Warum wir lügen
Eine kleine Geschichte der Macht
(Copyright Gero Jenner 2007)
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I Die vier großen Lügen der Vergangenheit
Die Lüge von der menschlichen Ungleichheit
Die Lüge vom edlen Handwerk des Tötens
Die Lüge von Kultur und Barbarei
Die Lüge von der Minderwertigkeit der Frau
II Annäherungen an die Wahrheit
Das osmanische Reich: die Herrschaft der Sklaven
China – die Philosophen herrschen
Tradition: der Dritte im Bunde
IV Die fünf großen Lügen unserer Zeit
von der wundersamen Vermehrung
von der Gleichheit der Ungleichen
von der Berechenbarkeit des Unberechenbaren
von der Wertlosigkeit der Werte
Um zu herrschen, genügt Gewalt allein nicht, man muss sich noch auf andere Art rechtfertigen. Wenn eine Person daher Macht über eine andere ausübt - mag es sich dabei um einen Diktator, einen Kolonisator, einen Bürokraten, einen Ehemann oder einen Firmenchef handeln - benötigt sie eine rechtfertigende Ideologie, und zwar immer dieselbe: das nämlich solche Herrschaft ausschließlich zum Wohl der Beherrschten geschehe. Mit anderen Worten, Macht stellt sich selbst immer als altruistisch, desinteressiert und großmütig dar. Noam Chomsky
George W. Bush hat seinen Vorgängern im Präsidentenamt und seinen Kollegen in anderen zivilisierten Ländern eines voraus. Er rühmt sich, mit Gott über seine Politik zu konferieren und vom Höchsten selbst die Anweisungen und Ratschläge für sein Handeln zu empfangen. Dieser direkte Draht zu Gott ist eine seltene Gnade, die einem Präsidenten natürlich ein größeres Gewicht in den Augen seiner Anhänger verleiht. Der Krieg gegen den Irak, wie auch jeder andere Krieg, in dem Menschen verstümmelt, getötet, ihres Hab und Guts beraubt werden und ganze Landstriche in Schutt und Asche gelegt, bedeutet eine schwere Verantwortung für jeden, der ihn beginnt. Wenn Gott selbst ihn befohlen hat, dann sieht natürlich alles ganz anders aus. Die Verantwortung für den betreffenden Politiker ist dann mit einem Mal federleicht geworden. Nicht er trägt sie auf seinen schwachen Schultern, sondern er kann sich damit rechtfertigen, dass er nur dem Willen eines Höheren folgt, dem Willen des Allmächtigen selbst.
An die fünfundzwanzig Prozent der US-Amerikaner haben Ende 2000 den Beteuerungen des wiedergeborenen Christen George W. Bush geglaubt, als dieser ihnen versicherte, dass er als Präsident die Politik seines Landes mit Gott abstimmen würde. Sie haben ihn vermutlich deshalb gewählt, weil sie ihn aufgrund dieses innigen Verhältnisse für einen besseren Menschen hielten. Inzwischen stehen diese Wähler, die übrigen Amerikaner und überhaupt die ganze Welt vor einem ernsthaften Problem. Bush behauptete, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besaß, er behauptete, dass er dem Irak Frieden und Demokratie bringen würde. Er versprach, dass die Welt nach dem militärischen Eingreifen im Irak sicherer vor den Terroristen sein würde. Jedes dieser Versprechen erwies sich als Lüge. Es gab keine Massenvernichtungswaffen. Die Aussicht auf Demokratie liegt heute ferner denn je. Die Bedrohung durch den Terror wurde durch den Krieg im Irak wesentlich gesteigert, denn die Terroristen haben inzwischen weitere Stützpunkte im Irak und in Palästina gewonnen. Die USA – einst ein Vorbild für die übrige Welt – haben nie so sehr an Achtung verloren wie unter George W. Bush.
Den Amerikanern und der übrigen Welt bleibt die Frage daher nicht erspart, was es mit dem Dialog zwischen Bush und Gott in Wirklichkeit auf sich hat? Liegt die Schuld vielleicht bei Gott? Hat er seinem Diener George W. Bush statt der Wahrheit Lügen eingeflüstert? Das wäre eine gotteslästerliche Behauptung, die wir von vornherein ausschließen müssen. Dann bleibt die Möglichkeit, dass Präsident Bush einer Einbildung erlag. Vielleicht glaubte er nur mit Gott zu sprechen, während er in Wirklichkeit seine Weisungen vom Teufel empfing? Diese Möglichkeit ist grundsätzlich nicht von der Hand zu weisen. Es ist eine medizinisch und psychologisch gut erhärtete Tatsache, dass Drogenabhängige von Halluzinationen heimgesucht werden. Der Teufel gehört ebenso zum Inventar solcher Erscheinungen wie andere Ausgeburten unseres Unterbewusstseins. Der wiedergeborene Bush war immerhin längere Zeit stark alkoholabhängig. Ein Mann, der einmal süchtig war, könnte auch später noch an den Folgen der Sucht gelitten haben.
Ich gebe dennoch einer anderen Erklärung den Vorzug, weil sie die bei weitem einfachste ist. Weder Gott noch der Teufel sind für die offenkundigen Lügen verantwortlich zu machen, sondern allein der Mensch und Präsident Bush Junior selbst. Er glaubte, dass es nützlich und für sein politisches Ansehen förderlich sei, wenn er seinen persönlichen Willen und den seiner Berater hinter Gottes vermeintlichen Absichten versteckte. Damit entlastete er einerseits die eigene Intelligenz. Warum sollte er noch Maßnahmen verteidigen und rechtfertigen, wenn Gott, der Herr, selbst hinter ihnen stand? Andererseits schaltete er erfolgreich die Intelligenz seiner Kritiker – und überhaupt aller möglichen Kritiker – aus. Wer würde es noch wagen, gegen seine Politik aufzubegehren, wenn sie das Wohlgefallen der himmlischen Mächte besaß?
Bush Junior überraschte die Welt mit dieser äußerst geschickten Irreführung. Er überraschte sie wirklich, denn seit etwa zweihundert Jahren war es unter demokratischen Politikern unüblich geworden, Gott vor den Karren der eigenen Interessen, Velleitäten und Machenschaften zu spannen. Der Souverän eines demokratisch gewählten Politikers sind die Wähler, die ihm ihre Stimme gaben, nicht die von diesem erfundenen Absichten Gottes. Gerade die amerikanische Verfassung hat früher als alle anderen auf der strikten Trennung von Staat und Religion bestanden. Im achtzehnten Jahrhundert hatte es jenen Aufruf zu Vernunft, Selbstkritik und wissenschaftlicher Redlichkeit gegeben, der als Aufklärung in die Geistesgeschichte einging. Damals hatten sich Philosophen, Künstler und schließlich auch die Politiker darauf besonnen, dass sie für ihre menschlich-allzumenschlichen Schwächen, Gelüste und Pläne nicht den Himmel in Haft nehmen dürften. Sie selbst waren verantwortlich für das, was sie hier unten an Bösem oder Gutem bewirkten. Mit den Eskapaden ihres kleinen Ego – so ihre Erkenntnis - hatten Gott und das Universum absolut nichts zu tun. Es gab keine Entschuldigung für ihre Torheiten oder Brutalitäten. Sie selbst und niemand anders hatten sie zu verantworten.
Die europäische Aufklärung hat Gott aus dem Missbrauch erlöst, den der Mensch bis dahin mit ihm getrieben hatte. Der amerikanische Präsident hat sich über die Aufklärung und zweihundert Jahre Geschichte hinweggesetzt, als er Gott zum Anwalt für seine eigenen Absichten machte. Andererseits hat er sich damit an die ganz normale Geschichte angeschlossen, wie sie bis dahin weltweit herrschte. Denn bis zur Französischen Revolution hat es so gut wie keinen bedeutenden und schon gar keinen unbedeutenden Herrscher gegeben, der sich nicht bei allem, was er tat oder unterließ, auf den Willen Gottes bezog. Ließ er seine Truppen gegen die des Nachbarn ausrücken, verstand es sich fast immer von selbst, dass er dabei nicht dem eigenen sondern dem Willen des Höchsten gehorchte. Was natürlich ebenso für seine Feinde galt, denn auf der Gegenseite berief man sich genauso fleißig auf Gott, bevor man die Waffen zückte. Der Gott, auf den sich beide Parteien beriefen, war in Europa noch dazu in aller Regel ein und derselbe. Da es in solchen Fällen allerdings schwer fallen musste, den Herrn selbst dafür verantwortlich zu machen, dass er auf beiden Seiten jeweils die anderen vernichten wollte, blieb intelligenten Menschen der Verdacht nicht erspart, dass Er mit der Sache absolut nichts zu schaffen hatte. Menschen, die seinen Namen missbrauchten, waren die Lügner.
Wir können uns leicht in die Haut eines amerikanischen Präsidenten versetzen, weil die Motive menschlichen Handelns einander doch überall ziemlich gleichen. Wir wissen, warum er Gott beständig im Munde führte. Er konnte seine Anhänger und die amerikanische Bevölkerung für seine Ziele leichter mobilisieren, wenn sie den Eindruck gewannen, dass sie nicht dem Individuum Bush und dessen ganz persönlichen Zielen folgten, sondern den höheren Zielen und Absichten des Herrn. Der Bezug auf Gott wurde und wird mit Vorliebe dann in Anspruch genommen, wenn die beabsichtigten Maßnahmen wenig populär sind oder gar Widerstand hervorrufen könnten. Der Krieg in Irak ist ein typisches Beispiel für ein Unternehmen, dessen Sinn keineswegs für alle Bürger einleuchtend war. Kriege erfordern Opfer, und Opfer werden nur dann gebracht, wenn sie absolut notwendig und geboten erscheinen. Da musste Gott herhalten. Man versteckt sich hinter ihm, weil die Leute sonst murren könnten. Gott wird gebraucht (oder besser missbraucht), um die Leute zum Schweigen zu bringen.
Warum wurde in seinem Namen so beharrlich, so dreist, auf so offenkundige Weise gelogen? Warum wurde nichts so sehr für persönliche, nationale, moralische Zwecke von allen Seiten missbraucht wie jene höchste Instanz, die wir als Gott bezeichnen?
Warum lügen wir überhaupt?
Das ist die wirklich interessante Frage. Und die Antwort darauf liegt offenbar nicht in der persönlichen Lebensgeschichte eines amerikanischen oder sonstigen Präsidenten. Mit dem Bestsellerautor Bob Woodward[1] können wir uns zwar die akribisch-detektivische Mühe machen, die Genesis dieses manischen Lügens bis in die kleinsten historischen Details zu verfolgen. Das ist ein lohnendes Unternehmen, weil ein Präsident ja nicht irgendwer ist, sondern seine Entscheidungen auf das Leben – und den Tod – von Tausenden oder gar Millionen Menschen einen direkten Einfluss ausüben. Aber auch die noch so gekonnte Analyse eines Journalisten sagt nichts darüber aus, warum wir lügen und warum manche unserer Lügen auf so wenig Widerstand stoßen. George W. Bush, ein vor seiner Präsidentschaft eher unauffälliger Mensch, bildet nur den psychologischen Einzelfall eines beunruhigenden allgemeinen Problems.[2]
Dieses Problem selbst müssen wir zum Gegenstand unserer Untersuchung machen, wenn wir über den Einzelfall hinaus nach Aufschluss verlangen. Dann aber gelangen wir zwangsläufig zu einer Geschichte der Macht. Gott ist bei George W. Bush zu einem Gefangenen menschlichen Machtstrebens geworden. Er wurde missbraucht, wie er schon seit Jahrtausenden im Namen der Macht – nicht nur von der Politik – missbraucht worden ist.
In diesem Buch unternehme ich den Versuch, die mäandernde Geschichte der Macht zu verfolgen, um damit die Frage zu erhellen, warum wir lügen. Denn die größten Lügen, jene, welche in der Vergangenheit ebenso wie heute unser Leben beherrschen, geschehen im Dienste der Macht. Es war Macht, welche die Lüge von der Ungleichheit der Menschen bis an die Schwelle der Neuzeit - in Gestalt der Sklaverei sogar noch bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts - aufrecht erhielt. Macht hob die Lüge vom edlen Krieg aus der Taufe und sorgte dafür, dass menschliche Geschichte noch bis vor nicht langer Zeit in erster Linie als eine Abfolge glorreicher Schlachten dargestellt wurde. Macht war es ebenso, die neben der menschlichen Ungleichheit auch die Lüge von der Minderwertigkeit der Frau in den Köpfen befestigte. Andererseits ist es auch heute wieder der Macht zuzuschreiben, dass die Menschheit sich auf den Weg der Selbstvernichtung begibt, indem sie Natur und Gesellschaft einem zerstörerischen Wettbewerb unterwirft. Die Geschichte der Macht ist eine Geschichte der Lügen.
Diese Geschichte ist bisher nicht geschrieben worden. Schon deswegen nicht, weil ihr Bereich sich so schwer begrenzen lässt. Lügen nisten sich ebenso gern im Gehirn eines mittelmäßigen Menschen ein, der sich vom Allmächtigen selbst inspiriert glaubt, wie im Kopf eines Philosophen von der überragenden Statur eines Plato. Gegen die Verführungen der Lüge scheint niemand gefeit, weil die wenigsten den Verlockungen der Macht widerstehen. Deswegen gibt es aber auch nur wenige Themen, die so tief in die Abgründe der menschlichen Existenz hinunterführen. Wer über Macht und Lüge spricht, der steht im Bann der Geschichte, denn kaum irgendwo sonst wird die Gegenwart so sehr von der Vergangenheit erhellt und umgekehrt diese durch jene. Die Lüge von Gott, wie sie der amerikanische Präsident gebrauchte, befindet sich seit wenigstens sechstausend Jahren in den Arsenalen der Macht. Wenn wir verstehen wollen, warum sie heute noch oder vielmehr wiederum wirksam ist, dann müssen wir den Blick zurück auf die Geschichte werfen.
Aber eröffnet sich damit nicht ein schier unübersehbares Feld? Gewiss. Was ich dem Leser anbieten kann, ist nicht mehr als ein philosophischer Versuch, ein historisch-kritischer Essay - eine »kleine Geschichte der Macht«. Sollte ihn dieser aber in die Lage versetzen, dass er die Frage, warum wir lügen, am Ende etwas besser beantworten kann als zuvor, so glaube ich meinen Zweck dennoch erreicht zu haben.
Es gibt wohl kaum einen zweiten Bereich, an dem sich die Ohnmacht des Denkens gegenüber dem Sein so deutlich erkennen lässt wie an dem der menschlichen Ungleichheit. Man kann es auch drastischer formulieren. Sicher gibt es kein anderes Feld des Denkens und Wertens, wo der Mensch so offenkundig, so beharrlich, so gegen alle Vernunft gelogen hat. Ich spreche nicht von der natürlichen Ungleichheit, die darin besteht, dass einige schneller laufen, denken oder sprechen als andere, dass sie witziger oder schwerfälliger, tatkräftiger oder ängstlicher sind. Ich meine die von Menschen künstlich erzeugte Ungleichheit, welche ohne Grundlage in der biologischen Natur des Menschen ist. Bis an die Schwelle der Neuzeit war diese künstliche, erlogene Ungleichheit ein universales Faktum!
Wenn wir begreifen wollen, wie die merkwürdige Perversion entstehen konnte, dass Menschen sich gegenseitig in Herren und Sklaven, Freie und Unfreie eingeteilt haben, dann muss die Universalität dieses Phänomens zunächst einmal zu einer Herausforderung werden. Denn dann geht es um mehr als eine bloße Tatsachenaufzählung, auch wenn diese notwendig das Fundament einer solchen Betrachtung bildet, es geht um das philosophische Begreifen, wie sich Macht zwischen Sein und Denken drängt, bis die Wahrnehmung völlig verzerrt, verbogen, verfälscht wird. Wir begnügen uns dann nicht mit einem neugierigen Blick auf die Geschichte, der oft nicht mehr als den Zufall erkennen lässt, vielmehr gelangen wir zu einem tieferen Verständnis der Conditio Humana. Die menschliche Ungleichheit – das beherrschende Faktum der vergangenen 10 000 Jahre zwischen neolithischer Revolution und dem Beginn der industriellen Gesellschaft – führt uns zu einer neuen Theorie und Einsicht in das Wesen unserer Erkenntnis: ihrer Abhängigkeit von der Macht.
In der Epoche zwischen den beiden größten Umwälzungen der Geschichte, dem Beginn der Agrarzeit etwa 8000 v. Chr. und dem industriellen Umbruch des achtzehnten Jahrhunderts, hat die Gleichheit der Menschen in keiner der großen Hochkulturen mit Ausnahme Chinas als akzeptierte Weltanschauung gegolten. Das hoch zivilisierte Griechenland des fünften Jahrhunderts hatte wie kein anderes Land mit den verschiedensten politischen Gedankenexperimenten gespielt und sie in seiner politischen Verfassung auch praktisch erprobt. Monarchie und Tyrannis, Oligarchie und Demokratie hatten einander in kurzer Zeit abgelöst. Innerhalb von nur zwei Jahrhunderten hatten die Griechen mehr politische Modelle erdacht und erprobt als die vorangehenden 7000 und die nachfolgenden zweitausend Jahre. Umso bemerkenswerter muss es im Rückblick erscheinen, dass sie die Vorstellung von der Gleichheit der Menschen als erlaubtes Denkmodell gar nicht erst aufkommen ließen.
Sicher hat es immer wieder Einzelne gegeben, die diese Möglichkeit theoretisch vorgestellt und durchgespielt haben. Sie fragten sich etwa, was denn passieren würde, wenn Sklaven, zu denen auch die ehemals freien Bürger eroberter griechischer Städte gehörten, die Freiheit erlangen und eine Gesellschaft entstehen würde, die ausschließlich von freien Menschen gebildet wird. Zweifellos haben sich unter den Sklaven selbst viele mit dieser Frage beschäftigt, sonst wären nicht so viele von ihnen bereit gewesen, für ihre Freiheit zu kämpfen. So hat es etwa in Sparta regelmäßig Aufstände der Heloten gegeben. Vor ihrer Unterwerfung waren diese ja freie Griechen und haben die Erinnerung an ihre ursprüngliche Freiheit sicher nie ganz verloren. Wir gehen daher von einer Tatsache aus, wenn wir behaupten, dass die Unterdrückten sehr wohl in der Lage waren, sich eine andere Welt vorzustellen. Aber was für die Sklaven galt, traf nicht auf ihre Herren zu. Es ist bemerkenswert, dass die freien Griechen, die doch sonst keinerlei Scheu vor kühnen Gedanken hegten, dieses zentrale Problem ihrer sozialen Existenz beharrlich verdrängten. Vor der in die Augen springenden Paradoxie, dass nicht nur die Menschen umliegender Völker sondern selbst freie Grieche jederzeit als Arbeitssklaven auf einer Plantage oder in einem Bergwerk enden konnten, haben nahezu alle beharrlich die Augen geschlossen. Mit wenigen und wenig bekannten Ausnahmen wie Lykophron und Alkidamas haben sie sich damit gar nicht erst ernsthaft beschäftigt.[3]
Es spricht auch alles dafür, dass sie sich damit auf keinen Fall ernsthaft beschäftigen wollten. Ihre Erkenntnis scheint in diesem Punkte alles andere als frei gewesen zu sein. Natürlich haben sie die Ungeheuerlichkeit der Sklaverei genauso zu empfinden vermocht wie wir, die heute darüber reden. Und selbstverständlich waren sie auch genauso so fähig wie wir, sich die Möglichkeit einer Gesellschaft vorzustellen, in der es keine Sklaven mehr geben würde sondern ausschließlich freie Menschen. Dennoch ist es eine befremdliche Tatsache, dass weder Plato noch Aristoteles oder irgendein anderer unter den großen griechischen Philosophen ein solches Gesellschaftsmodell zu durchdenken und seinen Mitbürgern vorzustellen wagte - jedenfalls ist uns ein solches Modell nicht überliefert. »Einige Menschen sind von Natur aus frei«, heißt es bei Aristoteles, »und andere sind Sklaven; für die letzteren ist die Sklaverei angemessen und gerecht zugleich… Der Sklave entbehrt jeder Fähigkeit zu denken«.[4]
Dieses auffallende Schweigen der Griechen zu der grundlegenden Ungerechtigkeit, um nicht zu sagen Ungeheuerlichkeit, ihres sozialen Systems bedarf der Erklärung. Wenn wir diese Erklärung gefunden haben, ist uns mehr gelungen, als nur ein Versagen der damaligen Menschen entdeckt zu haben – das wäre von rein historischem Interesse. Wir haben einen blinden Fleck der menschlichen und damit auch unserer Erkenntnis benannt.
Zweifellos warfen die Griechen einen scharfen Blick auf die zwischen ihnen bestehende Ungleichheit. Sie waren keineswegs blind dafür. Nicht anders als wir mussten auch sie erkennen, wie ungerecht, zufällig und willkürlich sie war. Aber offenbar hielten sie es für völlig unmöglich, diese Ungerechtigkeit praktisch zu überwinden. Dem theoretischen Erkennen öffnete sich keine Aussicht, zu einem Teil des erlaubten Denkens zu werden. Der freie Grieche brauchte sich nur die Konsequenzen einer sklavenfreien Gesellschaft vorzustellen, um ein derartiges Modell sogleich als phantastisch, absurd, auf jeden Fall aber als völlig unrealistisch zu verwerfen. Unter den gegebenen materiellen Bedingungen mussten die Machthaber den Gedanken der Gleichheit verfemen, unterdrücken, verketzern. Mit anderen Worten, sie mussten lügen.
Doch worin bestanden diese Bedingungen? Auf einfachste Weise gesagt, lagen sie in der Notwendigkeit für mindestens achtzig Prozent der Bevölkerung, die Felder so zu bestellen, dass die restlichen zwanzig Prozent ohne eigene Landarbeit miternährt werden konnten. Wobei allerdings bemerkt werden muss, dass diese zwanzig Prozent als Obergrenze zu sehen sind. Je nachdem, wie fruchtbar der Boden und wie wirksam die Manipulation der Mehrheit durch die herrschende Minderheit war, standen die unfreie Mehrheit und die herrschende Minderheit in durchaus unterschiedlichem quantitativen Verhältnis. In Sparta hatten etwa 200 000 Heloten in der Rolle von Sklaven für ihre eigene und zusätzlich für die Ernährung von maximal 9000 freien Spartanern aufzukommen. Das Verhältnis von freien zu unfreien Griechen betrug auf dem Peloponnes also knapp fünf Prozent. Mehr gab der Boden nicht her. Entlang den großen Flüssen Asiens und des Vorderen Orients, also in Mesopotamien, am Nil, Ganges, Yangtse, Huang He und Mekong war der Ertrag wesentlich günstiger. Mit Hilfe komplexer Bewässerungssysteme ließen sich der Erde weit größere Erträge abringen. Maximal 1,5 Millionen Kalorien pro Hektar gab der Anbau von Weizen her, aber bis zu 7,35 Millionen ließen sich in bewässerten Reisfeldern erzielen.[5] Im günstigsten Fall wurde die Obergrenze von zwanzig Prozent tatsächlich erreicht. Aber bis in die europäische Neuzeit zu Beginn der industriellen Revolution kann man von einem mittleren Anteil von etwa zehn Prozent ausgehen.[6]
Natürlich bestand die theoretische Möglichkeit, dass alle Menschen das Land bestellten und daher keiner von der körperlichen Arbeit entbunden war. In einer Reihe von Stammeskulturen (sogenannten primitiven Gesellschaften) wurde sie auch durchaus verwirklicht.[7] Oder die außerhalb der Landwirtschaft tätigen Handwerker, Händler, Regierungsbeauftragten hatten genauso hart zu arbeiten wie die Bauern und wurden auch nicht höher entlohnt. Dann herrschte Gleichheit des sozialen Status trotz der Vielfalt der Funktionen. Auf den ersten Blick scheint dieses Modell zumindest annäherungsweise in Athen realisiert worden zu sein. Während Sparta eine Militärdiktatur war, in der eine Minderheit von Freien jede körperliche Arbeit außer dem Militärdienst verschmähte, lag der Ehrgeiz eines freien athenischen Bürgers aus guter Familie umgekehrt darin, ein eigenes Stück Land zu besitzen, auf dem er sich als »gentleman farmer« betätigen konnte. Der freie Athener war Soldat für das Vaterland und außerdem Landwirt, der seinen Wein und seine Oliven mit Hingabe pflegte. Dieses im Vergleich zu Sparta viel schönere Bild verschleiert allerdings eine viel prosaischere Realität. Attika mit seinen um 431 v. Chr. etwa 315 000 Menschen[8] hätte mit dem, was der karge Boden dort hergab, nie überleben können. Für die Ernährung seiner Bevölkerung brauchte es den Handel. Es war darauf angewiesen, dass seine Flotte große Weizenmengen vor allem aus den Getreideländern rings um das schwarze Meer einführte. Athen bezahlte dafür mit Luxusgütern, d.h. mit Wein und Oliven sowie den vielen Erzeugnissen seiner blühenden Industrien: Schmuck, Keramik, Kunst. Diese Luxusgüter waren natürlich für die großen Herren der Exportländer bestimmt, nicht für das kleine Volk, das den Weizen an seine Herren abliefern musste. Mit anderen Worten, Athen delegierte die Sklaverei an andere Völker. Um seine Bevölkerung zu ernähren, hatten in der barbarischen »Dritten Welt« außerhalb Griechenlands die Ärmsten der Welt für ihre Herren auf den großen Latifundien zu schuften – neben der Arbeit im Bergwerk von jeher die härteste Form von Sklaverei.
Die Herrschaft einer Minderheit von Herren über eine auf dem Lande fronende Mehrheit hatte sich in Athen daher genauso etabliert wie in Sparta, nur dass die erfolgreiche Handelsstadt dafür keine Waffen sondern nur ihre Wirtschaft einzusetzen brauchte. Im übrigen gehörten von den genannten 315 000 nur etwas mehr als der zehnte Teil (40 000) zu den freien Bürgern, die übrigen neun Zehntel waren in Attika selbst angesiedelte, weitgehend rechtlose Ausländer oder Sklaven, wobei die Zahl der letzteren auf mindestens 200 000 geschätzt wird.[9]
Auch Rom scheint sich auf den ersten Blick als Beispiel einer Agrargesellschaft anzubieten, wo das Bauerntum eine hohe Stellung besaß. Doch gilt das allein für die Anfangsphase seiner Entwicklung. Ursprünglich war seine Bevölkerung aus freien Bauern hervorgegangen, die ihre Brüder oder Söhne in den Krieg und in die Verwaltung schickten. Die überschüssige Nahrung, welche ein Teil der Familie erwirtschaftete, wurde an den anderen Teil weitergegeben, ohne dass dabei zunächst ein soziales Gefälle zwischen Waffenträgern und Bauern vorhanden war. Zu Beginn waren die Rollen von Soldaten und Bauern noch austauschbar. Doch der Anfangszustand einer Gemeinschaft von Freien hat bekanntlich nicht lange angehalten. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert ging die Zahl freier Bauern in Italien dramatisch zurück.[10] Das römische Heer setzte sich aus berufsmäßigen Söldnern zusammen, die man nun aus dem Proletariat rekrutierte. Sklaven bestellten die großen Güter, Berufssoldaten führten die Kriege und über beiden thronte eine sehr kleine Schicht von Politikern und eine etwas größere von Steuereintreibern, Finanziers, Großhändlern. Rom ging denselben Weg wie alle anderen großen Agrarkulturen. Mehr und mehr wurden jene, welche für die physische Daseinsfürsorge zuständig waren, in die Rolle von Unfreien gedrängt bzw. die landwirtschaftliche Arbeit an Unfreie und vor allem an Kriegsgefangene vergeben, die man versklavte. Allein die Bevölkerung der Hauptstadt bestand zu einem Drittel aus Sklaven.[11] Dagegen rückte die kleine Schicht, in deren Händen sich die politische und militärische Macht konzentrierte, allmählich zu Herren auf.
Von den großen Hochkulturen hat keine die physische Arbeit gleichmäßig auf die ganze Bevölkerung verteilt. Viel zu groß war die Verlockung für eine Minderheit, sich der körperlichen Arbeitsfron ganz zu entziehen und andere für sich arbeiten zu lassen. Nach Erfindung der Landwirtschaft etwa achttausend Jahre vor unserer Zeitrechnung übte diese Perspektive eine so gewaltige Anziehungskraft aus, dass die Gesellschaft der Hochkulturen in mindestens zwei voneinander schroff unterschiedene Klassen zerfiel. Die eine bestand aus jenen, die sich ernähren ließen, die andere aus jenen, welche für Nahrung sorgten.
In Sparta wie in Athen gehörten die freien Griechen einer privilegierten Minderheit an, die sich von einer unfreien Mehrheit in ihren eigenen oder in fernen Ländern erhalten ließ. Diese bewirtschaftete die Felder, erbaute ihre Häuser, besorgte den Haushalt. Nur weil er sich um seinen Lebensunterhalt keine Sorge zu machen brauchte, konnte der Grieche sein Leben auf der Agora, dem politischen und administrativen Zentrum der Stadt, verbringen, wo er mit anderen Freien das Schicksal seiner Heimat erörterte und in Abstimmungen darüber entschied. Nur weil er die tägliche Arbeit der Daseinsfürsorge an Unfreie (Sklaven) abgeben konnte, verfügte er über ausreichend Muße, um der Literatur, der Kunst, den Instrumenten der politischen Herrschaft seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Gewiss, gehörte dazu auch das Experimentieren mit den verschiedensten politischen Entwürfen. Aber die demokratische Gleichberechtigung galt nur für die Freien - eine verschwindende Minderheit - nicht für die große Mehrheit der Sklaven und Unfreien.
Diese Aufteilung der Menschen in Freie und Sklaven hatte natürlich mit der heutigen Teilung der Arbeit, wie sie eine komplexe Gesellschaft erfordert, wenig zu tun. Im Prinzip hatten die einen zu arbeiten, die anderen erhoben die Muße zu ihrem Lebensziel, bzw. pflegten nur solche Tätigkeiten, die ihnen Befriedigung brachten. Mit Ausnahme des militärischen Dienstes wurde alle Arbeit, die der Mensch, wie die Bibel es ausdrückt, im Schweiße seines Angesichtes verrichtet, als eines Freien unwürdig verworfen.
Dass nicht sein kann, was nicht sein darf
Es leuchtet nun ein, warum der freie und privilegierte Grieche, der Römer oder später ein amerikanischer Zuckerrohrbaron vor dem bloßen Gedanken zurückschaudern musste, dass auch die für ihn arbeitende Mehrheit die Freiheit erlangen könnte. Man begreift, warum er sich selbst und den anderen Freien, solche gedanklichen Spielereien strikt untersagte. Wäre eine solche Gesellschaft auch nur im Ansatz verwirklicht worden, hätte er auf alle seine Privilegien augenblicklich verzichten müssen. Sein eigenes Los wäre dann kein anderes mehr gewesen als das der verachteten Sklaven. Diese Aussicht musste ihm so erschreckend, so absolut unannehmbar erscheinen, dass sie alles weitere Denken erstickte. Nur so wird uns heute begreiflich, warum ein Volk von so erstaunlicher geistlicher Beweglichkeit, ein Volk von so vorurteilsfreiem Scharfsinn wie die Griechen, das sich doch sonst jeder geistigen Herausforderung stellte, diesen zentralen Punkt seiner eigenen Konstitution bewusst im Dunkeln ließ. Es war die fehlende Bereitschaft, auf die eigene Macht und Daseinsbequemlichkeit zu verzichten, die an der Wurzel der Lüge von Freien und Unfreien lag. Zwar war jedem Griechen durchaus bewusst, dass niemand vor dem Schicksal sicher war, selbst Sklave zu werden, aber diese Bedrohung blieb ohnmächtig gegen die Verlockungen der Macht.
Solche Verlockungen sind ja auch uns keineswegs fremd. Kinder einer überaus gefräßigen Zivilisation, deren ökologischer Fußabdruck den Planeten zu zertreten droht, wissen wir genau, welches Unheil wir anrichten. Im Gegensatz zum antiken Griechenland ist es einer kleinen Schar aufrechter Wissenschaftler auch keineswegs verwehrt, uns vor diesem Tun ausdrücklich zu warnen. Trotzdem hört niemand hin, jedenfalls nicht die breite Bevölkerung und die sie repräsentierenden politischen Kräfte. Weiter leben wir so, als wäre es das Natürlichste von der Welt, auf jeden Fall aber unausweichlich, dass wir uns im Sinne unserer gegenwärtigen Vorteile belügen. Wir sind »Realisten«, d.h. wir verleugnen die Realität.
Wären es nur die Griechen gewesen, die nichts Anstößiges an der künstlichen Spaltung der Gesellschaft in Freie und Unfreie fanden, so könnten wir den Grund dafür in den Eigenheiten einer bestimmten Epoche und eines bestimmten Volkes sehen. Doch in Wahrheit haben wir es mit einem weltweiten Phänomen zu tun. Die gleiche Aufspaltung der Menschen, die gleiche Lüge, breitete sich seit 3000 v. Chr. in den damals entstehenden großen Agrarzivilisationen Mesopotamiens und Ägyptens aus; vorbereitet wurde diese Transformation aber schon fünftausend Jahre früher seit dem Übergang zu Viehzucht und Landwirtschaft. Die von Gordon Childe so benannte »neolithische Revolution« setzte eine Zäsur. Sie lief auf eine Umwälzung in den materiellen Bedingungen menschlichen Lebens hinaus. Hatten Jäger und Sammler nur auf die in ihrer Umwelt schon fertig vorhandene tierische und pflanzliche Nahrung zugegriffen, so begannen die Menschen ca. 8500 vor Christus zum ersten Male damit, die Natur aktiv in ihre Regie zu nehmen: Nahrung, die vorher ohne ihr Zutun vorhanden war, wurde nun durch ihr tätiges Handeln in ungleich größerer Menge als früher erzeugt. Die Menschen bestellten den Boden und züchteten Nutztiere. Es gelang ihnen dadurch, ihre Versorgungsbasis entscheidend zu erweitern und abzusichern.
Über die offenkundige materielle Bereicherung hinaus prägte dieser Umbruch von nun an aber auch das psycho-soziale Sein des Menschen. Nicht dass sich seine biologische Konstitution dabei geändert hätte. Wir wissen, dass die Menschen schon vor etwa hunderttausend Jahren in ihrer genetischen und daher auch ihrer geistigen Ausstattung nicht weniger weit entwickelt waren als heute. Sie konnten genauso gut denken, philosophieren, sich über die Folgen ihres Tuns Rechenschaft ablegen wie wir. Und sie haben es zweifellos auch getan, selbst wenn wir davon aus der hier in Rede stehenden Zeit keine Zeugnisse mehr besitzen. Futurologie - der neugierige Blick in die Zukunft, um sich für deren Gefahren und Chancen zu rüsten - gehört sicher zum ältesten Erbe des denkenden Menschen. Doch wäre sie damals schon so unergiebig gewesen wie heute. Wie wenig auch der scharfsinnigste Erkunder des Zukünftigen dessen Geheimnisse aufzudecken vermag, dafür bietet kaum ein anderer Übergang ein so lehrreiches Beispiel wie der von Jägern zu Ackerbauern.
Es lohnt sich das Experiment im Nachhinein durchzuspielen. Versetzen wir uns also einen Augenblick in die Haut eines damaligen Philosophen, indem wir uns vorstellen, dass er sich ganz zu Beginn der neolithischen Revolution Gedanken über die Zukunft machte.
Dann spricht alles dafür, dass dieser erste Futurologe sich mit uneingeschränkter Begeisterung über die kommenden Zeiten geäußert hätte. Die besten und scheinbar auch unwiderlegbare Gründe wären ihm nur so zugeflogen, um die Zukunft in den Farben eines irdischen Paradieses zu malen. Als Jäger, so würde er sich damals geäußert haben, brauchten wir Waffen, ohne diese hätten wir unsere Beute nicht jagen können. Aber wozu werden wir als sesshafte Bauern noch Waffen benötigen? Zur Bestellung unserer Felder sind sie nun überflüssig und zur Jagd sind wir nicht länger auf Waffen angewiesen, weil wir genug Nahrung auf unseren Feldern ernten. Früher kam es nicht selten vor, dass wir untereinander mit diesem Mordwerkzeug Kämpfe ausfochten. Sein bloßes Vorhandensein verführte unsere jungen, übermütigen Männer zu tödlichen Streitereien. Außerdem befanden Waffen sich ausschließlich im Besitz der Männer, diese konnten sich dadurch den Frauen gegenüber ungerechtfertigte Vorteile verschaffen. Wie viel Ungerechtigkeit wurde allein durch die Existenz unserer Äxte, Lanzen und Pfeile bewirkt! Damit ist es nun endgültig vorbei. Von nun an werden wir, und das zum ersten Mal in unserer Geschichte, ein gewaltfreies Leben führen. Selbst wenn es einigen Unbelehrbaren in unserer Mitte immer noch nach dem Gebrauch der Waffen gelüsten sollte, so brauchen wir uns selbst davor nicht länger zu fürchten. Denn in Zukunft wird es keine Gelegenheit zum Einsatz von Waffen mehr geben. Jeder von uns wird als Bauer an die eigene Scholle gebunden sein. Um Kriege zu führen, müssten wir unser Feld und damit unsere Lebensgrundlage aufgeben. Jeder Krieg wäre deshalb ein Krieg gegen uns selbst. Kein Mensch ist aber so dumm, sich selbst zu vernichten. Dies alles ist ein unwiderlegbarer Beweis, dass wir vor einer Epoche des ewigen Friedens stehen.
So etwa hätte ein Futurologe vor zehntausend Jahren die Zukunft des Menschen voraussagen müssen. Jede andere Prognose wäre nicht nur ihm sondern vermutlich jedem denkenden Menschen als abwegig und unsinnig erschienen. Und das mit Recht. Im Rückblick auf die nomadische Lebensweise der Jäger und an der Schwelle zur Sesshaftigkeit der Bauern wäre dies die einzige rational begründbare Einschätzung gewesen. Aus der Perspektive unseres heutigen Wissens wäre sie auch keinesfalls völlig unrichtig gewesen. Bei nicht wenigen agrarischen Stammeskulturen vor allem in Ozeanien und dem sogenannten matrilinearen Gürtel Afrikas zwischen Zaire und Tanzania, wo Landwirtschaft bis in die jüngste Zeit als Garten oder Hackbau betrieben wurde, hat sie sich weitgehend erfüllt. Und innerhalb des Zeitraums zwischen etwa achttausend v. Chr., dem Beginn der »neolithischen Revolution«, und der Entstehung der großen auf Getreideanbau beruhenden Bewässerungszivilisationen seit Ende des vierten Jahrtausends hat es auch im Ursprungsbereich dieses Übergangs, also zwischen Mesopotamien und Anatolien, weit verstreute Siedlungsbereiche gegeben, die dieser friedlichen Vision wohl ziemlich nahe kamen. So zum Beispiel in Çatal Höyük, einer gegen 6000 vor Christus in Anatolien nahe der Stadt Konya blühenden Siedlung, wo die Menschen nach heutigem Wissensstand ein so friedliches und friedfertiges Leben führten wie unser Philosoph es vorhergesagt hatte. Außer Keulen wurden in der frühen anatolischen Siedlung keine Waffen gefunden, Verteidigungsmauern keine errichtet und offenbar auch nicht benötigt.
Doch Zukunftspropheten pflegen sich in aller Regel gründlich zu irren, weil sie sich von ihren Wünschen mehr als von der Wirklichkeit leiten lassen. So verhält es sich auch mit unserem fiktiven Futurologen. Spätestens mit dem Aufkommen der großen Bewässerungskulturen Mesopotamiens und Ägyptens, also seit dem vierten Jahrtausend vor Christus, sind Großkulturen entstanden, die die Voraussagen einer friedlichen Zeit radikal widerlegen. Im Vergleich zur vorangegangenen Zeit der Jäger und Sammler beginnt mit der sesshaften Lebensweise eine Epoche permanenter und unerhört blutiger Kriege. So blutig und so regelmäßig war von nun an das Grauen des Krieges, dass im Vergleich zu dieser neuen Epoche das Leben der frühen Jäger und Sammler geradezu als paradiesisch erscheinen musste, ein Vorbild an Friedfertigkeit, vor allem aber ein Vorbild, was die Gleichheit der Menschen betraf. Bald sollte sich zeigen, dass der Krieg in seinen schrecklichsten Manifestationen überhaupt erst seit der neolithischen Revolution entstand und erst seit dieser Zeit überhaupt möglich wurde.
Warum hat sich unser früher Zukunftsforscher so grundlegend irren können? Hat er nicht die Hauptmerkmale der kommenden Zeit durchaus richtig erkannt und daraus rationale Schlüsse gezogen?
Sein Fehler ist darauf zurückzuführen, dass er einen wesentlichen Faktor unberücksichtigt ließ. Er hat nur die äußeren Merkmale der kommenden Lebensweise erfasst: die neuen materiellen Bedingungen, aber die Macht unberücksichtigt gelassen. Die Macht jedoch brachte unter den neuen Bedingungen eine ganz andere Welt hervor.
Diese neuen Bedingungen bestanden ja nicht allein darin, dass Nahrung nun leichter und verlässlicher zu erwirtschaften war. Viel wichtiger, doch in seinen Auswirkungen erst später erkennbar, war die damit verbundene Möglichkeit der Überschussproduktion. Im günstigsten Fall konnten vier Menschen allein nun so viel Getreide ernten, dass ein Fünfter ohne eigene Arbeit davon existieren konnte.[12] Das hatte es vorher niemals gegeben. Und nie zuvor war daher auch jene Entdeckung möglich, die sehr bald alle Lebensumstände umwälzen sollte. Zum ersten Mal in seiner Geschichte entdeckte der Mensch, dass es sich lohnte, seine Mitmenschen zu versklaven, d.h. als Mittel zum Zweck der eigenen Daseinserhaltung einzusetzen.
In dieser Entdeckung sehe ich die eigentliche »neolithische Revolution«. Sie hat auf den Menschen viel tiefer, schmerzhafter, zerstörerischer gewirkt als alle materiellen Errungenschaften, die ihr zugrunde lagen und die aus ihr später noch hervorgehen sollten. Diese Entdeckung bedeutete nicht weniger als eine geschichtliche Wasserscheide, eine Zäsur, welche die menschliche Vorgeschichte von allem trennt, was danach kommen sollte. Sozial und psychisch, in ihrer Lebensweise und in ihren Anschauungen haben die Menschen seitdem eine tiefere Wandlung vollzogen als jemals zuvor.
Jäger und Sammler waren im Allgemeinen egalitär organisiert, weil das den Bedingungen ihres Lebens am besten entsprach. Die Lüge von Herren und Dienern scheint ihnen weitgehend fremd gewesen zu sein, weil es keinen Sinn für sie machte, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen oder sie gar zu versklaven – der Einzelne konnte ja kaum mehr Nahrung erzeugen, als er für den eigenen Bedarf benötigte. Selbst wenn die Jagd der Männer oder das Sammeln der Frauen zeitweise Überschüsse erbrachte, hätte man mit diesen doch wenig anzufangen gewusst, da die Jagd ein nomadisches Leben erforderte - die schlechteste Voraussetzung also für die Bewahrung von Vorräten. Sklaven zu halten, konnte sich unter gewöhnlichen Umständen einfach nicht lohnen. Der Gewinn durch die Gratisarbeit eines Sklaven wurde wettgemacht durch die erzwungene Mehrarbeit zur Beschaffung der Beute, mit der man ihn am Leben erhalten musste. Die äußeren Bedingungen ließen eine Versklavung anderer Menschen deshalb als sinnlos und abwegig erscheinen.
Erst die seit der Jungsteinzeit mögliche Überschussproduktion stellte grundsätzlich andere materielle Voraussetzungen her. Allerdings erst in Verbindung mit der Erfindung der Keramik, die zeitlich etwa tausend Jahre später als der Übergang zu Landwirtschaft und Viehzucht erfolgte. Erst damit wurde das Horten von überschüssiger Nahrung im großen Stil möglich. Als man in den sumpfigen Ebenen Mesopotamiens und im Schwemmland des Nils dann noch die Erfahrung machte, dass sich der Anbau von Getreide auf kollektiv bewirtschafteten und durch kollektive Arbeit bewässerten Feldern vervielfachen ließ, war der Durchbruch zu einer überaus effizienten Überschusswirtschaft geschafft. Von da an gab die materielle Revolution den Anlass zur sozialen. Es war nun nicht allein möglich, sondern überaus vorteilhaft, andere für sich arbeiten zu lassen. Eine Mehrheit konnte sich selbst und darüber hinaus noch eine Minderheit ernähren, die keinerlei körperliche Arbeit mehr zu verrichten brauchte. Herrschaft und Ungleichheit brachten all jenen einen ungeahnten Gewinn, die sich den Überschuss anzueignen verstanden.
Der dadurch eingeleitete Wandel erfasste alles menschliche Verhalten. In den weitgehend egalitären Horden von Jägern und Sammlern hatte das freiwillige Teilen noch eine vorrangige Rolle gespielt. Das Jagdglück konnte ja heute dem einen, morgen einem anderen lächeln. Jedenfalls war es nie mit Gewissheit vorherzusagen. Nicht weniger als das Überleben der Gruppe hing davon ab, dass sie das freiwillige Teilen und gegenseitige Beschenken zum Imperativ erhob.[13]
Unter den Bedingungen des neuen Agrarregimes musste dieser Grundsatz der Freiwilligkeit seine Bedeutung mit der Zeit völlig verlieren. Das spontane, solidarische Teilen wurde durch das erzwungene Teilen, d.h. durch vorgeschriebene Abgaben an die Herren, ersetzt. Freilich geschah das nicht von heute auf morgen. Es ist überraschend, wie lange sich Traditionen des Teilens und Schenkens selbst noch in manchen agrarischen Stammesgesellschaften erhielten, und zwar auch dann noch, wenn sie bereits hierarchische Herrschaftsstrukturen auszubilden begannen.[14] Erst als die herrschende Schicht die erzwungene Abgabe endgültig durchgesetzt hatte, büßte die ursprüngliche Freiwilligkeit ihre Bedeutung ein. Nach einem Anfangsstadium von »theokratischem Sozialismus«, wie ihn Henri Frankfort sogar noch in der frühen Geschichte der sumerischen Stadtstaaten zu erkennen glaubte, entstanden gegen Ende des dritten Jahrtausends hierarchische Zwangsregime. Zuerst im Vorderen Orient und in Ägypten, später dann auch in Indien, China, Europa und sehr viel später auch in der Neuen Welt. Die Entwicklung von der ursprünglichen Freiwilligkeit des Teilens zur erzwungenen Abgabe, d.h. zum Regime gnadenloser Steuereintreiber, endete auf dem Niveau der Hochkulturen überall damit, dass der von einer Mehrheit erwirtschaftete Überschuss von einer Minderheit mit Waffengewalt oder deren Androhung eingetrieben wurde.
So entstand eine neue Gesellschaft und ein neuer Typus des Menschen, der sich sehr bald auch mit den für ihn charakteristischen Symbolen umgab. Die bereits 7000 v Chr. die Stadt Jericho umgebenden Schutzmauern sind ein frühes Zeichen der neuen Epoche.[15] Unser optimistischer Futurologe, der den Menschen eine friedliche Zukunft vorhergesagt hatte, hätte bei diesem Anblick seinen Augen nicht länger getraut. Er hatte ja Recht mit seiner Behauptung, dass Bauern im Unterschied zu Jägern und Sammlern keine Waffen benötigen, doch galt das eben nicht für die Herrenschicht, die fortan über den Bauern thronte. Diese kam ohne Waffen und Waffengewalt gar nicht aus, nur so konnte es ihr gelingen, sich den Überschuss bei der vergleichsweise wehrlosen Mehrheit zu holen. Waffen erlangten damit eine Bedeutung, die sie in der vorangehenden Geschichte des Menschen niemals besessen hatten.
Denn Waffen konnten jetzt zu ganz anderen Zwecken eingesetzt werden. Hatten die Jäger sie zuvor in erster Linie auf ihre Beute gerichtet - auf andere Menschen wohl nur in Zeiten der Nahrungsknappheit, wenn verschiedene Gruppen ums Überleben kämpften – so wurden sie nun bewusst und vorrangig gegen andere Menschen gebraucht, und zwar vor allem gegen die Menschen der eigenen Gesellschaft. Nur wenn die Bevölkerungsmehrheit ein Leben der fortwährenden Selbstaufopferung führte und ihr dabei jeder Luxus verboten blieb, konnte eine Minderheit in Wohlstand und Luxus leben. Verzicht und erzwungene Fron bei den einen waren damit zu unerlässlichen Bedingungen für Reichtum und Luxus der anderen geworden. Die Ungleichheit der Menschen bot die günstigste Voraussetzung, um beides zu realisieren. Mit allen Mitteln - immer auch unter Androhung oder Anwendung nackter Gewalt – wurde der Unterschied im Verhältnis von Arbeitssklaven und ihren bewaffneten Kostgängern aufrechterhalten. »Lass ihn /den Menschen/ unter der Arbeit für die Götter ächzen, damit diese unbeschwert atmen können«, heißt es schon im babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch.[16] Mit den Göttern sind de facto die Herren gemeint.
Freilich war Ungleichheit weder Naturgesetz noch Verhängnis. Nichts wäre historisch unrichtiger, als von einer unausweichlichen Entwicklung zu sprechen. Neben offensichtlicher Ausbeutung hat es auch eine Vielzahl möglicher Übergänge zu einer echten Teilung der Arbeit geben, von der alle in hohem Maße profitierten – im Extremfall so, dass alle wie in egalitären Gesellschaften von Jägern und Sammlern auch im neuen Regime einen ungefähr gleichen Lebensstandard und gleiche soziale Stellung erwarben. Doch diese Beispiele blieben, wie schon gesagt, seltene Ausnahmen einer ganz anderen Regel.
Wo immer der Boden hohe Überschusserträge erbrachte, also an so weit voneinander entfernten Punkten wie Mesopotamien, China, Indien und den Reichen der Mayas, Azteken und Inkas auf der anderen Seite des Globus, wurde Ungleichheit zu einer durch die neue Lebensweise zwar nicht erzwungenen aber doch stark begünstigten Realität. Gleichgültig ob die Herren sich Edle (Adlige), Kschatriya, Ritter oder einfach Freie nannten oder ob sie sich als Nomaden am Reichtum der sesshaften Bevölkerung bedienten, überall hielten sie die arbeitende Bevölkerung in mehr oder weniger großer Abhängigkeit und wussten das für sie vorteilhafte Prinzip der menschlichen Ungleichheit mit Waffengewalt zu erzwingen.[17] Was Alexis die Tocqueville noch im 19. Jahrhundert (also zu einer Zeit, als die zehntausendjährige Ungleichheit schon ihre Abendröte erlebte) von der feudalen Aristokratie seines Landes bemerkte, war unter den Bedingungen der großen Agrarzivilisationen die weltweite Regel. „Durch die Waffen war sie zur Welt gekommen, und durch die Waffen verteidigte sie ihre Macht; nichts war ihr also nötiger als der soldatische Mut. Alles, was ihn nach außen hin deutlich machte, wurde von ihr gebilligt und oft befohlen, selbst auf Kosten der Vernunft und der Humanität.“[18]
In der Tat: Inhumanität war unauflösbar mit dem Aufkommen dieser Epoche verknüpft. Einem freien Spartaner war es erlaubt, Heloten regelmäßig durch Misshandlung und willkürliche Tötung in Angst und Schrecken zu versetzen. Das gehörte in Sparta ebenso zur Taktik der Herrschaftsbewahrung wie in den amerikanischen Südstaaten vor Abschaffung der Sklaverei. Ein Samurai hatte das Recht, einen Nichtadligen unter dem geringsten Vorwand zu töten.
Anders als zuvor bei Jägern und Sammlern war die Nahrung beschaffende Mehrheit dieser Fron und Unterdrückung hilflos ausgeliefert. Unter den Jägern der früheren Zeit waren alle Männer gleich beweglich, vor etwaigen Unterdrückern hätte zur Not jeder ziemlich leicht fliehen können. Der Bauer aber war an die Scholle gebunden, von anderen isoliert und unbeweglich.[19] Er befand sich in einer Situation, die ihm einen wirksamen Widerstand praktisch unmöglich machte. Ihm gegenüber standen höchst mobile und schlagkräftige Gangs, die eben nicht an die Scholle gebunden waren. Gruppen gut gerüsteter, seit tausend v. Chr. auch berittener, Krieger, denen es von nun an ein Leichtes war, eine numerisch weit überlegene Bauernschaft unter ihre Kontrolle zu bringen.
Zu dieser Polarisierung in eine wehrlose Masse und eine mit Waffengewalt herrschende Minderheit ist es in allen agrarischen Hochkulturen gekommen. Hier liegt der Grund, warum sich das Verhältnis von Herrschern und Unterworfenen auch überall wiederholte.
In bestimmten Teilen der Erde ließ sich dieses typische Gegenüber noch bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts verfolgen. Einer verschwindend geringen Zahl englischer Besatzer war es in Indien ziemlich mühelos möglich, eine etwas mehr als tausendmal größere Bauernschaft unter ihre Kontrolle zu bringen. Im Jahre 1862 belief sich die Zahl englischer Soldaten auf 65 000. Wie ein Vergleich mit der damaligen Bevölkerungszahl ergibt, hielt ein einziger britischer Soldat etwa tausend indische Bauern in Schach.[20] Einer hoch gerüsteten kolonialen Macht war es als Herrenschicht möglich, den Reichtum Indiens abzuschöpfen.
Wehrhaftigkeit einer leicht beweglichen Minderheit, Wehrlosigkeit einer an die Scholle gebundenen Mehrheit – das war die Voraussetzung für die Fron der Vielen und den Luxus der Wenigen. Der Grund für diese weltgeschichtliche Wende lag im technologischen Fortschritt. Hatten Jäger und Sammler Kriege allenfalls aufgrund von akutem Nahrungsmangel geführt, so praktizierte man Krieg und Unterdrückung nun im Gegenteil aufgrund von Nahrungsüberschüssen. Errungenschaften in der Naturbeherrschung wurden zum Anlass für einen Rückschritt bis hin zur Pervertierung der sozialen Ordnung. Das sollte sich als ominöses Vorzeichen erweisen. In einer Zeit des rapiden technologischen Wandels und seiner vielfältigen Auswirkungen auf das Leben erscheinen uns solche Zusammenhänge seltsam vertraut.
Noch einmal: Unser fiktiver Philosoph und Zukunftsforscher hat sich deshalb so gründlich täuschen lassen, weil er den Faktor Macht nicht in sein Kalkül einbezog. Statt friedlicher sich der Landwirtschaft widmender Staaten, in denen Waffen funktionslos sein würden, entstand spätestens gegen Ende des vierten Jahrtausends ein ehernes (bronzenes) Zeitalter, so blutrünstig und von Kriegen verwüstet wie niemals zuvor. Herrschaft und Ungleichheit wurden zu universalen Erscheinungen. Sie waren es in so hohem Maße, dass der frühe Zustand einer egalitären und weitgehend friedfertigen Gesellschaft schließlich ganz in Vergessenheit geriet. Bis heute setzen ihn viele mit einem Märchen gleich: dem Mythos vom goldenen Zeitalter. Denn die Teilung in Herrscher und Beherrschte wurde bald als der einzig natürliche, ja, der einzige überhaupt mögliche Zustand menschlicher Gesellschaften verstanden. Er wurde mit der Conditio Humana in eins gesetzt, so als wäre er ein Erbteil menschlichen Wesens. Dagegen schien jede andere Auffassung von Mensch und Gesellschaft dem Eingeständnis unverbesserlicher Naivität gleichzukommen. Auch die philosophische Erkenntnis glaubte von da an nur die reine Wahrheit zu sagen, wenn sie die Unterwerfung der Vielen unter die Herrschaft Weniger als unabänderlichen Wesenszug menschlicher Gesellschaften verstand.
Das trifft zum Beispiels auf Plato zu, der im »Staat« die ideale Gesellschaft in drei verschiedene Gruppen unterteilt: Nährstand, Wehrstand und Philosophen. Der erste besteht aus den dienenden Massen, das Militär und die Philosophen repräsentieren die herrschende Schicht, wie Plato sie in dem von ihm so bewunderten Vorbild Spartas vor Augen hatte. Plato hat seine »ideale« Gesellschaft denn auch einfach nach Maßgabe der zu seiner Zeit real existierenden entworfen, nur dass er den Philosophen gegenüber der nackten Gewalt gern einen wichtigen Platz an der Spitze des Staates eingeräumt hätte. Zweitausend Jahre später hat der englische Sozialphilosoph Thomas Hobbes (1588 - 1679) sich weit nüchterner über die wirkliche Bedeutung der Gewalt geäußert. Ihm zufolge thront Leviathan mit Waffengewalt über den Menschen. Die Funktion dieses Ungeheuers besteht darin, dem Kampf aller gegen alle ein Ende zu setzen, denn ein solcher Kampf entspricht nach Auffassung Hobbes dem natürlichen Zustand der Menschen. Da keiner dem anderen die Vorteile der Herrschaft gönnt, jeder sie aber erringen möchte - Homo homini lupus (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) – muss sich einer von ihnen, um dem Chaos ein Ende zu machen, zwangsläufig zum Diktator über die anderen aufschwingen.
Eineinhalb Jahrhunderte vor Hobbes hatte schon Machiavelli Herrschaft auf ganz ähnliche Art verstanden und damit ein pessimistisches Bild von Mensch und Gesellschaft entworfen, das noch bis zu Nietzsche ins 19. Jahrhundert fortwirken sollte. Statt wie Hobbes ein Pessimist zu sein, der der menschlichen Gesellschaft eben nichts Besseres als das Ungeheuer Leviathan anzubieten vermag, unternahm Nietzsche nun allerdings den reichlich peinlichen Versuch, Leviathan aufzuwerten, ihn zu glorifizieren. Die herrschaftssüchtige, raubgierige Bestie, welche sich der Masse zu ihren Zwecken bedient, wird bei ihm zum Übermenschen hochstilisiert.
Das sind nur einige der bekannteren Deutungen nachneolithischer Daseinsform aus europäischer Sicht. Im dritten Jahrhundert vor Christus hatte der Inder Kautilya im Arthasastra, einem Lehrbuch der Politik, einen Machiavellismus des Herrschens beschrieben, der Machiavelli noch weit in den Schatten stellt. Und einige Zeit zuvor hatte der Chinese Shang Yang eine Art Bestiarium verfasst: Er stellte die menschliche Gesellschaft so dar, als ginge es in ihr um die Zähmung von Raubtieren.[21] Das entsprach ja auch der tatsächlichen Situation. Die Bevölkerungsmehrheit zähmte Tiere und kultivierte Pflanzen, die bewaffnete Minderheit zähmte ihrerseits die Bauern, um von ihnen zu leben.
Haben diese Autoren das eigentliche Wesen von Mensch und Gesellschaft also richtig erkannt? Keineswegs, sie haben ein ungeschichtliches Bild des Menschen gezeichnet, indem sie Zustände nach der neolithischen Revolution mit der Conditio humana schlechthin identifizierten. Die längste Zeit ihrer bisherigen menschlicher Geschichte – immerhin 99 Prozent - gab es keinen Leviathan, und es wurde auch keiner gebraucht. Die Primitiven waren viel weniger primitiv als wir sie heute gerne sehen. Unter ihnen hatte weitgehend Gleichheit geherrscht.
„Lasst mich deswegen nichts mehr von der angeborenen Neigung unserer Art zur Bildung hierarchischer Gruppen hören“, sagt der angesehene amerikanische Ethnologe Marvin Harris. „Hätte ein Beobachter das Leben der Menschen kurz nach Beginn ihrer kulturellen Entwicklung studiert, wäre er… zu der Ansicht gelangt, dass unsere Art unausweichlich zu einer egalitären Lebensform bestimmt ist… Dass die Welt eines Tages in Aristokraten und gemeine Leute, Herren und Sklaven, Milliardäre und obdachlose Bettler zerfallen würde, wäre ihm aufgrund seiner Beschäftigung mit den damaligen Gesellschaften als völlig im Widerspruch zur menschlichen Natur erschienen.“[22]
Was geschah mit den Menschen und ihrer Umgebung nach der neolithischen Revolution?
Wenn man Revolution im üblichen Sinne versteht, nämlich als einen stürmisch hereinbrechenden Wandel nach dem Vorbild der französischen Revolution, die 1889 mit dem Sturm auf die Bastille begann, um vier Jahre danach in der Ungeheuerlichkeit eines Königsmordes zu kulminieren, dann ist der Ausdruck Revolution im Hinblick auf die Jungsteinzeit höchst unangemessen, denn der hier beschriebene Wandel benötigte keine vier sondern etwa viertausend Jahre. Erst mit dem Entstehen der ersten Hochkulturen im Zweistromland, am Ufer des Nils und am Indus gegen Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts gelangten die Folgen des Übergangs zu Ackerbau und Viehzucht wirklich zum Durchbruch.
Zunächst begünstigte die beginnende Landwirtschaft eine starke Bevölkerungszunahme. Aus einer kleinen Gruppe von einigen Dutzend auf der Suche nach Beute ständig umherstreifenden Menschen, die zu ihrer Ernährung ein Territorium von der Größe Bayerns benötigten, ging nun die sesshafte Einwohnerschaft eines Dorfes hervor, das einer vielfachen Menschenzahl auf einem im Vergleich viel kleineren Areal ausreichend Nahrung bot. Man kann sich heute kaum eine Vorstellung davon machen, wie gering die Menschenzahl bis vor zehntausend Jahren noch war. Selten kam mehr als ein Mensch auf den Quadratkilometer. In der späten Steinzeit haben in ganz Frankreich nicht mehr als zwanzigtausend und möglicherweise auch nur eintausendsechshundert Menschen gelebt, also nicht mehr Menschen als heute die Einwohnerschaft eines einzigen kleinen Dorfes bilden.[23] Geht man überdies davon aus, dass kaum mehr als hundert Menschen eine Gruppe gebildet haben, dann lebten in einem Gebiet, das in seiner Größe dem heutigen Frankreich entspricht, zwischen sechzehn bis höchstens zweihundert derartiger Gruppen.
Doch mit dem Übergang zu Landwirtschaft und Viehzucht sollte sich das grundlegend ändern. Es kam zu einer wahren Explosion der Bevölkerung. Im Nahen Osten, wo diese um 8000 vor Christus nur etwa hunderttausend Menschen betrug, schwoll sie in den darauf folgenden 4000 Jahren um nahezu das Vierzigfache auf etwa 3,2 Millionen an.[24]
Viel wichtiger noch als die Bevölkerungszunahme aber war die damit einhergehende kulturelle Umgestaltung, die der Mensch an seiner Umwelt und an der eigenen Gemeinschaft bewirkte. Mit der nun möglichen Überschussproduktion leitete die neolithische Revolution eine kulturelle und technologische Entfaltung ein, wie die Menschheit sie in ihren kühnsten Träumen bis dahin nicht einmal zu ahnen wagte. Die Züchtung von Pflanzen und die Zähmung von Tieren: Weizen und Hirse seit dem achten, Schafe und Ziegen seit dem neunten bzw. siebten, Esel und Pferde seit dem vierten Jahrtausend; der Beginn einer Architektur sesshafter Menschen, mit den vermutlich frühesten Zeugnissen im Mittleren Osten (Jericho, 7000 v. Chr.) und Anatolien; die Errichtung von Städten, in denen bald Tausende von Menschen auf engem Raum existierten; die Gestaltung der Umwelt durch Bewässerungskanäle, Dämme und beackerte Felder; die intensive Nutzung neuer Werkstoffe wie der Keramik (seit 7000), des Kupfers (seit 3500), der Bronze (seit 2800 in Sumer) und schließlich des Eisens (seit dem 9. Jahrhundert v. Chr.). Die Erfindung der Schrift (in Ägypten seit dem 4., in Sumer, seit dem 3. Jahrtausend) – all dies war der nun anbrechenden Zeit vorbehalten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beinahe alles, was die Vergangenheit an kulturellen und technischen Errungenschaften für uns bis heute sichtbar bewahrt, dem Entwicklungsniveau nach der menschlichen Prähistorie angehört, also der Zeit nach dem Übergang zur sesshaften Lebensweise. Jäger und Sammler hatten die immaterielle Kultur der Sprachen, der Lieder, der Naturbeobachtung bereits bemerkenswert weit entwickelt; sie hatten mit Tätowierungen, mit Federschmuck und Kleidung den eigenen Körper gestaltet. In ihrer Umwelt hinterließen sie dagegen nur wenige die Zeit überdauernde Spuren. Wenn eine Jägerkultur, wie die seit kurzem im ostanatolischen Göbekli Tepe entdeckte, bedeutende Steinmonumente erbaute, so scheint das eher eine späte Ausnahme gewesen zu sein. Im Allgemeinen ließ die enge Symbiose der Jäger mit ihren Beutetieren eine konstante Bautätigkeit nur unter besonders günstigen Verhältnissen zu, wenn sich etwa die Beute an bestimmten Orten konzentrierte oder die Sammeltätigkeit der Frauen für längere Aufenthalte an einem Ort ausreichend war.[25]
Wäre die Menschheit über das anfängliche Nomadentum nie hinausgelangt und dann irgendwann später ausgestorben, so hätten außerirdische Erforscher unseres Planeten im Nachhinein wenig bis gar nichts von diesen zweibeinigen Wesen entdeckt, die den Planeten doch schon als »Homo sapiens sapiens« mehr als hunderttausend Jahre bevölkert hatten. Abgesehen von ein paar nackten Skeletten in Mooren und Gletschern wäre von ihrem Dasein nicht viel übrig geblieben.
Der Gegensatz zur neolithischen Epoche könnte daher kaum größer sein. Die zehntausend Jahre zwischen dem achten vorchristlichen Jahrtausend und der industriellen Revolution sind ein Höhepunkt gewaltiger zivilisatorischer Errungenschaften. Das fällt nicht nur uns, den späten Beobachtern, im Rückblick auf den bisherigen Lauf der Geschichte auf. Der Gegensatz zur vorangehenden Epoche der Jäger und Sammler ist vor allem auch den Menschen der neuen Epoche selbst deutlich bewusst gewesen. Er ist derart markant, dass die Menschen in den modernen Städten Mesopotamiens und Ägyptens mindestens so fasziniert vom »Fortschritt« waren, wie es in unserer Zeit die Menschen von den nicht weniger erstaunlichen Erfindungen der Informations- und Computertechnologie sind. Vor ihren Augen wuchsen die bis vor kurzem noch größten Bauwerke der Welt empor: Pyramiden und Zikkurate, wurden unwirtliche Sumpflandschaften in Gärten verwandelt, zu deren Pflege es eines höchst komplexen, nur von diplomierten Spezialisten ausgeübten Wissens über Bodenvermessung und Wasserregulierung bedurfte. Kein Wunder, dass den damaligen Menschen diese Leistungen so gewaltig erschienen, dass man in den Königen, die sie mit Hilfe ihrer Beamten zustande brachten, höhere Wesen sah, entweder die unmittelbaren Diener und Befehlshaber Gottes wie in Mesopotamien oder lebende Götter wie in Ägypten. Diese Leistungen mussten den Menschen umso ungeheuerlicher, vielleicht auch unheimlicher erscheinen, als es ringsherum überall Völker gab, die nach wie vor als Jäger und Sammler in äußerster Primitivität und Armut lebten. Auch die damaligen Vertreter der Hochkulturen waren von einer »Dritten Welt« umgeben.
