war man gezwungen, ihnen immer größere Anteile an der eigenen Wirtschaft (den Aktien der führenden Unternehmen) einzuräumen – mit anderen Worten, ein immer größeres Mitspracherecht. Ich habe in früheren Schriften für eine Befreiung von dieser Abhängigkeit plädiert („Energiewende“, Popyläen). Ein solarversorgtes Europa könnte sich wieder zum Souverän der eigenen Wirtschaft machen. Doch das ist kein einfacher Schritt, denn er läuft den Interessen der Industrie zuwider, weil er ihrem Expansionsdrang Grenzen setzt. Über solche Vorschläge wird daher bis heute nur milde gelächelt. Ich habe deshalb gleichfalls vorausgesagt, dass an eine Eindämmung der Globalisierung nicht zu denken wäre, solange die USA, bis vor kurzem deren treibende Kraft, sich einer solchen Entwicklung entgegenstemmen.

Inzwischen ist genau diese Kehrtwende eingetreten: die USA werden protektionistisch

Allerdings nicht etwa deshalb, weil die Wirtschaftstheoretiker eine neue Theorie aufgestellt hätten. Kapital sollte dort angelegt werden, wo es die besten Resultate erzielt – diese Textbuchwahrheit wird heute so wenig angezweifelt wie in der Vergangenheit, zumal ihr die Wirklichkeit ja weitgehend recht gibt. Auf diese Weise sind erst die Tigerstaaten und inzwischen auch die beiden Milliardenreiche Indien und China, vor allem Letzteres, zu einem verblüffenden Aufschwung gelangt. Was die staatlich betriebene Entwicklungshilfe niemals schaffte, das hat der private Kapitalismus gleichsam über Nacht bewirkt, indem er Technologien und Investitionen in Strömen dorthin fließen ließ, wo Menschen die Bereitschaft aufbrachten, unter härtesten Bedingungen und zu niedrigsten Löhnen zu ihrem eigenen Vorteil und für den ihres Landes zu arbeiten.

In einer idealen Welt könnte dies eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten sein, in der Welt, wie sie ist, liegen Vorteil und Verlust weit auseinander. Wirtschaftstheoretiker pflegen Komplexität auszublenden, wenn sie in Widerspruch zu den schönen Formeln geraten. Die Amerikaner haben einen Großteil ihrer produzierenden Industrien ausgelagert – und mit ihnen die Technologien, denen das Land seinen Vorsprung und seinen Reichtum verdankt. Inzwischen ist ihnen bewusst, dass es allenfalls zwei, drei Jahrzehnte dauern wird, bis sie auf sämtlichen Gebieten (selbst dem militärischen) ihre globale Vormachtstellung verlieren, wenn die Entwicklung weiterhin so verläuft wie in den vergangenen Jahren. In China schießen neue Industrien in unaufhörlicher Folge aus dem Boden; China erweitert seine militärische Präsenz zu Land, auf dem Wasser und in der Luft, inzwischen ist es zu einer Weltraummacht geworden und zur Werkbank der ganzen Welt. Der atemberaubende Aufstieg dieses Landes steht in grellem Kontrast zu den Vereinigten Staaten, wo die einst führenden Industrien als traurige Rostgürtel den Amerikanern das mittelalterliche Gespenst des „Memento mori“ vor Augen führen. Wie jedermann wissen sollte, hat sich China noch bis vor kurzem mit hohen Zollbarrieren gegen ausländische Industrieimporte geschützt – es war das protektionistische Land -, während in führenden amerikanischen Supermarktketten wie Walmart ganze 90 Prozent des Angebots aus dem fernen Osten stammen. In Europa könnte es bald ähnlich sein, denn dorthin exportiert China inzwischen mehr Waren als in die USA.

Der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Ländern besteht aber darin, dass das autokratische bis diktatorische China die große Masse der Armen aus ihrer Misere erlöste; deswegen revoltieren sie nicht gegen die Gängelung von oben, sondern sind mit dem Regime weiterhin einverstanden. Die US-amerikanische Elite hat es dagegen fertiggebracht, die Stellung der Mittelschicht zu erschüttern, sodass viele fürchten, in die Armut abzudriften. Deshalb sind die demokratischen Vereinigten Staaten heuten von innerem Zerfall bedroht.

