Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verführen lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschlösser, die er auf diese Weise erbaut, verkörpern dann das hehre Ideal gegenüber einer so viel unvollkommeneren Realität. Wollen wir jedoch die Gegenwart gerecht und richtig beurteilen, dann dürfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern müssen sie ohne jede Beschönigung beschreiben. Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, wo genau dies möglich ist, nämlich ein vorläufiges Resümee, das uns den Vergleich zwischen einer Vergangenheit erlaubt, in der 95% der Bevölkerung aufgrund des agrarischen Abhängigkeitsgesetzes namenlos, ohnmächtig und in ihrer physischen Existenz regelmäßig gefährdet waren, und einer fossilen Gegenwart, wo dieses Gesetz nach vielen Jahrtausenden zum ersten Mal außer Kraft geriet.

Obwohl zahlenmäßig auf ein Vielfaches angeschwollen,

haben die Massen, die früher ausschließlich zum Dienst einer Minderheit taugten, sich aus dieser sklavenartigen Unterwürfigkeit befreit. Heute haben sie nur noch ausnahmsweise den Hungertod zu befürchten; viele von ihnen erkämpften sich mit der Zeit Rechte, von denen ihre Vorfahren nicht einmal zu träumen wagten. Die nüchternen Zahlen dieser Entwicklung habe ich oben bereits angeführt. Lebenserwartung, Gesundheit, Bildungszugang und allgemeiner Lebensstandard haben sich im 19. bis 20. Jahrhunderts stetig verbessert. Große Hungersnöte traten nur noch zu Beginn dieser beiden Jahrhunderte auf (damit ist leider durchaus nicht gesagt, dass sie in Zukunft nicht wieder auftreten können); Mord und Totschlag gingen zurück, und die Zahl der Kriegsopfer war – in Anteilen der Gesamtbevölkerung gemessen – selbst im blutigen 20. Jahrhundert weniger groß als in vielen sogenannten primitiven Gesellschaften.

Aber warum hört man aus der Vergangenheit so viel weniger Klagen

und in der Gegenwart so sehr viele mehr? Ich denke, dass der Grund offensichtlich ist. Hätten die unterdrückten Massen damals eine Stimme gehabt, dann würde die Weltgeschichte bis heute von ihren Wehklagen widerhallen. Aber sie hatten keine Stimme; in der ganzen Welt blieben die Massen stumm, weil sie weder lesen noch schreiben konnten. Erfunden wurde die Schrift überhaupt erst im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, aber selbst im spätmittelalterlichen England von 1530 wurden in einer Bevölkerung von fünf Millionen nur etwa 26 000 Knaben in der Kunst des Schreibens unterwiesen – also gerade einmal ein halbes Prozent (Durant)! Weltweit war diese Fähigkeit auf die oberen Zehntausend beschränkt – in der Regel nicht mehr als fünf Prozent der Bevölkerung; die aber nahmen eine gehobene Stellung an der Spitze der sozialen Pyramide ein und pflegten deshalb eher mit ihrer Lage zufrieden zu sein. Aus diesem und aus keinem anderen Grund ist die Geschichtsschreibung der Vergangenheit weitgehend auf Goldgrund gemalt, stammt sie doch beinahe ausschließlich von den Profiteuren jenes Systems..

Das sollte sich allerdings schlagartig ändern,

als die fossile Revolution zum ersten Mal in der Geschichte das Wunder vollbrachte, die unteren 95% aus ihrer dienenden Stellung und ihrem Analphabetismus zu befreien. In großem Maßstab wurden nun Bildungsinstitutionen geschaffen, welche in kurzer Zeit nahezu sämtlichen Menschen das Lesen und Schreiben ermöglichten. Und so kam, was von vornherein zu erwarten war: Kaum, dass die Menschen ihre Situation zu kommunizieren vermochten, ließ sich ein Chor der Wehklagen vernehmen, erst in Europa selbst, wo die fossile Revolution begann, und schließlich in der gesamten globalisierten Welt, wohin die europäische Aufklärung reichte.

Denn bis dahin hatten die unterdrückten Massen ja auch deswegen stillgehalten, weil Priester wie Fürsten ihnen mit Erfolg einzureden vermochten, dass Gott oder eine göttliche Ordnung ihnen das Dasein von Knechten verordnet und umgekehrt ihren Herren die Gnade der Herrschaft zugeteilt hatte. Nun gelang es den Aufklärern, allen voran Voltaire, eben diese göttliche Ordnung in Frage zu stellen. Die soziale Hierarchie von oben und unten sei, so ihre Botschaft, nur menschengemacht und beruhe daher auf Willkür, der sich niemand mehr fügen solle und brauche. Die Französische Revolution sprach allen Menschen die gleichen Rechte zu, und der englische Sozialphilosoph Jeremy Bentham sogar das gleiche Anrecht auf Glück.

Eine Lawine von Ressentiment

Die Wirkung dieser Botschaft war explosiv: sie äußerte sich in einem gesteigerten Bewusstsein für persönliches Unglück. Jeder, der von da an in seinem Leben nicht diejenige Stellung oder jenes Ausmaß von Glück erreichte, auf das er einen Anspruch zu haben glaubte, konnte sich nun nicht mehr damit trösten, dass der Herrgott selbst es so und nicht anders gewollt, sondern es waren jetzt die anderen Menschen– oft ganz konkrete Personen -, die seinem Glück im Wege standen. Die Befreiung des Menschen aus jahrtausendealter Unmündigkeit erhöhte nicht etwa die allgemeine Summe des Wohlbefindens, sondern setzte eine Lawine von Neid und Ressentiment in Bewegung. Das war vorher beinahe undenkbar gewesen. Der Neid eines einfachen Bauern auf einen Fürsten wäre nicht nur lächerlich gewesen, sondern man hätte darin sogar einen Frevel gesehen, solange eben jedermann glaubte, dass dem einen wie dem anderen sein jeweiliger Platz aufgrund göttlichen Ratschlusses zugeteilt sei. Doch Neid und Ressentiment waren nun an der Tagesordnung. Jeder intelligente, aufstrebende Mensch der unteren Schichten, der in der neuen Gesellschaft den Zugang zur Bildung erhalten hatte, quälte sich und seine Mitmenschen nun mit der Frage, warum andere, oft nur aufgrund von Erbschaft oder Glück, ihm den Weg nach oben versperrten?

Der Ausbruch aus der unverschuldeten Unmündigkeit

Zweifellos war es ein auf Bildung begründeter Wettbewerb, der den unteren 95% zum ersten Mal in der Geschichte den Ausbruch aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit erlaubte, doch in diese Befreiung war von Anfang an Gift gemischt. Denn in den seltensten Fällen war der einzelne mit der von ihm im Wettbewerb erreichten Lebensstellung zufrieden. Der Herrschaft Gottes hatten sich die Menschen wie unter ein unabwendbares Schicksal gebeugt, doch seitdem die Aufklärer Gott zu einer menschlichen Illusion erklärten, erschien ihnen jede Art von Herrschaft auf einmal als unerträglich. Nun wusste man: Das sind ja auch nur Menschen, noch dazu oft irgendwelche zu Unrecht privilegierten, die sich die Herrschaft über mich andere ihrer Mitmenschen anmaßen. Man höre etwa den Philosophen und Ökonomen Pierre-Joseph Proudhon, der erste, der sich selbst zum „Anarchisten“ (d.h. zum Feind aller Herrschaft) erklärte. In seinen „Bekenntnissen eines Revolutionärs“ von 1849 sagte er: „Wer immer seine Hand auf mich legt, um über mich zu herrschen, der ist ein Usurpator und Tyrann.“ Die Revolution bestand für Proudhon darin, dass kein System Herrschaft über Menschen ausüben dürfe, sei es das der Monarchie, der Aristokratie, ja nicht einmal die Demokratie im Namen des Volkes, ja überhaupt keinerlei Autorität, nicht einmal eine populäre.

