Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verführen lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschlösser, die er auf diese Weise erbaut, verkörpern dann das hehre Ideal gegenüber einer so viel unvollkommeneren Realität. Wollen wir jedoch die Gegenwart gerecht und richtig beurteilen, dann dürfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern müssen sie ohne jede Beschönigung beschreiben. Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, wo genau dies möglich ist, nämlich ein vorläufiges Resümee, das uns den Vergleich zwischen einer Vergangenheit erlaubt, in der 95% der Bevölkerung aufgrund des agrarischen Abhängigkeitsgesetzes namenlos, ohnmächtig und in ihrer physischen Existenz regelmäßig gefährdet waren, und einer fossilen Gegenwart, wo dieses Gesetz nach vielen Jahrtausenden zum ersten Mal außer Kraft geriet.

Obwohl zahlenmäßig auf ein Vielfaches angeschwollen,

haben die Massen, die früher ausschließlich zum Dienst einer Minderheit taugten, sich aus dieser sklavenartigen Unterwürfigkeit befreit. Heute haben sie nur noch ausnahmsweise den Hungertod zu befürchten; viele von ihnen erkämpften sich mit der Zeit Rechte, von denen ihre Vorfahren nicht einmal zu träumen wagten. Die nüchternen Zahlen dieser Entwicklung habe ich oben bereits angeführt. Lebenserwartung, Gesundheit, Bildungszugang und allgemeiner Lebensstandard haben sich im 19. bis 20. Jahrhunderts stetig verbessert. Große Hungersnöte traten nur noch zu Beginn dieser beiden Jahrhunderte auf (damit ist leider durchaus nicht gesagt, dass sie in Zukunft nicht wieder auftreten können); Mord und Totschlag gingen zurück, und die Zahl der Kriegsopfer war – in Anteilen der Gesamtbevölkerung gemessen – selbst im blutigen 20. Jahrhundert weniger groß als in vielen sogenannten primitiven Gesellschaften.

Aber warum hört man aus der Vergangenheit so viel weniger Klagen

und in der Gegenwart so sehr viele mehr? Ich denke, dass der Grund offensichtlich ist. Hätten die unterdrückten Massen damals eine Stimme gehabt, dann würde die Weltgeschichte bis heute von ihren Wehklagen widerhallen. Aber sie hatten keine Stimme; in der ganzen Welt blieben die Massen stumm, weil sie weder lesen noch schreiben konnten. Erfunden wurde die Schrift überhaupt erst im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, aber selbst im spätmittelalterlichen England von 1530 wurden in einer Bevölkerung von fünf Millionen nur etwa 26 000 Knaben in der Kunst des Schreibens unterwiesen – also gerade einmal ein halbes Prozent (Durant)! Weltweit war diese Fähigkeit auf die oberen Zehntausend beschränkt – in der Regel nicht mehr als fünf Prozent der Bevölkerung; die aber nahmen eine gehobene Stellung an der Spitze der sozialen Pyramide ein und pflegten deshalb eher mit ihrer Lage zufrieden zu sein. Aus diesem und aus keinem anderen Grund ist die Geschichtsschreibung der Vergangenheit weitgehend auf Goldgrund gemalt, stammt sie doch beinahe ausschließlich von den Profiteuren jenes Systems..

Das sollte sich allerdings schlagartig ändern,

als die fossile Revolution zum ersten Mal in der Geschichte das Wunder vollbrachte, die unteren 95% aus ihrer dienenden Stellung und ihrem Analphabetismus zu befreien. In großem Maßstab wurden nun Bildungsinstitutionen geschaffen, welche in kurzer Zeit nahezu sämtlichen Menschen das Lesen und Schreiben ermöglichten. Und so kam, was von vornherein zu erwarten war: Kaum, dass die Menschen ihre Situation zu kommunizieren vermochten, ließ sich ein Chor der Wehklagen vernehmen, erst in Europa selbst, wo die fossile Revolution begann, und schließlich in der gesamten globalisierten Welt, wohin die europäische Aufklärung reichte.

Denn bis dahin hatten die unterdrückten Massen ja auch deswegen stillgehalten, weil Priester wie Fürsten ihnen mit Erfolg einzureden vermochten, dass Gott oder eine göttliche Ordnung ihnen das Dasein von Knechten verordnet und umgekehrt ihren Herren die Gnade der Herrschaft zugeteilt hatte. Nun gelang es den Aufklärern, allen voran Voltaire, eben diese göttliche Ordnung in Frage zu stellen. Die soziale Hierarchie von oben und unten sei, so ihre Botschaft, nur menschengemacht und beruhe daher auf Willkür, der sich niemand mehr fügen solle und brauche. Die Französische Revolution sprach allen Menschen die gleichen Rechte zu, und der englische Sozialphilosoph Jeremy Bentham sogar das gleiche Anrecht auf Glück.

Eine Lawine von Ressentiment

Die Wirkung dieser Botschaft war explosiv: sie äußerte sich in einem gesteigerten Bewusstsein für persönliches Unglück. Jeder, der von da an in seinem Leben nicht diejenige Stellung oder jenes Ausmaß von Glück erreichte, auf das er einen Anspruch zu haben glaubte, konnte sich nun nicht mehr damit trösten, dass der Herrgott selbst es so und nicht anders gewollt, sondern es waren jetzt die anderen Menschen– oft ganz konkrete Personen -, die seinem Glück im Wege standen. Die Befreiung des Menschen aus jahrtausendealter Unmündigkeit erhöhte nicht etwa die allgemeine Summe des Wohlbefindens, sondern setzte eine Lawine von Neid und Ressentiment in Bewegung. Das war vorher beinahe undenkbar gewesen. Der Neid eines einfachen Bauern auf einen Fürsten wäre nicht nur lächerlich gewesen, sondern man hätte darin sogar einen Frevel gesehen, solange eben jedermann glaubte, dass dem einen wie dem anderen sein jeweiliger Platz aufgrund göttlichen Ratschlusses zugeteilt sei. Doch Neid und Ressentiment waren nun an der Tagesordnung. Jeder intelligente, aufstrebende Mensch der unteren Schichten, der in der neuen Gesellschaft den Zugang zur Bildung erhalten hatte, quälte sich und seine Mitmenschen nun mit der Frage, warum andere, oft nur aufgrund von Erbschaft oder Glück, ihm den Weg nach oben versperrten?

Der Ausbruch aus der unverschuldeten Unmündigkeit

Zweifellos war es ein auf Bildung begründeter Wettbewerb, der den unteren 95% zum ersten Mal in der Geschichte den Ausbruch aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit erlaubte, doch in diese Befreiung war von Anfang an Gift gemischt. Denn in den seltensten Fällen war der einzelne mit der von ihm im Wettbewerb erreichten Lebensstellung zufrieden. Der Herrschaft Gottes hatten sich die Menschen wie unter ein unabwendbares Schicksal gebeugt, doch seitdem die Aufklärer Gott zu einer menschlichen Illusion erklärten, erschien ihnen jede Art von Herrschaft auf einmal als unerträglich. Nun wusste man: Das sind ja auch nur Menschen, noch dazu oft irgendwelche zu Unrecht privilegierten, die sich die Herrschaft über mich andere ihrer Mitmenschen anmaßen. Man höre etwa den Philosophen und Ökonomen Pierre-Joseph Proudhon, der erste, der sich selbst zum „Anarchisten“ (d.h. zum Feind aller Herrschaft) erklärte. In seinen „Bekenntnissen eines Revolutionärs“ von 1849 sagte er: „Wer immer seine Hand auf mich legt, um über mich zu herrschen, der ist ein Usurpator und Tyrann.“ Die Revolution bestand für Proudhon darin, dass kein System Herrschaft über Menschen ausüben dürfe, sei es das der Monarchie, der Aristokratie, ja nicht einmal die Demokratie im Namen des Volkes, ja überhaupt keinerlei Autorität, nicht einmal eine populäre.

Écrasez l‘infâme

Mit dem generellen Verbot der Herrschaft von Menschen über andere Menschen sprach Proudhon eine Forderung aus, die ein grundlegend verwandeltes Verhältnis der aufstrebenden Massen gegenüber der Politik charakterisierte. Das änderte freilich nichts daran, dass Herrschaft weiterhin eine Tatsache war. Daher ließen viele es nicht bei bloßem Misstrauen bewenden, sondern forderten ihre gewaltsame Beseitigung. Der russische Anarchist „Bakunin trieb die romantisch-liberale Auffassung von individueller Autonomie auf die Spitze, als er Freiheit mit freudiger Bereitschaft zur Zerstörung identifizierte“. Und Richard Wagner, sein Zeitgenosse, war nicht nur in der Musik ein Revolutionär, er wollte diese Rolle auch als politisch handelnder Mensch übernehmen. Als 1848 das Fieber der Revolution neuerlich ganz Europa ergriff, schrieb er: „Ich wünsche die Herrschaft der einen über die anderen zu brechen… – die Macht der Mächtigen, des Gesetzes und des Eigentums“. Wagner war ein höchst empfindsamer Mann, deswegen empfand er es als umso schmerzhafter, dass er während seines Aufenthalts in Paris unbekannt und ungewürdigt blieb, während ein jüdischer Komponist wie Giacomo Meyerbeer im Rampenlicht der öffentlichen Beliebtheit stand. Diese Kränkung schlug sich bei Wagner in Tiraden des Hasses nieder, in denen sich intensiver Neid und Ressentiment unverkennbar bekunden. Paris wurde für ihn zum Inbegriff persönlichen Misserfolgs. 1850 schrieb er die furchtbaren Zeilen: „Ich glaube an keine andere Revolution als eine, welche mit der Niederbrennung von Paris beginnt.“ Und Wagner war es auch, der eine der furchtbarsten Hetzschriften gegen die Juden schrieb. Solche Ereignisse sollte man nicht übergehen, denn sie enthalten eine wichtige Lehre. Wenn schon eine Zelebrität wie Richard Wagner sich dazu verleiten ließ, persönliche Unzufriedenheit in wüsten Ressentiments aufflammen zu lassen, dann ist leicht zu verstehen, warum der mit dem 19. Jahrhundert einsetzende globale Alphabetismus einen Tsunami an Ressentiments nach sich zog.