Die agrarische Lebensweise musste nicht zwangsläufig zu menschlicher Ungleichheit führen. Vor allem in landwirtschaftlich wenig ergiebigen Gebirgsgegenden (Schweiz und andere) konnten sich bäuerische Kulturen entwickeln, die auf schwierigem Boden so wenig Mehrwert erzeugten, dass in ihnen bis zu den Agrarreformen des 19. Jahrhunderts eine Gleichverteilung von Armut herrschte und eben deshalb auch ein geringes Herrschaftsgefälle. In den fruchtbarsten Gebieten der Erde konnte der erzeugte Mehrwert jedoch ein Vielfaches betragen, vorausgesetzt, dass Ernte, Aussaat, Bewässerung, Überschwemmungsschutz etc. von Fachleuten überwacht und geregelt wurden. Wo immer solche Fachleute zur Voraussetzung für die Entfaltung von Wohlstand wurden, entwickelten sich Brutstätten menschlicher Ungleichheit. Denn diese Experten und Organisatoren des Reichtums rückten sehr schnell zu Menschen einer anderen Klasse auf. Es fiel ihnen leicht, zwischen sich selbst und der Bevölkerungsmasse die Barriere einer radikalen Wesensverschiedenheit zu errichten. Ohne eine alles überwachende und planende Lenkung konnten die frühen Bewässerungskulturen am Nil, Euphrat und Tigris oder entlang des Indus weder entstehen noch am Leben erhalten werden.[26] Diese Tatsache war ausschlaggebend dafür, dass die lenkende Spitze und die Masse des Volks in Mesopotamien wie in Ägypten sehr schnell durch einen Abgrund voneinander geschieden waren.
Allerdings geht auch daraus noch keineswegs mit Zwangsläufigkeit die Verhärtung solcher Ungleichheit zu erblichen Unterschieden hervor, wie sie sich am schärfsten in Ägypten manifestierte. Dort stiegen einige Menschen in den Rang von Göttern empor, während die Masse der Bevölkerung auf den Status von Sklaven herabsank. Der Pharao wurde zum leibhaftigen Gott (später zu einer Inkarnation Gottes und schließlich zum Gottessohn), umgeben vom Geburtsadel, den Priestern und der hoch privilegierten Bürokratenklasse der Schreiber. Zusammen bildeten diese die herrschende Schicht. Der ganze Rest des Volkes führte de facto die Existenz von Sklaven, auch wenn die juristisch definierte Sklavenhaltung erst mit den Kriegsgefangenen des Neuen Reichs einsetzte. Die fronende Bevölkerung war dabei einem doppelten Druck ausgesetzt. Solange das Feld zu bestellen war, stand der Bauer mit äußerstem Einsatz im Dienste der Nahrungsbeschaffung. Er wusste, dass die Beamten des Fiskus als Nahrungseintreiber ihm gegenüber mit äußerster Rücksichtslosigkeit vorgehen würden. Selbst bei unverschuldeten Missernten hatten die Bauern stets damit zu rechnen, von mitleidslosen Steuereintreibern grausam misshandelt zu werden. In den Texten ist die Rede davon, dass man sie zur Abschreckung für andere in den Brunnen warf. Doch auch außerhalb der landwirtschaftlichen Saison gab es für die Landbevölkerung keine Ruhe. In dieser Zeit wurden die Fellachen zu öffentlichen Zwangsarbeiten verpflichtet, zum Beispiel zum Tempel- und Pyramidenbau.[27] Nicht anders war die Lage der Massen in den Stadtkulturen Mesopotamiens.[28]
Was an dieser Entwicklung erstaunt, ist nicht die Tatsache, dass die einen herrschten und die anderen gehorchten. In Kulturen, deren physisches Überleben unauflöslich an die zentrale Planung und Beaufsichtigung der Wasserregulierung gebunden war, stellt diese Aufgabenteilung eine zwangsläufige Anpassung an die gegebenen physischen Bedingungen dar. Eine Teilung der Arbeit, die wenige zu Wasseringenieuren, Landvermessern und Archivaren machte, während der Großteil der Bevölkerung sich der Feldarbeit widmen musste, verstand sich unter diesen Umständen von selbst. Aber dass die Teilung der Arbeit dann erblich wurde, so dass der Löwenanteil des erwirtschafteten Reichtums über Generationen immer nur in die Schatullen und Magazine einer kleinen Zahl von Familien floss, diese Entwicklung verstand sich durchaus nicht von selbst. Erst aufgrund dieser Erblichkeit verfestigte sich die Ungleichheit schließlich so sehr, dass die Gesellschaft von da an aus zwei oder mehr Klassen von grundverschiedenen Menschen bestand: die einen waren Götter oder ihre unmittelbaren Stellvertreter auf Erden, die anderen von Generation zu Generation bloße Befehlsempfänger.
Diese Entwicklung war nicht von vornherein selbstverständlich und sie hat sich auch nicht überall auf gleiche Weise vollzogen. Vor allem war die Lüge der Ungleichheit nicht leicht zu begründen. Anders als bei Bienen und Termiten ist sie beim Menschen weder in den Genen verankert noch aus seiner Anatomie ablesbar. Die Gottkönige Ägyptens und die Priesterkönige Mesopotamiens waren Menschen wie alle anderen auch, mochten sie auch behaupten, Götter oder deren bevorzugte irdische Stellvertreter zu sein. Um die real bestehende natürliche Gleichheit der Menschen in Ungleichheit umzuwandeln, musste man daher Strategien entwickeln, um die letztere künstlich herzustellen. Der Gegensatz zwischen unten und oben sollte so evident erscheinen wie die sichtbaren biologischen Unterschiede in den Königreichen von Termiten oder Bienen.
Ungleichheit an sich entsteht auf drei verschiedene Arten: durch Waffengewalt, Abkunft oder Wahl. Die durch Abkunft begründete Ungleichheit nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Sie setzt die Existenz von Ideologien voraus, die ohne Lüge nicht zu begründen sind.
Ursprünglich wurde die Entscheidung, wer über wen die Herrschaft errang, wohl fast immer gewaltsam durch Waffen erzwungen. Auf diese Weise wurde nach dem Einfall der Arier in Nordwestindien das indische Kastensystem begründet, auf gleiche Art gelang es den erobernden Spartanern die ursprünglich freien Heloten zu Sklaven hinabzudrücken. Manchmal – und das trifft wieder auf das spartanische Beispiel zu – wurde die Ungleichheit überhaupt dauerhaft mit Waffengewalt aufrechterhalten.
Doch eine Herrschaft, die sich dauerhaft und ausschließlich auf eine bewaffnete Übermacht stützt, bildet eher die Ausnahme. Sie muss mit beständigen Rebellionen rechnen, die sich dann in der Zerstörung von Dingen und Menschen auswirken. Für die Herren machte es Sinn, den Unterworfenen ihre militärische Unterlegenheit stets vor Augen zu halten, aber ein fortwährender Krieg ergab für sie keinen Sinn: Er hätte die gleichmäßige Versorgung mit Nahrung gefährdet, die doch gerade den Zweck der neuen Herrschaft ausmachte. Eine ausschließlich auf Waffen beruhende Überlegenheit war daher am wenigsten stabil und auf Dauer am stärksten gefährdet. Wenn menschliche Ungleichheit nur auf einer historisch zufälligen Niederlage der Beherrschten beruhte, dann gab es für die letzteren keinen einleuchtenden Grund, vor einer Rebellion zurückzuschrecken. Sobald sie eine Schwäche bei ihren Herren erspähten, schlugen sie zu, um das Verhältnis von Herren und Dienern zu ihren Gunsten zu ändern.
Keine Herrschaft konnte unter der Voraussetzung bloßer Gewaltanwendung Stabilität erringen. Es war ungleich wirkungsvoller, wenn es den Herren gelang, ihre Stellung ideologisch zu rechtfertigen und zu sichern. Die Macht der Waffen wurde dann durch etwas viel Wirksameres ersetzt oder zumindest ergänzt: eine den ganzen Menschen mit seinem Fühlen und Denken umfassende und bindende Macht gemeinsamer Weltanschauung. Dem weltanschaulichen Glauben fiel die Aufgabe zu, die bestehende Ungleichheit als notwendig, natürlich oder gar gottgewollt hinzustellen.
Dafür kamen die beiden schon genannten Strategien in Frage: Abkunft oder Wahl. In beiden Fällen wurde die Waffengewalt zwar keinesfalls abgeschafft, aber weitgehend durch gemeinsame Überzeugungen ersetzt.
Das Prinzip der Wahl beruhte auf einer mit jeder Generation neuerlich vorgenommenen Auswahl der Machthaber nach körperlichen oder geistigen Eigenschaften. In China wurde die herrschende Elite der Mandarine aufgrund eines im Prinzip allen Chinesen zugänglichen Erziehungs- und Prüfungssystems ermittelt (vgl. »China – die Philosophen herrschen«). Mochte die Herrschaft dieser privilegierten Minderheit auch genauso drückend sein wie unter einem Militärregime – tatsächlich hat es im Laufe der Geschichte im Reich der Mitte immer wieder Bauernrevolten gegeben – so hat das System als solches doch keinen Widerspruch provoziert, da niemandem grundsätzlich der Weg nach oben versperrt war. Ein maximales Einverständnis zwischen Herrschern und Beherrschten wurde auf diese Weise gesichert. Tatsächlich ist China die einzige unter den großen Hochkulturen, welche schon zweitausend Jahre vor unserer Zeit einem Prinzip von Herrschaft zum Durchbruch verhalf, das im Westen erst nach der industriellen Revolution zum allgemein akzeptierten Standard wurde.
Fast alle anderen großen Agrarkulturen haben einen anderen Weg – eine Sackgasse - beschritten. Sie haben die biologische Abstammung zum Kriterium für die Herrschaft gemacht. Wer von einem Freien abstammte, wurde selbst zum Freien, wer unfrei geboren war, blieb es gewöhnlich ein Leben lang. Solche Gesellschaften mussten notwendig eine rechtfertigende Ideologie für dieses Unrecht entwickeln. Sie mussten den geistigen Rang eines Menschen auf irgendeine Weise aus seiner biologischen Herkunft ableiten. Die Ideologie musste beweisen, dass die Freien mehr wert als die Unfreien waren und ihre Vorteile in dieser (und oft auch in der jenseitigen) Welt ihnen daher mit vollem Recht zufielen. Natürlich waren das samt und sonders artifizielle Ideologien, die auf keinerlei objektiven Kriterien beruhten. Zwischen der Herkunft eines Menschen aus einer bestimmten Familie und seinen Eigenschaften gibt es so wenig nachweisbare Zusammenhänge wie zwischen »Rassen« und ihren vermeintlichen Merkmalen.
Bis zum Aufkommen derartiger Ideologien war das für jedermann wohl auch damals nicht weniger offenkundig als heute für uns. Man wusste, dass die Mitglieder der oberen Schichten genauso an Wahnsinn, Dummheit, Verkrüppelung leiden konnten wie irgendein Mann aus dem Volk. Bei Jägern und Sammlern hatte es solche ideologischen Konstruktionen nicht geben können, weil der Gegensatz zwischen gottähnlichen Herrschern und einer fronenden Masse bei ihnen ganz unbekannt war. Dennoch war der so genannte gesunde Menschenverstand niemals gesund genug, um einer auf ihn einwirkenden Ideologie auf Dauer gewachsen zu sein. Die herrschenden Schichten brachten das Kunststück zuwege, die bloß erdachte Verbindung zwischen einer bestimmten Abstammung und einem höheren Menschentum für alle glaubhaft zu illustrieren. Das war ein in der sozialen Entwicklung entscheidender Schritt. Erst dadurch wurde die Ungleichheit geistig zementiert und verankert. Aus einem historisch zufälligen Faktum - dem Gewaltvorsprung der einen über die anderen - wurde unanfechtbares Schicksal. Die Geschichte der Macht in den vergangenen zehntausend Jahren hat es weitgehend mit mehr oder minder gelungenen Versuchen zu tun, den Zufall der Geburt zu legitimieren. Mit den dadurch bewirkten Verzerrungen des Denkens haben wir es, wenn auch in anderer Form, auch heute noch zu tun.
Blicken wir noch einmal auf das Beispiel der Heloten zurück. Seit der dorische Stamm der Spartaner die einheimische Bevölkerung mit Waffengewalt unterworfen hatte, genossen die neuen Herren die gleiche Stellung wie Drohnen in einem Bienenstock. Sie zwangen das unterworfene Arbeitsvolk, sie zu bedienen und zu ernähren. Doch das allein war ihnen nicht genug. Der faktischen Degradierung einst freier Menschen fügten sie auch noch die ideologische hinzu. Die Heloten wurden von ihnen als menschenförmige Tiere gesehen, die als solche nichts Besseres verdienten als die lebenslange Fron ausgebeuteter Arbeitstiere. Der Ideologie zufolge waren die Heloten von den Göttern zum Dienen bestimmt, ihre Herren, die Spartaner, dagegen als Herren geboren. Nicht nur die jungen Spartaner wurden im Geiste dieser Lehre erzogen, auch den Heloten selbst wurde die eigene Minderwertigkeit ständig gepredigt, um ihnen das Selbstvertrauen zu nehmen und sie zu gefügigen Knechten zu machen.
Die Zustände in Sparta sind von der Gegenwart weniger entfernt, als man glauben könnte. Noch bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in den Südstaaten Amerikas ebenso Heloten und Freie. Die geistige Untermauerung und Rechtfertigung dieser Herrschaft stützte sich auf eine Ideologie, deren Geltung genauso unverrückbar und unbezweifelt festzustehen schien. Mehr oder minder subtil, mehr oder minder deutlich ausgesprochen wurde die Überlegenheit der Weißen über die schwarzen Arbeitssklaven als biologisches und gottgewolltes Faktum interpretiert.
Der Sinn einer derartigen ideologischen Rechtfertigung liegt auf der Hand. In Sparta oder wo immer sonst Abkunft über das Verhältnis von Herren zu Unterworfenen entschied, durfte nicht der Eindruck entstehen, als wäre der Sieg der einen über die anderen nur dem historischen Zufall zu danken, der sich durch einen anderen derartigen Zufall, zum Beispiel einen erfolgreichen Aufstand der Sklaven, wieder aufheben ließe. Die Ideologie hatte dafür zu sorgen, dass beiden, Herren wie Sklaven, deutlich vor Augen stand, dass die einen von Natur aus oder aufgrund göttlicher Satzung nichts anderes als Herren und die anderen aus denselben unanfechtbaren Gründen nichts anderes als Sklaven sein konnten.
Auch in Athen gab es Kräfte, die nach einer solchen ideologischen Begründung suchten. Den Versuch dazu findet man in erstaunlicher Offenheit in Platos »Staat«. Hier macht sich der Philosoph anheischig, die Wächter seiner idealen Republik zu einem Kunstgriff zu überreden. Sie sollen den Menschen eine Fabel erzählen, wonach Gott die einen von ihnen als Herren, die anderen als Arbeitstiere geschaffen hätte. Mehr als alle anderen belehrt uns diese Passage, wie sehr der große athenische Philosoph mit den Zuständen in Sparta sympathisierte. Dabei versucht er nicht einmal, den Betrug zu verheimlichen. Den Wächtern des Staates ist durchaus bewusst, dass sie dem Volk mit dieser Fabel eine Lüge auftischen. Doch in den Augen von Plato ist das eine Lüge zum Vorteil der Staatsräson – eine die Herrschaft stützende und daher erlaubte Lüge. Er erteilt den Wächtern daher ausdrücklich den Rat, das Volk auf diese Weise zu täuschen.
Platos Lüge macht offenkundig, was Ideologie ihrem Wesen nach ist: Fabel im Dienste der Herren, d.h. im Dienste der Macht. „Es stellt sich nämlich heraus, dass die einzig wirklich bedeutsame Arbeitsteilung, die zwischen Herrschern und Beherrschten ist. Und diese beruht angeblich auf der natürlichen Ungleichheit zwischen Herren und Sklaven, Weisen und Unwissenden“, wie Karl Popper zu dieser Passage bemerkt.[29]
Zum Ruhme der Athener ist immerhin anzumerken, dass sie diese Fabel nicht übernommen haben. Im Unterschied zur spartanischen Diktatur hat Athen keine Ideologie des Untermenschen geschaffen. Die Athener wussten einfach zu gut, dass jeder freie Grieche der Gefahr ausgesetzt war, zu einem Sklaven zu werden. Es heißt, Plato selbst habe dieses Schicksal in Syrakus ereilt. Dass er wieder freigekauft wurde, hatte er einem seiner Schüler zu danken.
Dennoch sollte man aus dieser Zurückhaltung der Athener keine falschen Schlüsse ableiten. Wie schon gesagt, haben auch die Athener, all ihrer Offenheit für geistige Experimente zum Trotz, keine Theorie menschlicher Gleichheit entwickelt. Die Zwänge der materiellen Lebensweise übten hier dieselben elementaren Wirkungen auf das Denken des Menschen aus wie überall sonst. Das Denken ist unfrei, seine Erkenntnis eingeschränkt, solange es solchen Zwängen gehorchen muss. Von einer reinen Philosophie zu sprechen, von einer Souveränität des Menschen gegenüber seinen Lebensbedingungen ist angesichts solcher Fakten bloße Schönfärberei. Die Idee von der Gleichheit der Menschen war unter Jägern und Sammlern noch eine Selbstverständlichkeit. Sie ist es heute von neuem, weil wir den Zwängen der neolithischen Revolution glücklich entkommen sind. Sie hat zweifellos auch in der Vergangenheit viele Köpfe beherrscht – nicht umsonst spricht Plato von einer Lüge, wenn er den Wächtern die Fabel von der natürlichen Ungleichheit der Menschen empfiehlt – aber diese Idee konnte sich unter den veränderten materiellen Bedingungen keine Geltung verschaffen.
Für das Verhältnis von Sein und Denken hatte das tief greifende Folgen: Die Erkenntnis wies nicht nur blinde Flecken auf, sondern sie wurde absichtlich zum Erblinden gebracht. Das Denken wurde umgepolt, es wurde auf Unwahrheit eingeschworen.
Eben deshalb ist das Verhältnis von Sein und Denken ohne den Dritten im Bunde, die Macht, nicht zu verstehen. Es gibt keine »reine« Theorie der Erkenntnis, weil diese immer schon mit der »unreinen« Macht paktieren musste. Sobald das Denken deren Weisungen gehorcht, entsteht ein verzerrtes und falsches Denken, das sich dennoch als das richtige und allein gültige ausgibt. Es wird eine Fiktion aufgestellt, die den Rang einer unanfechtbaren Wahrheit beansprucht. So entsteht »artifizielle Wahrheit«, also Lüge, deren wesentliches Merkmal darin besteht, dass sie der Macht hörig ist und nur dann wirksam sein kann, wenn sie unter Androhung größter Strafen eben als evidente, unerschütterliche Wahrheit geglaubt wird.
Bei Plato war die Fabel von der menschlichen Ungleichheit nicht mehr als die intellektuelle Spielerei eines Mannes, der sich von einer Diktatur faszinieren ließ. Doch in Sparta war diese Lüge in den Rang eines Verfassungsdogmas erhoben. Niemand wagte sie zu bezweifeln - man hätte das eigene Leben riskiert. Nicht anders war es in Indien, in Ägypten, bei den Inkas, den Azteken, in den christlichen Ländern. Überall begegnen wir der Lüge Platos als heiliger, unumstößlicher Gewissheit.
Die Lüge von der menschlichen Ungleichheit gewinnt überhaupt erst an Schärfe, sie wird erst dadurch zu einer geglaubten und fanatisch verteidigten Realität, dass der Geist in ihren Dienst gelockt und gezwungen wird. Nicht nur der eines Philosophen – diese waren selten so einflussreich, dass sie das Denken ganzer Völker beherrschten – sondern vor allem die geistige Macht der Religion. Die Verbindung zu Gott war für die Wirkung entscheidend. Schon Plato hatte sich ihrer bedient, wohl wissend, welche Wirkung er damit erzielte: „Gott“, so heißt es in seiner Fabel, „hat… denen, die zum Herrschen geschaffen sind, Gold beigemischt…“.[30]
Erst nachdem die Lüge der Herrscher sich mit der Religion als ihrem treuesten Verbündeten vermählte, wurde sie nahezu unangreifbar. Diese seltsame Vermählung zwischen den höchsten Bedürfnissen und Aspirationen des Menschen - seiner Suche nach Sinn und letzter Wahrheit – und einer gewollten, systematischen und gnadenlosen Verkehrung der Wahrheit, macht eine Untersuchung über die Auswirkungen der Macht zugleich äußerst komplex und überaus schmerzhaft. Es ist geradeso, als hätte der Mensch seine besten Bestrebungen in den Dienst der niedrigsten Zwecke gestellt.
Die Religion musste dadurch ins Zwielicht geraten. Schon Epikur und Lukrez hatten darin ein Mittel der Herrschenden gesehen, um die Menschen durch Furcht zu beherrschen. „Soviel Unheil vermochte die Religion zu erzeugen“ rief der letzte in seinem Gesang über die Natur der Dinge aus.[31] Es mussten aber fast zweitausend Jahre vergehen, bevor es wieder möglich war, eine ähnlich deutliche Kritik auszusprechen. Pierre Bayle, einer der ersten französischen Aufklärer, wagte es, seine Gedanken über das Zusammenspiel von weltlicher und geistlicher Macht zu einer Zeit niederzuschreiben, als man damit noch sein Leben riskierte. „Man hat zu allen Zeiten zugestanden, dass die Religion ein Band der menschlichen Gesellschaft ist, und die Untertanen sind niemals besser im Gehorsam erhalten worden, als wenn man den Dienst der Götter geschickt dazwischenzubringen gewusst.“[32] In Deutschland waren Feuerbach und Marx die namhaftesten Wortführer der kritischen Haltung. Der erste sah in der Gottesidee eine Projektion der menschlichen Psyche. Sein eigenes, ins Überdimensionale vergrößerte Bild warf der Mensch sozusagen an den Himmel, um sich danach in diesem Spiegelbild selbst anzubeten. Er empfing seine Befehle scheinbar von einem anderen Wesen, in Wirklichkeit von sich selbst.[33]
Marx formulierte den gleichen Tatbestand in noch schärferer Pointierung. Er sah in der Religion ein Mittel der Herrschenden, um die ihnen Unterworfenen zu domestizieren. Indem man den Menschen die Seligkeiten des Jenseits vorgaukelte, war es dann umso leichter, ihnen im Diesseits eine erbärmliche Existenz zu verordnen. Religion war, wie Marx es formulierte, das Opium des Volkes: also eine Beruhigungspille.
Es ist heute leicht, diese Kritik als oberflächlich zu bewerten, weil Religion weit mehr ist, als wozu der Missbrauch im Dienste der Macht sie erniedrigte und verformte. Friedrich Nietzsche, bezeichnenderweise selbst Pastorensohn, schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er ohne Wenn und Aber behauptet: „Noch nie hat eine Religion, weder mittel- noch unmittelbar, weder als Dogma noch als Gleichnis, eine Wahrheit enthalten. Denn aus der Angst und dem Bedürfnis ist eine jede geboren...“[34] Dennoch steht ihr Missbrauch ganz außer Frage. Das religiöse Empfinden des Menschen wurde zu genau denjenigen Zwecken missbraucht, die von Feuerbach und Marx so scharfsinnig bloß gelegt wurden. Die religiöse Deutung der Wirklichkeit, die überall auf der Welt eine spontane Reaktion des Menschen auf die ihn umgebenden Rätsel des Daseins und seine eigene Existenz darin ist, wurde so deformiert, dass man sie den Zwecken der Macht und der Mächtigen unterwerfen konnte.
Die frühe Vermählung von Ideologie und politischer Herrschaft ist schon in den frühesten Dokumenten der neuen Hochkulturen bezeugt. So z. B. in den Texten von Memphis, die in der Zeit des Gründers der ersten Dynastie, des Pharaos Menes, zu Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends entstanden. Wie Henri Frankfort zeigte, wird dort die Stellung des ägyptischen Gottkönigs aufs Engste mit dem Aufbau des ganzen Kosmos verknüpft. „Die Natur selbst wäre undenkbar ohne die Existenz des ägyptischen Königs. Die Memphis-Theologie legt davon ein deutliches Zeugnis ab. Sie zeigt, dass die Doppelmonarchie /über Ober- und Unterägypten/ einen göttlichen Plan verwirklicht. Die soziale Ordnung, wie sie von Menes begründet wurde, wird als Teil der kosmischen Ordnung dargestellt.“[35]
An der engen Verbindung von politischer Macht und religiöser Ideologie hat sich bis zum Christentum nichts Wesentliches geändert. Auch dieses hat sich mit den materiellen Zwängen der Agrarzeit arrangieren müssen. Zwar bestand eine Kernaussage des Christentums in der Lehre von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen. Jesus war der Sohn eines Bauhandwerkers, seine Jünger stammten ebenfalls aus kleinen Verhältnissen. Zeitlebens wandte der Gründer des Christentums sich gegen die Schriftgelehrten, welche neben der weltlichen Macht – den römischen Besatzern - damals den größten Einfluss besaßen. Denn für Jesus waren die Unterschiede von Einfluss und Macht völlig unbedeutend, da er anders als Plato keinen Staat auf festen Fundamenten begründen wollte, sondern die endgültige Auflösung des Staats angesichts des baldigen Weltunterganges vor Augen hatte. Ob Menschen im Hinblick auf Reichtum und Macht gleich waren oder nicht, spielte für ihn keine Rolle, da er sie als Kinder Gottes hier und jetzt ohnehin als völlig gleich und gleichberechtigt verstand. Da Gott alle Menschen in nächster Zeit vor seinen Thron rufen würde, hatten Unterschiede weltlichen Rangs alle Bedeutung verloren.
Wie wir wissen, hat sich Jesus in diesem Punkt geirrt. Das Weltende ist - leider oder zum Glück - denn doch nicht eingetreten. Die Christen hatten sich damit abzufinden, dass sie es in diesem Jammertal für unübersehbare Zeit weiter aushalten müssten. Genau das aber unterwarf sie denselben Zwängen, die auch überall sonst den Missbrauch der Religion zu Zwecken der Herrschaft zur Folge hatte. Die Lehre von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen musste nun so umgepolt werden, dass sie mit diesen Zwängen im Einklang war. Der Staat sollte ja weiterhin funktionieren, und das konnte er in den Augen der Machthaber nur, wenn ihre überlegene Stellung zweifelsfrei feststand. So redet schon Paulus den Mächtigen nach dem Mund, wenn er von den christlichen Gemeinden ihnen gegenüber strikten Gehorsam fordert: »Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet« (Römerbrief 13,1).
Allerdings war die Lehre Christi noch in lebendiger Erinnerung. Es bedurfte daher eines Kunstgriffs, um sie mit der paulinischen Vergötzung der Macht, in Übereinstimmung zu bringen. Die »artifizielle« Lösung dieses Problems bestand nun darin, dass man zur gleichen Zeit die religiös geforderte Gleichheit und eine faktisch gebotene Ungleichheit akzeptierte, die in Griechenland und Rom weitgehend in Sklaverei bestand. Die Gleichheit durfte nur vor Gott Geltung haben, wie Paulus an anderer Stelle betonte.[36] Dagegen sollte sie ohne Auswirkungen auf die tatsächliche Stellung der Bevölkerungsmehrheit bleiben. Diese blieb weiterhin dazu verurteilt, als Nahrungslieferant für eine Minderheit zu dienen, die ihre Stellung nun mit Hilfe des Christentums als göttlich gewollt interpretierte: als Gottesgnadentum.
Ob Katholizismus oder spätere lutherische Reformation – durch 1800 Jahre christliche Geschichte hatten die dienenden Nahrungsbeschaffer das Joch irdischer Ungleichheit auf sich zu nehmen. Als sie unter Luther von Freiheit hörten und sich in den Bauernkriegen empörten, lieferte dieser sie bedenkenlos und mit einem schrecklichen Wort der Wut ihrer Herren aus. »Solch wunderliche Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann, besser als andere mit Beten.«
Auf diese Weise wurde das Christentum – ursprünglich eine Lehre menschlicher Gleichheit - in den Dienst der weltlichen Macht gestellt und für die Zwecke der Ungleichheit instrumentalisiert. Die einen wurden mit Gottes Gnade in ihrer Herrschaft befestigt, die anderen mit Gottes angeblicher Billigung in Unterwerfung gehalten. So sollte s über Jahrhunderte bleiben. Es war, wie Norbert Elias sagt „die natürliche und selbstverständliche Ordnung der Welt, dass die Krieger, die Edlen Muße haben, sich zu vergnügen, und dass die anderen für sie arbeiten. Es fehlt die Identifizierung von Mensch und Mensch. Es gibt nicht einmal am Horizont dieses Lebens /im christlichen Mittelalter/ die Vorstellung, alle Menschen seien »gleich«.“ Denn „so hat Gott die Welt geschaffen, die einen sind Herren, die anderen sind Knechte.“[37]
Bis zum Beginn der industriellen Revolution hat sich daran kaum etwas geändert. Selbst noch im achtzehnten Jahrhundert – dem Jahrhundert der Aufklärung – konnte ein Papst sich offen über den Gedanken menschlicher Gleichheit mokieren. Als Antwort auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte schrieb Pius VI. am 10. März 1791: »Kann man etwas Unsinnigeres ausdenken als eine derartige Gleichheit und Freiheit für alle zu dekretieren?«[38]
Es war eine seltsame Art der Gerechtigkeit, die die Macht dabei etablierte. Von den Unterworfenen verlangte sie den Verzicht im Diesseits, das sie, um ihn zu erleichtern, als Jammertal abwertete. Dafür wurde im Jenseits, das sie zum Paradies verklärte, reiche Entschädigung verheißen. Allerdings galten dabei für Herren und Volk jeweils andere Spielregeln. Während die ersteren sich vorzugsweise schon auf Erden paradiesische Zustände schufen, wurde das Volk mit kommenden Freuden vertröstet.
De facto blieb dabei alles weitgehend beim Alten, d.h. so wie es schon unter Griechen und Römern gewesen war. Die Aufstiegschancen, die das Christentum Menschen der unteren Klassen (z.B. über die Kirche) zu bieten vermochte, waren gewiss nicht größer als in Athen oder Rom. Dort war es besonders begabten Sklaven möglich gewesen, sich freizukaufen oder von anderen freigekauft zu werden - eine institutionell vorgegebene Aufstiegschance, die immerhin eine gewisse (wenn auch statistisch wohl nur geringe) Fluktuation zwischen unten und oben bewirkte. Auch die heimliche Überzeugung, dass im Grunde alle Menschen gleich geboren und nur aufgrund eines unberechenbaren Schicksals in verschiedene Richtungen verschlagen waren, war in Griechenland und Rom kaum weniger ausgeprägt als in der darauf folgenden christlichen Ära.
Das Christentum brachte in dieser Hinsicht keinerlei Fortschritt. Im Gegenteil fügte es der faktischen Entrechtung eine »artifizielle Wahrheit« hinzu. Es ermunterte die Unterdrückten zum Stillhalten im Diesseits, weil Gott ihnen angeblich große Belohnung dafür im Jenseits in Aussicht stellte. Kritik und Hohn, welche die Aufklärer bis hin zu Marx an dieser ideologischen Betäubung übten, sind also durchaus gerechtfertigt. Immerhin hatte Plato die Fabel von den unterschiedlich geborenen Menschen noch als bewusste Lüge verstanden. Die Lüge vom Gottesgnadentum einer Macht und der Notwendigkeit sich ihr zu fügen, um das eigene Seelenheil nicht zu gefährden, wurde dagegen als evidente Wahrheit geglaubt und verbreitet. Fast zwei Jahrtausende haben Ketzer mit ihrem Leben dafür gebüßt, Zweifel daran zu äußern.
Der Missbrauch der Religion im Dienste der Macht war jedoch in vielen früheren Hochkulturen noch sehr viel weiter gegangen. Er lässt sich auf eine knappe Formel bringen: Gott wurde zum König umgedeutet bzw. der König zu einem Gott oder dessen unmittelbarem Stellvertreter erklärt. Das Motiv für diese enge Verbindung zwischen einer überweltlichen Macht und der weltlichen Herrschaft war in Platos Fabel schon angedeutet. Die Herrschenden wollten ihre Stellung gegenüber den Beherrschten auf Dauer sichern. Sie brauchten dazu eine Legitimation, die sie unangreifbar machte.
Wir sahen, dass die nach 8000 vor Christus einsetzende sozio-ökonomische Revolution die Gesellschaft mit der Zeit in zwei Schichten trennte, eine Mehrheit von Nahrungsbeschaffern und eine Minderheit, die sich von ihnen ernähren ließ. Eine solche Herrschaft ließ sich zwar durch die Gewalt der Waffen begründen – wir dürfen annehmen, dass sie fast immer auf diese Weise zustande kam - aber man konnte sie auf diese Art nicht dauerhaft aufrechterhalten. Es genügte nicht, dass ein siegreicher Eroberer vor die Unterworfenen trat und seinen Willen proklamierte: »Ich, das Individuum so und so, will, dass es so und nicht anders geschehe!« Ein solches Vorgehen half ihm gerade so lange, wie er den Unterworfenen das Schwert an die Kehle hielt. Es war ihm aber darum zu tun, dass seine Untertanen ihm auch noch in seiner Abwesenheit oder Schwäche die Treue hielten oder nach seinem Tod seinem Sohn und seinen Enkeln. Dazu musste er sich auf eine Instanz beziehen, die allen gleichermaßen als Bezugspunkt und Maßstab galt: ihm, dem Herrscher, und ebenso den Beherrschten.
Dieser Bezugspunkt war notwendig eine Instanz, die über beiden thronte. Man gab ihr verschiedene Namen: Gott, Dao, die Weltordnung, das Weltregiment oder wie auch immer. Entscheidend war, dass sie für alle als Schiedsrichter über richtig und falsch, gut und böse in Frage kam.
Wie gesagt, der Herrscher brauchte diese über der ganzen Gesellschaft thronende Instanz, um sich nicht bei jeder Entscheidung auf sein persönliches Wollen beziehen zu müssen. Damit hätte er sich auf dieselbe Stufe wie jeder andere Mensch gestellt. Sein Wollen und seine Entscheidungen wären daher auch nicht mehr wert als die beliebiger anderer Menschen gewesen. Ganz anders war es dagegen, wenn er sagen konnte: »ER oder ES will es so«, und wenn dieses ER oder ES allen als eine übergeordnete Macht erschien, der sich jeder zu beugen hatte. Dann war es nicht mehr das persönliche Wünschen und Wollen eines bestimmten Individuums, das diese Entscheidungen fällte, ein Wollen, das man stets egoistischer Motive verdächtigen konnte, sondern eine höhere Macht, die sich dieses Individuums bediente. Der Herrscher stellte sein Ego in den Schatten einer ihn und seine Untertanen gleichermaßen überragenden Instanz.
Es ist also kein bloßer historischer Zufall, wenn überall auf der Welt, wo nach der von Mesopotamien ausgehenden neolithischen Revolution große Königreiche entstanden, die Herrscher zu diesem nahe liegenden Mittel griffen. Es lag in der »Psycho-Logik der Macht«, ihr persönliches Wollen hinter der Fassade einer göttlichen Instanz zu verbergen, um es so in den Augen der Beherrschten zu legitimieren. Einerseits schmückten sich Könige und Fürsten mit Wappen, auf denen Löwe und Adler prangten – den uralten Symbolen der nackten Gewalt. Aber Löwe und Adler, die physische Gewalt, lauerten zwar immer im Hintergrund, aber sie allein hätten eine dauerhafte Herrschaft nie garantieren können. Keine andere Strategie war zu diesem Zwecke so wirksam wie diese Berufung auf eine übergeordnete Macht. Sie bildete sozusagen einen schützenden Wall, hinter dem sich der Herrscher verbergen konnte. Mochte er als Individuum noch so unbedeutend, abstoßend, hässlich oder schlicht dumm sein. Das zählte wenig, solange er sich den Glanz einer alle Menschen überragenden Gottheit zu borgen vermochte. Denn was immer er tat, ging ja nicht mehr von seinem kleinen Ego aus, sondern entsprang den Absichten eines höheren Wesens, für das er als Sprachrohr fungierte. Die Psycho-Logik der Macht wirkte überall auf die gleiche Weise. Sie sorgte dafür, dass die Herrscher sich selbst zu menschlichen Instrumenten in der Hand göttlicher Mächte erklärten.
Das war eine systematische Verfälschung des Denkens zugunsten der Macht. Macht trat zwischen Denken und Sein und zog einen Schleier vor die Erkenntnis der Wirklichkeit. Hatten Gewalt und historischer Zufall einen Mann und seine Anhänger an die Spitze gebracht, dann dauerte es nicht lange, bis ein verklärendes Licht dieses Individuum als schützende Aura umhüllte. Es dauerte nicht lange, bis der Mann an der Spitze ebenso wie die von ihm befehligten Massen die Fabel Platos glaubten. Dem Herrscher war nun Gold beigemischt – und Gott selbst hatte diese Verwandlung bewirkt.
Dadurch wurde ursprüngliche Gewalt in die Bahn einer unanfechtbaren Ordnung gelenkt. Aus dem historischen Zufall eines Siegs über Schwächere wurde ein notwendiges, von höchster Stelle sanktioniertes Geschehen, das durch künftige historische Zufälle gleicher Gewaltanwendung nicht wieder rückgängig gemacht werden durfte. Die Ideologie rechtfertigte im Nachhinein die erste Gewaltanwendung und verhinderte zugleich weitere Gewalt, indem sie die bestehende Macht mit hohen Barrieren gegen alle Umsturzversuche schützte. Die ideologische Legitimation stellte demnach einen Akt der Weihe dar: Eine unanfechtbare göttliche Ordnung sanktionierte die zufällig entstandene menschliche Ordnung und hob sie damit weit über allen Zufall hinaus.
Vor dem Hintergrund der vorausgehenden Geschichte war das radikal neu. Die Logik der Macht und ihrer Rechtfertigung präsentierte sich in den großen Agrarzivilisationen auf grundlegend andere Art als während der vorangehenden Epoche. Der religiöse Kosmos von Jägern und Sammlern war überwiegend von beseelten Potenzen erfüllt, die mit den konkreten Erscheinungen von Baum, Strauch, Blume, Fuchs oder Bär, aber auch Fluss, Meer, Stein und Gebirge unlösbar verbunden blieben. Es gab keine tote Natur und keinen von dieser deutlich getrennten Geist, stattdessen gab es eine überall atmende, lebende Welt, in der der Mensch nur eines unter unendlich vielen Geistwesen war. Die egalitäre Gesellschaft der Jäger und Sammler spiegelte sich in einer egalitären Natur, in der ein Bärengeist ebenso wirklich und wirksam sein konnte wie der Geist eines Menschen und jeder auf den anderen Rücksicht zu nehmen hatte. Zu seinem eigenen Überleben auf tierische Nahrung angewiesen, empfand der Mensch das Töten anderer Wesen als einen Eingriff, der Abbitte erforderlich machte. Verbreitet waren daher die Opfer an die Geister der Toten und der Getöteten.
Dieser unüberschaubaren Vielfalt einer animistisch beseelten Natur hat der Mensch nur wenige Monumente errichtet, die Natur selbst war das Monument, vor dem er erschauerte. Er hat ihr auch nur wenige, zumindest nur wenige die Zeit überdauernde Tempel erbaut, die Natur selbst war der ihn umfangende Tempel. Die Jäger und Sammler ersannen eine Fülle von magischen Praktiken, mit denen sie auf den Geist der sie allseits umgebenden Wesen einwirken und sie beeinflussen konnten. Das war ihre Art der geistigen Kommunikation mit der Natur. Denn so wie der Mensch sich selbst als ein geistiges und wollendes Wesen erlebte, schrieb er auch den ihn umgebenden Pflanzen, Tieren und Dingen einen Geist und ein Wollen zu. Wenn er sie lenken und für seine Zwecke nutzen wollte, musste er mit dem eigenen Wollen auf das Wollen der übrigen Wesen einwirken.
Das alles änderte sich grundlegend in den großen Agrarzivilisationen. In der nun aufkommenden Gesellschaft der Ungleichen konzentrierte sich menschliche Herrschaft in wenigen Händen. Ebenso verdichtete sich nun auch der Geist, der zuvor die gesamte Natur erfüllte, in wenigen Gottgestalten, die in zunehmendem Maße menschliche Züge aufwiesen - auch wenn sie, wie etwa in Ägypten oder in Indien weiterhin ihre Herkunft aus der animistischen Welt verrieten.[39] Diese zunehmend vermenschlichten Götter wurden individualisiert, aus der Natur herausgelöst und hinausgehoben[40], nicht anders als die neuen Herrscher, welche die Menge so weit überragten. Vermenschlichung und gleichzeitige Entrückung charakterisierten auch das Alltagsleben der Götter. Im Allgemeinen führten sie dasselbe höfische Leben wie die Vornehmsten der neuen Herren.
Der Vergleich mit dem Verhalten der früheren Jäger und Sammler erhellt auch hier einen scharfen Gegensatz. Dort hatte der Einzelne in der Gruppe wechselseitiges Teilen geübt, seinen Egoismus zu zähmen und jenes Maß an Rücksicht den Mitmenschen gegenüber zu zeigen gelernt, das er seinerseits auch von ihnen erwarten konnte. Gegenüber den neuen Herrschern wurde jedoch ein völlig anderes Verhalten verlangt. Da diese in unerreichbarer Ferne weit über gewöhnlichen Menschen schwebten, waren jetzt Schmeichelei, Selbstverleugnung und Unterwürfigkeit geboten. Wollten sie von den großen nicht einfach zertreten werden, mussten die kleinen Leute jetzt sämtliche Register der Ver-Herr-lichung ziehen. Diese grundlegende Veränderung im zwischenmenschlichen Umgang konnte nicht ohne weit reichende Auswirkungen auf das Verhalten des Menschen gegenüber den übernatürlichen Wesen sein.
Was in der menschlichen Sphäre galt, griff unmittelbar auf die menschlich-allzumenschlich vorgestellten höheren Wesen über. Die Geister und beseelten Potenzen einer animistisch vorgestellten Natur waren noch gleichberechtigte Gefährten des Menschen gewesen, der dem fernen Herrscher nachempfundene Gott aber thronte groß und erhaben in unerreichbarer Höhe.[41] Man musste ihm stattliche Häuser errichten, ihm die Füße waschen, ihn mit Sklaven umgeben, ihm mit menschlichen Lustfrauen (Bajaderen, Devadasis etc.) bei Laune halten, ihm die edelsten Güter und wie einem weltlichen Herrscher zur Not auch die eigene Person als Opfer darbringen.[42] Dagegen war es der höchste Frevel, an Gleichheit zwischen oben und unten auch nur zu denken.
Nach allem, was wir von Jägern und Sammlern wissen, stand deren Weltanschauung dazu in diametralem Gegensatz. So wie jeder einzelne nur einen gleichberechtigten Anspruch auf den ihm zustehenden Anteil hatte, war auch der Umgang des Menschen mit übernatürlichen Wesen weitgehend egalitär. Bären-, Adler- und Menschengeister verkehrten sozusagen auf demokratische Art miteinander. Man darf davon ausgehen, dass die Menschen der voragrarischen Epoche auch dann keinen übertriebenen Kult mit den Geistwesen der sie umgebenden Natur angestellt hätten, wenn sie materiell wohlhabender gewesen wären. Das hätte im Widerspruch zu ihrer Auffassung von Gleichheit und Gleichberechtigung gestanden. Erst die hierarchische Agrarzivilisation, die das arbeitende Volk und die über ihm thronenden Pharaonen, Gottkönige und Gewaltherrscher schroff voneinander trennte und dabei die einen in Armut hielt, während sie die anderen mit höchstem Luxus umgab, setzte sämtliche materiellen Ressourcen ein, um ihren Gott oder ihre Götter zu feiern. Das Verhältnis des Menschen zu den ihn umgebenden spirituellen Wesen wurde auf eine grundsätzlich andere Ebene gehoben. Aus den Geistern und geistartigen Wesen der frühen Menschen, mit denen sich diese noch in mystischer Art eins fühlen konnten, gingen jene unnahbaren Gottheiten hervor, vor denen man kriechen und sein Haupt in den Staub werfen musste.
Die Psycho-Logik der Macht führte nun auch zum Entstehen einer Schicht, die sich die Herrschaft mit den Königen und Fürsten teilte und für die meisten (wenn auch keineswegs für alle) großen Agrarzivilisationen kennzeichnend war: die Schicht der Priester. Unter den egalitären Jägern und Sammlern hatte es Priester im späteren institutionellen Sinn noch nicht geben können, weil diese Gesellschaften noch keinen Überschuss produzierten, wovon sie ernährt werden konnten. So wie Herrschaft aus denselben Gründen »demokratisch« von der Gruppe ausgeübt wurde, wobei sich allenfalls stärkere Naturen vorübergehend Vorteile vor den anderen verschafften, dürften auch die religiösen Anschauungen mehr oder weniger im Besitz der ganzen Gruppe gewesen sein, ohne dass es zu einer eindeutigen Differenzierung zwischen Laien und Priestern kam. Dies änderte sich erst mit der Verfestigung menschlicher Ungleichheit.
Es entstand eine Klasse von Priestern, besser gesagt, musste sie aufgrund einer Psycho-Logik der Macht entstehen, die dem Herrscher erst mit Unterstützung der Priesterschaft eine unanfechtbare Stellung verschaffte. Denn die Umwandlung des Herrschers zu einem Sprachrohr Gottes reichte dafür allein noch nicht aus. Nur dem außerordentlichen Individuum, dem durch sein Charisma seine Mitmenschen weit überragenden Herrscher, konnte es gelingen, sich als göttliches Werkzeug auszugeben. Durchschnittlichen Menschen wurde das nicht geglaubt, und mit einer direkten Stellungnahme der betreffenden Gottheiten selbst war nicht zu rechnen. Sie blieben unsichtbar und hielten sich vornehm zurück. Es gab daher gar keine andere Wahl, als ausgewählte andere Menschen über Fragen der Legitimität als letzte Schiedsrichter entscheiden zu lassen. Von ihnen mussten sie geprüft, gebilligt oder im negativen Fall verworfen und mit einem Bann geächtet werden. Diese bestallte Schicht von Schiedsrichtern waren die Priester. Sie mussten darüber befinden, welcher Art die Wünsche und Forderungen Gottes an die Menschen waren und welche Hoffnungen und Versprechungen er ihnen machte. Gestützt durch die Priesterschaft, konnte der Herrscher dann seine Dekrete als Weisungen Gottes ausgeben. Er konnte sicher sein, dass andere ihn darin nicht ungestraft imitierten. Denn die Priesterschaft hatte nur ihn gesalbt. Sie bürgte dafür, dass nur er das Recht besaß, Gottes Willen auf Erden auszuführen.
Erst so konnten die weltlichen Herrscher ihre Stellung wirklich befestigen. Durch Gewalt an die Macht gekommen und durch Gewalt in ihr erhalten, hätten sie sich nicht anmaßen können, auch noch Gott und seine Wünsche in ihre Gewalt zu bringen, indem sie beide nach eigenem Gutdünken definierten. Ihre Legitimation durch einen Gott, den jeder als ihr Geschöpf durchschaute, wäre wertlos gewesen. Der Bezug auf eine höchste Instanz konnte ihnen nur dann einen wirklichen Vorteil verschaffen, wenn diese der Bevölkerung, vor der die Herrscher ihre Stellung rechtfertigen wollten, als unabhängig erschien. Daraus folgte, dass die Priester für den Herrscher nur dann echte Bundesgenossen abgaben, wenn sie in den Augen des Volkes als selbstständige und neutrale Vermittler erschienen. Obwohl abhängig von der weltlichen Macht, mussten sie doch den Anschein erwecken, ganz unabhängig von dieser und ihren Zwecken zu urteilen.
Waren diese Voraussetzungen erfüllt, so erwies sich die Existenz und Funktion dieser neutralen Schicht in der Mitte zwischen Herrscher und Volk und in direkter Verbindung mit den überweltlichen Mächten als beste Stütze weltlicher Herrschaft. „Die Geistlichkeit,“ so erkannte schon Schiller, „war von jeher eine Stütze der königlichen Macht und musste es sein.“[43] Denn ihre Existenz ergibt sich aus der Psycho-Logik der Macht, d.h. deren Bedürfnissen. Erst sie macht verständlich, warum eine Schicht von Priestern bald nach der neolitischen Revolution an den verschiedensten Punkten der Erde entstand.
Natürlich hatten Priester als religiös motivierte Menschen noch eine Fülle anderer Aufgaben für ihre Mitmenschen zu erfüllen. Ihre Existenz erschöpft sich nicht in der Funktion als Stütze der Macht. Doch die Aufgabe, um deretwillen die Macht sie brauchte und duldete, bestand in den großen Agrarzivilisationen zweifellos darin, dass sie der Ungleichheit von Oben und Unten das göttliche Plazet verschafften. Die weltlichen Fürsten hätten diese Nebenbuhler um die wenigen »freien Stellen« sonst erst gar nicht neben sich groß werden lassen. Es machte für sie keinen Sinn, das Volk einerseits rücksichtslos auszuquetschen, andererseits jedoch eine Schicht an ihrer Seite zu dulden, die von diesem Überschuss einen wesentlichen Teil in die eigenen Kassen lenkte. Nur die Tatsache, dass dieses materielle Teilen durch den Vorteil ideologischer Rechtfertigung mehr als wettgemacht wurde, erklärt das sonst unverständliche Faktum, dass sich organisierte Priesterschaften in fast allen großen Agrarzivilisationen neben der weltlichen Herrschaft zu bilden und zu erhalten vermochten.[44] Ob wir es wollen oder nicht, Platos Fabel, die Lüge von der menschlichen Ungleichheit, steht an der Wiege der geistlichen Priesterschaft als einer im Staate geduldeten Institution.
Andererseits ist es ein nicht weniger offensichtliches Faktum, dass jede menschliche Einrichtung, einmal geschaffen, ein mehr oder minder selbstständiges Eigenleben entwickelt. Weil eine neben der weltlichen existierende geistliche Macht der ersteren nur dann einen wirklichen Nutzen verschaffte, wenn sie in den Augen des Volkes als unabhängig erschien, haben Priester zu manchen Zeiten große Machtfülle auf sich vereinigen können. Aus einer scheinbaren Unabhängigkeit von der weltlichen Macht konnte dann eine durchaus reale werden. In bestimmten Situationen gelang es der Priesterschaft sogar, einen Herrscher zu stürzen, wenn dieser sein Volk zu sehr unterdrückte oder auch nur danach strebte, sie selbst als geistliche Macht übermäßig zu dominieren.
Priester befanden sich eben von Anfang an in einer zwiespältigen Stellung. Einerseits bildeten sie eine unerlässliche Stütze der weltlichen Macht. Nur sie konnten dem Anspruch der Herrschenden auf göttliche Billigung ihres Handelns eine »objektive« Grundlage sichern. Andererseits traten sie auch als Korrektiv der weltlichen Macht in Erscheinung und bildeten bis zu einem gewissen Grade sogar eine Gegenkraft. Wie konnte es dazu kommen?
Den Priestern fiel die Aufgabe zu, Gewalt durch Geist zu ersetzen. Sie sollten das Aufbegehren gegen die Ordnung durch unüberwindbare geistige Barrieren verhindern - genauso wirksam wie die Gewalt, aber auf unblutige Weise. Dies gelang ihnen, indem sie mit stetem Bezug auf überweltliche Herrscher der real bestehenden Macht die Weihe und Garantie der Ewigkeit verschafften. Einerseits beschworen sie den vermeintlichen Willen der jenseitigen Wächter und leiteten auf diese Weise zu Unterwerfung und Ehrfurcht an. Andererseits drohten sie mit den fürchterlichsten Strafen. Wer gegen die rechtmäßige Ordnung aufbegehrte, der wusste, dass er nicht nur die Sanktionen der weltlichen Fürsten zu fürchten hatte, sondern zur gleichen Zeit den weit gefährlicheren Zorn höherer Instanzen beschwor: den Zorn der Götter. Er setzte sich nicht allein diesseitigen Strafen aus, sondern ging auch noch der ewigen Seligkeit verlustig.
Diese geistige Konstruktion, diese Lüge im Dienste der Macht, verschaffte der Herrschaft ein schwer zu erschütterndes Fundament. Erst die Zusammenarbeit zwischen Priestern und Königtum verlieh den großen agrarischen Zivilisationen jene Stabilität, die in der vorangegangenen egalitären Gesellschaft noch selbstverständlich gewesen war und daher keines besonderen Schutzes bedurfte, aber unter dem neuen Regime der Ungleichheit grundsätzlich gefährdet war.
Dennoch, die Existenz einer institutionalisierten geistlichen neben der weltlichen Macht stellte für beide Teile eine Herausforderung dar. Es war ja nun wirklich eine Teilung von Macht. Die irdischen Fürsten, Könige und Kaiser hätten diese sicher viel lieber allein und ungeteilt ausgeübt. Dennoch waren sie klug genug, um den Vorteil der Legitimierung mit Hilfe der geistlichen Macht zu erkennen. Ob sie persönlich an einen überirdischen Herrscher wirklich glaubten oder wie Plato einfach den Vorteil der Lüge als Machtinstrument realistisch erkannten, war dabei natürlich unerheblich. So wie es auch belanglos war, ob die Vertreter der geistlichen Macht die von ihr geschaffenen Dogmen, Mythen und Heilserzählungen für wahr hielten oder nicht. War das letztere der Fall, so hüteten sie sich doch, die Wirksamkeit dieses Instruments durch leichtsinnige Offenheit zu gefährden. Ein Bekenntnis des zynischen Unglaubens wie der dem eitlen und prunkliebenden Renaissancepapst Leo X. (1513 - 1521) zugeschriebene Satz: „Welchen Nutzen die Fabel von Christus uns verschaffte, ist weltbekannt,“ kann nur ein unbekümmerter Schwätzer von sich geben.[45] Auch wenn viele, möglicherweise die meisten Mächtigen, insgeheim so dachten wie er, konnten sie doch nichts Dümmeres tun, als laut darüber zu reden.
Denn unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung wussten sie nur zu gut, welche Vorteile ihnen der Schutz einer göttlichen Autorität verschaffte. Für eine Priesterschaft, die von der Religion als Machtmittel lebte, galt dies ohnehin, aber ebenso auch für die weltlichen Herrscher, die sich ihrer bedienten, und zwar selbst noch für die größten oder die brutalsten Gewaltherrscher der Geschichte. Alexander und Dschingis Khan, Tumur-i Läng bis hin zu Napoleon und Hitler beriefen sich auf Gott und die Vorsehung. Sie wussten, erst dadurch rechtfertigten sie sich in den Augen des Volkes und durften mit der Möglichkeit rechnen, ihrer Herrschaft Dauer und Festigkeit zu geben. Selbst ein Napoleon zog es bekanntlich vor, sein Kaisertum vom Papst zu empfangen. Dass er Pius VII. dann doch noch dadurch zu demütigen wusste, dass er sich die Krone im letzten Moment selbst aufs Haupt setzte, nahm dem Akt nichts von seiner grundsätzlichen Bedeutung. Dadurch wurde nur in geradezu exemplarischer Weise gezeigt, wie weltliche und geistliche Macht zugleich voneinander abhängig waren und sich doch gegenseitig zu übervorteilen suchten.
Denn durch ihre Liaison mit der geistlichen hatte die weltliche Macht sich zugleich eine unverzichtbare Stütze und einen starken Rivalen geschaffen. Sie stärkte die eigenen Ansprüche und beschränkte sie zugleich, und zwar auf doppelte Weise. Einerseits okkupierte die Priesterschaft nun selbst einen nicht unwesentlichen Teil der »freien Stellen« und lenkte damit, wie schon gesagt, einen breiten Strom des verfügbaren Überschusses in die eigenen Kassen. Andererseits unternahm sie immer erneut den Versuch, sich selbst noch über die weltlichen Herrscher zu setzen. Da sie jetzt ihrerseits einen Machtfaktor bildete, ging dieses Bestreben zwangsläufig aus der Psycho-Logik der ihr zugeteilten Aufgabe und Selbstdefinition hervor. Sie, die Priester, hatten ja einem Herrn zu dienen, der noch weit mehr Macht als alle weltlichen Fürsten besaß (und auch besitzen musste, wenn er für die Legitimation der letzteren taugen sollte). Daher durften sie als Diener und Sprachrohr dieser überweltlichen Instanz sehr wohl den Anspruch erheben, einen Platz noch über der irdischen Gewalt einzunehmen. So verhasst dieser Anspruch den weltlichen Herren auch war, verfügten sie dennoch über keine triftigen Argumente, um ihn zurückzuweisen. Denn so war es nun einmal: Die Gewalt hatte den Geist zur Hilfe gerufen, ohne ihn kam sie nicht aus, ohne ihn wäre ihre Herrschaft zerbröckelt, aber dieser Geist erwies sich als Zauberlehrling, der ihr selbst nun immer von neuem gefährlich wurde.
Wie aufgrund dieser Konstellation zu erwarten, ist es denn auch gekommen. Durch die ganze Geschichte der Agrarzivilisationen waren Fürsten und Priester einander in Hassliebe verbunden. Ohne das Schwert der weltlichen Macht hätte sich die Priesterschaft in ihrer Stellung nicht halten können, weil unter den Bedingungen der Ungleichheit keine Institution ohne die Drohung mit Gewalt auskommen konnte. Ohne die geistliche Macht aber war keine weltliche Herrschaft auf Dauer gesichert. Das Ergebnis war eine Vernunftehe zwischen Geist und Gewalt, aber gewiss keine Liebesbeziehung. Dennoch war sie im Großen und Ganzen so befriedigend für beide Teile wie eine Vernunftehe eben zu sein vermag. Geistliche und weltliche Macht teilten die »freien Stellen« unter sich auf und stützten sich gegenseitig. Solange beide dabei gemeinsame Interessen verfolgten, blieb ihre Herrschaft über die Bevölkerungsmehrheit weitgehend ungefährdet.
Aber dies war eben durchaus nicht immer der Fall. Zeitweise erschien es einer der beiden Parteien verlockend, die eigene Macht auf Kosten des Rivalen zu erweitern. Die Folgen bestanden dann in einer nicht abreißenden Kette von Machtkonflikten und »Investiturstreitigkeiten«. Wenn sich – um nur europäische Beispiele zu nennen - die weltliche Macht stark genug fühlte, eine übermäßige Abhängigkeit zu beenden, setzte sie die Päpste in Avignon (1309-1376), Valence (1798), Savona (1809) gefangen, oder sie zog, wie 1789 und noch einmal 1870 geschehen, den Landbesitz der Kirche und ihre sonstigen Güter ein. Wenn die Kirche die Oberhand gewann, dann ging sie nicht minder entschlossen vor. Sie exkommunizierte Könige und Kaiser, wiegelte dadurch das Volk gegen seine weltlichen Herren auf und zwang diese schließlich zu einem Gang nach Canossa.
Ähnliche Machtkonflikte – der berühmteste unter ihnen Echnatons Entmachtung der Amonpriester und deren spätere erfolgreiche Gegenwehr - markieren die Geschichte sämtlicher Hochkulturen. Auf lange Sicht stützten Priesterschaft und weltliche Herrschaft einander gegenseitig, aber die Hassliebe und gegenseitige Abhängigkeit, die sie miteinander verband, schloss kurzfristig keineswegs aus, dass sie sich heftig bekämpften – solange bis sie dann aufs Neue erkannten, wie wenig sie ohne einander auskommen konnten. Das lag in der Logik dieser gegenseitigen Abhängigkeit.
Befragen wir die Geschichte menschlicher Ungleichheit, dieser universal verbreiteten Lüge, auf die im Hintergrund wirksame Psycho-Logik der Mächtigen, dann scheint sich allerdings ein nahe liegender Einwand aufzudrängen. Warum musste es überhaupt zu einer Trennung von weltlichen und geistlichen Herren kommen? Da daraus eine wechselseitige Abhängigkeit mit fortwährenden Kommentkämpfen um den Vorrang hervorging, bot sich doch eine weitere Lösung an, für die zudem der Vorzug besonderer Einfachheit sprach. Wenn der weltliche König sich selbst zum Gott erklärte, dann fielen weltliche und geistliche Macht zusammen. Es bedurfte keiner unabhängigen legitimierenden Instanz. Jeder Akt der Gewalt, den ein Gottkönig ausübte, war dann ein Akt Gottes und von vornherein legitim. Eine Rivalität zwischen der weltlichen und der geistlichen Macht war dadurch von vornherein ausgeschlossen.
Dieser Verzicht auf eine unabhängige legitimierende Instanz war allerdings nur in den seltenen Fällen denkbar, dass bestimmte Menschen sich durch Charisma, also durch außerordentliche Fähigkeiten, von ihren Mitmenschen so sehr unterschieden, dass sie unerreichbar weit über sie hinausgehoben erschienen. Das Außerordentliche legitimierte sich dann selbst – eben durch seine Außerordentlichkeit. Der große Mensch rückte in die Nähe Gottes und wurde selbst als göttlich gesehen, weil man sich seine außerordentlichen Leistungen nur so zu erklären vermochte.
Für Gottesherrschaften (Theokratien) sprach noch ein weiterer Vorzug. Die Belastung der arbeitenden Mehrheit ließ sich dadurch verringern. Statt einer doppelten Hierarchie, die über den Massen thronte und von ihren Abgaben lebte, war nur eine einfache nötig. Administrative und religiöse Funktionen konnten in denselben Personen zusammenfallen.
Tatsächlich sind Theokratien in den verschiedensten Regionen der Erde zum Teil völlig unabhängig voneinander entstanden - ein augenfälliger Beweis, dass sie unter den Bedingungen der menschlichen Ungleichheit denselben existenziellen Bedürfnissen gehorchten. Die Vereinigung von Gott und König in einer Person finden wir ebenso im pharaonischen Ägypten wie in den Reichen der Inkas oder Azteken. Wir finden sie im Reich der Khmer und bis zum Ende des zweiten Weltkriegs bei den japanischen Tennos. Das islamische Kalifat hat diese Form der Herrschaft gekannt und in Europa das byzantinische Reich unter Kaiser Justinian und seinen Nachfolgern. Mit der gefälschten »Konstantinischen Schenkung« hatte sich die katholische Kirche seit dem 8. Jahrhundert ihrerseits die Perspektive einer theokratischen Entwicklung eröffnet. Sie erhob den Anspruch auf weltliches Fürstentum in Italien. Die Päpste traten daher zugleich als weltliche Herrscher auf, wobei sie diesen gegenüber den Vorteil genossen, sich ungenierter auf die göttliche Inspiration zu berufen. Zahllos sind die Päpste, die für ihren weltlichen Besitz kämpfen ließen oder sogar in eigener Person zur Waffe griffen.[46] Mit weniger Erfolg versuchten selbst noch Calvin und Cromwell diese Tradition fortzusetzen.
Gottkönigstaaten zeichnen sich dadurch aus, dass gerade sie einige der gewaltigsten und zum Teil auch großartigsten Monumente hervorgebracht haben. Das erscheint auch nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die in anderen Kulturen getrennten Bauwerke von Tempel und Palast in ihnen verschmelzen konnten. Die ägyptischen Pyramiden waren als Paläste für scheinbar verstorbene Götter gedacht, doch im Gegensatz zu Mausoleen für rein weltliche Herrscher dienten sie zugleich als religiöse Monumente. An materiellem Aufwand übertreffen die ägyptischen Pyramiden alles, was Menschen für ihre Herrscher jemals errichtet haben.
Von vergleichbarer Großartigkeit sind nur noch die Monumente Kambodschas: Angkor Wat und Angkor Thom - auch sie für lebende Gottheiten errichtet. Sie sind auf die Erde versetzte himmlische Städte, Verherrlichungen von Göttern, die sich dazu herabgelassen hatten, unter Menschen in Gestalt von Menschen zu weilen. Diese Gottesstädte sind weder Palast noch Tempel, sondern beides zugleich: großartiger Lebensraum einer zugleich weltlichen und geistlichen Macht. Sie sollten dem Volk bedeuten, dass es nicht zum Himmel zu blicken brauchte, um das Paradies und leibhaftige Götter zu sehen.
Auf den ersten Blick scheinen Theokratien die überzeugendste Lösung zu bieten, um menschliche Ungleichheit jeder Kritik zu entziehen. Wenn Herrscher von Natur aus weit über gewöhnlichen Menschen stehen, weil sie als Gottheiten auf unerreichbare Weise von diesen getrennt sind, dann ist jeder Aufruhr gegen die Herrschaft gleichbedeutend mit einer Auflehnung gegen einen mächtigen Gott und dadurch von vornherein zwecklos. Die Rechtfertigung und Zementierung von Ungleichheit, die in der Doppelmacht von Herrschern und Priestern immer nur auf unvollkommene und schwierige Art gelang, scheint im Gottkönigtum auf geradezu elegante Weise vollzogen. Durch die Verschmelzung von Schwert und heiligem Wort bedurfte die weltliche Macht nun keiner fremden Hilfe mehr, um die eigene Unanfechtbarkeit durchzusetzen; die geistliche Macht aber brauchte sich ihrerseits nicht auf einen weltlichen Arm zu stützen, dessen sie sich ja niemals ganz sicher sein konnte. Denn nun verfügte sie selbst über das Schwert. Ein lebender Gott konnte seinem göttlichen Willen mit irdischen Mitteln unmittelbar Gehör verschaffen.
Der größte Vorzug der Theokratie aber lag zweifellos darin, dass es in ihr keine Rivalität zwischen geistlicher und weltlicher Macht geben konnte, weder einen Gang nach Canossa noch eine Beschlagnahmung geistlichen Eigentums. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als wäre die Theokratie eine Regierungsform, die sich unter den Bedingungen der menschlichen Ungleichheit überall durchsetzen würde, weil Macht auf keine Art besser zu sichern war.
Doch eine solche Annahme widerspricht den historischen Tatsachen. Theokratien haben sich keineswegs allgemein durchsetzen können. Im historischen Prozess bildeten sie oft nur eine Übergangsphase, bis sich weltliches Herrschertum und geistliche Priesterschaft dann doch wieder auf verschiedene Köpfe verteilten. Die Königreiche des Vorderen Orients zwischen Mesopotamien, Persien und Ägypten waren seit dem dritten Jahrtausend bis gegen fünfhundert vor Christus überwiegend Theokratien bzw. Priesterschaften, die im Namen Gottes regierten, ebenso die indianischen Königreiche bis zur Eroberung durch Cortés und Pizarro, aber in Indien, China und später auch in Europa waren Doppelherrschaften von Königen und Priestern die Regel. In historischer Perspektive erscheint die Theokratie keinesfalls als eine Herrschaftsform, die den Dualismus von König- und Priestertum verdrängte oder ihn überhaupt gar nicht erst aufkommen ließ.
Warum hat die Zementierung menschlicher Ungleichheit sich dieser Lösung weniger oft bedient, als es aufgrund der genannten Vorteile nahe zu liegen schien? Ist dafür nur der historische Zufall verantwortlich? Ich glaube nicht. In diesem Zusammenhang halte ich Zufall nur für ein anderes Wort für unser Unwissen oder unsere mangelnde Bereitschaft, nach tieferen Gründen zu forschen. Beschäftigen wir uns nämlich etwas eingehender mit der Frage, dann erkennen wir, dass der scheinbare Zufall auf tiefer liegenden Ursachen gründet. Es zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass die offensichtlichen Vorteile von Theokratien durch gravierende Mängel mehr als wettgemacht werden. Die Geschichte des Khmerreiches von Kambodscha liefert uns einen Anhaltspunkt, warum die theokratische Lösung durchaus keine besonders stabile Herrschaft und damit bleibende Sicherheit garantierte.
Die Monumente von Angkor entstanden im zwölften und beginnenden dreizehnten Jahrhundert nach Christus. Sie sollten die unbegrenzte Macht von Königen demonstrieren, die ihren Mitmenschen gegenüber als Götter auftraten. So ließ sich Suryavarman II., der Erbauer von Angkor Wat (Regierungszeit 1113-1150), als Inkarnation des Gottes Vischnu verehren. Der Erfolg dieser Anmaßung entsprach der damit verbundenen Absicht. Gegenüber den eigenen Untertanen verschaffte sich der Herrscher Ansehen und Macht, wie sie sonst nur ein Gott für sich beanspruchen darf.
Doch in dieser Selbsterhöhung lag auch eine tückische und stets präsente Gefahr. Ein Mensch konnte sich irren, ein Gott durfte sich per definitionem nicht irren. Wenn ein weltlicher Herrscher für sich den Rang eines Gottes in Anspruch nahm, konnte er diesen nur solange glaubhaft aufrechterhalten, wie er in seinem politischen Handeln keine erkennbaren oder gar schwerwiegenden Fehler beging. Zu den fatalen Fehlern, die sich ein Gottkönig auf keinen Fall leisten durfte, gehörte eine Niederlage gegen andere Menschen, d.h. ein verlorener Kampf gegen äußere Feinde. Als im Reiche der Khmer die Armee der Gottkönige den ins Land dringenden Feinden erlag, war es mit ihrer Göttlichkeit in kürzester Zeit vorbei. Die Übermenschen sanken zu erbärmlichen Usurpatoren herab. Aus lebenden Göttern waren Hochstapler und Lügner geworden. Statt kniefälliger Verehrung wurde ihnen nur noch Hohn und Spott entgegengebracht.