Écrasez l‘infâme

Mit dem generellen Verbot der Herrschaft von Menschen über andere Menschen sprach Proudhon eine Forderung aus, die ein grundlegend verwandeltes Verhältnis der aufstrebenden Massen gegenüber der Politik charakterisierte. Das änderte freilich nichts daran, dass Herrschaft weiterhin eine Tatsache war. Daher ließen viele es nicht bei bloßem Misstrauen bewenden, sondern forderten ihre gewaltsame Beseitigung. Der russische Anarchist „Bakunin trieb die romantisch-liberale Auffassung von individueller Autonomie auf die Spitze, als er Freiheit mit freudiger Bereitschaft zur Zerstörung identifizierte“. Und Richard Wagner, sein Zeitgenosse, war nicht nur in der Musik ein Revolutionär, er wollte diese Rolle auch als politisch handelnder Mensch übernehmen. Als 1848 das Fieber der Revolution neuerlich ganz Europa ergriff, schrieb er: „Ich wünsche die Herrschaft der einen über die anderen zu brechen… – die Macht der Mächtigen, des Gesetzes und des Eigentums“. Wagner war ein höchst empfindsamer Mann, deswegen empfand er es als umso schmerzhafter, dass er während seines Aufenthalts in Paris unbekannt und ungewürdigt blieb, während ein jüdischer Komponist wie Giacomo Meyerbeer im Rampenlicht der öffentlichen Beliebtheit stand. Diese Kränkung schlug sich bei Wagner in Tiraden des Hasses nieder, in denen sich intensiver Neid und Ressentiment unverkennbar bekunden. Paris wurde für ihn zum Inbegriff persönlichen Misserfolgs. 1850 schrieb er die furchtbaren Zeilen: „Ich glaube an keine andere Revolution als eine, welche mit der Niederbrennung von Paris beginnt.“ Und Wagner war es auch, der eine der furchtbarsten Hetzschriften gegen die Juden schrieb. Solche Ereignisse sollte man nicht übergehen, denn sie enthalten eine wichtige Lehre. Wenn schon eine Zelebrität wie Richard Wagner sich dazu verleiten ließ, persönliche Unzufriedenheit in wüsten Ressentiments aufflammen zu lassen, dann ist leicht zu verstehen, warum der mit dem 19. Jahrhundert einsetzende globale Alphabetismus einen Tsunami an Ressentiments nach sich zog.

Kassandras gegen den Optimismus des Fortschritts

Im Allgemeinen überwog dennoch die gegenteilige Position. Angefangen von Voltaire über die Enzyklopädisten und Friedrich Hegel bis zu Herbert Spencer berauschte sich das Europa des 19. Jahrhunderts an einem Fortschritt, der es in kurzer Zeit zum Herrn der Welt erhob – eine Stellung, an der die wenigsten damals etwas auszusetzen hatten. Insgesamt war es eine Minderheit, welche künftiges Unheil und den Verfall beschwor. Zu den Kassandras gehörten neben den deutschen Romantikern vor allem Karl Marx und Friedrich Nietzsche, aber ebenso Giuseppe Mazzini in Italien sowie in Russland Alexander Herzen sowie der schon zuvor genannte Bakunin. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts prophezeite Herzen „einen fürchterlichen Kataklysmus… Von täglicher Mühsal überwältigt, von Hunger geschwächt und von Unwissen verblödet,“ seien die Massen lange Zeit „die unwillkommenen Gäste des Lebensfestes“ gewesen und ihre „Unterdrückung die unabdingbare Voraussetzung für das privilegierte Leben einer Minderheit.“ Das wäre eine völlig richtige Diagnose im Hinblick auf die Vergangenheit gewesen, aber Herzen wollte seine Aussage auf die Zukunft bezogen wissen.

Pankaj Mishra

Es ist das Vorrecht von Außenseitern, dass sie nicht selten einen schärferen Blick für die seelisch-geistigen Befindlichkeiten anderer Kulturen besitzen als die in ihnen lebenden Menschen. In seinem brillant geschriebenen Buch „Age of Anger“ (Zeitalter des Zorns) hat der indische Autor Pankaj Mishra eine Kritik der europäischen Aufklärung und ihrer Gegenströmungen vorgelegt, deren Tenor eindeutig ist: Mishra hält das Projekt der Aufklärung für gründlich gescheitert. Dass mag verwundern, weil das neunzehnte Jahrhundert – vor allem in seiner zweiten Hälfte – von einer wahren Euphorie des Fortschrittsglaubens beflügelt war, ein Glaube, der außerhalb des Westens selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts durchaus nicht verklungen ist – man denke etwa an China, das sich gegenwärtig in einem wahren Fortschrittstaumel befindet. Darüber schweigt das Buch; es lässt fast nur die Stimmen von Zweifel, Widerstand bis hin zur Zerstörungswut zu Worte kommen, also Stimmen, die der gegenwärtig vorherrschenden Seelenlage westlicher Leser entsprechen.

 Die Darlegungen des „Age of Anger“ erscheinen auf den ersten Blick bezwingend

Die Verlierer des Fortschritts hatten im angehenden neunzehnten Jahrhundert ja genauso zu leiden wie gegenwärtig die Nachzügler in Asien oder Afrika. Doch bei näherem Hinschauen wird dem Leser die Einseitigkeit des Autors ebenso bewusst wie die der von ihm vorzugsweise zitierten Autoritäten. In Europa war es Jean-Jacques Rousseau, der als erster seine Stimme gegen die Aufklärung erhob, die er des Betrugs und der Täuschung bezichtigte. „Sein Ideal war das kleine, strenge, selbstgenügsame, eifernd patriotische, herausfordernd unkosmopolitische und unkommerzielle Sparta.“ Gewiss, doch schon an dieser Äußerung, gegen die Mishra keine Einwände erhebt, wird die ganz unhistorische Vorgangsweise Rousseaus und vieler seiner geistigen Nachfolger deutlich. Sparta war der Ausbeuterstaat schlechthin, ein Staat, wo fünf Prozent einer selbst ernannten Herrenrasse von Analphabeten ein gnadenloses Regiment von Mord und Erpressung über 95% der von ihnen unterworfenen Ureinwohner, die Heloten, ausübte. Über diese verschwindende Minorität wissen wir dank Platon und Thukydides sehr gut Bescheid, aber die 95% geknechteter Bauern waren der Rede nicht wert und blieben selbst so stumm wie ihre Brüder und Schwestern überall auf der Welt, die in allen großen Agrarkulturen weder schreiben noch lesen konnten. Sie haben uns aber einzig deshalb kein Zeugnis von ihrem Leid hinterlassen, weil sie als Analphabeten es nicht zu hinterlassen vermochten. Und einzig aus diesem Grund haben sich geschichtsblinde Theoretisierer wie Rousseau dazu versteigen können, in Sparta das Vorbild einer idealen Gesellschaft zu sehen.