Kassandras gegen den Optimismus des Fortschritts

Im Allgemeinen überwog dennoch die gegenteilige Position. Angefangen von Voltaire über die Enzyklopädisten und Friedrich Hegel bis zu Herbert Spencer berauschte sich das Europa des 19. Jahrhunderts an einem Fortschritt, der es in kurzer Zeit zum Herrn der Welt erhob – eine Stellung, an der die wenigsten damals etwas auszusetzen hatten. Insgesamt war es eine Minderheit, welche künftiges Unheil und den Verfall beschwor. Zu den Kassandras gehörten neben den deutschen Romantikern vor allem Karl Marx und Friedrich Nietzsche, aber ebenso Giuseppe Mazzini in Italien sowie in Russland Alexander Herzen sowie der schon zuvor genannte Bakunin. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts prophezeite Herzen „einen fürchterlichen Kataklysmus… Von täglicher Mühsal überwältigt, von Hunger geschwächt und von Unwissen verblödet,“ seien die Massen lange Zeit „die unwillkommenen Gäste des Lebensfestes“ gewesen und ihre „Unterdrückung die unabdingbare Voraussetzung für das privilegierte Leben einer Minderheit.“ Das wäre eine völlig richtige Diagnose im Hinblick auf die Vergangenheit gewesen, aber Herzen wollte seine Aussage auf die Zukunft bezogen wissen.

Pankaj Mishra

Es ist das Vorrecht von Außenseitern, dass sie nicht selten einen schärferen Blick für die seelisch-geistigen Befindlichkeiten anderer Kulturen besitzen als die in ihnen lebenden Menschen. In seinem brillant geschriebenen Buch „Age of Anger“ (Zeitalter des Zorns) hat der indische Autor Pankaj Mishra eine Kritik der europäischen Aufklärung und ihrer Gegenströmungen vorgelegt, deren Tenor eindeutig ist: Mishra hält das Projekt der Aufklärung für gründlich gescheitert. Dass mag verwundern, weil das neunzehnte Jahrhundert – vor allem in seiner zweiten Hälfte – von einer wahren Euphorie des Fortschrittsglaubens beflügelt war, ein Glaube, der außerhalb des Westens selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts durchaus nicht verklungen ist – man denke etwa an China, das sich gegenwärtig in einem wahren Fortschrittstaumel befindet. Darüber schweigt das Buch; es lässt fast nur die Stimmen von Zweifel, Widerstand bis hin zur Zerstörungswut zu Worte kommen, also Stimmen, die der gegenwärtig vorherrschenden Seelenlage westlicher Leser entsprechen.

 Die Darlegungen des „Age of Anger“ erscheinen auf den ersten Blick bezwingend

Die Verlierer des Fortschritts hatten im angehenden neunzehnten Jahrhundert ja genauso zu leiden wie gegenwärtig die Nachzügler in Asien oder Afrika. Doch bei näherem Hinschauen wird dem Leser die Einseitigkeit des Autors ebenso bewusst wie die der von ihm vorzugsweise zitierten Autoritäten. In Europa war es Jean-Jacques Rousseau, der als erster seine Stimme gegen die Aufklärung erhob, die er des Betrugs und der Täuschung bezichtigte. „Sein Ideal war das kleine, strenge, selbstgenügsame, eifernd patriotische, herausfordernd unkosmopolitische und unkommerzielle Sparta.“ Gewiss, doch schon an dieser Äußerung, gegen die Mishra keine Einwände erhebt, wird die ganz unhistorische Vorgangsweise Rousseaus und vieler seiner geistigen Nachfolger deutlich. Sparta war der Ausbeuterstaat schlechthin, ein Staat, wo fünf Prozent einer selbst ernannten Herrenrasse von Analphabeten ein gnadenloses Regiment von Mord und Erpressung über 95% der von ihnen unterworfenen Ureinwohner, die Heloten, ausübte. Über diese verschwindende Minorität wissen wir dank Platon und Thukydides sehr gut Bescheid, aber die 95% geknechteter Bauern waren der Rede nicht wert und blieben selbst so stumm wie ihre Brüder und Schwestern überall auf der Welt, die in allen großen Agrarkulturen weder schreiben noch lesen konnten. Sie haben uns aber einzig deshalb kein Zeugnis von ihrem Leid hinterlassen, weil sie als Analphabeten es nicht zu hinterlassen vermochten. Und einzig aus diesem Grund haben sich geschichtsblinde Theoretisierer wie Rousseau dazu versteigen können, in Sparta das Vorbild einer idealen Gesellschaft zu sehen.

In der Idealisierung eines Bauerntums,

das bis an die Schwelle der Neuzeit zu stummem Leiden verurteilt blieb, sind Anarchisten wie Alexander Herzen oder Michail A. Bakunin ihrem Vorbild Rousseau blind gefolgt: „Die bäuerliche Gemeinschaft, selbstversorgend und sittenstreng könnte uns den wirklichen Pfad in Richtung einer freien und gleichen Gesellschaft weisen… Russische Autoren von Herzen bis zu Tolstoi verurteilten immer wieder die Besessenheit des westlichen Bürgertums von privatem Eigentum, dem hielten sie den russischen Muzhik als eine bewundernswert altruistische Erscheinung entgegen.“ Selbst Schriftsteller wie Tolstoi oder Dostojewski, die es eigentlich besser wussten, haben zu dieser Idealisierung geneigt, obwohl die Bauern gerade vom russischen Adel besonders gnadenlos unterdrückt worden sind.

Aller Evidenz zum Trotz hat Rousseau

sogar vorauszusehen gemeint, dass die Menschen Gott dereinst darum anflehen werden, ihnen „ihre Unwissenheit, ihre Unschuld und ihre Armut zurückzugeben, denn das seien die einzigen Güter, die uns glücklich machen.“ Dagegen erfülle „unersättlicher Ehrgeiz, die Begierde, ihren jeweiligen Besitz zu mehren, und zwar nicht so sehr aufgrund von Entbehrung, sondern um andere zu überrunden, die Menschen mit der verderblichen Neigung, anderen Schaden zuzufügen.“

Wie der Naive Humanismus die Geschichte verfälscht

Pankaj Mishra, dem ich die vorangehenden Zitate verdanke, schließt sich der Meinung seiner Kronzeugen an. Er verkündet, dass „die Geschichte der Modernisierung im Großen und Ganzen auf Blutvergießen und Chaos beruhe statt auf friedlicher Übereinkunft.“ Diese Auffassung ist zwar einerseits völlig richtig, denn zu keinem Zeitpunkt sind die beiden vergangenen Jahrhunderte frei von Krieg, Not, sozialen Wirren und ökonomischen Rückschlägen gewesen. Aber sie ist andererseits völlig falsch, sobald man zu einem Vergleich übergeht, nämlich mit der Vergangenheit vor der fossilen Ära. Krieg, soziale Wirren und ökonomisches Elend waren gerade vor der fossilen Epoche endemisch und ihre Auswirkungen waren ungleich größer und unheilvoller. Selbst nach der Abschließung gegen die Außenwelt, also nach der Vereinigung der Streitenden Reiche, wurde China – die bis ins 18. Jahrhundert weltweit wohlhabendste Agrarkultur – regelmäßig von Hungersnöten verwüstet, deren Opfer natürlich in erster Linie die fronende Bauernschaft war. Harmonie wurde von oben gepredigt, aber sie entsprach niemals der Realität.

Drei Beispiele: Die Verwüstung Indiens, Muhammad Tughlak und Rajasinghe II

Die Zustände in anderen großen Agrarkulturen waren für eine überwältigende Bevölkerungsmehrheit eher noch schlechter als in China, wie ich an drei willkürlich gewählten Beispielen ganz kurz illustrieren möchte. In „Masse und Macht“ hat Elias Canetti die Zustände an einem indischen Fürstenhof des 14. Jahrhunderts aufgrund der Zeugnisse zweier muslimischer Gelehrter aus jener Zeit beschrieben (Ibn Battuta und Ziauddin Barani). Unter der Herrschaft des Sultans von Delhi, Muhammad Tughlak, erreichte das Sultanat eine Ausdehnung, die es danach erst zweihundert Jahre später – unter dem Mogul-Herrscher Akbar – erneut zu erlangen vermochte. Der Sultan war insofern eine herausragende Gestalt, als man in ihm ein Muster umfassender Bildung und ästhetisierender Feinsinnigkeit sah, aber zugleich war er eine Bestie in Menschengestalt, denn seine Liebe zu Grausamkeiten war kaum zu überbieten. Jeder, der ihn besuchte, musste zunächst einmal die zu Haufen aufgetürmten Leichen der Hingerichteten passieren, die den Pfad zum Tor des Palastes säumten, wo die Körper stets drei Tage lang für jedermann sichtbar waren. Jeden Tag wurden Hunderte von Leuten in Ketten, mit gefesselten Händen und Füßen vor ihn gebracht. Die einen wurden hingerichtet, die anderen gefoltert, die dritten geschlagen. Der dauernde Aufruhr gegen den Herrscher war durchaus verständlich, denn wie nahezu jeder Fürst vor Anbruch der Neuzeit hielt es auch Muhammad Tughlak für sein gottgegebenes Recht, aus seinen Untertanen so viel Steuern wie möglich herauszupressen. Diese waren schon unter seinen Vorgängern sehr hoch gewesen, unter ihm aber wurde die Steuerlast noch vergrößert, wobei deren Eintreibung mit so rücksichtsloser Grausamkeit erfolgte, dass die Bauern zu Bettlern wurden. Wer unter den Hindus etwas besaß, verließ sein Land und schlug sich in die Dschungel zu den Rebellen, von denen es kleinere oder größere Trupps bald überall geben sollte. Der Boden lag brach, immer weniger Getreide wurde produziert. Es kam zu einer Hungersnot in den Kernprovinzen des Reiches.

Die Zerstörung Indiens durch den Islam

Das Schema von herrscherlicher Willkür, der vor allem die Massen der wehrlosen Bauern zum Opfer fielen, ist bezeichnend, denn es wiederholte sich damals überall auf der Welt. Hinzu kamen aber noch religiöse Kämpfe zwischen den das Land seit dem 9. Jahrhundert erobernden muslimischen Invasoren und den heimischen Hindus. Gerade Indien liefert dafür ein besonders trauriges Beispiel. Heute denken wir nur an die wunderbaren architektonischen Monumente, die der Islam gerade in Indien hinterlassen hat, oder wir denken an den Mogul-Herrscher Akbar den Großen, eine der wohl bewundernswertesten und humansten Fürstengestalten aller Zeiten, aber das entsetzliche Unglück, die furchtbaren Verwüstungen, die der Islam in den ersten Jahrhunderten seiner Herrschaft anrichtete, werden meist ausgeblendet. „Die muslimische Eroberung Indiens,“ so sagte es der große US-amerikanische Historiker Will Durant, „ist wahrscheinlich das blutigste Ereignis der Weltgeschichte. Es ist eine entmutigende Geschichte, weil es die offensichtliche Einsicht vermittelt, dass die Zivilisation stets gefährdet ist.“ Von Muhammad Tughlak war schon die Rede. Von einem seiner Nachfolger Sultan Ahmad Shah ist überliefert, dass er jedes Mal drei Tage lang feierte, wenn die Zahl der an einem Tag hingeschlachteten Hindus die Marke von zwanzigtausend übertraf.