Höchste Machtfülle und tiefster Fall lagen also ganz nah beieinander. Das war die Achillesferse jeder Theokratie. Wenn das Gottkönigtum in Ägypten länger als irgendwo sonst existieren konnte, dann weil dieses Reich auch weniger als andere von äußeren Feinden heimgesucht wurde. Und wenn demgegenüber in Mesopotamien nur Priesterkönige im Namen Gottes herrschten,[47] aber nicht selbst den Rang von Göttern für sich in Anspruch nahmen, dann liegt die Erklärung dafür in dem auffälligen Gegensatz zur Situation Ägyptens. Die Städte und Reiche Mesopotamiens lagen fortwährend im Krieg miteinander oder wurden von Nachbarvölkern bedrängt. Das Kriegsglück war dabei wechselhaft. Eine herrschender Priesterkönig und die ihn stützende Priesterelite konnten sich damit aus der Affäre ziehen, dass sie den Willen der Götter nicht richtig gedeutet hatten. Lebende Götter aber hätten sich unter solchen Bedingungen nicht lange zu behaupten vermocht.
So war es auch in Kambodscha. Mächtige Feinde umlauerten das Reich. Noch im 13. Jahrhundert waren Angkor Wat und Angkor Thom die himmlischen Stätten für lebende Gottheiten, doch nach den ersten Niederlagen durch die einfallenden und alles verwüstenden Thai waren sie in kurzer Zeit nur noch Geisterstädte. Von der materiellen Vernichtung hätte sich das Khmerreich vermutlich erholen können, doch die geistige Zerstörung überlebte es nicht. Die Könige waren für ihre Völker von da an entzaubert. Es gab in Kambodscha keine Gottkönige mehr.
Von diesem Schlag hat sich die Kultur der Khmer nie wieder erholt. Die himmlischen Städte – von einer Pracht wie sie sonst nirgendwo auf der Welt in diesem Ausmaß entstanden war - versanken und verfielen schließlich zu überwucherten Ruinen mitten im Dschungel. Eine Hochkultur, die in der kurzen Zeit von zweihundert Jahren zu einer weltgeschichtlich einmaligen Blüte gelangte, fiel auf das vorangehende primitive Niveau zurück.
Das ehemalige Reich der Khmer liefert ein eindrückliches Beispiel dafür, warum Theokratien, in denen ein Gottmensch an der Spitze des Staates steht und die ganze Machtfülle von König und Gott auf sich vereinigt, in Wahrheit so sehr gefährdet sind. Glaubhaft die Rolle von Göttern zu spielen, erwies sich für Menschen denn doch als ein recht schwieriges Unterfangen. Nur Charismatiker, außerordentliche Naturen, waren dieser Aufgabe gewachsen, doch der Alltagsmensch – und jede Dynastie bringt zwangsläufig nach einige Zeit den Durchschnittsmenschen hervor - musste vor ihr versagen. Die Gefahr, dass der lebende Gott seinen Untertanen plötzlich als hilfloser Mensch erschien und sein Gottestum dann in Scherben zerfiel, war für Theokratien eine permanente Bedrohung.
Die Schwierigkeiten beginnen schon damit, dass ein irdischer Gott wie seine himmlischen Brüder eigentlich nur standesgemäß leben konnte, wenn auch seine Gemahlin göttlicher Abkunft war. Auch dieses Problem ergab sich aus der Psycho-Logik der Macht. In Ägypten wurde es in der Art gelöst, dass ein sonst weltweit herrschendes und fast nie durchbrochenes Tabu, das Verbot des Inzests, für den göttlichen Herrscher außer Kraft gesetzt wurde. Er durfte die eigene Schwester heiraten, ja, er musste sie zur Gemahlin wählen, da nur sie so wie er selbst göttlicher Abkunft war.
Doch die Schwierigkeiten eines auf Erden weilenden Gottes machten sich erst richtig im täglichen Verhalten bemerkbar. So barg jede Entscheidung des Gottes natürlich das Risiko falsch zu sein – und den Untertanen daher als menschlich-allzumenschlich vorzukommen. Diese Gefahr ließ sich nur dadurch mildern, dass man dem Gottmenschen möglichst alle Entscheidungsbefugnisse über banale weltliche Dinge entzog. Nur dann war er von der Verantwortung für etwaige Misserfolge befreit. Ganz beseitigen aber konnte man sie nur, indem man überhaupt sämtliche Entscheidungen in andere Hände legte. Der Herrscher bewahrte sich dann das unbeschädigte Ansehen eines über allen Dingen stehenden Gottes, allerdings war er ein Gott ohne unmittelbare Handlungsbefugnis.
Diese bloß repräsentative Funktion nahm (mit wenigen Ausnahmen) der Tenno in Japan wahr. Auch die Pharaonen wurden immer wieder in eine Rolle gedrängt, in der sie sozusagen als Gottheiten ohne Portefeuille agierten. Eingeschlossen in ihre Paläste oder in ihren Harem spielten sie die Rolle von übermenschlich-erhabenen Potentaten, die durch ihre bloße Anwesenheit wirkten, aber wenig konkrete Macht besaßen. Die Gefahr, dass diese lebenden Götter durch menschlich-allzumenschliches Handeln ihre Göttlichkeit einbüßen würden, war dadurch gebannt. Doch war dieser Vorteil dann eben mit einer weitgehenden Machtlosigkeit erkauft. De facto herrschten andere im Namen des irdischen Gottes: weltliche Administratoren und geistliche Priester. Der Dualismus von weltlicher und geistlicher Macht kehrte auf diese Art durch die Hintertür wieder zurück.
Wenn die Herrschaft eines göttlichen Menschen Bestand haben sollte, dann musste man ihn aber nicht nur vor möglichen Fehltritten schützen, die seinen Status augenblicklich vernichtet hätten. Man musste auch dafür sorgen, dass er den neugierigen Blicken seiner Untertanen niemals so nahe kam, dass diese ihn in seiner Menschlichkeit sehen und die Ehrfurcht vor ihm verlieren konnten. Wenn schon eine spanische Königin keine Beine haben durfte. Mit einem Gott kann man nicht scherzen, man darf ihn nicht anfassen, ja ihm nicht einmal ins Antlitz blicken, ohne dass dieses eine so überwältigende Majestät ausstrahlt, dass der Betrachter davon geblendet wird.
Daraus ergab sich ein kaum noch zu lösender Widerspruch. Einerseits erfüllte der lebende Gott nur dann seinen Zweck, wenn über seine stete Präsenz kein Zweifel bestand, wenn er also ein sichtbarer Gott war. Nur darin lag ja der Vorteil der Theokratie im Vergleich zur dualen Herrschaftsform, in der man sich nur auf unsichtbare Götter berief. Andererseits durfte diese Präsenz aber niemals in gewöhnliche menschliche Nähe ausarten. Dieser typische Widerspruch führte überall zu den gleichen Paradoxien und Schwierigkeiten. Wie konnte man erreichen, dass der göttliche Herrscher zwar seinen Untertanen erhaben und übermenschlich erschien, aber dennoch für alle sichtbar in ihrer Mitte weilte?
Man bemühte sich, diese Schwierigkeit einerseits dadurch zu umgehen, dass man das Erscheinungsbild des Gottkönigs mit allen Mitteln der Prachtentfaltung ins Übermenschliche steigerte. So geschah es in Ägypten, wo der König als übermenschliches Wesen dargestellt wurde, auf großartigste Weise als Sphinx, ein Wesen halb Tier, halb Mensch und eben deswegen grundsätzlich verschieden von allen anderen Sterblichen.[48] Und so geschah es auch noch Jahrtausende später am Hof von Byzanz, wo man sich aber mehr auf die Mittel der Technik verließ. Liudprand von Cremona berichtete folgendes von seinem Besuch beim Kaiser, den er im Auftrag Ottos II. in seinem Palast aufsuchte:
„Vor dem Thron des Kaisers stand ein eherner, aber vergoldeter Baum, dessen Zweige erfüllt waren von Vögeln verschiedener Art, ebenfalls von Erz und vergoldet, die sämtlich, ein jeder nach seiner Art, den Gesang der verschiedenen Vögel ertönen ließen. Der Thron des Kaisers aber war so künstlich gebaut, dass er in einem Augenblick niedrig, im nächsten größer und gleich darauf hoch erhaben schien. Löwen von ungeheurer Größe, ich weiß nicht, ob aus Metall oder Holz, aber mit Gold überzogen, standen gleichsam als Wächter des Throns, indem sie mit dem Schweife auf den Boden schlugen und mit offenem Rachen und beweglicher Zunge ein Gebrüll erhoben… Als ich nun zum dritten Mal niedergefallen war und den Kopf emporrichtete, da erblickte ich ihn, den ich vorher auf einer mäßigen Erhöhung hatte sitzen sehen, fast bis an die Decke der Halle emporgehoben und mit anderen Kleidern angetan als vorher.“[49]
Die Distanz zwischen Herrscher und Untertan ließ sich auf doppelte Weise vergrößern: Man konnte den Herrscher ins Übermenschliche steigern oder umgekehrt die Untertanen verkleinern. Meist geschah beides zugleich. Dann mussten die Untertanen ihr Verhalten so ändern, wie es einem auf Erden wandelnden Gott gegenüber geboten erschien. So mussten sich etwa, wenn der Tenno sein Land bereiste, die Menschen vor ihm auf den Boden werfen, das Gesicht in den Staub gedrückt. Bei Todesstrafe war es den Angehörigen niederer Schichten verboten, den Blick zur göttlichen Majestät zu erheben. So wie in der Kirche der Gläubige seinen Blick vor der Hostie niederschlägt, weil er das Allerheiligste nicht zum Gegenstand banaler Neugierde machen darf, durften auch die Japaner früherer Zeiten den an ihnen vorüber ziehenden Gott nicht mit ihren Blicken entweihen.
Es gibt keinen Helden für den Kammerdiener, heißt es bei Hegel.[50] Banal formuliert, lag genau darin das Problem der Theokratien. Sie mussten zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen erfinden, damit der in ihrer Mitte zu einem Gott erhobene Mensch nicht als bloßer Mensch entlarvt werden konnte. Historisch hatten diese Vorsichtsmaßnahmen regelmäßig zur Folge, dass der göttliche Herrscher zur bloßen Repräsentationsfigur an der Spitze des Staates schrumpfte. Die reale Macht befand sich dann zwangsläufig in anderen Händen. Aus einer nominalen Theokratie wurde de facto wieder eine Doppelherrschaft aus weltlicher und geistlicher Macht. So war es in Ägypten, Persien oder Japan. Die reale Macht verteilte sich auf die getrennten Gruppen von Verwaltungsbeamten und Priestern. Psycho-Logik und tatsächliche Geschichte stimmen also auch hier genau überein. Theokratien boten keine wirklichen Vorteile gegenüber dualen Systemen.
Nirgendwo lässt sich der Missbrauch der Religion durch die Macht so deutlich belegen wie auf dem indischen Subkontinent. Denn nirgendwo sonst wurde menschliche Ungleichheit auf so systematische, so umfassende Weise durch Religion gerechtfertigt und begründet. Nirgendwo sonst ist diese Rechtfertigung auch so erfolgreich gewesen. In dem Sinne nämlich, dass diese von Menschen erdachte, von Menschen gemachte Ungleichheit den von ihr Betroffenen schließlich als etwas ganz Anderes erschien, nämlich als eine göttliche und ewige Ordnung, an der auch nur den geringsten Zweifel zu äußern als furchtbarstes Verbrechen erschien.
Bekanntlich reichen die Ursprünge der indischen Kastengesellschaft bis in die Zeit vor Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus zurück. Damals machten sich die einfallenden Arier, die das Land als Vieh züchtende Nomaden für sich erobert hatten, zu Herren einer von ihnen besiegten Bauernbevölkerung. Von Anfang an setzte sich diese Herrenschicht aus zwei deutlich getrennten Gruppen zusammen, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass beide sich von den Unterworfenen ernähren ließen. Einerseits gab es die bewaffneten Herren, vergleichbar dem europäischen Adel. Diese Schicht, die Kschatrijas, sorgte dafür, dass ihre Stellung als Freie mit Waffengewalt aufrechterhalten wurde. Neben ihnen gab es eine Schicht von geistlichen Herren, die diese Ordnung ideologisch begründeten und das Monopol auf die Auslegung der heiligen Überlieferungen besaßen. Das waren die Brahmanen. Zwischen beiden entwickelte sich eine ebenso enge Zusammenarbeit wie auch sonst zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Doch in Indien wurde menschliche Ungleichheit viel radikaler verstanden und praktiziert. Zunächst schlossen sich die Eroberer immer stärker von den Eroberten ab, dann schließlich auch noch gegeneinander.
Auf diese Weise kam es zur Entstehung der Kasten, die einander so streng getrennt gegenüberstanden, als hätte man es mit verschiedenen Arten der Gattung Mensch zu tun. Darin lag eine maximale Ausdehnung des Prinzips menschlicher Ungleichheit.[51] Hatte dieses zumeist ausschließlich darin bestanden, eine quantitativ kleine Herrenschicht von der Masse der Beherrschten zu sondern, so wurden in Indien nun auch die Beherrschten selbst in viele Segmente mit ganz unterschiedlichem Status getrennt. Noch heute gibt es in Indien unzählige Kasten, zum Teil solche die nur aus wenigen Menschen bestehen. Jede Kaste kann sich nämlich in beliebig viele Unterkasten zerteilen, die dann nach einiger Zeit selbst zu unabhängigen Kasten werden. Menschliche Ungleichheit wird damit zu einem generellen Prinzip, dass alle Menschen erfasst und schroff voneinander trennt, nicht nur Herrscher und Beherrschte. Durch die Kasten wurden alle Inder gleichsam in Zellen eingekerkert, aus denen es für sie kein Entrinnen gab, denn eine Vermischung durch Ehe (Konnubium) war weitgehend ausgeschlossen.[52]
So wurde die Lüge von der menschlichen Ungleichheit in Indien in einem Maße perfektioniert wie nirgendwo sonst.[53] Die lebenslange Gefangenschaft in den einzelnen Kastenzellen war praktisch ausbruchsicher, weil die Priester die Institution der Kaste zu einem zentralen Bestandteil der göttlichen Ordnung erhoben hatten.[54] Dabei muss man eine besondere ideologische Raffinesse der indischen Rechtfertigung menschlicher Ungleichheit darin sehen, dass sie das Los jedes Menschen als verdient und gerecht hinstellte. War er zum Beispiel ein Unberührbarer, so durfte er sich keinesfalls beschweren, ihn hatte ja nur das ihm gebührende Schicksal ereilt. Aufgrund seiner Taten in früheren Existenzen kam er mit einem moralischen Konto – Karma - zur Welt, das ihm nun einmal keine höhere Geburt ermöglichen konnte. Hatte er dagegen in früheren Existenzen die entsprechenden Verdienste erworben, so war es nur gerecht, dass seine Wiedergeburt ihm einen besseren Platz in den oberen Kasten verschaffte. Nach brahmanischem Weltverständnis erlitt oder genoss jeder Mensch genau dasjenige Schicksal, das er verdiente.
Im Sinne der Psycho-Logik der Macht kam es allerdings darauf an, dass es keinen gemeinsamen moralischen Maßstab gab. Hätte ein Unberührbarer sich durch ein moralisches exemplarisches Leben mit einem Brahmanen messen können, der habgierig, wollüstig, grausam oder verbrecherisch lebte, so wäre die ganze Ordnung aus den Fugen geraten. Einen solchen Vergleich musste das System von vornherein als unzulässig ausschließen. Der Vergleich wurde stattdessen auf eine andere, rein imaginäre Ebene abgeschoben. Der Brahmane war rein, alle unter ihm stehenden Kasten waren weniger rein, und die untersten, die deswegen auch die Unberührbaren heißen, galten als völlig unrein. Ihre bloße Gegenwart wirkte für reinere Kasten befleckend. An die Stelle der tatsächlich bestehenden Gleichheit der Menschen war so ein fiktives Fluidum getreten, das – obwohl eine bloße Erfindung der brahmanischen Ideologie – sich in seiner Wirkung als allgegenwärtig erwies. Kein objektives Kriterium wie persönliche Leistung, Willensstärke, moralischer Vorzug vermochte gegen die fiktive Skala von rein und unrein anzukommen. Die »Gemeinheit« der Gemeinen war daher in Indien noch viel tiefer als im feudalen Europa verwurzelt. Seiner niederen Lebenslage konnte ein Inder grundsätzlich allenfalls nach dem Tode entkommen. Nur eine bessere Wiedergeburt konnte das Los eines Menschen ändern. Aber ein im Sinne der besseren Wiedergeburt verdienstvolles Leben konnte immer nur darin bestehen, dass ein Mensch die Pflichten seiner jeweiligen Kaste erfüllte. Der verachtete Abdecker, dessen Leben in der Auswertung von Kadavern bestand, und der unreine Sweeper, dem die Reinigung der Latrinen oblag, erwarben nicht etwa dadurch ein besseres Karma, dass sie Nächstenliebe oder Mildtätigkeit übten. Dadurch hätte sich nichts an ihrer Unreinheit geändert. Die Aussicht auf eine bessere Wiedergeburt konnten sie allein dadurch erwerben, dass sie in ihren schmutzigen Arbeiten den Sinn ihres Lebens erblickten und nie etwas anderes wollten, als das Los, das ihnen angeblich vom Schicksal zugedacht war.
Wer so die Pflichten der eigenen Kasten erfüllte, der übte »Dharma« - gottbefohlene Pflicht und göttliches Recht in einem. Der Brahmane, der neben den weltlichen Herrschern als einziger von dieser Weltanschauung wirklich profitierte, machte die Ideologie unangreifbar, indem er jeden zum Herrn seines eigenen Schicksals erklärte und statt nach objektiven Kriterien die Menschen nach der fiktiven Skala von rein und unrein unterschied. Wie bei jeder anderen erfolgreichen Ideologie wurde der nahe liegende Gedanke völlig verdrängt, dass diese Theorie von niemandem überprüft werden konnte.
Stattdessen wurde das System durch Verheißungen gefestigt. Wer sich den Vorschriften seiner Kaste gehorsam unterwarf, dem wurde die höhere Wiedergeburt zur Belohnung in Aussicht gestellt. Gerade die am stärksten benachteiligten Kasten sahen daher ihre einzige Chance auf ein besseres Leben in willigem Wohlverhalten. Die höchsten Prämien setzte die religiöse Begründung der Ungleichheit also für diejenigen aus, die sich den bestehenden Zuständen fügten. Doch erfüllten sich diese Prämien bezeichnenderweise eben niemals im Diesseits – hier brauchte die bestehende Herrschaft keine Abstriche von ihren Privilegien zu befürchten. Die Belohnung für die verlangte Fügsamkeit trat grundsätzlich nur im Jenseits ein. Sie erfüllte sich nach einer fiktiven Wanderung über Tod und Neugeburten.
Die hinduistische Rechtfertigung für menschliche Ungleichheit dehnte dieses Prinzip nicht nur über die ganze Gesellschaft auf, indem sie diese in Tausende von ungleichen Gruppen zerteilte, sondern sie ging noch einen entscheidenden und in seiner Radikalität einzigartigen Schritt weiter. Ungleichheit wurde sozusagen zu einem den ganzen Kosmos umfassenden Prinzip erhoben, sie war universal und ließ sich deshalb auch auf allen Ebenen des Seins nachweisen. Angefangen von Pflanzen und Tieren über die Menschen verschiedener Kastenstufen bis hin zu den Göttern nahmen alle Wesen des Universums jeweils den ihnen aufgrund ihrer Taten oder ihres Verhaltens gebührenden Platz ein. Ein Gott konnte aufgrund eines negativen moralischen Saldos (Karma) wieder zum Menschen absinken, umgekehrt konnte eine Pflanze aufgrund positiven Karmas zum Tier aufsteigen, ein Tier als Mensch niederer Kaste wiedergeboren werden. Jedes Wesen wurde nach seinen Taten belohnt oder bestraft.
Dieser alles durchdringende moralische Kosmos war in sich so abgeschlossen, so durchkonstruiert, so mit Tausenden von Fäden an allen Erscheinungen der äußeren Natur und der Gemeinschaft der Menschen festgezurrt, dass er für die in ihm lebenden Menschen die Evidenz einer naturhaften Ordnung besaß. Nur so wird verständlich, warum die religiöse Massenbeherrschung durch die indische Kastenordnung sich als so bemerkenswert dauerhaft und stabil erwies. Selbst Christen und Muslime wurden in ihren Bann gezogen, auch sie haben in Indien kastenähnliche Ordnungen errichtet.[55]
In allen Agrarzivilisationen, wo Macht erblich war, kam man ohne die Lüge von der Ungleichheit des Menschen nicht aus. Lügen bedeutet eine Absage an das selbstständige Denken, an die Vernunft. Macht war irrational, und weil sie auf Irrationalität begründet war, wertete sie diese auf und blickte auf die Vernunft mit Geringschätzung oder offener Verachtung. Nicht zufällig stehen sich in diesem Kampf zwischen Vernunft und irrationaler Willkür die sozial Deklassierten der privilegierten Schicht gegenüber. Und nicht zufällig siegte zum ersten Mal seit der neolithischen Umwälzung in der französischen Revolution die Vernunft der kleinen Leute über die verordnete Willkür der großen. Vernunft war die Waffe der Ohnmächtigen, die mit ihrer Hilfe die Macht zu relativieren oder zu stürzen versuchten. Bis dahin hatte Macht, die auf Gewalt begründet war und Religion zu ihrer Rechtfertigung missbrauchte, sich weder auf Argumente noch Diskussionen eingelassen. Credere tibi iussum est, non discutere permissum. »Du sollst glauben, nicht diskutieren«, hatte schon der heilige Athanasius verfügt.[56] Für die Macht kamen nur Offenbarungen, eben Machtworte, in Betracht, deren wirksamer Hintergrund die Sprache der Waffen war.
Die Vernunft war der Macht immer gefährlich, weil sie die verbotenen Fragen stellte. Warum sind die einen oben und die anderen Arbeitssklaven? Entspricht das wirklich einer gottgegebenen oder in der Natur verankerten Ordnung? Die Vernunft kennt keine blinde Verehrung. Mitleidslos blickt sie auf die Herren, seien es weltliche Fürsten oder geistliche Oberhäupter. Sie neigt dazu, deren Schwächen grell zu beleuchten, und dann die Frage zu stellen, ob nicht andere an ihrer Stelle die Aufgaben viel besser erfüllen könnten. Wenn die Vernunft sich den Kopf eines großen Denkers wählte und zu philosophieren begann, konnte sie der Macht sehr gefährlich werden. Diese blickte daher stets mit größtem Misstrauen auf den Geist. Sie hieß ihn willkommen, umschmeichelte ihn sogar, wenn er sich ihr in dienender Funktion unterwarf, aber sie verfolgte ihn gnadenlos, sobald er sich von ihr lossagte - in manchen Staaten tut sie dies bis auf den heutigen Tag.
Der dienende Geist – diesen repräsentierte vor allem die Priesterschaft, die genau wusste, was die Herren von ihr verlangten. Ihr war die Aufgabe zugeteilt, das religiöse Denken, ein Gemeingut aller Menschen, in ein Rechtfertigungsinstrument für die jeweils existierende weltliche Macht umzuwandeln. Das Verhältnis war, wie wir sahen, nicht immer reibungsfrei, oft schlug es in Machtkämpfe um, aber auf lange historische Sicht betrachtet, richteten sich beide Mächte darauf ein, miteinander zu teilen und sich gegenseitig zu stützen. Die Lüge war deshalb für die institutionalisierte Religion konstitutiv. Und daher auch das Misstrauen gegen jede Art unabhängiger Vernunft. Ein Denken, das jedermann zu Gebote stand, durfte und konnte nicht den Maßstab für ihre Lehren bilden. Tertullians »Credo quia absurdum est« (ich glaube, obwohl und gerade weil mein Glaube mit Vernunft nicht zu begründen ist), bildete die Quintessenz dieser Haltung nicht nur im Christentum, sondern in sämtlichen religiösen Ideologien, deren wesentlich soziale Funktion in der Rechtfertigung bestehender Ordnungen lag. Der Gott, der den Herren ihr Gottesgnadentum bestätigte und Gerechtigkeit für die Mehrheit nur im Jenseits oder in fernen Geburten gewährte, war kein Gott, den man durch die Vernunft finden konnte. Im Gegenteil, Vernunft musste man sich und anderen verbieten. An die Stelle der Vernunft wurde der von oben verordnete Glauben gesetzt.
Die Priester waren Verwalter des Geistes, doch die unabhängige Vernunft haben gerade sie am wenigsten geliebt und am stärksten gehasst. Mehr noch als die weltliche Macht haben sie ängstlich und eifersüchtig alles verfolgt, was im Namen freien Denkens gegen ihre Lehren vorgebracht wurde. Ketzerei - das war der Gebrauch der unabhängigen Vernunft gegen das verordnete Dogma. Die machtstabilisierende Funktion der Religion und damit der Nutzen der Priester für die weltliche Obrigkeit waren eben nur dann gesichert, wenn jeder Zweifel an der Wahrheit ihrer dogmatischen Gebäude aufs strengste geahndet wurde. Der beamtete und institutionalisierte Geist einer herrschenden Priesterschaft wurde zum unnachsichtigsten, unversöhnlichsten Feind allen unabhängigen Geistes. Macht diskutiert nicht. Das galt für die weltliche Macht, die ihrem Ursprung und Wesen nach stets auf Gewalt beruhte, aber es galt noch mehr für die geistliche, wenn diese ihre ganze Existenz in bestimmten Glaubenssätzen kodifizierte. Man diskutierte nicht, sondern ließ Scheiterhaufen entzünden. „Ketzer sind keine Christen“, hatte schon der heilige Hieronymus dekretiert. „Sind sie aber keine Christen, sind sie Teufel; Schlachtvieh für die Hölle.“[57] Alle Andersdenkenden - das waren wohl schon damals mehr als vier Fünftel der Menschheit - waren damit, in der Theorie zumindest, für die Ausrottung markiert.
Die Priesterschaft hat aber auch jede eigenständige Erforschung der Wirklichkeit hintertrieben, die ihre dogmatischen Aussagen relativieren würde – und das, obwohl gerade aus ihren Reihen immer wieder Gelehrte kamen, die für solche Forschungen die besten geistigen Voraussetzungen besaßen. Um nur ein bekanntes Beispiel zu nennen. Schon im dreizehnten Jahrhundert hatte der Franziskanermönch Roger Bacon begonnen, die Natur mit größter Neugierde zu befragen. Er stieß dabei auf eine Eigengesetzlichkeit, die sich schlecht damit vereinbaren ließ, dass Gott mit Wundern jederzeit in das Gefüge der Wirklichkeit eingreifen konnte. Das erregte den Widerstand seiner Glaubensbrüder. Man wollte kein Wissen dulden, dass den Glauben an die in den Wundern bekundete Allmacht Gottes zu relativieren drohte. Laut Thomas von Aquin, dem offiziellen Kirchenphilosophen, ist das Streben nach Erkenntnis »Sünde«, wenn es nicht »die Erkenntnis Gottes« bezweckt[58] Nach dieser Maxime handelte die Kirche im 13. Jahrhundert zur Zeit Bacons, und so war es auch noch im 17. Jahrhundert, als Galileo Galilei mit seinen Forschungen auf so massive Gegenwehr stieß, dass er der Kirche kniefällig Abbitte leisten musste.
Die bis dahin blühende und dem übrigen Europa weit vorauseilende Forschung Italiens hat sich von dem Widerstand der Kurie gegen die unabhängige Vernunft nie wieder erholt. Sie flüchtete in den protestantischen Norden. Bis ins siebzehnte und in den meisten Ländern sogar noch bis ins achtzehnte Jahrhundert währte auch in Europa die Unterordnung des Wissens unter den Glauben. Erst als die Agrarepoche mit der industriellen Revolution ihre Abendröte erlebte, erfochten Vernunft und Wissen schließlich den Sieg gegen die Diktate eines verordneten Glaubens.
Halten wir an dieser Stelle einen Augenblick inne, um nicht über das Ziel hinauszuschießen. Wer die Psycho-Logik der Macht thematisiert und aufdeckt, wie sehr die Religion dabei die Stellung einer hilfreichen Magd einnahm, sollte sich dennoch vor jenen Rundumschlägen hüten, wie sie manche Aufklärer des späten achtzehnten Jahrhunderts betrieben. „Vom Irrtum stammen die schmählichen Fesseln, mit denen Tyrannen und Priester allerwärts die Nationen zu fesseln vermochten; vom Irrtum stammte die Sklaverei, der die Nationen erlegen sind; vom Irrtum die Schrecken der Religion, die bewirkten, dass die Menschen in Furcht verdumpften oder in Fanatismus sich würgten für Chimären.“[59]
Man darf nicht vergessen, dass die institutionelle Religion der Macht zwar nur allzu bereitwillig diente, aber ihr zugleich Fesseln anlegte, indem sie die Herrschaft der reinen Gewalt durch die des Geistes entschärfte. Gewalt, die fast immer am Anfang der Herrschaft stand, wurde überhaupt erst durch den Bezug auf eine allen Menschen übergeordnete und von allen anerkannte Instanz als erträglich empfunden. Erst als Gott oder die Götter bzw. ihre irdischen Stellvertreter als unabhängige Schiedsrichter eingesetzt worden waren, konnte ein dauerhafter Frieden zwischen der herrschenden Minderheit und der Mehrheit entstehen. Per definitionem war Gott ja für alle da. Von ihm erhoffte man sich Gerechtigkeit (in Ägypten Maat, in Indien Rta).[60] Nur von Gott oder den Göttern konnten die Benachteiligten irgendwann und irgendwie für ihre Leiden entschädigt werden. Der elementaren Forderung der Menschen nach einer Gerechtigkeit, die sich auf jeden und alle erstreckt, musste sich auch die führende Schicht unterwerfen. Und sie tat es, indem sie ihre Legitimation von Gott als einer unabhängigen Instanz abhängig machte.
Diese Tatsache war schon als solche eine Konzession an die Idee eines für alle Menschen geltenden Rechts und einer umfassenden Gerechtigkeit. Denn die unabhängige Instanz Gott stand ja über allen, konnte daher auch alle in die Schranken weisen - alle, auch die weltliche Macht. Sofern Religion dadurch zur Eindämmung von Gewalt beitrug, war sie mehr als nur Opium für das Volk. Sie verlieh einem tief liegenden Bedürfnis nach Gerechtigkeit Ausdruck.
Dennoch arbeiteten Priester der weltlichen Macht bereitwillig zu, wenn sie die Gerechtigkeit Gottes ausschließlich zu deren und zu ihren eigenen Gunsten auslegten. Die Psycho-Logik der Macht bediente sich dabei der weltweit verbreiteten Taktik, so viele Vorteile wie nur möglich im Diesseits für sich selbst in Anspruch zu nehmen, während die anderen mit den Freuden im Jenseits vertröstet wurden. Um diese Aufteilung den Massen schmackhaft zu machen, wurden diesseitige Freuden und Lust als scheinbar, eitel, hinfällig oder gar sündhaft entwertet und andererseits die paradiesischen Freuden des Jenseits möglichst verlockend ausgemalt, damit die fronende Mehrheit darüber die Misere im Diesseits vergaß. Zugleich wurden die Hölle und ihre Qualen in grellen Farben vor den Augen derjenigen beschworen, die die Misere der realen Existenz partout nicht vergessen wollten und schon hier und jetzt nach Besserung verlangten. Ihnen sollte die Lust an Zweifel und Aufruhr vergehen.
So haben Priester Lügen und Fabeln en masse produziert und verbreitet. Aber sie haben – und das haben die kämpferischen Aufklärer meist übersehen – zugleich eine welthistorisch einzigartige Leistung vollbracht. Wo immer sie tätig waren, haben sie den Kosmos des Geistes begründet. Ohne sie hätte die kulturelle Entfaltung der agrarischen Hochkulturen wohl schwerlich stattgefunden. Denn mit der Priesterschaft trat eine Klasse von Menschen hervor, die von den Verpflichtungen der physischen Selbsterhaltung weitgehend oder auch völlig freigestellt waren. Darin genossen sie zwar nur den Vorteil, den außer ihnen auch die weltliche Macht innehatte. Aber Priester waren in zweifachem Sinn begünstigt. Im Gegensatz zur Bevölkerungsmehrheit brauchten sie keine körperliche Arbeit zu leisten, sie besetzten ja einen Teil der »freien Stellen«, d.h. sie wurden von den physisch arbeitenden Menschen ernährt. Im Gegensatz zu den weltlichen Herren brauchten sie andererseits dieses Privileg nicht unter Einsatz von Gewalt zu verteidigen, denn sie wurden ja von den weltlichen Herren in ihrer Stellung gestützt und gesichert. Priester befanden sich daher in der historisch beispiellosen Lage, ihr ganzes Dasein ausschließlich geistigen Dingen zu widmen. Es leuchtet ein, dass eine derart begünstigte Klasse erst nach der neolitischen Revolution aufkommen konnte. Unter Jägern und Sammlern war die Nahrungsbasis dafür einfach zu schmal.
Diese nur mit geistigen Aufgaben betraute Schicht wurde zum wichtigsten Schöpfer all dessen, was uns die Vergangenheit als Zeugnis des Schönen, des Erhabenen, des Monumentalen, des Rätselhaften, aber auch des Schrecklichen, des Grotesken, des Widervernünftigen bis hin zum Absurden vermachte. Es waren im wesentlichen Priester, die jene einst eigenständigen Universen geschaffen haben, die wir heute als Hochkulturen bezeichnen: Sumer, Babylon, Ägypten, Persien, Palästina, Indien, Europa, Mexiko usw. Die Priesterschaft schuf die vermenschlichten Götter und deren Heilsgeschichten. Sie entwarf die Rituale, mit denen die Gläubigen ihnen huldigten, und sie verband die Geschichten der Götter mit einer Vielzahl kunstvoller Verhaltensnormen und ritueller Festen. Priester machten aus der bloßen Natur eine geistige Landkarte mit magisch-heiligen Stätten und geheimnisvoll wirkmächtigen Kräften. Priester schufen Kosmologien, die der vergangenen Zeit einen bis an den Anfang der Welt zurück und bis in die fernste Zukunft voraus weisenden Sinn erteilten. Sie entwickelten die Ikonographie und den Kanon der geistlichen Architektur und fügten deren Formen in das große Ganze der religiösen Bedeutungen ein. Priester gaben die Regeln vor, nach denen Götter und Menschen auf Bildern gemalt und in Statuen verewigt wurden. Sie erfanden eine beinahe unüberschaubare Fülle von Sagen und Mythen, in denen das Göttliche sich in der Welt manifestierte.[61] Vor allem aber legten sie die Regeln von Gut und Böse fest, die Weisungen der Moral, womit das Leben der Massen geordnet, befriedet und beherrscht werden konnte. Die Priesterschaft war für den Sinn und das Geheimnis des Daseins zuständig, die weltliche Macht bediente sich dieses geistigen Kosmos für die Aufrechterhaltung der Ordnung.
Der Gegensatz zwischen geistlicher Sinndimension und ihrem weltlichen Fundament von Gewalt, manifestiert sich augenfällig in den Zeugnissen der Architektur. Wo immer sich eine Priesterschaft etablierte, kam es zur Entstehung einer doppelten Baukunst. Einerseits gab es die Paläste weltlicher Herrscher, wo die Macht ihren Ursprung hatte und das Monopol der Gewalt über die Mehrheit ausübte. Diese Architektur brachte schon äußerlich die Attribute der physischen Macht zum Ausdruck. Burgen wurden mit meterdicken Mauern geschützt, mit Gräben umgeben, mit Zugbrücken gesichert und mit Vorratskammern gegen Belagerungen versehen. In solchen Bauwerken pflegte der Hinweis auf die geistige Dimension menschlichen Daseins ganz oder weitgehend zu fehlen. Die Prachtentfaltung hatte hier einen sozusagen banal-utilitaristischen Sinn. Burgen und Schlösser waren nicht mehr als versteinerte Droh- und Herrschaftsgebärden. Wenn ein in seinem Besitz gesicherter Herrscher unbewehrte Schlossbauten und Paläste errichtete, so konnte er zwar auch in diesen blendenden Luxus entfalten, wie es etwa der Sonnenkönig und seine Nachahmer taten. Aber dem Luxus fiel hier nur die vergleichsweise schlichte Aufgabe zu, die physischen Annehmlichkeiten des Daseins zu steigern.
Ganz anders die Paläste der Götter. Eines äußeren Schutzes gegenüber der eigenen Bevölkerung bedurften sie so wenig wie die für sie zuständigen Priester. Von ihnen ging keine militärische Bedrohung aus, sie brauchten deshalb in der Regel auch keine solche zu fürchten.[62] Vielmehr sollten diese Bauwerke die Menschen mit allem locken, was ihre unsichtbaren Bewohner als kostbar und wertvoll schätzten. Mit dem Glanz kostbarer Steine, Metalle, Stoffe sollten sie das Auge erfreuen. Die Düfte kostbarer Essenzen sollten den Geruchssinn betören, der schönste Gesang und der Klang der besten Musikinstrumente das Ohr berücken. Aber diese Kostbarkeiten dienten nicht wie in den Monumenten der weltlichen Macht dem nahe liegenden Zweck, die Annehmlichkeiten des physischen Daseins zu steigern. Vielmehr sollten sie den Blick auf eine meta-physische, eine ganz andere als die normale Wirklichkeit lenken: nämlich die Anwesenheit geheimnisvoller höherer Wesen. Tempel, Schreine und Kathedralen verfolgten alle den Zweck der Entrückung aus der Normalität und Banalität des alltäglichen Seins. Durch eine Schönheit und Erhabenheit, die jenseits des Alltags lagen, sollten sie den Menschen verzaubern. Sie tun es noch heute.
Und damit konfrontieren sie uns bis heute mit einem merkwürdigen Paradox. Nicht jene haben den größten Reichtum auf sich vereinen können, die allein die reale physische Macht zum Eintreiben des Nahrungsüberschusses besaßen, nämlich die weltliche Herrscher, sondern vielmehr eine Schicht, die nur im Schatten der physischen Macht existierte. Priester verfügten über keine reale, sondern nur eine geistig-fiktive und noch dazu eine von der weltlichen Herrschaft entliehene Macht. Priester erzeugten selbst keine Nahrung und verfügten in aller Regel auch über keine eigenen Soldaten, um Nahrung notfalls gewaltsam einzutreiben. Sie waren ganz und gar auf das Wohlwollen der weltlichen Macht angewiesen, dennoch brachten sie immer wieder das erstaunliche Kunststück zustande, den größten Ressourcenfluss in die eigene Richtung zu leiten. Statt aufgrund ihrer abhängigen Stellung schlicht die Diener der weltlichen Herrscher zu sein, ist es ihnen immer wieder gelungen, die weltliche Macht umgekehrt zum Diener ihrer eigenen geistlichen Autorität zu machen.
Es ist deshalb zu einfach, wenn man nur auf die Betäubung, die Lüge und Heuchelei verweist, deren Instrumente die Priester und die von ihnen geschaffenen Monumente zweifellos waren. Denn ihr bloßes Dasein ist zugleich auch ein Tribut an die geistige Dimension menschlicher Existenz. Diese Tempel, Kathedralen und Pyramiden erfüllen keinen realen Zweck, keine utilitaristische Funktion. Sie sind Symbole des Imaginären, in denen der Mensch das Rätsel des Daseins in Gestalt von Chiffren zum Ausdruck bringt. Nur so wird verständlich, warum er in solchen Schöpfungen so viel Phantasie, Liebe und höchste Kunstfertigkeit zum Einsatz brachte. Die Zikkurats in Mesopotamien, die Tempel von Karnak, der Stupa von Sanchi, die Kathedralen von Köln oder Chartres, der Airavateshvaratempel in Darasuram, die beiden schweigenden Moscheen rechts und links des Tadsch Mahal, und dieses in seiner unglaublichen Intensität ganz und gar religiös bestimmte Monument selbst stehen uns als versteinerte Rätsel gegenüber. Sie sind der deutlichste Beweis dafür, dass der Mensch in sich selbst immer viel mehr als nur ein physisches Wesen sah. In diesen Chiffren bricht sich das religiöse Empfinden Bahn – selbst noch durch den Missbrauch der Religion. Es verleiht den Chiffren jene Macht und Großartigkeit, die Lügen allein nie hervorbringen konnten.
In der Zeit der Jäger und Sammler dürften sich Kriege nur selten ereignet haben. Wie zuvor schon bemerkt, wird die Bevölkerung Frankreichs vor zwölftausend Jahren auf eine Zahl zwischen 1600 bis 20 000 Menschen geschätzt. In einem derart dünn besiedelten Territorium konnten Menschen nur selten aufeinander stoßen. Das allein war schon ein Grund für Friedfertigkeit - für Kriege gab einfach zu wenig Gelegenheit. Doch der Mangel an Gelegenheit war sicher nicht der einzige Grund für ein vorwiegend friedliches Miteinander. Kriege boten dem Angreifer wenig bis gar keinen Vorteil, solange der Angegriffene nicht zum Konkurrenten um karge Nahrung wurde. Aller ideologischen Verbrämung zum Trotz wird Krieg ja fast immer um Besitz oder Beute, d.h. um Nahrung, Eigentum oder Sklaven geführt. In einem wildreichen Gebiet entfällt die erste der drei Alternativen, in einer ständig auf Wanderung befindlichen Gesellschaft, wo zuviel Besitz nur eine Bürde ist, erscheint die zweite wenig verlockend, und dort, wo jeder durch seine Arbeit nicht mehr zu erwerben vermag als er für den eigenen Unterhalt braucht, weiß man mit Sklaven nichts anzufangen. Die kleinen Gruppen der Jäger und Sammler hatten es daher in aller Regel nicht nötig, in ständiger Verteidigungs- und Angriffsbereitschaft zu leben. Es fehlten die ökonomischen Ursachen der Aggression.
Diese Friedfertigkeit nach außen spiegelte sich im friedlichen Umgang der Stammesangehörigen untereinander. Bestätigt wird diese These durch die wenigen derartigen Gemeinschaften, die sich an abgelegenen oder schwer zugänglichen Teilen der Erde bis ins 19. und 20. Jahrhundert erhalten haben – also gerade noch lange genug, um von Ethnologen studiert zu werden. Hierzu gehörten beispielsweise die !Kung der Kalahari oder die Mbuti aus Zaire. Man darf sie als lebende Fossilien der egalitären Urgemeinschaft betrachten, wie sie bis vor zehntausend Jahren die vorherrschende Form menschlicher Gesellschaft darstellte. Aggressives Verhalten nach außen blieb bei ihnen ebenso wie bei den meisten anderen Jägern und Sammlern so lange eine seltene Ausnahme, wie die Ernährungslage nicht allzu ungünstig war.[63] Fehlende Angriffsabsichten nach außen und friedlicher Umgang der Stammesmitglieder untereinander waren auch für die Semai in Malaysia bezeichnend, ein anderes ursprünglich sammelndes und jagendes Volk.[64] Der weithin egalitäre Charakter dieser Gesellschaften beruhte auf der Notwendigkeit solidarischen Teilens. Nur so konnten diese Menschen sich gegen die Wechselfälle einer unsicheren wenn auch keineswegs dürftigen Nahrungsbeschaffung behaupten.
Das alles änderte sich grundlegend, als der Übergang zur landwirtschaftlichen Daseinsfürsorge die Bevölkerung des Mittleren Ostens zwischen 8000 und 4000 vor Christus etwa um das Vierzigfache anschwellen ließ. Nun wurden die Menschen sehr viel öfter an den Grenzen ihrer jeweiligen Gebiete in gegenseitige Berührung gebracht. Allerdings nur ein bestimmter Teil dieser Menschen. Sesshafte Bauern hatten keinen Grund auszuschwärmen und sich zu befehden. Anders als ihre Vorfahren, die Jäger und Sammler, konnten sie es auch gar nicht – Bauern waren für ihren Lebensunterhalt an die Scholle gebunden. Doch diese durch ihre Lebensform bedingte Friedfertigkeit galt keineswegs für eine überschüssige Zahl von Köpfen, wenn das Land für deren Ernährung nicht reichte, und schon gar nicht für die von den Bauern erhaltene Elite aus mobilen und kriegstüchtigen Herren. Diese trafen an den Grenzen „ihrer Gebiete“ nun auf die ebenso kriegerischen Herren der Nachbargebiete. Da musste es immer öfter zu blutigen Überfällen kommen.[65] Die Burg und das mit Mauern umgebene Dorf und schließlich die befestigte Stadt, in der die Elite mit ihren Dienstleuten Schutz vor feindlichen Überfällen fanden, stellten eine Reaktion auf die stets drohende Aggression konkurrierender Herren dar. Die vermutlich älteste dieser verteidigten Städte war das vorbiblische Jericho, das sich bereits 7500 vor Christus mit Wällen, Türmen und Gräben umgab.
Die Mehrheit der landwirtschaftlichen Bevölkerung hätte diese Befestigungen so wenig benötigt wie Jäger und Sammler. Denn Kriege waren für Bauern sinnlos. Sie brachten ihnen nichts anderes als Zerstörung. Gewaltsame Expansionen lohnten sich für die Bauern von vornherein nicht, weil jeder von ihnen ohnehin nur ein bestimmtes Stück Land bewirtschaften konnte. Bauern hätten Kriege niemals ver-herr-lichen können. Kriege waren nicht ihre Sache. Sie waren Sache der Herren. Wie in einem Schachspiel waren Bauern immer nur die Opfer von Kriegen und gehörten anschließend zu den Trophäen des Siegers.
Dagegen machten Kriege für die Elite, die Kostgänger der Bauern, einen unmittelbaren ökonomischen Sinn. Je mehr Menschen sie für sich arbeiten ließ, desto größer war der Überschuss, den sie sich anzueignen vermochte. Desto größer war dann auch ihre militärische Macht, desto leichter konnte sie sich gegen Rivalen schützen, desto prächtiger war ihr Hofstaat, desto stärker war nicht zuletzt ihre Stellung der eigenen unterworfenen Bevölkerung gegenüber.
Zusammengenommen macht dies verständlich, warum Kriege nach der landwirtschaftlichen Revolution nahezu in allen Teilen der Welt wie Epidemien um sich griffen. Im fruchtbaren Mesopotamien zum Beispiel hatten die Herrscher der aneinander grenzenden Gebiete seit König Sargon von Akkad (2340 v. Chr.) beständig das Ziel vor Augen, ihre Macht durch Gebietserweiterungen zu vergrößern, ebenso mussten sie aber auch fürchten, dass ihre Nachbarn genau dasselbe wollten. Unter diesen Bedingungen konnte der Friede immer nur die Ausnahme sein, während Kriege zur vorherrschenden Regel wurden. Orientalische Monarchien wurden durch Kriege geschaffen, durch dauernde Kriege am Leben gehalten und schließlich durch Kriege vernichtet.[66] Geschichte wurde zur Kriegsgeschichte: zu einer nicht abreißenden Kette von Schlachten und gegenseitigen Ausrottungskampagnen. Den fronenden Bauern brachte sie nur Unglück, die ihnen thronenden Eliten aber identifizierten sich mit dem Krieg als ihrem eigentlichen Metier. Ihren Aufstieg, ihren Ruhm, ihre Ehre beschrieben sie als eine Kette ruhmreicher Schlachten, deren Höhepunkt darin bestand, dass der oder jener Gegner mitsamt seiner Gefolgschaft erfolgreich vernichtet, seine Städte verbrannt, die Frauen entführt, die Kinder getötet wurden. In der Ilias setzt die Geschichte des Abendlandes gleich zu Beginn mit solchen blutig-lustigen Spielen der Herren ein. Aber auch das Alte Testament schildert die Unterwerfung und Ausrottung der Feinde als den höchsten Triumph, an dem auch Jahwe stets seine Freude hatte. Auf dem indischen Subkontinent gehörte der Krieg zum Dharma, d.h. zur Kastenpflicht der Kschatriya, er wurde geradezu zur religiös legitimierten Aufgabe der Herrscher verklärt. Kein Wunder, dass es im Sanskrit nicht einmal ein Wort für den politischen Frieden gab.[67] Die Sache an sich war wertlos, weil das Töten nun einmal zum Ethos und Lebenssinn der Kschatriyas gehörte.
Dieser Wandel fand seinen sichtbaren Ausdruck in einer geradezu kultischen Verehrung der Waffen. Bei den Jägern und Sammlern waren Waffen im täglichen Einsatz und überlebenswichtig: Sie wurden zum Töten der Beute benötigt. In den großen Ackerbauzivilisationen hatten sie diese Funktion für die Bevölkerungsmehrheit eingebüßt. Für sie besaß die Jagd geringe oder auch gar keine Bedeutung. Die Bauern brauchten die Waffen nicht mehr. Dennoch wurden sie keineswegs abgeschafft. Ganz im Gegenteil, bald sollten sie eine wichtigere Rolle spielen als jemals zuvor. Denn sie wurden nun statt gegen Beutetiere in erster Linie gegen Menschen verwendet. Es waren die Herren der neu entstandenen Gesellschaft der Ungleichen, welche die Waffen dazu benutzten, um die unterworfene Bevölkerung damit in Schach zu halten.
Die neuartige Verwendung der Waffen ergab sich nicht aus einer Veränderung der menschlichen Natur. Diese dürfte seit hunderttausend Jahren, als das menschliche Gehirn bereits seine heutige Struktur besaß, annähernd dieselbe geblieben sein. Sie ergab sich aus einer grundlegend veränderten materiellen Situation. Die Vorteile des Krieges als Instrument zur Erhöhung der eigenen Macht waren so elementar, dass der Krieg seitdem zum Vorrecht jener herrschenden Minderheit wurde, die sich selbst als die Edlen bezeichnete. Diese von der arbeitenden Bevölkerung erhaltene Schicht musste durch Verbreitung von Angst und Gewalt dafür sorgen, dass sie in ihrer Stellung sicher sein konnte. Natürlich tat sie gut daran, sich nicht nur auf Angst und Gewalt zu verlassen – wir sahen schon, dass sie damit allein ihre Stellung nicht auf Dauer zu sichern vermochte – aber Angst und Gewalt zählten stets zu ihren Mitteln.
Das ließ sich schon äußerlich an der Selbstdarstellung der Eliten erkennen. Sie liebten es, sich mit Raubtieren zu vergleichen, vor allem mit Löwe und Adler. Diese prangten auf ihren Wappen und Fahnen, wurden in Stein gemeißelt und in Bronze gegossen. Und wenn sie wie der Pharao Amenhotep III. von 102 getöteten Löwen berichten, wie Assurbanipal auf einem Relief als Löwentöter dargestellt werden oder wie der Großmogul Akbar mehr als zweitausend Jahre später regelmäßig gegen Tiger und Löwen kämpften, dann wollten sie damit aller Welt demonstrieren, dass sie noch stärker als die stärksten der Tiere waren.[68]
Der Löwe galt lange als Symbol physischer Macht schlechthin. Tatsächlich drückt dieses Tier aber auf mehr als nur symbolische Art den Kern der neuen Herrschaftsbeziehung aus. Das Löwenmännchen kümmert sich nicht um die Beschaffung von Nahrung. Es ist so schwer und kräftig gebaut, dass es überhaupt nur in seinen ersten Lebensjahren für die Jagd tauglich ist. Dieser Nachteil wird jedoch mehr als aufgewogen durch seine im Vergleich zum Weibchen weit überlegene Kraft. Dadurch sichert sich das männliche Tier das Vorrecht auf alle von den Weibchen erlegte Nahrung. Der männliche Löwe ist der geborene Pascha, um nicht zu sagen, ein Parasit, der ausschließlich von der Arbeit der Weibchen lebt.
Bei Menschen wurde diese biologische Differenzierung nach der neolitischen Revolution durch eine kulturelle ersetzt. Der Angehörige der herrschenden Elite konnte dieselben Arbeiten wie der Bauer ausführen, tatsächlich haben seine Vorfahren ja auch nichts anderes getan. Aber er will sie nicht länger ausführen. Stattdessen hat er sich vorgenommen, von der Arbeit der anderen zu leben. Deshalb ist er darauf angewiesen, statt biologischer Krallen und Klauen, die ihm die Natur verwehrte, jene künstlichen zu entwickeln, mit denen er seine Überlegenheit genauso gut zu sichern vermag. Denn es ist ihm natürlich nur zu deutlich bewusst, dass er sie nur kraft seiner Klauen und Krallen zu erringen und zu bewahren vermag. Der alternde und zahnlose Löwe wird aus dem Rudel verstoßen. Das war ein Schicksal, mit dem auch die herrschenden Eliten nach der neolithischen Revolution jederzeit rechnen mussten. Sie wussten, dass ihre Herrschaft auf keinen natürlichen Unterschieden beruhte, sondern durch Zwang entstanden war und Zwang zu ihrer Aufrechterhaltung nie fehlen durfte.
Unausweichlich hatte dies die Glorifizierung der Waffen und des Tötens als eines Handwerks der Edlen zur Folge. Ver-Herr-lichung des Krieges und Entstehung von Herrenschichten waren unauflöslich miteinander verbunden.
Die positive Bewertung des Krieges und der Tötung von Artgenossen ist ein Spezifikum der menschlichen Entwicklung nach der neolithischen Revolution. Sie steht in deutlichem Gegensatz zu den Verhältnissen der vorangegangenen Epoche und zu denen bei unseren tierischen Verwandten. Ausgeprägte Tötungshemmungen gegenüber den Artgenossen sind bei Tieren die Regel, und zwar gerade bei solchen, die über ausreichend starke Waffen verfügen, um augenblicklich einen tödlichen Biss oder Schlag auszuführen. Raubtiere haben bestimmte Unterwerfungsrituale entwickelt, durch die sie die Gefahr gegenseitiger Ausmerzung auf ein Minimum begrenzen. Sie halten dem Gegner den Hals oder andere verletzliche Körperteile entgegen. Das ist die wirksamste Art, ihm augenblicklich die Angst und damit auch die Tötungsbereitschaft zu nehmen.
Auch das gegenseitige Verhältnis von Menschen, die einander angstfrei begegnen, ist frei von Gewalt. Ihr gewöhnliches Verhalten besteht in Geselligkeit, die noch ausgeprägter ist als bei unseren tierischen Verwandten. Nach den Zeugnissen zu schließen, die wir von ihren späten Nachfahren haben, scheint dies auch der Normalfall bei den frühen Jägern und Sammlern gewesen zu sein. Doch das änderte sich nach dem Ende dieser Epoche. Es ist ein Faktum, dass die herrschende Schicht in den meisten großen Agrarzivilisationen den Streit, die Gewalt und das Töten zum vornehmsten Recht des edlen Menschen verklärte. Wenn sie es nicht gerade an ihren Mitmenschen praktizierte, hatte sie es in Turnieren und auf der Jagd ständig zu üben. Es galt geradezu als das eigentliche Merkmal und die Auszeichnung eines Edlen, Waffen zu tragen, zu verwenden und andere damit zu bedrohen. „Rauben, Plündern, Morden /gehörten/ durchaus zum Standard der Kriegergesellschaft dieser Zeit, und es spricht kaum etwas dafür, dass sich das in anderen Ländern oder in den folgenden Jahrhunderten anders damit verhielt… Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude,“ stellt Norbert Elias im Hinblick auf das Hochmittelalter fest und deutet in einem weiteren Satz bereits an, was in diesem Buch tiefer begründet wird: „Bis zu einem gewissen Grade drängte sogar der gesellschaftliche Aufbau in diese Richtung und machte es notwendig, ließ es als zweckmäßig erscheinen, sich so zu verhalten.“[69]
Der Troubadour Bertrand de Born, selbst von Adel, besingt die Freude, die ihm das Niedermetzeln anderer Menschen bereitet:[70]
My heart is filled with gladness when I see
strong castles besieged, stockades broken and overwhelmed,
Many vassals struck down,
Horses of the dead and wounded roving at random…
Läge diese Epoche nicht erst so kurze Zeit hinter uns, wären wir nicht immer noch von ihrer Geisteshaltung durchdrungen, so müssten wir darin eine unglaubliche Perversion erblicken. Nicht die Fähigkeit, mit anderen Menschen friedlich zusammenzuleben, ihr Wohlergehen zu fördern und mit ihnen gemeinsam die Herausforderungen einer oft schwierigen Existenz zu bestehen, galt als Beweis dafür, dass man zur Elite gehörte, sondern die Entschlossenheit, mit der man die einmal erworbenen Vorrechte auf Leben und Tod verteidigte. Wenn es wahr und wahrscheinlich ist, dass der Mensch von Natur aus nicht mehr als andere Lebewesen dazu neigt, seinesgleichen zu töten,[71] dann kann diese Tatsache nur bedeuten, dass eine derartige Verformung seines Denkens, die sich in großem Maßstab ja erst nach der neolithischen Revolution beobachten lässt, auf den Zwängen seiner neuen Lebensweise beruhte. Die Versuchung, sich den nun möglichen Nahrungsüberschuss mit Gewalt anzueignen, übte eine so bezwingende Macht auf die geistige Wahrnehmung einer Minderheit aus, dass sie das Tötungshandwerk zu ihrer Pflicht und ihrem Vorrecht erhob.
Die von nun an endemischen Kriege besaßen aber noch eine weitere Funktion neben der der Gebietsarrondierung. Sie verfolgten nebenher einen wichtigen ideologischen Zweck. Gegenüber der unterworfenen Mehrheit der Bauern hätte die herrschende Schicht ihre eigene arbeitsfreie Existenz nicht gut damit rechtfertigen können, dass sie sich erst durch deren Ausnutzung und Unterdrückung die Grundlage für ihr eigenes arbeitsfreies Dasein verschaffte. Gemäß der Psycho-Logik der Macht gehörte diese Erkenntnis dem Bereich der unaussprechbaren Wahrheiten an. Jedes Eingeständnis dieser Art hätte die Stellung der Herren unglaubwürdig gemacht. Statt ihre wirklichen Motive hervorzukehren, musste die Elite die eigene Vormachtstellung mit einer Fiktion begründen: und zwar mit einem konstruierten Interesse der Unterworfenen selbst. Ich habe schon vorher angedeutet, auf welche Weise man dabei vorging. Man betonte die Gefahren und Bedrohungen, die von den anderen Herren jenseits der eigenen Grenzen ausgingen. Dann konnte man sich selbst in der Rolle von Beschützern, Verteidigern und Wohltätern feiern lassen.
Bei oberflächlicher Betrachtung schien diese Rechtfertigung der eigenen Rolle auch zuzutreffen. Natürlich bildeten die Herren des Nachbargebiets eine objektive Bedrohung, der gegenüber die eigenen Herren als Retter aus der Gefahr auftreten konnten. In Wahrheit war diese Rechtfertigung aber etwa so stichhaltig, wie wenn in der Tierwelt Falken sich gegenüber den von ihnen geschlagenen Mäusen damit rechtfertigen würden, dass sie immerhin das eigene Revier gegen die Nachbarn verteidigen, sonst würde alles noch schlimmer werden. Anders gesagt, die Herren legitimierten sich gegenseitig. Jeder rechtfertigte die eigene Existenz damit, dass ohne den von ihm ausgehenden Schutz die Herren des Nachbargebietes mordend und raubend einfallen würden. Der nahe liegende Einwand, dass ohne die Existenz dieser Minderheit von Adlern und Löwen die Menschen in Frieden leben würden, wurde gar nicht erst in Erwägung gezogen.
Für die unaufhörlichen Kämpfe zwischen den bewaffneten Oberschichten kamen also immer wenigstens zwei mögliche Zwecke in Frage. Sie konnten der Eroberung fremder Gebiete dienen. Dann vergrößerte ein Herr die eigene Nahrungsbasis auf Kosten der Herrscher jenseits der eigenen Grenzen. War das nicht der Fall, dann war ein Krieg aber immer noch deswegen sinnvoll, weil die Elite der unterworfenen Mehrheit dadurch die Notwendigkeit ihres Daseins immer erneut ins Gedächtnis rief.
Eroberungskriege waren mit hohen Risiken verbunden. Eine herrschende Elite konnte dabei sehr viel gewinnen, aber auch alles verlieren. Kriege hingegen, die nur der Rechtfertigung der eigenen Existenz gegenüber den Unterworfenen dienten, ließen sich dagegen weitgehend ritualisieren und waren entsprechend weniger riskant. Nicht selten wurden solche Zusammenstöße zu einer Art von Turnieren, in denen es bei einer Handvoll von Opfern blieb. Die feindlichen Herren schonten sich gegenseitig, erhielten sich dabei aber auch gegenseitig in ihrer Stellung. Man maß nur die Kräfte aneinander und schloss daraufhin gleich wieder Verträge, die im Wesentlichen kaum etwas änderten. Im Zusammenleben der Völker bildeten diese Pattspiele unter den Mächtigen – eine Art Übertragung von Kommentkämpfen aus dem Tierreich in das der Menschen - vergleichsweise friedliche Zeiten. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen fletschten die Herren gegeneinander die Zähne, aber diese Machtdemonstration galt weniger den jeweils anderen als den eigenen Völkern.
Schließlich verdient eine letzte Funktion von Kriegen, vielleicht die bedeutsamste zur Aufrechterhaltung der eigenen Macht, noch der besonderen Hervorhebung. Kriege sind bestens geeignet, um den Hass der Unterworfenen gegenüber den eigenen Herren nach außen abzuleiten. Wenn sich zu viel Wut gegen Willkür und Gewalt in der Bevölkerung staut und zu explodieren droht, dann dienen Kriege den Herren als willkommene Blitzableiter und Sicherheitsventile. Das erklärt, warum Völker sich so oft mit größter Inbrunst in die Schlacht führen ließen. Ihre gestaute Wut, ihren gesammelten Groll, all die Wunden aus ihrer täglichen Unterdrückung ließen sie dann stellvertretend an ihren fremden Opfern aus. Die Orgien von Vergewaltigung, Blutrunst und unfassbarer Grausamkeit, von denen so viele Texte aus Mesopotamien, Ägypten, die Bibel und die Tatsachen unserer eigenen nur ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Geschichte ein furchtbares Zeugnis ablegen, sind Antworten auf eine unerträgliche Beengung des Menschen in seinem eigenen Lebensraum. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass die inhumansten Kriege von Gesellschaften ausgehen, die dieses Potential schon in ihrem Inneren durch Ungerechtigkeit und die Arroganz der Mächtigen fördern.
Eine solche Betrachtung, die der unterschwellig wirkenden Psycho-Logik der Macht nachforscht und ihren mehr oder weniger unbewussten Lügengespinsten, mag manchem gar zu nüchtern und einseitig erscheinen. Wo bleibt da die wundersame Ergriffenheit, könnte man fragen, mit der wir bis heute etwa die Ritterzeit romantisch verklären? Wo bleiben Erschauern und Bewunderung für eine Epoche, in der die Männer ihren Ehrgeiz darin erblickten, außer soldatischen Tugenden auch noch die vornehme Höflichkeit des Kavaliers zu kultivieren? Wo bleibt die Bewunderung dafür, dass die Liebe zu einer angebeteten Frau und der Kampf für die Schwachen und gegen die Mächte des Bösen zu den erklärten Beweggründen für den kämpfenden Ritter wurden? Wo bleibt die Anerkennung für den damals entfalteten Schönheitssinn, der sich in der Pracht strahlender Rüstungen, edler Pferde, großartiger Burgen und eines hoch entwickelten Zeremoniells im Umgang der Herren miteinander manifestierte? Wo bleibt das Verständnis für all den Glanz und die Herrlichkeit einer Zeit, die Johan Huizinga im »Herbst des Mittelalters« so eindringlich vor uns beschworen hat? Kann man dies alles nur als eine Verkleidung abtun, hinter der sich der nackte Egoismus einer herrschenden Schicht verbarg?
Sicher nicht. Jede Institution, so ungerecht sie in ihrer Gesamtwirkung auch sein mag, gewinnt mit der Zeit ein Eigenleben, durch das sie über ihre unmittelbaren Zwecke hinauswächst und diese zumindest teilweise überwindet. Es ist wahr, dass viele Ritter seit dem dreizehnten Jahrhundert einer schamlosen Beutegier frönten. Sie handelten kaum besser als Räuber, die mit allen Mitteln der Brutalität die verachteten Gemeinen bedrängten und sich dafür auch noch feiern ließen. „Die grausamsten Gräuel der Adligen gegen die Bürger von Gent im Kriege von 1382, als sie vierzig Getreideschiffer verstümmelt und mit ausgestochenen Augen, zur Stadt zurücksenden, kühlen Froissarts Leidenschaft für das Rittertum keinen Augenblick ab,“ bemerkt Huizinga.[72] Wer an das Ideal glauben wollte, hatte schon damals keine Mühe, alle Einwände zu verdrängen. Und manche Ritter waren zweifellos ohne jeden Anflug von Heuchelei davon überzeugt, dass in der Verwirklichung dieses Ideals der eigentliche Sinn und die Aufgabe ihres Standes lagen. Den Idealisten, die in allen Lebenslagen und allen Institutionen zu finden sind, tut die Aufdeckung der tiefer liegenden Motive immer und notwendig Unrecht.
Die nüchterne Aufdeckung der Mechanismen einer Psycho-Logik der Macht übergeht auch die Tatsache, dass gerade jene, die sich des Unrechts und Missbrauchs ihrer Stellung bewusst sind, besondere Anstrengungen unternehmen, um es durch die Verwirklichung idealer Bestrebungen zu sühnen. Der Frauendienst stellte in dieser Hinsicht wohl das eigenartigste Gegengewicht gegen die sonst so brutale männliche Moral der Gewaltherrschaft dar. Während diese in nüchterner Sicht in den meisten Fällen darauf hinauslief, den Raubritter mit den Produkten der ihm hörigen Bauern und der überfallenen Kaufleute gratis zu versorgen, nahm die Selbstunterwerfung des Ritters unter die Wünsche einer zur Herzenskönigin erhobenen Frau der Gewalt das Odium des bloßen Eigennutzes. Sie wurde veredelt, idealisiert, bewundernswert. Das an der Oberfläche des Handelns gar zu sehr in die Augen springende Ziel, Furcht und Schrecken unter den Unterworfenen zu verbreiten, schien dadurch auf eine ganz andere Ebene emporgehoben. Es schien darin zu bestehen, dass der Tapfere sein Leben in den Dienst eines anderen Menschen stellte, von dem nicht die geringste Bedrohung, geschweige denn physische Gewalt ausging. Wenn der Ritter seine Tötungsmoral ganz in den Dienst der Liebe stellte, schien die bloße physische Übermacht einen erhabenen Sinn anzunehmen.
Natürlich durchschauten schon damals viele die darin verborgene Lüge. Zum Beispiel Miguel de Cervantes, der sich mit besonderem Spott, aber auch einem tiefen Verständnis vor ganz Europa über die Lügen des zu seiner Zeit schon obsoleten Rittertums lustig machte. Aber Cervantes machte sich über Don Quichotte eben nicht allein lustig, dann wäre sein Werk nicht große Literatur sondern nur ein Stück spanischen Kabaretts gewesen. Der Dichter wusste, dass es die Don Quichottes wirklich gegeben hatte, Männer, die in heroischer Aufrichtigkeit an ihre Wahrheit glaubten. Don Quichotte war nicht nur eine lächerliche sondern vor allem auch eine tragische Gestalt.
Man darf nicht vergessen, dass die Herren es umso leichter hatten, der von ihnen betriebenen Idealisierung egoistischer Motive zu glauben, als die unteren, die beherrschten Schichten, den Mythos ja selbst nur zu bereitwillig übernahmen. Im 14., noch mehr aber im 15. Jahrhundert, als das Rittertum und seine Träger militärisch ihre Bedeutung auch nördlich der Alpen bereits weitgehend eingebüßt hatten, wirkte der verklärende Mythos so übermächtig, dass jeder, der sich die damit verbundene Ausrüstung leisten konnte, den Rittertitel käuflich zu erwerben versuchte. Städter, Kaufleute und alle möglichen Parvenüs wetteiferten darin, Ritter genannt und mit diesem Titel versehen sozial entsprechend gewürdigt zu werden. Darin machte sich eine wohl zu allen Zeiten bestehende menschlich-allzumenschliche Tendenz bemerkbar. Herrschaft bis hin zur brutalen Unterdrückung wird fast immer gehasst und beneidet zugleich. Haben die kleinen Leute die Chance, ihrerseits nach oben aufzurücken, dann tun sie es mit Begeisterung, auch wenn die großen Leute sie vorher mit aller Kunst drangsalierten. Sie haben die Lügen der Herrschaft genauso verinnerlicht wie deren Nutznießer.