In der Idealisierung eines Bauerntums,

das bis an die Schwelle der Neuzeit zu stummem Leiden verurteilt blieb, sind Anarchisten wie Alexander Herzen oder Michail A. Bakunin ihrem Vorbild Rousseau blind gefolgt: „Die bäuerliche Gemeinschaft, selbstversorgend und sittenstreng könnte uns den wirklichen Pfad in Richtung einer freien und gleichen Gesellschaft weisen… Russische Autoren von Herzen bis zu Tolstoi verurteilten immer wieder die Besessenheit des westlichen Bürgertums von privatem Eigentum, dem hielten sie den russischen Muzhik als eine bewundernswert altruistische Erscheinung entgegen.“ Selbst Schriftsteller wie Tolstoi oder Dostojewski, die es eigentlich besser wussten, haben zu dieser Idealisierung geneigt, obwohl die Bauern gerade vom russischen Adel besonders gnadenlos unterdrückt worden sind.

Aller Evidenz zum Trotz hat Rousseau

sogar vorauszusehen gemeint, dass die Menschen Gott dereinst darum anflehen werden, ihnen „ihre Unwissenheit, ihre Unschuld und ihre Armut zurückzugeben, denn das seien die einzigen Güter, die uns glücklich machen.“ Dagegen erfülle „unersättlicher Ehrgeiz, die Begierde, ihren jeweiligen Besitz zu mehren, und zwar nicht so sehr aufgrund von Entbehrung, sondern um andere zu überrunden, die Menschen mit der verderblichen Neigung, anderen Schaden zuzufügen.“

Wie der Naive Humanismus die Geschichte verfälscht

Pankaj Mishra, dem ich die vorangehenden Zitate verdanke, schließt sich der Meinung seiner Kronzeugen an. Er verkündet, dass „die Geschichte der Modernisierung im Großen und Ganzen auf Blutvergießen und Chaos beruhe statt auf friedlicher Übereinkunft.“ Diese Auffassung ist zwar einerseits völlig richtig, denn zu keinem Zeitpunkt sind die beiden vergangenen Jahrhunderte frei von Krieg, Not, sozialen Wirren und ökonomischen Rückschlägen gewesen. Aber sie ist andererseits völlig falsch, sobald man zu einem Vergleich übergeht, nämlich mit der Vergangenheit vor der fossilen Ära. Krieg, soziale Wirren und ökonomisches Elend waren gerade vor der fossilen Epoche endemisch und ihre Auswirkungen waren ungleich größer und unheilvoller. Selbst nach der Abschließung gegen die Außenwelt, also nach der Vereinigung der Streitenden Reiche, wurde China – die bis ins 18. Jahrhundert weltweit wohlhabendste Agrarkultur – regelmäßig von Hungersnöten verwüstet, deren Opfer natürlich in erster Linie die fronende Bauernschaft war. Harmonie wurde von oben gepredigt, aber sie entsprach niemals der Realität.

Drei Beispiele: Die Verwüstung Indiens, Muhammad Tughlak und Rajasinghe II

Die Zustände in anderen großen Agrarkulturen waren für eine überwältigende Bevölkerungsmehrheit eher noch schlechter als in China, wie ich an drei willkürlich gewählten Beispielen ganz kurz illustrieren möchte. In „Masse und Macht“ hat Elias Canetti die Zustände an einem indischen Fürstenhof des 14. Jahrhunderts aufgrund der Zeugnisse zweier muslimischer Gelehrter aus jener Zeit beschrieben (Ibn Battuta und Ziauddin Barani). Unter der Herrschaft des Sultans von Delhi, Muhammad Tughlak, erreichte das Sultanat eine Ausdehnung, die es danach erst zweihundert Jahre später – unter dem Mogul-Herrscher Akbar – erneut zu erlangen vermochte. Der Sultan war insofern eine herausragende Gestalt, als man in ihm ein Muster umfassender Bildung und ästhetisierender Feinsinnigkeit sah, aber zugleich war er eine Bestie in Menschengestalt, denn seine Liebe zu Grausamkeiten war kaum zu überbieten. Jeder, der ihn besuchte, musste zunächst einmal die zu Haufen aufgetürmten Leichen der Hingerichteten passieren, die den Pfad zum Tor des Palastes säumten, wo die Körper stets drei Tage lang für jedermann sichtbar waren. Jeden Tag wurden Hunderte von Leuten in Ketten, mit gefesselten Händen und Füßen vor ihn gebracht. Die einen wurden hingerichtet, die anderen gefoltert, die dritten geschlagen. Der dauernde Aufruhr gegen den Herrscher war durchaus verständlich, denn wie nahezu jeder Fürst vor Anbruch der Neuzeit hielt es auch Muhammad Tughlak für sein gottgegebenes Recht, aus seinen Untertanen so viel Steuern wie möglich herauszupressen. Diese waren schon unter seinen Vorgängern sehr hoch gewesen, unter ihm aber wurde die Steuerlast noch vergrößert, wobei deren Eintreibung mit so rücksichtsloser Grausamkeit erfolgte, dass die Bauern zu Bettlern wurden. Wer unter den Hindus etwas besaß, verließ sein Land und schlug sich in die Dschungel zu den Rebellen, von denen es kleinere oder größere Trupps bald überall geben sollte. Der Boden lag brach, immer weniger Getreide wurde produziert. Es kam zu einer Hungersnot in den Kernprovinzen des Reiches.

Die Zerstörung Indiens durch den Islam

Das Schema von herrscherlicher Willkür, der vor allem die Massen der wehrlosen Bauern zum Opfer fielen, ist bezeichnend, denn es wiederholte sich damals überall auf der Welt. Hinzu kamen aber noch religiöse Kämpfe zwischen den das Land seit dem 9. Jahrhundert erobernden muslimischen Invasoren und den heimischen Hindus. Gerade Indien liefert dafür ein besonders trauriges Beispiel. Heute denken wir nur an die wunderbaren architektonischen Monumente, die der Islam gerade in Indien hinterlassen hat, oder wir denken an den Mogul-Herrscher Akbar den Großen, eine der wohl bewundernswertesten und humansten Fürstengestalten aller Zeiten, aber das entsetzliche Unglück, die furchtbaren Verwüstungen, die der Islam in den ersten Jahrhunderten seiner Herrschaft anrichtete, werden meist ausgeblendet. „Die muslimische Eroberung Indiens,“ so sagte es der große US-amerikanische Historiker Will Durant, „ist wahrscheinlich das blutigste Ereignis der Weltgeschichte. Es ist eine entmutigende Geschichte, weil es die offensichtliche Einsicht vermittelt, dass die Zivilisation stets gefährdet ist.“ Von Muhammad Tughlak war schon die Rede. Von einem seiner Nachfolger Sultan Ahmad Shah ist überliefert, dass er jedes Mal drei Tage lang feierte, wenn die Zahl der an einem Tag hingeschlachteten Hindus die Marke von zwanzigtausend übertraf.