Dabei hat es durchaus Stimmen gegeben, die den Herrschern „ins Gewissen geredet“ haben

Aber gegen das religiös-ideologische  Pseudogewissen (hierzu später) und die Verlockung schneller Beute kamen sie nicht an. Ein christlicher Papst hat sich für die Verbrechen des Christentums entschuldigt, aber von Seiten der höchsten Vertreter des Islam wartet man immer noch auf eine vergleichbare Äußerung. „Hat man jemals davon gehört,“ fragt der Althistoriker David Engels, „dass ein Direktor der Universität Al Azhar (die größte Autorität der Sunniten) sich im Namen des Islam für die brutale Unterdrückung des Hinduismus entschuldigt habe, von der Indien zwischen 1000 und 1500 unserer Zeitrechnung heimgesucht wurde, wodurch sich die Bevölkerung dort um 80 Millionen Menschen verringerte – ein Ereignis das zu den »blutigsten der Weltgeschichte« zählt?“

Robert Knox und das Ceylon des 17. Jahrhunderts

Extreme Willkür in der Ausübung von Herrschaft war vor der fossilen Revolution ein gemeinsames Merkmal aller großen Agrarkulturen, selbst dort, wo der friedliche Buddhismus den Ton angab, zum Beispiel in Ceylon. Auch in diesem Fall besitzen wir das Zeugnis eines Beobachters, der keinen Grund hatte, der herrschenden Macht nach dem Mund zu reden. Im 17. Jahrhundert geriet ein Engländer namens Robert Knox von 1659 bis 1678 in die Gefangenschaft des Königs von Kandy Rajasinghe II. Weil der König die Weißen, die an der Küste bereits die ersten Forts errichtet hatten (erst Portugiesen, dann Holländer), für Menschen einer stärkeren Rasse hielt, ließ er die Gefangenen von den Untertanen auf deren Kosten durchfüttern und wies ihnen heimische Frauen zu, damit sie zwecks Aufbesserung der eigenen Rasse möglichst viel Nachkommenschaft produzierten. Knox hat dem Land zwar keine Kinder geschenkt, stattdessen hinterließ er der Nachwelt das überaus farbige Gemälde einer hochentwickelten Agrarkultur vor ihrer Eroberung durch die Engländer. Er schildert ein Land, in dem die Frauen durch entsprechende Praktiken ihre Kinderzahl begrenzten, so dass der Bevölkerungsdruck auf die Ressourcen offenbar nicht allzu groß werden konnte. „Oft töten sie die Neugeborenen, aber selten die erste Geburt.“ Die Gesellschaft war durch Kastenschranken streng gegliedert, wobei den Bauern wie überall sonst die Aufgabe zufiel, sich selbst und die oberen zehn Prozent zu ernähren. Wer eine Schuld aufnahm, die er nicht zurückzahlen konnte, sank auf die Stufe eines Sklaven hinab – da Schulden nach zwei Jahren auf das Doppelte wuchsen, war dieser Fall durchaus häufig. Die Gesellschaft ließ keinen Aufstieg von Individuen zu, denn niemand konnte die ihm durch das Kastensystem zugewiesene Stellung verlassen. Der buddhistische König lebte allerdings in beständiger Furcht vor Aufruhr und Verrat seiner Untertanen, deswegen hielt er sich durch Grausamkeit und Unberechenbarkeit an der Spitze, wobei er ganz wie später der Gewaltherrscher Stalin gerade jene in seinem Umkreis begünstigte, die er vernichten wollte. Verschiedene Prozeduren der Tortur und Zertrampeln durch Elefanten spielten dabei eine besondere Rolle, aber schlimmer als selbst die grausamste Todesart galt die Vernichtung der sozialen Würde, wenn der König die Frauen oder Töchter seiner Opfer der untersten Klasse der Bettler gleichsam zum Fraß vorwarf und deren Familien dadurch für alle Zeit entehrte (Knox 1681).

Die Blindheit der naiven Humanisten für die Vergangenheit

Man kann sich durchaus die Frage stellen, ob es den Ceylonesen zu jener Zeit wesentlich schlechter ging als den Engländern des 17. Jahrhunderts, das eine Zeit blutigen Bürgerkriegs war. Doch angesichts der äußersten Willkür, der selbst die höchsten Würdenträger unter einem absoluten Fürsten ausgesetzt waren – von der Masse der Bevölkerung ganz zu schweigen – ist es kaum zu begreifen, dass ein hochgebildeter Autor wie Pankaj Mishra diese Vergangenheit einfach verschweigt, um dann mit Rousseau und vielen anderen Kritikern der Moderne die Gegenwart so darzustellen, als wäre damit ein bisher unerreichtes Ausmaß von menschlichem Leid verwirklicht. Zustimmend zitiert er Michel Foucault, in dessen Worten der kapitalistische Westen, “die härteste, grausamste, selbstsüchtigste, verlogenste und ausbeuterischeste Gesellschaft“ repräsentiert, „die sich überhaupt denken lasse.“ Das ist schlicht und einfach eine grobe historische Unwahrheit.

Anders als Pankaj Mishra behauptet,

ist die Geschichte der Modernisierung im Großen und Ganzen von viel weniger Blutvergießen und Chaos begleitet als die Geschichte der großen Agrarzivilisationen vor der fossilen Revolution. Das ist umso bemerkenswerter, als die Zahl der Menschen sich innerhalb von nur dreihundert Jahren zu verzehnfachen droht. Dass in dieser unkontrollierten Vervielfachung unserer Art eine der größten Gefahren liegen könnte, gerät den Kritikern der Moderne im Allgemeinen gar nicht erst in den Blick. Stattdessen lauschen sie dem allgemeinen Wehgeschrei, denn diese Milliarden können sich, wie schon gesagt, mit ihren Klagen viel besser Gehör verschaffen, weil sie inzwischen fast alle sowohl lesen wie schreiben können. Nicht wenige Intellektuelle, die persönlich in abgesicherten Verhältnissen leben, reden sich in zahllosen Büchern über Missstände in Rage, die früheren Zeiten nicht einmal der Rede wert erschienen wären.

Die Kritik an den Versprechungen der Aufklärer

ist inzwischen so alt wie diese selbst, nämlich bald dreihundert Jahre. Der außerordentliche Fortschritt, den man den Propheten der Vernunft verdankt, wird dabei oft übergangen oder auch schlicht übersehen, weil er inzwischen so selbstverständlich erscheint. Gegen Beginn des zwanzigstens Jahrhunderts standen fast allen Bürgern – bald auch den Frauen – sämtliche Stellungen offen, welche eine Gesellschaft vergeben konnte. Daraus hätte die erste wirklich klassenlose Gesellschaft der Geschichte hervorgehen können. Denn das Ideal, wie es die Aufklärer formulierten, sah ja ausdrücklich vor, dass über die Befähigung zu einem erstrebten Posten allein die Leistung eines Individuums entscheiden sollte. Im Prinzip sollte der Wettbewerb die Karten in jeder Generation aufs Neue mischen, so dass niemand aufgrund der Geburt, zum Beispiel nur deshalb weil er reiche Eltern besaß, in eine höhere Stellung gelangt. Doch schnell zeigte sich, dass die Reichen weiterhin ihren Kindern die besseren Posten verschafften und immer reicher wurden, eben weil ihnen der Reichtum dafür die besseren Voraussetzungen bot. Doch ist das gerade kein Argument gegen die Aufklärung und deren Sinn für Gerechtigkeit, sondern beweist nur, dass es nicht gelang, die Last der Vergangenheit abzuschütteln. Nicht die Aufklärung hat versagt, sondern deren Verwirklichung.

Nur eine Art von Entwicklung wäre noch radikaler gewesen

als diejenige, welche die Aufklärer von Voltaire über Diderot und d’Alembert bis zu Kant und Hegel ins Auge fassten, nämlich eine  Gleichbehandlung aller Menschen ungeachtet ihrer Fähigkeiten (und damit auch ohne Wettbewerb), so wie sie im Nukleus der Familie vermutlich seit Beginn der Menschheitsgeschichte die Regel war: Eine Mutter liebt ihre Kinder, ganz gleich ob sie stark oder schwach sind, dumm oder intelligent. Das war gleichermaßen das Ideal, welches Marx vorschwebte. In der klassenlosen Gesellschaft, wie er sie verwirklichen wollte, „gab jeder nach seinen Fähigkeiten und nahm gemäß seinen Bedürfnissen.“

 Wir wissen heute,

dass es eine solche familienähnliche Solidarität in vielen kleinen Gesellschaften tatsächlich gab, angefangen bei den Jägern und Sammlern bis zu einigen frühen Gartenkulturen wie z.B. den Zuni. Aufgrund des agrarischen Abhängigkeitsgesetzes wurde sie allerdings nie in den großen Agrarkulturen verwirklicht – jedes Experiment dieser Art ist bisher blutig gescheitert: mit Millionen von Toten zuletzt in der Kulturrevolution, der Mao das chinesische  Milliardenvolk in den zehn Jahren zwischen 1966 und 1976 unterwarf. Ganz und gar undenkbar aber ist ein strikter Egalitarismus in der Ära der Streitenden Reiche, wo jede Nation Talent und Willenskraft aufs Höchste zu steigern trachtet. In solchen Zeiten werden alle Leistungen, welche einen Vorteil im Wettbewerb und Überlebenskampf versprechen, im Gegenteil besonders betont und belohnt, also vor allem ökonomisches Können und militärische Erfindungskraft. Wettbewerb spielt dann eine so beherrschende Rolle, dass er auch von denen, die ihm ihren Aufstieg verdanken, nicht mehr als Chance gesehen wird, sondern nur noch als ein zerstörerischer Kampf alle gegen alle. Heute leben wir – nicht anders als die Menschen der Achsenzeit vor zweitausend fünfhundert Jahren – wieder in einer Ära der Streitenden Reiche. Genau darin liegt – wie eine der Hauptthesen dieses Buches besagt – das eigentliche Problem unserer Zeit (das aber Kritiker der Moderne angefangen von Rousseau bis zu Pankaj Mishra geflissentlich verdrängen und übersehen).

Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„.)

Klimawandel und Massenmigration

Ich habe das Glück, in einem Staat zu leben, wo niemand Hunger leidet, man weder wegen seines Glaubens, noch seiner Hautfarbe oder Rasse verfolgt wird und selbst nachts nicht zu befürchten hat, von Verhungernden, von verzweifelten Dieben oder politischen Fanatikern aus dem Hinterhalt angegriffen oder ermordet zu werden. Hätte mich der Zufall der Geburt allerdings in Somalia zur Welt kommen lassen, dann würde ich selbstverständlich alles tun, um einem mörderischen Regime zu entgehen oder auch schlicht dem Verhungern. Ich würde die Heuchelei des Westens anprangern, der eine künstliche Grenze zwischen politisch Verfolgten und den Verhungernden zieht: Wirtschaftsflüchtlingen und Asylanten, so als wäre das eine zu tadeln und das andere erlaubt.