Nicht zuletzt aufgrund dieser Ambivalenz der kleinen Leute wurde aus dem Märchen vom edlen Ritter eine Wirklichkeit, an die man glaubte und glauben wollte. Die Herren hatten ihre Selbstverklärung mit solchem Erfolg betrieben, dass sie sich bis zum heutigen Tag in unserer Phantasie zu behaupten vermag – als vermeintliches Zeugnis für das selbstlose Ideal der Schönheit, der Selbstaufopferung für die Schwachen etc.
Eine ähnliche Verklärung wirkt bis heute in Japan nach. Auch dort bilden die ritterlichen Samurai ein unerschöpfliches Thema für eine Vielzahl von Theaterstücken und Filmen. Von den Bauern, die all diesen Glanz mit ihrem Schweiß und oft mit ihrem Blute bezahlten und neun Zehntel der Bevölkerung ausmachten, ist dabei keine Rede. Allenfalls treten sie als Tölpel und Arbeitstier in Erscheinung. So behauptet sich der Sieg der Fiktion über die Wirklichkeit noch bis in die Gegenwart.
Erstaunlicher ist, dass sich Mythen selbst dann noch bilden konnten, wenn eine Idealisierung der nackten Gewalt nicht einmal in Ansätzen unternommen wurde. Hemmungslos grausame Herrscher wie Dschingis Khan oder Timur-i Läng haben allein mit dem Schrecken regiert. Idealisierung erwies sich als überflüssig. Dennoch hat selbst diese rohe Gewalt die Bewunderung der Nachfahren erregt. Timur war einer der abscheulichsten Schlächter der Weltgeschichte, seine Eroberungszüge waren von Türmen aus den Schädeln massakrierter Männer, Frauen und Kinder markiert. Doch das hat die Mogulkaiser, die seit dem 16. Jahrhundert zweihundert Jahre die Geschicke Indiens lenkten, nicht daran gehindert, sich ihrer Abstammung von Timur-i Läng zu rühmen. Und viele Mongolen sind heute noch stolz darauf, dass ein Dschingis Khan aus ihren Reihen hervorging.
Die Analyse von Macht und Lüge wird gerade deshalb so schwierig, weil auch jene, die am meisten unter ihnen zu leiden hatten, nämlich die unteren achtzig bis neunzig Prozent der Bevölkerung, so deutlich erkennen lassen, wie fasziniert sie selbst noch von ihren grausamsten Herren waren. Ihr Urteil ist alles andere als eindeutig. Es schwankt zwischen Hass und offener Auflehnung einerseits und unverhohlener Bewunderung für die Unterdrücker.[73] Dieses Schwanken zwischen den beiden Extremen einander widerstreitender Gefühle hat denn auch immer wieder dazu geführt, dass Einzelne aus den Reihen der Unterworfenen, sobald sich dazu nur die Gelegenheit bot, keinerlei Scheu besaßen, in die Fußstapfen der vorher von ihnen so heftig befehdeten Herren zu treten und sich dann in dieser Rolle genauso zu verhalten wie ihre Vorgänger. Dynastien wechselten, Köpfe rollten, Personal wurde ausgetauscht, aber im Wesentlichen blieb alles beim Alten.
Manchen Betrachter der Weltgeschichte ließ das Wissen um solche Fakten zum Zyniker werden. Doch liegt in den beschriebenen Vorgängen weniger Charakterlosigkeit und Zynismus als man auf den ersten Blick meinen könnte. Wie in diesem Buch immer wieder betont, gibt es eine Psycho-Logik der Macht, die den Absichten der Einzelnen wie ganzer Gesellschaften nur bis zu einem gewissen Grade gehorcht. Ihr Verhalten wird beeinflusst, gelenkt, wenn auch nicht geradezu determiniert, durch die materiellen Lebensbedingungen der Agrarepoche. Die begrenzte Zahl »freier Stellen« übte einen unwiderstehlichen Sog nach oben aus. Die einen versuchten, sich in diesen wenigen Stellen zu halten, indem sie sich dem Andrang der unteren Schichten mit allen Kräften entgegenstemmten, die anderen versuchten ihrerseits, dorthin aufzusteigen. Dieser sozialen Mechanik waren die meisten Agrarkulturen hilflos ausgeliefert.
Die Macht und ihre eigenartige Logik hat das menschliche Denken verformt. Macht hat sich zwischen Denken und Sein wie ein die Wirklichkeit verzerrender Filter oder eine Barriere geschoben. So konnte es einerseits dazu kommen, dass Menschen als »edel« bzw. »gemein« wie zwei verschiedene Gattungen voneinander getrennt worden sind, andererseits begegnen wir einer unglaublichen Umwertung: Die Vernichtung des Lebens gilt als Vorrecht des edlen Menschen, während seine Erhaltung durch die Nahrungsfürsorge als Tätigkeit von Gemeinen entwertet wurde.
Die Logik der Macht hat ebenso auch jene erfasst, die im Dienste der weltlichen Herren für die Ausarbeitung der ideologischen Basis zuständig waren. Auch geistige Tätigkeiten wurden zum Privileg erklärt. Bis zu Luther durften nur Geistliche die Bibel lesen, gewöhnlichen Leuten, auch wenn sie schriftkundig waren, blieb die Lektüre streng untersagt. In England genügte im 14. Jahrhundert der bloße Besitz einer Bibel, um eine Anklage wegen Ketzerei einzuleiten.[74] Nicht anders in Indien. Mit Ausnahme der drei höchsten Kasten (Brahmanen, Kschatrijas, Vaischjas) waren dort das Rezitieren und später das Lesen der Veden den Schudras und Unberührbaren strikt untersagt.
Jene Schichten, welche die »freien Stellen« besetzten, entschieden eben auch über Wert und Bewertung menschlicher Tätigkeiten. Was die herrschenden Schichten taten, das galt als edel, erhaben, beispielhaft. Was von der beherrschten Mehrheit ausging, konnte und durfte in den Augen der Eliten keinen besonderen Rang einnehmen. Daher war es Bauern strikt untersagt, bei etwaigen Auseinandersetzungen, die sie gegeneinander austrugen, Schwerter oder Degen zu verwenden. Das waren die Waffen der Vornehmen. Totschlagen durften Bauern und selbst Kaufleute sich nur mit gemeinem Gerät, d.h. mit Prügeln und Mistgabeln.[75] Das Hohe sollte hoch und das Niedere niedrig bleiben. Jede Aufwertung der von den niederen Schichten verrichteten Arbeit oder auch nur der dazu nötigen Instrumente hätte die Ansprüche dieser Schichten und ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Beides wussten die herrschende Schichten geflissentlich zu verhindern. Alle über das physische Überleben hinausgehenden Tätigkeiten – und genau diese gehörten zur Domäne der weltlichen und geistlichen Macht – erhielten einen weit höheren Rang als solche, die der Mehrheit als Fron auferlegt waren. Der Geburtsadel brachte die Verachtung »niederer« Tätigkeiten nicht nur den Bauern entgegen, sondern auch den Handwerkern und Kaufleuten. Den Letzteren selbst dann noch, als sie aufgrund ihrer wachsenden finanziellen Macht die Stellung des Adels schon zu erschüttern begannen.
Die hier erkennbare Geringschätzung geht aber über ihren unmittelbaren Anlass noch weit hinaus und muss uns deswegen noch besonders beschäftigen. Von hier datiert ein Gegensatz, der sich noch bis in neunzehnte Jahrhundert erhielt und teilweise auch noch heute: die Gegenüberstellung von Zivilisation und Kultur.
Ich werde mich dieser beiden Begriffe im Folgenden in einem eindeutigen, scharf begrenzten Sinne bedienen. Zivilisation umfasst alles, was aus allgemein gültigem Wissen und Können besteht beziehungsweise daraus hervorgeht: die Techniken der Landwirtschaft, der Apparat der industriellen Produktion von ihren primitivsten Anfängen bis zu unserer Zeit und generell jegliches Wissen, das auf den im täglichen Leben angewandten Naturgesetzen beruht. Dagegen zählen Sprache, Kunst und Religion zur Kultur, wo sie sich je nach Zeit oder Raum in unendlicher Vielfalt manifestieren.[76]
Zur Zivilisation gehört seit Beginn menschlicher Geschichte alles Wissen, das dem Menschen das Überleben in einer oft feindlichen Natur ermöglicht. Schon der Jäger der frühesten Menschheitsgeschichte war darauf angewiesen, sich nach den bestehenden Zwängen der Natur, d.h. nach ihren Gesetzen, zu richten.[77] Wie hätte sein täglicher Beutezug glücken können, wenn er die ballistischen Eigenschaften eines Pfeils, die richtige Formung eines Bogens, die Härteunterschiede von Holz und Stein nicht kannte? Wie hätten Bauern nach der neolithischen Revolution ertragreichere Getreidesorten züchten können, ohne sich in langer Beobachtung der Natur das dazu nötige Wissen anzueignen? Zu jeder Zeit ihrer zivilisatorischen Entwicklung mussten die Menschen über eine Fülle verlässlicher Techniken der Naturbeherrschung verfügen. Davon hing ihr Überleben in einer natürlichen Umwelt ab - ohne dieses Wissen hätten sie ihr nur einen Bruchteil an Reichtum abtrotzen können. Davon hing aber auch ihre Überlebenschance im Kampf mit ihresgleichen ab, denn solche Kämpfe wurden oft von den besseren Waffen, d.h. der besseren Technik, entschieden. Auf beidem zusammen beruhte nicht zuletzt die Bevölkerungsdichte. Je nachdem, wie große Fortschritte sie in der Beherrschung der Natur erzielten, konnten Menschen dieselbe Fläche in größerer oder geringerer Zahl besiedeln und dabei ganz unterschiedliche Nahrungsüberschüsse gewinnen.
Die Techniken der Naturbeherrschung ermöglichen fast immer eine eindeutige Bewertung als mehr oder weniger effektiv oder angemessen. So zeigt etwa ein Vergleich zwischen verschiedenen bei der Jagd verwendeten Bögen ganz klar, welche Hölzer und Formen besser geeignet waren, um den Pfeil möglichst weit zu schießen. Und der Vergleich zwischen verschiedenen Arten der Behandlung nach dem Biss giftiger Schlangen gibt eindeutig zu erkennen, welche Heilmittel wirksam sind und welche nicht. Diese Sachangemessenheit oder »Objektivität« unseres zivilisatorischen Wissens beruht auf Eigenarten unserer natürlichen Umwelt, die unabhängig vom Menschen bestehen. Bei der Erbeutung von Tieren, in der Landwirtschaft und Seefahrt, bei der Abwehr von Feinden und der Bekämpfung von Krankheiten muss der Mensch mit diesen Sachzwängen rechnen und angemessen auf sie reagieren. Das tut er auf mehr oder weniger effiziente und in diesem Sinne richtige Weise.
Dagegen ist es unmöglich und heute zu Recht verpönt, eine Sprache oder Manifestationen der Kunst für richtiger als andere zu halten. Die deutsche Sprache ist in keinem denkbaren Sinn richtiger oder effizienter als die chinesische und die ägyptische Musik nicht besser oder schlechter als die japanische. Die Geltung kultureller Errungenschaften ist eben nicht »sach-gemäßer« als eine andere. Von der Natur und ihren Zwänge erhalten wir keine Auskunft darüber, welcher von ihnen der Vorrang gebührt. Oder anders gesagt: in ihrem jeweiligen Sosein sind weder Sprache noch Musik objektiv zu begründen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass niemand bisher einen Beweis dafür erbringen konnte, dass ein Ding wie der Baum mit dem englischen Laut »tree« richtiger bezeichnet wäre als durch das japanische »ki« oder das deutsche »Baum«. Und niemand hat bisher schlüssig beweisen können, dass der Ausdruck von Freude oder Leid in den Volksliedern der Japaner richtiger getroffen wurde als bei den Ägyptern. Die betreffenden Völker haben sich jeweils bestimmte Ausdrucksmittel geschaffen und in der differenzierenden Aneignung und Perfektionierung dieser Mittel dann die höchste Sensibilität gewonnen, indem sie bestimmten Rhythmen, Melodien und Phrasen spezifische Bedeutungen und Emotionen zuwiesen. Das aber lief automatisch darauf hinaus, dass sie für Formen, die für sie bedeutungslos sind, auch keine oder nur wenig Empfindung besitzen. Das japanische »ki« besagt für einen Deutschen oder Engländer gar nichts. Ebenso wie das deutsche »Baum«, das vor unserem Auge sofort zahllose Assoziationen und Bildeindrücke erweckt, für einen Japaner nur ein beliebiger und deshalb im strikten Sinne »nichts sagender« Laut ist. Auch die Musik eines fremden Landes, welche die Einheimischen in höchste Ekstase versetzt, pflegt bei Menschen, deren Ohren solche Tonfolgen und Rhythmen unbekannt sind, zumindest beim ersten Hören nicht mehr als ein Gähnen hervorzurufen - schon die klassische Musik des eigenen Landes lässt viele Jugendliche der heutigen Generation kalt oder ruft in ihnen sogar Aversionen hervor.
Diese gegenseitige Fremdheit unter den Parallelwelten der Kultur gilt ganz besonders für ihr markantestes Merkmal: die Religion. So wie jede technologisch noch so primitive Stammeskultur eine eigene Sprache und Kunst entwickeln konnte und meist auch entwickelt hat, finden wir in ihr nahezu immer eine eigene Religion mit besonderen Geistern und Göttern. Das gilt vollends für alle großen Hochkulturen. Jede von ihren hat einen nur für sie charakteristischen geistigen Kosmos erschaffen. Zwischen den Göttern Indiens, Griechenlands oder Ägyptens gab es keine Kommunikation sondern nur äußerste Fremdheit. Jede für sich waren sie sozusagen in unterschiedlichen Universen zuhause.
Das änderte sich auch dann nicht, wenn sie aufgrund von Völkerwanderungen oder von Handelsbeziehungen miteinander in nähere Berührung gerieten. Dann kam es fast immer zu Ausbrüchen intensiver Feindseligkeit, die auf die Entfernung oder gar völlige Ausmerzung des Rivalen abzielten. Denn rivalisierende Religionen pochten jeweils auf die eigene, uneingeschränkte Wahrheit. Jede von ihnen erhob Anspruch darauf, den allein seligmachenden Zugang zum Jenseits, zu Gott oder Göttern, zur Erlösung zu bieten. Es gab für sie, zumindest im eigenen Geltungsbereich, keine Teilung, keine Relativierung, keine Rückzieher bei der Wahrheit.
Wie kam es zu dieser gegenseitigen Unverträglichkeit, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind? Zum Gegensatz zwischen Christentum und Islam, zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Hindus und Muslims, der sich so oft in Kriegen entlud? Warum hatten Menschen nie Schwierigkeiten dabei, die Errungenschaften der Zivilisation – das Feuer, das Rad, Pfeil und Bogen, Keramik und Bronze sowie tausend anderer Techniken - von anderen zu übernehmen, während sie sich gegen die Sprache, die Sitten und Moral, vor allem aber gegen den Glauben der anderen oft bis zur Gefährdung der eigenen Existenz abschotteten oder wehrten?
Auch in diesem Fall erhalten wir erst dann eine befriedigende Antwort, wenn wir die Rolle der führenden Schichten näher ins Auge fassen: die Rolle der weltlichen und geistlichen Machthaber.
Diese haben ihre eigene Existenz mit all dem Luxus umgeben, den ihnen die Verfügung über den Überschuss der arbeitenden Bevölkerung und deren Frondienste gewährte. Hier an der Spitze entstand eine Kultur, die sich durch materielle Üppigkeit und durch geistige Komplexität vor allem auszeichnete, was das einfache Volk hervorzubringen vermochte. Das galt vor allem für die Priesterschaft und die von ihr erzeugten oder in Auftrag gegebenen Werke der Literatur, der Malerei, der Skulptur, der Architektur. In den großen Agrarzivilisationen gab es üblicherweise zwei Kulturen, die verfeinerte und komplexe der Oberschicht und die vergleichsweise primitiven, wenig einheitlichen, weil von Region zu Region wechselnden, kulturellen Ausdrucksformen des einfachen Volkes.
Die Trennlinie zwischen beiden war in der Regel sehr scharf gezogen. Wie schon bemerkt, bewerteten die Herren nur ihre eigenen Tätigkeiten und Eigenschaften als edel, vornehm und »herr-lich«, während die Tätigkeiten der Nahrung beschaffenden Mehrheit von ihnen als »gemein«, gering oder sogar verächtlich hingestellt wurden. Die kulturellen Äußerungen des Volkes konnten da natürlich keine Ausnahme bilden. Wenn die Volkslieder, die Knittelverse, die Bauerntänze von den Herren überhaupt beachtet wurden, dann bestenfalls mit spöttischem Lächeln. Oft hatten die Kulturen von Ober- und Unterschicht nicht einmal die Sprache miteinander gemein. Die Priesterschaften in Europa, Indien und bei vielen anderen Völkern bedienten sich einer für die einfachen Leute unverständlichen Sprache, in Europa des Lateinischen, in Indien des Sanskrits. Sie vollzogen Riten, in deren Ursprung und Wesen nur sie selbst eingeweiht waren. Das Wissen seiner Herren sollte dem Volk als Wunder wirkendes Geheimnis erscheinen, dazu konnte die Verwendung einer Geheimsprache wesentlich beitragen. Denn so war sicher gestellt, dass das Volk auf eigenes Denken und Wissen verzichten musste und seinen Herren gegenüber in die Rolle von kleinen und hilfsbedürftigen Kindern geriet. Die Machthaber wussten, dass ein Geheimnis nur groß und überwältigend war, wenn es für den Mann auf der Straße unzugänglich und unverständlich blieb.
Kultur war in den großen Agrarzivilisationen daher im Allgemeinen gespalten. Die Kultur der Herren partizipierte an deren Herr-lichkeit, die des Volks wurde so klein und gering gehalten wie dieses selbst. Was die Mehrheit des Volks dachte oder tat, pflegte den Herren solange gleichgültig zu bleiben, wie es nur seine Versorgungspflichten gehorsam erfüllte.
Tatsächlich ist eine solche Gleichgültigkeit historisch in vielen Fällen bezeugt. Die osmanischen Machthaber etwa (siehe +++) kümmerten sich wenig um die Kultur ihrer Untertanen, d.h. um die von diesen verwendeten Sprachen, ihre Kunst und Religion. Nur über eines ließen sie keinen Zweifel. Wer auch nur die geringste Chance zu einem Aufstieg besitzen wollte, der musste sich die Kultur der Herren aneignen. Alles andere wurde im Vergleich dazu für derart wertlos befunden, dass die herrschende Schicht es nicht einmal für nötig befand, mit einer Politik der aktiven Unterdrückung dagegen vorzugehen. Die heimischen Christen – sie bildeten die ursprüngliche Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Türkei - wurden im osmanischen Reich mitsamt ihren Bräuchen und religiösen Vorstellungen geduldet.
Wenn die Stellung der Herrenschicht ohnehin auf brutaler Gewalt beruhte, erreichte die Gleichgültigkeit ihren Höhepunkt. So zum Beispiel in Sparta. Da die Heloten als Untermenschen gesehen wurden, wäre es den freien Spartanern nicht eingefallen, sich um das Denken und die Meinungen dieses unterworfenen Volks mehr zu kümmern als Nomaden um das Innenleben ihrer Rinder und Pferde.
Nicht immer waren Herren aber in einer so komfortablen Position, dass sie sich diese abgehobene Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Volk leisten konnten. In der Regel gab es andere Herren in ihrer Umgebung. Die gemeinsamen Interessen der Herren gegenüber den Untertanen lagen dann im Kampf mit Interessen, die gegen die anderen Herren gerichtet waren. Denn jeder der Herren konnte ja außerordentlich dadurch gewinnen, dass er das Gebiet seines Nachbarn eroberte und seine Nahrungsbasis und Macht sich dadurch auf Kosten des anderen »arrondierte«. Das ist der Grund, warum alle Kartelle der Mächtigen gegen die Untertanen so leicht wieder in ihre einzelnen Mosaikstücke zerfielen.
Gewiss, die Gleichgültigkeit gegenüber allem, was die Unterworfenen betraf, war für die Machthaber so natürlich wie die Unterscheidung von Edlen und Gemeinen. Die Untertanen waren Objekte und standen ihnen deshalb im Allgemeinen so fern wie dem heutigen Aktionär die menschliche Realität hinter dem von ihm gehaltenen Stück Papier. Doch die Psycho-Logik der Macht gebot ein anderes Verhalten, wenn die eigene Stellung im Kampf mit rivalisierenden Herren gefährdet war. Dann war es im Gegenteil angezeigt, das Volk als Verbündeten zu gewinnen. Ließen die Herren ihre Untertanen gar zu sehr spüren, dass sie ihnen so gegenüberstanden wie die Nomaden dem Nutzvieh, durften sie von ihnen auch nicht mehr Loyalität als von Ziegen und Schafen erwarten. Denn unter solchen Umständen musste es den Geschröpften ziemlich gleichgültig sein, welchen Herren sie dienten. Dann wechselten für sie nur die Steuereintreiber. Sicher war es für Europa ein Glückstreffer der Geschichte, dass Karl Martell 732 die Mauren bei Tours besiegte und dass die Mongolen 1241 ihren Sieg bei Liegnitz nicht nutzen konnten. Die Untertanen selbst hätten sich damals wohl leicht mit jeder anderen Herrschaft abgefunden. Für sie waren alle Machthaber gleich fern, unnahbar und drückend. Die leichte Eroberung des Vorderen Orients durch die islamischen Araber hat hier ihren Grund: Es setzte sich nur eine Herrenschicht an die Stelle der anderen. Und schlimmer als die alten konnten auch nicht die neuen Herren nicht sein.[78] Diese Gleichgültigkeit der Untertanen gegen den Wechsel der Rentenbezieher an ihrer Spitze erklärt auch die leichte Eroberung Spaniens durch die Mauren. Das Volk hatte wenig Grund, sich für die eigenen Herren einzusetzen.
Doch völlige Gleichgültigkeit der Herren gegenüber dem eigenen Volk war keinesfalls die Regel, sondern wohl eher die Ausnahme, und zwar aus dem einfachen Grund, weil ein haltbares Kartell zwischen rivalisierenden Herren wenig wahrscheinlich war, die Regel dagegen ein stetes Misstrauen zwischen ihnen. Der Gewinn aus einem erfolgreichen Überfall auf die Besitzungen des Nachbarn war zu groß, als dass sämtliche Bündnispartner einer solchen Verlockung dauerhaft zu widerstehen vermochten. Dann aber gebot die Psycho-Logik der Macht eine andere Einstellung gegenüber Sprache, Kunst und Weltanschauung der Untertanen. Es war ein Risiko für einen katholischen Fürsten, Protestanten in seinem Herrschaftsbereich zu dulden, denn das barg die Gefahr, dass eine feindliche Macht sie gegen ihn aufwiegeln würde. Es war für Hindus eine Gefahr, allzu viele Muslime in ihrer Mitte zu dulden. Es konnte aber ebenso gefährlich werden, wenn Völker mit anderer Sprache, anderen Sitten das eigene Gebiet bewohnten.
Gleich nach der Reformation begannen die Regenten sich für die Religion ihrer Untertanen zu interessieren. »Cuius regio eius religio« lautete seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 die neue Maxime. Die Staaträson, d.h. eine gesicherte Herrschaft innerhalb der eigenen Grenzen, ließ die Fürsten ihre »natürliche« Gleichgültigkeit gegenüber dem Denken ihrer Untertanen vergessen. Sie fühlten sich sicherer, wenn ihre eigene Herde kulturell so uniformiert war, dass Überläufe der Untertanen und Übergriffe rivalisierender Herren weniger leicht möglich waren. Die Geringschätzung der Mächtigen für Sitten und Denken des gemeinen Volks geriet in Widerstreit mit ihrem Sicherheitsbedürfnis. Noch im zwanzigsten Jahrhundert wurden aus diesem Grund hunderttausende Andersgläubige aus der Türkei und Griechenland vertrieben oder getötet.
Sobald die Herren ein Interesse daran hatten, in Kriegen ein loyales Volk an ihrer Seite zu haben, konnte ihnen das Denken und Handeln der eigenen Untertanen nicht länger gleichgültig sein.[79] Dieses veränderte Verhältnis von Herren und Bauernschaft lässt sich am besten mit dem von Nomaden zu ihren Viehherden vergleichen. Nicht-sesshafte Völker waren für ihr Überleben auf die Milch, das Fleisch, die Felle der Tiere angewiesen. Das Vieh war ihr wertvollster Besitz. Für sie war es eine Frage des Überlebens, ihren Besitz vor Übergriffen zu schützen. Sie taten dies unter anderem dadurch, dass sie seine Zugehörigkeit eindeutig markierten. Bei Tieren geschah das in der Regel mit Hilfe von unauslöschlichen Brandzeichen.
Die Herren über menschliche Arbeitstiere standen exakt vor derselben Herausforderung. So wenig die Parallele gefallen mag, ist sie doch unzweifelhaft Teil der historischen Realität. Auch die Herren waren für ihr Überleben auf die Herde der Nahrungslieferanten angewiesen. Auch ihnen musste daran gelegen sein, Menschen, die ihnen »gehörten«, durch eindeutige Markierung von anderen zu unterscheiden, um sie besser gegen den Zugriff rivalisierender Herren zu schützen. Nur so war dafür gesorgt, dass ihnen die eigene Nahrungsbasis nicht davonlaufen konnte und sich unter die Fittiche benachbarter Herrscher begab. Die physische Brandmarkung kam zu diesem Zweck auch bei Menschen in Frage. In vielen Stammeskulturen bestand sie aus Tätowierungen und anderen sichtbaren Merkmalen, die die Angehörigen eines Stammes (etwa in Afrika oder Neuguinea) unverwechselbar von denen eines anderen unterschied. In den großen Agrarzivilisationen lebte dieses Erbe in der Beschneidung fort, auf den Latifundien und in den Bergwerken Roms[80] sowie noch im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten in der Brandmarkung von Sklaven. Doch in den großen Agrarzivilisationen erwies sich ein Übermaß an Gewalt und physischer Kennzeichnung doch als eine wenig geeignete Lösung, um Menschen auf Dauer zur Loyalität zu verpflichten. Die Besitz- oder Zugehörigkeitsmarkierung wurde daher nur selten körperlich, in der Regel dagegen auf nicht-materielle Weise vollzogen, nämlich durch die kulturelle Unterscheidung. Noch wirksamer als durch äußere physische Kennzeichnung ließ sich auf diese Art sicher stellen, dass Herde und Herren für einander und vor allem gegenüber rivalisierenden Völkern eindeutig als zusammengehörig identifizierbar waren.
In diesem Sinne bildet Kultur eines der ältesten Instrumente der Herrschaft. Gruppen, Stämme und Völker wurden von ihren Herren durch einheitliche Sprachen, Sitten, Bräuche, Moral-, Rechts- und Glaubensvorstellungen als von anderen verschieden markiert, oder die Herren machten sich bestehende Markierungen zunutze. Waren derartige Kennzeichen erst einmal vorhanden, so wirkten sie als eindeutige Erkennungs- und Unterscheidungszeichen. Deutsche und Franzosen, Chinesen und Japaner, protestantische und katholische Iren sind physisch ununterscheidbar. Die kulturelle Markierung hebt sie jedoch so stark voneinander ab, als gehörten sie biologisch zu unterschiedlichen Arten. Kultur kann Menschen ebenso oder sogar noch wirksamer trennen als biologische Merkmale.[81]
Zudem gesellten sich ja auch äußere Attribute den geistigen Besonderheiten wie Sprache, Religion, Moralvorstellungen hinzu. Chinesen und Japaner pflegten anders zu grüßen, sich anders zu kleiden. Sie entwickelten unterschiedliche Esskulturen, sie malten, meißelten, schrieben und sprachen anders. Kultur bewirkte eine so umfassende Markierung, dass man durchaus von einer kulturellen Evolution des Menschen neben der biologischen sprechen kann. Ein Grieche zur Zeit Herodots, ein Chinese der Tang-Zeit, ein Italiener in der Zeit von Lorenzo dem Prächtigen und ein grönländischer Eskimo haben nichts miteinander gemein. Sie könnten auf verschiedenen Planeten zu Hause sein. Ihre biologische Identität, die sich in einer nahezu hundertprozentigen Gleichheit der genetischen Ausstattung äußert, spielt demgegenüber eine vernachlässigenswerte Rolle.
Kultur insgesamt, nicht allein Religion, bot sich damit als Gegenstand des Missbrauchs durch herrschende Schichten an. Eine kulturell eindeutig markierte Herde, die sich in Sprache, Sitten, Glauben und Kunst markant von den benachbarten Völkern abhob, war an ihren Herrn viel stärker gebunden, als eine andere, die Gruppen mit unterschiedlichen Traditionen vereinte. Überall wo sich Herren durch Nachbarmächte bedroht fühlen mussten, bestand daher die Tendenz der kulturellen Gleichschaltung oder der Vertreibung gefährlicher Minderheiten.
Dennoch gilt natürlich von der Kultur generell, was schon vorher im Hinblick auf die Religion gesagt worden ist: Beide existieren und entstehen unabhängig von solchem Missbrauch. Sprache, Kunst oder Weltanschauung lassen sich zu Zwecken der Herrschaft manipulieren, sie können unterdrückt und gefördert, gewaltsam aufgezwungen oder vernichtet werden. Aber ihre Existenz an sich besteht unabhängig von solchen Einwirkungen. Deshalb ist Kultur eine universale Erscheinung, der wir ebenso in der nahezu »herrschaftsfreien« Gesellschaft der Hopis begegnen wie in einer modernen Demokratie.
Und man darf nicht vergessen, dass neben der kulturellen Markierung durch die herrschenden Schichten auch noch die kulturelle »Selbstmarkierung« besteht, deren Sinn darin besteht, Menschen auf Gedeih und Verderb aneinander zu schweißen. Die Juden, Jahrhunderte lang ein heimatlos wanderndes Gastvolk, sind ein bemerkenswertes Beispiel für diese bewusste Eigenprägung. Was sie dadurch gewannen, war eine innere sonst selten erreichte Geschlossenheit der Gemeinschaft, eine unbedingte gegenseitige Verlässlichkeit, ein starker Zusammenhalt der Gläubigen gegenüber einer feindlichen Umgebung. Das hat ihnen in ihren schwersten Heimsuchungen mehr als alles andere geholfen. Doch mussten sie diese positive Seite der Bilanz mit permanenter Ausgrenzung und Verfolgung bezahlen. Je homogener und umfassender die innere kulturelle Gemeinsamkeit und je größer zugleich die dadurch bewirkte Verschiedenheit gegenüber anderen Völkern, desto sicherer wird die Herde zusammengehalten. Man wird dann ja nur in der eigenen Gemeinschaft wirklich verstanden, aber nirgendwo sonst. Das gilt für eine Religionsgemeinschaft, ebenso wie für eine Sekte oder eine durch sonstige Eigenarten deutlich von anderen getrennte Kultur. Die Kehrseite der Medaille tritt dann aber auch umso deutlicher hervor. Sie besteht notwendig darin, dass mit zunehmender Andersartigkeit auch die Herausforderung für die anderen wächst und damit potentielle Feindschaft. Diese ist nur dann ohne Problem, wenn geographische Absonderung eine natürliche Barriere bildet. Das Pochen auf die absolute Geltung der eigenen Wahrheit – Sitten, Moralvorstellungen, Weltanschauung, Religion – ließ sich immer nur in der Isolierung von anderen ohne Konflikte aufrecht erhalten.
Die gegenseitige Fremdheit der Kulturen wird aus ihrer Rolle begreiflich, die sie als Mittel der Markierung zu spielen hatten. Ohne diese Markierung wäre in den Augen der Nahrung beschaffenden Mehrheit ein Herr genauso schlecht wie der andere gewesen - nämlich nur eine furchtbar drückende Last. Andererseits war auch für die Herren jede unterworfene Bauernschaft so gut oder schlecht wie die andere, nämlich ein nur widerwillig zahlender Gegner, dem die Mehrarbeit für die Überschüsse nur unter steter Androhung von Gewalt abgepresst werden konnte. Erst wenn die Herren die kulturelle Gemeinsamkeit mit ihren Untertanen betonten, wurden sie wirklich stark. Sie machten sich dann zwar mit diesen »gemein«, doch errichteten sie hohe Barrieren gegen mögliche Gegner. Die kulturelle Identität, die nun Herren und Beherrschte miteinander verband, ließ sich als Waffe gebrauchen. Noch dazu als eine höchst wirksame Waffe.
Dieser Umschwung lag in der Psycho-Logik der Macht. Solange die Hochkultur der Herren neben und weit über den verachteten Sitten und Traditionen einer fronenden Menge stand, mussten jene als gleich wertlos wie diese gelten. In dem Augenblick jedoch, da die Herren aus machtpolitischem Interesse die gemeinsame kulturelle Identität betonten, war ein bemerkenswerter Wandel die Folge. Das Übermenschentum, das sie, solange sie nichts zu fürchten hatten, nur für sich selbst reklamierten, färbte dann auf die ganze Gemeinschaft ab. Nun waren es Sitten, Denken und Moral eines Volkes insgesamt, die von diesem als vorbildlich hingestellt wurden.
Die Kehrseite dieser Selbstver-Herr-lichung einer Gemeinschaft trat dann aber mit gleicher Zwangsläufigkeit zutage. Sie bestand darin, dass die Sitten der anderen als verwerflich, ihre Moral als tierisch, ihre Götter als Götzen galten. Ihre Sprache wurde meist als Stammeln oder Stottern bespottet. Noch das griechische Wort »barbaros« gibt diese Einschätzung lautmalerisch wieder. Und das slawische »Nemetz« macht die Deutschen verächtlich zu Stummen. Dagegen wurde die eigene Sprache als die einzig richtige gewertet, ursprünglich galt sie wie das Sanskrit als die geoffenbarte Sprache der Götter. Alles in allem hatte die kulturelle Markierung die Folge, dass eine Gemeinschaft sich nun als ganze ebenso an die Spitze der Menschheit setzte wie die Herren zuvor an die Spitze ihrer Untertanen. Der Riss zwischen oben und unten, herrlich und gemein, edel und niedrig wurde aus dem Inneren der Gemeinschaft auf das Verhältnis zu anderen Gemeinschaften übertragen. Die eigene Gruppe, das eigene Volk identifizierte sich nun insgesamt mit den Edlen, Wahren, Rechtgläubigen, während man draußen von Barbaren umgeben war - wenn man diese nicht überhaupt in den Rang von Nicht- und Unmenschen verwies.
Die Herren nahmen dafür den Nachteil in Kauf, dass sie gegenüber der dienenden Mehrheit nicht mehr ganz so abgehoben agieren durften. Bis zu einem gewissen Grade mussten sie sich mit ihrem Volk identifizieren. Da sie davon aber keinen wirklichen Machtverlust zu befürchten hatten, war der Nachteil gering angesichts der Tatsache, dass ihre Herrschaft erst dadurch auf sicheren Füßen stand. Denn nun erst ließ sich die Masse verlässlich beherrschen. Mochten die eigenen Herren es noch so sehr ausbeuten und quälen, das zählte wenig gegenüber der viel bedrohlicheren Aussicht, von fremden Herren – wesensfremden Barbaren und Unmenschen - überrannt und erobert zu werden. Die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen zahlte sich aus.
Und sie war schlechthin universal. Ein Blick durch die Geschichte beweist: Es gab keine einzige Agrarzivilisation, die ihre Nachbarn nicht als minderwertig eingestuft hätte, und zwar selbst noch dann, wenn diese viel mächtiger waren als sie selbst. Der Zwergstaat Israel glaubte sich kulturell, d.h. in seiner geistigen Substanz, dem Koloss Ägypten ebenso überlegen wie das letztere der ganzen übrigen Welt. Indien repräsentierte für die Inder den Nabel der Welt, und selbst das winzige Bali, schon früh ein Außenposten des Hinduismus, definierte den höchsten Berg des Eilands, den Gunung Agung, schlicht als Mittelpunkt des ganzen Universums. Die Römer gaben zwar bereitwillig zu, dass die Griechen in einigen Bereichen der Kunst ihnen selbst überlegen waren. Aber das Imperium war von seiner moralischen Vorrangstellung gegenüber der ganzen übrigen Welt so zweifelsfrei überzeugt, dass solche Anleihen sein Selbstbewusstsein durchaus nicht verminderten. Die Chinesen gaben schon in der Bezeichnung ihres eigenen Landes als »Reich der Mitte« allen übrigen zu verstehen, dass sie ausschließlich sich selbst als Zentrum des Universums verstanden und ihren Kaiser als den einzigen Garant für weltweiten Frieden und Harmonie.
Die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen, welche die eigene verklärt und die der anderen bestenfalls als minderwertige Verirrungen gelten lässt, ist kennzeichnend für die Epoche der Agrarzivilisationen. Sie projiziert die ursprüngliche Dichotomie von oben und unten auf das Verhältnis der Völker, wobei jedes von ihnen sich selbst den Platz an der Spitze der Hierarchie zuerkennt. Diese Projektion hat das Denken der Menschen so sehr geprägt, dass sie sich als Angehörige verschiedener Rassen oder sogar verschiedener Gattungen sahen und das gemeinsame Menschsein fast immer auf das Heftigste bestritten. Das hatten vorher freilich schon die Herren getan, wenn sie sich als Könige und Götter unerreichbar weit über die fronenden Massen stellten. Es war keine Ausnahme sondern die Regel, dass ein Volk sich selbst die Bezeichnung als Menschen gab, während es die anderen Barbaren oder schlicht Un-, Unter- oder Nicht-Menschen nannte, wobei dann diesen anderen gegenüber dieselbe Rücksichtslosigkeit bis hin zur Ausrottung wie gegenüber Tieren erlaubt und unter Umständen sogar geboten erschien.
Schon agrarische Stammeskulturen bestritten einander gegenseitig das Menschsein und waren aus diesem Grund in fortwährende Kämpfe verwickelt. Auf Neuguinea, wo eine Vielzahl von Stämmen Seite an Seite lebte, fiel Jahr für Jahr etwa ein Viertel der Bevölkerung den kannibalischen Beutezügen gegen die benachbarten Nichtmenschen zum Opfer. Freilich waren Menschen und Nichtmenschen ausschließlich durch kulturelle Merkmale definiert. Für einen Außenseiter waren die Papuas von Neuguinea biologisch ebenso wenig zu unterscheiden wie im Hinblick auf ihr zivilisatorisches Wissen und Können. Die Menschen Neuguineas hoben sich voneinander durch nichts anderes als ihre Sprachen, Tätowierungen, Körperbemalungen, Sitten und Bräuche und natürlich ihre religiösen Vorstellungen ab. Diese kulturellen Markierungen aber genügten, um die totale Ungleichheit zwischen den Angehörigen der eigenen Gruppe und allen Außenseitern zu proklamieren.
Wir haben keinen Grund, diese Zustände als besonders primitiv zu bewerten. Es ist nicht lange her, da hat die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen noch unser eigenes Verhalten bestimmt. In der Zeit des kämpferischen Nationalismus, der immerhin bis zum Ende des zweiten Weltkriegs währte, behandelten sich Franzosen und Deutsche im besten Fall als Menschen, die einander wesensfremd gegenüberstehen, im schlechtesten Fall sah man auch bei uns im Gegner kaum noch den anderen Menschen.
Die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen behauptete sich vor allem in jenem Bereich, wo Moral und Bräuche die stärkste Prägung erfuhren - im Glauben. Durch nichts wurden Völker so stark markiert, nichts konnte sie so sehr gegeneinander stellen wie die Religion. Diese historische Tatsache folgt unausweichlich aus der Psycho-Logik der Macht, die den Priestern die Legitimation der Herrschenden und natürlich auch ihre eigene übertrug. Die von den Priestern angerufenen Götter besaßen nur dann einen Wert für die Herren, wenn ihre Stellung absolut unanfechtbar war. Nur eine unerschütterliche Wahrheit taugte als sicheres Fundament einer Herrschaftsordnung. Denn nur Gottheiten, an denen niemand zu zweifeln wagt, können absolut bindende Sprüche abgeben. Damit ist von vornherein klar, dass der Missbrauch der Religion zu den Zwecken der Macht sich vor allem darin bekundete, dass jene keine zweite Wahrheit neben sich duldet. Bei Zusammenstößen mit konkurrierenden Religionen und »Wahrheiten« werden gewöhnlich keine Gefangenen gemacht. Das einzige und einzig logische Endziel einer »Wahrheit« im Dienste der Macht ist ihr endgültiger Sieg.
Auf den ersten Blick scheint allerdings eine Reihe historischer Gegenbeispiele einer solchen Verallgemeinerung zu widersprechen. So wurden Andersgläubige nicht selten von einer vorherrschenden Religion geduldet, z.B. die Christen in der Türkei und im Balkan nach der Eroberung dieser Länder. Doch darf man nicht die besonderen Bedingungen übergehen, unter denen diese Toleranz möglich war. Islamische Herrscher haben Juden und Christen in ihrem Einflussgebiet zugelassen, solange diese eine besondere Steuer, die Jizya, bezahlten. Im Sinne der Staatsfinanzen und der finanziellen Wohlfahrt der eigenen Gläubigen war es viel vorteilhafter, über Ungläubige zu herrschen als sie einfach davon zu jagen, wenn sie sich nicht zum rechten Glauben bekehrten.[82] Für ihre islamischen Herren repräsentierten die Christen die unterworfene Masse. Ebenso wurde die Anwesenheit von Juden in christlichen Gebieten gerade von den Machthabern nicht selten ausdrücklich gefördert, weil man ihnen Aufgaben übertragen konnte, deren Ausübung Einheimische ungern übernahmen, weil sie den Hass der Bevölkerung auf sich lenkten. Das waren zum Beispiel Steuereinziehung und Kreditbeschaffung. Von einer verachteten Minderheit hatte die Herrschaft weniger zu befürchten als von den eigenen Untertanen.
Eine Bedrohung wird ja überhaupt erst von der Macht konstruiert. Erst wenn religiöse Inhalte sich mit den Herrschaftsansprüchen eines Standes, einer Gruppe oder eines Volkes verbinden, treten sie unduldsam gegen rivalisierende Wahrheiten auf. Darin liegt der Unterschied zwischen den Forderungen eines Kollektivs und der freien Wahl eines Einzelnen. Gedanken an sich vertragen sich ohne Problem miteinander. Die Ästhetik des Islam ließe sich ohne Schwierigkeiten mit der Moral des Christentums verbinden oder der japanische Schintoismus mit der vedantischen Mystik des Hinduismus. Gedanken können sich nahezu beliebig trennen und amalgamieren und haben es auch immer wieder getan. Auf der Suche nach einem eigenen Weltbild kann der Einzelne sehr wohl zwischen dem Glauben an Allah, Christus oder schwanken oder sogar eine eigene Weltsicht entwickeln, in der verschiedene Elemente aus mehreren von ihnen enthalten sind. Solange er sich nicht äußerem Druck beugen muss, ist der Einzelne in seinem Denken frei und ungebunden.
Das gilt auch für das Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Die religiöse Erfahrung des Einzelnen konnte sich mit dem Geist der Wissenschaft problemlos verbinden. Nicht wenige gerade der größten Wissenschaftler haben sich denn auch offen zu einer religiösen Weltanschauung bekannt. Auf dieser Ebene hat es einen prinzipiellen Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft nie gegeben. Dagegen bestand und besteht ein echter Gegensatz zwischen einer Religion, die als Machtinstrument bestimmte Glaubensinhalte diktiert und einem wissenschaftlichen Ethos, das seine Urteile über wahr und falsch nie dem Diktat sondern allein dem Forum allgemein-menschlicher Vernunft überlässt. Hier konnte es keine Versöhnung geben. Hier fand die Aufklärung daher den Hebel vor, der ihr historisch eine so außerordentliche Wirkung verlieh.
Überall wo Diktate der Macht keine Rolle spielten, übersprangen Gedanken mühelos die Grenzen zwischen Individuen und Ländern. Nicht selten haben sich auch religiöse Inhalte fremder Kulturen miteinander vermischt. So übernahmen die Römer bereitwillig große Teile der griechischen Kultur, weil sie von deren politisch unterworfenen Trägern nichts zu befürchten hatten. Griechenland war römische Provinz geworden. Die Kultur der Unterworfenen, mochte sie der eigenen noch so überlegen sein, barg für die bestehende Herrenschicht keine Gefahr, sondern bedeutete im Gegenteil eine Bereicherung. Auch griechische Götter hat man daher ohne weiteres in das römische Pantheon aufnehmen können. Eine ähnliche Aufnahmebereitschaft bestand in den Ländern Süd- und Ostasiens gegenüber dem frühen Buddhismus. Dieser hat sich mühelos mit der Existenz anderer Glaubensvorstellungen vertragen, da die Erlösung ausschließlich Sache des Einzelnen war und daher keiner Vermittlung durch eine Organisation oder sonstiger in der Gesellschaft verankerter Mächte bedurfte.
Doch kaum ist Macht im Spiel, trägt der Glaube augenblicklich ein forderndes und sehr schnell ein fanatisches Gesicht. Der Glaube im Dienste von Herrschaftsansprüchen tritt zwangsläufig in unversöhnlichem Gegensatz zu jedem anderen Glauben, der fremden Herrschaftsansprüchen gehorcht. Eine Organisation, die den Glauben an Christus vertritt, kann ihren Anhängern nicht zur gleichen Zeit den Glauben an Allah, Buddha oder Vischnu gestatten. Wohl wahr, in Japan können die Menschen heute zur gleichen Zeit Schintoisten und Anhänger Buddhas sein, aber nur deswegen, weil diese Überzeugungen inzwischen als reine Privatsache, eben als Sache des Einzelnen, gelten. In wenigen Ländern war religiöse Unduldsamkeit so ausgeprägt wie gerade in Japan, als das im 16. Jahrhundert dort eingeführte und zu Anfang mit offenen Armen empfangene Christentum als Instrument von Machtansprüchen beargwöhnt wurde: der Macht jener westlichen Länder, die gerade damit begonnen hatten, die Länder rings um Japan zu kolonisieren. Ganz zu Recht stellte sich bei den Japanern nun der Verdacht ein, dass die Missionare als Vorhut fremder Herrschaft auftraten. Daraufhin schlug ihre anfängliche Begeisterung für das Fremde über Nacht in eine äußerst grausame Verfolgung der Christen um.
Religion als Herrschaftsinstrument gehorcht der Psycho-Logik der Macht. Sie pocht auf Exklusivität. Diesen Teil der Kultur eines anderen Volkes kann man nicht übernehmen, ohne sich gegen die eigene Obrigkeit aufzulehnen. Denn konkret rechtfertigt der jeweils eigene Gott nicht nur das Gottesgnadentum der eigenen Herrscher, sondern erklärt auch die von diesem sanktionierte Ordnung als unangreifbar. Damit standen Moral und Rechtsordnung anderer Völker notwendig außerhalb des Gottgewollten. Hätte eine religiöse Gemeinschaft ihren Anhängern erlaubt, zu den Göttern der anderen zu beten, wäre das genauso, als würde ein weltlicher Herrscher den eigenen Bauern erlauben, ihre Abgaben statt bei ihm selbst bei den Fürsten jenseits der Grenze zu zahlen. Die Worte des alten Testaments: „Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, spiegeln die Psycho-Logik der Macht ohne alle relativierenden Wenn und Aber. Man kann darin eine exakte Kopie der Worte eines weltlichen Herrschers sehen. „Nur ich und kein anderer außer mir kommt als Empfänger der von dir zu entrichtenden Abgaben in Frage. Solltest du dir trotzdem erlauben, einen anderen Herrn zu wählen, dann hast du in mir einen unnachsichtigen Gegner.“[83]
Hier lässt sich auch die Ursache dafür finden, dass die Zugehörigkeit zu einem Herrn durch Fahneneide, Glaubensbekenntnisse und ähnliche formale Unterwerfungsrituale erbracht werden müssen, nicht durch bestimmte moralische oder andere Inhalte. Das gilt für die weltliche wie für die geistliche Macht. Es liegt in der Psycho-Logik auch der geistlichen Macht, dass sie das Bekenntnis zu Symbolen verlangt, zur Bibel etwa, zum Koran, zum Grantha (dem heiligen Buch der Sikhs) oder zum Stirnzeichen einer Vischnusekte. Diese Symbole repräsentieren die Macht, der sich die Gläubigen unterwerfen sollen – was sich an Inhalten dahinter verbirgt, ist auswechselbar und wurde durch unterschiedliche Deutungen de facto im Laufe der Geschichte so radikal ausgewechselt, dass oft zwischen diesen Inhalten und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen kein erkennbarer Zusammenhang mehr bestand. Der Inhalt hinter den die Herde markierenden Symbolen kam eben nur soweit in Betracht, wie es der Macht genehm war, nicht selten stand er dieser so sehr im Wege, dass man ihn vor den Gläubigen möglichst verbarg. Die Lektüre des Evangeliums etwa war dem Volk bis zu Luther strikt untersagt, und zumindest dessen Interpretation auch nach Luther nur den dazu Bevollmächtigten gestattet. Man wollte Gehorsam – wie ihn Unterwerfungsrituale gegenüber den Symbolen verlangten, nicht eigenes Denken oder gar eigene Überzeugungen, die sich an ihren Inhalten orientierten.
Form gegen Inhalt. Wer einen Maßstab für den Missbrauch von Religion und Kultur im Dienste der Macht finden will, der findet ihn in der jeweiligen Gewichtung des Inhalts. Kommt es darauf an, der Macht gegenüber ein Bekenntnis abzulegen oder geht es darum, eine Weltanschauung, wenn es sein muss, auch gegen die Macht, zu vertreten?
Jedenfalls haben weltliche und geistliche Herren sich stets gemäß dem alttestamentarischen Spruch verhalten. »Ich bin der Herr, dein Gott«. Nie haben sie sich im Geringsten dafür interessiert, ob die Menschen unter einer anderen Regierung oder geistlichen Autorität nicht vielleicht weit glücklicher wären, als sie es unter der ihren waren. Auch die geistliche Macht hat nie danach gefragt, ob nicht manche »Heiden« viel näher am Evangelium lebten, als jene Eroberer, die sich mit Feuer und Schwert an ihre Bekehrung machten. Das war für die Psycho-Logik der Macht eine völlig unerhebliche Frage.
Dabei lassen die historischen Zeugnisse wenig Zweifel daran, dass jene anderen nicht selten die besseren Menschen waren. So galten die Katharer und Albigenser des 12. und 13. Jahrhunderts als besonders gerecht und gottesfürchtig. Viele von ihnen schienen sich wirklich darum zu bemühen, ein Leben nach dem Evangelium zu führen. Doch weit entfernt, darin einen bewundernswerten Vorzug zu erblicken, fühlte sich die herrschende geistliche Macht gerade hierdurch besonders gereizt und herausgefordert. Solche Menschen waren eine Gefahr, da sie die eigene Herde zu spalten und der eigenen Macht damit zu schaden drohten. Die Katharer (d.h. die »Reinen«, wie sie sich selber nannten, um sich von der damals als durch und durch korrupt verschrienen Amtskirche zu unterscheiden) wurden gerade aufgrund ihres exemplarischen Lebens mit besonderer Härte verfolgt. Sünder waren der Kirche stets besonders willkommen, vor allem, wenn sie reuig waren – die Unterwerfung des Reuigen bestätigte und stärkte die eigene Autorität - aber gegenüber dem vorzüglichen Menschen, der ihre Hoheit nicht anerkannte, verfuhr sie gnadenlos. Die damaligen kirchlichen Herren wurden nicht müde, jede Art der Vorzüglichkeit außerhalb ihres eigenen Machtbereichs als besonders tückisches Blendwerk des Teufels zu diffamieren. Aus den Katharern wurden daher im Deutschen die »Ketzer«. Nicht die Frage nach den gelebten Inhalten war der kategorische Imperativ der Macht, sondern die unerbittliche Weisung: »Ich bin der Herr, Dein Gott, Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben«.
Natürlich hat nicht Gott diesen Spruch verkündet. Wir dürfen vermuten, das er das Treiben seiner vielen Stellvertreter bis heute mit ungläubigem Staunen verfolgt. Sie sind es, diese selbsternannten irdischen Stellvertreter und Monopolisten, die für sich die uneingeschränkte Loyalität einfordern und dabei den Andersgläubigen ohne Bedenken verteufeln. Das tat auch noch Luther, als er in wüsten Beschimpfungen den Papst abwechselnd als Papstsau, Papstesel, Rattenkönig, Höllendrachen, stinkenden Madensack etc. titulierte, womit er aber nur fortsetzte, was zwischen Juden, Christen, Mohammedanern verbal von jeher die Regel und jedenfalls immer noch besser war, als wenn sie einander mit Feuer und Schwert überfielen. Nur wir, die das Glück genießen, nach der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu leben, sind derartige Töne nicht länger gewohnt.
Für den klassischen Hinduismus und andere frühe Kulturen ist es bezeichnend, dass die Geltung ihres Glaubens und ihrer Sitten unlösbar an das eigene Land und Volk gebunden bleibt. Daran hielt auch das monotheistische Judentum fest. Palästina gilt bis heute unter Juden genauso als ein heiliger Boden wie die jüdische Religion den Orthodoxen als einzig richtiger Glaube. Die Verquickung von Religion und territorialer Herrschaft, wie sie früher einmal für alle Religionen charakteristisch war, hat sich im Judentum bis auf den heutigen Tag erhalten.
Dagegen haben Christentum und Islam die Heiligkeit und Geltung ihres Glaubens ganz abgelöst von der eines bestimmten Territoriums oder Volkes. Ein Eskimo in Grönland kann ebenso Christ oder Muslim sein wie ein Bantu in Kenia. Der kulturelle Anspruch auf Ausschließlichkeit wurde dadurch zwar einerseits eingeschränkt, aber zugleich auch wesentlich verschärft.
Offensichtlich wurde er eingeschränkt, weil Territorium und ethnische Zugehörigkeit jetzt eben keinen Bestandteil dieser Ausschließlichkeit bilden. Eine Religion mit universalem Geltungsanspruch dient nicht mehr jener ursprünglichen und primitiven Markierung der eigenen Herde, die diese radikal von allen umliegenden unterscheidet. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als wäre die kulturelle Markierung dadurch selbst aufgehoben.
Doch das ist ein Irrtum. Der Anspruch wurde sogar wesentlich verschärft, weil nun an alle Menschen sämtlicher Länder und Kontinente die gebieterische Aufforderung ergeht, den einzig wahren und rechtmäßigen Gott als solchen zu erkennen und anzuerkennen. Hindus, Konfuzianer, Römer und Juden hatten nicht missioniert, weil für sie feststand, dass die Herrschaft ihrer Götter nicht weiter reichte als das eigene Herrschaftsgebiet. Wenn die Götter dennoch über andere Gebiete die Herrschaft erlangten, dann weil ihre Verehrer diese Territorien für sich eroberten oder weil es zu einer friedlichen Osmose kam. Dagegen lief die Loslösung von den territorialen und ethnischen Wurzeln in Christentum und Islam auf ein aggressives Verbreiten der eigenen „Wahrheit“ auf alle übrigen Völker hinaus. Dieser einzige Gott besaß ja jetzt einen Rechtsanspruch auf die Verehrung aller Menschen des Globus, weil seine Anhänger ihn zum einzigen Gott des gesamten Universums erhoben. Alle anderen Menschen und Völker machten sich schuldig, wenn sie ihm seine Anerkennung versagten. Und nun war es „unmöglich, mit Leuten, die man für verdammt hält, in Frieden zu leben; sie lieben hieße Gott hassen, der sie bestraft. Es bleibt keine andere Wahl, als sie zu bekehren oder zu peinigen“, hatte schon Rousseau festgestellt.[84] Und Jakob Burckhardt formulierte es noch drastischer. „Jetzt mit ihrer unendlichen Bekümmernis für die Seele des Einzelnen, lässt die Kirche demselben nur die Wahl zwischen ihrem Dogma (ihren Syllogismen) und dem Scheiterhaufen. Ihre schreckliche Voraussetzung ist, dass der Mensch ein Recht über die Meinungen von seinesgleichen haben müsse.“[85]
Das war eine radikale Wende im Vergleich zur Vergangenheit. Bis dahin hatten Kulturen sich voneinander abgesondert. So wie bei den Nachbarn andere Menschen herrschten, so auch andere Götter. In den anderen Menschen sah man Barbaren, in den anderen Göttern barbarische Nebenbuhler der eigenen Gottheiten. Islam und Christentum hoben diese Absonderung auf. Dadurch erhielten nun alle anderen Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft und Sprache die Chance als gleichwertig und gleichberechtigt zu gelten. Aber sie erhielten sie nur, wenn sie sich dem einzigen Gott unterwarfen und damit seine Hoheit und die mit ihm verbundenen »Wahrheiten« anerkannten. Dagegen verdienten sie die schärfste Verfolgung, sobald sie sich weigerten, dies freiwillig zu tun. Denn dann waren sie, wie in der Vergangenheit, nichts anderes als Barbaren. Mit dem Unterschied allerdings, dass man sie nun überall auf der Welt bekämpfen durfte und sollte. Dem Los, dabei vernichtet zu werden, fielen unter dem Ansturm des Christentums viele schwächere Völker beider Amerikas, Australiens und anderer Teile des Globus zum Opfer. Nur bevölkerungsstarke alte Kulturen wie die der Hindus, Chinesen und des Islam vermochten sich zu behaupten.
Dem Vernichtungsfeldzug gegen die Leugner der »einen und einzigen Wahrheit« hat erst die Säkularisierung der Religion in der Epoche der Aufklärung ein Ende gesetzt. Zumindest innerhalb Europas hat sie die Augen der Menschen für den Missbrauch von Kultur und Religion geöffnet.[86] Doch das war kein Impuls, der aus der organisierten Religion selbst hervorging, sondern eine Wirkung von Wissenschaft und industrieller Revolution. Alles in allem hat die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen sicher mehr Menschenopfer gefordert als die Lüge von der menschlichen Ungleichheit.
Die Ungleichheit der Menschen überhaupt und die der Frau im Besonderen sind etwa gleich alt, und sie haben auch etwa gleich lang bestanden. Die erstere war ganz und gar kulturelles Konstrukt - in der Natur des Menschen ließ sie sich nicht an erkennbaren Merkmalen verankern. Die Ungleichheit der Frau war ebenfalls ein kulturelles Konstrukt, doch gab es in ihrem Fall biologische Merkmale, welche ihr in allen Gesellschaften mit Ausnahme der modernen mehr oder weniger große Nachteile verschafften. In geringerem Umfang war dies wohl schon zur Zeit der Jäger und Sammler der Fall.
Mann und Frau unterscheiden sich in ihrer physischen Konstitution, und diese hat in der bisherigen Geschichte des Menschen nachweislich eine viel größere Rolle gespielt als heute. Unterschiede der physischen Kraft fallen schon bei einigen unserer nächsten tierischen Verwandten ins Auge. So sind etwa die männlichen Savannenpaviane doppelt so groß wie die Weibchen und im Besitz gewaltiger Eckzähne, die den Weibchen fast völlig fehlen. Auch bei den Schimpansen sind die Männchen stärker gebaut. Bei Menschen ist das männliche Geschlecht durchschnittlich nicht nur größer, es besteht auch ein deutlicher Vorsprung an physischer Kraft, der etwa 20 Prozent beträgt. Bei anstrengenden Tätigkeiten, vor allem im Umgang mit Waffen, waren Männer daher eindeutig im Vorteil.
Solange unsere männlichen Vorfahren ihre überlegene Kraft nur im Kampf mit der Beute einsetzten, musste sich dieser Unterschied noch nicht zum Nachteil der Frauen auswirken. Die damals herrschenden ökonomischen Bedingungen begünstigten eher eine höhere Stellung der Frau. Immerhin kamen diese nach heutigem Wissen mit bis zu siebzig Prozent für den Großteil der täglichen Versorgung mit Nahrung auf. Die von unregelmäßigem Erfolg begleitete Jagd der Männer stand in ihrer Bedeutung für das Überleben der Gruppe somit ganz klar hinter dem Beitrag der Frauen zurück. Im Allgemeinen scheint die Frau unter Jägern und Sammlern daher eine gleichberechtigte Stellung eingenommen zu haben.
Allem gegenteiligen Anschein zum Trotz war die Nahrungsversorgung wohl auch leichter als heute. Im Schnitt brauchten Jäger und Sammler für ihr physisches Überleben nicht mehr als zwei bis vier Stunden täglich zu arbeiten, den Rest der Zeit hatten sie Ferien.[87] In dieser Hinsicht zumindest herrschten damals im Vergleich zu heute paradiesische Zustände.
Damit ist allerdings wenig über die Wechselfälle des damaligen Daseins gesagt. Krankheiten, klimatische Umschwünge und Epidemien, aber auch Wanderbewegungen ihrer Beute konnten das Überleben der nomadischen Gruppe auf unberechenbare Weise gefährden. Doch sollte man diese Bedrohungen nicht überbewerten. Auf das Zusammenleben der Menschen dürfte sie sich eher vorteilhaft ausgewirkt haben. Alle Mitglieder der jagenden und sammelnden Verbände hatten ein elementares Interesse an gegenseitiger Verlässlichkeit und bedingungsloser Solidarität. Diese wurden dadurch geradezu in den Rang von Überlebensregeln gehoben. Solidarität war die Grundlage für jenes Prinzip strengen Teilens, welches das Festhalten an persönlichem Besitz zu einem Verstoß gegen den Geist der Gemeinschaft machte. So wenig Mann oder Frau auch heimbringen mochte, dieses Wenige wurde grundsätzlich unter allen Mitgliedern der Gruppe geteilt. Das jedenfalls lässt sich aus den Zeugnissen schließen, die die Ethnologen aus der Beobachtung einiger der letzten steinzeitlich lebenden Völker gewannen. Die bloße Unterscheidung von mein und dein wurde als beleidigend angesehen. Das äußerte sich unter anderem darin, dass sich niemand für die von anderen erhaltenen Gaben bedankte. Mit einem solchen Dank hätte man die Selbstverständlichkeit und Pflicht des Teilens in Zweifel gezogen.[88] Jeder hatte ein Recht darauf, seinen Anteil am Tageserwerb des anderen zu fordern.
Auch die Frage nach einem Vorrang der weiblichen oder männlichen Leistung musste unter diesen Bedingungen als Verstoß gegen den Geist der Gemeinschaft erscheinen. Zwar waren die Männer im Gegensatz zu den Frauen bewaffnet, das ergab ein männliches Übergewicht bei allen ernsthaften Zwistigkeiten. Aber die kleine Gruppe war viel zu sehr auf die freiwillige Zusammenarbeit aller Mitglieder angewiesen, um sich solche Auseinandersetzungen leisten zu können. Zudem waren die Männer regelmäßig auf Jagd und daher vom Lager entfernt; die Gruppe der Frauen konnte ihnen daher mehr oder weniger geschlossen entgegen treten. Von einer Höherbewertung oder gar Herrschaft der Männer über die Frauen konnte unter solchen Umständen ebenso wenig die Rede sein wie umgekehrt von einem Matriarchat, d.h. einer Herrschaft der Frauen über die Männer.
Dieses Bild einer solidarischen Gleichberechtigung und Friedfertigkeit änderte sich erst, wenn Gruppen von Jägern und Sammlern in einer Umwelt mit schwindenden Nahrungsressourcen in Konflikt miteinander gerieten und kriegerische Zusammenstöße unter ihnen häufiger wurden. Für den Krieg war der Mann aufgrund seiner überlegenen Stärke wesentlich besser gerüstet, außerdem wurde er daran weder durch Schwangerschaften noch durch die Aufzucht von Kindern gehindert. Kriegsgefahr und –bereitschaft musste den bewaffneten Männern auf Dauer eine hohe, den Frauen eine entsprechend niedrige Stellung verschaffen.[89] Zwar konnten auch Frauen im Krieg eine hervorragende Rolle spielen, doch mussten sie dann auf sexuellen Verkehr und Kinder verzichten, wie dies beispielsweise für die ungemein kriegstüchtigen weiblichen Leibwächter der Herrscher im früheren afrikanischen Dahomey galt.[90] Aber bei ihnen handelte es sich nicht mehr um Jäger und Sammler. Kleine prähistorische Gruppen konnten sich eine solche Abstinenz ihrer Frauen nicht leisten. Sie hätte das Überleben der Gruppe gefährdet.
Jäger und Sammler haben den Krieg und die ungleiche Stellung der Frau nicht »erfunden«, um ihn dann zur größten Menschheitsplage zu machen, diese Errungenschaft blieb der agrarischen Zeit vorbehalten. Allerdings noch nicht deren Anfängen zwischen 8000 v. Chr. und dem Aufkommen der großen Stadtzivilisationen in Mesopotamien und Ägypten. In dieser Zwischenzeit scheint die Frau in vielen kleineren Gemeinschaften und Siedlungen wie z.B. Çatal Höyük im Gegenteil so geachtet und gut behandelt worden zu sein, wie nicht einmal unter Jägern und Sammlern und bis auf wenige Ausnahmen nie wieder bis gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Es war die Zeit, in der die Jagd für den Nahrungserwerb nur noch eine zweitrangige oder auch gar keine Bedeutung mehr hatte, während der Anbau von Nahrungsmitteln sich noch in den Anfängen befand. Der erzielte Überschuss war noch gering, oft reichte er vermutlich gerade aus, um die Zeit zwischen den Ernten zu überbrücken. Getreidewirtschaft im großen Stil auf der Grundlage einer Bewässerung, die schwere Männerarbeit erforderlich machte, war noch nicht erfunden und ebenso wenig die durchgehende Reglementierung ganzer Gesellschaften von Gottkönigen an ihrer Spitze. Was es bis dahin gab, war überwiegend noch Gartenwirtschaft in kleinem und kleinstem Stil. Genau dies aber war eine Arbeit, die Frauen genauso gut, wenn nicht besser als Männer verrichten konnten, denn damit setzten sie nur jene intensive Beschäftigung mit der Pflanzenwelt fort, die ihnen schon seit ihrer Zeit als Sammlerinnen geläufig war. In dieser Zeit vor dem Aufkommen der großen Stadtzivilisationen haben die unzähligen Muttergottheiten ihren Ursprung. Denn damals symbolisierte die Frau die Fruchtbarkeit der Erde und überhaupt allen Lebens. Sie war es, die durch ihre Arbeit die Früchte, das Obst, die tägliche Nahrung besorgte und das Überleben der Familie und der Gruppe durch die eigene Nachkommenschaft sicherstellte, die physiologische Vaterschaft blieb ja selbst noch im zwanzigsten Jahrhundert bei einigen Stammeskulturen unbekannt.[91] In diesen Kleinstgesellschaften war der Überschuss zu gering, um eine echte Herrenschicht aufkommen zu lassen. Das Leben war durch den Anbau leichter und sicherer geworden als unter Jägern und Sammlern, ohne dass die Agrarwirtschaft schon ihr gefährliches zukünftiges Potential entfaltet hatte.