Dabei hat es durchaus Stimmen gegeben, die den Herrschern „ins Gewissen geredet“ haben

Aber gegen das religiös-ideologische  Pseudogewissen (hierzu später) und die Verlockung schneller Beute kamen sie nicht an. Ein christlicher Papst hat sich für die Verbrechen des Christentums entschuldigt, aber von Seiten der höchsten Vertreter des Islam wartet man immer noch auf eine vergleichbare Äußerung. „Hat man jemals davon gehört,“ fragt der Althistoriker David Engels, „dass ein Direktor der Universität Al Azhar (die größte Autorität der Sunniten) sich im Namen des Islam für die brutale Unterdrückung des Hinduismus entschuldigt habe, von der Indien zwischen 1000 und 1500 unserer Zeitrechnung heimgesucht wurde, wodurch sich die Bevölkerung dort um 80 Millionen Menschen verringerte – ein Ereignis das zu den »blutigsten der Weltgeschichte« zählt?“

Robert Knox und das Ceylon des 17. Jahrhunderts

Extreme Willkür in der Ausübung von Herrschaft war vor der fossilen Revolution ein gemeinsames Merkmal aller großen Agrarkulturen, selbst dort, wo der friedliche Buddhismus den Ton angab, zum Beispiel in Ceylon. Auch in diesem Fall besitzen wir das Zeugnis eines Beobachters, der keinen Grund hatte, der herrschenden Macht nach dem Mund zu reden. Im 17. Jahrhundert geriet ein Engländer namens Robert Knox von 1659 bis 1678 in die Gefangenschaft des Königs von Kandy Rajasinghe II. Weil der König die Weißen, die an der Küste bereits die ersten Forts errichtet hatten (erst Portugiesen, dann Holländer), für Menschen einer stärkeren Rasse hielt, ließ er die Gefangenen von den Untertanen auf deren Kosten durchfüttern und wies ihnen heimische Frauen zu, damit sie zwecks Aufbesserung der eigenen Rasse möglichst viel Nachkommenschaft produzierten. Knox hat dem Land zwar keine Kinder geschenkt, stattdessen hinterließ er der Nachwelt das überaus farbige Gemälde einer hochentwickelten Agrarkultur vor ihrer Eroberung durch die Engländer. Er schildert ein Land, in dem die Frauen durch entsprechende Praktiken ihre Kinderzahl begrenzten, so dass der Bevölkerungsdruck auf die Ressourcen offenbar nicht allzu groß werden konnte. „Oft töten sie die Neugeborenen, aber selten die erste Geburt.“ Die Gesellschaft war durch Kastenschranken streng gegliedert, wobei den Bauern wie überall sonst die Aufgabe zufiel, sich selbst und die oberen zehn Prozent zu ernähren. Wer eine Schuld aufnahm, die er nicht zurückzahlen konnte, sank auf die Stufe eines Sklaven hinab – da Schulden nach zwei Jahren auf das Doppelte wuchsen, war dieser Fall durchaus häufig. Die Gesellschaft ließ keinen Aufstieg von Individuen zu, denn niemand konnte die ihm durch das Kastensystem zugewiesene Stellung verlassen. Der buddhistische König lebte allerdings in beständiger Furcht vor Aufruhr und Verrat seiner Untertanen, deswegen hielt er sich durch Grausamkeit und Unberechenbarkeit an der Spitze, wobei er ganz wie später der Gewaltherrscher Stalin gerade jene in seinem Umkreis begünstigte, die er vernichten wollte. Verschiedene Prozeduren der Tortur und Zertrampeln durch Elefanten spielten dabei eine besondere Rolle, aber schlimmer als selbst die grausamste Todesart galt die Vernichtung der sozialen Würde, wenn der König die Frauen oder Töchter seiner Opfer der untersten Klasse der Bettler gleichsam zum Fraß vorwarf und deren Familien dadurch für alle Zeit entehrte (Knox 1681).

Die Blindheit der naiven Humanisten für die Vergangenheit

Man kann sich durchaus die Frage stellen, ob es den Ceylonesen zu jener Zeit wesentlich schlechter ging als den Engländern des 17. Jahrhunderts, das eine Zeit blutigen Bürgerkriegs war. Doch angesichts der äußersten Willkür, der selbst die höchsten Würdenträger unter einem absoluten Fürsten ausgesetzt waren – von der Masse der Bevölkerung ganz zu schweigen – ist es kaum zu begreifen, dass ein hochgebildeter Autor wie Pankaj Mishra diese Vergangenheit einfach verschweigt, um dann mit Rousseau und vielen anderen Kritikern der Moderne die Gegenwart so darzustellen, als wäre damit ein bisher unerreichtes Ausmaß von menschlichem Leid verwirklicht. Zustimmend zitiert er Michel Foucault, in dessen Worten der kapitalistische Westen, “die härteste, grausamste, selbstsüchtigste, verlogenste und ausbeuterischeste Gesellschaft“ repräsentiert, „die sich überhaupt denken lasse.“ Das ist schlicht und einfach eine grobe historische Unwahrheit.

Anders als Pankaj Mishra behauptet,

ist die Geschichte der Modernisierung im Großen und Ganzen von viel weniger Blutvergießen und Chaos begleitet als die Geschichte der großen Agrarzivilisationen vor der fossilen Revolution. Das ist umso bemerkenswerter, als die Zahl der Menschen sich innerhalb von nur dreihundert Jahren zu verzehnfachen droht. Dass in dieser unkontrollierten Vervielfachung unserer Art eine der größten Gefahren liegen könnte, gerät den Kritikern der Moderne im Allgemeinen gar nicht erst in den Blick. Stattdessen lauschen sie dem allgemeinen Wehgeschrei, denn diese Milliarden können sich, wie schon gesagt, mit ihren Klagen viel besser Gehör verschaffen, weil sie inzwischen fast alle sowohl lesen wie schreiben können. Nicht wenige Intellektuelle, die persönlich in abgesicherten Verhältnissen leben, reden sich in zahllosen Büchern über Missstände in Rage, die früheren Zeiten nicht einmal der Rede wert erschienen wären.

Die Kritik an den Versprechungen der Aufklärer

ist inzwischen so alt wie diese selbst, nämlich bald dreihundert Jahre. Der außerordentliche Fortschritt, den man den Propheten der Vernunft verdankt, wird dabei oft übergangen oder auch schlicht übersehen, weil er inzwischen so selbstverständlich erscheint. Gegen Beginn des zwanzigstens Jahrhunderts standen fast allen Bürgern – bald auch den Frauen – sämtliche Stellungen offen, welche eine Gesellschaft vergeben konnte. Daraus hätte die erste wirklich klassenlose Gesellschaft der Geschichte hervorgehen können. Denn das Ideal, wie es die Aufklärer formulierten, sah ja ausdrücklich vor, dass über die Befähigung zu einem erstrebten Posten allein die Leistung eines Individuums entscheiden sollte. Im Prinzip sollte der Wettbewerb die Karten in jeder Generation aufs Neue mischen, so dass niemand aufgrund der Geburt, zum Beispiel nur deshalb weil er reiche Eltern besaß, in eine höhere Stellung gelangt. Doch schnell zeigte sich, dass die Reichen weiterhin ihren Kindern die besseren Posten verschafften und immer reicher wurden, eben weil ihnen der Reichtum dafür die besseren Voraussetzungen bot. Doch ist das gerade kein Argument gegen die Aufklärung und deren Sinn für Gerechtigkeit, sondern beweist nur, dass es nicht gelang, die Last der Vergangenheit abzuschütteln. Nicht die Aufklärung hat versagt, sondern deren Verwirklichung.