Ist der Tod nicht beide Male dasselbe?

Ich würde auch nicht verstehen, dass sie unsere Reiseführer, die sie als „Schlepper“ bezeichnen, pauschal zu Verbrechern erklären. Wie soll ich denn einem Weg durch fremde Länder finden, wenn es nicht Leute aus meiner Heimat und Menschen von meiner Sprache sind, die mir die sichersten Routen zeigen und mich davor bewahren, schon lange vor Erreichung des Ziels beraubt, erschlagen oder versklavt zu werden? Ihr wollt uns nicht, aber dann sagt das doch rund heraus ohne diesen ungeheuren Aufwand an Heuchelei!

Mea Culpa? Nostra maxima Culpa? No!

Nochmals: Ich habe das Glück, im reichen Norden geboren zu sein. Nur hartgesottene Egoisten schrecken davor zurück, sich in die Lage ihrer ärmsten Mitmenschen zu versetzen. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Bewohner im Norden nicht genauso im Recht wie die im Süden sind, wenn sie ihren jeweiligen Standpunkt zur Geltung bringen. Es gibt keine dem Globus von außen oktroyierte Gesetzestafel, die souveräne Staaten dazu verpflichtet – mögen sie materiell noch so begütert sein -, den Ärmsten der Welt ihre Grenzen zu öffnen. Es gibt nur eine ethische Forderung, eine Forderung des Gewissens, Menschen zu helfen, denen wir das gleiche Recht wie uns selbst auf eine halbwegs gesicherte Existenz zugestehen. Im Westen sind inzwischen viele bereit, ein „Mea Culpa“ anzustimmen, weil sie glauben, dass wir als Urheber des Klimawandels eine Schuld gegenüber dem Süden begleichen müssten. Ich halte diese Meinung für falsch. Die Folgen menschlichen Handelns sind so gut wie niemals vorauszusehen. Noch bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hat kaum jemand gewusst, welche Auswirkungen die Industrialisierung durch den Ausstoß von CO2auf die Umwelt haben würde. Selbst heute, wo die Experten durchaus in der Lage sind, die Folgen auf das Klima genau abzuschätzen, streben alle Staaten einschließlich denen des afrikanischen Kontinents, nach Wachstum, mit anderen Worten, sie sehen ihr Heil in weiterer Industrialisierung.

Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache

Die Fachleute lassen aber keinen Zweifel daran, welche Folgen der steigende Verbrauch fossiler Brennstoffe haben wird. Während der vergangenen 650 000 Jahre fluktuierte der Anteil von COan der Luft zwischen 180 Molekülen auf eine Million Luftmoleküle während den früheren Eiszeiten und 290 ppm in den wärmeren Zwischenzeiten. Niemals wurde der Wert von 300 ppm erreicht.

Das war zum ersten Mal im Jahr 1958 der Fall. Im Mai 2010 war dieser Anteil schon auf 393 ppm in die Höhe geschnellt. Zwar lösen die Ozeane einen Teil des CO2s, und Pflanzen benötigen einen weiteren Teil für die Photosynthese, aber beides reicht nicht aus, um die jährlich vom Menschen erzeugten 38 Milliarden Tonnen zu absorbieren. Der IPCC geht davon aus, dass bei ungebrochenem Trend dieser Wert gegen 2050 die Marke von 550 ppm erreichen und damit höher sein wird als während der letzten 24 Millionen Jahre. Die Durchschnittstemperatur wird dann bis Ende dieses Jahrhunderts um mindestens 1,50C, vielleicht aber bis um 40C steigen.

Schon einmal gab es eine dramatische Erwärmung (damals ohne Einwirkung des Menschen)

Um sich die Dramatik dieses Wandels vor Augen zu führen, sollte man einen Blick auf die jüngere Geschichte des Planeten werfen. Der Anstieg von 180 ppm auf 260 ppm zwischen 20 000 bis 10 000 v. Chr. sorgte für eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um drei Grad Celsius und einen Anstieg des Meeresspiegels um 120 m. Von da an blieben die CO2-Konzentration, die Durchschnittstemperatur und das Meeresniveau zehntausend Jahre lang einigermaßen konstant. Erst die sprunghaft vermehrte Emission von Treibhausgasen durch die Industrialisierung hat die Temperatur innerhalb eines einzigen Jahrhunderts (1900 – 2016) um einen vollen Grad wachsen lassen – das ist ein Wert, für den zwischen 10 und 20 000 vor Chr. etwa dreitausend Jahre benötigt wurden. Selbst wenn der Meeresspiegel mit entsprechender Zeitverzögerung (denn Eis schmilzt nicht von heute auf morgen) nur um einen einzigen Meter steigt, werden an die 100 Millionen Menschen sämtliche küstennahen Metropolen der Welt verlassen müssen. Bei unverändertem oder gar weiterhin wachsendem CO2-Ausstoß ist aber mit einer Erhöhung der Temperatur um 4 bis 5 Grad zu rechnen. Sobald die beiden Eispanzer über dem Nordpol und in der Antarktis geschmolzen sind, würde der Meeresspiegel dann um maximal weitere 70 m steigen.

Absehbare Völkerwanderungen

Mit Sicherheit haben wir in diesem Fall mit Völkerwanderungen zu rechnen, und zwar vor allem aus jenen Ländern der Subsahara, die vom Klimawandel am schwersten betroffen sind. Der Stern-Report von 2006 hatte eine Massenmigration  von 200 Millionen Menschen angekündigt. Die findet gegenwärtig schon statt. Neuere Zahlen sprechen von 196 Millionen Klimaflüchtlingen allein zwischen 2008 – 2016, davon entfallen auf das Jahr 2016 schon 23,5 Millionen (Volker Quaschning). Wenn auch nur der zehnte Teil der Migranten die Festung Europa zu erstürmen versucht, wird die zu erwartende Reaktion der Bevölkerung unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern. Als dramatisch aber könnten sich bereits die friedlichen Wanderbewegungen und Ansprüche an weiteres Wirtschaftswachstum auswirken. Allein in China wird in den kommenden Jahren knapp eine halbe Milliarde Menschen aus den ärmlichen, aber weniger umweltbelastenden Landgebieten in die energieintensiven Städte umsiedeln. Kein anderer Staat wird so hungrig wie China auf Ressourcen sein. Eisen, Kupfer, Holz, Soja, Öl, Kohle und Gas, die dieser Staat von allen Enden der Welt importiert, sind aber schon heute knapp geworden.

Sind Migranten eine Bereicherung?

Wer will bestreiten, dass Menschen von Natur aus neugierig sind, sich immer schon für das Fremde und für ihre fremden Mitmenschen interessierten? Es ist durchaus nicht verwunderlich, dass vielen Völkern das Gastrecht als heilig galt. Ein Fremder, der die eigene Gemeinschaft besuchte, das war eine Bekanntschaft mit fernen Ländern, anderen Sitten, merkwürdigen Gebräuchen und aufregenden Ideen. Bis vor zweihundert Jahren, als über neunzig Prozent der Menschen noch in voneinander isolierten Dörfern getrennt voneinander lebten, war die Ankunft eines Fremden so aufregend wie heute ein Fußballspiel, das Fernsehen oder ein aufrüttelnder Film.

Dennoch war die Begegnung mit fremden Menschen von jeher durch Ambivalenz charakterisiert. So sehr die Ankunft von ein oder zwei Fremden die Einheimischen zu faszinieren vermochte, so groß war in der Regel die Furcht vor ihnen, wenn sie in Massen kamen, denn kann konnte es der bodenständigen Bevölkerung passieren, dass an die Stelle des Gastrechts etwas ganz anderes trat: Nackte Gewalt bis hin zum offenen Krieg. Seit Ende des fünfzehnten Jahrhunderts emigrierten Europäer – ohne dazu von Not getrieben worden zu sein. In den beiden Amerikas und im pazifischen Raum haben sie die Einheimischen keineswegs um Gastrecht und freundliche Aufnahme gebeten, sondern sie im Gegenteil vertrieben, versklavt oder ausgemerzt. Damit prolongierten sie allerdings nur eine Tradition, die so alt zu sein scheint wie die Menschheit selbst. So haben zum Beispiel zweieinhalb Jahrtausende zuvor die im Peloponnes einfallenden Dorer die heimischen Heloten zu ihren Arbeitssklaven gemacht; auf Kreta sind sie mit den dort heimischen Bewohnern ähnlich verfahren. Nicht anders gingen die germanischen Stämme vor, als sie wie die Heuschrecken über den Kyberpass in Nordindien einfielen. Und die vor dem Hunger fliehenden Völker aus dem Norden Europas, welche über die Alpen strömten, um sich Rom zu unterwerfen, haben ebenso wenig wie fünfhundert Jahre später die Normannen zuvor höflich danach gefragt, ob sie im Süden Europas willkommen wären: Das fremde Land haben sie brutal mit Waffengewalt genommen. Bis in unsere Zeit hat Migration so gut wie immer Krieg bedeutet. Es gehört schon sehr viel Optimismus dazu, für die Zukunft an eine andere Entwicklung zu glauben.

Die fossile Abhängigkeit ist kein Schicksal

Der Klimawandel als Folge der industriellen Entwicklung droht in Afrika und anderen Teilen der Welt die dort ansässigen Menschen ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Alles kommt daher darauf an, seine Ursachen, die Verwendung fossiler Energie, zu beenden. Technisch ist diese Aufgabe durchaus möglich, nämlich durch die Umstellung der gesamten Weltwirtschaft auf erneuerbare Energien. Angesichts der gewaltigen Menge der auf den Erdball einfallenden Sonnenenergie – insgesamt etwa 3 850 000 Exajoules pro Jahr – erscheint eine solche Energiewende als realistisch, wird doch der gesamte jährliche Energieverbrauch der Menschheit von etwa 559,8 Exajoules (im Jahr 2012) von der Sonne innerhalb von weniger als neunzig Minuten auf den Planeten abgestrahlt!

Die Aussichten sind verführerisch, die Umsetzung ist es leider weit weniger, denn der Übergang von fossiler zu erneuerbaren Energien kommt nur äußerst schleppend voran. Es ist kaum damit zu rechnen, dass die Menschheit das Ziel einer ökologischen Energieversorgung noch vor Ende des gegenwärtigen Jahrhunderts erreicht – also vor dem Zeitpunkt, wo der Klimawandel noch abgebremst werden kann. 

Es geht nicht ohne resolute Einsparungen

Beim gegenwärtigen Stand der Technik und wenn Energie nicht in großem Maße gespart wird, scheint das Ziel aber überhaupt unerreichbar zu sein. Eine Forschergruppe um Jessica Lovering hat errechnet, dass wir eine Fläche in der Größe der Vereinigten Staaten (einschließlich Alaskas) zusammen mit der bewohnten Fläche Kanadas und dazu noch Zentralamerika mit Windrädern und Solarmodulen bedecken müssten, um den gesamten projektierten Energiebedarf der Menschheit im Jahr 2050 aus erneuerbaren Quellen zu speisen.