Dieses idyllische und für die Stellung der Frau für lange Zeit einzigartige Intermezzo fand mit dem Übergang zur kollektiven Bewässerung in der Königszeit seinen Abschluss. Jetzt wurden die göttlichen Könige oder Gottpriester an der Spitze des Staates, die mit Hilfe einer gewaltigen Bürokratie das Leben sämtlicher Untertanen bis ins kleinste Detail reglementierten, zum Prinzip allen Lebens. Die Alpha-Männchen übernahmen die Herrschaft. Und das bedeutete fast überall Krieg. Während Ägypten aufgrund der isolierten Lage des Nildeltas lange Zeit von Kriegen relativ verschont blieb und es den Frauen daher nicht allzu schlecht ging, lebten die Städte Mesopotamiens nahezu dauernd im Kriegszustand. Dieser grundlegende Wandel hat wie kein anderer auf die Stellung der Frau gewirkt. Die allgemeine Ungleichheit des Menschen und die besondere Ungleichheit des weiblichen Geschlechts besitzen einen gemeinsamen Ursprung, und sie haben sich auch etwa gleich lange behauptet. Das Patriarchat und die Unterdrückung der Frau gingen aus der Allgegenwart der Kriege hervor. Sie sind deren unmittelbare und in gewisser Weise auch unumgängliche Folge. Wo dauernder Frieden herrschte, da hatte die Frau eine Chance zur Gleichberechtigung, wo Kriege endemisch waren, hatte sie fast immer einen niedrigen Rang, sehr oft keinen höheren als den eines Sklaven.
Gegenüber dem Waffen tragenden Mann, der seine Macht nun auch und vor allem gegenüber der eigenen Gesellschaft ausspielte, musste ihre Stellung mit der Zeit bedeutungslos werden. Das galt nicht nur für die großen Agrarzivilisationen, wo eine kleine Zahl bewaffneter Männer – die selbsternannten Edlen - eine große Zahl von Landarbeitern beherrschten. In kleinen Stammesgesellschaften wurde die gleiche Wirkung erzielt, wenn die Waffen tragenden Männer als geschlossene Gruppe den Frauen gegenüber als Herren auftraten und sie für sich arbeiten ließen. Weil die Männer das Monopol der Waffen ausübten und den Stamm nach außen verteidigten, fiel es ihnen nicht schwer, ihre physische Überlegenheit auch nach innen zur Geltung zu bringen. Bereits auf den frühesten Stufen der beginnenden Landwirtschaft konnte so eine ausgeprägte Unsymmetrie im Verhältnis der Geschlechter entstehen.
Ein Blick auf die Verhältnisse in Neuguinea illustriert den Zusammenhang von Krieg und Unterdrückung der Frau auf exemplarische Weise. Durchschnittlich fielen dort Jahr für Jahr bis zu einem Viertel der Dorfbewohner feindlichen Beutezügen zum Opfer. Ausschlaggebend für diese Unsicherheit war eine prekäre Nahrungslage. Stets von Hunger bedroht, versuchten die Menschen ihre Not durch Raubzüge ins Territorium ihrer Nachbarn zu mildern. In derart militarisierten Gesellschaften hatte die Frau nichts oder nur wenig zu sagen. Sie war der Willkür der Männer ausgeliefert. Bei einigen Stämmen in Zentralneuguinea wurden Frauen schon hingerichtet oder mussten mit kollektiver Vergewaltigung rechnen, wenn sie, mit oder ohne Absicht, etwas von den »Geheimnissen« aus dem Inneren der Männerhäuser erfuhren. Dies war eine männliche Gegenwelt, eine Herrenwelt, zu der den als minderwertig geltenden Frauen der Zugang aufs strengste verboten war.[92]
Ähnlich prekär war auch die Situation für die Indianer in den Wäldern des Amazonas, z.B. bei den für ihre Gewalttätigkeit berüchtigten Yanomami. Da ihnen das eigene Territorium kaum Nahrung in ausreichender Menge verschaffte, stießen sie auf ihren Beutezügen regelmäßig mit ihren Nachbarn zusammen. Die Niederlage der einen lief dabei auf ein größeres Jagdterritorium für die anderen hinaus und damit auf eine verringerte Zahl konkurrierender Mitjäger und -esser. Da für jedes Dorf aber die gleiche Maxime galt, befanden sich alle Männer in ständiger Anspannung und Kriegsbereitschaft. Verrat selbst gegenüber geladenen Gästen und nach feierlich abgegebenem Gast- oder Bündnis-Versprechen war keine Seltenheit. So lauerte ein gewaltsamer Tod stets hinter den Büschen. Etwa 33% männlicher Todesfälle gingen auf permanente Kampfhandlungen zurück. Krieg war in diesen Gesellschaften ein Dauerzustand.
In einer solchen Atmosphäre der Unsicherheit und Aggression war das Los der Frauen eher noch schlimmer als das von Sklaven. Bei den Yanomami wurden die Frauen regelmäßig von ihren Männern geschlagen - schon äußerlich war das an ihren vielfach vernarbten Körpern erkennbar. Der durchgehenden Militarisierung des Alltagslebens entsprach eine brutale Unterdrückung der Frau.[93]
Wo Krieger herrschten, wurde die Frau im besten Fall zu einem Spielzeug und puppenhaft herausgeputzten Statussymbol, im schlechtesten zu einem rücksichtslos ausgenutzten Arbeitssklaven. Vom Standpunkt des waffentüchtigen Mannes gesehen, war dies ja auch ein durchaus begreiflicher Vorgang. Anders als seine männlichen Kriegskameraden trugen Frauen nichts zur Minderung jener Gefahren bei, denen er selbst sich regelmäßig aussetzen musste. Frauen waren für ihn daher keine vollwertigen und schon gar keine ebenbürtigen Geschöpfe. Mit wenigen Ausnahmen war die Einstellung kämpfender Männer gegenüber der Frau überall gleich: Aus den Reihen der Krieger ging der urtümliche Patriarch und Frauenverächter hervor.
Natürlich brauchte der Krieger die Frauen zu seinem Trost und Zeitvertreib nach der Verrichtung seines blutigen Handwerks, und er brauchte sie zu seiner Bedienung, denn für ihn als Herren kam nur der Kriegsdienst in Frage, die tägliche Arbeit war unter der Würde von Helden. Dafür war eben niemand anders als Frauen und Sklaven zuständig. Mit dieser Haltung vertrug es sich freilich, dass der mächtige und reiche Patriarch seinen eigenen Rang dadurch hervorhob, dass er die Frau oder die Frauen in seinem eigenen Besitz von der Arbeit befreite. Wenn japanische Samurai ihre sonst in jeder Hinsicht unmündigen Frauen als Paradiesvögel kleideten, so demonstrierten sie den eigenen männlichen Kameraden gegenüber ihren Reichtum und ihre hervorragende Stellung. An der Verachtung für die Frauen änderte das nichts. Wenn islamische Herrscher sich mit einem Harem umgaben, so gehörte auch das zu den Vorrechten eines erfolgreichen Kriegers und Herrn. Selbst die demonstrative Verehrung, die europäische Ritter den Frauen der großen Herren – und nur diesen – entgegenbrachten, änderte nichts am bestehenden Machtgefüge, das nur den Männern wirkliche Herrschaft verlieh.[94]
Im Allgemeinen trifft die Beobachtung zu, dass Frauen umso abhängiger und unmündiger waren je kriegerischer die Gesellschaft, in der sie lebten. Das gilt allerdings nicht unbedingt für sämtliche Frauen. Eine extreme Ungleichheit zwischen der herrschenden Schicht und der fronenden Mehrheit kann im Gegenteil dazu führen, dass die Frauen der Herren eine nahezu gleichberechtigte Stellung einnehmen, um sie auf diese Weise deutlich von den Frauen der Unterworfenen zu unterscheiden. So war es beispielsweise in Sparta. Die Frauen des freien Spartaners scheinen sich einer recht hohen Stellung neben ihren Männern erfreut zu haben – weit höher jedenfalls als die Frauen der Athener. Diese Tatsache wird erst dadurch begreiflich, dass nicht einmal der Anschein einer Gemeinsamkeit zwischen dem weiblichen Geschlecht bei Über- und Untermenschen aufkommen durfte. Die günstige Stellung der Herrenfrauen wurde also mit einer rücksichtslosen Erniedrigung der versklavten Frauen erkauft. Krieg und Unterdrückung der Frau dürfen deshalb nicht unabhängig von den jeweils geltenden Bedingungen gleichgesetzt werden, ebenso wenig wie Frieden und eine hohe Stellung der Frau, aber eine solche Beziehung gilt doch in der überwiegenden Zahl aller Fälle.[95]
Ein aufschlussreiches Beispiel bilden die Pueblo-Indianer im nordöstlichen Arizona. Die Hopi hatten sich vor den Angriffen der Navajos und Apachen gegen 500 nach Christus auf das karge und schwer zugängliche Colorado-Plateau im Südosten der späteren Vereinigten Staaten geflüchtet. Seit dieser Zeit führten sie ein von Kriegen weitgehend verschontes Dasein. Waffen, mit denen der Mann seine größere physische Kraft und permanente Einsatzbereitschaft ins Spiel bringen konnte, wurden in diesem für die damalige Zeit weltfernen Rückzugsgebiet praktisch nicht mehr benötigt. Das wirkte sich auf den inneren Frieden in einer weitgehenden Gleichberechtigung beider Geschlechter aus. Frauen besaßen unter anderem das Recht, ihre sexuellen Partner frei wählen zu können. Zumindest am Anfang einer Beziehung unterhielten sie zu diesen ein ziemlich lockeres Verhältnis, was sich unter anderem darin bekundete, dass sie ihren Liebhabern zunächst keinen Zutritt ins Haus der eigenen Blutsfamilie gewährten, wo sie mit ihrer Mutter, ihren Schwestern und ihren Brüdern wohnten. Solange sie kein Kind von ihnen empfangen hatten, wurde sie nicht über die Schwelle gelassen. Der Liebhaber musste seine Nächte mit der Frau vor dem Eingang des Hauses verbringen.[96] Erst mit der Geburt eines Kindes verbesserte sich seine Stellung. Dann konnte sich eine dauerhafte Ehe ergeben oder der sexuelle Partner hatte seine Aufgabe erfüllt und wurde verabschiedet.[97] Ähnlich verhielt es sich mit den Brüdern, die ihrerseits fremde Frauen besuchten und zu diesen nur dann ziehen konnten, wenn die Frauen dazu nach der Geburt von Kindern ihre Einwilligung erteilten. Ein Mann konnte also in seiner eigenen Blutsfamilie wohnen oder zur Familie der Frau übersiedeln. Für die Frauen ergab sich daraus der Vorteil, dass sie sich mit ziemlicher Freiheit zwischen zwei männlichen Bezugspersonen bewegten - ihren Brüdern auf der einen und ihren Geliebten oder Ehepartnern auf der anderen Seite. Die dadurch beiden gegenüber gewonnene Selbstständigkeit verschaffte ihnen eine günstige Stellung. Sie mussten sich weder den einen noch den anderen unterwerfen.
In der Ackerbau treibenden Stammeskultur der Hopi herrschte Frieden und eine weitgehende Gleichberechtigung der Geschlechter. Dennoch war dies kein Matriarchat.[98] Ein leichtes Übergewicht der Männer bekundete sich in der Tatsache, dass nur sie die wichtigsten administrativen Posten besetzen konnten. Doch galt das bei ihnen keineswegs als ein beneidetes Privileg. Die egalitären Hopis sahen in solchen Aufgaben weniger einen Vorzug als eine beschwerliche Last, da mit solchen Posten vielfältige Verpflichtungen verbunden waren. Aufgrund ihres Misstrauens und ihrer Ablehnung von Macht, werden die Hopis als herrschaftsfreie Gesellschaft bezeichnet[99] – eine der ganz wenigen, die es nach der neolithischen Revolution und dem Beginn der Landwirtschaft geben sollte. Weder regierte eine Minderheit von Männern über eine hörige Mehrheit anderer Männer noch wurden die Frauen von den Männern in Abhängigkeit gehalten.
»Kriegsarbeit«, die nach der neolitischen Revolution ins Zentrum menschlichen Daseins rückte, liefert die vorrangige Ursache für die von da an so niedrige Stellung der Frau. Doch nicht die einzige. Ebenso wichtig ist jene Alltagsarbeit, auf der das Überleben einer Gesellschaft beruht. Auch hier vermochte die größere physische Stärke dem Mann entscheidende Vorteile zu verschaffen, z. B. in der Feldarbeit und beim Fischen. Schon bei Jägern und Sammlern kam dieser Vorteil unter bestimmten Bedingungen zum Tragen. Als Sammlerin, die bis zu 70 Prozent der täglichen Nahrung beschaffte, konnte die Frau sich eine gleichberechtigte Stellung verschaffen. Doch manche Gesellschaften lebten in einer Umwelt, in der es nichts zu sammeln gab, zum Beispiel die Eskimos. Ihre Umgebung bestand überwiegend aus Schnee und Eis. Dort kamen nur die Männer mit ihrer anstrengenden und oft gefährlichen Jagdtätigkeit für die tägliche Nahrung auf. Entsprechend niedrig war die Stellung der Frau.[100]
Ähnlich stark machten sich die Unterschiede des Nahrungserwerbs in den agrarischen Hochkulturen, z.B. in Indien, geltend. In dessen nördlicher Hälfte mit Ausnahme von Bengalen herrscht der Anbau von Weizen vor, in Südindien die Reiskultur. Um Weizenfelder zu pflügen, müssen Ochsen vor den Pflug gespannt werden – auf den ausgetrockneten und daher oft sehr harten Böden Nordindiens ist das eine Kräfte zehrende Arbeit, der nur Männer auf Dauer gewachsen sind. Anders der Reisanbau im Süden des Subkontinents. Hier werden Büffel als Arbeitstiere verwendet, und zwar nur zu dem Zweck, um die Nassfelder weich zu treten. Das ist eine wenig anstrengende Arbeit, da sich die Tiere dabei am Nasenring führen lassen. Diese Arbeit können Frauen so gut wie Männer verrichten. Für die Bevölkerungsmehrheit stellen diese Unterschiede eine grundlegende Determinante dar. Es ist nicht überraschend, dass die soziale Stellung der Frau in Südindien merklich höher ist als im indischen Norden, wo sich das Patriarchat seit mehr als zweitausend Jahren in aller Strenge zu behaupten vermochte.
Auch in Europa gingen neunzig Prozent der Bevölkerung bis zum Beginn der industriellen Revolution einer landwirtschaftlichen Tätigkeit nach. Wie im nördlichen Indien setzte die Arbeit am Pflug einen Einsatz an physischer Kraft voraus, den Frauen nur unter größter Mühe zustande brachten. Der Mann hatte daher nicht nur im Kriegshandwerk eine beherrschende Stellung sondern ebenso auch in der alltäglichen Arbeit. Das erklärt, warum sich das Bauerntum in Europa bis zum Beginn der mechanisierten Landwirtschaft als Bollwerk des Patriarchats präsentiert.[101]
Dennoch musste der Übergang von der Stufe der Jäger und Sammler zur agrarischen Lebensform den Frauen nicht zwangsläufig eine gedrückte Stellung bescheren. Unter bestimmten Bedingungen war sogar eine Verbesserung ihres Status möglich, und zwar galt dies vor allem im Hack- und Gartenbau tropischer und subtropischer Gebiete, wo der Boden so leicht zu bearbeiten war, dass man ohne schwere Pflüge auskommen konnte. Solche Verhältnisse bestanden in einer breiten Zone Äquatorialafrikas, die sich von Zaire bis Tansania erstreckt und als »matrilinearer Gürtel« bezeichnet wird. Die hier betriebene Landwirtschaft war zwar wenig ergiebig, der Hackbau konnte jedoch mit leichtem Gerät von Frauen betrieben werden. Diese arbeiteten dann in Gruppen auf den Feldern und im Dorfe zusammen. Sie waren gleich gut aufeinander eingespielt wie Männer es in gut organisierten Kriegergemeinschaften sind. Selbst durch eine Ehe ließen sich die durch gemeinsames Arbeiten verbundenen Frauen nicht auseinander reißen. Das hatte einerseits zur Folge, dass eine Vererbung von Namen und Besitz über die Frau aufrechterhalten wurde (Matrilinearität) und führte andererseits dazu, dass die Männer im Fall einer Heirat zum Wohnsitz der Frauen wechseln mussten (Matrilokalität).[102]
Auch in anderen Teilen der Welt hat der Garten- und Hackbau die Frauen begünstigt, so auf den pazifischen Inseln Trobriand oder Samoa.[103] Gärten brauchten nicht mit schwerem Gerät bewirtschaftet zu werden, vor die man dann große Zugtiere spannte; die Feldarbeit bestand lediglich aus Pflanzen, Jäten und Auflockern der Bodens mit Hilfe von spitzen Stöcken. All dies waren Arbeiten, bei denen die größere Stärke dem Mann keine wesentlichen Vorteile verschaffte. So galt die Arbeit der Frau gleich viel oder sogar mehr als die eines Mannes, und Frauen waren von Männern ökonomisch unabhängig. In Fällen wie diesen liegt der Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Beitrag der Frau und ihrer sozialen Stellung klar auf der Hand.
Abgesehen von der physischen Stärke scheint es nach heutigem Kenntnisstand keine biologisch begründeten Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu geben, die die Annahme einer Überlegenheit des einen Geschlechts über das andere rechtfertigen würden. Die Unterwerfung der Frau ließ sich deshalb nur mit Unterschieden begründen, die man künstlich erzeugte. Anders gesagt, diese Unterschiede beruhten auf Lüge.
Lügen aber können, wie wir inzwischen wissen, die ganze Übermacht und scheinbar unwiderlegliche Evidenz von Tatsachen annehmen. Diese Tatsachen fallen uns in allen großen Agrarzivilisationen ins Auge. Ein außerirdischer Beobachter, der zum Studium der sozialen Verhältnisse auf unseren Globus geschickt worden wäre, hätte nahezu überall dieselbe Beobachtung machen können: Im Vergleich mit den Männern war die Mehrzahl der Frauen tatsächlich unwissend, ungebildet und wenig selbstbewusst. Selten stammten neue und interessante Gedanken von ihnen. Wurden politische Entscheidungen gefällt oder Städte und Dörfer gegründet, Bauwerke geplant und errichtet, gingen solche Initiativen nur selten von Frauen aus. Selbst in den Familien besaßen sie oft keinerlei Mitspracherecht, alle wichtigen Fragen wurden von den Männern entschieden. Diese konnten sich in vielen Hochkulturen mühelos von ihnen trennen und sie durch andere Frauen ersetzen. Aber es war überaus selten, dass Frauen umgekehrt das Recht besaßen, ihre Männer auszuwechseln. Männer erlaubten sich, ihre Frauen so wie ihren übrigen Besitz unter Bewachung zu stellen, manchmal hielten sie sich eine Anzahl von Frauen in einem Harem - der umgekehrte Fall war nirgendwo zu beobachten.
Ausgeschickt, um die Zustände auf Gaia wissenschaftlich zu erkunden, hätte ein außerirdischer Beobachter seine Erhebungen nur mit dem Fazit beschließen können, dass die menschliche Gesellschaft aus zwei sehr ungleichen Teilen bestehe. Die eine, repräsentiert durch ihren männliche Hälfte, übe die Herrschaft aus und lasse alle Anzeichen einer körperlichen wie geistigen Überlegenheit erkennen; die andere, die weibliche Hälfte, erscheine in vieler Hinsicht minderwertig und befinde sich daher auch in einer dienenden Stellung.
Dieser Beschreibung hätte man keinen Mangel an Objektivität vorwerfen können, jeder andere kurzfristige Besucher des Globus wäre zu denselben Schlüssen gelangt. Die Aussagen waren objektiv richtig und dennoch als Ergebnisse einer »wissenschaftlichen« Analyse grundlegend falsch. Denn es war dem Besucher entgangen, dass er eine artifizielle Wahrheit beschrieb. Die von ihm beobachteten Unterschiede zwischen Männern und Frauen waren ein Ergebnis kultureller Deformation. Es waren gemachte Unterschiede, keine natürlichen. Der Besucher konnte nicht ahnen, dass die Frauen nur deshalb ungebildet, unwissend, gesellschaftlich ohnmächtig waren, weil dies dem Interesse einer Männergesellschaft entsprach, die sie so und nicht anders haben wollte.
Die Wirkungen dieser Unterdrückung waren umfassend. Die gewollte Ungleichheit des weiblichen Teils der Gesellschaft bewirkte an den Frauen die gleichen Verformungen wie an Dienern und Sklaven. Sklaven benahmen sich in der Regel so wie es von ihnen erwartet wurde – alles andere hätte als gefährliche Herausforderung und Provokation gewirkt. Und Frauen waren meist so unwissend und ungebildet, wie man sie einschätzte. Die Herren wollten und brauchten den ungleichen und unfreien Menschen und sorgten für seine oft Jahrhunderte währende Zurichtung. Sie haben die Frau und den dienenden Menschen erst zu dem gemacht, was sie waren.
Wie bedeutend und unerlässlich die Rolle der Ideologie bei der Erzeugung des unfreien Menschen war, davon ist hier schon ausführlich die Rede gewesen. Aber auch bei der Unterwerfung der Frau spielen die Einflüsterungen der Ideologie eine entscheidende Rolle. Wieder ist es vor allem der Missbrauch der Religion, der hier an vorderster Stelle steht.
Die Herstellung menschlicher Ungleichheit lag in den Händen der bewaffneten Macht, ihre Begründung aber in den Händen der Priester. Die Ideologie, welche die Minderwertigkeit der Frau begründete und sie festschrieb, wurde gleichfalls von Priestern geschaffen, und zwar im Interesse der weltlichen Macht ebenso wie in ihrem eigenen.
Die Haltung der Priester zur Frau fällt dabei ganz besonders ins Auge. Im Gegensatz zu Kriegern oder im Ackerbau beschäftigten Bauern, die ihre physische Überlegenheit unmittelbar ins Spiel bringen konnten, gab es keinen unmittelbar begreiflichen ökonomisch-sozialen Grund, warum der geistliche Mann der Frau überlegen sein sollte. Jeder vermochte einzusehen, dass Frauen im Schwertkampf unterlegen und dass sie für die schwere Arbeit des Pflügens weniger gut als Männer geeignet waren. Aber es war durchaus nicht ohne weiteres zu verstehen, warum sie einen heiligen Text nicht genauso gut deuten und eine Messe ebenso gut lesen könnten wie Männer. Die physische Überlegenheit eines Mannes – der einzige objektive Unterschied zwischen den Geschlechtern – war auf diesem Gebiet offenkundig ohne Belang.
Umso unabweisbarer stellt sich daher die Frage, warum gerade Priester die Überlegenheit des Mannes über die Frau mit allen Mitteln des sophistischen Arguments zum Dogma erhoben haben und zum Teil auch heute noch mit äußerster Zähigkeit auf dieser Fiktion beharren.
Die Frage drängt sich schon deshalb auf, weil die Entfernung der Frau aus religiösen Funktionen eine späte Entwicklung ist. Bei Jägern und Sammlern und noch in vielen frühen Stammesgesellschaften übten Frauen und Männer, wenn nicht immer die gleichen so doch religiöse Aufgaben von gleicher Bedeutung aus. Überall in der Welt finden wir die Frau in der Rolle der Schamanin, der Magierin, des Orakels und endlich der Priesterin. Offenbar brachten sie nach der Vorstellung damaliger Menschen für den Umgang mit übernatürlichen Mächten und für die Vermittlung zwischen Menschen und Geistern gleich gute Voraussetzungen mit.[104]
Erst bei den Viehzüchtern mussten Frauen auf diesem Gebiet in Nachteil geraten, weil Tätigkeiten wie das Schlachtopfer von Stieren oder ausgewachsenen Rindern die Kraft starker Männer erforderten. Doch derartige Rituale verloren auf den höheren Stufen der Zivilisation ihre Bedeutung. Im Großen und Ganzen waren Frauen den objektiven Anforderungen des geistlichen Standes gleich gut wie Männer gewachsen.
Dennoch ist es ein Faktum, dass Priester in fast allen agrarischen Hochzivilisationen den größten Scharfsinn darauf verwandten, die faktische Entrechtung der Frau, wie sie aus der physischen Übermacht der Krieger hervorging, mit den Waffen des Geistes nachträglich zu begründen. Erst die Priester haben es fertig gebracht, der rohen, aber sprachlosen Gewalt des Kriegers mit Hilfe des Worts zu einer die Jahrhunderte überdauernden Geltung zu verhelfen. Erst sie haben, um Michel Foucault zu paraphrasieren, der physischen Macht den Machtdiskurs nachgeliefert. Es waren von Männern gemachte heilige Texte, die unter Verwendung der verschiedensten Fabeln und Mythen die Minderwertigkeit der Frau begründeten, ableiteten und als sakrosankt für die Zukunft verewigten. Einmal entstand die Frau aus einer männlichen Rippe, war also nicht mehr als ein Abfallprodukt, das andere Mal wurde sie, wie bei Manu (dem mythischen Autor einer der einflussreichsten Texte des Hinduismus) als ein im Vergleich zum Mann moralisch anrüchiges Wesen beschrieben. „Es liegt in der Natur der Frau, dass sie die Männer verdirbt… Das Bett und der Sessel sowie Lust, Zorn, Unehrlichkeit, Böswilligkeit und schlechtes Benehmen – das ist die Natur der Frau“.[105]
Stets war dieses Urteil über die Frau von der mehr oder minder bewussten Angst des Mannes und gerade des Priesters vor der Frau als Versucherin gefärbt und daraus bezog es auch seinen charakteristischen Beigeschmack von Hass und Faszination. Das war im hinduistischen Indien nicht anders als im konfuzianischen China oder im christlichen Abendland.
Hinduistische und christliche Priester haben es bei der Verteufelung der Frau schlimmer als andere Hochkulturen getrieben. Kein geschichtliches Zeugnis beweist so sehr die Macht, welche die Frau trotz ihrer gedemütigten Stellung über den Mann auszuüben vermochte wie die Besessenheit des geistlichen Standes von Sexualphantasien. Hier wird auch ein deutlicher Unterschied zwischen Kriegern und Priestern sichtbar. Durch ihr tätiges Leben und die damit verbundenen täglichen Gefahren waren die Männer des Schwerts in der Regel derart in Anspruch genommen, dass für sexuelle Obsessionen wenig Zeit und Platz übrig blieben. Aber die Priester brauchten keinen Kampf um ihr Überleben zu führen, meist lebten sie eine materiell abgesicherte und gefahrlose Existenz. Wie alle von der Mühsal der Daseinsfürsorge befreiten Menschen wurden sie daher viel weniger von realen, umso heftiger dagegen von allen möglichen imaginären Gefahren geplagt. Und diese pflegten sich in ihren Köpfen vorzugsweise in weiblichen Formen zu manifestieren.
Typisch sind die inneren Kämpfe des heiligen Hieronymus (Ende des vierten Jahrhunderts), den selbst die Abgeschiedenheit der Wüste nicht vor lüsternen Phantasien bewahrte. „Da ich in der Wüste war, in der großen Einsamkeit, welche den Mönchen eine fürchterliche Wohnung ist, von den Strahlen der Sonne ausgebrannt, da dünkte mir, ich wäre zu Rom in aller Lust und Freuden…Ob ich nun gleich ein Geselle war der Skorpionen und ein Genosse der wilden Tiere, so war ich im Geiste doch oft in dem Reigen schöner Jungfrauen, und in dem kalten Leib und in dem halbtoten Fleisch tobte noch das Feuer sündlicher Begier“.[106]
Verzweifelt über die Unmöglichkeit, ihre biologische Natur per Dekret abzuschaffen, griffen manche Priester und Mönche – so der griechische Theologe Origenes (185-254) – zu dem äußersten Mittel der Selbstentmannung. So hofften sie sich von der Obsession durch die Frau zu befreien – in Wahrheit natürlich von der Besessenheit durch die eigenen Triebe.
Indien, das Land des religiösen Virtuosentums, ging auch hier allen anderen voran - in der äußersten Verfeinerung des religiösen Erlebens und in der grellen Übertreibung des Irrsinns. Ein Yogin hatte nichts mehr zu fürchten als die sexuellen Lockungen einer Frau. Die klassischen Texte sind voll von Erzählungen, in denen ein Asket zunächst ungeheure Macht über Menschen und Dinge erwirbt, so sehr, dass er sogar die Götter durch seine spirituelle Kraft in Bedrängnis bringt. Aber auf dem Höhepunkt seiner gewaltigen Energieentfaltung naht ihm dann eine himmlische Apsara (oft von einem missgünstigen Gott absichtlich zur Zähmung des Asketen auf die Erde geschickt). Gelingt es dieser, mit ihren vollendeten Reizen den frommen Mann zu verführen, verliert er auf der Stelle seine ganze magisch-spirituelle Kraft – in typischer Übertreibung sprechen die Texte gern von einem in Tausenden von Jahren akkumulierten Energiereservoir (Tapas). Ohnmächtig sinkt der besiegte Asket zusammen, auf einmal ist er so kraftlos wie jeder andere Sterbliche.
Diese Texte sind psychologisch höchst aufschlussreich. Auf exemplarische Art enthüllen sie die ihnen zugrunde liegende Fiktion, nämlich wie der Mann sich sein Verhältnis zur Frau vorstellte. In dieser Deutung erscheint er sich selbst als der Heilige, der sein zurückgehaltenes Sperma in reine, strahlende Energie veredelt. Die Frau dagegen tritt ihm als Dirne entgegen. Sie verschafft ihm für einen Augenblick höchste Lust, jedoch um den Preis, dass er einen viel größeren Gewinn dabei einbüßt - seine spirituelle Kraft und seine Aussichten auf Erlösung.
Natürlich hat religiöses Denken an sich mit diesen Fiktionen gar nichts zu tun. Doch die Vertreter der Religion als eines institutionellen Machtapparats waren eben nicht nur Menschen, die sich mit dem Rätsel menschlichen Daseins befassten, sondern sie bildeten Gruppen mit bestimmten materiellen Interessen und Machtansprüchen. Ähnlich wie die weltlichen Herrscher handelten auch sie mehr oder weniger als Marionetten solcher Interessen.
Nur so wird begreiflich, dass sich unter dem Zepter der katholischen Kirche eine im Wesentlichen ähnliche Bewertung und Einstellung gegenüber der Frau wie im weit entfernten Indien herausbilden konnte. Es mag respektlos klingen, aber die Behauptung scheint keineswegs unbegründet, dass der weibliche Unterleib auch heute noch ein Hauptthema geistlicher oder von Geistlichen angeregten Diskussionen bildet. Keine anderen Fragen werden mit solchem Einsatz und solcher Bitterkeit öffentlich ausgetragen wie solche der Abtreibung, der Pille und heute auch schon wieder des vorehelichen oder außerehelichen Geschlechtsverkehrs. In einigen Ländern - nicht nur katholischen - werden ihretwegen Bomben geworfen, obwohl sie weder im Neuen Testament noch in anderen heiligen Büchern zum Kern der religiösen Offenbarung gehören. Das Machtinteresse – im Gegensatz zur Liebe, von der die Bibel spricht – ist unübersehbar. Nur zu gut ist den Verantwortlichen bewusst, dass sie mit dem schlechten Gewissen, das sie gerade in diesem intimen Bereich in den Betroffenen auslösen können, über ein hervorragendes Herrschaftsmittel verfügen.
Die Fixierung auf die Sexualität der Frau und die Tendenz, in ihr als sexuellem Wesen den Ursprung des Bösen zu lokalisieren, hatte beim Priester tiefer liegende Wurzeln als unter Kriegern. Diese sahen in der Frau nur die Verkörperung von Abhängigkeit und wehrloser Hilflosigkeit, d.h. sie betonten den niederen Rang der Frau. Krieger wären nicht auf den Gedanken verfallen, sich vor Frauen zu fürchten. Ihre eigene Überlegenheit ging aus dem Gebrauch und dem Monopol der Waffen hervor und verstand sich daher von selbst. Krieger konnten deshalb, ohne dabei auch nur ein Quäntchen an eigener Überlegenheit aufzuopfern, die Frau als ein besonderes Wesen verehren, wie sie es etwa zur Zeit der Troubadoure auch taten. Der unangefochten Starke kann es sich leisten, gegenüber Schwachen, die keine Konkurrenz zu ihm bilden, voller Großmut oder als Kavalier aufzutreten.
Dagegen konnte der Priester gegenüber der Frau keine natürliche Überlegenheit geltend machen – er musste diese deshalb erst konstruieren. Gerade weil Priester keinen realen Grund angeben konnten, warum Frauen ihnen unterlegen sein sollten, sind es vor allem Priester gewesen (und sind es teilweise noch heute), welche angeblich unüberwindbare Unterschiede zwischen Mann und Frau postulierten. Die Psycho-Logik der Macht musste in ihrem Fall eine besondere Radikalität der Aussagen bewirken, denn jede offenkundige Fiktion oder Lüge radikalisiert ihren Urheber. Selbst Thomas von Aquin bildet keine Ausnahme in der langen Reihe von Kirchenvätern, die sich als Schmäher der Frau einen Namen machten. “Was ihre besondere Natur betrifft, so sind Weiber mangelhaft und Missgeburten. Denn die schöpferische Kraft des männlichen Samens strebt im männlichen Geschlecht nach vollkommener Ebenbildlichkeit, während die Zeugung einer Frau auf einem Mangel dieser schöpferischen Kraft beruht” (Summa Theologica).[107] Aber schon tausend Jahre zuvor hatte der heilige Chrysostomos (ca. 347-407), Bischof von Konstantinopel, die Einstellung des geistlichen Standes zur Frau thematisiert. “Welchen Nutzen bringt dem Mann eine Heirat? Was ist denn eine Frau anderes als ein Feind aller Freundschaft, eine unentrinnbare Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, zu Haus eine Gefahr, ein verlockendes Übel, ein Fehler der Natur, der in herrlichen Farben erscheint?“[108] Obwohl reine Hirngespinste oder gerade deshalb, wurden derartige Aussagen von Christen nahezu zweitausend Jahre mit fanatischem Nachdruck und absoluter Selbstgewissheit vertreten.
Aber keinesfalls nur von Christen. In der Analyse der tiefer liegenden Motive wird die seltsame Übereinstimmung in der Haltung zur Frau verständlich, welche zwischen hinduistischen Priestern, islamischen Mullahs und christlichen Geistlichen besteht, also den Vertretern von Religionen, die einander in jeder anderen Hinsicht misstrauisch, wenn nicht feindselig gegenüberstehen. Warum Priester noch mehr als die weltliche Macht ihren Abstand von den Frauen betonen mussten, wird erst angesichts ihrer Stellung verständlich. Weil sie nicht mit Waffen umgehen konnten und durften, wurden Priester ja meist von Kriegern mehr oder weniger offen verachtet. Ein Mann, dessen Macht auf dem Schwert beruhte, hatte für den Bücher lesenden und schreibenden Geistlichen meist nur Spott und Herablassung übrig. Er brauchte die Priester, aber er verachtete sie. Für ihn waren sie keine vollwertigen Männer, sondern gehörten eher zum schwachen Teil der Gesellschaft, d.h. zu den Frauen. Aufgrund dieser Geringschätzung hatten Priester daher Grund, sich selbst als »Eunuchen für das Himmelreich« zu sehen, wie die rebellische Katholikin Uta Ranke-Heinemann es so plastisch formulierte.
Psychologisch ist dieser Umstand entscheidend. In der gefährlichen Nähe zum schwachen Teil der Gesellschaft lag wohl der hauptsächliche Grund, warum es so viel wichtiger für Priester als für Krieger sein musste, sich von der Frau abzugrenzen. Da der Unterschied zu den Frauen in ihrem Fall mit körperlicher Überlegenheit nicht zu rechtfertigen war, haben Priester unter dem Deckmantel der Religion in sämtlichen patriarchalisch geprägten Zivilisationen alles daran gesetzt, die Frau in geistiger Hinsicht zu schmälern und verächtlich zu machen. Gerade weil die physische Unterlegenheit der Frau im Zusammenhang mit den Tätigkeiten der Priester ohne Bedeutung war, mussten diese eine andere Art der Unterlegenheit finden – eben die geistige, die sie denn auch mit aller Unnachsichtigkeit in ihren Texten und Dogmen verankerten.
So erklärt sich, dass die starrsinnigsten Dogmatiker und unerbittlichsten Gegner einer wirklichen Gleichstellung der Frau unter Priestern zu finden waren. Unter ihnen begegnen wir durch die Jahrhunderte den größten Meistern einer Frauen verachtenden Dialektik, sie haben die spitzfindigsten Argumente zur Rechtfertigung weiblicher Ungleichstellung entwickelt.
Doch wenn der Mensch zu den Mitteln der Lüge greift, stoßen wir, wie versteckt auch immer, stets auch auf das schlechte Gewissen. Wir sahen schon, wie es sich gegenüber der Unterdrückung der Massen Geltung verschaffte, nämlich in der Vorstellung ihrer künftigen oder jenseitigen Belohnung. Auch die Frauen wurden mit derartigen Fiktionen belohnt und vertröstet. Die Ungleichen und Unfreien sollten im Himmel die Chance erhalten, über ihre einstigen Peiniger zu triumphieren, der Frau gab man immerhin schon im Diesseits die Chance, zu einer Heiligen zu werden. Voraussetzung dafür war allerdings, dass sie etwas Unmögliches leistete. Sie musste ihrer grundlegend verderbten Natur als Frau eine Absage erteilen. Anders gesagt, sie musste sich in ein auf der Erde nicht existierendes Wesen verwandeln.
Wenn ihr dies glückte, dann war sie nicht länger ein dem Mann unterworfenes, von ihm ausgenutztes, physisch und geistig minderwertiges Geschöpf, sondern konnte sich sogar weit über den Mann erheben. Sie wurde zu einem übernatürlichen, verehrungswürdigen Wesen. Die Frau als real existierende Person wurde erniedrigt, die Frau als biologisch unmögliches Wesen wurde verklärt. Die abgöttische Verehrung der Jungfrau Maria bildete die Kehrseite der realen Erniedrigung. Man sagte den Frauen – wohl wissend, dass dies eine Forderung gegen die Biologie des Menschen war und daher unerfüllbar: „Gebt eure Natur als Frauen auf, werdet geschlechtslose Jungfrauen, die durch den Geist befruchtet werden, dann seid ihr mehr als wir Männer, dann könnt ihr himmlische Engel werden.“
Wie so oft, umgab sich die Lüge mit dem Glanz einer geheuchelten Verehrung. Denn die eigentlichen Motive für die Abwertung der Frau durften ja nicht als solche bloß gelegt werden. Die Priester konnten und durften nicht offen bekennen, dass ihre Vorurteile durch die Furcht vor der Konkurrenz der Frau, die Furcht vor der sexuellen Versuchung und die noch größere Furcht verursacht waren, von der weltlichen Macht mit den Frauen verwechselt zu werden. Statt dessen verdeckten sie die wahren Motive durch scheinbar objektive Analysen über die natürlichen Mängel der Frau, sprachen sich aber gleichzeitig von allen bösen Absichten frei, indem sie die Frau als unwirkliches, inexistentes Wesen, eben als asexuelles Geschöpf, auf den höchsten Podest erhoben.
Die Erhebung und Verklärung der Frau zu einem abiologischen Wesen war freilich nicht die einzige Art, in der man die Lüge entschärfen konnte. Eine andere Möglichkeit lag auch hier in der Vertröstung auf eine höhere Stellung im Jenseits. Schon der heilige Hieronymus hatte den Gedanken geäußert, dass die Frau erst vollwertiger Mensch werden könne, wenn sie sich ihrer besonderen geschlechtlichen Funktionen entledigt, also zunächst einmal Mann wird.[109] Der seltsame Gedanke, dass Frauen erst das Geschlecht wechseln müssen, um den Makel ihrer Geburt zu verlieren, wurde ebenso auch in Indien entwickelt. Das braucht uns nicht sonderlich zu verwundern. Ähnliche Motive bringen eben auch ähnliche geistige Verirrungen hervor. Um bei der Wiedergeburt in höhere Existenzformen aufzurücken, musste sich eine Frau nach orthodoxer hinduistischer Lehre zunächst einmal als Mann reinkarnieren.[110] Wer schon Mann war, durfte Gott dafür danken, wie es die orthodoxen und konservativen Juden noch heute in ihren Gebeten tun. „Gesegnet seiest Du, Herr, dass Du mich nicht als Heiden erschufst, nicht als Frau und nicht als Sklaven.“[111]
Dem ursprünglichen Christentum waren derartige Vorstellungen fremd. Die frühen Christen hatten sich noch genötigt gesehen, Rücksicht auf die relativ hohe Stellung der Frau unter den Antoninen (zweites nachchristliches Jahrhundert) zu nehmen. Sie konnten Frauen daher auch nicht so ohne weiteres aus geistlichen Tätigkeiten verbannen. Erst der Nieder- und der dann folgende Untergang des römischen Reichs brachte dem weiblichen Teil der Gesellschaft eine stete Verschlechterung seiner Lage. Mit der Einführung des Pflichtzölibats im 12. Jahrhundert unter Papst Innozenz II. wurden Frauen dann endgültig an den Rand der geistlichen Gemeinschaft gedrängt. Das war eine Entwicklung, die sich offen hinwegsetzte über Buchstaben und Geist des Evangeliums Christi. In den Apostelgeschichten ist keine Rede davon, dass Jesus Frauen als minderwertige Geschöpfe beurteilt hätte. Vielmehr erstaunt, dass er nicht einmal in Prostituierten verworfene Frauen sah. Es fallen die Bemerkungen ins Auge, mit denen er selbst diesen Frauen mehr Chancen für das Himmelreich gab als den ihn umgebenden israelischen Schriftgelehrten, die immerhin zur höchsten Schicht der damaligen Gesellschaft gehörten.
Die Herrschaft des Mannes über die Frau ist nicht aus der christlichen Religion hervorgegangen, wie diese uns an ihrem Ursprung, im Neuen Testament, begegnet. Als Vorrang des Waffen tragenden Mannes war sie eine Schöpfung der bewaffneten weltlichen Macht – der Krieger. Aber das Patriarchat als geistige Realität war eine Schöpfung der schrift- und wortgewaltigen Priester, die sich zu einer Machtelite neben den Herren des Schwertes formierten. Erst als eine in der Priesterliteratur verankerte geistige Realität wurde das Patriarchat so mächtig, dass die kulturelle Fiktion von männlichem Vorrang und weiblicher Unterlegenheit als unbezweifelbares Wissen akzeptiert worden ist – nicht zuletzt auch von seinen Opfern. Bis ins neunzehnte Jahrhundert haben sich die meisten Frauen bereitwillig dem Bild unterworfen und angepasst, das sich die Männer von ihnen machten.
Patriarchat oder Männerherrschaft bedeutet im Wesentlichen den Besitz der Frau durch den Mann. In der indischen Witwenverbrennung und dem chinesischen Selbsttod der Witwen hat dieses Besitzdenken bis ins neunzehnte Jahrhundert eine Ausprägung gefunden, die in unserer Zeit nur ungläubiges Erstaunen und entrüstetes Kopfschütteln erzeugt. Starb der Mann, so hatte die Frau ihm willig in den Tod zu folgen. Denn als sein Eigentum besaß sie kein Recht auf ein von ihm unabhängiges Leben. In keiner Handlung des Mannes drückt sich seine Verfügung über die Frau mit größerer symbolischer Kraft aus als in den Scheiterhaufen, auf denen die Satis (Sanskrit: die »guten Frauen«) ihr Leben qualvoll beenden mussten.[112]
Aber wir sollten uns nicht zu sehr über frühere chinesische und indische Zustände erfeiern. Der Einfluss der Macht auf das Denken hat überall, auch bei uns, zu ähnlichen Exzessen, manchmal sogar zu noch schlimmeren geführt. Schätzungen über die Zahl der in den Hexenverfolgungen Mitteleuropas ermordeten Frauen bewegen sich zwischen zweihunderttausend bis zu zwei Millionen – vermutlich sind das weit mehr Frauen als in derselben Zeit in Indien auf Scheiterhaufen verbrannten oder in China zum Selbstmord gezwungen wurden.[113]
Das Schicksal der Frau zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert verdient im Zusammenhang mit ihrer allgemeinen Erniedrigung besondere Beachtung. Selten wurde die Verformung des Denkens durch das Dazwischentreten der Macht so grell illustriert. Man machte Frauen zu teuflischen Wesen, weil diese Umwandlung den Bedürfnissen der Mächtigen gehorchte.
Zunächst sollte man allerdings bedenken, dass es bei der Verfolgung der Hexen nicht in erster Linie um einen Kampf der Geschlechter ging. Männer verfuhren ja nicht weniger grausam gegeneinander. Verfolgt und verbrannt wurden keineswegs nur Hexen. Die Verfolgung von Menschen mit abweichenden Glaubensvorstellungen hatte in der Kirche eine lange Geschichte und erreichte ihren Höhepunkt mit der physischen Ausrottung der südfranzösischen Katharer zwischen 1208 bis 1255. Sie stand zwar im diametralen Gegensatz zur erklärten Feindesliebe, wie die Evangelien sie verkünden, wurde aber dennoch mit besonderer Liebe für die Seelen der Verirrten begründet. Ausrottung drohte im Prinzip allen Ketzern, d.h. sämtlichen Menschen, die irgendein von der Geistlichkeit verkündetes Dogma für willkürlich oder unrichtig hielten oder auch nur ein Leben in der echten Nachfolge Christi führten, d.h. in programmatischer Armut, womit sie dann – ob gewollt oder ungewollt – gegen das Wohlleben und den Reichtum der kirchlichen Hierarchie protestierten. Im Prinzip hätte die geistliche Macht die ganze übrige Menschheit ausrotten können, da diese ja in ihrer überwältigenden Mehrheit dem Unglauben huldigte. Tatsächlich beschränkte sie sich in ihrem Vorgehen auf die Menschen in ihrem Hoheitsbereich und hier fast ausschließlich auf Männer.
Dieser blutig geführte Kampf hatte vor allem ökonomische und innenpolitische Gründe. Während des 12. Jahrhunderts wurde der Einspruch gegen die bestehenden Privilegien von Adel und Klerus zunehmend lauter. Das System feudaler Rechte und Pflichten, das die kleinen Leute bis dahin mit einem Mantel ökonomischer Sicherheit umhüllte, machte in ganz Europa frühkapitalistischen Verkehrsformen Platz, welche die alten Verhältnisse zerstörten; überall flammten nun soziale Unruhen und Aufstände auf, weil mehr und mehr Menschen in eine wirtschaftlich prekäre Lage gerieten. Außerdem hatte die Bevölkerungsdichte zugenommen. Nach den Eroberungen und Rodungen der vergangenen zweihundert Jahre war neuer Boden in Europa kaum mehr zu finden, der vorhandene reichte angesichts einer wachsenden Bevölkerung aber immer weniger aus, um allen Unterhalt zu gewähren. Die neue ökonomische Unsicherheit erklärt unter anderem, warum sich in der Zeit zwischen dem elften und dreizehnten Jahrhundert selbst Kinder und Halbwüchsige zu den Kreuzzügen drängten. Die Preise für Nahrungsmittel klommen schließlich steil in die Höhe;[114] viele suchten der heimischen Enge und Perspektivlosigkeit zu entfliehen und sich in der Ferne das Glück zu erobern. Oder sie wandten sich messianischen Heilslehren zu, die damals in aller Munde waren, z.B. den spirituell-kommunistischen Verheißungen von sozialer Gerechtigkeit, die der kalabresische Abt Joachim von Fiore gegen Ende des 12. Jahrhunderts verkündete. Seiner damals überaus einflussreichen Lehre zufolge würden die Reichen - Adel und Klerus – schon bald der ewigen Verdammnis verfallen, während die Armen sich endlich die ihnen zustehenden Rechte erobern. Im Sinne Joachims stellte auch Franz von Assisi das Armutsgelübde an die erste Stelle seiner Bewegung - sehr zum Missfallen der katholischen Hierarchie, die darin einen Angriff auf ihre eigene Stellung sah und den Orden daher nur unter der Bedingung dulden wollte, dass die Forderung nach extremer Armut in den Hintergrund trat.[115]
Die gärende Unzufriedenheit kam seitdem nicht mehr zur Ruhe - durch die Verheerungen der Pest um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts und die sich bis dahin europaweit noch verschlechternde ökonomische Situation wurde sie noch gesteigert, flammte in den Hussitenkriegen um die Mitte des 15. neuerlich auf und setzte sich dann in den Aufrufen nach sozialer Gerechtigkeit durch Thomas Müntzer fort, die zu einem kurzlebigen kommunistischen Stadtstaat in Münster unter Johann von Leiden führten.[116] Seit Joachim von Floris sahen sich die Herrschenden von Kirche und weltlicher Macht einer zunehmend breiten Front von Unzufriedenen und Aufrührern gegenüber. Auch Luther verlieh dieser Unzufriedenheit Ausdruck. Zu seiner Zeit war es die grelle Geldgier des römischen Klerus, welche dem Augustinermönch in der Bevölkerung eine große Gefolgschaft verschaffte und den Protestantismus in kurzer Zeit zu einer Weltbewegung ausgreifen ließ.[117]
Die Bewegungen dieses sozialen Protestes lagen fast ausschließlich in den Händen von Männern – es waren daher auch Männer, die seit dem 12. Jahrhundert von anderen Männern als Ketzer verfolgt, gefoltert, verbrannt und geächtet wurden. Männer, die nach Meinung der Kirche mit dem Teufel im Bunde standen, denn Auflehnung gegen die Kirche – auch und gerade wenn der Protest der Armen gegen die weltlichen Privilegien des Klerus zielte - wurde als Allianz mit satanischen Mächten gebrandmarkt.
Es ist wichtig, diesen Punkt besonders hervorzuheben. Seit Ende des 14. Jahrhunderts war die Verfolgung von Frauen als Hexen zwar ideologisch verfestigt, wie die US-amerikanische Historikerin Barbara W. Tuchman in ihrer Studie über das vierzehnte Jahrhundert sagt. „Die Kirche befand sich in der Defensive, vom Schisma zerrissen, in Autorität und Lehre von wütenden Protestbewegungen belagert… sie fühlte sich von böswilligen Mächten umgeben, als deren Anführer sie Zauberer und Hexen ansah, die den Zwecken Satans gehorchten.[118] Die seit Mitte des 15. Jahrhunderts aufflammende Verfolgung der Frauen lässt sich jedoch nicht aus einem besonderen Hass des Mannes gegen die Frau ableiten. Eine schon seit mehreren Jahrhunderten bestehende Strategie der Verteufelung religiöser Abweichler wurde zunächst nur auf den weiblichen Teil ausgeweitet. Nicht mehr.
Dennoch weist die im fünfzehnten Jahrhundert in Europa, später auch in Nordamerika (Neuengland) um sich greifende Verfolgung von Hexen von vornherein eigentümliche Merkmale auf. Die männlichen Ketzer hatten in der überwiegenden Zahl nachweisbare Straftaten begangen. Sie hatten Sätze geäußert, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche standen. Sie hatten die Legitimität der bestehenden Ordnung in Zweifel gezogen oder sogar aktiv bekämpft. Wenn es zu Gerichtsverhandlungen kam, wurde über diese Taten einzeln geurteilt, meist nachdem die Beschuldigte in aller Form (wozu auch die Folter gehörte) der Verbrechen überführt worden waren.
Die Einzigartigkeit der Verfolgung von Frauen bestand demgegenüber in einem wesentlich anderen Vorgehen – hier wurde der Nachweis der Schuld routinemäßig von der Anklage selbst fabriziert. Irgendeine Frau konnte der Denunziation irgendeines Neiders zum Opfer fallen. Aufgrund eines bald auch institutionell abgesicherten Automatismus ergab sich dann alles Weitere von selbst. Die Frauen wurden solange gefoltert, bis sie ein Verhalten gestanden, das ihre Schuld nachträglich bewies. Mit anderen Worten, jede Frau war zum Tode verdammt, sobald irgendein Mitbürger auf den Gedanken verfiel, den Vorwurf der Hexerei gegen sie vorzubringen.
Hieraus ergab sich ein deutlich erkennbarer Unterschied in der Behandlung von Männern und Frauen. Während die Gerichte männlichen Ketzern ein Verbrechen nach den damals üblichen Regeln der Rechtsprechung nachweisen mussten, wurden Frauen schon dadurch zu Todgeweihten, dass irgendjemand – ein missgünstiger Nachbar, ein wirtschaftlicher Konkurrent, ein habsüchtiger Mönch oder Priester – gegen sie einen Verdacht aussprach.
Und nicht nur dieser Unterschied fällt ins Gewicht. Die meisten Männer wurden als Einzeltäter betrachtet und dementsprechend behandelt. Dagegen wurden die Frauen grundsätzlich als Mitglieder einer dem Teufel verschworenen Gemeinschaft gesehen. Durch grässliche Quälereien wurde eine dem Gericht überantwortete Frau nicht nur gezwungen, ihre angeblichen Sabbatflüge und ihre Rendezvous mit dem Teufel zu offenbaren, sondern sie musste darüber hinaus auch noch die Namen ihrer Gefährtinnen nennen. Da man sie solange folterte, bis sie, nur um dem Schmerz zu entgehen, die Namen irgendwelcher Frauen aus ihrer Bekanntschaft nannte, wurde daraus ein Schneeballsystem – jede von ihren kirchlichen Verfolgern gefangen gesetzte Frau wurde durch die Folter genötigt, weitere Frauen zur Anzeige zu bringen.
Die Absicht hinter diesem System erwies sich damit als eine grundlegend andere als bei der Verfolgung männlicher Ketzer. Die letzteren wurden vernichtet, indem sie einzeln oder in Gruppen überführte und der weltlichen Macht übergab. Das Übel wurde lokalisiert und beseitigt. Die Verfolgung der Frauen entwickelte sich dagegen sehr schnell zu einem System, mit dem man Straftaten willkürlich erzeugen und beliebig vermehren konnte, um Angst und Schrecken dauerhaft in der Bevölkerung zu verbreiten.
Dieser Gegensatz verbarg einen weiteren. Die ermordeten Frauen waren in den seltensten Fällen Kritiker der Kirche, und noch seltener konnte man sie zu den sozialen Aufrührern rechnen. Die meisten von ihnen hatten sich allenfalls dadurch schuldig gemacht, dass sie den Neid und die Missgunst ihrer Nachbarn erweckten. Gerade deshalb herrscht ja bis zum heutigen Tag unter Historikern ein Rätselraten, warum eine solche ganz Europa umfassende Psychose und Massenverfolgung überhaupt zu entstehen vermochte.
Es werden die verschiedensten Gründe genannt, z.B. solche psychologischer Art. Die als Richter über sie gesetzten geistlichen Herren hätten auf diese Weise einen Sadismus befriedigt, der aus sexuellen Entbehrungen und einem daraus hervorgehenden Hass gegen Frauen entstand - so wie in unserer Zeit die Kinderpornographie ähnlichen Bedürfnissen dient. Gewiss, die Wehr- und Hilflosigkeit der weiblichen Opfer begünstigte derartige Regungen. Andere gehen noch weiter und sehen darin überhaupt einen Beweis für die Besessenheit geistlicher Herren von allem Sexuellen – damals hätten die Frauen dies eben büßen müssen. Eine weitere Erklärung hebt die überdurchschnittlich häufige Verfolgung von Hebammen hervor. Danach hätte sich die Hexenverfolgung in erster Linie gegen die von den »weisen Frauen« praktizierte Geburtenbeschränkung gerichtet. Nach dem Massensterben im vierzehnten Jahrhundert - die große Pest hatte in einigen Gebieten mehr als die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft - hätte sich die Arbeit sehr stark verteuert und damit die Profite der herrschenden Schicht aus Adel und Klerus geschmälert. Die von den Hebammen angebotenen Praktiken der Geburtenbeschränkung hätten daher im Widerspruch zu den Interessen der Macht gestanden.[119]
So zutreffend diese Erklärungen einzelne Fälle beschreiben, als Ursachen für die Massenpsychose des Hexenwahns greifen sie wohl eher zu kurz. Die Verfolgung betraf ja keineswegs nur die Hebammen, sondern alle Frauen mit der bemerkenswerten Ausnahme solcher aus den höheren Schichten. Was die psychologischen Begründungen betrifft, so vermögen sie deshalb wenig zu überzeugen, weil gerade gegen Ende des 15. und während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in sexuellen Dingen große Freizügigkeit herrschte. Der Klerus wusste die leiblichen Genüsse, die ihm die Gesellschaft schöner Frauen verschaffte, überaus zu schätzen. Von psychischer Verklemmtheit ist in dieser Zeit wenig zu bemerken. Gewöhnliche Bürger, so pflegte man damals zu sagen, hätten sich mit einer einzigen Frau zu begnügen, viele Mönche und Vertreter der höheren Geistlichkeit legten sich in diesem Punkt weit weniger Beschränkungen auf. Die Satiriker jener Zeit, allen voran der gefürchtete Pietro Aretino, gossen damals das Füllhorn bissigen Spotts über die sexuellen Vorlieben des geistlichen Standes aus.[120]
Mit Recht herrscht angesichts der Hexenverfolgung Ratlosigkeit bei den Historikern. Überzeugende Gründe für den damals herrschenden Massenwahn haben sich bisher einfach nicht finden lassen. Wäre es da nicht nahe liegend, auf Gründe für die Verfolgung überhaupt zu verzichten und sie für grundlos zu halten? Es ist klar, dass wir die von den kirchlichen Hexenjägern selbst angegebenen Gründe als Produkte priesterlicher Umnachtung ansehen müssen. Kein ernsthafter Historiker wagt heute noch zu behaupten, dass Frauen Buhlschaften des Teufels waren oder heute noch sind. So wie wir das Dogma von der Ungleichheit der Menschen überwunden haben, gehört auch die bewusste Erniedrigung der Frau der Vergangenheit an. Es gibt keine objektiven Gründe für die menschliche Ungleichheit im Allgemeinen und für die der Frauen insbesondere.
Wir wissen aber, dass Menschen als ungleich definiert worden sind, weil die Macht ein elementares Interesse daran besaß, dass sie es waren. Dieses Wissen können wir auch auf die Behandlung der Frauen während der Hexenverfolgung übertragen. Dann erübrigt sich unsere Suche nach objektiven Gründen. Es gibt sie nicht. Was bleibt ist das Interesse der Macht, in diesem Fall das besondere Interesse einer in die Defensive geratenen Kirche. Frauen wurden verfolgt, weil sie verfolgt werden sollten.
Unter dieser Voraussetzung ergibt sich eine auffällige Parallele zwischen der Vernichtung der Frauen und der Ausrottung der Juden im zwanzigsten Jahrhundert. Auch die Vernichtung der Juden war objektiv grundlos. Sie hatten sich allenfalls dadurch schuldig gemacht, dass sie den Neid und die Missgunst ihrer Nachbarn erregten, alle sonstigen ihnen von ihren Verfolgern zugeschriebenen Verbrechen waren absichtliche Lügen oder offenkundige Hirngespinste. Andererseits hatte die Macht - in diesem Fall das Hitlerregime - ein Interesse an dieser Verfolgung. Es brauchte den Feind, die Sündenböcke, denen man alle Missstände zur Last legen konnte.
Die Parallele reicht weiter. So wie jeder auf dem Scheiterhaufen verbrannten Frau nachgesagt wurde, dass sie ein Mitglied der weltumspannenden »Organisation« Satans gewesen sei, wurden auch die Juden mit einem imaginären Geheimbund in Verbindung gebracht, der angeblich weltweit tätig war. Die gefälschten »Protokolle der Weisen von Zion« lieferten den Verfolgern dazu eine scheinbare Begründung. In beiden Fällen war keine objektiv nachweisbare Schuld der bestimmende Grund der mörderischen Verfolgung, sondern allein der Nutzen, den Adel und Klerus bzw. später Adolf Hitler darin erblickte, Sündenböcke gefunden zu haben, die man für alle bestehenden Übel verantwortlich machen konnte.
Wenn man die Verfolgung der Frauen zwischen dem fünfzehnten bis zum 18. Jahrhundert als willkürlich und grundlos betrachtet, tritt der dahinter verborgene Zweck umso deutlicher in Erscheinung. Im Kampf gegen den aus dem Volk aufbrandenden sozialen Aufruhr, diesem Kampf gegen die Privilegien der herrschenden Schicht, wären Kirche und etablierte weltliche Macht auf Dauer zerrieben worden. Ihnen fehlten die überzeugenden Argumente, um den eigenen spektakulären Reichtum glaubwürdig zu begründen. Immerhin hatte die Kirche während des doppelten Papstregimes im 14. und des dreifachen im angehenden 15. Jahrhundert ihre Autorität weitgehend eingebüßt.[121] Und nach dem Ende des Schismas stand es damit keineswegs besser. So war der ganzen Christenheit zu Zeiten Luthers bekannt, dass die römische Hierarchie seit Sixtus IV. Prostituierte für sich arbeiten ließ und dass der Vatikan mit dem Ablasssystem die menschliche Sünde zu einer bevorzugten Quelle seiner Einkünfte machte. Die Kirche war an schlechterdings allen Sünden – mochte es sich um Diebstahl, Mord oder Unzucht handeln - materiell interessiert; in wörtlichem Sinne lebte sie von ihnen, denn die geistlichen Herren waren durchaus nicht gewillt, auf das daraus fließende Einkommen zu verzichten.[122] Gegenüber der öffentlichen Meinung befanden sie sich dadurch aber in einem für sie höchst gefährlichen Erklärungsnotstand. Nicht nur Luther sondern eine ganze Reihe von kirchlichen Rebellen, angefangen bei den Katharern, sahen im Papst den Antichrist, also eine Verkörperung des Teufels. Auf Dauer wäre es den herrschenden Mächten kaum möglich gewesen, sich gegen den immer lauter und immer militanter äußernden Protest der vielen messianischen Bewegungen zu behaupten, die genau diese Missstände aufs Schärfste verdammten.
Wenn eine mächtige Institution auf ihre Privilegien freiwillig nicht verzichten will oder kann, andererseits aber keine Möglichkeit findet, diese ideologisch zu legitimieren, zerbricht sie entweder an inneren Widersprüchen oder sie bedient sich der einzigen Strategie, die ihr in diesem Fall einen Ausweg verheißt. Sie muss den Protest von sich selbst fortlenken, damit er auf ein Ersatzobjekt fällt. Mit anderen Worten, sie muss für alle bestehenden Übel einen Sündenbock finden. Gelingt es auf diese Weise, die Wut der kleinen Leute von Reichtum und Privilegien der Großen und Mächtigen fortzulenken, so dass sie den Grund für die eigene Misere nicht in der Ausbeutung durch ihre Herren sehen, sondern im Wirken böser Mächte in ihrer eigenen Mitte, dann bleibt das Privileg ungefährdet. Die Massen wenden ihre Empörung und ihren Hass dann gegen den Sündenbock. Der Hass wird nicht entschärft – in einer Zeit schwerer sozialen Spannungen ist das kaum vorstellbar – aber er hat ein anderes Opfer gefunden.
Wenn diese Auffassung richtig ist, dann lässt sich die Verfolgung der Hexen zwischen Renaissance und Aufklärung als eine andere Art der Judenverfolgung verstehen. Wie bei dieser waren es die schwächsten Glieder der Gesellschaft, die man zu Opfern machte. In einer weltlich und kirchlich eindeutig patriarchalisch geprägten Epoche waren die Frauen der wehrloseste Teil der Gesellschaft. Indem man sie zu Ersatzfeinden machte, lenkte man den Blick der kleinen Leute von den wahren sozialen Missständen auf imaginäre Ursachen ab. Damit war ein weiterer Vorteil verbunden. Die damaligen Herren – Klerus und Adel – befanden sich dauernd in Geldschwierigkeiten. Die Hexenverfolgung trug unzweifelhaft zu deren Linderung bei. Die Güter der Familien, aus denen die beschuldigten und anschließend ermordeten Frauen stammten, wurden eingezogen und der prozessuale Aufwand der Geistlichen aus den Mitteln der Opfer bestritten - so wie später die Verfolgung der Juden sich ja ebenfalls finanziell als überaus einträglich erwies.[123] Sowohl Kirche wie weltliche Obrigkeit profitierten also unmittelbar von diesen Frauenmorden. Selbst das Aufspüren weiterer Opfer verursachte keine weiteren Kosten, da jede angebliche Hexe ja unter Einwirkung der Tortur dazu gezwungen wurde, die Namen weiterer Hexen zu nennen. Wie eine Lawine breitete sich die Denunziation wehrloser Frauen über das ganze damalige Europa aus.
Dabei bestand zwar grundsätzlich auch die Gefahr, dass die beschuldigten Frauen zu hoch greifen würden, indem sie die Namen von Fürstinnen und von Geliebten der Bischöfe als Teufelsbuhlerinnen nannten. Es ist sogar anzunehmen, dass viele dieser zu Tode gequälten Frauen, da sie nichts zu verlieren hatten, zuerst einmal solche Namen nannten, bevor sie ihre Bekannten unter Zwang denunzierten. Doch auch für diesen Fall waren die Inquisitoren gerüstet. Sie schlossen daraus auf besonders teuflische Machenschaften und verstanden es, derartige Abirrungen durch stärkere Folterung zu unterbinden. Dass es ihnen auf diese Weise gelang, den Vorwurf der Hexerei von den oberen Zehntausend fernzuhalten, wird durch die Statistik bewiesen. Die erhaltenen Dokumente beweisen, dass sich unter den als Hexen verbrannten Frauen nur ganz wenige aus den oberen Schichten befanden. Ausgerottet wurden die Schwachen: Frauen aus den niedrigen Schichten und dem mittleren Bürgertum.
So wurden durch die Hexenverfolgung Misstrauen, Auflehnung und Hass von jenen fern gehalten, denen sie anfänglich galten – den Angehörigen der herrschenden Schichten. Nachdem es einmal gelungen war, den Hexenwahn und die Hexenangst in der Bevölkerung zu verbreiten, schien es klar, woher die großen Übel der Zeit – die überall aufflackernden religiösen Spannungen, die grellen Gegensätze von Arm und Reich - wirklich stammten. Die Gründe dafür brauchte man nicht länger in der Unersättlichkeit der weltlichen Herren oder dem Missbrauch des Christentums durch den Klerus zu suchen. Diese tatsächlichen Gründe hatte man nun mit Erfolg in den Untergrund der unaussprechbaren Wahrheiten verdrängt. Was blieb war die Lüge. Schuld waren jetzt teuflische Mächte, die sich der Frauen als ihrer Verbündeten bedienten. Stiegen die Preise, verendete das Vieh auf den Weiden, wurden Unheil verkündende Meteoriten gesichtet, kam es zu Missernten auf den Feldern, verspürte der Herr Bürgermeister oder der Bischoff einen Stich im Rücken (Hexenschuss), dann war es der Teufel, der all dies bewirkte, indem er die Frauen zum Instrument seiner diabolischen Pläne machte. Satanische Frauen waren an allem Schuld, so wollten es die Herren, um von sich selbst alle Schuld abzuwehren.
Jedes Verbrechen ist für die davon Betroffenen das schlimmste. Insofern ist der Vergleich zwischen ihnen nur äußerlich möglich, in quantitativer Hinsicht zum Beispiel und vielleicht auch noch darin, wie weit sie den Menschen nicht nur physisch sondern zur selben Zeit auch noch geistig zerstören. Die Frauen wurden langsam zu Tode gequält. So gut wie keine dieser Hunderttausenden von Frauen entging diesem Schicksal, nachdem sie erst einmal verhaftet war. Die unerbittliche Vernichtung ihres Körpers war umso fürchterlicher, weil man sie zusätzlich dazu zwang, dieses schrittweise Morden als gottgewollt hinzunehmen. Offiziell war die Todesfolter ein Akt der Liebe, den ihre Henker an ihrer Seele verrichten wollten.
Demgegenüber gab es für die verfolgten und ermordeten Juden immerhin noch eine geistige Zuflucht, die ihnen auch die Nazis nicht nehmen konnten. Das war eine Religion, die ihren Anhängern dreitausend Jahre lang in Zeiten der Not Trost und Hoffnung gespendet hatte. Die von der geistlichen Macht zu Tode gefolterten Frauen hatten nichts, wohin sie sich wenigstens geistig noch retten konnten. Sie wurden insgesamt - körperlich wie geistig - von ihren Henkern ins Nichts gestoßen. Der Holocaust an den Juden wurde im Namen einer Weltanschauung verrichtet, die den Hass zu ihrem Fundament gemacht hatte. Von einer solchen Weltanschauung war nichts anderes als Hass und Tod zu erwarten. Die Nazis wussten, dass sie ein Verbrechen begingen. Sie haben ihre Untaten wenigstens nicht als Akt der Liebe maskiert, sondern bis zum letzten Moment vor der eigenen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit verheimlicht.