Nur eine Art von Entwicklung wäre noch radikaler gewesen

als diejenige, welche die Aufklärer von Voltaire über Diderot und d’Alembert bis zu Kant und Hegel ins Auge fassten, nämlich eine  Gleichbehandlung aller Menschen ungeachtet ihrer Fähigkeiten (und damit auch ohne Wettbewerb), so wie sie im Nukleus der Familie vermutlich seit Beginn der Menschheitsgeschichte die Regel war: Eine Mutter liebt ihre Kinder, ganz gleich ob sie stark oder schwach sind, dumm oder intelligent. Das war gleichermaßen das Ideal, welches Marx vorschwebte. In der klassenlosen Gesellschaft, wie er sie verwirklichen wollte, „gab jeder nach seinen Fähigkeiten und nahm gemäß seinen Bedürfnissen.“

 Wir wissen heute,

dass es eine solche familienähnliche Solidarität in vielen kleinen Gesellschaften tatsächlich gab, angefangen bei den Jägern und Sammlern bis zu einigen frühen Gartenkulturen wie z.B. den Zuni. Aufgrund des agrarischen Abhängigkeitsgesetzes wurde sie allerdings nie in den großen Agrarkulturen verwirklicht – jedes Experiment dieser Art ist bisher blutig gescheitert: mit Millionen von Toten zuletzt in der Kulturrevolution, der Mao das chinesische  Milliardenvolk in den zehn Jahren zwischen 1966 und 1976 unterwarf. Ganz und gar undenkbar aber ist ein strikter Egalitarismus in der Ära der Streitenden Reiche, wo jede Nation Talent und Willenskraft aufs Höchste zu steigern trachtet. In solchen Zeiten werden alle Leistungen, welche einen Vorteil im Wettbewerb und Überlebenskampf versprechen, im Gegenteil besonders betont und belohnt, also vor allem ökonomisches Können und militärische Erfindungskraft. Wettbewerb spielt dann eine so beherrschende Rolle, dass er auch von denen, die ihm ihren Aufstieg verdanken, nicht mehr als Chance gesehen wird, sondern nur noch als ein zerstörerischer Kampf alle gegen alle. Heute leben wir – nicht anders als die Menschen der Achsenzeit vor zweitausend fünfhundert Jahren – wieder in einer Ära der Streitenden Reiche. Genau darin liegt – wie eine der Hauptthesen dieses Buches besagt – das eigentliche Problem unserer Zeit (das aber Kritiker der Moderne angefangen von Rousseau bis zu Pankaj Mishra geflissentlich verdrängen und übersehen).

Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„.)

Apokalypse – Wann?“

Im Nachhinein wird es uns als ein Glücksfall der Historie erscheinen, dass das für den Globus existenzbedrohende Arsenal an Massenvernichtungswaffen damals einzig in den Händen von nicht mehr als zwei Akteuren lag: denen der USA und der Sowjetunion. Die gegenwärtige Entwicklung zielt in eine andere Richtung: An die Stelle einer bipolaren ist eine multipolare oder – wie andere es nennen – eine polyzentrische Weltordnung getreten.

Viele glauben, darin einen bedeutenden Fortschritt zu sehen, weil sie bei diesem Übergang in erster Linie eine größere politische und kulturelle Vielfalt vor Augen haben. Die dualistische Welt des Kalten Krieges erstickte ja in einer ideologischen Enge, die nichts anderes mehr kannte als die beiden tödlich verfeindeten Wirtschaftssysteme: den sowjetischen Kommunismus und den westlichen Kapitalismus. Im östlichen Lager wollte man einen neuen Menschen schaffen – wie an ein unanfechtbares religiöses Dogma glaubte man an die hundertprozentige Formbarkeit des Menschen. Allerdings waren aus der Zeit der Finsternis noch die durch die voraufgegangene Bourgeoisie geistig verformten Menschen übriggeblieben, die man erst einmal beseitigen musste, damit der neue Mensch sich ungestört zu entfalten vermochte. In der Sowjetunion wurden aus diesem Grund die „bürgerlichen“ Kulaks in Massen ermordet. Die Chinesische Revolution definierte ihre Feinde auf ähnliche Art, denn dazu gehörten ehemalige Grundherren, „reiche“ Bauern und Lehrer, die man erniedrigte, folterte und ermordete. Die Roten Khmer machten es sich noch einfacher: Stadtbewohner und Angehörige der Bildungsschichten wurden in Arbeitslager gesteckt und exekutiert.

Bemerkenswert ist die gleich blutige Wirkung, welche das extrem linke Credo von der totalen Formbarkeit des Menschen und die extrem rechte Lehre des Sozialdarwinismus für das Schicksal der Menschen hatte. Die Nazis sprachen von unterlegenen Rassen, welche industriell zu vernichten waren, für die Sowjets, Chinesen und Roten Khmer gab es falsch programmierte Klassen, welche in noch höherer Zahl ausgemerzt wurden. Der totalitären Rechten galt die Gleichheit der Menschen, der totalitären Linken die Freiheit als Illusion. Während die ideale Gesellschaft für die ersten ausschließlich aus Ariern bestehen sollte, sahen die Marxisten im Proletarier das Ziel der Geschichte.

Auch außerhalb der beiden ideologischen Lager bestimmten letztlich nur diese beiden Alternativen das politische Denken und Handeln. Die sogenannten blockfreien Länder begründeten keine eigene politische oder ökonomische Ideologie, sie lavierten nur zwischen den Lagern.

Von einer polyzentrischen Welt versprechen sich viele die entscheidende Wende. Hundert bunte Blumen dürfen nun blühen, viele Denk- und Daseinsentwürfe können sich gleichzeitig entfalten. Kein Wunder, dass die Befreiung aus der bipolaren Falle zunächst als eine Art von Erlösung empfunden wurde. In Europa, vor allem in den osteuropäischen Ländern, die bis dahin die Knute der Sowjetmacht ertragen mussten, wurde sie auch als eine solche erlebt und gefeiert.

Zwei glückliche Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ahnte kaum jemand, dass die Welt für diese Erlösung einen hohen – einen sehr hohen – Preis zu bezahlen hätte. Denn polyzentrisch ist die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja nicht nur in kultureller Hinsicht geworden, sondern eben auch in militärischer. Und das ist leider kein Fortschritt, sondern der größte nur denkbare Rückschritt. Denn seit dieser Zeit drohen sich die Arsenale der Massenvernichtung über den gesamten Planeten zu verbreiten. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich und England verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über die Bombe. Nordkorea hat sie bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn damit zu bedrohen. Der Iran und vermutlich auch Saudi-Arabien arbeiten an der Bombe.*1 Durch einen kriegsunwilligen Westen werden sie sich daran umso weniger hindern lassen, als China und Russland im Weltsicherheitsrat bislang stets ihr Veto einlegten, wenn es um vorbeugende Schläge gegen atomare Aufrüster ging.

Japan hat in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen.*2 Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat das fernöstliche Land sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist Japan jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.*3

Von der bipolaren zur polyzentrischen Welt

In der bipolaren Ära waren die beiden Supermächte USA und Sowjetunion aufeinander fixiert, die übrige Welt zählte wenig. Kleinere Staaten, die Länder Europas eingeschlossen, traten nur als Statisten, Schachfiguren und Zuschauer in Erscheinung, von den beiden Großen nur zu jeweils eigenen Zwecken in Stellung gebracht. Zum eigentlichen Motor dieser gegenseitigen Fixierung wurde die Angst, verbunden mit der fortwährenden Taxierung des Gegners. Welche Reaktionen waren von ihm zu erwarten, wenn man die eigenen Raketenstellungen an diesem oder jenem Punkt des Globus vorrücken ließ oder andere Staaten für die eigene Ideologie und das eigene Lager gewann? Dieses Spiel wurde zwar kalt geführt, aber jede der beiden Mächte war sich bewusst, dass es jederzeit in die heiße Phase eines Weltbrands umschlagen konnte.