Diese Berechnung stimmt überraschend gut mit der folgenden zusammen, in der für Deutschland ein Flächenbedarf von 2,6 Prozent für Windräder und Solarmodule errechnet wird, um die fossile Energie vollständig zu ersetzen. Allerdings gelten die 2,6 Prozent nur, sofern der gegenwärtige Energiebedarf um den Faktor zehn auf das absolut notwendige Minimum reduziert wird. Die von Lovering errechnete Landfläche von ca. 19 Millionen kmsteht zur verbleibenden nutzbaren Landfläche des Globus von etwa 110 Millionen kmim Verhältnis von 17 zu hundert. 17 Prozent der gesamten Landfläche müssten somit für Windräder und Solarmodule geopfert werden, um den gesamten für 2050 vorhergesagten Energiebedarf zu decken. Wenn man diesen Bedarf um den Faktor zehn reduziert, werden die für Deutschland errechneten Werte erreicht.

Der Klimaexperte Volker Quaschning,

dem die nachfolgenden Berechnungen zu verdanken sind, schätzt die Lage für die Bundesrepublik Deutschland zugleich positiver und im Hinblick auf die von der Bundesrepublik bisher ergriffenen Maßnahmen doch wieder sehr pessimistisch ein. Der Sinn der Umstellung auf erneuerbare Energien liegt in der Abwendung der verheerenden Auswirkungen des Klimawandels, d.h. in dem Verzicht auf fossile Brennstoffe. Wenn Deutschland das 2015 unterzeichnete Pariser Abkommen einhalten will, muss es die CO2-Emissionen bis spätestens 2040 auf null reduzieren; der Anteil fossiler Brennstoffe am gesamten Energieverbrauch beträgt gegenwärtig aber immer noch 74%.

Würde Deutschland auf fossile Brennstoffe vollständig verzichten, dann käme es im günstigsten Fall, wenn nämlich aller vermeidbare Verbrauch an Energie abgestellt wird, mit etwa dem Doppelten der heute erzeugten Strommenge aus. Wird diese insgesamt regenerativ erzeugt, dann werden ca. zwei Prozent der Landesfläche für Windräder und 0,6 Prozent für Solarmodule gebraucht. Konkret läuft das auf eine Vervierfachung der heute bestehenden Windparks hinaus und eine Vergrößerung der für Solarmodule zur Verfügung stehenden Fläche um etwas mehr als das Siebenfache.

Doch wenn Deutschland mit dem Doppelten der gegenwärtigen Strommenge auskommen will, muss es zunächst bei den großen Energiefressern, den Gebäuden, ansetzen. Diese müssen durch Dämmung saniert und ihr Wärmebedarf statt durch Öl- und Gasheizungen durch strombetriebene Wärmepumpen gesichert werden. Um wechselndem Bedarf gerecht zu werden, wird überschüssiger Strom in Form von flüssigem Wasserstoff gespeichert. In diesem Fall könnte der Energiebedarf bis auf ein Zehntel herabgedrückt werden.

Ebenso müsste der Verkehr spätestens ab 2025 ganz auf Benzin- und Dieselfahrzeuge verzichten. Eine Elektrifizierung der Autobahnen bis 2025 wäre unerlässlich, um auch den Schwerlastverkehr von fossilen Brennstoffen unabhängig zu machen. Der gesamte Schiffs- und Flugverkehr müsste ab diesem Termin auf stromerzeugte flüssige und gasförmige Energieträger und bis spätestens 2040 die gesamte Stromerzeugung zu 100% auf regenerative Erzeugung umgestellt worden sein.

Wäre ein nationaler Kraftakt von solchem Ausmaß in einem reichen Staat wie Deutschland denkbar? Der ehemalige ifo-Präsident Hans-Werner Sinn bezweifelt das kategorisch. Die Kosten für einen totalen Übergang zu den Erneuerbaren lägen so astronomisch hoch, dass die deutsche Volkswirtschaft darunter zusammenbrechen würde. „Die Energiewende führe ins Nichts.“*1* Wenn Deutschland seine Industrien und seinen Lebensstandard erhalten wolle, dann gebe es keine andere Möglichkeit, als eine Rückkehr zur Atomenergie.

In jedem Fall geht die gegenwärtige Klimapolitik der Bundesregierung an diesem Ziel in so hohem Maße vorbei, dass die schlimmsten Prognosen der Klimaforscher unabwendbar erscheinen, also ein finaler Anstieg der Durchschnittstemperatur um 4 bis 5 Grad und des Meeresspiegels um 70 m. Diese erschreckende Prognose ist umso mehr zu befürchten, als die Aussichten auf eine radikale Abkehr von fossilen Energien ja in den meisten anderen Ländern noch weit schlechter stehen, soweit sie nicht auf Atomenergie umsteigen. Wie Volker Quaschning ausdrücklich betont, würden auch die von den deutschen Grünen vorgeschlagenen Maßnahmen an dieser Aussicht nichts ändern.

Eine bedrohte Zukunft

Seine ganze Brisanz erhält der Klimawandel erst vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung. Während in Afrika um 1800 etwa 90 Millionen Einwohner lebten, waren es in Europa etwa doppelt so viele. Heute aber zählt Afrika 1,3 Milliarden Menschen und bis 2100 wird sich deren Zahl mehr als verdreifacht haben. Dann leben dort sieben Mal mehr Menschen als in Europa. Eine Verschiebung wirtschaftlicher und militärischer Macht ist nicht zu erwarten, denn in Afrika wird mit größter Wahrscheinlichkeit genau das passieren, was China durch seine Einkindpolitik verhindern konnte: jeglicher Fortschritt im Lebensstandard wird von einer wachsenden Menschenzahl zunichte gemacht. Die Not wird dort in schnellem Tempo wachsen, weil der Kontinent seine Menschen bestenfalls zu ernähren, ihnen aber nicht die Aussicht auf eine sozial befriedigende Existenz zu geben vermag. Umso größer ist die Sogwirkung, die von Europa ausgeht. Nicht nur ist der Norden im Vergleich ein blühendes Eldorado, sondern er ist zudem auch noch relativ menschenleer. Das gilt insbesondere für Deutschland. 2015 lag die Geburtenzahl in Subsahara-Afrika beim 52-fachen des deutschen Wertes, 2100 wird sie knapp das 200-fache betragen. 2015 lebten dort etwa 15 Mal so viele Menschen wie in Deutschland, 2100 werden es 62 Mal so viele sein.*2*

Diese Tatsachen werden gerne verdrängt

und aus verständlichen Gründen, denn es herrscht immer noch Ratlosigkeit, wie man auf den Migrationsdruck aus Afrika reagieren soll. Die UNO geht davon aus, dass die Bevölkerung in Subsahara-Afrika innerhalb der kommenden 15 Jahre um mehr als 400 Millionen Menschen zunehmen wird. Selbst wenn nur jeder Zehnte von ihnen sein Heil in Deutschland sucht, sind das immer noch 2,7 Millionen pro Jahr (400/15/10= 2,67) . Gelänge die Auswanderung jedem Dritten, dann liefe das auf eine Völkerwanderung von 9 Millionen (400/15/3= 8,89) jährlich hinaus.

Wie zu Beginn beschrieben, bedarf es keiner politischen Diktaturen, um Millionen zur Flucht zu bewegen, Hunger und Perspektivlosigkeit reichen völlig aus. Bis ins zwanzigste Jahrhundert wurde das Bevölkerungsniveau in den traditionellen afrikanischen Agrarzivilisationen auf dieselbe Art in Schach gehalten wie überall sonst in der Welt, nämlich durch Krankheit und regelmäßig auftretende Hungersnöte. Wenn dies nicht reichte (man muss es leider so brutal formulieren), wurde die Zahl der Menschen durch menschliches Zutun begrenzt, wobei Kriege das übliche Mittel waren. Die moderne Medizin verbunden mit elementaren Maßnahmen der Hygiene hat Krankheiten auch in wenig entwickelten Ländern stark reduziert und die Lebenserwartung schlagartig heraufgesetzt – eine Erlösung von uralten Übeln. Aber auf das dadurch bewirkte exponentiell verlaufende Bevölkerungswachstum in wirtschaftlich unterentwickelten Staaten hat bisher nur China die richtige Antwort gefunden: eine von oben verordnete Einkindpolitik verbunden mit staatlicher Altersversorgung.

In Afrika gibt es keine staatliche Altersversorgung, aus diesem Grund haben die Menschen dort ein unmittelbares Interesse an einer großen Nachkommenschaft. Verhütungsmittel sind zwar bekannt, aber sie werden bewusst abgelehnt. Andererseits scheint dort bisher kein Staat so mächtig zu sein, dass er gegenüber der eigenen Bevölkerung eine Einkindpolitik auch nur in Vorschlag zu bringen, geschweige denn sie durchzusetzen vermag (das hat nicht einmal Indira Gandhi in ihrem Land durchsetzen können).

Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts

Die Welt, ganz besonders aber Europa, steht damit vor einer Herausforderung, welche der nuklearen und ökologischen an Brisanz durchaus vergleichbar ist, denn diesmal sind ihre Grundwerte betroffen: ihr Selbstverständnis und ihr Menschenbild. Die größte Errungenschaft Europas, welche die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute prägt, besteht in der Erkenntnis und einem darauf begründeten politischen Handeln, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechten sind – unabhängig von Rasse, Religion oder Herkunft. Wenn Europa sich ohne Vorbehalt zu dieser Überzeugung bekennen würde, müsste es seine Grenzen öffnen, auch wenn dann nach einigen Jahrzehnten die heimische Bevölkerung zu einer Minderheit schrumpft, weil Menschen von anderer Hautfarbe und Religion die Mehrheit bilden, wie das ja in einigen europäischen Metropolen ohnehin schon in absehbarer Zeit der Fall sein wird.

Wenigstens ebenso schwer wiegt aber das Risiko, dass eine massive Welle von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Einwanderern dem Wirtschaftssystem im Norden so schweren Schaden zufügt, dass am Ende die Not in Frankreich, Italien oder Deutschland ebenso groß sein wird wie in den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Dann wäre das Elend nur weiter verteilt und am Ende die Situation für Nord und Süd gleich schlecht geworden. Der Anreiz zu einer Einkindpolitik nach chinesischem Vorbild wäre durch ein offenes Ventil der Auswanderung aber ganz und gar aufgehoben, obwohl gerade eine derartige Politik die bisher einzig wirksame Maßnahme zur Eindämmung der Bevölkerung in Entwicklungsländern gewesen ist.