Die die Frauen vernichtenden Henkerspriester haben nichts vor der Welt verheimlicht. Im Gegenteil, die Vernichtung der Frauen geschah öffentlich vor aller Augen. Alle Welt sollte ja vor der geistlichen Macht und dem in ihrem Auftrag handelnden weltlichen Arm erzittern. Das systematische Morden wurde als Akt der reinen Güte gepriesen. Die Ermordung wehrloser Frauen geschah im Namen einer Lehre, welche sich auf die umfassende Liebe von Jesus Christus, ihrem Gründer, berief. In einer Geschichte von Lüge und Macht, die so viele schwarze Momente aufweist, ist das für mich ein nie überschrittener Höhepunkt.
Bis hierher sind wir dem Gang der Lügen im Dienste der Macht gefolgt. An der Spitze aller anderen Lügen stand die von der menschlichen Ungleichheit. Die Menschen waren gleich von Natur, aber sie mussten, da Gewalt allein dazu nicht ausgereicht hätte, mit Hilfe der Ideologie, d.h. vor allem mit den Mitteln der Religion, als ungleich hingestellt werden.
Das galt für nahezu alle agrarischen Hochkulturen. Aber es galt eben nicht ausnahmslos. Der Mensch war und ist durch seine materiellen Lebensumstände nicht determiniert. Es gab zwar nur maximal zwanzig Prozent »freie Stellen« unter den Bedingungen einer Agrargesellschaft. Höchstens ein Fünftel der Bevölkerung konnte durch die Überschüsse der anderen miternährt werden. Aber auf diesen äußeren Zwangs konnten Gesellschaften auf ganz verschiedene Art reagieren. Gleich zu Anfang habe ich darauf hingewiesen, dass drei mögliche Strategien bestehen, um Ungleichheit herzustellen: durch Waffengewalt, Abkunft (Geburt) oder durch Wahl. Waffengewalt und Abkunft bilden die Regel. Davon war auf den vorangehenden Seiten die Rede war. Aber daneben gab es auch noch die Wahl und damit die Möglichkeit, die Ungleichheit nicht durch Lügen zu rechtfertigen, sondern ihr eine glaubhafte Begründung zu geben. Das ist nur in zwei unter den großen Agrarzivilisationen gelungen, dem osmanischen Reich in der Zeit zwischen Osman (1258 - 1326) und Süleiman (1520 - 1566) und in China.
Die Osmanen waren türkische Nomaden, die das weite Siedlungsgebiet griechisch orthodoxer Christen besetzten, um sich als Herren vom agrarischen Überschuss der dort heimischen Bauernschaft zu ernähren. Wie in Sparta waren auch hier fremdstämmige Mensch in ein bereits von anderen besiedeltes Land eingefallen. Die Herrschaft der Osmanen beruhte zu Anfang allein auf militärischer Überlegenheit. Genau wie die Spartaner hätten auch die Osmanen jedem Angehörigen ihres eigenen Volks ein Stück erobertes Land einschließlich der darauf heimischen Menschen zuweisen können, wobei die letzteren es dann als Sklaven für ihre Herren bewirtschaften mussten. Dann wäre es ebenso wie in Sparta zur Unterscheidung von geborenen Herren und Untermenschen gekommen. Doch die Osmanen gingen einen anderen Weg. Sie verstanden es, die heimische Bevölkerung in ihr Regierungssystem einzubinden und damit ihre Herrschaft in den Augen der Unterworfenen in hohem Maße zu legitimieren. Der militärische und administrative Apparat wurde Menschen aus der unterworfenen Bevölkerung anvertraut, und zwar nach den Regeln der Wahl. Wer sich durch Können, Talent, Willensstärke vor anderen auszeichnete, der erhielt die Chance, die höchsten Posten des Staates einzunehmen, selbst den des Großwesirs. Die Osmanen errichteten ein System, in dem die »freien Stellen« - sieht man von den Resten eines türkischen Adels ohne Regierungsbefugnisse ab – nicht von hochgeborenen Mitgliedern der Aristokratie ausgefüllt wurden, sondern von Menschen ohne jedes Geburtsprädikat, nämlich von Sklaven, die man aus den Reihen der Unterworfenen, vor allem Christen, rekrutierte.
Wie Arnold Toynbee in seiner Study of History bemerkt,[124] verstanden sich die Osmanen wie alle Nomaden auf die Zähmung und Nutzung ihrer tierischen Werkzeuge. Sie wussten, wie man Pferde, Falken, Kamele und Hunde abrichtet und die besten Exemplare systematisch höher züchtet. Das war eine Kunst, dem sie ihr Überleben als beständig mobile Gruppen verdankten. Dieses über Generationen erworbene Wissen brauchten sie nur von Tieren auf Menschen zu übertragen, um in ihnen genau dieselben außerordentlichen Leistungen hervorzubringen. Tatsächlich hatten spezielle Suchtrupps genau dieses Ziel vor Augen, wenn sie die unterworfenen Gebiete auf der Jagd nach vielversprechenden jungen Knaben und Mädchen durchsuchten. Die so Ermittelten wurden ihren christlichen Eltern genommen und in die Aufsicht des Staates überführt. Als Sklaven wurden sie dann im Islam und allen für den Staat nützlichen Wissenschaften und Künsten erzogen. Die Knaben wurden vorzugsweise im Waffenhandwerk ausgebildet und aus ihnen das in der ganzen damaligen Welt so gefürchtete Heer der Janitscharen gebildet. Aber auch die Posten der zivilen Verwaltung wurden mit ihnen besetzt; weibliche Sklaven konnten zu Favoritinnen des Sultans aufsteigen. Schließlich gab es keine Funktion im Staat, die den Sklaven versperrt war. Kein geringerer als der größte osmanische Herrscher, Süleiman der Prächtige, war ursprünglich selbst ein Sklave.
Die Osmanen hatten auf diese Weise ein höchst effizientes Herrschaftssystem errichtet, das den Tüchtigsten des Landes unabhängig von ihrer Geburt die besten Stellen verschaffte. Während der Zeit seiner Blüte zwischen dem dreizehnten und dem sechzehnten Jahrhundert entwickelte dieses auf individueller Leistung beruhende Regierungssystem eine so starke expansive Energie, dass es in weiten Gebieten des Nahen Ostens bis ins Abendland hinein eine stabile Herrschaft über fremdbürtigen und religiös andersgläubigen Völkern zu errichten vermochte. Wo immer die Osmanen sich zu Herren machten, diente ihnen die heimische Bevölkerung als Reservoir für hervorragende Talente. Das osmanische Reich setzte sich über alle Regeln der Geburt hinweg, indem es die besten seiner Untertanen, nominell Sklaven, faktisch in den Rang von Herren erhob.
Erst die industrielle Gesellschaft hat mit dem Instrument der Wahl Leistung und Können auf gleiche Art wie die Osmanen gefördert und eine noch größere Expansionskraft entfaltet, weil sie neben der militärischen Menschenbeherrschung auch die der Natur einbezog, und weil sie neben dem herausragenden Können im Prinzip allen Bürgern, auch den weniger talentierten, die Möglichkeit der Entfaltung ihrer Fähigkeiten zum Wohl des Ganzen bot.
Welche Vorteile dieses System aber schon in seiner von den Osmanen verwirklichten Form gewährte, springt in die Augen, wenn wir es noch einmal mit den Verhältnissen in Sparta vergleichen. In beiden Fällen machten sich Fremdvölker zu Herren über eine von ihnen militärisch unterworfene Bevölkerung. In beiden Fällen musste die Fremdherrschaft ideologisch damit gerechtfertigt werden, dass die Fremden ein höherer Menschentyp seien, der sich im Besitz der einzig wahren Weltanschauung (Religion) befindet. Beide Systeme beruhten auf physischer Gewalt und auf der ideologischen Lüge. Aber in Sparta war die Lüge sozusagen total und unaufhebbar. Die Spartaner kamen ohne den Mythos von Über- und Untermenschen nicht aus, und zwischen beiden richtete die Geburt eine unüberwindbare Schranke auf. Kein Helot, mochte er noch so außerordentliche Fähigkeiten besitzen, konnte jemals unter die freien Spartaner aufrücken. Die Osmanen aber ersetzten das Prinzip der Geburt durch das von Tüchtigkeit, Leistung und Talent. Das war eine historisch überragende Errungenschaft.
Sie bedeutete auch einen grundlegenden Unterschied im Verhältnis zu anderen Völkern. Das System der Spartaner grenzte andere Menschen ein für alle Mal aus. Es war prinzipiell nicht erweiterungsfähig. Dagegen war die osmanische Herrschaft im Prinzip zu unendlicher Ausdehnung fähig. Auf ihrem Höhepunkt erstreckte sie sich auf der ostwestlichen Achse von Persien über Ägypten bis nach Algerien, während sie von Süden nach Norden in Ägypten begann und über Serbien und Ungarn bis an die Grenzen Österreichs reichte. Überall ließen die Türken lokale Sprachen, Sitten und Religionen als Kultur der Unterworfenen fortbestehen, aber sie nahmen die besten aus der Bevölkerung in ihre Reihen auf, um sie in den Werten, der Religion und den Sitten der Herren auszubilden und sie dann selbst zu Herren zu machen. Es gab keine Gleichheit: die Bevölkerungsmehrheit hatte wie überall sonst für ihre Gebieter zu fronen, aber es gab eine Annäherung an die Gleichheit der Chancen. Niemand aus der heimischen Bevölkerung war von Natur aus zu gering, um die höchsten Staatsämter einzunehmen.
Wie gesagt, in den drei Jahrhunderten zwischen Osman und Süleiman war dieses System außerordentlich erfolgreich. Wenn der Schwung der Expansion seit Ende des sechzehnten Jahrhunderts zu erlahmen begann, so in erster Linie deshalb, weil das System seinen eigenen Prinzipien untreu zu werden begann. Durch das neuerliche Eindringen des Geburtsprinzips wurde die osmanische Herrschaft mehr und mehr von innen zersetzt. Nach Süleiman drängten freie Muslime der adligen Sippen in den Regierungsapparat und auf die militärischen Posten vor. Die strenge Auswahl nach dem Talent, welche dem System seine historisch einmalige Stärke verliehen hatte, wurde mit der Zeit wieder aufgegeben. Die Folgen machten sich schnell bemerkbar. Im selben Maße wie das Prinzip der Geburt erstarkte, zerfiel das osmanische Reich.
Im Islam war das Prinzip der Wahl keineswegs neu. Die Wahl des Vorzüglichsten (Weisesten) statt der Erblichkeit von Funktionen und Pfründen hatte unter Sunniten von Anfang an den Vorrang genossen. Das galt vor allem für die Bestimmung des Herrschers. Sieht man jedoch von der späten Ausnahme des osmanischen Reiches ab, so hat dieses der Gerechtigkeit so förderliche Verfahren Jahrhunderte lang den Islam nicht gestärkt sondern war im Gegenteil ein Grund für seine mit der Zeit immer deutlicher sichtbare Schwäche. Eine richtige Idee kann durchaus mehr Unheil bewirken als eine falsche, wenn sie nicht zugleich auf richtige Art und Weise verwirklicht wird. Zu den voraussehbaren Folgen vom Vorrang des Weisesten gehörte in islamischen Ländern von den Abbasiden in Bagdad bis zu den indischen Moguls eine nicht abreißende Kette von Thronstreitigkeiten, da nach dem Tod eines Herrschers jeder potentielle Nachfolgekandidat sofort für sich den Vorzug größerer Weisheit in Anspruch nahm. Zu den überaus hässlichen Auswirkungen einer an und für sich richtigen Idee, der aber die institutionellen Voraussetzungen fehlten, zählte das gegenseitige Ausmorden der Brüder. Ohne objektive, von der Gesellschaft anerkannte und dann auch exekutierbare Auswahlkriterien musste die Suche nach dem Weisesten und Besten ein Rezept zum permanenten Umsturz und Bürgerkrieg sein.
Das Reich der Türken war eine Zeitlang so außerordentlich erfolgreich, weil die Osmanen das Prinzip der Geburt durch die Wahl der Tüchtigsten ersetzten, sich aber anders als es im sunnitischen Islam sonst die Regel war bei der Ermittlung der Tüchtigsten nicht auf einander widerstreitende Meinungen verließen, die letztlich nur mit Gewalt zu entscheiden waren, sondern sich an ganz bestimmte Standards der zivilen und militärischen Tüchtigkeit hielten. Dennoch war dieses Reich eine durch seine Brutalität berüchtigte Gewaltherrschaft. Wie jedes andere derartige Regime musste es daher damit rechnen, durch Gewalt auch wieder vernichtet zu werden.
Eine wirkliche Ausnahme im Vergleich zu allen übrigen agrarischen Hochkulturen hat nur das chinesische Reich gebildet. Diese uralte Zivilisation, die bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als sie mit dem technologisch weit überlegenen Westen zusammenstieß, Jahrhunderte lang den volkreichsten, mächtigsten und auch den reichsten Staat der Erde repräsentierte, hat einen einzigartigen Sonderweg beschritten: die Wahl der Tüchtigsten zu Herrschern des Landes aufgrund eines im Prinzip allen zugänglichen Prüfungssystems.
Dabei herrschten in China natürlich die gleichen Zwänge wie in allen anderen Agrarzivilisationen. Auch in China standen einander zwei Bevölkerungsteile gegenüber: eine Mehrheit, die auf dem Lande die Nahrung erwirtschaften musste, und eine Minderheit, welche die »freien Stellen« besetzte und sich von der Mehrheit erhalten ließ. Und wie überall sonst war auch hier der Prozentsatz der »freien Stellen« starken Schwankungen ausgesetzt. Dort wo der Reisanbau mit Hilfe eines frühzeitig ausgebauten Bewässerungssystems bedeutende Ernten erbrachte, wurde das mögliche Maximum von zwanzig Prozent wahrscheinlich erreicht, in anderen weniger fruchtbaren Gegenden des Landes lag es gewiss weit darunter. Doch wie immer das quantitative Verhältnis in den einzelnen Regionen des Riesenreichs auch ausgesehen haben mochte, an der Tatsache selbst, dass viele mit äußerstem Fleiß arbeiten mussten, damit einige wenige von der Arbeit der physischen Selbsterhaltung befreit werden konnten, haben auch die Chinesen nichts zu ändern vermocht. Überdies war das Los der Bauern gewiss kaum weniger hart als in anderen Teilen der Erde. Immerhin hat es in der Geschichte dieses Landes mehrfach Bauernaufstände gegeben, die den Sturz bestehender Dynastien zur Folge hatten.
Ebenso wenig haben die Chinesen daran zu ändern vermocht, dass der Zugang zu den begehrten »freien Stellen« zunächst denjenigen offen stand, die sie mit Gewalt für sich zu erobern verstanden. Bis zur Zeit der Einigung Chinas unter Qin Shi Huangdi im Jahre 221 vor Christus hat es auch in China einen feudalen Adel gegeben, der sich mit Waffen das Recht erstritt, von den Erträgen einer unterworfenen Bauernschaft zu leben. Der Schutz, den er den Bauern dabei als vermeintliche Gegenleistung gewährte, hatte er, wie überall, durch seine eigene Existenz überhaupt erst notwendig gemacht. Denn dieser Schutz fand gegenüber rivalisierenden Herren statt, die ebenso als Kostgänger zu Lasten der Bauern lebten. Auch in China brauchten die Herren einander gegenseitig, damit jeder gegenüber der eigenen Bauernschaft als Beschützer vor den jeweils anderen auftreten konnte.
Nach der Einigung des Landes durch Qin Shi Huangdi bestand der Adel noch fort, doch spielte die geburtsmäßige Ungleichheit mit der Zeit eine immer geringere Rolle. Zwar waren das Kaiserhaus und seine Angehörigen weiterhin über alle anderen Menschen hinausgehoben. Bei ihnen war Ungleichheit nach wie vor in der adligen Abkunft verankert. Doch beim Rest der Bevölkerung verlor das Prinzip der Geburt weitgehend seine Geltung. Denn hier wurde die Verteilung der »freien« Stellen nicht durch Geburt, sondern aufgrund eines ganz anderen Prinzips geregelt. Man wählte die Tüchtigsten gemäß ihrem größeren Wissen und Können.
In China waren es keine Menschenfänger wie im osmanischen Reich, welche auf die Jagd nach dem schönsten, kräftigsten und intelligentesten »Menschenmaterial« gingen, um es dann für wichtige bis hin zu den höchsten Stellen im Staate abzurichten. Vielmehr wurden die begehrtesten Posten an Menschen vergeben, die mit Erfolg die staatlich vorgeschriebenen Prüfungen bestanden hatten. Im Prinzip standen die höchsten Stellen des Reichs jedem Chinesen offen. Sie wurden auch mit jeder Generation neu verteilt. Es gab keine Erblichkeit. Nur die höchste Stelle an der Spitze des Staates wurde von einem Mann eingenommen, der keine Prüfungen zu absolvieren brauchte. Doch wurde selbst der Kaiser keineswegs als unfehlbar betrachtet. Versagte er bei der ihm obliegenden Aufgabe, die Harmonie der Natur (keine Dürre und Überschwemmungen) und die Harmonie im Zusammenleben der Untertanen (sozialer Friede) zu sichern, konnte er nach chinesischer Vorstellung auch gewaltsam abgesetzt werden. Denn jeder hatte in diesem System für seinen Platz die nötigen Qualifikationen mitzubringen und sich anschließend auf ihm zu bewähren. Den staatlich geprüften Mandarinen wurde Macht über die Provinzen des Reichs nicht aufgrund irgendwelcher imaginären Vorrechte gewährt, sondern nach Maßgabe ihrer in zahlreichen Prüfungen erbrachten Fähigkeiten.
Gewiss, die faktische Ungleichheit von oben und unten war in China so akut und so drückend wie überall sonst auf der Welt. Aber der Protest dagegen forderte nicht das System als solches heraus. Wurde die Last unerträglich, dann bekämpfte man die Habgier einzelner Verwaltungsbeamter oder eines unersättlichen Hofs; das Prinzip der Auswahl der Tüchtigsten stand dabei nicht in Frage. Die Einmaligkeit Chinas bestand eben darin, dass alle Menschen grundsätzlich schon im Hier und Jetzt als gleich und gleichberechtigt galten. Anders als in Indien, Europa, Ägypten, bei den Inkas oder Azteken wurde die Gleichheit des Menschen weder grundsätzlich geleugnet noch auf das Jenseits beschränkt oder dorthin verlagert. In China setzte man sie als gegeben voraus. Es gab eine reale Gleichheit der Chancen. Alle Menschen erwarben mit der Geburt gleiche Rechte, und allen standen daher auch die gleichen Aussichten offen – wenigstens theoretisch. Praktisch konnten sich keineswegs alle Chinesen die teure Ausbildung für die Prüfungen an der Hanlin-Akademie auch tatsächlich leisten. Dennoch wurde das System im Großen und Ganzen als gerecht anerkannt. Die Legitimierung für die oberen zwanzig Prozent beruhte nicht auf angeblich natürlichen oder gottgewollten Unterschieden und Privilegien. Sie war durch objektiv ausgewiesene Leistungen in einem Prüfungssystem garantiert, das grundsätzlich niemanden aufgrund seiner Herkunft, seiner Rasse oder gar seiner Religion diskriminierte. Nur das Geschlecht sorgte auch in China für Diskriminierung. Frauen kamen nicht an die Akademie und rückten nicht in Regierungsposten auf. Sieht man von dieser auch im Reich der Mitte fortbestehenden Ungerechtigkeit ab, so kam China als einzige große Zivilisation ohne die Lüge der menschlichen Ungleichheit aus.
Aus der grundsätzlichen Anerkennung menschlicher Gleichheit gehen alle weiteren Besonderheiten Chinas hervor. Im Reich der Mitte war es nicht nötig, mit Hilfe eines gewaltigen ideologischen Apparats, bestehend aus einer Kirche und einer Rechtfertigungslehre, die Stellung einer herrschenden Minderheit zu begründen und abzusichern. Schon im sechzehnten Jahrhundert hatten sich die damals zum ersten Mal in größerer Zahl das Land aufsuchenden Abendländer – in erster Linie Jesuiten - gewundert, dass es so schwer war, in der Sprache dieses Volks eine angemessene Übersetzung für den Begriff eines persönlichen Gottes zu finden, wie er in der Bibel verwendet wird.[125]
Das Fehlen eines solchen Begriffs leuchtet ein. Zwar hatte der volkstümliche Daoismus schon immer eine Reihe von mehr oder weniger bedeutenden Funktionsgöttern gekannt, die Aufgabe aber, einen universellen Gott als überweltliche Projektion eines menschlichen Königs zu finden, stellte sich für die Chinesen nicht. Die weltliche Macht brauchte sich nicht auf den Willen eines übernatürlichen Wesens zu berufen, um ihren Entscheidungen das Signum der Unanfechtbarkeit aufzuprägen. Zwar war die Macht der Provinzgouverneure, die sich aus den Reihen der staatlich geprüften Absolventen der Hanlin-Akademie rekrutierten, nicht weniger groß als die eines europäischen oder indischen Fürsten. Aber sie bedurfte keiner übernatürlichen Rechtfertigung, weil sie auf einem System beglaubigter Leistung beruhte, das sich in den Augen der Bevölkerung durch sich selbst legitimierte.
So ist zu erklären, warum unter allen großen Agrarzivilisationen die weltliche Macht in China der Religion als Institution eine so ausgeprägte Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Verachtung, entgegenbrachte. Der Daoismus war für die unteren Volksschichten da; der Buddhismus, der nach der Zeitenwende aus Indien nach China gelangte, faszinierte die chinesischen Intellektuellen eine Zeitlang aufgrund seines eigentlich religiösen Gehalts, vor allem seiner komplexen Kosmologie und Philosophie. Doch die Vertröstungen des Mahayana-Buddhismus auf ein künftiges Paradies erschienen den vornehmen Intellektuellen als bloße Lockmittel, um die Massen damit zu verführen. Das war Aufklärung lange vor ihrer Geburt in Europa.
Der größte Unterschied zu anderen großen Agrarzivilisationen manifestierte sich aber im Misstrauen gegenüber der Priesterschaft. Da die Mandarine ihre Legitimation der eigenen Leistung und nicht der Geburt verdankten, kamen sie ganz ohne Gottesgnadentum aus. Sie bedurften keiner von Priestern konstruierten göttlichen Legitimation. Daraus erklärt sich ihre ambivalente Haltung gegenüber den buddhistischen Mönchen. Als die Mandarine bemerkten, dass diese zunehmend an Macht gewannen, waren es Intellektuelle der Tangzeit wie der Dichter Han Yu (768 - 824), die darin eine Gefahr für die zivile Ordnung erblickten und zur Vertreibung der Buddhisten aufriefen. Seit dem neunten nachchristlichen Jahrhundert kehrten die geistigen Führer Chinas dem Buddhismus den Rücken und wandten sich mit aller Entschiedenheit zu ihren weltanschaulichen Wurzeln zurück, dem in religiösen Dingen agnostisch bis kritisch eingestellten Konfuzianismus. Die Frage nach Gott war für Konfuzius unerheblich gewesen. Mit solchen Problemen brauchte und sollte sich der gebildete und seinem Land als weltlicher Herrscher dienende Literat nicht befassen.
Dieselbe Ambivalenz – zunächst eine gewisse Faszination, dann entschiedene Distanzierung - kennzeichnete das Verhalten der intellektuellen Elite gegenüber dem Christentum, mit dem China im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert Bekanntschaft machte.
So bestätigt die Ausnahme China die zuvor beschriebene Regel. Aufgezwungene Ungleichheit bedarf der ideologischen Rechtfertigung. Für diese wurde im Allgemeinen die Religion missbraucht. Dagegen spielt Religion als Machtmittel zur Betäubung der Massen nahezu keine Rolle, wenn die Gleichheit der Menschen schon im Diesseits anerkannt wurde und man allen prinzipiell die gleichen Chancen gewährte. Wie überall sonst war auch in China das Volk auf der Suche nach religiösen Heilslehren. Es bezeugte damit das allgemein menschliche Streben nach den nicht durch Macht diktierten Funktionen der Religion. Aber auf Religion als Mittel zur Zähmung der Massen konnten die Philosophen-Herrscher im Reich der Mitte verzichten. Das religiöse Denken und Erleben ging bei ihnen in eine Richtung, die frei war von den Einflüsterungen der Macht. Viele von ihnen neigten der Naturmystik zu, jener intellektuellen und gefühlsmäßigen Deutung der Natur als eines harmonischen Ganzen, wie sie auf die wohl vollkommenste und auch für uns bis heute nachzuempfindende Weise in den wunderbaren Tuschbildern der großen Sungmeister ihren ästhetischen Niederschlag fand.
Die Gouverneure im Reich der Mitte waren aufgeklärte Herrscher, die sich alle Spekulationen über das Jenseits als unnütz verboten. Ihre Ausbildung hatte sie zu Rationalisten und Ästheten gemacht. Die Texte, die sie in den Prüfungen auswendig zu lernen und zu kommentieren hatten, bestanden aus den Moralvorschriften des Konfuzius und seiner Nachfolger, bereichert um Texte aus der alten Geschichte (Shu-jing) und der klassischen Dichtung wie dem Buch der Lieder (Shi-jing) etc. Als Provinzgouverneure waren diese mit Regierungsbefugnis ausgestatteten Philosophen praktische Optimisten, die ihr Handeln an dem Grundsatz orientierten, dass eine moralisch richtige Lenkung des Reichs Wohlstand und Zufriedenheit der Bevölkerung verlässlich zu sichern vermochte. Dabei gab es für sie keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Harmonie in den beiden Bereichen von Natur und Gesellschaft. In beiden sollte ein Gleichgewicht herrschen, nämlich zwischen den einander ergänzenden Prinzipien von Yin und Yang. Wie es schon Max Weber in seiner berühmten Analyse formulierte, ging es den chinesischen Herrschern darum, den Wohlfahrtsstaat zu realisieren.[126] Denn Harmonie unter den Menschen war für sie eine Spiegelung des kosmischen Gleichgewichts.
Dieser Gleichklang von Natur und Gesellschaft lag nach chinesischer Auffassung nahe, weil der Mensch ein Teil der natürlichen Ordnung war und deren Harmonie daher auch der Ursprung des sozialen Gleichklangs sein musste. So wie falsche Eingriffe in die natürliche Umwelt des Menschen deren Geist - bzw. die in ihr wohnenden Geister - verletzen musste, so konnte moralisch falsches Handeln Unruhe bis hin zum Aufruhr in die Gesellschaft tragen. Im ersten Fall war die Kunst der Geomantie (Feng Shui) gefragt, um den Schaden zu reparieren, im zweiten die Kunst eines moralisch und rituell aufrechten Herrschers. Disharmonisch war im sozialen Bereich alles, was das Gleichgewicht störte, z.B. allzu große Unterschiede in der Verteilung des Reichtums und überhaupt jede Art von Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Dazu gehörten auch alle Neuerungen, welche die etablierte Ordnung bedrohten.
Die in China vorherrschende Anerkennung menschlicher Gleichheit und die daraus folgende Abwesenheit der ideologischen Verklärung einer Geburtselite machen begreiflich, warum die Aufklärer des 18. Jahrhunderts so erstaunt auf das Reich der Mitte blickten. Das war ein Land, in dem nicht Fürsten im Namen Gottes regierten und sich dabei ihre geistige Munition von einer vermeintlich unfehlbaren Priesterschaft holten, sondern es herrschten selbstgewisse weltliche Philosophen.
Unter allen großen Agrarzivilisationen gebührt China zweifellos der Ruhm, Religion und Gottesidee nicht für die Lügen der Macht in Anspruch genommen zu haben. Auch die chinesische Naturmystik der Mandarine war Religion, doch diese brauchte und benutzte man nicht als Opium für das Volk.
Und China weist noch eine weitere Besonderheit auf. Nach Ende der Feudalzeit, also schon seit Beginn der Han-Dynastie zweihundert vor Christus, genoss die bewaffnete Macht in China keine hohe, geschweige denn eine führende Stellung. Die Verachtung der Mandarine für den militärischen Stand ist eine bekannte und auf den ersten Blick schwer verständliche Tatsache. Warum kamen die chinesischen Literaten-Herrscher gegenüber der eigenen Bevölkerung weitgehend ohne die Macht des Schwertes aus? Dafür ist eine Ursache ausschlaggebend, die schon oben erläutert wurde. Die Macht dieser Herrenschicht beruhte nicht auf Geburt und einer diese rechtfertigenden menschlichen Ungleichheit, sondern auf einem allen zugänglichen Prüfungssystem, das auf dem Prinzip menschlicher Gleichheit aufbaute. Deshalb konnte das chinesische Sozialsystem ohne die dauernde Androhung von Gewalt aufrechterhalten werden. Man brauchte ein Heer, um die von jenseits der Großen Mauer einfallenden Nomaden zurückzudrängen. Doch ohne diese äußere Bedrohung wäre das Reich der Mitte vermutlich ganz ohne eine stehende Militärmacht ausgekommen. Von einer Ver-Herr-lichung der Gewalt und des Tötens konnte in China jedenfalls keine Rede sein. Sache der Herren waren der Pinsel, die Kalligraphie, das gelehrte Gespräch über die großen Denker und Dichter der Vergangenheit. Das Schwert war in den Augen der Mandarine eine Sache nicht von Herren sondern von ungebildeten Rohlingen und Barbaren. Anders als beim europäischen Adel prangten weder Löwen noch Adler oder sonstiges Raubzeug auf den Wappen der Literaten.
Welch ein Gegensatz zu Indien und Europa, wo Macht sich vorzugsweise mit den Attributen des Tötens und Strafens schmückte! Weltliche Machthaber pflegten überall auf der Welt ungebildet zu sein und sich dieser Unbildung auch noch zu rühmen, denn alles Bücher- und sonstige Wissen überließ man den Pfaffen und anderen als weibisch verachteten Schichten. Zwar hat es von dieser Regel immer wieder bemerkenswerte Ausnahmen gegeben - Alexander, Akbar, Napoleon zum Beispiel, um nur die größten zu nennen - aber im allgemeinen galt nur der Kult der Waffen als standesgemäße Beschäftigung für Adler und Löwen.
Die gebildeten Mandarine sahen in den Trägern der physischen Gewalt bestenfalls ein notwendiges Übel. Anders als in fast allen anderen Hochkulturen gehörte es nicht zum Ethos der führenden Klasse, aus dem Töten ein nobles Handwerk der Edlen zu machen. Daraus erwuchs dem Reich dann allerdings die militärische Schwäche, die im 19. Jahrhundert zu seiner Besetzung führte. Das hat die Chinesen unter Mao den Schluss ziehen lassen, dass ihre damalige Weltanschauung nichts wert gewesen sein konnte. So haben sie inzwischen einen ganz anderen Pfad beschritten. Heute macht China so ziemlich alles anders als in der Vergangenheit.
Im osmanischen Reich und in China wurden Annäherungen an die Wahrheit gefunden. Man fügte sich den mit der Agrarwirtschaft entstandenen Zwängen, ohne dass man die Gleichheit des Menschen ideologisch ableugnen und damit die Lüge inthronisieren musste. So ist es der Macht gelungen, sich mit den Beherrschten im gegenseitigen Einverständnis zu arrangieren. Aber es gab noch eine zweite Annäherung, die nicht von den Herrschern sondern von den ohnmächtigen Beherrschten, der Masse der Bevölkerung, ausging.
Dazu müssen wir uns erneut der Psycho-Logik der Macht zuwenden, aber diesmal nicht auf Seiten der Herrschenden sondern der der Beherrschten. Denn dass auch die letzteren Macht besaßen, geht ja schon daraus hervor, dass die Herrschenden sich immer wieder genötigt sahen, sie zu belügen, um sie besser dirigieren zu können. Es gibt daher nicht nur eine Psycho-Logik der Macht, sondern ebenso eine solche der Gegenmacht, eben der Beherrschten – und beide stehen in einem engen wechselseitigen Verhältnis. Die eine setzt alle Mittel der Überredung, der Verführung, der Konditionierung ein, um die Zwecke der Herrschaft durchzusetzen; die andere sieht ihr Ziel umgekehrt darin, Herrschaft so weit wie nur möglich einzudämmen oder zumindest erträglich zu machen. Wir kennen das wichtigste Instrument der Herrschenden. Es ist Religion als geistige Hilfsmagd. Aber welches Instrument stand den Beherrschten zur Verfügung?
Sie haben sich einen anderen Bundesgenossen gewählt, indem sie sich hinter den Traditionen verschanzten. Diese wichtige Rolle der Tradition ist allerdings kaum je verstanden worden, am wenigsten von den Aufklärern des 18. Jahrhunderts, die in ihr nur ein dumpfes Festhalten am Hergebrachten erblickten.
Es ist überraschend, in welch hohem Grade es der Tradition gelang, sich als eigenständige Macht neben der weltlichen und geistlichen zu behaupten. Gleichgültig ob man »primitive« Gesellschaften oder Hochkulturen betrachtet, überall ist ihr allgegenwärtiger und alles durchdringender Einfluss bezeugt. Ihr gegenüber ist die weltliche Macht oft ebenso ohnmächtig wie die Vertreter der Religion. Die Leute tragen eine bestimmte Kleidung, bauen ihre Häuser, essen, grüßen und feiern, verrichten die alltäglichen Riten, regeln die Besitzverhältnisse und die Zeremonien auf je eigene Weise. All dies tun sie nicht, weil bestimmte andere Menschen, zum Beispiel ihre Priester oder Könige es so verordnen, sondern weil das Herkommen es so und nicht anders gebietet. Traditionen, genauer gesagt, die an ihnen festhaltenden Menschen, weisen oft eine so große Stärke auf, dass die weltliche oder geistliche Macht sie, wenn überhaupt, nur unter schwersten Kämpfen zu ändern vermag.
Für Außenstehende, vor allem für Europäer im Zeitalter der »Lumières«, war es eine stets von neuem befremdliche Erfahrung, dass Menschen anderer Kulturen sich so selten um Begründungen für ihre oftmals völlig unverständlich oder bizarr erscheinenden Bräuche und Sitten bemühten. Schon Herodot hatte mit seinem ethnographischen Werk über die abenteuerlichen Gepflogenheiten der umliegenden Barbarenvölker die kopfschüttelnde Neugierde seiner griechischen Landsleute erregt. Warum taten die anderen, was sie taten? Darauf war in den meisten Fällen keine Antwort zu finden. Das Unverständnis meldete sich nahezu zweitausend Jahre später von neuem. Auf seiner Reise ins ferne Mongolenreich beschrieb Marco Polo die seltsamen Vorlieben exotischer Völker. Wieder erhob sich die Frage. Warum herrschten andernorts so seltsame Sitten?
Erst die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts glaubte darauf eine abschließende Antwort zu besitzen. Sie dekretierte, dass Traditionen der Inbegriff menschlichen Aberwitzes, krasser Unvernunft und bornierten Festhaltens an Gewohnheiten seien. Die Aufklärer konnten in ihnen nichts anderes sehen als eine Unterdrückung des gesunden Menschenverstandes. „Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts gehört es zur Wohlanständigkeit, alles, was sich nur von ferne mit abergläubischen Überzeugungen berühren könnte, zu verabscheuen.“[127]
Die seltsamen Erklärungen, mit denen Traditionen gewöhnlich begründet werden, scheinen diesen Abscheu zu rechtfertigen. In der Regel werden nur Scheinerklärungen vorgebracht. Zum Beispiel der Hinweis auf einen Mythos der fernsten Vergangenheit oder auf den Willen eines übermenschlichen Wesens. Mit anderen Worten, ein Deus ex Machina wird in derartigen Fällen bemüht. Oft aber wird nicht einmal der Versuch einer Erklärung gemacht. Fragt man eine Balinesin, warum sie den bösen Geistern an jedem Morgen auf ganz bestimmte Art ein Opfer darbringe, so ist ihre Antwort »Adat«. Das heißt so viel wie Brauch oder: „Das ist eben so“. Man hat es von jeher getan, und deswegen muss es auch hier und jetzt wieder geschehen. Eine Welt, in der man solche Handlungen nicht verrichten würde, erscheint gar nicht denkbar. Solange man sich erinnern kann, wurde eben nie etwas anderes gemacht oder für richtig befunden. In Kulturen, die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang isoliert von anderen existierten, so dass die Menschen mit anderen Bräuchen nie in Berührung kamen, ist eine solche Auffassung verständlich. Handlungen, die seit Menschengedenken immer auf gleiche Art ausgeführt wurden, erscheinen am Ende so notwendig und unabänderlich wie das allmorgendliche Krähen des Hahns oder der tägliche Aufgang der Sonne. Den Menschen wächst ihre Kultur sozusagen mit der Zeit auf den Leib: Sie scheint nicht länger ein von Menschen gemachtes Werk zu sein, das man auch abändern oder gar abschaffen könnte, sondern wird zu einer Art von zweiter Natur. Dass man bei Müdigkeit gähnt und den Geistern des Morgens Opfer bringt, erscheint auf gleiche Art natürlich und unabänderlich.[128]
Die beißende Kritik der Aufklärer an allen Überzeugungen und Handlungen, die der Mensch ohne kritische Prüfung durch die Vernunft einfach von anderen übernimmt, war bis zu einem gewissen Grade berechtigt.[129] Es ist nicht einzusehen, warum die eine Kultur den Genuss von Schweinen als Todsünde verwirft, während die andere es als gängiges Nahrungsmittel behandelt. Man begreift nicht, warum die Kuh bei den einen so heilig ist, dass man sich gern mit ihrem Urin besprengt und Dämonen mit ihrem Dung vertreibt, während andere Völker sie ohne Bedenken verzehren. Es ist nicht zu verstehen, warum Leichen bei den einen nur von Geiern verzehrt, von den anderen nur verbrannt und von den dritten stets in der Erde vergraben werden. Und dies sind nur besonders spektakuläre Ausprägungen der Tradition. Ihre eigentliche Macht beweist sie ja darin, dass sie auch noch die kleinsten Details des täglichen Lebens beherrscht.
Es ist verständlich, dass die Aufklärer über Tradition nicht anders als spotten konnten. Sie sahen darin einen Feind allen Fortschritts und aller Entwicklung, denn per definitionem sind Traditionen eine Kraft der Beharrung. Sie sind überdies auch ein mächtiges Instrument der Lüge, weil es einfach nicht wahr ist, dass ein Zustand nur deshalb der beste ist, weil man keinen anderen kennt oder kennen möchte.
Und doch hat die Aufklärung in ihrer Kritik das Wesentliche ganz übersehen. Sie bewies zwar den größten Scharfsinn, als sie die fehlende Begründung der meisten Bräuche und Sitten hervorhob. Aber sie vermochte nicht zu erkennen, welchen außerordentlichen Wert Traditionen, mochten sie auf den ersten Blick noch so unsinnig und unbegründbar erscheinen, dennoch für diejenigen besaßen, die sich mit äußerster Beharrlichkeit an sie klammerten. Denn die Tradition erfüllte tatsächlich eine zentrale Funktion, und sie erfüllte sie besser als irgendein anderes Instrument: Tradition diente als Bollwerk gegen die Macht. An ihr festzuhalten lag in der Psycho-Logik der Gegenmacht. Traditionen waren die wirksamste Waffe der Bevölkerungsmehrheit gegen die Willkür und Diktate von oben.
Damit verwirklichte sie genau jenes Programm, das für die Aufklärung bis hin zu Marx eines der wichtigsten Anliegen war: die Beendigung oder Eindämmung der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Für diese verborgene Rationalität der Tradition blieb die Aufklärung blind, weil sie nur das Fehlen von unmittelbar sichtbarer Rationalität in den Blick bekam. In ihrem Bestreben, den vordergründigen Irrationalismus der Tradition zu entlarven, entging der Aufklärung deren tiefer liegender durchaus rationaler Sinn: die Psycho-Logik der Gegenmacht. Sie übersah ganz und gar, welches existenzielle Bedürfnis die Tradition für die Menschen erfüllte. Je stärker das Herkommen war, je umfassender und detaillierter seine Anweisungen, umso kleiner war der Bereich, der für die direkte Machtausübung der herrschenden Schicht und die damit verbundene Willkür noch übrig blieb.
Man kann, so scheint mir, durchaus behaupten, dass die große Ungerechtigkeit menschlicher Ungleichheit durch kein anderes Instrument so wirksam gemildert und für die Menschen erträglich gemacht worden ist wie durch eine machtvolle Tradition. Natürlich wurde die Ungleichheit selbst dadurch keinesfalls aufgehoben. Die Abgaben und Fronleistungen der einen Schicht für die andere blieben bestehen, daran änderte sich nichts, wenn sie aufgrund einer unverbrüchlichen Tradition festgelegt wurden statt immer aufs Neue willkürlich von oben bestimmt zu werden. Aber wenn diese Abgaben und Fronleistungen durch eine starke Tradition innerhalb bestimmter Grenzen fixiert worden waren, dann wirkte das Herkommen als Instrument der Machtbeschränkung.
Vielleicht noch wichtiger war es, dass Macht erst durch Tradition erträglich wurde. Der Ungleichheit wurde ihr ärgster Stachel genommen, wenn sie nicht jedes Mal von neuem als kränkende Unterwerfung unter die Forderung der Mächtigen erfahren wurde, sondern ein Gesetz darstellte, das aufgrund seiner Verwurzelung in der Vergangenheit und den überkommenen Geboten als objektiv und daher unanfechtbar erschien. Denn Menschen werden durch nichts so sehr verletzt wie durch die Übermacht, Arroganz und Willkür anderer Menschen. Tradition lief dagegen auf einen Tausch von Objektivität gegen Willkür hinaus. Einer seit eh und je bestehenden Regel konnte man sich gleichmütig unterwerfen, ohne dabei Erniedrigung zu empfinden, während die Willkür anderer Menschen die von ihr Betroffenen zu Dienern oder Sklaven erniedrigte.
So war Tradition mit ihrer in die Augen springenden, äußeren Irrationalität nicht mehr und nicht weniger als ein Schutzschild der kleinen Leute unter den Bedingungen menschlicher Ungleichheit. Das verlieh ihr eine verborgene Rationalität. Sie war eine Strategie, um mit diesen Bedingungen auf die bestmögliche Art fertig zu werden. Sie erleichterte das Los der dienenden Schichten.
Aus dem Nutzen der Tradition für die Bevölkerungsmehrheit erklärt sich ihre Allmacht in der vorindustriellen Gesellschaft. Dort war sie der weitgehend gelungene Versuch, den Traum von der herrschaftsfreien Gesellschaft, den gerade die Aufklärung neu belebte, auf eigene Art zu verwirklichen. Traditionen brauchten nicht vernünftig zu sein, wenn sie nur den durchaus vernünftigen Zweck erfüllten, der Masse der Beherrschten ein berechenbares menschliches Umfeld zu bieten. Im Hinblick auf diesen primären Zweck fiel es weniger ins Gewicht, ob Traditionen darüber hinaus den durchaus sinnvollen Zweck erfüllten, das einmal Bewährte festzuschreiben oder ob sie starrsinnig jede Änderung als solche verdammten.
Dennoch war auch hier ein hoher Preis zu zahlen. Die Ideologie der menschlichen Ungleichheit und die dagegen in Stellung gebrachte Waffe der Tradition haben jede auf eigene Weise Verwüstungen angerichtet. Der Preis, der für die Tradition bezahlt werden musste, bestand in der Erstarrung der Institutionen und der Abtötung der natürlichen Neu- und Wissbegierde des Menschen. Der Schaden, der von den Beherrschten ausging, war in einer Gesellschaft der Ungleichheit daher nicht weniger groß als derjenige, den die Herren zu verantworten hatten. Denn das Festhalten an Traditionen hat auf viele Gesellschaften eine erstickende Wirkung gehabt und sie geradezu in ihren Gewohnheiten versteinern lassen. Diesen empirisch tausendfach bestätigten Sachverhalt drückt Lévi-Strauss im »Wilden Denken« folgendermaßen aus. »Die primitiven Gesellschaften versuchen mit Hilfe der Institutionen, die sie sich geben, auf beinahe automatisch wirkende Weise die Wirkungen auszuschalten, welche die Einflüsse der Geschichte auf ihr Gleichgewicht und ihre Kontinuität haben könnten... «.[130] Wenn man das Wort Geschichte hier durch ihre konkreten Akteure, nämlich die Herren ersetzt, so ist das eine exakte Diagnose, die jedoch für beinahe sämtliche Gesellschaften bis zur Schwelle der Neuzeit gilt.
Die Geschichte der großen Agrarkulturen kann man auch als eine Geschichte erfolgreicher Denkdressuren verstehen. Unter dem Einfluss dieser Dressur, die das Denken den Geboten der Macht unterwarf, wurde die Gewissheit von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen, vom Unheil des Krieges etc. in den Untergrund abgedrängt.
Der Ausbruch aus dieser Dressur ist uns erst vor etwa zweihundert Jahren gelungen. Er ist also noch sehr jungen Datums. Ohne den Übergang von der Agrarkultur zur industriellen Gesellschaft wäre er nicht möglich gewesen. Denn erst die industrielle Mutation führte eine Umwälzung der materiellen Grundlagen herbei. Zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen wurde es möglich, an die Stelle menschlicher Sklaven leblose Maschinen zu setzen, die nicht nur dieselbe Arbeit sondern ein Vielfaches davon zu leisten vermochten. Seit diesem Umbruch ging die Zahl der auf dem Lande arbeitenden Menschen stetig zurück, ohne dass die Versorgung der gesamten Bevölkerung mit Nahrung darunter gelitten hätte.
Der Wandel geht aus den Zahlen deutlich hervor. Zwischen 1500 – 1800 waren in Deutschland noch etwa achtzig Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt,[131] um 1900 waren es schon weniger als 40 Prozent, im Jahre 2000 war dieser Wert auf ca. drei Prozent zusammengeschmolzen. Immer mehr der bis dahin in der Landwirtschaft tätigen Menschen wurden dort nicht länger gebraucht. Mechanisierung spielte in dieser Entwicklung zunächst noch keine Rolle. Wichtig war zunächst die effizientere Nutzung des Bodens durch Feldfrüchte wie die Kartoffel, ebenso eine bessere Fruchtfolge und eine gezielte Anreicherung des Bodens mit wichtigen Nährstoffen. Sehr viel später setzte dann die eigentliche Mechanisierung der Landwirtschaft mit Traktoren, Melkmaschinen und anderen Hilfsmitteln ein. Alles zusammen – die stetig vertiefte Naturerkenntnis und schließlich die Ersetzung menschlicher Arbeit durch die von Maschinen – löste jene Entwicklung aus, die in unserer Zeit darin gipfelt, dass ein fortgeschrittenes Land wie Deutschland die eigene Nahrungsversorgung nahezu ohne den Einsatz von Menschen betreibt. Fügt man den unmittelbar in der Landwirtschaft tätigen drei Prozent der Bevölkerung die mittelbar im Handel und mit der Weiterverarbeitung von Nahrungsgütern Beschäftigten hinzu, dann bleiben immer noch an die neunzig Prozent, die jenseits der Nahrungsfürsorge tätig sind. Diese wenigen Menschen sind sogar in der Lage, Nahrung für weit mehr Menschen bereit zu stellen als dies ganze achtzig Prozent der Bevölkerung gegen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts vermochten. Das war ein Wandel in den materiellen Bedingungen, der alle übrigen nach sich zog. Statt maximal zwanzig Prozent waren jetzt an die 97 Prozent »freier Stellen« verfügbar.
Und die verbliebenen drei Prozent der in der Nahrungsversorgung tätigen Menschen können sich zudem grundlegend verbesserter Bedingungen erfreuen. Keine Regierung ist darauf angewiesen, sie mit Hilfe militärischer und ideologischer Macht an die Scholle zu ketten. Bauern sind heute so frei und unabhängig wie der Rest der Bevölkerung. Ihr Einkommen ist so weit gestiegen und ihre Arbeitsbelastung so weit gesunken, dass kein Unterschied mehr zum Durchschnitt der übrigen Bevölkerung besteht. Die landwirtschaftliche Tätigkeit ist daher heute weder Fron noch Sklavenarbeit, was sie in den großen Agrarzivilisationen meistens gewesen ist. Sie ist ein „Job“ wie jeder andere auch. Mit anderen Worten: der Unterschied zwischen freien und unfreien Stellen hat heute seine Bedeutung verloren. Die Gleichheit der Menschen, die unter den Bedingungen der Agrarzivilisation nur in ganz wenigen, meist sehr kleinen Stammesgesellschaften realisiert worden war, hat sich mit dem Übergang zur Industriegesellschaft in relativ kurzer Zeit herstellen lassen.
Tatsächlich liegt nach nur zweihundert Jahren Siegeszug der Maschine und der damit einhergehenden Expansion unseres naturbezogenen Wissens die Vergangenheit erzwungener menschlicher Ungleichheit schon so weit zurück, dass sie uns heute nur noch wie ein Märchen erscheint – ein Märchen aus ferner, kaum noch verstandener Zeit. Im Grunde haben wir nach zehntausend Jahren eines schmerzhaften Intermezzos wieder zum Anfang und längsten Teil unserer Geschichte zurückgefunden – wenn auch auf ungleich höherem technologischen Niveau. Denn Jägern und Sammlern war bereits eine weitgehende Angleichung an den Zustand menschlicher Gleichheit gelungen.
Die Denkdressur der vergangenen zehntausend Jahre setzte eine willkürliche Einteilung der Menschen voraus. Aufgrund ihrer Geburt sollten die Höhergeborenen gewisse Eigenschaften besitzen, die den Niedriggeborenen fehlten. Erst Aufklärer des 18. Jahrhunderts wie Lessing wagten offen auszusprechen, was man vorher allenfalls denken durfte: »Die Natur kennt diesen hassenswerten Unterschied nicht, den die Menschen zwischen sich machten. Sie teilt die Qualitäten des Herzens ohne Vorzug für die Adligen und Reichen aus«.[132] Und Jean-Jacques Rousseau spricht es in aphoristischer Bündigkeit aus: »Der Mensch ist frei geboren, aber überall liegt er in Ketten«.[133]
Das unterschwellig von jeher vorhandene Bewusstsein von der Gleichheit des Menschen musste mit aller Kraft verdrängt und niedergehalten werden. Das geschah, indem man an die Stelle nicht existenter natürlicher Unterschiede künstliche setzte. Durch herrschaftliche Kleidung, durch die Erziehung zu »vornehmem« Auftreten, durch einen besonderen Ton und besondere Manieren wurden artifizielle Grenzen errichtet. Hatte die künstliche Erzeugung von Übermenschen ihre ganze Wirkung entfaltet, dann erwies sich die Ideologie schließlich als selbsterfüllende Prophezeiung. Am Ende waren tatsächlich unterschiedliche Klassen oder gar Kasten entstanden, die sich in Auftreten, Habitus, Denkweise und oft in ihrem Aussehen stark unterschieden. Einem fremden Beobachter musste eine Dame aus dem Hochadel des Ancien Régime wie ein Paradiesvogel erscheinen, der in seinem prächtigen Aussehen und Gehabe nichts mit der zerlumpten Frau gemeinsam hatte, die, von schmutzigen Kindern umgeben, aus einer niedrigen Dorfkate trat. Beide waren einander so fremd und sozial so weit voneinander entfernt, als gehörten sie verschiedenen Spezies an. Obwohl reines Menschenwerk und deshalb nirgendwo in der biologischen Natur des Menschen verankert, war dieser Unterschied für die Betroffenen doch deswegen nicht weniger folgenreich.
Die Revolution im neuen Zeitalter der Maschinen bestand wesentlich darin, dass künstliche Unterschiede von nun an entbehrlich wurden und daher auch Gewalt und Glauben (Ideologie), mit denen man sie früher begründen und aufrechterhalten musste. An ihre Stelle traten nun die nachweisbar vorhandenen Eigenschaften. Es zählten die objektiv gegebenen natürlichen Unterschiede: die größere Willensstärke, der größere Fleiß, die hervorragende Erfindungsgabe, die Fähigkeit zu logischem Denken, das mathematische Genie etc. Alle von der Gesellschaft vergebenen Stellen standen nun grundsätzlich jedem entsprechend seinen natürlichen Begabungen offen. Diese Objektivierung war kein historischer Zufall, keine philosophische Entdeckung oder philanthropische Laune. Sie ergab sich aus den veränderten Lebensbedingungen. Es wäre unsinnig gewesen, die Stellung eines Mathematikers, Musikers, Ingenieurs oder Kernphysikers aufgrund der Geburt zu verteilen. Während einige Menschen fähig sind, in der Mathematik die größten Leistungen zu vollbringen, besitzen andere dafür kein oder nur ein rudimentäres Talent. Während aus anderen hervorragende Musiker werden, besitzen viele dafür weder Neigung noch Fähigkeit.
Darin bestand der eigentliche Gegensatz zu früheren Zeiten. Niemand hatte bis dahin die unteren achtzig bis neunzig Prozent Bevölkerungsmehrheit nach ihren natürlichen Anlagen gefragt. Sie mussten Bauern werden. Dafür hatten sie tauglich zu sein. Und umgekehrt spielte Tauglichkeit auch keine Rolle bei den maximal zwanzig Prozent der weltlichen und geistlichen Herrscher. Auch im Klerus entstammten die meisten Amtsträger und Pfründenberechtigten dem Adel und wurden so in Privilegien hineingeboren. Das Vorrecht der Geburt öffnete der oberen Schicht diese Stellen auch dann noch, wenn sie geistesverwirrt oder schwachsinnig waren wie etwa Nero oder Heinrich VIII. von England. Selbst dann konnten sie sich auf ihrem Thron behaupten - zum Unglück der Untertanen.
Die neue Ordnung räumte mit dieser Ungerechtigkeit auf. Jeder Mensch durfte nun aufgrund seiner natürlichen Fähigkeiten den für ihn am besten geeigneten Platz einnehmen. Der Gegensatz zwischen wenigen »freien Stellen« und den vielen unfreien Stellen der Nahrungsbasis war damit aufgehoben. Wer über das entsprechende Wissen und Können verfügte oder beides durch die dazu nötige Ausbildung erwarb, kam für alle verfügbaren Stellen in Frage.
Mit dem Aufkommen der industriellen Zivilisation gehört die prinzipielle Ungleichheit zwischen Oben und Unten der Vergangenheit an. Zehntausend Jahre lang hatte diese Ungleichheit die oberen zwanzig Prozent, also den Adel und eine mehr oder weniger große Schicht an Klerikern und Handwerken, der großen Mehrheit der Feldarbeiter gegenüber gestellt. Der Adel ist heute nur noch Erinnerung – wenn auch eine im verklärenden Rückblick zum Märchen veredelte. Mit seinen Rittern, Prinzessinnen und Drachentötern lebt dieses Märchen, das in der Vergangenheit so selten wirklich idyllisch war, nur noch in der Phantasie der Nostalgiker fort.
Professoren, Künstler, Konzernherren und Bankmagnaten werden in ihre Stellungen nicht hineingeboren, sie bilden keinen Geburtsadel mehr, sondern eine »Meritokratie«. Ihre Stellung verdanken sie der natürlichen Begabung oder einem erworbenen Wissen und Können. In dieser Richtung verlief jedenfalls die allgemeine Entwicklung, obwohl deutliche Tendenzen vor allem in den USA in gegenläufiger Richtung erkennbar sind - Tendenzen, die neuerlich auf die Herausbildung von Familiendynastien und damit einer neuen Klassengesellschaft zielen. Doch handelt es sich dabei um Nebenarme und Seitenströmungen der Entwicklung. In ihrer großen Mehrheit bildet die neue Elite eine durch Ausbildung und Prüfung ausgewiesene Schicht wie einst die Mandarine des chinesischen Kaiserreichs. Diese Meritokratie bedarf keiner ideologischen Rechtfertigung für ihre gehobene Stellung. Ebenso wie damals das »chinesische System« kommt sie ohne göttliche Rechtfertigung aus und ohne eine für dafür zuständige Priesterschaft. Die Rekrutierung von Konzernherren, Ingenieuren, Bankiers, Lehrern und Professoren erfolgt mit Hilfe eines allen zugänglichen Prüfungsapparates, ähnlich wie die Auslese der Gouverneure in China durch die Hanlin-Akademie. Seit der französischen Revolution ist die große Mehrheit der Menschen davon überzeugt, dass Einkommen und Vermögen, um sozial akzeptiert zu werden, ihren Ursprung nicht in der Geburt haben dürfen, sondern nur in individuellem Fleiß und persönlicher Tüchtigkeit. Der Spuk der ideologischen Begründung der materiellen Ungleichheit ist mit der industriellen Revolution verflogen. Wir leben in einer neuen und in dieser Hinsicht zweifellos auch einer besseren Welt.
Zu Anfang der industriellen Entwicklung schien diese Richtung noch weniger klar. Denn in der Kinderzeit der Industrialisierung, die sich in England bis gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erstreckte, hat sich das Unglück der dienenden Schichten zunächst noch vergrößert. Vielleicht kann man sogar behaupten, dass es zwischen 1770 und 1830 einen einsamen Höhepunkt erreichte, größer als das frühere Elend der abhängigen Bauern.[134]
Solange die Menschen noch auf dem Lande beschäftigt waren, hat ihre Unterdrückung bestimmte Grenzen kaum überschritten. Man konnte ihnen mit Hilfe entsprechender Gesetze eine billige Kleidung vorschreiben und die Größe ihrer Häuser von Staats wegen begrenzen. Man konnte auch dafür sorgen, dass sie zwar besonders schmackhafte Feldfrüchte für ihre Herren anbauten aber diese nicht selbst essen durften. In der einen oder anderen Form ist das weltweit geschehen; aus Japan sind den Historikern entsprechende Gesetze bekannt, Vorschriften, die bis ins Detail bestimmten, was ein Bauer für den Eigenbedarf alles nicht gebrauchen oder besitzen durfte. Aber eines durften diese Gesetze natürlich niemals bezwecken: eine systematische Aushungerung der Bauern. Das hätte ihre Leistung beeinträchtigt. Hier herrschte von Seiten der Herren dasselbe Verhältnis gegenüber dem für ihn arbeitenden Landmann wie zwischen diesem und seinen tierischen Sklaven, d.h. den Pferden und Ochsen, die seinen Pflug ziehen mussten, oder den Kühen, von denen er Fleisch und Milch bezog. Der Bauer wusste genau, dass man eine Kuh nicht töten, sondern gut nähren musste, wenn man sie melken wollte, er wusste, wie viel Hafer ein Pferd und wie viel Heu ein Ochse benötigten, um für den Pflug kräftig genug zu sein. Ebenso lernten auch die Herren sehr bald aus Erfahrung, wie weit sie bei der Ausnutzung ihrer menschlichen Arbeitstiere allenfalls gehen durften. Diese Grenze zu überschreiten war sinnlos, weil die Erträge dann nicht mehr wuchsen, sondern völlig in sich zusammenbrachen. Wurde die Ausbeutung unerträglich, verließen die Bauern in Scharen das Land oder rotteten sich zum Aufruhr zusammen.
Solche Vorsicht von Seiten der Herren war nur dann überflüssig, wenn häufige Kriege einen reichen und unablässigen Nachschub an menschlichen Arbeitstieren erbrachten. Unter diesen Umständen konnten etwa die römischen Grundbesitzer ihre Sklaven ohne Rücksicht auf deren Gesundheit schinden, sie konnten in ihren Bergwerken Menschen verschleißen und bei Gladiatorenspielen und anderen Vergnügungen öffentliche Opfer von Gefangenen zelebrieren. Doch selbst Rom, dessen ständige Expansion nicht zuletzt von seinem Bedarf an menschlichen Arbeitstieren getrieben wurde, stieß an die Grenzen dieser Versorgung, als es schließlich eine maximale Ausdehnung erreichte. Danach sah sich das Reich gezwungen, mit den vorhandenen Sklaven wenigstens so sorgsam umzugehen wie die Landbevölkerung mit ihren Arbeitstieren.
Zu Anfang der Industrialisierung, vor allem während des halben Jahrhunderts nach 1770, war die Situation für Fabrikbesitzer ähnlich wie für die Plantagenherren zur Zeit der römischen Expansion: »Menschenmaterial« war billig zu haben. Das war der Grund für die unerhörte Grausamkeit im Umgang mit den Arbeitern der Fabriken. Denn Rücksicht gegen die menschlichen Arbeitstiere erwies sich als überflüssig. Waren die einen verbraucht, so strömten andere nach. Die Landwirtschaft kam ja mit immer weniger Menschen aus, massenhaft wurden Bauern von den Grundherren aus den ländlichen Gebiete vertrieben. Sie strömten in die Städte und dort in die überall aus dem Boden sprießenden Textilfabriken. Die Zustände, die damals in Manchester und Liverpool herrschten, stellen noch heute eine Schande in der Geschichte Europas dar. Kinder wurden schon mit fünf Jahren an den Maschinen verschlissen, sie hatten dort 15 oder mehr Stunden am Tag zu arbeiten, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Dasselbe galt für junge und schwangere Frauen. Den einzigen Vergleich, der das Grauen und die Brutalität an diesen Arbeitsstätten halbwegs begreifbar macht, bieten die heutigen Massentierhaltungen, in denen Tiere, zum Teil wund, zum Teil sterbend, auf engstem Raum zusammengepfercht vegetieren.[135]
Die neuen Herren, die dafür verantwortlich waren, stammten im Allgemeinen nicht aus dem landsässigen Adel, dessen Umgang mit den eigenen Landarbeitern aus den genannten Gründen hart aber schonend war. Die neuen Herren der Bourgeoisie stammten selbst aus kleinen Verhältnissen. In ihrem Bestreben, weiter nach oben zu kommen und die alten Herren nach und nach zu verdrängen, verfuhren sie viel radikaler, viel unmenschlicher als vielleicht jemals eine Herrenschicht vor ihr.[136]
Unmenschlichkeit zu Beginn einer Industrialisierung ist bis heute kennzeichnend für Schwellenstaaten. Sie hat sich in Japan vor einem Jahrhundert ebenso abgespielt wie heute in China und vor zweihundert Jahren im Vereinigten Königreich. Doch sie hatte eine verhältnismäßig kurze Geschichte. Der Sieg der Maschine und die gleichzeitige Nutzung fossiler Lager führten zum Ende der menschlichen Sklaverei. Zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen war Wohlstand für alle möglich. Aus Schwellenstaaten mit ihren Härten und Grausamkeiten gingen in Europa Sozialstaaten hervor. Die neuen Herren bekamen mit der Zeit ein menschliches Gesicht.
Auch die Lüge vom edlen Handwerk des Krieges wurde nach dem Ende der Agrarzeit nicht länger benötigt. Wo das Kriegshandwerk die Lebensgrundlage für eine Herrenschicht schuf – und das galt für fast alle großen Agrarzivilisationen – wurde das Töten zum Privileg der Helden. Wir sahen, dass viele der größten Dichter der Vergangenheit den Krieg und das Töten besungen, gepriesen, verklärt und verherrlicht haben. Sie mussten es, weil sie im Auftrag oder unter der Patronage von Herren schrieben, deren Moral und Weltanschauung eine solche Verklärung der mörderischen Instinkte des Menschen von ihnen verlangten. Die Geschichte dieser Herren war denn auch eine einzige Kette von Eroberungen und Schlachten. Es ist nicht lange her, da bestand auch die Geschichtsschreibung in Europa aus nichts anderem als aus der Aufzählung von Siegen und Niederlagen. Nicht nur das Töten von Feinden brachte dem Helden die höchste Ehre ein – und meist auch den zusätzlichen Segen von Göttern und Priestern – sondern der Held selbst sollte möglichst durch Waffen sterben. Wo der Kriegsadel in reinster Form existierte, galt der Tod im eigenen Bett als unehrenhaft.
Bedenkt man, dass unsere tierischen Mitgeschöpfe, ebenso wie die Mehrzahl der Menschen normalerweise dem Selbsterhaltungstrieb folgen, so stellt diese Faszination durch den Tod, diese Nekrophilie, wie Erich Fromm es nannte,[137] die wohl eigenartigste kulturelle Verformung des Menschen dar. Wir würden sie nicht verstehen, wenn wir nicht wüssten, dass die freien Stellen in einer Gesellschaft der agrarischen Überschussproduktion nicht ohne Gewalt besetzt werden konnten.
Wie ist es aber, wenn die agrarische Lebensweise der industriellen Platz geben muss, wenn Maschinen an die Stelle menschlicher Sklaven treten und die Menschen nicht länger aufgrund ihrer Geburt sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten die vorhandenen Posten auf der sozialen Skala besetzen? Welche Rolle wird dann dem Tod zugeteilt? Welche dem Militär? Wird der Krieg auch dann noch als nobles Handwerk gesehen? Gibt es weiterhin eine Literatur, welche die großen Menschheitsschlächter mit Ruhm und Ehre bekleidet? Ist es dann noch Aufgabe der Religion, die Waffen hüben und drüben zu segnen?
Mit der Ablösung der Agrarzivilisation bahnte sich in all diesen Punkten ein radikaler Wandel an. Nach dem Aufkommen der industriellen Gesellschaft, in der jeder die Möglichkeit hatte, nach seinem Verdienst auf der sozialen Leiter nach oben zu steigen, spielte der Einsatz von Waffen oder die Drohung mit ihnen für diesen Zweck keine Rolle mehr. Es war auch nicht länger erforderlich, unterworfene Bauern zur Abgabe ihres Nahrungsüberschusses zu zwingen. Der ganze Apparat aus brutaler Macht und rechtfertigender Ideologie, der bis dahin dazu dienen musste, künstliche Ungleichheit aufrechtzuerhalten, wurde nun nicht länger gebraucht. Eine Gesellschaft der Chancengleichheit beruht auf Konsens.
Auf den Bürger der Industriegesellschaft übte diese Ordnung dieselbe Wirkung aus wie auf die Menschen im konfuzianischen China. Das Militär galt von nun an nur noch als notwendiges Übel, der Missbrauch der Religion zur Legitimation von Herrschaft büßte seine Bedeutung ein. In einer Konsenskultur, in der niemandem der Zugang zu den führenden Stellen grundsätzlich verschlossen ist, müssen die Regierenden ihre Stellung gegenüber dem Volk nicht mit einem Unterdrückungsapparat aufrechterhalten. Im Prinzip genügen Information und Wahlen, unterstützt durch ein allen Bürgern zugängliches Schul- und Ausbildungssystem.
Die Literaten der altchinesischen Konsensgesellschaft hatten keinen Sinn im Tod gesehen, geschweige denn dass sie darin das Ziel ihres Lebens erblickten. Ein ähnlicher Wandel wie in der chinesischen Konsenskultur fand nun auch in Europa statt. Dem Bürger der neuen Industriegesellschaft lag nichts so fern wie die Verherrlichung von Tod, Krieg und Heldentum. Zwar gab es weiterhin Kriege und nach gewohntem Muster versuchte man das Opfer des eigenen Lebens schmackhaft und erträglich zu machen: „gefallen auf dem Felde der Ehre“. Aber diese Gehirnwäsche wurde immer weniger geglaubt. Ja, der Begriff der Ehre wurde in demokratischen Gesellschaften kaum noch verwendet und auch immer weniger verstanden. Statt ihn mit Ehre in Verbindung zu bringen, setzte man den Tod nur noch mit Sinnlosigkeit gleich, während Kriege zum Synonym für menschliche Unvernunft und Verblendung wurden. Durch das Töten anderer Menschen gelangte niemand in die Stellung eines Herrn. Brutale Gewalt entbehrte jeglicher Romantik. Nur in den Vereinigten Staaten führten die Cowboys, die im wilden Westen noch gegen Indianer zu kämpfen hatten, eine Art verspätetes Nischendasein als Helden. Aber der Krieg, den das Land sich zwischen 1861-65 selbst zufügen sollte, inspirierte nicht mehr zur Heldenverklärung. Er wurde nur noch als Trauma und schlimmstes nationales Unglück verstanden.