Ganz akut bestand diese Gefahr 1962, als Nikita Chruschtschow sich in der Psychologie seines jugendlichen Gegenübers irrte. Er glaubte, John F. Kennedy nicht übermäßig ernst nehmen zu müssen. Daher entschloss er sich zur Stationierung von Langstreckenraketen auf Kuba, um die größten amerikanischen Städte aus geringer Entfernung mit Atomwaffen bedrohen zu können. In diesem Pokerspiel ging es dem sowjetischen Ministerpräsidenten um mehr als bloße Abwehr und Abschreckung, es ging um einen strategischen Vorteil für das eigene Land. Wäre es der Sowjetmacht damals gelungen, Raketen unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, hätte sie diese mit einem Erstschlag nicht nur bedrohen, sondern auch endgültig mattsetzen können. Bis zuletzt wurde vonseiten der Sowjets systematisch gelogen. Sie taten alles, um die Amerikaner in Hinblick auf ihr wirkliches Vorgehen zu täuschen. Ihr Kalkül wäre auch beinahe aufgegangen. Fast wäre es ihnen gelungen, mehrere Basen auf Kuba in abschussbereitem Zustand zu errichten.

Die Vereinigten Staaten sahen sich am 27. Oktober 1962 der Herausforderung gegenüber, die Russen im letzten Moment aufzuhalten oder ihnen ihrerseits mit einem atomaren Erstschlag zuvorzukommen. Es war dem besonnenen Vorgehen Kennedys, dann aber auch der Einsicht Nikita Chruschtschows zu danken, dass der nukleare Holocaust damals vermieden wurde – allerdings erst im allerletzten Moment.*4

Eine bestürzende Erkenntnis bleibt dennoch zurück. Damals hing das Schicksal von fünf Milliarden Menschen von der Vernunft oder Unvernunft zweier Individuen ab, ergänzt um nicht mehr als eine Handvoll Berater. Was hätte sich zugetragen, wenn Kennedy weniger besonnen und Chruschtschow weniger einsichtig gewesen wären? Hier liegt die unheilvolle Wirkung von Massenvernichtungswaffen. Sie besteht in der immensen Macht, die wenigen Individuen über den Rest der Menschen gegeben ist. Im Extremfall wird das Schicksal von Milliarden Menschen von einigen wenigen Politikern durch einen Knopfdruck entschieden. Alles deutet übrigens darauf hin, dass selbst nach diesem nur knapp vermiedenen Weltuntergang neokonservative amerikanische Kreise unter George W. Bush weiterhin von einem Erstschlag träumten.*5 So gesehen hatte Hoimar von Ditfurth (1921 – 1989) schon recht, als er den Deutschen empfahl, es Luther nachzutun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn solange es diese Waffen gibt, wird es immer Menschen geben, die ungeniert mit ihrem Einsatz liebäugeln.

In einer polyzentrischen Welt sind die Folgen des Wettrüstens unabsehbar. Da keine Großmacht stark genug ist, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen systematisch durch Androhung von Gewalt zu verhindern, andererseits aber auch keine so schwach, dass sie die Anwendung von Gewalt nicht durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat zu verhindern vermag, ist damit zu rechnen, dass jeder wirtschaftlich erstarkende Staat über kurz oder lang danach streben wird, seine ökonomische Macht mit militärischen Mitteln zu garantieren, Nuklearwaffen eingeschlossen. Dadurch kommt es zu einem zusätzlichen Schneeballeffekt. Je mehr Staaten die Bombe bereits besitzen, umso größer wird dann das Bestreben der anderen sein, ihrerseits in deren Besitz zu gelangen. Die Welt wird dadurch zu einem weit gefährlicheren, durch Zufall und Achtlosigkeit viel leichter entflammbaren Pulverfass als jemals zu Zeiten des Kalten Krieges.

Ich denke, dass man den starken Gegensatz zwischen einer vergleichsweise sicheren bipolaren und der weit gefährlicheren multipolaren Welt, wie sie sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt, gar nicht genug betonen kann. Solange das Schicksal der Welt nur in den Händen von zwei Akteuren lag, haben diese sich über ein Gleichgewicht des Schreckens vergleichsweise leicht zu verständigen vermocht. Die beste Lösung bestand in jenem Minimum an Kooperation, wodurch sich beide Lager ein Maximum an Sicherheit verschafften. Unter gegenseitiger Kontrolle verzichteten sie eine Zeitlang sogar auf die Weiterentwicklung von Waffen, die das bestehende Gleichgewicht außer Kraft setzen würden. Gemeinsam hatten sie nach 1986 eine Reduktion der Atomköpfe erreicht, und zwar um ganze zwei Drittel.Auch wenn das restliche Drittel immer noch ausreicht, alles irdische Leben auf dem blauen Planeten mehrfach zu tilgen, haben sie es doch fertig gebracht, durch Kooperation und das dadurch gewonnene Vertrauen einen halbwegs stabilen Zustand herzustellen.

Der menschliche Faktor

Schon zu der Zeit, als nur zwei Atommächte einander feindselig gegenüberstanden, sah sich die Weltgemeinschaft vor das Risiko ihrer physischen Auslöschung gestellt. Aber eine derartige Konfrontation (einschließlich eines auf technischem oder menschlichem Versagen beruhenden GAUs; siehe Anm. 48) ergab sich damals vielleicht einmal im Laufe von zwanzig Jahren. In einer polyzentrischen Welt, wo Dutzende Mächte über solche Todeswaffen verfügen, müssen wir mit „Beinahe-Katastrophen“ oder echten Zwischenfällen in weit kürzerem Tempo rechnen. Das Verhältnis der gegenseitigen Taxierung und Überwachung ermöglicht ja nun immer mehr Kombinationen: Israel gegen Iran, Nord- gegen Südkorea, Pakistan gegen Indien, China gegen die USA, die USA gegen Russland oder – zu einem späteren Zeitpunkt – China gegen Russland etc. Hier spielt der menschliche Faktor demnach eine immer größere Rolle. Schwache Nerven, beleidigter Stolz oder pure Lust am Spiel mit dem Feuer waren schon bei Chruschtschow und Kennedy nicht auszuschließen; sie sind aber charakterliche Standardmerkmale der unvermeidlichen Kims, Ahmadinedschads und leider auch Trumps und Putins unserer Welt.

Dabei bildet der Faktor Mensch nur eine von zwei Dimensionen eines enorm angewachsenen Bedrohungspotentials: Schlamperei, Achtlosigkeit und technische Fehlplanung, mit einem Wort, das Verhängnis ungeplanter technischer Fehlfunktionen, spielt eine mindestens gleich große Rolle. Regelmäßig stürzen irgendwo auf der Welt Flugzeuge ab oder explodieren Waffenlager. Bei einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungs­waffen ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der größtmögliche anzunehmende Zwischenfall ereignet – ein atomarer Fast-GAU zum Beispiel, wie er drei Tage nach der Amtseinführung von John F. Kennedy geschah.

Damals geriet ein B-52-Bomber über North Carolina außer Kontrolle – zwei scharfe Wasserstoffbomben fielen dabei zu Boden. Da ein Sicherheitsmechanismus nach dem anderen versagte, stand die Bombe unmittelbar vor der Zündung. Nur dem Zufall, dass die letzte von vier Sicherheitssperren dann doch funktionierte, ist es zu danken, dass die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Gestalt immer noch existieren. Um ein Haar wären sie die ersten Opfer einer 4-Megatonnen Wasserstoffbombe geworden!

Die zweite Bombe landete in einem Sumpf. Ihr Explosivmaterial blieb intakt, der Uran-Kern aber versank in der Tiefe – mehr als einundzwanzig Meter. Er wurde bis heute nicht gefunden. In seinem jüngsten Buch „Control and Command“zählt Eric Schlosser eine ganze Serie gleich dramatischeUnfälle mit Nuklearwaffen auf, die sich entweder bei deren Transport ereigneten oder aufgrund von unzureichender Verwahrung. In manchen Fällen wurden diese Waffen so schlecht bewacht, dass sie ohne größere Schwierigkeiten in die Hände von Terroristen gelangen konnten.