Gibt Europa dem wachsenden Einwanderungsdruck ohne Widerstand nach,

dann wird es sich in den kommenden Jahrzehnten bis zur Unkenntlichkeit verändern, nach hundert Jahren bliebe von seiner ursprünglichen Gestalt wohl kaum etwas übrig. Aber eines hätte der alte Kontinent dabei immerhin bewahrt: seine Werte. Trifft Europa hingegen die entgegengesetzte Wahl, indem es die Grenzen schließt, dann sollten wir uns eingestehen, dass die Völkerwanderung aus dem Süden letztlich nur durch Gewalt zu verhindern ist. Dabei macht es nur für unverbesserliche Heuchler einen Unterschied, ob Europa diese Gewalt selbst ausübt, zum Beispiel mit Hilfe einer Grenzpolizei, oder ob es sie an umliegende Staaten delegiert, die durch entsprechende Bestechung dazu überredet werden.

Es gibt einen mittleren Weg

Die vorangehenden Überlegungen entwerfen ein Doomsday Szenarium, das durch die bekannten Fakten leider auf eine kaum noch anfechtbare Weise untermauert wird. Ich erlaube mir trotzdem, ein unverbesserlicher Optimist zu bleiben, denn ein mittlerer Weg zwischen der Selbstaufgabe und der Anwendung brutaler Gewalt ist jedenfalls möglich. Wir müssten ihn allerdings mit entschlossenem Handeln sehr schnell betreten. Die Gemeinschaft der wirtschaftlich führenden Staaten, vor allem das existenziell betroffene Europa, sind aufgefordert, einen Marshallplan für die Region südlich der Sahara zu beschließen. Nicht um Entschädigung für den Klimawandel zu leisten, denn da ist keine wirkliche Verantwortung feststellbar, sondern im Sinne einer Wiedergutmachung für die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents. Der erste Akt würde deshalb noch gar keine Hilfe implizieren, es genügt, dass Afrika nicht weiterhin ein Objekt der Ausbeutung ist. Dies hatte schon ein unparteiischer Beobachter wie Jean Ziegler verlangt. Europa dürfe Afrika nicht länger mit den billigen Produkten seiner hochsubventionierten Agrarindustrie überschwemmen, welche die Landwirtschaft in Teilen Afrikas großflächig vernichten. Außerdem dürften die Meere vor den Küsten Senegals und Somalias nicht länger von ausländischen Schiffen so leergefischt werden, dass es für die lokale Bevölkerung, die bis dahin wesentlich vom Fischfang lebte, nicht länger fürs Überleben reicht. Ein solcher Marshallplan müsste daher zunächst einmal eine Wiedergutmachung an unseren afrikanischen Nachbarn sein.

Die weitere Hilfe müsste Europa dann allerdings mit einer Bildungsoffensive für die Frauen verbinden, damit diese über ihr eigenes Schicksal entscheiden und nicht länger als Gebärmaschinen missbraucht werden können. Anders gesagt, müsste ein solcher Marshallplan eine kontrollierte Einkindpolitik zur Bedingung machen, da sonst jede Hilfe wirkungslos bleibt: Sie würde eine weitere Zunahme der Bevölkerung noch zusätzlich fördern.

Sind solche Überlegungen hirnverbrannt optimistisch? Nicht unbedingt, denn das Schicksal der Menschheit ist nirgendwo in Stein gemeißelt, nur von einer Instanz hängt es wirklich ab: der Menschheit selbst. Diese lässt sich allerdings von sehr unterschiedlichen Motiven leiten. Der unmittelbare Vorteil übt zu jeder Zeit eine mächtige Sogwirkung aus – so mächtig, dass die Zukunft dabei oft ganz aus dem Blick gerät. Das ist der Grund, warum fossilgetriebene Wachstumsträume immer noch das Denken der meisten Menschen beherrschen: Die Verdoppelung des Flugverkehrs in der kommenden Dekade, damit jeder Mensch einmal über der Erde schwebt, das eigene Auto für alle sieben bis zehn Milliarden Bewohner des Globus. Das sind Träume, die verständlicherweise gerade in den bislang benachteiligten Ländern der Erde so mächtig und verführerisch sind, dass davor alle Warnungen verblassen.

Ein Wandel ist erst zu erwarten, wenn die Vorzeichen immer bedrohlicher werden. Das ist aber schon heute der Fall. Stürme, Überschwemmungen und Taifune werden in den kommenden Jahren noch verheerender sein und die drohende Gefahr für alle sichtbar machen. Dann werden nicht nur die Experten das Menetekel erkennen, sondern die große Mehrheit, die sich gegen dieses Wissen immer noch sträubt.

(Dieser Aufsatz ist ein Exzerpt aus „In Search of Meaning and Purpose in Human History“)

1 Siehe https://www.youtube.com/watch?v=jm9h0MJ2swo. Da ich ein Buch mit dem Titel „Die Energiewende“ veröffentlicht habe, fällt es mir sehr schwer, den Glauben an diese schöne Vision aufzugeben. Aber die von Sinn gelieferten Zahlen haben mich – leider – überzeugt.

2 Zahlen aus Sarrazin 2016, Pos. 7206. Von diesem zusammengestellt aufgrund der Bevölkerungsprognose der UNO von 2015 für den Zeitraum von 2050 bis 2100, wobei die von den Demographen vorausgesagten Entwicklungstendenzen in Afrika und Deutschland gegeneinander verrechnet wurden. Natürlich handelt es sich um Schätzungen, allerdings solche von hohem Wahrscheinlichkeitswert. Gunnar Heinsohn gelangt zu ähnlichen Schlüssen in: „Benötigt die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft Einwanderung?“ (https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=13287&token=ff66b5763e93cf3617a87373bffce00630834438). Sarrazin ist ein Beamter von preußischer Korrektheit, auch seine ärgsten Kritiker haben ihm nicht vorwerfen können, mit Zahlen leichtfertig umzugehen. Nur politisch korrekt war er nie. Seine Stellungnahmen zum Einwanderungsproblem waren – wie die Kanzlerin es formulierte – „nicht hilfreich“.

Der Fluch der Globalisierung

Ich lebe in Puch bei Weiz, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeichnen, obwohl die Menschen hier keineswegs müßige Träumer sind, sondern im Gegenteil überaus arbeitsam. Das macht sich auf angenehme Weise bemerkbar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohlstand, die Abwesenheit von äußeren Umgrenzungen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nachbarschaft schließen. Gerade die einfachen Leute pflegen hier besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Fremden gegenüber herrscht Toleranz, was mir und meiner Familie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Achtzigerjahre entschloss, Berlin zu verlassen und meinen Wohnsitz hier aufzuschlagen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächsten größeren Stadt.

Wohlstand ist hier keinesfalls selbstverständlich.

Noch bis vor einem Dreivierteljahrhundert liefen die Kinder barfuß zur Schule. Knechte und Mägde, die es heute längst nicht mehr gibt, waren allgegenwärtig und führten ein nicht nur ärmliches, sondern erbärmliches Leben. Eine heute achtzigjährige Nachbarin, deren Bruder im Krieg gefallen war, hatte als Kind noch den Ochsen zum Pflügen auf das Feld führen müssen. Dennoch reichte die Arbeit auf dem eigenen Grund gerade aus, um die Menschen nicht verhungern zu lassen. Niemand hier würde der „guten alten Zeit“ nachtrauern. Denn alles hat sich danach innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend geändert: Man möchte sagen, die alte und die neue Zeit haben nichts mehr miteinander gemein.

Wenn ich mir vorstelle, die ganze Menschheit könnte in verträumten Dörfern leben, aber mit modernem Komfort, dann wäre das ein optimistischer Ausblick. Dann hätten wir Grund, mit unserem Leben zufrieden zu sein, denn hier scheint alles auf Dauer, auf leidliche Zufriedenheit und selbst auf Schönheit angelegt. Niemand käme hier auf den Gedanken, die bestehende Gesellschaftsordnung zu stürzen, nach einem neuen Menschen zu rufen oder gar eine blutige Revolution zu beginnen. Zwar ist die Mehrheit mit ihrem Los heute sowenig zufrieden wie sie es in der Vergangenheit war, denn jeder bemisst seinen eigenen Stand und Vorteil an dem seiner Nachbarn, und da es stets jemanden gibt, dem es besser geht, sind dem eigenen Wünschen und Hoffen keine Grenzen gesetzt. Aber das sind die üblichen Geschichten von Neid und Konkurrenz, die seit Anfang der Welt bestehen und wohl auch nur mit ihrem Ende aufhören werden.

Dennoch trügt die Idylle.

Schon vor Jahren hatte Helmut Schmidt mit Staunen vermerkt, dass die deutsche Landwirtschaft mit einem Betrag subventioniert wird, der ziemlich genau ihrer Wertschöpfung entspricht – ohne diese staatliche Hilfe wäre sie nicht überlebensfähig. Anders gesagt, ist es der IndustriestaatDeutschland, der sich eine Landwirtschaft leistet, die es nicht mehr geben würde, wenn die Bauern ohne diese Hilfe auskommen müssten. Man muss es in aller Deutlichkeit sagen, deutsche und österreichische Landwirte würde es kaum mehr geben, wenn die Industrie beider Länder nicht so leistungsstark wäre, dass sie den Bauern durch entsprechende Subventionen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt ermöglicht. Dennoch versucht man, die Last zu reduzieren, indem man die kleinen bäuerlichen Betriebe dazu zwingt, sich zu immer größeren zusammenschließen. Die Folge: Felder, die sich bis an den Horizont ausdehnen, und industrialisierte Massentierhaltung. Wo beides nur schwer möglich ist, wie in der Bergregion, wo ich lebe, erobert sich der Wald weite Gebiete zurück, die einst bewirtschaftet wurden. Postämter schließen, Gemeinden und Polizeistationen werden zusammengelegt, öffentliche Verkehrsmittel stellen die Fahrten ein. Neuerdings verschwinden auch die Gasthäuser, die für das kommunale Leben noch bis vor kurzem von großer Bedeutung waren. In den kleineren Ortschaften bietet sich ein Anblick der Trostlosigkeit, da die Geschäfte reihenweise veröden. Die Menschen wandern in die größeren Städte ab. Das Land ist zwar nach wie vor schön, es macht immer noch den Eindruck bürgerlicher Wohlhabenheit, aber seit etwa zwei Jahrzehnten trat hier die Wende ein: Die Idylle befindet sich in einem gar nicht mehr so schleichenden Prozess der Entvölkerung.