Seit mehr als tausend Jahren hatte Europa aus etlichen miteinander rivalisierenden Fürstentümern bestanden. Daher hat der Übergang zur industriellen Lebensweise und einer Konsenskultur diesem Kontinent nicht gleich den Frieden gebracht. Einmal hat sich dieser Übergang selbst ja in unterschiedlichem Tempo vollzogen, andererseits waren in ihnen auch die alten Herren teilweise noch an der Macht. Jahrtausende alte Gewohnheiten und einen ebenso langen geistigen Drill wird man nicht über Nacht wieder los. Zunächst sind daher die konkurrierenden Nationen selbst in die Rolle der früheren Herren geschlüpft. Bis zu den zwei Weltkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts haben sie viel Propaganda betrieben, um bei ihren Bürgern doch noch den Geschmack an Heldentum und Heldentod zu erhalten. Dieser Zweckpropaganda waren alles in allem aber nur vorübergehende Erfolge beschieden. Die Menschen sind ihr notgedrungen gefolgt und haben sie später vergessen. Der Beweis für diesen grundlegenden Wandel liegt im Fehlen einer die Kriege verherrlichenden Literatur. Es sind keine Epen nach Art der homerischen Ilias oder des indischen Mahabharata über die beiden Weltkriege entstanden, vielmehr schämten sich die Völker Europas für ihren sinnlosen Hass und die mutwillige Zerstörung. Statt ihre kriegerischen Taten nachträglich zu besingen, wie es in den großen Agrarzivilisationen sozusagen von Amts wegen geschah, litten alle Beteiligten an schlechtem Gewissen. Im Grunde waren sie sich einig, dass eine friedliche Lösung die einzige menschenwürdige Alternative gewesen wäre.
Krieg wirkte auf die Menschen als Grauen, und Europa hat einen wichtigen Schritt getan, um dieses Grauen für die Zukunft zu bändigen. Die Nationen des alten Kontinents wurden unter dem gemeinsamen Dach der Europäischen Union zusammengeschlossen. Doch ist das erst der Anfang einer völkerumgreifenden Entwicklung. Die Konsensgesellschaft erstrebt eine weltweite Konvention, die den Krieg als Mittel zur Lösung von Konflikten überhaupt proskribiert. Es ist bemerkenswert, dass dieses ehrgeizige Programm gleich den Beginn der neuen Konsensgesellschaft markierte. James Madison, der Hauptverfasser der amerikanischen Verfassung, bezeichnete den Krieg als die größte Gefahr bürgerlicher Freiheit.
„Von allen Feinden der bürgerlichen Freiheit ist der Krieg wohl am meisten zu fürchten, weil er den Keim aller anderen Übel enthält und weiter entwickelt. Krieg erfordert Armeen, von diesen kommen Schulden und Steuern. Armeen, Schulden und Steuern aber sind die bekannten Werkzeuge, um die Vielen unter die Herrschaft der Wenigen zu bringen.“[138]
Das war im Jahr 1795. Kriege hatten zehntausend Jahre lang genau diese Aufgabe erfüllt: Sie waren das bevorzugte Instrument, um die Vielen unter die Herrschaft der Wenigen zu bringen. In der amerikanischen Verfassung wurde der Krieg geächtet, weil es keine Herrschaft der Wenigen über die Vielen mehr geben sollte. Eine neue Epoche hatte begonnen.
Wir kennen ihre Anforderungen und Verheißungen, doch ist es für uns um einiges schwieriger als für das alte, konfuzianische China, dieses Friedensprogramm zu realisieren. Das Reich der Mitte isolierte sich einfach von der ganzen übrigen Welt. Das war damals noch möglich. Es schützte sich durch eine Mauer gegen seine traditionellen Feinde, die Nomaden an jenseits der nordwestlichen Grenze. Dieser Schutz war zwar keineswegs vollkommen, aber mit wenigen Unterbrechungen gewährte er dem Reich und seinen Bürgern doch zweitausend Jahre lang eine mehr oder weniger friedliche Existenz. Überdies war das damalige China mit allem reichlich gesegnet, was eine Agrargesellschaft benötigte. Auf die Ressourcen anderer Völker brauchte es nicht zurückzugreifen, um den eigenen Wohlstand zu wahren. Das Land betrieb zwar einen regen Handel mit den umliegenden Völkern, aber dieser brachte nur zusätzlichen Luxus, nicht mehr. Das Reich brauchte dafür keine Kriege zu führen, es konnte, ohne größere Not zu leiden, auch ohne diesen Handel auskommen.
Europa war und ist in einer weniger glücklichen Lage, und das gilt heute für die Welt insgesamt. Nach der industriellen Revolution leben wir von neuem mit Lügen, von denen einige ebenso gefährlich und kriegstreiberisch sind wie die alte Lüge der menschlichen Ungleichheit. Deshalb sind wir heute mit dem Paradox konfrontiert, dass zwar fast alle den Krieg als schlimmstes Übel verdammen. Der Krieg wurde geächtet, und doch ist unsere Zeit alles andere als friedfertig. Doch davon soll später die Rede sein.
Die menschliche Ungleichheit wurde nicht von Religion oder Philosophie überwunden, obwohl Religionen und Philosophen schon seit der »Achsenzeit« die Gleichheit des Menschen als Ziel und Möglichkeit konzipierten. Das Denken allein war jedoch nicht imstande, die bestehenden materiellen Zwänge zu überwinden. Erst als diese Zwänge selbst in der postagrarischen Gesellschaft ihre Wirkung verloren, setzte ein echter Wandel ein. Nun begann auch die ungleiche Stellung der Frau allmählich ins Bewusstsein zu rücken. Von Olympe de Gouges und Mary Wollstonecraft, die schon zur Zeit der französischen Revolution Frauen- und Menschenrechte miteinander verbanden, über die kämpferische Florence Nightingale bis zur Begründerin der feministischen Bewegung, Betty Friedan, reicht die lange Kette von Frauen, die sich mit wachsendem Erfolg gegen das Unrecht auflehnten. Aber ihrem Erfolg lag eben mehr als ein bloßer Bewusstseinswandel zugrunde. Es waren die Fortschritte in der materiellen Daseinsfürsorge, welche nun auch der Frau den Ausbruch aus ihrer dienenden Stellung erlaubten.
Die menschliche Arbeit hatte sich in dieser Zeit grundlegend gewandelt. Bis zur industriellen Revolution blieb sie auf dem Lande an einen Hof gebunden, so dass sie sich bei Männern wie Frauen weitgehend im Rahmen der Familie abspielte. Nach der industriellen Umwälzung verlagerte sie sich in zunehmendem Maße außerhalb von Haus und Familie, zuerst in die Fabriken, später in die Büros. Allerdings waren es zunächst überwiegend Männer, die einer außerhäuslichen Arbeit nachgingen. Für Frauen aus gutem Hause wurde eigener Broterwerb, und gar einer, der sich außerhalb des Hauses abspielte, noch im 19. Jahrhundert nicht geduldet. Solche Frauen hätten gegenüber der Gesellschaft die Fähigkeit ihres Mannes in Frage gestellt, sie ausreichend zu versorgen.
Es war die Knappheit von Arbeitskräften in den boomenden industriellen Gesellschaften, auch der dringende Bedarf an Arbeitskräften an der Heimatfront während der beiden Kriege, die den Frauen die Chance gab, ihre Talente an anderen Orten als nur im eigenen Haus zu beweisen. Als in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Arbeit dann so reichlich vorhanden war, dass die männliche Bevölkerungshälfte allein nicht mehr genügte, war der Durchbruch für die Frauen geschafft. Die fortschrittlichsten Gesellschaften des Westens standen nun vor der Wahl, Gastarbeiter oder Frauen in den Arbeitsprozess einzugliedern. Meist taten sie beides.
Von da an konnte eine moderne Gesellschaft auf die außerhäusliche Tätigkeit der Frauen nicht länger verzichten. Als diese sich dann in allen Berufen gleich gut bewährten - vielleicht außer denen der Boxer, Stahl- oder Bergwerksarbeiter - war es nicht mehr zu leugnen, dass ihnen auch die gleichen Rechte zustanden. Die Befreiung der Frau und die Anerkennung ihrer vollen Gleichwertigkeit sind beide als Ergebnis der technologischen Umwälzung im Zuge der industriellen Revolution zu verstehen.
Aber diese allein hätte wohl nicht ausgereicht, um den Frauen wirklich gleiche Rechte zu sichern. Denn die Nachteile, denen sie aufgrund ihrer biologischen Funktionen ausgesetzt sind, verlangten mehr als nur einen Wandel der Arbeit. Sie machten in Wahrheit die Einführung eines neuen Gesellschaftsmodells unabweisbar.
Frauen müssen ja mit ungleich größerem Aufwand als der Mann für die biologische Kontinuität der Gesellschaft aufkommen. Während der letzten Wochen der Schwangerschaft muss eine Frau zwangsläufig das Arbeitsleben quittieren. Wenn sie sich danach ihren Kindern widmen möchte, wie das in der Vergangenheit üblich war, musste sie ihm sogar auf Jahre den Rücken kehren. Das brauchte sie ihrem Beruf nicht nachhaltig zu entfremden, solange die Nachfrage an Arbeit das Angebot weit übersteigt. Doch sorgen diese Handicaps verlässlich dafür, dass Frauen mit Kindern selten die gleichen Karrierehöhen erklimmen wie ihre männlichen Konkurrenten. Sobald dann noch Arbeitsplätze abgebaut werden, ist die Frau eindeutig im Nachteil. An ihre wirkliche Gleichstellung ist daher kaum zu denken, solange diese biologischen Nachteile wirksam sind. Ein Staat, der die eigene biologische Kontinuität sichern möchte, verlangt von den Frauen etwas mehr als durchschnittlich zwei Kinder. Rechnet man den Arbeitsausfall während der Schwangerschaft und durch die Betreuung hinzu, dann bedeutet das für die Frau, dass sie ihren Beruf mindestens zwei bis drei Jahren aufgeben muss - selbst in dem günstigsten Fall eines flächendeckenden Angebots mit Kinderkrippen und Ganztagsschulen.
Solange es die klassische Familie noch gab, die dem Mann die Pflicht der Versorgung auferlegte, konnte die Frau sich ganz und gar dem Haushalt und ihren Kindern widmen. Von ihrem Mann wurde ihr materieller Schutz gewährt, und sie begab sich im Gegenzug dafür in eine Abhängigkeit, die in der Vergangenheit ein breites Spektrum umfasste. Im schlechtesten Fall lief sie auf eine sklavenartige Hörigkeit hinaus, in Ausnahmefällen, die man vor allem in höheren Kreisen fand, auf eine weitgehende Gleichstellung und ein gesellschaftlich reiches Leben. Dennoch bezeichnet Abhängigkeit stets ein Verhältnis, das dem einen die Stellung der Stärke gibt, dem anderen die Position der Schwäche. Solange der Schutz des Mannes für die Frau von existenzieller Bedeutung war, weil sie ohne ihn materiell ungesichert blieb oder in einen zweifelhaften sozialen Status abgleiten musste, war an eine wirkliche Gleichberechtigung nicht zu denken. Diese konnte sich nur in einer Gesellschaft entwickeln, die den bisherigen Schutz des Mannes auf irgendeine Weise ersetzte.
Es war der Staat, der seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Schutzfunktion gegenüber der Frau übernahm. Er geriet damit in eine Rolle, die er in der bisherigen Geschichte des Menschen noch nie ausgeübt hatte. Der Staat ersetzte den Mann, er versicherte die Frauen gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Erwerbsunfähigkeit im Alter. Damit wurde die Familie als Garant für die Daseinsfürsorge aus ihrer Monopolstellung abgelöst. Eine Frau konnte sich selbst erhalten, wie es Männern schon immer möglich gewesen war. Sie wurde unabhängig. Die Arbeit erhöhte überdies ihr soziales Prestige.
Die Verschiebung der Schutzfunktion vom Ehemann zum Staat lief auf eine verminderte Bedeutung der Familie hinaus. Diese hatte sich allerdings schon bald nach Beginn der Industrialisierung angekündigt. Gegen Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Staat bereits die ersten Schritte getan, um mehr und mehr jener Funktionen an sich zu ziehen, die ursprünglich in der Zuständigkeit der Familie lagen. So hatte die Erziehung der Kinder bis dahin in der Hand der Eltern gelegen, eine Ausnahme bildeten nur jene wenigen Fällen, wo sie frühzeitig in die Obhut und Lehre der Kirche kamen. Als jedoch im Laufe des 17. Jahrhunderts eine historisch einzigartige und bis heute ständig beschleunigte Expansion des Wissens einsetzte, war die durchschnittliche Familie dieser Aufgabe nicht länger gewachsen. In Preußen führte der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. die allgemeine Schulpflicht auf den königlichen Domänen bereits im Jahr 1717 ein. Im Zuge der humboldtschen Reformen wurde diese Politik dann ab 1810 allmählich für ganz Preußen verbindlich. Das war eine richtungweisende Wende. Die Familie musste einen wesentlichen Teil ihrer ältesten Kompetenzen an Gesellschaft und Staat abtreten, denn natürlich wurden jetzt auch die Bildungsinhalte von der staatlichen Bürokratie festgelegt.
Damit wurden dem Staat große und natürlich auch gefährliche Möglichkeiten der frühzeitigen Beeinflussung übertragen. Über die Lehrpläne der Schulen und die Ausbildung der Lehrer konnte er Menschen nun schon in zartem Alter in Nationalismus dressieren, militärische Gesinnung und andere Denkschablonen vorschreiben. Friedrich Wilhelm III. verlangte »patriotische Eigenschaften« von den Lehrern. Andererseits lag aber auch ein bedeutender Fortschritt darin, dass jetzt auch Kinder aus den ärmsten Familien, denen zuvor der Zugang zur Bildung verschlossen war, ein Wissen und Können erwarben, das ihre spätere Eingliederung in die Gesellschaft erleichterte oder sie überhaupt erst ermöglichte.
Ein Jahrhundert danach wurde die Autorität der Familie noch weit stärker in Frage gestellt. In der sich entwickelnden industriellen Gesellschaft begannen Arbeitsplatz und Wohnort für einen wachsenden Teil der Bevölkerung mehr und mehr auseinanderzufallen. In vielen Familien traf der leibliche Vater mit seinen Kindern nur noch kurz vor dem Schlafen und an den Wochenenden zusammen. Das dadurch entstehende Vakuum füllte die Mutter aus, solange sie am Arbeitsprozess nur teilweise oder gar nicht beteiligt war. In diesem Sinne waren viele Kinder also schon seit mehr als einem Jahrhundert nur noch in einer Rumpffamilie zu Hause.[139] Als jedoch nicht nur der Mann sondern zunehmend auch die Frau einen Beruf ausübte, entstand eine historisch noch nie dagewesene Situation. Einerseits hatte sich die Frau, und zwar zum ersten Mal nach jahrtausendelanger patriarchalischer Unterwerfung, ein hohes Maß an eigener Freiheit erkämpft, die Familie aber war dadurch eines weiteren Teils ihrer bisherigen Funktionen beraubt. Für Frauen und Männer war es von da an unmöglich, zur gleichen Zeit einen Beruf zu erfüllen und sich wie bisher ihrem Nachwuchs zu widmen. In irgendeiner Form mussten Staat oder Gesellschaft auch hier noch in die Fußstapfen der Familie treten.
In vollem Ausmaß gelangten diese veränderten Lebensumstände erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zur Wirkung. Bald war es offensichtlich, dass die Gleichberechtigung der Frau in Gesellschaft und Arbeit sich nicht anders als durch eine weitgehende Lockerung familiärer Bindungen erreichen ließ. Sind beide Partner außerhalb ihres Hauses an unterschiedlichen Orten beschäftigt, dann bleibt für die Familie, die bei der Landbevölkerung einer Agrargesellschaft noch eine Ganztagseinrichtung war, nur noch ein Minimum an gemeinsam verbrachter Zeit. Die Familie wurde durch diese Entwicklung zwangsläufig aus dem Zentrum in die Peripherie des Lebens gerückt.
Das Verhältnis der beiden Geschlechter wurde dadurch vermutlich nicht wesentlich problematischer als es immer schon war. Ob Mann und Frau nun in einer staatlich oder kirchlich anerkannten Ehegemeinschaft lebten oder als freie Lebenspartner, machte wenig oder gar keinen Unterschied für die Betroffenen selbst. Zu einem Problem musste das neue Modell des Zusammenlebens jedoch für die Kinder werden.
Die klassische Aufgabe der Familie hatte in der Zeugung und der Betreuung von Kindern bestanden. Diese Aufgabe nahmen Eltern aus Liebe zu ihrer Nachkommenschaft wahr, doch keineswegs allein aufgrund dieses ideellen Motivs. In einer Gesellschaft, die keine staatliche Versicherung für persönliches Missgeschick kannte, boten Kinder die einzige Garantie gegen Notfälle und ein schutzloses Alter. Eltern verrichteten ihre Pflicht gegenüber ihren hilfsbedürftigen Kindern, im Gegenzug zählten sie aber auch darauf, von ihnen im Alter erhalten zu werden. Dieses Muster gegenseitiger Hilfe setzte, wenn auch beschränkt auf Familie oder Sippe, die egalitären Zustände der Gegenseitigkeit fort, die bei Jägern und Sammlern (und später auch noch in vielen Stammeskulturen) bestanden.
In vielen Ländern der Dritten Welt bilden Kinder bis heute die vorherrschende Form der Sozialversicherung. Nach wie vor wird Kinderreichtum dort als bester und nicht selten einziger Schutz vor Armut im Alter betrachtet. Fünf oder gar zehn weitere Münder zu füttern, bedeutet unter Bauern keine große zusätzliche Belastung, zumal sich Kinder schon früh für die Arbeit verwenden lassen. Andererseits erwächst der Familie daraus die Chance, dass wenigstens eines von ihnen in der Stadt eine gut bezahlte Arbeit erhält und damit den Rest der Familie unterstützt. Die Bevölkerungsexplosion in den Ländern der Dritten Welt fügt zwar der Gesellschaft als Ganzer den größten Schaden zu – manche von ihnen können sich deshalb kaum aus der Armut befreien. Aus der Sicht der einzelnen Familie erweist sich eine große Kinderzahl aber als eine rationale Entscheidung und durchaus sinnvolle Strategie. Solange der Staat die Versicherung seiner Bürger nicht übernimmt, bleibt die Familie die einzige Institution, die für diese Leistungen aufkommen kann. Und sie tut es, indem sie Kinder als Faustpfand für eine ungewisse Zukunft benutzt.
So war es seit frühesten Zeiten in den Agrarwirtschaften. Heute hat sich die Situation zum ersten Mal grundlegend gewandelt. Alle Bürger, gleichgültig ob Mann oder Frau, werden vom Staat oder jetzt auch von privaten Versicherungsunternehmen gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Armut im Alter geschützt. Kinder werden in dieser Funktion nicht länger benötigt. Und das ist noch nicht alles. Waren einige zusätzliche Münder auf dem Lande leicht zu füttern, die zusätzliche Arbeitskraft der Kinder außerdem sehr begehrt, so ist in einer industriellen Gesellschaft beides nicht länger der Fall. Eine angemessene Erziehung der eigenen Kinder belastet das Budget selbst noch einer Mittelstandsfamilie so stark, dass diese den eigenen Lebensstandard deutlich einschränken muss. Aus ökonomischer Sicht schlagen eigene Kinder im Vergleich zu früheren Zeiten nur noch als große Belastung zu Buche.
Der moderne Staat hat also nicht nur Familien überflüssig gemacht, sondern wesentlich dazu beigetragen, Kinderwünsche zu dämpfen. Kein Wunder, dass in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts eine Gesellschaft der Singles entstand. Der Prozess wird zusätzlich dadurch gefördert, dass das Risiko des Geschlechtsverkehrs, seit die Verhütung zu beinahe hundert Prozent sicher wurde, nun auch für Frauen entfällt. Für den Mann war dieses Risiko ohnehin leicht zu tragen gewesen, solange der genetische Vaterschaftsnachweis noch nicht existierte. Außer wenn die Gesellschaft ihn durch entsprechende Gesetze oder soziale Sitten dazu zwang, brauchte ein Mann sich um die Folgen seiner Abenteuer nicht weiter zu kümmern. Die Frau aber hatte nach einer Schwangerschaft ihr Leben meist völlig umzustellen, unerwünschte Schwangerschaften haben ihr ganzes Leben nicht selten frühzeitig ruiniert. Und zu einem solchen Schaden gesellten sich in der Regel auch noch sozialer Spott und Verachtung. Für die Frau galt es in vielen Gesellschaften als schwerste Verfehlung, ein Kind außerhalb der Familie zur Welt zu bringen.
Diese eklatante Benachteiligung der Frau gehört der Vergangenheit an. Seit der Geschlechtsverkehr ohne Schwangerschaft möglich ist, braucht auch sie keine Angst mehr vor zufälligen sexuellen Begegnungen zu haben. Die Familie aber – bis dahin der einzige legitime Rahmen eines für die Frau gefahrlosen sexuellen Verkehrs – verlor auch dadurch eine zentrale Funktion.
Der Rückzug der Familie und ihre Ablösung durch eine Gesellschaft, die nur noch aus temporär verbundenen Singles besteht, ist die wohl radikalste Änderung im Zusammenleben der Geschlechter seit der Entstehung der menschlichen Spezies. Da die Verhütung eine neue technische Errungenschaft ist, kann es dafür auch kein Vorbild in der bisherigen Geschichte geben.
Ich glaube, dass dieser epochale Wandel uns zur gleichen Zeit zwei wichtige Lehren erteilt. Er zeigt, wie absurd die Annahme wäre, dass materielle Lebensumstände den Menschen vollständig definieren und determinieren. Weiterhin gibt es Menschen und wird sie in Zukunft geben, die sich zu lebenslanger Gemeinschaft zusammenschließen, obwohl sie keine äußere soziale oder ökonomische Notwendigkeit dazu zwingt. Sie tun es, weil sie einander lieben, sich schätzen, keine bessere Gesellschaft als die des anderen kennen. Ebenso wird es weiterhin Frauen geben, die sich Kinder wünschen – mit oder ohne Männer –, auch wenn diese ihnen keine ökonomischen Vorteile bringen oder vielleicht sogar nichts als nur ökonomische Lasten. Sie tun es, weil sie den Umgang mit Kindern lieben und das Glück dieser vielleicht engsten aller emotionalen Bindungen. Schon ein so einfaches und elementares Beispiel macht deutlich, wie sehr ein historischer Materialismus ins Abseits gerät, der das Verhalten des Menschen aus materiellen Bedingungen wie aus einer Formel ableiten will.
Andererseits lässt die Befreiung der Frau aus ihrer Jahrtausende währenden Unmündigkeit sehr wohl erkennen, in welch hohem Grade veränderte materielle Lebensumstände das Verhalten einer Mehrheit beeinflussen. Die materielle Absicherung der Frau und die Trennung von Geschlechtsverkehr und Schwangerschaften hat nicht nur die Familie erodiert, sondern auch das Bedürfnis nach Kindern stark reduziert. Ein starker Druck äußerer Bedingungen, dem sich der Einzelne sehr wohl zu entziehen vermag, weil er frei ist, sich in dem einen oder anderen Sinn zu entscheiden, gilt also durchaus für eine Masse von Einzelnen. Es ist inzwischen eine durch die Statistik zweifelsfrei erwiesene Tatsache, dass weder Mann noch Frau einen zwingenden ökonomischen Sinn in dauerhaften Verbindungen sehen und die Familie daher zunehmend an Bedeutung verliert. Ebenso ist es eine unumstößliche Tatsache, dass Frauen ihre Gleichberechtigung am Prestige von Beruf und Karriere messen, seit sie ihren Lebensunterhalt nicht anders als Männer aus bezahlter Arbeit gewinnen. Dadurch aber wird der Wunsch nach Kindern zwangsläufig gedämpft, weil die Karriere unter Schwangerschaften und der darauf folgenden Betreuung von Kindern nun einmal leidet. Hatten Kinder einst den vorrangigen Lebenssinn und die eigentliche Aufgabe der Frau gebildet - fast überall wurde daher die Mutter verherrlicht oder gar als »Muttergottheit« kultisch verehrt - so wird heute die Mutter mehrerer Kinder eher als bemitleidenswerter Sozialfall gesehen. Eine intelligente Frau - so die heute vorherrschende Meinung - hat ihr Leben verfehlt, wenn dieses vorrangig in der Betreuung von Kindern besteht.
Materielle Lebensbedingungen können den Einzelnen gewiss zu nichts zwingen, aber sie üben sehr wohl einen Zwang auf die Mehrheit aus. Unter den heute vorherrschenden Bedingungen erscheint es vielen Frauen geboten, auf Kinder ganz zu verzichten. Statistisch gesehen, sind Kinder in der Gesellschaft der Singles nicht länger erwünscht. Die stetig schrumpfende Fruchtbarkeitsrate spricht da eine eindeutige Sprache.
Für den biologischen Fortbestand moderner Gesellschaften ist das eine dramatische Entwicklung. Gibt es eine Möglichkeit, sie abzuwehren? Die Antwort liegt aufgrund des Vorhergesagten auf der Hand. Man muss die materiellen Bedingungen, die dieser Entwicklung zugrunde liegen, entsprechend verändern. Denkbar wäre ein Rückfall in die Vergangenheit. Ein zahlungsunfähiger Staat könnte seine Wohlfahrtsausgaben für Alters- und Krankenversicherung wieder auf Null reduzieren. Wie in Entwicklungsländern wären die Einzelnen dann von neuem auf Selbsthilfe angewiesen. Sie würden in ihren Kindern wieder eine Lebensversicherung erblicken.
Aber ist diese eher bedrückende Aussicht realistisch? Selbst für die Dritte Welt kann eine solche Rechnung nur so lange gelten, wie die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Lande tätig ist und es die Bauern wenig kostet, ein paar Münder mehr zu ernähren. Die Chance, dass eines dieser Kinder später eine bezahlte Arbeit findet, wiegt dann allen vorhergehenden Einsatz auf. In einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft aber sind gerade diese Voraussetzungen nicht erfüllt. Ernährung und schulische Erziehung der Kinder sind überaus teuer, die letztere wird sich mit zunehmendem technologischen Fortschritt noch weiter verteuern. Der mögliche Gewinn für die alten Eltern aber ist in einer reichen Gesellschaft gering, in einer an Arbeitslosigkeit leidenden aber tendiert er geradezu gegen Null.
Die bloße Rückkehr in die Vergangenheit kann daher nur in eine Sackgasse münden. Die Änderung der materiellen Lebensbedingungen muss auf andere Art erfolgen, wenn sie bei den Frauen neuerlich Lust auf Kinder erwecken soll. Einerseits dürfen ihnen aus Kindern keine Nachteile für ihre Karriere erwachsen, andererseits müssen Singles, also jener Teil der Bevölkerung, der im Alter von diesen Kindern und ihren Beiträgen leben wird, entsprechende Abgaben leisten. Der Staat ist daher in doppelter Hinsicht gefordert. Er muss für einen Generationenvertrag sorgen, der mittels entsprechender Besteuerung denjenigen, die keine Kinder bekommen, aber von diesen später ihre Renten bezahlt bekommen, einen gleich großen Beitrag für die Versorgung der Nachkommenschaft abverlangt wie den Müttern oder Familien mit Kindern. Es geht nicht an, dass ein Teil der Bevölkerung im Alter die Vorteile einer Versorgung genießt, zu der er selbst keinen Beitrag geleistet hat. Die Erhaltung und Ausbildung der nachfolgenden Generation kann in einer Industriegesellschaft nur noch die Aufgabe der ganzen Bevölkerung sein, sonst schrecken schließlich alle vor der einseitigen Belastung durch eigene Kinder zurück.
Das ist das eine. Damit allein sind jedoch die materiellen Nachteile noch von Frauen nicht aufgewogen, deren Karrieren durch Schwangerschaften ebenso wie durch die Betreuung von Kindern gefährdet werden. Der Staat muss auch hier für Gleichberechtigung sorgen, indem er Kinderkrippen und Ganztagsschulen in entsprechender Zahl zur Verfügung stellt. Das hatte schon Plato ein halbes Jahrtausend vor Christus gefordert. In der »Politeia« hatte er eine familienlose Gesellschaft vorausgesehen, in der die Allgemeinheit für den Schutz von Frauen und Kindern zuständig ist. Wir werden heute bei Plato lernen müssen, wenn wir die Bereitschaft der Frauen erhalten wollen, auch künftig die Rolle als Mütter zu übernehmen. Die Gesellschaft wird den Frauen gegenüber jene Rolle erfüllen müssen, die bis dahin der Familie oblag. Sie bietet den Kindern möglichst früh ein Zuhause außerhalb der Familie an, eben in Gestalt außerhäuslicher Betreuungsstätten.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist diese Entwicklung in skandinavischen Ländern wie Dänemark und Schweden sowie in Frankreich am weitesten fortgeschritten. Die Betreuung der Kinder liegt dort – oft schon im ersten Lebensjahr - in den Händen gut ausgebildeter Spezialisten. Nicht anders als heute der durchschnittliche Vater sehen auch die Mütter dann ihre Nachkommenschaft nur noch am Abend und an den Wochenenden. Wissen sie ihre Kinder in den Krippen und Ganztagsschulen gut aufgehoben, so bereitet ihnen das offenbar wenig Sorgen. Sie sehen dann auch keinen Grund für den Verzicht auf Kinder, da sie keine berufsmäßigen und finanziellen Nachteile erleiden.
Natürlich lässt sich endlos darüber streiten, ob Kinder außerhalb der Familie jemals so gut aufgehoben sein werden wie sie es bis dahin in deren Obhut waren. Immerhin scheint eine Erkenntnis gesichert. Unter kundiger Fürsorge sind sie weit besser aufgehoben als bei einem streitenden Paar, also würden wenigstens fünfzig Prozent aller deutschen Kinder eindeutig profitieren. Bernhard Bueb, Leiter der renommierten Internatsschule Schloss Salem, ist überhaupt der Auffassung: „je früher ein Kind sich in eine Gemeinschaft fügen lernt, umso besser wird es aufs Leben vorbereitet.“ Frankreich hat in dieser Hinsicht eine lange Tradition aufzuweisen. „In Frankreich gibt es öffentlich geförderte Babykrippen seit 1880. Es ist eine Erfolgsgeschichte in einem familienfreundlichen Land.“[140]
Neu ist die familienferne Betreuung von Kindern jedenfalls nicht. Sieht man einmal von den diesbezüglichen Ansichten Platos ab, eines philosophischen Theoretikers mit diktatorischen Neigungen, dann stößt man auf viele praktische Bespiele. In vielen Stammeskulturen wurden Kinder, kaum dass sie laufen konnten, in die Obhut anderer Kinder gegeben und von anderen Mitgliedern der Großfamilie oder Sippe gemeinschaftlich beaufsichtigt und betreut. Obwohl es in derart kleinen Gesellschaften einen Staat noch nicht geben konnte, waren es doch weniger die eigenen Eltern als das, was den Staat damals vertrat, nämlich die Gemeinschaft, welche sich insgesamt um die Kinder zu kümmern hatte.[141]
Doch auch in Europa hat es ähnliche Zustände gegeben. Z. B. im Ancien Régime bei den hochgestellten Damen des französischen Adels. Diese pflegten die eigenen Kinder gleich nach der Geburt einer Brustamme zu übergeben. Oft sahen sie ihren Nachwuchs, wenn überhaupt, erst nach Jahren wieder.[142] Jedenfalls ist die Distanz zu den eigenen Kindern historisch weniger neu, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Im 17. und 18. Jahrhundert war in sämtlichen Schichten, nicht nur im Adel, die Sitte verbreitet, die leiblichen Kinder in anderen als der eigenen Familien aufwachsen zu lassen.[143]
Doch es zählt letztlich wenig, ob man das Los der Kinder unter den neuen Bedingungen für erträglich oder mit Bernhard Bueb sogar für förderlich hält oder ob man die Mütter, die ihnen eine solche Zukunft bescheren im Gegenteil als »Rabenmütter« verdammt. Wenn eine moderne Gesellschaft ihre biologische Kontinuität auch in Zukunft noch garantieren möchte, dann bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als dafür entsprechende Anreize zu schaffen. Wie gesagt, die äußeren Bedingungen determinieren den Einzelnen nicht, sie üben aber den bestimmenden Einfluss auf das Verhalten der Mehrheit aus. Mit 1,52 Kindern pro Elternpaar liegt die Geburtenrate in Deutschland mittlerweile weit unterhalb des für die Erhaltung einer gleich bleibenden Bevölkerungsstärke notwendigen Minimums von 2,1.[144]
Und das ist eben in Frankreich und Dänemark wesentlich anders, weil man dort den kinderwilligen Frauen weit bessere Bedingungen gewährt. Zählt man die bereits vorhandenen und die noch geplanten durchschnittlichen Kinderzahlen für die Frauen zwischen 18 bis 39 Jahren zusammen, so belaufen sich die Geburtenraten in Frankreich auf 2,25 und in Dänemark auf 2,14. In beiden Ländern stellt der Staat flächendeckend Krippen und Kindergärten bereit. Anders als in Deutschland wird die Frau durch die Geburt von Kindern nicht aus dem Berufsleben hinauskatapultiert.
Diese Tatsachen führen zu interessanten Reflexionen über die künftige Rolle des Staats. Es ist schon erstaunlich, dass er eine bis dahin kaum gekannte Verantwortung gerade in dem Augenblick übernehmen muss, da so viele ihren Ehrgeiz darin erblicken, ihn möglichst klein zu reden. Diese Abwertung des Staates als Organ gemeinschaftlicher Interessen ist eine neue Lüge, die den Gewinn wieder zerstören könnte, den die Gleichberechtigung der Frau für das Zusammenleben der Geschlechter bedeutet. Tatsächlich ist die Rolle des Staats vielleicht niemals so groß gewesen wie heute – in einer Gesellschaft, die den Frauen die Chancengleichheit verspricht, muss sie es auch sein. Denn die Gleichberechtigung der berufstätigen Frau steht und fällt nun einmal mit einem Staat, der sie wirksam gegen Alter und Krankheit und die ökonomischen Nachteile der Mutterschaft schützt. In einer Zeit der Singles wird der Staat zur einzigen Instanz, welche den Schutz der Kinder und damit die biologische Kontinuität der Gesellschaft zu garantieren vermag.[145]
Gleichheit, Gleichberechtigung der Frau, Ächtung des Krieges – das sind die großen Errungenschaften, die der Wandel von der Agrarzivilisation zur industriellen Gesellschaft mit sich brachte. Welche Auswirkungen hatte dieser Wandel auf das Verhältnis von Kultur und Zivilisation?
Wir sahen, dass die härtesten und hartnäckigsten Kriege im Namen der Religion geführt worden sind. Allerdings gab es weder bei den Stammes- noch bei den Hochkulturen unseren heutigen Begriff der Religion. Und das gilt ebenso für den der Kultur. Es gab nur die je eigene Wahrheit auf der einen und die Barbarei umliegender Völker auf der anderen Seite. Die Götter, welche die anderen verehrten, wurden entweder als feindliche Mächte gesehen, dann wurden sie immerhin als existent betrachtet (so wirklich wie die sie verehrenden Völker), oder man bezeichnete sie als Götzen, d.h. als bloße Erfindung und Hirngespinste.
Der Begriff von Religion als einer allen Völkern gemeinsamen Form der geistigen Wahrnehmung der Welt konnte unter diesen Voraussetzungen nicht entstehen. Bis ins achtzehnte Jahrhundert galt der Islam bei den Anhängern der christlichen Lehre nicht als einer unter verschiedenen möglichen Wegen zur Erkenntnis des Übersinnlichen, sondern er wurde schlicht als Irrlehre und Verhöhnung der einzig gültigen Wahrheit abgetan. Das galt natürlich genauso für die Einstellung der Kirche gegenüber dem Glauben der Juden. Einzelne mochten eine andere Meinung darüber haben, so wie sich ja auch »Ketzer« immer wieder den Dogmen der organisierten Religion widersetzten. Seit Xenophanes und Lukrez[146] war das Denken des Einzelnen auch in diesem Punkt immer und überall frei, solange es sich dem Druck der Macht nicht zu beugen brauchte. Die Macht selbst aber bestand auf der absoluten Wahrheit der eigenen Lehre und hat alle Abweichungen davon als Wahn und Inspiration des Teufels verworfen. Die Anhänger jeder anderen als der eigenen »Wahrheit« wurden als Heiden gesehen, die man außerhalb der eigenen Gebiete bekämpfte und innerhalb des eigenen Territoriums unnachsichtig als Ketzer verfolgte.
Der Islam seinerseits verfocht denselben Anspruch auf absolute Wahrheit, ging aber in der Praxis gegen Ungläubige diplomatischer vor. Heute wird das gern übersehen. Man duldete Juden und Christen, sofern sie eine Ungläubigensteuer bezahlten.[147] Der Islam rechtfertigte diese materiell sehr profitable Nachsicht, indem er dafür auch eine ideologische Begründung fand. Diese beiden Formen des Glaubens galten ihm als solche des Buches, nämlich der beiden Testamente, in denen Mohammed von Gott inspirierte Zeugnisse sah.
Ein Zeit und Raum überspannender Begriff der Religion kann erst entstehen, wenn man die Zweiteilung in wahr und falsch, wertvoll und wertlos überwindet. Deswegen konnte es bis zur Aufklärung den modernen Begriff der Religion nicht geben.
Und deshalb konnte bis zur Aufklärung auch kein allgemeiner Begriff von Kultur entstehen. Auch dieser Begriff hat sich in seiner heutigen Bedeutung erst am Ende der Agrarzivilisation, also am Beginn der industriellen Epoche herausbilden können. Herder war einer der ersten, der Sprachen, Lieder, Dichtungen als gleichwertige Zeugnisse menschlichen Schöpfertums entdeckte. Bis dahin hatte die Wahrnehmung der Sitten, Moralvorstellungen und Künste anderer Völker der Auffassung über ihre Götter entsprochen. Sie wurden in erster Linie als fremd und abstoßend empfunden, man sah darin das Werk von Barbaren. Das bloße Vorhandensein des Andersartigen stellte eine Herausforderung für die eigenen Sitten und Bräuche dar. Das Fremde erweckte oft Furcht bis hin zum Abscheu. Im besten Fall wurden die Bräuche anderer Völker als Kuriosa betrachtet, mit denen man die eigene Neugier und das Bedürfnis nach dem Gruseligen befriedigte. In diesem Sinne hatte schon der antike Reiseschriftsteller Herodot seinen Landsleuten die eigenartigen Sitten und Moralvorstellungen der Skythen, Perser und Ägypter nahegebracht. Je abseitiger und fremder die Bräuche waren, desto größer das Gruseln und die Spannung der Leser. Aber die Griechen waren viel zu sehr von der Überlegenheit der eigenen Lebensweise durchdrungen, als dass ein solches Panorama der Merkwürdigkeiten in ihnen die Einsicht hervorgebracht hätte, dass Kulturen Ausdruck der Freiheit des Menschen sind, sich selbst und die Umwelt auf unterschiedliche Weise zu prägen und zu gestalten. Der Gedanke, dass Kulturen prinzipiell gleichwertig sind, wäre ihnen so absurd vorgekommen, wie einer herrschenden Kirche – wie immer sie heißen mag - die Einsicht, dass die verschiedenen Religionen gleichwertige Wege des Menschen zu Gott sein könnten. Herodot, Al-Beruni, Marco Polo, Ibn Batuta und viele andere Chronisten des Abenteuers, die seit der Antike so viel Erstaunliches zu berichten wussten, durften die Menschen das Schaudern, Staunen und Gruseln lehren, aber sie schufen deswegen noch lange nicht den Begriff der Kultur.
Nach dem Gesagten braucht es nicht zu erstaunen, dass auch die Einsicht in den Gegensatz von Zivilisation und Kultur erst nach dem Ende der Agrarzivilisationen entstehen konnte.[148] Weder in Indien noch in China oder aus anderen außereuropäischen Teilen der Welt ist eine solche Gegenüberstellung bekannt. Nur im Griechenland des dritten vorchristlichen Jahrhunderts hat sie sich möglicherweise in den Köpfen einiger großer Naturforscher wie Aristarch von Samos, dem ersten Entdecker des heliozentrischen Weltbildes, behaupten können. Sie setzt voraus, dass Menschen eine deutliche Trennlinie zwischen Naturgesetzen und den von Menschen gemachten »Gesetzen« ziehen. Als allgemeine Erkenntnis ist diese Einsicht erst eine Errungenschaft der europäischen Neuzeit, also sehr jungen Datums.
Bis dahin waren die ältesten Gesetze, von denen Menschen sprachen, nicht solche der Natur, sondern Satzungen, die sie sich selbst gegeben oder nach eigenem Verständnis von Göttern oder anderen Menschen empfangen hatten. Gesetze waren demnach Erlasse menschlicher oder göttlicher Wesen. Als solche galten sie dann aber genauso für die Natur. Denn Geister, Götter und Dämonen standen ja nicht nur über der Gemeinschaft der Menschen sondern ebenso auch über dem Ganzen der Natur, von dem die Menschen nur einen Teil ausmachten. Beiden verordneten sie ihren Willen in Gestalt von Gesetzen. Die Vorstellung, dass es einerseits eine unabänderliche Naturordnung mit ihren Gesetzen gebe, daneben aber eine menschliche Ordnung, deren Regeln die Menschen selbst entworfen hatten, mochte einzelnen Menschen und Philosophen gedämmert haben, aber keine frühere Gesellschaft hat aus diesem für uns heute offensichtlichen Gegensatz eine herrschende Lehre gemacht. Die begriffliche Zweiteilung in Kultur und Zivilisation, die auf eben dieser Unterscheidung von menschlichen Normen und unabänderlichen Naturgesetzen beruht, hat sich aus diesem Grunde in den Agrarzivilisationen nie durchzusetzen vermocht.
Und zwar aus zwei gleich schwer wiegenden Gründen. Einmal war es für die Herrenschicht von zentraler Bedeutung, dass die von ihnen durchgesetzte, ihren Interesse gemäße Ordnung bei ihren Untertanen als ewig und gottgewollt galt. Das lief aber notwendig darauf hinaus, dass die »Gesetze« dieser menschengemachten Ordnung als gleich unveränderlich und notwendig gelten mussten wie die der Natur. Ja, für die Herren waren die sozialen Satzungen sogar noch bedeutsamer, denn ihre Macht beruhte vorrangig auf der Unterwerfung von Menschen. Die Natur konnte ihnen ziemlich gleichgültig sein. Deren Unterwerfung war nicht ihre sondern die Sache der ihnen dienenden Untertanen.
Und damit ist auch der zweite Grund angesprochen, warum eine Abgrenzung von sozialer Konvention und Naturgesetz, d.h. von Kultur und Zivilisation, den Machthabern fremd bleiben musste. Wir sahen, dass die Herren alle Verrichtungen der physischen Daseinsfürsorge als minderwertig disqualifizierten - das waren Tätigkeiten, mit denen sich die ihnen unterworfene Mehrheit zu beschäftigen hatte. Es war aber gerade dieser Bereich, in dem der Mensch sich auf die Gesetze der Natur einstellen musste und sein Wissen über diese erweitern konnte. Ein Vorrecht der Herren war dagegen die Verkündung und Durchsetzung von Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs, alles dessen also, was wir als »Recht« bezeichnen. Kein Wunder, dass die »Gesetze« und Satzungen des Rechts dadurch eine besondere Weihe erhielten – ihre Geltung war mit der Existenz der Herrenschichten unlösbar verknüpft. Die Beobachtung des Naturgeschehens wie überhaupt die Produktionsprozesse gingen dagegen nur das niedere Volk, Bauern oder Handwerker etwas an. Diese Haltung konnte sich auch im klassischen Griechenland behaupten, wie schon Herodot anmerkte[149] und Aristoteles dadurch bekräftigte, dass er Handwerker und Kleinhändler von der idealen Polis ausschloss.
Solange in den Augen der tonangebenden Schichten alles, was der Zivilisation zugehört, als minderwertig erschien, war es praktisch unmöglich, Kultur und Zivilisation begrifflich zu unterscheiden. Es bedurfte der Attacke auf die herrschenden Schichten, wie sie sich im achtzehnten Jahrhundert vor der französischen Revolution vollzog, um dieser grundsätzlichen Erkenntnis zum Sieg zu verhelfen. Diese Attacke war nicht zufällig zur gleichen Zeit ein Angriff gegen die Religion, die sich bis dahin so hilfreich für die Legitimation der Herren erwiesen hatte. Hume, Kant und die großen Aufklärer der Enzyklopädie[150] leiteten eine Revolution des Denkens ein, die zum ersten Mal in der Geschichte den Kosmos in zwei Hälften zerteilte.[151] Es gab die Satzungen und Bräuche der Menschen, die so vielfältig waren wie die Gesellschaften, die sie erschufen. Und es gab die Natur, deren Gesetze spätestens seit Newtons neuer mathematischer Naturphilosophie überall und zu allen Zeiten unveränderlich erschienen. Das eine war das Reich der Notwendigkeit, unabhängig vom Wünschen und Wollen des Menschen, das andere das der Freiheit, wo er eben dieses Wollen und Wünschen realisierte. Die Satzungen und Vorstellungen, womit der Mensch sein Leben in der Gesellschaft ordnete, aber auch seine Vorstellungen über das Schöne und Gute wurden nun dem Bereich der Kultur zugerechnet. Sie waren der unmittelbare Ausdruck menschlicher Freiheit.
Mit der unangefochtenen Stellung der Herren verlor Kultur ihre bisherige Exklusivität und Vormachtstellung. Kultur als Überhöhung menschlichen Daseins in allen Formen komplexen Genießens war bis dahin das Privileg der Freien gewesen; die Mehrheit war zu sehr mit der Daseinsfürsorge und der Versorgung der Herren beschäftigt, als dass sie mehr als rudimentäre Formen kulturellen Lebens hervorbringen konnte. Von nun an aber gelangte Kultur schrittweise in den Besitz größerer Bevölkerungsteile. Nicht länger Instrument einer Herrschaft, die sich der Religion und Kunst zur eigenen Verherrlichung und Legitimierung bediente, wurde sie jedermanns Eigentum - Kultur wurde sozusagen generalisiert.
Zugleich aber erlebte die Zivilisation eine außerordentliche Aufwertung. Sie wurde zum Inbegriff demokratisierter ökonomischer Macht. Alles, was sich durch die Erkenntnis und Anwendung der Naturgesetze, d.h. durch die bald im Eiltempo voranschreitende Industrialisierung, erreichen ließ – erforderte von nun an die Mitwirkung der gesamten Bevölkerung. Die technische Naturbeherrschung griff immer weiter um sich. Sie wurde globalisiert und schließlich zum Allgemeinbesitz aller Menschen.
Jetzt erst konnte zum ersten Mal ein historisches Bewusstsein dafür entstehen, wie unterschiedlich sich in der bisherigen Geschichte des Menschen Kultur und Zivilisation zueinander verhalten hatten. Erst nachdem beide in der modernen Zeit sozusagen getrennte Wege gingen, sprang ihre Wesensverschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit, ins Auge. Die eine überwand alle Grenzen, die andere markierte Grenzen oder rief sie überhaupt erst ins Leben.
Feuer, Rad, Speer, Pflug, genauso wie später Auto oder Computer übersprangen die Kontinente sozusagen im Flug, weil sie ihren Besitzern eine Überlegenheit gegenüber Mensch und Natur verschafften, deren Wirksamkeit für jedermann evident war. Als die ersten Krüge aus Ton geformt, die ersten befestigten Städte erbaut, das erste Kupfer gegossen, die ersten Pferde zum Reiten abgerichtet, die ersten Schwerter geschmiedet wurden, war allen, die mit diesen Erfindungen in Berührung kamen, in kurzer Zeit klar, dass dadurch eine Übermacht in der Daseinsbeherrschung herbeigeführt wurde, der man nur dadurch etwas entgegenzusetzen vermochte, dass man diese Erfindungen so schnell wie möglich imitierte und übernahm. Als England die ersten Dampfmaschinen in Dienst nahm, war in kürzester Zeit allen anderen Nationen Europas klar, dass sie sich dieser Neuerung nicht verschließen konnten. An die Überlegenheit von Wissenschaft und Technik brauchte niemand zu glauben, niemand musste daraus ein Dogma machen. Ihre spektakulären Errungenschaften bedurften keiner rechtfertigenden Ideologie. Auch Völker mit einer ganz anderen Kultur und Geschichte ließen sich von dieser Evidenz überzeugen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begriffen die Japaner als erste Asiaten, dass Kanonenboote, Eisenbahnen und Medizin den Europäern eine Übermacht verschafften, gegen die sie sich nur dadurch zu behaupten vermochten, dass sie all diese Erfindungen so schnell wie möglich kopierten und sich zu eigen machten.
Nicht einmal Bewunderung für die überlegene Zivilisation fremder Völker braucht dabei mitzuschwingen. Als die Japaner das Bier der Deutschen nachahmten und eigenen Wein wie die Franzosen anbauten, spielte sicher der Spaß an diesen bis dahin unbekannten kulinarischen Reizen die ausschlaggebende Rolle. Aber die Waffen der anderen und ihre überaus leistungsfähige Wirtschaft übernahmen sie weniger aus Bewunderung als aus Angst. Sie mussten befürchten, andernfalls als unterlegene Nation an den Rand gedrängt oder kolonisiert zu werden, wie es ringsum mit ihren Nachbarn geschah. Nicht anders erging es den Chinesen. Sie blickten auf eine lange Tradition des nationalen Stolzes zurück und übernahmen westliche Technik und Wissenschaft gewiss nicht aus Bewunderung für die »westlichen Barbaren«, sondern weil sie erkannten, dass sie sonst für immer ein Opfer fremder Herrschaft sein würden. Die Lehre aus diesen Vorbildern wird inzwischen von allen Völkern des Globus verstanden. Es steht ihnen gar nicht frei, das einmal vorhandene zivilisatorische Wissen und Können der anderen zu ignorieren.
Hierin liegt denn auch bis heute der Grund, warum Fortschritte in den Techniken zur Daseinserhaltung die Grenzen zwischen verschiedenen Stämmen und Völkern seit frühesten Zeiten so mühelos überwinden. So fremd und feindlich verschiedene Kulturen oder geographische Nachbarn einander sonst auch gewesen sein mochten, das Wissen der einen wurde blitzschnell zum Wissen der anderen, wenn es seinem Inhaber bedeutende Überlebensvorteile verschaffte. Die Geschichte des zivilisatorischen Fortschritts verläuft aus diesem Grunde weitgehend kumulativ. Sie ähnelt einem Strom, der sich aus vielen Rinnsalen speist und dabei immer breiter und schneller wurde, bis er in unserer Zeit der Globalisierung erstaunliche und auch beängstigende Proportionen annahm.
Welch ein Unterschied zu den Errungenschaften der Kultur! Kulturen strömen nie zu einem gemeinsamen Fluss zusammen, auch wenn die eine bisweilen durchaus Sitten, Bräuche, Schriftarten, Kunststile bis hin zu philosophischen Anschauungen und manchmal sogar einzelnen Gottheiten von anderen entlehnt. Während sich die Naturerkenntnisse mühelos addieren, ja unser gesamtes zivilisatorisches Wissen nichts anderes als eine Addition aus allen Erkenntnissen seit Beginn der Menschheitsgeschichte ist, gibt es in der Kultur (abgesehen von den darin verwendeten »zivilisatorischen« Techniken) keine Summierung. Man kann Chinesisch und Deutsch nicht addieren, um danach auf eine höhere Sprache zu kommen. Ebenso wenig lässt sich die Musik Bachs mechanisch mit der eines japanischen Volksliedes vereinen. Und schon gar nicht lassen sich der christliche Gott mit Vischnu und Buddha und allen übrigen historischen Göttern zusammenfügen, etwa mit dem Ziel, aus dieser Summe dann die vollkommene Religion zu destillieren. Hier haben wir es mit parallelen Welten zu tun, jede von ihnen ein besonderer Kosmos mit eigenen Gesetzen und Regeln.[152]
Kulturen lassen sich auch nicht auf einer Skala der Vollkommenheit ordnen, auch wenn es üblich ist, Hoch- und Stammeskulturen zu unterscheiden. Doch dieser Unterschied macht nur im Hinblick auf ihre technologische Stellung, also im Hinblick auf das darin enthaltene Element der Zivilisation, einen Sinn.[153] Denn Kulturen sind in sich abgeschlossen und daher nur durch innere Differenzierung und nur nach eigenem Maßstab fortschrittsfähig.
Dagegen sind die Errungenschaften der Zivilisation ziemlich leicht auf einer Skala von unten nach oben einzuordnen. Das Schwert ist als Waffe weniger wirksam als das Gewehr, das Gewehr weniger als die Kanone, diese weniger als die Bombe. Zivilisationen bilden einen niemals abgeschlossenen Prozess der technologischen Perfektionierung, da sie so erweiterungsfähig sind wie das Wissen und Können, auf dem sie begründet sind.
Weil Kulturen in sich abgeschlossene Entwürfe - Projektionen der menschlichen Freiheit - sind, hat es in ihrem Bereich nie die für die Zivilisation so charakteristische Verbreitung über die Landesgrenzen und Kontinente gegeben. Während die unterschiedlichsten Völker den technischen Erfindungen der anderen, seien es nun Pfeil, Schwert, Steigbügel oder Pflug, ohne weiteres Gastfreundschaft gewährten, wurden fremde Götter oder Propheten wie Baal, Jahwe, Mohammed oder Christus von anderen Völkern nur in Ausnahmefällen freiwillig angenommen. Sie gehören zur Kultur ihrer Ursprungsvölker und diese stieß bei anderen Völkern in der Regel auf Abwehr bis hin zu heroischem Widerstand.
Diese Feststellung bedarf allerdings der Präzisierung. Auch kulturelle Errungenschaften haben sich manchmal blitzartig verbreitet, man braucht nur an den Jazz oder die vielen Amerikanismen in unserer Sprache zu denken. Doch gehorcht diese Verbreitung anderen Gesetzen. Die Errungenschaften der Zivilisation verbreiten sich durch ihre sichtbare Wirkung und Effizienz. Kulturen aber wesentlich nur auf zweierlei Art - durch rohe Gewalt oder deren gerades Gegenteil: das überzeugende Vorbild.
Wenn Gewalt im Spiel ist, drängt eine militärisch überlegene Zivilisation ihre eigene Religion, Kunst oder Sprache, kurz ihre Kultur, unterlegenen Völkern auf. Das geschah in Mittel- und Südamerika, in Afrika oder Australien – im Laufe der Geschichte irgendwann beinahe überall, nämlich immer dann, wenn Stärkere über Schwächere siegten. Daneben gab es allerdings auch den viel selteneren Fall, dass ein Volk aus Bewunderung für die Leistung anderer freiwillig dessen kulturelle Eigenarten übernahm.
Die Römer hatten die Griechen politisch unterworfen, aber sie hegten die höchste Bewunderung für die Literatur und Kunst der Unterworfenen. Nach ihren militärischen Niederlagen hatten die Griechen nicht die geringste Möglichkeit, irgendwelchen politischen Druck auf die Römer auszuüben. Es waren die Gebildeten des römischen Weltreichs, die nun von sich aus die kulturellen Schätze Griechenlands hoben. Dieser Vorgang hat in anderen Teilen der Welt Parallelen. Im 17. Jahrhundert unterwarfen die Mandschus das chinesische Reich, sie waren die politisch unangefochtenen Herren. Sie befanden sich den Unterworfenen gegenüber demnach in derselben Position wie die Römer. Sie konnten es sich leisten, die chinesische Sprache und Lebensart zu übernehmen.
Je geringer die Herrschaftsansprüche kultureller Inhalte sind, desto leichter wurden und werden sie übernommen. Römer und Mandschus übten uneingeschränkte politische Herrschaft aus, von der Kultur der anderen hatten sie nichts zu befürchten. Deshalb erblickten sie darin eine Bereicherung und kulinarische Zutat zu ihrem eigenen Dasein. Das gilt auch für jene Teile der europäischen Kultur, die sich schon früh über die ganze Welt zu verbreiten begannen. Seit dem zwanzigsten Jahrhunderts üben Europas Musik, Literatur, Tanz, Malerei und Drama einen Zauber aus, der bis nach Ostasien reicht. Fremde Völker können vieles davon absorbieren, ohne deswegen in eine politische oder ökonomische Abhängigkeit zu geraten oder das Eigene opfern zu müssen. Das Fremde koexistiert auf friedliche Art mit den heimischen Traditionen. Es erweitert, ergänzt und bereichert diese, weil es nicht mit dem Anspruch der Ausschließlichkeit auftritt. Wer Bach oder Mozart in China oder Indien hört, braucht deswegen weder deutsch zu sprechen noch auf den Genuss indischer oder chinesischer Musik zu verzichten. Wer Shakespeare oder Goethe liest, spricht sich deshalb nicht gegen das Ramayana oder das chinesische Buch der Lieder aus.
Es ist auch vorgekommen, dass Religionen gewaltlos in anderen als ihren Ursprungsgebieten Fuß gefasst haben. Das frühe Christentum liefert dafür ein historisch herausragendes Beispiel. Der Verzicht auf alle Gewaltanwendung, verbunden mit der Bereitschaft die Gewalt dieser anderen widerstandslos zu erdulden, strahlte eine so mächtige Vorbildwirkung und Überzeugungskraft aus, dass eine Sekte, deren Mitglieder sich überwiegend aus Sklaven und Proletariern rekrutierten, die soziale Grundlage für die Religion der kommenden zweitausend Jahre schuf. Ein weiteres Beispiel liefert die Missionierung Indonesiens durch den heute als besonders aggressiv beurteilten Islam. Islamische Kaufleute scheinen ihren Glauben auf weitgehend friedliche Art in dieses bis dahin hinduistisch-buddhistische Land getragen zu haben. Doch mehr als andere Religionen liefert der Buddhismus selbst das Beispiel für friedliche Ausbreitung. Einerseits gelangte er über Tibet auf Handelswegen nach China und griff von dort gewaltlos auf den japanischen Inselstaat über. Andererseits kam er auf dem Seeweg bis in die indonesische Inselwelt.
Doch in welthistorischer Perspektive ist die friedliche Verbreitung von Sprache und Religion eine seltene Ausnahme geblieben. Sie musste es bleiben, weil die organisierte Religion eben in der Regel den Zweck erfüllte, Herrschaftsinteressen zu dienen. Diese aber gehorchen den Geboten der Macht. Die Eroberung durch eine fremde Religion stieß in der Regel auf erbitterten Widerstand, weil sie gleichbedeutend mit der Entmachtung einer bestehenden und der Etablierung einer neuen (geistlichen wie weltlichen) Herrenschicht war.
Die Alternativen von Gewalt oder Vorbild, deren Rolle bei der Ausbreitung der Zivilisation von geringer Bedeutung ist, mussten im Bereich der Kultur, besonders der Religion, auch noch aus einem weiteren Grund den entscheidenden Anteil erlangen. Es gibt kein objektives Verfahren, um die Richtigkeit oder Wahrheit einer Religion zu beweisen, mag es sich dabei nun um Christentum, Islam oder Buddhismus handeln. Ebenso wenig, wie man von einem Verfahren weiß, mit dem man die Richtigkeit oder Wahrheit der deutschen, der chinesischen oder der japanischen Sprache demonstrieren könnte. Ein Glaube kann daher nur durch das Vorbild seiner Anhänger wirken oder Gewalt muss ihm Pate stehen. Die frühen Christen waren bereit, für den eigenen Glauben alles zu opfern, einschließlich des eigenen Lebens. Durch dieses höchste Opfer, zu dem der Mensch für seine Überzeugungen fähig ist, lieferten sie die beste Annäherung an einen Beweis für die Wahrheit des von ihnen Geglaubten. Es war ein psychologischer Beweis durch Vorbildwirkung, der dem Christentum zu seinem unblutigen Sieg verhalf. Aber ein solches Vorbild für andere zu errichten, dazu sind Menschen nur selten und wohl auch nur unter besonderen historischen Umständen bereit. Verzicht und Entbehrungen sind einfach zu groß. Im Vergleich dazu ist es sehr viel einfacher, mit Gewalt den Widerspruch zu ersticken. Das tat die Kirche, nachdem sie selbst die Macht erlangt hatte, gegenüber den Abweichlern (Ketzern) in den eigenen Reihen, und das tat sie bei der Eroberung Lateinamerikas. Hatte sich das frühe Christentum gemäß dem Willen seines Begründers verbreitet, nämlich durch Vorbild und Opfer, so wurde es von der Ecclesia triumphans den unterworfenen Indianern vorzugsweise mit Feuer und Schwert eingebrannt.
Gerade solches Vorgehen hat musste das Bewusstsein des Menschen dafür schärfen, dass Kultur und Zivilisation, menschengemachte und natürliche Gesetze verschiedenen Sphären angehören. Kultur entsteht mit dem Menschen, sie ist die sichtbare Manifestation seiner Freiheit. Seine Sprache, Dichtung, seine Musik, seine Bauwerke, seine Sitten, sein Recht, seine Deutung des Universums – all das sind Gestaltungen menschlicher Freiheit und deshalb wandelbar und von unübersehbarer geschichtlicher Vielfalt. Zivilisation beruht dagegen auf unabhängig vom Menschen bestehenden Gesetzen, die seiner Freiheit Grenzen setzen, weil er sie nicht zu überschreiten oder gar außer Kraft zu setzen vermag.
Mit dieser Einsicht aber hatte der Mensch die vielleicht gefährlichste Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen. Denn Satzungen, die die Herren früher im Namen der Götter oder mit ihrer Billigung erlassen hatten, gehörten selbst zur göttlichen Ordnung und standen damit weit über der natürlichen, die nur ein Teil davon war. Die menschliche Ordnung - Kultur und Religion - besaß ihre Wurzeln im Göttlichen. Sie verkörperte daher den höchsten Wert. Die natürliche Ordnung aber wurde nur als Reflex dieser menschlich-göttlichen gesehen und besaß daher nur einen abgeleiteten Wert.
Doch jetzt hatte sich die Kultur von dieser Verankerung losgerissen. Auf einmal war sie als menschengemacht durchschaut, ein Resultat menschlichen Wollens und Wünschens – nicht mehr. Umgekehrt aber konnten die Naturgesetze jetzt die ganze Erhabenheit und Majestät des Ewigen, Notwendigen und Unantastbaren auf sich vereinen. Hieraus hat sich der Zweifel an der Kultur und damit eine neue Lüge entwickelt, eine, die für unsere Zeit kennzeichnend ist – die Lüge von der Wertlosigkeit der Werte.
Damit befinden wir uns aber schon auf dem Weg zum abschließenden Teil dieses Buches: den Lügen unserer Zeit.
Wie Macht ihren Keil zwischen Denken und Sein treibt, so dass Lügen sich dort einnisten können und zur zweiten Natur des Menschen wurden, das liegt für die Vergangenheit auf der Hand. Der Grund dafür hat freilich nichts mit den Menschen als solchen zu tun, sie waren nicht leichter verführbar, als wir es heute sind. Und andererseits sind wir heute nicht die besseren Menschen. Der Grund ist simpler: Die existenziellen (materiellen) Interessen, denen die Lügen von damals ihr zähes Leben verdankten, gibt es nicht länger. Zwar existiert in Staaten wie Brasilien oder Mexiko auch heute noch eine Schicht von Großgrundbesitzern, die einen großen Einfluss auf die Regierung ausüben, aber in den ökonomisch entwickelten Ländern wird Reichtum auf andere Art erworben. Wir reißen daher keine Wunden auf, beschwören keine Gefahren, wenn wir über die Ideologien der Ungleichheit früherer Jahrhunderte sprechen. Auch über die Verirrungen des Denkens, welche damals als angeblich unwiderlegliche Beweise für die Minderwertigkeit der Frauen galten, können wir heute freimütig reden.
Ganz anders ist es mit den Lügen unserer eigenen Zeit. Da sind wir auf einmal merkwürdig blind. Was uns ganz nahe ist und unser eigenes Leben beherrscht, das erscheint allenfalls verschwommen vor unseren Augen. Unsere eigenen Lügen sind zwar als solche weder geheimnisvoller noch komplexer als die Lügen früherer Zeiten. Sie werden daher einer späteren Zeit gleich gut erkennbar sein. Aber unsere Blindheit ist dadurch bedingt, dass diese Lügen für uns wiederum mit existenziellen Interessen verknüpft sind. Die sie verteidigenden Mächte wenden auch heute alle ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln an, damit auch aus unseren Lügen scheinbare Wahrheiten werden. Daher ist auch die emotionale Distanz nicht länger möglich, sobald wir die großen Lügen der eigenen Zeit thematisieren. Wir sind dann keine vornehmen Zuschauer mehr, die von oben herab in die Niederungen der Geschichte hinunterblicken. In diesem Fall stehen wir selbst mitten drin in dieser Geschichte. Wir stehen in ihrem Getümmel, reißen Wunden auf und beschwören Gefahren. Dennoch wäre unser ganzes Unternehmen ein unergiebiges Unterfangen, wenn unser Mut nur so lange währte, wie wir uns mit den Interessen von Toten abgeben und den Machtmissbrauch der längst Begrabenen beschreiben. Wir dürfen nicht ängstlich zurückschrecken, wenn es darum geht, die Lügen der eigenen Zeit aufzudecken.
Diese sind heute so mächtig wie eh und je – das hoffe ich auf den folgenden Seiten zu zeigen. Wir schleppen sie als Kompass für Irrwege und Sackgassen mit uns herum. Die größten Lügen unserer Zeit handeln:
von der wundersamen Vermehrung
vom friedlichen Krieg
von der Gleichheit der Ungleichen
von der Berechenbarkeit des Unberechenbaren
und
von der Wertlosigkeit der Werte
Etwa gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurde jener Strich durch die menschliche Geschichte gezogen, der die Vergangenheit von der neuen, der industriellen Epoche, trennte. In gigantischer Anstrengung gelang es, die Natur so in den Dienst zu nehmen, wie das bis dahin nur mit der Mehrheit der Menschen geschah. Die Zementierung der Ungleichheit, welche den größten Teil der Bevölkerung dazu verdammte, die »freien Stellen« für eine kleine Schicht von Privilegierten zu schaffen, gehört seitdem der Vergangenheit an. Maschinen wurden erzeugt, die zunächst die Kraft mehrerer Dutzend Pferde erreichten, doch in unserer Zeit nahezu beliebig viele Pferde und Menschen ersetzen. Weniger als drei Prozent der Bevölkerung sind in Deutschland unmittelbar in der Landwirtschaft tätig. Inzwischen kommt die Nahrungsversorgung nahezu ohne Menschen zustande.
Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wurde auch die industrielle Produktion selbst in diesen Prozess einbezogen. Zwar war sie schon seit ihrem Beginn mechanisiert, weil sie von vornherein auf der Nutzung von Maschinen beruhte, doch jetzt wurde sie zusätzlich automatisiert. Programmierte Maschinenkomplexe führen synchron vielstufige Arbeitprozesse aus - im Extrem den ganzen Herstellungsgang von der Aufnahme der Rohmaterialien plus Energie bis zum fertigen Produkt. Es war vorauszusehen, dass die Automation auf lange Sicht dieselbe Wirkung im industriellen Bereich ausüben würde wie der Einsatz von Wissen und Maschinen zuvor in der Landwirtschaft.
Tatsächlich ist die rein physische Arbeit schon jetzt auf einen kleinen Teil der Bevölkerung eingeschränkt. In den technologisch fortgeschrittensten Staaten ist der bei weitem größte Teil aller Menschen mit der Produktion und Verarbeitung von Gedanken beschäftigt. Er entwickelt Ideen und Pläne für den technisch-ökonomischen Bereich oder ist für jene ästhetische und geistige Bereicherung tätig, die wir als Kunst, Wissenschaft und Religion bezeichnen.
Der Gegensatz zu den großen Agrarzivilisationen könnte kaum verblüffender sein. Damals kamen für nicht-physische Tätigkeiten maximal jene 20 Prozent Menschen in Frage, die von landwirtschaftlichen Tätigkeiten befreit werden konnten. Doch zumindest ein Teil dieser die »freien Stellen« okkupierenden Schicht war in der Regel an physische Arbeit, nämlich an den Gebrauch der Waffen, gebunden. Die Befreiung von der bäuerlichen Feldarbeit allein hatte noch längst nicht den Zugang zu geistigen Tätigkeiten zur Folge. Auch in befriedeten Gesellschaften wie dem alten Ägypten und anderen bürokratisch verwalteten Staaten musste der weitaus größte Teil der Freien für das Eintreiben der Nahrung und die Organisation von Frondiensten sorgen. Wenn wir annehmen, dass im äußersten Fall zehn Prozent der Bevölkerung sich geistigen Dingen wie Kunst und Religion widmen konnte, so haben wir für die meisten Kulturen wohl immer noch viel zu hoch gegriffen. Wir brauchen nur an die Verhältnisse in Sparta zu denken. Dort standen den 200 000 Heloten, die in der Rolle von Sklaven für Nahrung sorgten, maximal 9000 Spartaner gegenüber, also knapp 5 Prozent der Bevölkerung. Die Männer dieser herrschenden Elite brachten aber den größten Teil ihres Lebens nicht einmal in ihren Familien zu sondern in Männerhäusern, d.h. in Kasernen. Sie mussten ja jederzeit in der Lage sein, einen Aufstand der verhassten Sklaven niederzuschlagen. Das war jene durch und durch militarisierte Gesellschaft, die Plato in seinem Staat zum Vorbild erklärte.