Natürlich steigt dabei auch der Pegel nuklearer Strahlung aufgrund militärischer wie ziviler Nutzung der Kernkraft. Atombomben wurden nicht nur in voller Absicht über Hiroshima und Nagasaki gezündet, sondern danach fanden etwa zweitausend weitere Testzündungen statt.

Wohin treibt uns der Wettlauf?

Es sind die USA gewesen, die das Gleichgewicht des Schreckens mutwillig durchbrachen, und zwar mit dem von ihnen propagierten und entwickelten Raketenabwehrschirm. Es war abzusehen, ja eigentlich unvermeidlich, dass sie Russland und China, die großen mit ihnen konkurrierenden Mächte, dadurch zwingen würden, gleichfalls nach technischen Lösungen zu suchen, die den Vorsprung wettmachen würden. Anders gesagt, musste das globale Wettrüsten zu neuer Stärke entflammen. Es entwickelt sich aber nicht mehr zum Vorteil der USA. Man geht davon aus, dass die militärischen Ausgaben der Chinesen spätestens 2020 die Höhe der US-amerikanischen erreichen und sie danach übertreffen werden. Jedenfalls wurden die technischen Instrumente, mit denen sich der vorläufige Vorsprung Amerikas überwinden lässt, inzwischen sowohl in Russland wie in China entwickelt. Vorläufig sieht es so aus, dass mehrfach überschallschnelle Raketen (mit 10 Mach Geschwindigkeit) jeden existierenden Raketenschutzschirm unterlaufen. Russland behauptet schon jetzt, mit seinen kürzlich entwickelten atomar betriebenen ballistischen Raketen genau dazu in der Lage zu sein.

Die Zerstörung des Gleichgewichts hat den USA keinen Vorteil gebracht. Sie hat im Gegenteil nicht nur ihre eigene Verwundbarkeit, sondern auch die aller übrigen Staaten wesentlich erhöht. Wer über eine ausreichende Zahl dieser neuartigen Raketen verfügt, kann sogar auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zählen, einen Erstschlag auf den Feind halbwegs zu überleben. Dass derartig makabre Rechenspiele auch von hochrangigen Politikern angestellt werden, hatte bereits Mao Zedong vor einem halben Jahrhundert mit seiner berüchtigten Rede von 1957 gezeigt. Unter dem Titel „American Imperialism is a Paper Tiger“ gab Mao damals öffentlich zu Protokoll, dass er in einem Atomkrieg keine übermäßig gefährliche Katastrophe erblicke. Vielleicht würde die Hälfte der Chinesen einen nuklearen Holocaust nicht überleben, aber die übrig gebliebene zweite Hälfte würde sich alsbald wieder derart vermehren, dass sie in kurzer Zeit die ursprüngliche Bevölkerungsstärke erreicht.*6 Wenn es stimmt, was in einer Broschüre der Anti-Atom-Bewegung zu lesen war, dann waren ähnliche Töne auch in Deutschland zu hören, zum Beispiel aus dem Mund des Berliner Bischofs Otto Dibelius: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe ist vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“*7 Es ist zu befürchten, dass noch in vielen anderen Köpfenderart makabre Kalküle sprießen.

Schlimmer ist allerdings, dass auch in denjenigen Staaten, in denen wir die Vernunft heimisch glaubten, ein substantieller Anteil des volkswirtschaftlichen Reichtums darauf verwendet wird, die Instrumente des Todes weiter zu perfektionieren. Um ihren potentiellen Feinden auch nach Aushebelung der Abwehrschirme zumindest ein paar Schritte voraus zu sein, arbeiten die USA inzwischen an einem System von Himmelsbomben. Sie wollen Satelliten mit atomaren Raketen bestücken, die dann auf Knopfdruck und innerhalb weniger Minuten jedes beliebige Gebiet des Globus angreifen und auslöschen können. Sollte dies wirklich in den kommenden Jahren geschehen, dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Chinesen und Russen ihrerseits den Himmel mit Bomben behängen werden: eine schöne neue Welt, wie sie freilich nicht der Fantasie satanischer Mächte, sondern unserer angeborenen atavistischen Primatenmentalität entspringt.

Diese primitive Mentalität ist uns bis heute geblieben, während sich zugleich unser technologisches Können aufs Höchste vervollkommnete. In der bisherigen Geschichte stellte die Verbreitung von Waffen niemals eine Gefahr für das Überleben der Menschheit dar. Sie führte immer „nur“ zu Ausrottungen in bestimmten Teilen des Globus. So ungern man es auch zugeben mag, hat sich das wechselseitige Töten sogar als einer der stärksten Motoren des materiellen Fortschritts erwiesen. Um den militärischen Übergriffen anderer Stämme, Staaten oder Nationen gewachsen zu sein, kam es darauf an, jede technische Neuerung, welche die eigene Stellung gefährden könnte, unverzüglich zu kopieren und möglichst noch zu verbessern. Aus diesem Grund hat Heraklit Krieg den „Vater aller Dinge“ genannt. Der Rüstungswettlauf war immer ein Wettlauf um die besten Ideen und ihre bestmögliche Realisierung – insofern bildet er bis heute eine der wirkmächtigsten Kräfte der Innovation.

Doch genau dieses Wettrennen um die besten Methoden der gegenseitigen Vernichtung kann sich die Menschheit nicht länger leisten. Krieg ist heute mehr als nur ein Phänomen des „moral hazard“ – also eine Veranstaltung, bei der gerade diejenigen, die ihn vom Zaune brechen – Könige, Fürsten, Generäle und Machteliten – in aller Regel am wenigsten riskieren. Der Atomkrieg hat daraus eine Veranstaltung zur kollektivenVernichtung gemacht. Die Vorstellung, dass Atom- oder gar Wasserstoffbomben mitsamt den dazu benötigten Trägerraketen in spätestens zehn bis zwanzig Jahren außer in die Hände von Nordkorea auch in die eines Dutzends anderer Staaten gelangen, ist unerträglich, denn sie läuft auf eine sichere Garantie für den kollektiven Untergang hinaus.

Diese düstere Voraussage gilt leider selbst für den Fall, dass weder Angriffslust noch böse Absicht der Kontrahenten dabei im Spiel ist. Schon die halbwegs sichere bipolare Welt, wo nur zwei Mächte den Finger am Drücker der Apokalypse hatten, hätte, wie oben an wenigen Beispielen gezeigt, die Welt durch bloßen Zufall in das atomare Desaster hineintreiben können. Dass die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten technischen Zwischenfalls in einer polyzentrisch atomar gerüsteten Welt ins Unabsehbare steigt, bedarf daher keiner weiteren Begründung.1983 entging die Welt ganz knapp einem Erstschlag durch die Sowjetunion.*8Überhaupt ist es, wie Noam Chomsky mit Recht konstatiert, „a near miracle that nuclear war has so far been avoided.“