Das Selbstvertrauen der hiesigen Menschen

beruhte auf dem durchaus realen Gefühl, Herren ihres eigenen Schicksals zu sein. Dank ihres Fleißes haben fast alle (einschließlich der ehemaligen Knechte und Mägde) ihr eigenes Dach über dem Kopf und führen ein nicht nur gesichertes, sondern ein Leben, das im Vergleich zur Vergangenheit geradezu opulent anmutet. Dieses elementare Selbstvertrauen in den Erfolg der eigenen Leistung und Kraft ist heute nur noch in Teilen Europas und auch im reichen Norden nur noch in begünstigten Schichten der Bevölkerung zu finden. Das Selbstvertrauen ist abgewandert, es wurde ausgelagert in die aufstrebenden Staaten Asiens, vor allem nach China und Indien. Dort erleben die Menschen gegenwärtig, was bei uns nicht nur abgeschlossen, sondern in Teilen Europas sogar rückläufig ist, nämlich die Erlösung der Bevölkerungsmehrheit aus Jahrtausenden von Armut und Abhängigkeit.

Warum ist den Menschen im Westen der Optimismus abhandengekommen?

Weil nicht nur die Landwirtschaft uns eine verblassende Idylle vor Augen hält, sondern – viel gefährlicher für die Zukunft – auch die Industrie, die doch die Basis unseres Aufstiegs und Reichtums ist. Die größten im Dax registrierten Konzerne Deutschlands sind längst nicht mehr Eigentum der einstigen Deutschland AG (also der führenden deutschen Banken), inzwischen gehören sie zu mehr als der Hälfte einer Internationale der Gläubiger. Die kann ihren Aktienbesitz jederzeit abstoßen und dadurch entwerten, wenn der Standort Deutschland (oder Österreich) nicht den verlangten Profit beschert. Dieser Fall ist jedenfalls dann gegeben, wenn Arbeiter und Angestellte zu hohe Löhne fordern oder der Staat eine in ihren Augen zu teure Wohlfahrts-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik betreibt. Industrien wandern dann nicht nur in den Osten Europas ab, sondern oft verlassen sie den Alten Kontinent überhaupt. Der Staat steht solchen Entscheidungen ohnmächtig gegenüber, weil börsennotierte Unternehmen das Privateigentum ihrer Shareholder sind.

Ulrike Herrmann, ein Shooting Star in der modeanfälligen Wirtschaftspublizistik

hat dazu andere Vorstellungen. Sie demonstriert mit ihren Thesen, dass es nicht nur populistische Politik, sondern auch eine populistische Wissenschaft gibt – jedenfalls in der immer schon für alle möglichen Ideologien anfälligen ökonomischen Theorie. Sie fordert eine Politik höherer Löhne wie andere höhere Renten, kürzere Arbeitszeit oder längeren Urlaub. Bravo! Die Botschaft ist einfach und leuchtet ein. Schließlich wird kein vernünftiger Mensch daran zweifeln, dass eine höhere Entlohnung vor allem des am schlechtesten gestellten Bevölkerungsteils oder dessen aktive Unterstützung, sofern er von Armut bedroht ist, das Hauptanliegen einer auf sozialen Ausgleich bedachten Politik sein sollte. Eine Vielfalt von Untersuchungen belegt, dass eine in Arm und Reich zerfallende Gesellschaft der Nährboden für extreme Ideologien bis hin zum sozialen Aufruhr ist. Ein Populist kann gewiss sein, mit solchen Forderungen ein breites Publikum anzusprechen, weil die wenigsten danach fragen, ob ihre Verwirklichung unter den herrschenden Bedingungen überhaupt möglich ist. Die derzeitige italienische Regierung aus Politamateuren ist gerade im Begriff, ein Lehrstück in Sachen Realitätsblindheit zu zelebrieren. Während man das fehlende Geld zusammenkratzt, um ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine Flat Tax zu finanzieren, erhöhen die internationalen Anleger, in deren Händen sich die enormen Staatsschulden des Landes konzentrieren, den Risikoaufschlag, sprich die Zinsen. Dieser Aufschlag droht in kurzer Zeit so hoch zu werden, dass er ein Loch in das Budget reißt, das größer sein wird als die projektierten Wohltaten an die Armen des Landes.

Deutschland und Österreich

liegen aufgrund ihres Erfindungsreichtum und ihrer Ingenieurskompetenz weit vor Italien, aber in wesentlicher Hinsicht gleichen sie dem südlichen Nachbarn. Die Internationale der Gläubiger bestimmt auch in ihrem Fall, wie weit die Wohltaten des Staates und die der Unternehmen (Löhne) gehen dürfen. Die Nationen Europas sind durchaus frei, wenn es darum geht, in die Extreme von Rechts oder Links abzudriften. Antisemitismus und Fremdenhass oder umgekehrt Toleranz und demokratische Umgangsformen – die Gamme der Möglichkeiten zwischen Orban und Merkel wird hier nach wie vor auf nationaler Ebene bestimmt. Aber gerade dort, wo es um die materielle Wohlfahrt der Bevölkerung geht, ist jedes europäische Land zum bloßen Standort herabgekommen, dessen Schicksal nicht mehr dem eigenen demokratischen Wollen gehorcht, sondern von außen bestimmt wird. Ulrike Herrmann hat recht, wenn sie nach einen stärkeren Staat ruft, der die Belange der Globalisierungsverlierer vertritt. Das Problem ist nur, dass in Deutschland wie Österreich beide Volksparteien der wirtschaftlichen Fremdbestimmung tatenlos zugesehen haben und die neoliberale Kommission an der Spitze Europas sie bis heute aktiv befördert.

Der deutsche Kanzler Gerhard Schröder

hatte diese Fremdbestimmung viel klarer als die blauäugigen Populisten erkannt und daraus die Konsequenz gezogen. Bevor er die Agenda 2010 durchsetzte, galt Deutschland als Patient, genauer als „kranker Mann Europas“. Schröder entschloss sich zu einer Schrumpfkur für den Sozialstaat, d.h. er verbilligte ihn. Die Internationale der Gläubiger (welche über den größten Teil der Staats- wie der Unternehmensschulden verfügt) dankte es ihm. Danach ging es mit der deutschen Wirtschaft wieder bergauf. Unter den herrschenden Bedingungen der Abhängigkeit tat Schröder zweifellos das Richtige im rechten Moment. Er war nur leider der falsche Mann von der falschen Partei. Bis heute haben ihm die Sozialdemokraten nicht verziehen, dass es ein Kanzler des linken Lagers war, der den ersten Schritt zur Demontage der größten linken Errungenschaft, des Sozialstaats, vollzog. Schröder hat der deutschen Wirtschaft geholfen, aber der Sozialdemokratie ein Vermächtnis hinterlassen, das sehr wohl ein Todeskuss gewesen sein könnte.

Populismus besteht in der Unterdrückung von Fakten, wenn diese dem Wunschdenken widersprechen. Selbst Wirtschaftswissenschaftler wie Heiner Flassbeck und in seinem Gefolge Ulrike Herrmann haben sich bis zum heutigen Tag nicht zu einer offensichtlichen Erkenntnis durchringen können: Durch ihre Abhängigkeit von der Internationale der Gläubiger haben sich die Staaten des Westens in eine Falle begeben, aus der bloßes Wunschdenken sie nicht hinauszuführen vermag. Nicht einmal Forderungen von so elementarer Art wie eine höhere Besteuerung internationaler Unternehmen vermag der Einzelstaat durchzusetzen.

Die Abhängigkeit war von langer Hand vorbereitet

Gerade die erfolgreichen Industriestaaten haben auf immer mehr ausländische Ressourcen zugegriffen. Öl und Gas werden weiterhin in wachsenden Mengen in die westliche Welt geschleust (nur die Vereinigten Staaten sind aufgrund heimischer Schiefergasförderung inzwischen in einer besseren Position). Bald genügte die eigene industrielle Produktion nicht mehr, um die Forderungen der Öl- und Gasförderländer zu begleichen, vielmehr war man gezwungen, ihnen immer größere Anteile an der eigenen Wirtschaft (den Aktien der führenden Unternehmen) einzuräumen – mit anderen Worten, ein immer größeres Mitspracherecht. Ich habe in früheren Schriften für eine Befreiung von dieser Abhängigkeit plädiert („Energiewende“, Popyläen). Ein solarversorgtes Europa könnte sich wieder zum Souverän der eigenen Wirtschaft machen. Doch das ist kein einfacher Schritt, denn er läuft den Interessen der Industrie zuwider, weil er ihrem Expansionsdrang Grenzen setzt. Über solche Vorschläge wird daher bis heute nur milde gelächelt. Ich habe deshalb gleichfalls vorausgesagt, dass an eine Eindämmung der Globalisierung nicht zu denken wäre, solange die USA, bis vor kurzem deren treibende Kraft, sich einer solchen Entwicklung entgegenstemmen.

Inzwischen ist genau diese Kehrtwende eingetreten: die USA werden protektionistisch

Allerdings nicht etwa deshalb, weil die Wirtschaftstheoretiker eine neue Theorie aufgestellt hätten. Kapital sollte dort angelegt werden, wo es die besten Resultate erzielt – diese Textbuchwahrheit wird heute so wenig angezweifelt wie in der Vergangenheit, zumal ihr die Wirklichkeit ja weitgehend recht gibt. Auf diese Weise sind erst die Tigerstaaten und inzwischen auch die beiden Milliardenreiche Indien und China, vor allem Letzteres, zu einem verblüffenden Aufschwung gelangt. Was die staatlich betriebene Entwicklungshilfe niemals schaffte, das hat der private Kapitalismus gleichsam über Nacht bewirkt, indem er Technologien und Investitionen in Strömen dorthin fließen ließ, wo Menschen die Bereitschaft aufbrachten, unter härtesten Bedingungen und zu niedrigsten Löhnen zu ihrem eigenen Vorteil und für den ihres Landes zu arbeiten.

In einer idealen Welt könnte dies eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten sein, in der Welt, wie sie ist, liegen Vorteil und Verlust weit auseinander. Wirtschaftstheoretiker pflegen Komplexität auszublenden, wenn sie in Widerspruch zu den schönen Formeln geraten. Die Amerikaner haben einen Großteil ihrer produzierenden Industrien ausgelagert – und mit ihnen die Technologien, denen das Land seinen Vorsprung und seinen Reichtum verdankt. Inzwischen ist ihnen bewusst, dass es allenfalls zwei, drei Jahrzehnte dauern wird, bis sie auf sämtlichen Gebieten (selbst dem militärischen) ihre globale Vormachtstellung verlieren, wenn die Entwicklung weiterhin so verläuft wie in den vergangenen Jahren. In China schießen neue Industrien in unaufhörlicher Folge aus dem Boden; China erweitert seine militärische Präsenz zu Land, auf dem Wasser und in der Luft, inzwischen ist es zu einer Weltraummacht geworden und zur Werkbank der ganzen Welt. Der atemberaubende Aufstieg dieses Landes steht in grellem Kontrast zu den Vereinigten Staaten, wo die einst führenden Industrien als traurige Rostgürtel den Amerikanern das mittelalterliche Gespenst des „Memento mori“ vor Augen führen. Wie jedermann wissen sollte, hat sich China noch bis vor kurzem mit hohen Zollbarrieren gegen ausländische Industrieimporte geschützt – es war das protektionistische Land -, während in führenden amerikanischen Supermarktketten wie Walmart ganze 90 Prozent des Angebots aus dem fernen Osten stammen. In Europa könnte es bald ähnlich sein, denn dorthin exportiert China inzwischen mehr Waren als in die USA.