Donald Trump ist in vieler Hinsicht ein Unglück für sein Land

und könnte es für die übrige Welt gleichfalls werden, aber eines hat er schärfer erkannt als die meisten seiner Rivalen: den Niedergang seines Landes. Seine Forderung „America first“ soll dazu dienen, diesem Missstand abzuhelfen. Die Politik des Protektionismus stößt bei einer Mehrzahl von Amerikanern auf Zustimmung – auch im oppositionellen Lager. „Viele Demokraten tendieren zum Protektionismus, auch wenn sie das nicht so offen sagen… Bernie Sanders, wäre er Präsident, würde,“ so der Harvard Professor Kenneth Rogoff, „nicht anders handeln.“  *1*

Was dieser Mann, der die Wahrheit nach Belieben verfälscht, wann immer sie ihm nicht passt, geflissentlich unterschlägt, ist freilich die Tatsache, dass die Deindustralisierung der Vereinigten Staaten nicht das Werk feindseliger auswärtiger Kräfte ist, sondern von der wirtschaftlich-politischen Elite des Landes zum eigenen Vorteil betrieben wurde. 1991 wurde sie von Robert Reich in „The Work of Nations“ erst theoretisch abgesegnet, bevor der „Washington Consensus“ dann etwa zur gleichen Zeit eine offiziell gebilligte Heilslehre daraus machte. Amerikanische Unternehmen und ihre Gläubiger hatten entdeckt, dass sie außerordentlich viel mehr Profit machen konnten, wenn sie Produkte nicht mehr im eigenen Hochlohnland herstellen ließen, sondern sie in Billiglohnländer herstellen ließen. Auch für Europa hatte das ernste Konsequenzen. Nachdem die Amerikaner mit dieser Politik begonnen hatten, sah man sich hier gleichfalls zur Auslagerung gezwungen, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

Die Wirkung war dieselbe wie in den USA: Amerikanische und europäische Arbeiter verloren ihre Posten an die Arbeiter in Fernost, die ihre Arbeit viel billiger verkauften. In den Staaten des Westens hat sich die Schere von Arm und Reich seitdem immer weiter geöffnet.

Ulrike Herrmann hält eine einfache populistische Lösung parat

ähnlich derjenigen, wie sie derzeit von Italiens Politamateuren unter Triumphgeheul praktiziert wird: Lasst uns mehr Geld ausgeben! Lasst uns die Internationale der Gläubiger schlicht ignorieren! Ich pflichte Frau Herrmann bei, dass es einer grundlegenden Wende bedarf, und zwar auch in Deutschland, das im Augenblick noch so erfolgreich ist. Die deutsche Autoindustrie, die mit ihren großartigen Ingenieursleistungen in den letzten Jahrzehnten so viel für den Reichtum des Landes tat, steht heute an einem Scheideweg. Benzin und Dieselautos darf es in spätestens zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr geben. Der Klimawandel lässt den fossilen Potlatsch nicht länger zu. Aber Elektroautos sind technologisch vergleichsweise primitiv, das können andere Länder genauso gut wie die Deutschen. Da diese die Forschung an Batterien, wo sie einst führend waren, inzwischen so gut wie aufgegeben haben, können andere es vermutlich sogar besser.

Das sind Doomsday-Reflexionen

Höhere Löhne für die benachteiligten Schichten wären das Gebot der Stunde, ebenso eine größere Handlungsfreiheit des Staates, die dazu die Voraussetzung bildet. Doch dazu müssten wir auf europäischer Ebene unsere Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen (aus dem Nahen Osten und aus Russland) zunächst einmal drastisch reduzieren. Anders gesagt, ist keine ernsthafte Wende zu erwarten oder auch nur möglich, solange Europa nicht in möglichst kurzer Zeit den Übergang von fossiler zu solarer Energie betreibt. Die bisherigen Schritte auf diesem Weg sind, wie jeder wissen sollte, ganz und gar ungenügend.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als die schöne Fassade einer Idylle zu genießen, die heute immer noch besteht und uns eine beinahe heile Welt vorgaukelt.

1 Kenneth Rogoff in einem dem Handelsblatt vom 12. Oktober 2018 gegebenen Interview.

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