Ein kurzer Blick auf das heute bestehende nukleare Vernichtungspotential genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Die USA, Russland, Frankreich, China, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über ein Arsenal von jeweils etwa 4650, 3740, 300, 240, 160, 100, 100, 80 und ?? (unbekannt) nuklearen Sprengköpfen. Das ergibt eine Gesamtzahl von annähernd zehntausend Bomben.*9 Diese Zahl erhält ihre volle Bedeutung aber erst in dem Augenblick, da man sie mit der Aussage US-amerikanischer Experten konfrontiert, wonach die bescheidene Menge von insgesamt dreihundert nuklearen Bomben völlig ausreichen würde, um jeden potentiellen Feind von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten abzuhalten. Ein Gegenschlag mit dreihundert Bomben würde dessen eigenes Territorium für Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Zwar ist es den Vereinigten Staaten und Russland in wechselseitiger Absprache gelungen, ihr Arsenal substantiell zu reduzieren – die USA im Vergleich zu 1967 um 85%, Russland um 89% im Vergleich mit dem Maximum zu Sowjetzeiten. Es gibt jetzt 54 000 weniger Nuklearbomben als 1986. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, da zufallsbedingte Unfälle auf diese Art natürlich wesentlich eingeschränkt werden können. Doch an das Ziel, zu dem sich die ursprünglichen Nuklearmächte in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags ausdrücklich verpflichteten, nämlich eine fortschreitende Verminderung bis zur völligen Abschaffung des atomaren Arsenals, ist vorläufig nicht einmal zu denken. Vielmehr stand von vornherein fest, dass Artikel VI ein toter Buchstabe bleiben wird, da jede Macht, die bei der Reduktion der Waffen einen Schritt zu weit gehen würde, sich dadurch verwundbar macht und den anderen gegenüber in einen entscheidenden Nachteil gerät. Tatsächlich ist vieles verschrottet worden, was ohnehin durch Veraltung unbrauchbar wurde. Dagegen werden Rüstungsausgaben zum Zwecke der Modernisierung und Innovation weiter in die Höhe geschraubt – seit Trump sogar in neuerlich beschleunigtem Umfang und Tempo. Knapp 1,7 Billionen Dollar gibt die Welt insgesamt dafür aus – etwa 70 Prozent mehr als zu Anfang dieses Jahrhunderts oder soviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung von Kanada.

Wie sollte eine Welt beschaffen sein, in der eine globalisierte Menschheit zu überleben vermag. Sollte sie multilpolar, bipolar oder gar monopolar aussehen? Auf diese drängende Frage versuche ich in meinem neuen Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ eine Antwort zu geben. Im Internet zugänglich in englischer Übersetzung: „In Search of Meaning and Purpose in Human History”. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

 

1 Chomsky weist darauf hin, dass die USA selbst den Shah zur atomaren Aufrüstung ermuntert haben: „(Cheney, Rumsfeld, Kissinger and others) were urging the shah to proceed with nuclear programs and pressuring universities to accommodate these efforts.“

2 Siehe http://www.business-standard.com/article/news-ians/us-presses-japan-to-hand-back-300-kg-of-plutonium-114012700058_1.html.

3 Ishihara setzt sich lautstark für eine japanische Aufrüstung mit Atomwaffen ein: „Japan needs nuclear weapons. Unless we have them, we won’t be treated as equals. Look at world politics… The only way Japan will survive is to set up a military regime. Unless we do so, Japan will become a vassal state.“ (http://www.japancrush.com/2012/stories/ex-tokyo-mayor-ishihara-shintaros-most-outrageous-remarks.html).

4 Kennedy 1999, Pos. 590. „In think these few minutes [als bei den Amerikanern noch Unklarheit darüber herrschte, ob die sowjetischen Kriegsschiffe die Blockade Kubas akzeptieren würden]were the time of gravest concern for he President. Was the world on the brink of a holocaust?”

5 Expressis verbis wird dies durch den Artikel „The Rise of Nuclear Primacy” in ‘Foreign Affairs’ vom März/ April 2006 bestätigt: „Today, for the first time in almost 50 years, the United States stands on the verge of attaining nuclear primacy. It will probably soon be possible for the United States to destroy the long-range nuclear arsenals of Russia or China with a first strike.“ (http://www.dartmouth.edu/~dpress/docs/Press_Rise_US_­Nuclear_Primacy_FA.pdf). Siehe auch Anm. 52.

6 “I’m not afraid of nuclear war. There are 2.7 billion people in the world; it doesn’t matter if some are killed. China has a population of 600 million; even if half of them are killed, there are still 300 million people left. I’m not afraid of anyone.” (http://www.theepochtimes.com/n3/4758-maos-nuclear-mass-extinction-speech-aired-on-chinese-tv/).

7Zit. Aus Radkau (2017), S.77.

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.

9 SIPRI (http://www.sipri.org/yearbook/2013/files/sipri-yearbook-2013-chapter-6-overview) kommt auf eine höhere Zahl: “At the start of 2013 eight states possessed approximately 4400 operational nuclear weapons. Nearly 2000 of these are kept in a state of high operational alert. If all nuclear warheads are counted — operational warheads, spares, those in both active and inactive storage, and intact warheads scheduled for dismantlement — the United States, Russia, the United Kingdom, France, China, India, Pakistan and Israel together possess a total of approximately 17 270 nuclear weapons.”

Aufstieg und Niedergang am Beispiel Deutschlands und der Vereinigten Staaten

(auch erschienen in Tichys Einblick und fbkfinanzwirtschaft)

Aufstieg:

Das 19. Jahrhundert gehörte Deutschland, es war die Zeit eines unglaublichen Aufstiegs. “In 1785 there were 1,225 periodicals published compared with 260 in France. In 1900 Germany had 4,221 newspapers. France roughly 3,000 (and Russia 125). In the early nineteenth century, when England had just four universities, Germany had more than fifty… Germany took the lead in the establishment of scientific societies in the early nineteenth century… and [German] became the leading language of scientific scholarship… In 1900 more books were published annually in German than in any other country in the world. In 1900 illiteracy rates in Germany were 0.5 percent; in Britain they were 1 percent and in France 4 percent.” Aufstieg und Niedergang am Beispiel Deutschlands und der Vereinigten Staaten weiterlesen

Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist

(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2017 und fbkfinanzwirtschaft)

Das Streben nach Gleichheit bis hin zur forcierten Uniformierung ist so alt wie die Menschheit, und das aus einem einleuchtenden Grund: Ungleichheit und deren Billigung führt im Extrem zur Deklassierung von Menschen: Man lehnt die Ungleichen als minderwertig, überflüssig oder gar ausrottenswert ab. Nur weil wir andere Menschen, seien es die der eigenen Nation, seien es die fremder Völker, als grundsätzlich gleich betrachten, sind wir zu einem friedlichen Miteinander bereit. Tiere, selbst nah verwandte, betrachten wir nicht so – die Auswirkungen sind bekannt. Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist weiterlesen

FRIEDEN!

Wie immer nach Beseitigung einer großen, in diesem Fall sogar einer das Überleben der Menschheit existentiell bedrohenden Gefahr, hat der 1989 erfolgte Zusammenbruch der Sowjetunion die Zeitgenossen von einem Alptraum befreit und die Hoffnung auf eine kommende Zeit erweckt, die grundsätzlich anders und besser sein würde. Ein polyzentrisches System würde die bipolare Welt von gestern ablösen. Statt zweier in äußerster ideologischer wie militärischer Kampfbereitschaft gegeneinander verschworener Systeme würden von nun an Hundert Blumen auf einmal blühen, alle von ihnen mit dem Versprechen, im Hinblick auf unterschiedliche soziale Entwürfe, kulturelle Eigenarten und geistige Ziele der menschlichen Vielfalt in weit höherem Maße als vorher gerecht zu werden. Die Enge einer Konfrontation, die aus dem kalten jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen konnte, würde der Weite des Multikulturellen, Multipolitischen und Multisozialen weichen. FRIEDEN! weiterlesen