Der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Ländern besteht aber darin, dass das autokratische bis diktatorische China die große Masse der Armen aus ihrer Misere erlöste; deswegen revoltieren sie nicht gegen die Gängelung von oben, sondern sind mit dem Regime weiterhin einverstanden. Die US-amerikanische Elite hat es dagegen fertiggebracht, die Stellung der Mittelschicht zu erschüttern, sodass viele fürchten, in die Armut abzudriften. Deshalb sind die demokratischen Vereinigten Staaten heuten von innerem Zerfall bedroht.

Donald Trump ist in vieler Hinsicht ein Unglück für sein Land

und könnte es für die übrige Welt gleichfalls werden, aber eines hat er schärfer erkannt als die meisten seiner Rivalen: den Niedergang seines Landes. Seine Forderung „America first“ soll dazu dienen, diesem Missstand abzuhelfen. Die Politik des Protektionismus stößt bei einer Mehrzahl von Amerikanern auf Zustimmung – auch im oppositionellen Lager. „Viele Demokraten tendieren zum Protektionismus, auch wenn sie das nicht so offen sagen… Bernie Sanders, wäre er Präsident, würde,“ so der Harvard Professor Kenneth Rogoff, „nicht anders handeln.“  *1*

Was dieser Mann, der die Wahrheit nach Belieben verfälscht, wann immer sie ihm nicht passt, geflissentlich unterschlägt, ist freilich die Tatsache, dass die Deindustralisierung der Vereinigten Staaten nicht das Werk feindseliger auswärtiger Kräfte ist, sondern von der wirtschaftlich-politischen Elite des Landes zum eigenen Vorteil betrieben wurde. 1991 wurde sie von Robert Reich in „The Work of Nations“ erst theoretisch abgesegnet, bevor der „Washington Consensus“ dann etwa zur gleichen Zeit eine offiziell gebilligte Heilslehre daraus machte. Amerikanische Unternehmen und ihre Gläubiger hatten entdeckt, dass sie außerordentlich viel mehr Profit machen konnten, wenn sie Produkte nicht mehr im eigenen Hochlohnland herstellen ließen, sondern sie in Billiglohnländer herstellen ließen. Auch für Europa hatte das ernste Konsequenzen. Nachdem die Amerikaner mit dieser Politik begonnen hatten, sah man sich hier gleichfalls zur Auslagerung gezwungen, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

Die Wirkung war dieselbe wie in den USA: Amerikanische und europäische Arbeiter verloren ihre Posten an die Arbeiter in Fernost, die ihre Arbeit viel billiger verkauften. In den Staaten des Westens hat sich die Schere von Arm und Reich seitdem immer weiter geöffnet.

Ulrike Herrmann hält eine einfache populistische Lösung parat

ähnlich derjenigen, wie sie derzeit von Italiens Politamateuren unter Triumphgeheul praktiziert wird: Lasst uns mehr Geld ausgeben! Lasst uns die Internationale der Gläubiger schlicht ignorieren! Ich pflichte Frau Herrmann bei, dass es einer grundlegenden Wende bedarf, und zwar auch in Deutschland, das im Augenblick noch so erfolgreich ist. Die deutsche Autoindustrie, die mit ihren großartigen Ingenieursleistungen in den letzten Jahrzehnten so viel für den Reichtum des Landes tat, steht heute an einem Scheideweg. Benzin und Dieselautos darf es in spätestens zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr geben. Der Klimawandel lässt den fossilen Potlatsch nicht länger zu. Aber Elektroautos sind technologisch vergleichsweise primitiv, das können andere Länder genauso gut wie die Deutschen. Da diese die Forschung an Batterien, wo sie einst führend waren, inzwischen so gut wie aufgegeben haben, können andere es vermutlich sogar besser.

Das sind Doomsday-Reflexionen

Höhere Löhne für die benachteiligten Schichten wären das Gebot der Stunde, ebenso eine größere Handlungsfreiheit des Staates, die dazu die Voraussetzung bildet. Doch dazu müssten wir auf europäischer Ebene unsere Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen (aus dem Nahen Osten und aus Russland) zunächst einmal drastisch reduzieren. Anders gesagt, ist keine ernsthafte Wende zu erwarten oder auch nur möglich, solange Europa nicht in möglichst kurzer Zeit den Übergang von fossiler zu solarer Energie betreibt. Die bisherigen Schritte auf diesem Weg sind, wie jeder wissen sollte, ganz und gar ungenügend.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als die schöne Fassade einer Idylle zu genießen, die heute immer noch besteht und uns eine beinahe heile Welt vorgaukelt.

1 Kenneth Rogoff in einem dem Handelsblatt vom 12. Oktober 2018 gegebenen Interview.

Vorahnungen von Krieg: USA gegen China – hoffentlich nur ein Handelskrieg

Noch gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts war im Spiegel zu lesen, dass die Supermacht USA nach dem Untergang der Sowjetunion einen vollständigen Sieg errungen habe. Tatsächlich waren überall auf der Welt die Filme Hollywoods zu sehen, kleideten sich die Leute in Jeans, wurde amerikanisch gesungen und musiziert, Coca-Cola getrunken und breiteten sich Windows, Apple und das in Amerika erfundene Internet aus. Noch in den neunziger Jahren schien keine andere Weltmacht denkbar zu sein als die Vereinigten Staaten von Amerika. Vorahnungen von Krieg: USA gegen China – hoffentlich nur ein Handelskrieg weiterlesen

Kapitalismus, Reichtum und Macht

Bei allem Gejammer über den Neoliberalismus geht manchmal die Einsicht verloren, dass die vergangenen zweihundert Jahre den größten Fortschritt in der Geschichte des Menschen bewirkten – vorausgesetzt natürlich, man beschränkt sich ganz und gar auf dessen materiellen Aspekt. Kapitalismus, Reichtum und Macht weiterlesen

Unerträgliche Wahrheit: Menschenflut

Eine von jenen Wahrheiten, welche offenbar als so unerträglich empfunden werden, dass man sie mit aller Kraft verdrängt, verschweigt, wenn nicht rundheraus leugnet, ist den Experten seit zweihundert Jahren bekannt. Der geweihte Priester und Ökonom Thomas R. Malthus hatte sie Ende des 18. Jahrhunderts theoretisch begründet. Die Menschen, so sagte er, vermehren sich in geometrischer Progression, während die Nahrungserzeugung allenfalls arithmetisch wächst. Unerträgliche Wahrheit: Menschenflut weiterlesen

Unsere Werte – ihre Werte. Plädoyer für eine gerechte und wehrhafte Demokratie

(auch erschienen in „fbkfinanzwirtschaft“)

Der türkische Ministerpräsident, Recep Tayyip Erdogan, ist im Begriff, die Demokratie seines Landes in ein neues Sultanat umzuwandeln. Seitdem die Wirtschaft sich weniger gut entwickelt, kann der gewissenlose Populist und schrille Demagoge sich der Bestätigung durch eine Mehrheit allerdings nicht länger sicher sein, war es doch vor allem der ökonomische Aufschwung, der ihm in den ersten Jahren seiner Amtstätigkeit so großen Zuspruch verschaffte. Erdogan ist daher bemüht, seine nach Europa ausgewanderten Landsleute zu mobilisieren. Anders gesagt, nimmt er für sich das Recht in Anspruch, in Demokratien außerhalb seines Machtbereichs, für eine antidemokratische Wende zu werben.

Unsere Werte – ihre Werte. Plädoyer für eine gerechte und wehrhafte Demokratie weiterlesen

Der Sinn, die Technik und warum die Zeit der „Führer“ zurückkommt

(auch erschienen in "Humane Wirtschaft" 3/2017)

Im Zusammenleben der Nationen wird Stärke durch zwei Vorzüge bestimmt, die man – je nachdem – auch als Waffen bezeichnen kann: durch Technik einerseits, durch Sinn auf der anderen Seite, beide von gleicher Wirkmächtigkeit. Der Sinn, die Technik und warum die Zeit der „Führer“ zurückkommt weiterlesen

Europas politische Tollheit

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Weizen ist immer noch Weizen, und Schweine sind Schweine – das macht den Unterschied zu Computern, Handys oder selbst Autos aus, wo jede Generation von Produkten fortdauernder Innovation unterliegt. Im Wesentlichen hat die Natur das Schwein geschaffen (einst war vom Lieben Gott die Rede), da sind selbst die Eingriffe des Züchters begrenzt. Anders gesagt, liegt der sogenannte Fortschritt der Landwirtschaft fast ausschließlich darin, dass sie Schweinefleisch, Weizen, Milch etc. jedes Jahr billiger auf den Markt wirft. Europas politische Tollheit weiterlesen

Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren

(auch erschienen in: Tichys Einblick und Forum Freie Gesellschaft)

Eine Wiener Philosophin hat kürzlich im österreichischen Rundfunk mit einem Text von großer sprachlicher Eindringlichkeit für die pluralistische Gesellschaft geworben. Nicht im Kampf der Kulturen, wie Huntington ihn beschwor, liege die eigentliche Bedrohung, sondern im Kampf aller Fundamentalisten gleich welcher Religion und Ideologie gegen die multikulturelle Gesellschaft. Deren Vielfalt sei das einzig positive Ideal unserer Zeit, nicht Homogeneität wie von den Fundamentalisten erstrebt. Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren weiterlesen

Deutschland 2030 – vier Wege in die Zukunft

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Zukunftsprognosen pflegen sich notorisch als trügerisch zu erweisen. Es wäre ein Fall von belächelnswerter Hellseherei, wenn sich jemand anmaßen wollte, die Situation Deutschlands nach einem Jahrzehnt, sagen wir im Jahr 2030, vorherzusagen. Möglich ist aber, Entwicklungsalternativen aufzuzeigen, die sich logisch ausschließen und daher nicht gleichzeitig auftreten können. Deutschland 2030 – vier Wege in die Zukunft weiterlesen

Audiatur et altera pars

Wer sich um Europa bemüht – trotz allen Propagandagetöses das größte Friedens- und Versöhnungsprojekt der neueren Geschichte -, der wird sich nicht an den Giftmischern von AfD, FPÖ, Lega Nord, Front National etc. orientieren, aber er wird sie besonders genau studieren, weil gerade sie, und zwar als Sprachrohr großer Bevölkerungskreise, die Fehler und Irrwege sichtbar machen, die den Erfolg dieses Projektes bedrohen. Audiatur et altera pars weiterlesen