Die Lügen der Vergangenheit waren gegen den Menschen gerichtet, gegen die Idee der Gleichberechtigung aller Menschen, die Möglichkeit eines anhaltenden Friedens und die Gleichwertigkeit der Frau. Sie führten zur Unfreiheit einer Mehrheit bis hin zu ihrer Versklavung. Die Lügen unserer Zeit sind zunächst einmal gegen die Natur gerichtet, weil die Herrschaft über den Menschen durch eine Herrschaft über die Natur abgelöst wurde. Die Wirkungen dieser Lüge sind für alle sichtbar, und zwar inzwischen auf dem ganzen Planeten. Der Smog, der die Sonne über vielen Metropolen von China bis Brasilien verdunkelt, die Ausbreitung der Wüsten, das Schwinden der Wälder und Sterben der Arten, das Schmelzen der Eiskappen an beiden Polen des Globus – all dies sind Auswirkungen unseres Kampfes gegen die Natur.
Kampf gegen den Menschen in früheren Zeiten – Kampf gegen die Natur in unserer Zeit. Der Parallelismus reicht noch darüber hinaus. So wie früher eine ganze Schicht von Ideologen damit beschäftigt war, im Auftrag der Macht die bestehenden Verhältnisse zu rechtfertigen und die Wahrheit zu leugnen, werden in unserer Zeit viele Wissenschaftler von Regierungen und Unternehmen dafür bezahlt, die Schäden der globalen Naturvernichtung zu bagatellisieren oder sie überhaupt in Abrede zu stellen.
Unter den Lügen, die aus der Beherrschung der Natur resultieren, steht an vorderster Stelle die von der wundersamen Vermehrung. Sie ist vor allem deshalb so schwer zu bekämpfen, weil sie wie alle Halbwahrheiten eine besondere Faszination ausübt. Die Aussicht auf ein ewiges Wachstum ist ja zugleich Segen und Fluch. Eineinhalb Jahrhunderte konnte es so scheinen, als wäre fortwährendes Wachstum eine ungetrübte Verheißung. Die unmittelbaren Folgen der wundersamen Vermehrung bestanden in einer ständig anschwellenden Flut materieller Erzeugnisse und immer breiter gestreutem Reichtum.
Spätestens seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verdunkelt der durch unkontrolliertes Wachstum bewirkte Fortschritt jedoch die Zukunft des Menschen. Wir stellen fest, dass beinahe jede unserer durch Technik ermöglichten Segnungen auch Gefahren heraufbeschwört, die das Gleichgewicht des Globus auf eine nie dagewesene Weise gefährden. Zwar freuen wir uns über immer mehr Güter, doch gleichzeitig wird auch immer mehr Landschaft dazu gebraucht, sie als Müll wieder zu schlucken, und immer größere Teile vor allem küstennaher Bereiche des Meeres drohen unter dem Einfluss all jener Gifte zu veröden, die den Prozessen ihrer Herstellung entstammen. Nicht besser steht es um den Gewinn an verfügbarer Energie. Zwar verschaffen sie jedem Bürger eines westlichen Staates mehr Arbeitskraft als menschliche Sklaven zur Zeit des Perikles einem athenischen Bürger, aber mit den Giften und Rückständen aus den dazu nötigen Kraftwerke verpesten wir die Natur. Entweder belasten wir sie mit Plutonium und anderen radioaktiven Abfällen auf Zehntausende von Jahren oder wir schlittern durch fossile Verbrennung direkt in Treibhauseffekt und Klimakatastrophe.
Auch die Freude über die mühelose Produktion von Nahrung, die in den fortgeschrittensten Staaten bis zu 98 Prozent der Bevölkerung für andere Tätigkeiten befreite, könnte uns schon in naher Zukunft vergehen. Zwar stieg die weltweite Getreideproduktion vor allem seit der Grünen Revolution in den 1960er Jahren um mehr als das Doppelte, ohne dass sich die Anbaufläche vergrößerte, aber dieser außerordentliche Produktivitätsfortschritt ist vor allem dem Einsatz fossiler Energieträger in Form von Düngemitteln, Pestiziden, dieselbetriebener Bewässerung und motorisierter Landwirtschaft und Verteilung zu danken. Hinter jeder Kalorie, die wir zu uns nehmen, steht inzwischen ein Mehrfaches an fossilem Energieaufwand. Anders gesagt: Wir essen Öl. Nach dem Versiegen dieser künstlichen Quellen steht eine gewaltsame Rückentwicklung in frühere Zustände bevor. Nicht einmal die Ernährung der heutigen Bevölkerungszahl von sechs Milliarden Menschen ist dann noch gesichert, geschweige denn die einer immer noch exponentiell anschwellenden Menschheit.
Dennoch ist die Hoffnung keineswegs abwegig, dass die technische Intelligenz, die diese Entartung des Wachstums verschuldet hat, sie auch wieder einzudämmen vermag. Der kritische Umweltstatistiker Bjørn Lomborg hat sicher recht, wenn er meint, dass wir überhaupt erst unseren Fehlern jenes außerordentliche Wissen verdanken, womit wir sie schließlich besiegen können. Selbst im Hinblick auf die Ursachen des Klimawandels und die zu dessen Bekämpfung gebotenen Schritte, verfügen wir inzwischen über das notwendige Know-how. Die eigentliche Lüge liegt nicht hier, sondern in dem illusorischen Glauben, dass ein unbegrenztes Wachstum überhaupt möglich sei.
Die Lüge von der wundersamen Vermehrung hat das Verhältnis von Mensch und Natur radikal verändert. Bis ins 19. Jahrhundert war der Kreislauf zwischen beiden weitgehend geschlossen. Das galt vor allem für die Erzeugung von Nahrung. Der Mensch verbrauchte dafür so viel Energie, wie die Sonne ihm Jahr für Jahr zur Verfügung stellte. Erst seit zweihundert Jahren verlassen wir uns nicht mehr auf diesen jährlichen Nachschub, sondern auf einen verborgenen Schatz unter der Erde. Die industrielle Revolution kam im großen Stil überhaupt erst durch die Hebung dieses Schatzes zustande. Erst die Nutzung fossiler Energien wie Kohle, Öl und Gas und schließlich der Einsatz nuklearen Brennmaterials hat jenes Wachstumsfeuer entzündet, das nun zu erlöschen droht, weil die Vorräte gegen Mitte des 21. Jahrhunderts erschöpft oder nur unter noch viel größerer Naturzustörung zu nutzen sein werden. Wir saugen Rohstoffe aus der Erde und verwandeln sie in Lawinen von Fertiggütern. Für diesen Umwandlungsprozess und die dazu nötigen Transporte konnten wir die in der Erde verborgenen energetischen Reserven verwenden. Weltweit wurden technologisch entsprechend aufgerüstete Staaten zu Wohlstandsmaschinen, die ihre Bürger mit einem immer breiteren Strom ständig neuer Waren verwöhnen. Dass diese wundersame Vermehrung ohne den Goldfund unter der Erde nicht möglich gewesen wäre, davon war fast zwei Jahrhunderte lang keine Rede.
Erst im Jahr 1973, also ziemlich genau zwei Jahrhunderte nach dem Einsetzen der Industrialisierung, ertönte ein schrilles Warnsignal. Damals erschienen die »Grenzen des Wachstums« von Dennis Meadows. Die Ressourcen, auf denen unser Wachstum beruht, seien endlich, so lautete die simple Botschaft. Die gigantische industrielle Expansion der vergangenen zweihundert Jahre wurde damit indirekt zu einem Strohfeuer deklariert, das wie das auf den Erdölfeldern abgefackelte Gas eine Zeitlang zum Himmel schießt, um nach deren Erschöpfung schlicht zu verglimmen. Innerhalb eines historischen Wimpernschlags von weniger als hundert Jahren gelang es der Menschheit, ein in Jahrmillionen angesammeltes Reservoir an Öl und Gas bis zur Hälfte abzubauen. Der Rest wird bis etwa um die Mitte des 21. Jahrhunderts weitgehend aufgezehrt sein.
Zum ersten Mal kam die Kehrseite des ökonomischen Wachstums in greller Schärfe zum Vorschein: Sie besteht in einem gleichzeitigen Schrumpfungsprozess. Einerseits werden Güter geschaffen, andererseits wird dabei die Grundlage ihrer Entstehung vernichtet.
Kurze Zeit nach diesem Warnruf herrschte in allen Hauptstädten der industrialisierten Welt große Verstörung, danach setzten sich von neuem die bestehenden Interessen durch, als wäre nichts gewesen. Die unbequeme Einsicht wurde verdrängt. Die Lüge von der wundersamen Vermehrung wurde gegen alle Evidenz weiter geglaubt.
Lügen sind nicht immer einfach durchschaubar. Das galt jedenfalls für die Lüge Platos, die ideologisch so fest untermauert war, dass die in ihr verborgenen Machtinteressen nur schwer zu erkennen waren. Ganz anders die Lüge von der wundersamen Vermehrung. Selbst ein Kind begreift ohne Mühe, dass es kein unendliches Wachstum geben kann, wenn die dazu nötigen Rohstoffe nur in endlicher Menge vorhanden sind. In diesem Punkt stimmen der gesunde Menschenverstand und die Voraussagen der Experten nahtlos überein. Nahezu jeder ist bereit, diese Binsenwahrheit als offenkundig zu akzeptieren.
Das ändert jedoch nichts an der unbezwingbaren Macht, die diese Lüge weiterhin ausübt. Kein Politiker, der nicht fortwährend das künftige Wachstum beschwört, keine Partei, die es nicht in ihren Programmen als wichtigsten Punkt anführt, kein Wirtschaftsinstitut und kein Unternehmen, das nicht Wachstum als höchstes Ziel proklamiert. Bis heute gibt es keinen Staat auf der Erde, der nicht in einem permanent steigenden BSP den Beweis für eine gelungene Politik erblickt. Viele Staaten sind überdies bereit, für das Wachstum und die dafür nötigen Ressourcen Kriege zu führen, den Weltfrieden zu gefährden, den Kollaps der Natur zu riskieren. Die Lüge von der wundersamen Vermehrung hält sich mit mindestens gleicher Hartnäckigkeit wie die von der menschlichen Ungleichheit. Dabei ist sie noch um vieles gefährlicher. Sie schadet ja nicht nur einer ausgebeuteten Mehrheit sondern auf lange Sicht allen Menschen, weil sie die natürlichen Grundlagen des Lebens bedroht.
Wie ist es möglich, dass eine so offensichtliche Illusion sich gegen alle Einwände zu behaupten vermag?
Darauf gibt es eine naheliegende Antwort. Diese Lüge dient den Interessen aller - nicht nur denen einzelner Schichten. Sie wird daher nicht nur von den Mächtigen und Reichen, nicht allein von Kapitalisten vertreten, sondern ebenso von Kommunisten, Arbeitern und der Mittelschicht, d.h. von nahezu allen Menschen. Die Lüge von der wundersamen Vermehrung wird deswegen so inbrünstig geglaubt und jede Politik, die sich auf eine künftige Zeit ohne Wachstum einrichten will, deshalb so vehement bekämpft, weil niemand auf dieses Wachstum verzichten möchte. Der Wunsch nach Reichtum hier und jetzt und nahezu um jeden denkbaren Preis finden wir gleich ausgeprägt in den frühen Industrienationen wie bei den asiatischen Aufsteigern. Er ist derart mächtig, dass er die Lüge gegen alle Einwände schützt. Denn die einzigen, die für die rücksichtslose Vergeudung der Ressourcen und die Naturvernichtung wirklich bezahlen, sind die kommenden Generationen. Sie aber genießen keine Parteienstellung. Man fragt und berücksichtigt sie nicht. Mag die Natur großflächig vernichtet werden und ihre voraussehbare Rache das künftige Leben auf dem Planeten gefährden. Mögen drohende Ressourcenkriege die Zukunft verdunkeln, die Lüge vom ewigen Wachstum war der Motor der industriellen Entwicklung, der Motor des Fortschritts, die Verheißung auf ein irdisches Paradies. Diese Lüge wird daher nach wie vor von allen getragen – mit Ausnahme jener Unsichtbaren, die heute noch nicht geboren sind und sich deshalb nicht wehren können. Die Macht der heute lebenden Generation richtet sich gegen die Ohnmacht der Ungeborenen.
Solange die Welt nicht tatsächlich in Scherben zerfällt, klammern sich alle mit Inbrunst an eine Lüge, die ihnen im Hier und Jetzt immer noch unbestreitbaren Nutzen verschafft. Der Mensch ist lernfähig, gewiss. Aber auf offenkundige Vorteile verzichtet er erst, wenn deren Nebenwirkungen so schmerzhaft zu spüren sind, dass die Bilanz für ihn einen offenkundig negativen Saldo ergibt. Das ist erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts der Fall. Inzwischen fängt es an, wirklich schmerzhaft zu werden. Der Klimawandel bedroht die Menschheit als Menetekel kommenden größeren Unheils. Spätestens in zwei bis maximal fünf Jahrzehnten wird uns, wenn wir es nicht rechtzeitig freiwillig tun, die höhere Gewalt der Natur dazu zwingen, die Lüge von der wundersamen Vermehrung endgültig aufzugeben.
Die Lüge von der wundersamen Vermehrung ist unlösbar mit einer zweiten verknüpft – der Lüge vom friedlichen Krieg. Vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden sprach der griechische Philosoph Heraklit sein berühmt-berüchtigtes Wort über den Krieg. Den »Vater aller Dinge« nannte er ihn. Krieg ist Wettbewerb in seiner unnachsichtigsten Form, Wettbewerb auf Leben und Tod. Ein solcher Wettbewerb kann für den zivilisatorischen Fortschritt sehr günstige Folgen haben, denn er ermöglicht die äußerste Kraftanspannung. Angesichts der drohenden Aussicht, vom Feind nicht nur übervorteilt, sondern völlig vernichtet zu werden, lässt der Mensch alles hinter sich, was ihn gewöhnlich von der Entfaltung seiner letzten Kräfte zurückhält: Sitten und Bräuche, Moral und Religion, Philosophie und Alltagsweisheit. Krieg ist Totalmobilisierung, die alles Gewohnte über den Haufen wirft. Weil der Krieg den Menschen zu höchsten Leistungen aufreizt, ist er der Vater aller furchtbaren aber auch vieler zukunftsträchtiger Dinge.
So richtig die Beobachtung des griechischen Philosophen zweifellos war, werden sich doch nur wenige zu der absurden Behauptung versteigen, dass Krieg die Wohlfahrt der an ihm beteiligten Menschen fördert. Das Leben der Besiegten wird meist nachhaltig zerstört, nicht selten auch das der Sieger. Krieg ist Wettbewerb in seiner schrecklichsten Form, er ist ein Unglück für alle Beteiligten, daran vermag auch die Tatsache nichts zu ändern, dass er ihre geistige Potenz nicht selten außerordentlich steigert.
Der historische Wettbewerb ist eine mildere Form des Krieges und als solche eine historisch späte Erscheinung. Nicht dass es ihn nicht überall in Ansätzen und manchmal auch in einer seiner heutigen ähnlichen Form gegeben hätte. Z.B. in einer der Formen des vormodernen Kapitalismus, von denen Max Weber sprach. Aber die vorherrschende Tendenz zielte in den großen Agrarzivilisationen auf eine Minimierung bis hin zur Ausschaltung des Wettbewerbs innerhalb der Bevölkerungsmehrheit. Wettbewerb sprengte die soziale Hierarchie, konnte durch Neuverteilung des Reichtums Diener zu Herren und Herren zu Dienern machen. Das sollte verhindert werden. Solange eine Elite aus weltlicher und geistlicher Macht sich durchzusetzen vermochte, suchte sie einen Wettbewerb zu behindern, der zur Konzentration großen Reichtums bei Produzenten und Kaufleuten führen konnte. Wettbewerb durfte nur zwischen den Herren selbst existieren, die miteinander um Besitz und Nutzung der ihnen unterworfenen Bevölkerung rangen. Die Fixierung der agrarischen Menschheit in Kasten und Klassen war eines der Instrumente, um Wettbewerb weitgehend auszuschalten.
Ein anderes war, wie wir sahen, die Tradition. Traditionen waren die Waffe der kleinen Leute gegen alle Formen der Neuerung. Genau damit war es seit der industriellen Revolution vorbei. Die Herren waren gestürzt, und auch die Tradition verlor ihre bisherige Macht. Das hartnäckige Festhalten an Traditionen hatte den Menschen bis dahin mehr Nutzen als Schaden gebracht (das war ja der Grund der Traditionshörigkeit), von nun an aber verhielt es sich eindeutig anders. Es zeigte sich, dass sich der Reichtum für alle vermehrte, die politische Mitbestimmung an Breite gewann, wenn man die Traditionen sprengte und sich auf den Wettbewerb und das Neue einließ.
So bestand die entscheidende soziale Revolution der Neuzeit in der Ausdehnung des Wettbewerbs auf immer weitere Bevölkerungsschichten. Wettbewerb mobilisierte das bis dahin schlummernde Erfindungspotential: er erlaubte mehr und mehr einzelnen die Entfaltung ihrer Talente, Ideen und persönlichen Vorhaben. Durch den dadurch in Schwung gebrachten technologischen Fortschritt ließen sich immer weitere Bereiche der Naturbeherrschung und Wohlstandsvermehrung erschließen. In Europa, später in Amerika, Russland und Asien wurden die bis dahin stummen, duldenden, bloß gehorchenden Massen aus ihrer verordneten Ruhe gerissen. Sie traten in den Kampf oder wurden in ihn hineingetrieben.
Seit die Rebellion gegen die alte Herrenschicht aus Adel und Klerus diese aus ihrer allmächtigen Stellung vertrieben hatte, wurden nun alle Energien auf das neue Ziel der Naturbeherrschung gelenkt. Jeder, der in diesem Feldzug seine Fähigkeiten besser zur Geltung brachte, erhielt die Chance, sozial aufzusteigen und zu schnellem, oft phantastischem Reichtum zu gelangen. Ein Wettbewerb aller gegen alle wurde in Bewegung gesetzt, der die bestehenden Klassen- und Kastenschranken überall auf der Welt in kurzer Zeit hinwegfegen sollte. Dieser entfesselte Wettbewerb erwies sich als ein abwechselnd belebender und vernichtender Kampf, in dem sich in einem fort Sieger und Verlierer ablösten. Im Vergleich zur agrarischen Epoche war eine brodelnde, dynamische, unter dauernder Unruhe lebende Gesellschaft entstanden.
Solange dieser institutionalisierte Krieg der Aufsicht eines starken Staates gehorchte, sahen die meisten Menschen darin freilich weniger eine Gefahr als eine zu ergreifende Chance. Der Wettbewerb blieb gebändigt, weil und solange er strengen Regeln gehorchte. Wer durch Talent, Willensstärke oder Arbeitsamkeit aus dem ökonomischen Kampf als Sieger hervorging, erwarb sich ein Anrecht auf soziale Anerkennung, doch wurde er darin gehindert, seine Stärke zur Vernichtung der Schwächeren zu verwenden. Der bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts wohl etablierte Nationalstaat konnte den Wettbewerb gerade deshalb so effizient einsetzen, weil er den Siegern immer nur ein relatives und zeitlich begrenztes Übergewicht, den Verlierern aber so viel ökonomischen Schutz gewährte, dass der innerstaatliche Wettbewerbskrieg den sozialen Frieden nicht ernsthaft zu gefährden vermochte. Der ökonomische Wettbewerb war nur die Vorstufe eines Krieges, keineswegs dieser selbst, auch wenn die Unternehmen dabei Worte wie Aggression oder Sieg und Niederlage ständig im Munde führten. Es war ein Krieg ohne Tote, der im Sozialstaat den Unterlegenen eine halbwegs gesicherte Existenz und in der Regel auch die Chance auf einen Neubeginn bot. Es war ein Krieg, der nach den prophetischen Worten des griechischen Philosophen wirklich zum Vater gewaltiger Dinge wurde. Er mobilisierte alle Kräfte des Menschen, schuf Werte und Reichtum, statt in Vernichtung umzuschlagen.
Das Geheimnis dieses mit Einverständnis aller Beteiligten geführten Krieges lag darin, dass die Allgemeinheit, vertreten durch die Organe des Staates, sorgfältig darüber wachte, dass der innere Frieden nicht in Gefahr geriet. Sieht man von der militärischen Rüstung ab, so erwies sich bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts fast jede technische Neuerung als Fortschritt in Richtung auf ein materiell besseres Leben.
Dennoch ist Krieg, auch in der Form des Wettbewerbs, immer ein Spiel mit dem Feuer. Auch das Feuer selbst hat der Mensch zu bändigen gelernt, aber die Bändigung erforderte seine beständige Wachsamkeit. Die Wirkung dieses nunmehr die gesamte Bevölkerung umfassenden Wettbewerbs bestand in einer generellen Erhöhung der geistigen Anspannung, aber gleichzeitig in einer Gefährdung des emotionalen Haushaltes. Denn seinem Wesen nach ist Wettbewerb eben das gerade Gegenteil von Zusammenarbeit, Einverständnis, friedlicher Übereinstimmung. Wettbewerb ist Kampf, und er soll es sein. Daher sind die größten Anstrengungen erfordert, wenn dieser Kampf ausschließlich positive, das Leben fördernde Kräfte entfalten soll. Der Tüchtigere soll siegen, gewiss. Dadurch gelingt es, die besseren Produkte, Verfahren, Organisationsformen und Ideen durchzusetzen. Doch soll er gerade nur so weit siegen, dass er auch weiterhin motiviert bleibt, seine Talente für die Gesellschaft bereitzustellen. Das bessere Unternehmen soll das schlechtere verdrängen, gewiss, aber es soll zugleich daran gehindert werden, nach und nach alle übrigen in den Konkurs zu drängen. Führt sein Sieg nämlich dazu, dass es schließlich als einziges übrig bleibt, so gibt es keinen Wettbewerb mehr. Jedes Monopol, bei dem der Kampf zwischen den Unternehmen schließlich nur noch ein einziges oder ein Oligopol aus zwei oder drei Firmen übrig lässt, führt den Sinn des Wettbewerbs ad absurdum.
Nicht anders ist es im politischen Wettbewerb. Der Willensstarke soll die anderen mit sich reißen, indem er seine Tatkraft auf sie überträgt. Auch das ist ein Gewinn für die ganze Gesellschaft. Gelingt es ihm aber, die anderen so wirksam zu unterdrücken, dass er dabei alle Entscheidungen an sich reißt, so entsteht eine Diktatur. Einer hat alle Macht, die anderen sind machtlos. Wieder ist die ursprüngliche Intention in ihr Gegenteil umgeschlagen.
Seit der staatlich gebändigte Krieg zum Markenzeichen moderner Gesellschaften wurde, haben diese die verschiedensten Sicherungen einbauen müssen, damit aus dem Spiel mit dem Feuer kein wirklicher Flächenbrand wird. So wurde das Patentrecht entwickelt, um Erfindern und Unternehmen gerade jenes Maß an Schutz und materieller Belohnung zu sichern, das sie motiviert, weiterhin Ideen zu entwickeln und zu vermarkten, aber Schutz und Belohnung wurden zeitlich begrenzt. So wurde das Kartellrecht entwickelt, um den Wettbewerb einer institutionellen Kontrolle zu unterwerfen. Der Starke sollte auf keinen Fall so stark werden können, dass er das System aus dem Gleichgewicht bringt. So hat man Erbschafts-, Vermögens-, Unternehmens- und überhaupt die progressive Besteuerung eingeführt, damit der ökonomisch Überlegene seinen Kinder und Enkeln nicht eine Stellung verschafft, die ihnen auch ohne Wettbewerb allen anderen gegenüber unaufholbare Startvorteile beschert. Für Einzelne oder Gruppen sollte es sich lohnen, ihre Leistungen der Gemeinschaft anzubieten und sie fortwährend zu steigern, aber zugleich sollten sie nie so viele Machtmittel in die Hände bekommen, dass sie selbst die Gemeinschaft dadurch kontrollieren - d.h. unkontrollierbar wurden.
Die eigentliche Herausforderung moderner Gesellschaften bestand in der Aufgabe, dieses fließende und stets gefährdete Gleichgewicht herzustellen und zu erhalten. Die Talentierten, Willensstarken, Fleißigen allzu sehr einzuengen, lief auf eine Einschläferung der dynamischen Kräfte in der Gesellschaft hinaus. Ihnen ein Übermaß an Ellenbogenfreiheiten zu gewähren, ließ andererseits soziale Spannungen entstehen, die die Gesellschaft zerreißen konnten. Die hohe Kunst des Ausgleichs zwischen zwei aus gegensätzlicher Richtung drohenden Gefahren war hier gefordert. Dabei verstand sich von selbst, dass der Ausgleich nicht von den interessierten Akteuren selbst ausgehen konnte, sondern allein von einer Institution, die über ihnen stand und das Gemeinwohl im Auge hatte. Das war trotz all seiner Schwächen immer der demokratisch legitimierte Staat. Solange der Staat eine unangefochtene Autorität gegenüber den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen aufrechterhalten konnte, gelang die Zähmung des Wettbewerbs. Es herrschte der friedliche Krieg.
Im Rückblick war der Staat darin zu keiner Zeit so erfolgreich wie in den drei goldenen Nachkriegsdekaden nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Der Schrecken eines ungezähmten ökonomisch-militärischen Wettbewerbs, der die Ausbeutung bis hin zur Vernichtung der Schwachen zur Folge hatte, war in der Nachkriegszeit der Bevölkerung und den Politikern noch deutlich bewusst. Das stärkte den Willen zu sozialer Gerechtigkeit, aber ohne dass es deswegen zur Erstickung der positiven Kräfte des Wettbewerbs kam. Ganz im Gegenteil. Die drei Nachkriegsdekaden brachten wie keine Zeit vorher eine Fülle von neuen Erfindungen und Ideen hervor. Aber sie sorgten zugleich für eine bis dahin unerhörte Stärkung der Schwachen. Die soziale Marktwirtschaft hielt die zerstörerischen Kräfte des Wettbewerbs erfolgreich in Schach.
Doch dieses Wunder einer gelungenen Balance zwischen den positiven und den negativen Kräften des Wettbewerbs war auf das Innere der Staaten beschränkt. Zwischen den Staaten ist die Domestizierung des Wettbewerbs bis heute noch nie gelungen, er drohte und droht immer erneut in den echten Krieg umzuschlagen. Und dies aus einem einfachen Grund. Es gab und gibt keine übergeordnete Instanz, keine Weltregierung, die als unabhängiger Schiedsrichter den Wettbewerb zwischen ihnen beaufsichtigt hätte. Die gegenseitige Vernichtung, die innerhalb eines Staates von einer Fülle von Regeln verhindert wurde, war zwischen ihnen nicht nur denkbar und möglich, sie wurde in den schrecklichsten Kriegen der bisherigen Menschheitsgeschichte auch tatsächlich praktiziert.
Denn eine von der Sucht nach dem Immermehr getriebene Welt, die sich doch mit begrenzten Ressourcen begnügen musste, konnte nur instabil sein - sie befand sich immer am Rande des Krieges oder auch mittendrin. Erst fielen die Starken über die Schwachen her - das war die Phase der Kolonisierung. Die Pioniere der Industrialisierung suchten nach Rohstoffquellen und Absatzmärkten. Als die Welt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zwischen den industriellen Giganten aufgeteilt war, und es nun nichts mehr zu verteilen gab, standen sie sich gegenseitig im Wege. Der dreißigjährige Bruderkrieg in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war die logische Fortsetzung und zugleich die Reductio ad absurdum der neuen Lüge vom Immermehr.[154]
Die unheilvollen Wirkungen dieser Lüge sind damit längst noch nicht ausgeschöpft. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts beginnt der Endkampf um die versiegenden Ressourcen. Er findet zwischen den absteigenden Staaten des Westens und den asiatischen Aufsteigern statt. Die alten Mächte versuchen mit aller Kraft ihren bisherigen Zugriff auf die Ressourcen zu wahren, auch unter Anwendung militärischer Gewalt, die sie jetzt schon zur Kontrolle der wichtigsten Erdölgebiete einsetzen. The American way of life is not negotiable, hatte George W. Bush dieses Bestreben auf eine knappe Formel gebracht. Die Aufsteiger können das begreiflicherweise nicht akzeptieren. Warum soll der gemeinsame Schatz der Menschheit nur jenen gehören, die sich ein wenig früher danach drängten und den Großteil schon jetzt für sich verbrauchten? Die neuen, erstarkenden Mächte bringen ihre wachsende ökonomische Macht ins Spiel, um nun auch ihre Bevölkerung mit dem beneideten »American way of life« zu beglücken. Selbstgenügsamkeit und bewusster Abschluss nach außen – die Politik der großen Agrarzivilisationen – sind unter diesen Bedingungen nicht denkbar. Konfrontation wurde Siegel und Signum der neuen Ära.
Wobei schwer zu beurteilen ist, was auf Dauer schwerer wiegt: der verzehrende Kampf unserer Spezies gegen sich selbst, den sie die vergangenen zehntausend Jahren führte, oder der Feldzug gegen die Natur, den sie mit der industriellen Revolution initiierte. Die Kriege, die unsere Art gegen sich selbst inszenierte, haben das Leben auf dem Globus immer wieder ins Unerträgliche gewendet, aber vernichten konnten sie es nicht. Inzwischen wissen wir, dass der Krieg gegen die Natur weit gefährlichere Risiken birgt. Er könnte die menschliche Existenz auf dem Planeten insgesamt in Frage stellen. Die Auswirkungen einer generellen nuklearen Verseuchung sind heute jedem Schulkind bekannt, doch ist das bekanntlich nur eine unter mehreren Möglichkeiten, wie die Natur sich an uns rächen könnte.
Die größte soziale Errungenschaft der industriellen Revolution war der Sturz der alten Eliten und die jetzt erst mögliche Forderung nach einer allgemeinen Gleichheit der Chancen. Diese Forderung fällt mit dem Beginn der neuen Epoche zusammen und wurde zugleich mit den Menschenrechten in der US-amerikanischen Verfassung und danach in der französischen Revolution verkündet. „Die Menschen sind gleich geboren“. Das war die Quintessenz des neuen Bewusstseins. Aufgrund dieser Prämisse sollte es sich künftig von selbst verstehen, dass sie auch ein gleiches Anrecht auf die Entfaltung ihrer Möglichkeiten erhielten. Die Menschenrechte gelten bis heute als grundlegend für die politische und soziale Verfassung westlicher Demokratien. Kein Politiker, keine Partei, keine Regierung irgendeines halbwegs modernen Landes wagt sie grundsätzlich in Frage zu stellen. In Europa sind sie im allgemeinen Bewusstsein seit zwei Jahrhunderten fest verankert.
Deswegen leidet der Staat ja auch an einem so schlechten Gewissen, wenn die Statistiken die Realität der Chancengleichheit zur Illusion deklarieren. Das tun sie in steigendem Maße. Denn eine Gleichheit der Chancen kann es nur geben, wenn sich der Sockel materieller Wohlfahrt nicht zugunsten führender Schichten verhärtet.[155] Genau das aber ist inzwischen auch in Deutschland der Fall. Ein von Generation zu Generation vermehrter Besitz verschafft gegenüber der Leistung uneinholbare Vorteile, auch wenn in Einzelfällen weiterhin der Aufstieg aus dem Nichts zum Milliardär möglich bleibt. Zwar kann in der Theorie ein kostenloses Schul- und Universitätssystem die Nachteile ungleicher Herkunft aufwiegen, praktisch aber reicht dieses Angebot offenbar nicht aus. Frühe Sozialisierung in einer stark benachteiligten Schicht setzt die Aufstiegschancen auf statistisch signifikante Weise herab. Die Wahrscheinlichkeit, ein Studium aufzunehmen, liegt bei den Kindern von Gutverdienenden 7,4-mal so hoch wie bei denen eines Facharbeiters, von dauerhaft arbeitslosen Eltern zu schweigen.[156] Von Chancengleichheit kann unter diesen Umständen keine Rede mehr sein.
Wohlstand ist im heutigen Deutschland so ungleich verteilt, dass es einer recht kleinen Schicht von neuem gelingt, ungeheure Reichtümer zu akkumulieren. Anders als in den Agrarzivilisationen wird der neue Reichtum zwar nicht durch adlige Geburt erworben, in zunehmendem Maße spielen jedoch Erbschaften, also geburtsbedingte Vorteile, eine Rolle. Faktisch verfügen etwa zehn Prozent der Bevölkerung in sämtlichen führenden Industrienationen über mehr relativen Reichtum als ihn je eine herrschende Schicht vor ihr genoss. In Deutschland ballen sich in ihren Händen etwa 56 Prozent der Vermögen.[157] In den USA und England tut sich der Abgrund zwischen oben und unten noch weiter auf. Am meisten aber beunruhigt die zugrunde liegende Tendenz, denn der Abstand zwischen unten und oben wird zunehmend größer. Immer mehr Wohlstand wird zu den ohnehin schon Reichen verschoben - was sich eindeutig daraus ablesen lässt, dass das Vermögen der zehn Prozent Privilegierten um ein Vielfaches dessen zunimmt, was die betreffenden Volkswirtschaften insgesamt an Wachstum erzielen.
Diese wundersame Reichtumsvermehrung vollzieht sich allerdings weitgehend im Dunkeln. Die Angehörigen der oberen zehn Prozent hüllen sich über ihren Reichtum in Schweigen. Bisher – aber das scheint sich allmählich zu ändern – gehörte es zum guten Ton, ihn schamhaft zu verstecken. Wie wir wissen, war das in der Vergangenheit ganz anders. Früher stellte die herrschende Schicht den Glanz ihres Luxus und ihrer verschwenderischen Lebensführung in aller Öffentlichkeit zur Schau. Wie sonst nur die Filmstars unserer Tage ließ sie bereitwillig zu, dass die Menge sich gaffend vor den Toren ihrer Paläste drängte. Die Armut der kleinen Leute war dagegen überhaupt keiner Rede wert. Sie verstand sich sozusagen von selbst.
Heute verhält es sich umgekehrt. Der Wohlstandsverfall der kleinen Leute wird in genauen Prozentzahlen errechnet und in Armutsberichten beschrieben. Dagegen sind es die Superreichen, die mit allen Mitteln die wirkliche Höhe ihres Vermögens und ihrer Einkünfte vor dem Finanzamt und der interessierten Öffentlichkeit verschleiern.
Dieser Gegensatz beruht nicht allein auf dem einleuchtenden Motiv, dass der Reichtum sich vor dem Zugriff des Staates versteckt. Er beruht vor allem auf einem schlechten Gewissen. Die übermäßige Konzentration von Vermögen wird heute nur noch von wenigen Menschen als Beweis für das Übermenschentum ihrer Besitzer gewertet. Staaten, denen es nicht gelingt, die Ballung von Besitz und ökonomischer Macht in den Händen Weniger zu verhindern, sehen darin im allgemeinen keine Entwicklung, der sie sich rühmen könnten. „Alle Menschen sind gleich geboren und haben gleiche Rechte.“ Diese Maxime gilt nach wie vor, sie ist Aushängeschild und Gründungsdokument der Moderne. Faktum ist nur, dass eine privilegierte Schicht inzwischen so viel ökonomische und dadurch auch politische Macht besitzt, dass sie ungeachtet dieser Maxime ihre Forderungen und Interessen dennoch immer ungenierter durchzusetzen vermag.
So erklärt sich die geradezu schizophrene Politik Deutschlands und anderer früher Industrienationen.
Einerseits haben sie unter dem Druck des großen Kapitals gerade jene Steuern reduziert oder auch ganz beseitigt, die einmal als wichtigste Instrumente gegen erbliche Ungleichheit eine entscheidende historische Errungenschaft waren: die Erbschafts- und die Vermögenssteuern. Nicht nur dies, dem großen privaten Reichtum schanzen sie außerdem eine Fülle weiterer Privilegien zu: höhere Zinsen für große Geldeinlagen, Subventionierung von Investitionen, weitgehenden Verzicht auf Kontrolle der Vermögensangaben, eine breite Palette von Steuerschlupflöchern, Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen und anderes mehr. Auf diese Weise wird die Umverteilung von unten nach oben durch den Staat aktiv begünstigt.
Andererseits verwenden Staaten wie Deutschland die Hälfte ihres Staatsbudgets für Zwecke eines in die entgegensetzte Richtung verlaufenden Wohlstandstransfers. Schon 1996 bildete der Sozialetat den größten Einzelposten. Damals kam das Ministerium für Arbeit und Soziales freilich noch mit einer Summe von 65 Milliarden Euro aus, heute sind es mit 124 Milliarden fast doppelt so viel. Rechnet man andere staatliche Sozialtransfers hinzu, dann entfällt etwa die Hälfte des Bundesetats auf Sozialausgaben.[158]
Tut man dem Staat also Unrecht, wenn man ihm gegenüber den Vorwurf erhebt, dass er sich nicht um die Benachteiligten bemühe? Nein, denn bei diesen Bemühungen verfährt er auf ein höchst eigenartige Weise, nämlich so, dass er der ökonomischen Elite dabei möglichst wenig bis gar keine Schmerzen bereitet. Für die Umverteilung werden nämlich nur jene Erwerbstätigen zur Kasse gebeten, deren abhängige Einkommen dem Staat auf Heller und Pfennig bekannt sind, also die neunzig Prozent Bevölkerungsmehrheit an der Basis der Pyramide. Die oberen zehn Prozent, die ihre Einkommen und Vermögen selbst deklarieren und die Möglichkeiten zur freien Gestaltung nach Kräften zu nutzen wissen, leisten praktisch keinen Beitrag zum Gemeinwohl.[159] Von dieser »elitenschonenden« Umverteilung, die der Staat heute in einem geschichtlich nie da gewesenen Umfang betreibt, sind gerade jene oberen zehn Prozent weitgehend befreit, die in Deutschland 56 Prozent der Vermögen ihr eigen nennen und daher soviel wie die restlichen 90 Prozent zu ihr beitragen könnten.
Seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts tritt die Schizophrenie politischen Handelns immer schärfer hervor. Obwohl der Staat eine gigantische Fassade der Umverteilung für alle sichtbar errichtet hat, vollzieht sich hinter ihr in Wahrheit ein ganz anderer Prozess - eine Minderheit wird zunehmend reicher. Kein Wunder, dass Armutsberichte von staatlichen und privaten Organisationen nur noch unerwünschte Ergebnisse liefern. Setzt man nicht alle Hebel ständig in Bewegung, um das Nötige zu tun? Warum wird dennoch die Armut größer und die Gleichheit der Chancen immer stärker zur Illusion?
Die Entwicklung ist peinlich, und zwar so sehr, dass Regierungen neuerdings bemüht sind, sie zu verdrängen und zu verschweigen. Die Existenz einer neuen Armut oder gar die von Unterschichten, mag sie sich noch so offenkundig den Blicken aufdrängen, wird inzwischen sogar von jenen Parteien oder zumindest einigen ihrer prominenten Vertreter geleugnet, die für die Aufhebung beider in der Vergangenheit mehr als andere taten und auch erreichten. Hier spielt die Scham offenbar eine besondere Rolle. Altbundeskanzler Helmut Schmidt versteigt sich sogar zu der Behauptung, dass es das so genannte »Prekariat« schon immer gegeben habe.[160] Woraus man wohl schließen soll, dass sich im Vergleich zu früher kaum etwas geändert habe. Doch damit verkleinert der Altbundeskanzler die großen Verdienste seiner eigenen Partei. Die Behauptung ist eine offenkundige Unwahrheit.[161] Jeder weiß, dass es bis in die siebziger Jahre keine Obdachlosen auf Deutschlands Straßen gab und dass die Verwahrlosung, die heute ganze Stadtviertel und ehemalige Industriegürtel ergreift, damals noch unbekannt war. Im Gegenteil wurde in jener Zeit inmitten von Trümmern das meiste von dem erschaffen, was heute erneut zu verfallen droht. Von Arbeitslosigkeit war in den sechziger Jahren noch keine Rede. Vielmehr wurden Hunderttausende von Gastarbeitern ins Land geholt, weil es mehr als genug Arbeit gab.
Dennoch lässt sich im Rückblick erkennen, dass schon damals die Keime zu einer neuerlichen Aufspaltung in Arm und Reich gelegt worden waren. Man hätte begreifen müssen, dass die Forderung nach Chancengleichheit in unauflösbarem Widerspruch zu der eines unkontrollierten Wettbewerbs steht. Denn jeder ungebändigte Wettbewerb setzt notwendig eine Lockerung staatlicher Aufsicht zugunsten fortschreitend vermehrter privater Freiheit voraus. Entweder musste dabei ein Teil dieser Freiheit oder die Gleichheit der Chancen geopfert werden.
In Wahrheit war der Kampf für die Gleichheit der Chancen schon vor dem Beginn der Globalisierungswelle zu Beginn der neunziger Jahre verloren. Hätte man Freiheit ausschließlich in dem Sinne verstanden, dass Wissen und Können sich ungehindert entfalten, dann wäre der Konflikt zu lösen gewesen, denn Wissen und Können verschaffen einzelnen Individuen immer nur zeitlich begrenzte Vorteile. Aber volle Freiheit wurde auch solchen Bestrebungen gewährt, die dem einzelnen eine zeitlich unbegrenzte Überlegenheit gegenüber seinen Mitmenschen verschaffen. Selbst zu der Zeit als in der „Deutschland AG“ das Wohlergehen der ganzen Bevölkerung (Stakeholder-Value) weit vor dem Shareholder-Value weniger Privilegierter rangierte, brachte die Mechanik der Zinsen einen Reichtum hervor, der nicht mehr auf Talent und Können beruhte sondern auf bloßem Besitz. Wer über Geld im Überfluss verfügte, der konnte bei Ausnutzung aller legalen Möglichkeiten – von den illegalen zu schweigen – aus Geld so viel und schließlich mehr Geld gewinnen als der Normalbürger aus seiner Arbeitsleistung. Für große Unternehmen galt das schon seit Ende der siebziger Jahre. Wie Horst Ehmke am 13. Oktober 1982 vor dem Deutschen Bundestag zu Protokoll gab, hat »die Firma Daimler-Benz … im Jahre 1981 an ihren Einnahmen aus Vermögen, vor allem an Zinseinnahmen, mehr verdient als am Verkauf der Lkw- und Pkw- Produktion.« Für die ökonomisch Starken war dies ein Sesam-öffne-Dich der ungebremsten Bereicherung. Schon bald nach Kriegsende nahmen die Guthaben der oberen zehn Prozent so stetig zu wie die Schulden. Das war natürlich auch zu erwarten, denn die Guthaben der einen sind ja nichts anderes als eine exakte Entsprechung für die Schulden der anderen.
Als dann zu Beginn der neunziger Jahre auch in Deutschland die Globalisierungslawine ins Rollen kam, spielte die Zinsmechanik als Instrument der Bereicherung freilich nur noch eine untergeordnete Rolle. Jetzt wurden noch ganz andere Reichtumsquellen erschlossen. Mit Währungsspekulationen verdienten Privatleute, Banken und Unternehmen - auch so bedeutende wie Siemens und andere Spitzenkonzerne – bald mehr als mit Investitionen in heimische Produktionsbetriebe. Magnaten wie etwa George Soros gelang es, im Alleingang ganze Volkswirtschaften in die Knie zu zwingen. Aktien der erfolgreichsten internationalen Konzernen oder Direktinvestitionen in schnell wachsenden Schwellenländern erbrachten phantastische Gewinne. Wer über ein großes Vermögen verfügte, konnte nun ohne eigenes Wissen und Können allein unter Beihilfe bezahlter Experten dieses in ein immer größeres Vermögen verwandeln. Im Einzelfall lauerte dabei natürlich das Risiko eines Totalverlustes, statistisch gesehen aber spielte diese Eventualität eine unerhebliche Rolle. »In Wirklichkeit häufen die Gebieter des Finanzkapitals persönliches Vermögen in einer Größenordnung an, wie es vor ihnen kein Papst, kein Kaiser und König jemals geschafft hat« (Jean Ziegler).[162] Aufgrund der ihnen nun zu Gebote stehenden Techniken der Geldvermehrung konnten die oberen zehn Prozent sich verlässlich bereichern.
So hatte der Staat die Aushöhlung der Chancengleichheit selbst in Bewegung gesetzt. Erst gewährte er dem großen Kapital eine nahezu vollständige Freiheit, dann wagte er schließlich nicht länger, die ökonomisch Mächtigen anzutasten.
Und zu alledem trug er durch sein eigenes Vorgehen noch wesentlich zur Stärkung der ökonomischen Elite bei, nämlich durch eine weitere Umverteilung, die in Wirklichkeit gar keine war. Da die oberen zehn Prozent, in deren Händen sich mehr als die Hälfte der Vermögen konzentrierte, de facto keine Steuern mehr zahlen mussten, kamen sie als Quelle verordneter Umverteilung nicht länger in Frage. Andererseits besaßen aber nur sie die dazu nötigen Mittel - Mittel, die der Staat dringend benötigte, weil sich in einem demokratischen System die Stimmen der unteren 90 Prozent nur über Umverteilung gewinnen lassen. Deshalb musste sich der Staat in diesem Fall einer anderen Strategie bedienen. Da er sich das Geld bei der vermögenden Schicht nicht mehr über Steuern holen konnte und wollte, musste er es sich von ihr leihen. Das war dann allerdings nur noch scheinbare Umverteilung, in Wahrheit ein Betrug an der Bevölkerungsmehrheit. Denn alle Summen, die er heute den benachteiligten Schichten zukommen lässt, müssen morgen von denselben Schichten mit Zinsen zurückgezahlt werden. Die mit Schulden finanzierte Umverteilung nach unten, war und ist in Wirklichkeit ein gigantischer Reichtumstransfer nach oben. Es fehlt keineswegs an Einsicht in diese Zusammenhänge – selbst nicht an höchster und verantwortlicher Stelle. „Nichts ist so unsozial wie ein überschuldeter Staat, nichts trägt mehr zur Umverteilung von unten nach oben bei“, stellte schon der ehemalige Finanzminister Hans Eichel fest, ohne aber außer mit Worten etwas gegen das Übel unternehmen zu können oder zu wollen.[163] So etablierte sich neben der »elitenschonenden« Umverteilung noch eine zweite: eine »elitenbegünstigende«.
Dabei büßte der Staat zwangsläufig immer mehr an eigener Stärke ein. Denn das Risiko für die Geldgeber blieb diesen selbst ja durchaus nicht verborgen. Mit nachlassender Wirtschaftskraft musste sich der Zweifel aufdrängen, ob eine verarmende Bevölkerungsmehrheit in Zukunft zur Rückzahlung dieser Schulden überhaupt noch imstande sein würde? Auch dagegen wusste das große Kapital sich abzusichern – und zwar auf Kosten des Staates. Dieser wurde praktisch gezwungen, immer größere Teile seiner Schulden durch den Verkauf öffentlichen Eigentums abzugelten. Das war die Sicherheit, die er den oberen zehn Prozent dafür bieten musste, dass sie weiterhin willens waren, ihm das nötige Geld für die Beschwichtigung der Massen leihweise zur Verfügung zu stellen. Elektrizitätswerke, Wasserversorgung, Autobahnen, das Post- und Verkehrswesen und Immobilien im kommunalen oder städtischen Besitz wurden nach und nach privatisiert. Dabei stand die Lüge immer Gewehr bei Fuß. Dass der Staat von seinen Gläubigern unter Druck gesetzt wurde, diese peinliche Wahrheit wurde geflissentlich verschwiegen. Stattdessen wurde eine gewaltige Propagandamaschinerie in Bewegung gesetzt, um die große Überlegenheit der privaten Verwaltung von Post, Verkehr, Wasserwerken und inzwischen sogar der Bildungsinstitutionen zu preisen.[164]
Damit wurde nun auch in den frühen Industrienationen ein Prozess eingeleitet, den man bis dahin nur aus Ländern der Dritten Welt gekannt hatte. Überall, wo der Staat durch Schulden geschwächt oder völlig ohnmächtig war, stießen private Kräfte in das Machtvakuum vor. Inzwischen ist es eine global operierende ökonomische Herrenschicht, die aus Geld noch mehr Geld zu machen versteht. Da Geld jedoch nichts weiter ist als immaterielle Zahlen bzw. Papierscheine, die an sich wertlos sind, wird damit letztlich ein Anspruch auf Arbeit erworben. Etwa zehn Prozent einer nunmehr global verbreiteten und herrschenden Schicht eignen sich einen immer größeren Teil einer ebenfalls global für sie arbeitenden Mehrheit an. Immer größere Teile dieser Mehrheit müssen aufgrund der wachsenden Macht und Ansprüche dieser Minderheit zunehmend höhere »Abgaben« nach oben entrichten.
Dabei sollte man sich keine falschen Vorstellungen von den heute noch vorhandenen Aufstiegsmöglichkeiten, also der vertikalen Durchlässigkeit der Gesellschaft, machen. Viel geringer als in manchen Agrargesellschaften ist der Abstand zwischen den oberen zehn und den unteren neunzig Prozent inzwischen auch in den Vereinigten Staaten nicht mehr. So wie es in Rom für Sklaven und im Mittelalter mit Hilfe der Kirche für begabte junge Männer aus dem einfachen Volk weder unmöglich noch unüblich war, von ganz unten bis ganz oben emporzusteigen – mancher römische Kaiser begann als einfacher Soldat - so gilt das heute ebenso für das Land der »unbegrenzten Möglichkeiten«. Dennoch handelt es sich dabei um seltene Vorkommen, das beweist die Statistik. Die ungebildeten und unausgebildeten Angehörigen der unteren Schicht bleiben gewöhnlich ihr Leben lang da, wo sie begonnen haben, nämlich unten. Nach allen aus der Geschichte verfügbaren Maßstäben haben sich auch die USA inzwischen in eine typische Klassengesellschaft verwandelt.
Zu den wenigen, die sich nicht scheuen, diese Wahrheit unverblümt auszusprechen, gehört Noam Chomsky.[165] Das ist umso bemerkenswerter als das Wort Klassengesellschaft in den USA ein Tabu ist. Ebenso wie man im klassischen Griechenland über Sklaverei nicht frei reden konnte, so wenig erscheint das Wort Klassengesellschaft in den amerikanischen Medien. Und doch ist eine für die Gleichheit der Chancen unerträgliche Spreizung von Einkommen und Vermögen dort längst eine nicht mehr zu leugnende Realität. In den Vereinigten Staaten besitzen die zehn reichsten Prozent der Bevölkerung 70% der Vermögen, die untere Hälfte dagegen nur 2,5%.[166] Bei den Einkommen sieht es nicht anders aus. Zwischen 1966 und 2001 ist das Medianeinkommen (unter und über dem jeweils die Hälfte der Gehaltsempfänger liegen) nur um reale 11 Prozent gestiegen. Die am besten bezahlten zehn Prozent haben jedoch um 58 Prozent dazu gewonnen. Das oberste ein Prozent sogar um 121, einer von den obersten Tausend um 256, einer von den obersten Zehntausend schließlich um 617 Prozent – eine steile Pyramide.[167] Die Bezahlung der Topmanager folgte dem gleichen Rhythmus. 1976 verdienten sie erst 36-mal das Durchschnittsgehalt ihrer Angestellten, 1993 waren es schon 131-mal und 2005 dann ganze 369-mal so viel.[168]
Wie wenig die Mehrheit inzwischen zu sagen hat, das wird auch dadurch verdeutlicht, dass sie in den Vereinigten Staaten fast nur noch durch Menschen vertreten wird, die der Schicht der reichsten Amerikaner angehören. Vierzig von hundert Senatoren des amerikanischen Kongresses sind Dollarmillionäre und 123 der 435 Mitglieder des Repräsentantenhauses verdienen pro Jahr mehr als eine Million.[169] Niemand kann angesichts dieser Zahlen behaupten, dass das amerikanische Volk durch die Männer an seiner Spitze »repräsentiert« wird. Warum so viele Wähler – bei der Präsidentenwahl von 2000 etwa fünfzig Prozent – von ihrem Abstimmungsrecht keinen Gebrauch mehr machten, leuchtet unter diesen Umständen ein. Sie fühlen sich durch keine der beiden Großparteien vertreten.
In Deutschland ist es verpönt, von Unterschichten zu reden, in den USA ist es ein Tabu, von Klassengesellschaft zu sprechen. Höchst wirksam wird die Lüge dabei durch Propaganda gestützt. Einer interessierten Minderheit ist es mit entsprechendem Aufwand gelungen, die vorhandene soziale Realität so erfolgreich zu verschleiern und umzudeuten, dass die Amerikaner von ihr eine geradezu gegensätzliche Vorstellung besitzen. Glaubten 1983 erst 57 Prozent der Amerikaner, dass man arm anfangen und reich enden könne, so waren es 2006 ganze 80 Prozent.[170] Tatsächlich sind in den Vereinigten Staaten durchaus erstaunliche Karrieren möglich, so etwa die eines Arnold Schwarzenegger oder eines Frank Stronach, beides gebürtige Steirer aus kleinsten Verhältnissen, von denen einer Gouverneur des mächtigsten Bundeslandes der Vereinigten Staaten wurde, während der andere zum Chef eines Industrieimperiums aufrückte. So erstaunlich solche Ausnahmekarrieren sind, ändern sie doch ebenso wenig an der Klassenstruktur der US-amerikanischen Gesellschaft wie die Existenz überaus erfolgreicher Freigelassener an der Sklavengesellschaft in Rom. Im römischen Imperium lag die Macht bei einer kleinen besitzenden Schicht, die ein unmittelbares Interesse daran hatte, dem großen Talent zum Durchbruch zu verhelfen, weil und sofern sie dadurch ihren Reichtum vermehrte. Nicht weniger rational verhält sich die besitzende Schicht unserer Epoche. Die Großaktionäre lassen Wissen und Können gern für sich tätig sein, weil das die beste Voraussetzung für die Festigung ihrer eigenen Stellung ist. Wir fühlen uns an die Lüge Platos erinnert und daran, dass die darin beschriebene Realität in der gesamten klassischen Literatur nie ernsthaft bezweifelt wurde.
Dieser Prozess ist dennoch von niemandem gewollt - sieht man einmal von der davon unmittelbar profitierenden Minderheit ab. Weder linke noch rechte Parteien billigen die zunehmende Erosion der Chancengleichheit. Weder in Deutschland noch in einer anderen frühen Industrienation bildet sie einen Programmpunkt politischen Handelns. Das Gegenteil ist der Fall. Selbst die Vereinigten Staaten und Großbritannien, obwohl staatlicher Fürsorge traditionell abgeneigt, geben einen wesentlichen Teil ihres Staatsbudgets für die Förderung der Benachteiligten aus. Dennoch betreiben sie eine Politik der Lüge, denn sie hätten längst erkennen müssen, dass ihre Maßnahmen zur Eindämmung der Chancenungleichheit vergeblich sind und immer vergeblicher werden. In ihrem Versuch, durch Umverteilung die zunehmende Polarisierung von Arm und Reich aufzuhalten, verschulden sie sich immer mehr, bluten allmählich aus. Denn da, wie gesagt, die effektive Umverteilung zwischen den unteren 90 Prozent selbst stattfindet, während die wirklich reichen oberen zehn Prozent an den Schulden des Staates noch zusätzlich verdienen, sind dessen Bemühungen von vornherein zum Scheitern verdammt. Während der Staat das Übel scheinbar bekämpft, ist er in Wirklichkeit im Begriff, es nur noch mehr zu vergrößern. Die ökonomische Elite, die dem hoch verschuldeten Staat ihr Geld zur Verfügung stellt, tut dies natürlich nur unter dem Vorbehalt, dass er nichts unternimmt, um ihre Stellung zu schwächen oder ihre Privilegien anzutasten. Im Gegenteil, sie verlangt von ihm - und hat dies inzwischen auch durchwegs erreicht - nur immer weitere Privilegien.
Mit der Globalisierung ist ihr dabei der entscheidende Durchbruch gelungen. Seit der Staat den großen Vermögen einen freien und unbeschränkten Kapitalverkehr über die Grenzen gewährt, kann dieses jederzeit die Flucht ins Ausland ergreifen bzw. mit einer solchen Maßnahme drohen. Dadurch ist der Staat praktisch wehrlos geworden. Er hat sich die letzte Handhabe zur Kontrolle selbst aus der Hand geschlagen.
Niemand will diese Entwicklung, doch alle befördern sie. Das ist die typische Situation einer Blockade, die allmählich und unausweichlich die Glaubwürdigkeit eines politischen Systems aushöhlt. Es ist die typische Situation einer Lüge, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint, und die daher von allen getragen wird. Alle wollen das Beste für das Allgemeinwohl, schon deshalb, weil in einer Demokratie die Stimmen der neunzig Prozent neunmal so viel zählen wie die der zehn Prozent an der Spitze. Doch haben alle die Weichen nach und nach so gestellt, dass die ökonomische und politische Macht der Mehrheit entgleiten und in die Hände einer Minderheit abdriften muss. Seit der Nationalstaat einen wesentlichen Teil seiner Macht an private internationale Akteure verlor, kann dieser Prozess mit den vorhandenen politischen Mitteln nicht mehr umkehrt werden. Das ist der Grund, warum alle wie zuvor weitermachen. Sie lügen, weil die Wahrheit so einschneidende Konsequenzen nach sich zöge, dass ihnen die Lüge vorerst immer noch erträglicher erscheint.
Mit der industriellen Revolution entstand eine neue Gesellschaftsordnung, die auf den Menschenrechten und der Gleichheit der Chancen beruhte und in der Durchsetzung beider auch eine Zeitlang erfolgreich war. Diese neue Ordnung aber bedurfte ihrerseits der Rechtfertigung. Herrschaft, gleichgültig ob demokratisch gewählt oder durch Geburt an die Macht gelangt, muss ihr Handeln fortwährend begründen. Warum sind Kartelle ein Übel? Weshalb soll Wettbewerb herrschen, warum Inflationen verhindert, Pensionen im Umlageverfahren oder durch Fonds gesichert, Einwanderung ermöglicht werden oder auch nicht? Außer wenn Politik wie in Diktaturen mit brutaler Gewalt durchgesetzt wird, muss jede Regierung oder Partei den Bürgern gegenüber erklären, warum ihr Programm so und nicht anders lautet, sie so und nicht anders handelt. Gerade in Demokratien wird von den gewählten Vertretern des Volks eine Begründung der Politik verlangt.
Bis dahin war es die Religion gewesen, welche die Grundlage für das Handeln der Mächtigen zu liefern hatte. Der Wille Gottes, die göttliche Vorsehung etc. wurden bemüht, um die Niederwerfung der Feinde, die Unterdrückung der inneren Gegner, die Verordnung einer neuen Moral zu rechtfertigen. Das Wollen dieser höchsten Instanzen wurde gebraucht, um die Handlungen der Mächtigen gegen Widerspruch abzuschirmen. Mit dem Sturz der alten Eliten büßte die Religion jedoch als Legitimationsgrundlage ihre Glaubwürdigkeit ein, ihr Missbrauch zu den Zwecken der Macht hatte sie zu sehr in Misskredit gebracht. Säkulare Staaten entstanden, die in eben dieser Bezeichnung ihre Unabhängigkeit von religiöser Weisung zum Ausdruck brachten.
Dennoch waren auch die neuen Machthaber darauf angewiesen, ihr eigenes Handeln vor den Bürgern zu rechtfertigen. Wenn die von der Aufklärung als Aberglauben und Opium verhöhnte Religion dazu nicht länger taugte, womit ließ sich politisches Handeln dann begründen? Wie ließ sich das entstandene Vakuum füllen?
Die Antwort hatten die Aufklärer von Anfang an selbst gegeben. Wissenschaft sollte fortan das richtige politische Handeln begründen. Wissenschaft sollte als Instrument für die Lenkung der Gesellschaft ebenso wirksam eingesetzt werden, wie Physiker und Chemiker sie bereits zur Deutung und Beherrschung der Natur gebrauchten. Wenn ein Politiker den Ausbau des Eisenbahnnetzes oder die Elektrifizierung verlangte, wenn er den Bau von Atommeilern forderte oder die Erschließung von erneuerbaren Energien, dann sollte er dies mit Hilfe von wissenschaftlichen Argumenten tun. Naturwissenschaftler können Sonnenfinsternisse für die kommenden Jahrtausende prophezeien, sie können Raketen über Hunderttausende von Kilometern exakt zu fernen Planeten schicken, weil sie die Gesetze ermittelt haben, die Ordnung, denen die Dinge gehorchen. Die Politiker sollten von der Wissenschaft die Gesetze erfahren, denen die Ordnung der Menschen gehorcht, um diese dann genauso verlässlich zu steuern. Die Rechtfertigung für ihr Tun ergibt sich dann aus der Kenntnis dieser gesellschaftsbezogenen Gesetze. So wie der Physiker die Naturgesetze anwendet, um voraussagbare Ergebnisse zu erzielen, würde der Politiker soziale Gesetze anwenden, um in der Gesellschaft mit gleicher Verlässlichkeit die von ihm gewünschten Ergebnisse zu bewirken.
Das ist die seit der Aufklärung das moderne Denken beherrschende Lüge von der Berechenbarkeit des Menschen nach dem Maßstab der Naturwissenschaften. Es ist eine Lüge, durch die sich Wissenschaft genauso von der Macht missbrauchen ließ wie früher die Religion. Zu diesen Zwecken eingesetzt, ist Wissenschaft schlicht an die Stelle getreten, die früher von der Religion besetzt worden war.
Die politische Ausrichtung hat dabei eine unerhebliche Rolle gespielt. Es ist nicht mehr als historischer Zufall, dass dieser Missbrauch zunächst im historischen Materialismus seine vollkommenste Verkörperung fand. Marx verkündete ein neues Gesellschaftsmodell, mit dem er die Klassengegensätze zwischen einer im Luxus lebenden, moralisch unempfindlichen Bourgeoisie und einer in erbärmlichen Umständen dahinvegetierenden Arbeiterschaft überwinden wollte. Marx war zu seiner Zeit einer der wenigen Hellsichtigen, die vor der furchtbaren Not der in den englischen Fabrikstädten wie Sklaven gehaltenen Massen nicht die Augen verschlossen hatten, sondern die Öffentlichkeit wachrütteln wollten. Andererseits war es schon damals kein sonderlich aufregendes Unterfangen, neue Modelle menschlichen Zusammenlebens zu entwerfen. Das hatten schon Campanella, Thomas Morus, Francis Bacon, später Auguste Comte und Charles Fourier getan. Jeder konnte sich seine Gedanken machen, und viele taten es auch. Die Frage war, welche Gründe es dafür gab, das eine Modell dem anderen vorziehen. Hierauf gab Marx eine klare und eindeutige Antwort. Die klassenlose Gesellschaft, in der er die Überwindung der von der Bourgeoisie institutionalisierten Machtordnung sah, ließ sich als notwendig mit wissenschaftlichen Mitteln beweisen. Das jedenfalls behauptete Marx. Nicht der liebe Gott, für den Marx wenig übrig hatte, wurde für die Rechtfertigung dieses neuen Sozialsystems in Anspruch genommen, sondern die zu seiner Zeit als höchste Instanz geachtete Wissenschaft. Marx erwies sich damit als legitimer Erbe der Aufklärung. Ihm zufolge waren menschliche Gesellschaften genauso wie die Natur unabänderlichen Gesetzen unterworfen. So wie eine Sonnenfinsternis sich aufgrund solcher Gesetze voraussagen ließ, so auch die Transformation der Gesellschaft. Hier wie dort führen bestimmte Ursachen zwangsläufig auch die ihnen entsprechenden Wirkungen herbei. Im Reich der Natur ist es etwa eine exakt berechenbare Bewegung von Himmelskörpern, die jene Überschneidungen bewirkt, die wir dann auf der Erde als Sonnen- und Mondfinsternisse erleben. Im Bereich der Gesellschaft ist es die Entwicklung der Produktionsmittel (die Erfindung von Maschinen etc.), die zwangsläufig den Status und die Organisation von Menschen verändert und damit deren soziales Sein und Bewusstsein. Aufgrund der neuen Produktionsbedingungen nach der industriellen Revolution glaubte Marx die Verwirklichung der klassenlosen Gesellschaft als ein von Gesetzen diktiertes, also notwendiges Ereignis vorhersagen zu können. Durch entsprechendes Handeln ließ es sich allenfalls beschleunigen oder verzögern, aber dass die klassenlose Gesellschaft unfehlbar kommen würde, stand für Marx so zweifelsfrei fest, als hätte es sich um ein Ereignis der Chemie oder Physik gehandelt.
Im historischen Materialismus wurde die Lehre von Marx zu ihrem logischen Abschluss gebracht. Die Herrschaftsschicht kommunistischer Regime hatte sich damit eine Begründungs- und Rechtfertigungslehre geschaffen wie vor ihr nur theokratische Herrscher. Damals wurden Gott oder Götter dafür eingespannt, die Ordnung der Kasten in Indien, die rituelle Tötung der Kriegsgefangenen bei den Azteken, den Frondienst der Fellachen bei der Errichtung der Pyramiden, die Hexenverfolgungen in Europa zu billigen und zu segnen. Nun waren es von der Wissenschaft vermeintlich entdeckte »eherne und ewige Gesetzmäßigkeiten«, hinter denen die Macht sich verschanzen konnte. Offenbar war es sinnlos, die Prophezeiung einer kommenden Mondfinsternis zu bestreiten, wenn jeder sich bei vorangehenden Gelegenheiten davon überzeugen konnte, dass sie sich jedes Mal der Vorhersage entsprechend ereignet hatte. Genauso sinnlos und abwegig sollte es nunmehr sein, gegen soziale Prophezeiungen Einspruch zu erheben, die im Namen der Wissenschaft aufgestellt wurden. Der historische Materialismus gab sich damit den Anschein einer absolut unanfechtbaren Lehre. Er schmückte sich mit der Autorität der Wissenschaften, genauer gesagt, mit der der Naturwissenschaften und ihren ewig gültigen, notwendigen, von menschlichem Wünschen und Wollen ganz und gar unabhängigen Gesetzen.
Die Folgen blieben nicht aus. In der Gewissheit, dass seine politischen und sozialen Forderungen auf absoluter Wahrheit beruhten, ging das kommunistische Regime gegen Ketzer genauso rücksichtslos vor wie früher nur religiös legitimierte Staaten. Regime, die ihr Handeln auf die Autorität Gottes begründet hatten, fühlten sich dadurch in der Regel ermächtigt, jeden Widerspruch gegen ihre Maßnahmen blutig zu unterwerfen. Denn gegen Gott durfte man nicht ungestraft rebellieren. Die Kommunisten fühlten sich durch die von ihnen usurpierte Autorität der Wissenschaft zu gleichem Vorgehen gegen ihre Kritiker ermächtigt. In erbarmungslosen Schauprozessen verfolgten sie ihre Gegner, weil diese das Verbrechen begangen hatten, sich gegen die vermeintliche Evidenz der wissenschaftlichen Wahrheit aufzulehnen.
Von vornherein litt die marxistische Lehre allerdings an einem merkwürdigen inneren Widerspruch. Es musste ja kurios erscheinen, dass Marx überhaupt einen Sinn darin sehen konnte, auf den mehr als tausend Seiten des »Kapitals« eine Notwendigkeit zu begründen und dann auch noch eine europa- und bald weltweit tätige Organisation ins Leben zu rufen, die sich für ihre Verwirklichung einsetzte. Wenn die Ankunft der klassenlosen Gesellschaft so zwangsläufig war wie das Eintreten einer Mondfinsternis, dann musste ein solches Vorgehen doch als ziemlich überflüssig erscheinen. Hatte man je davon gehört, dass ein Naturwissenschaftler Propaganda für das Kommen der nächsten Mondfinsternis machte oder gar eine Organisation ins Leben rief, damit sie auch wirklich eintreten würde? Das Wesen eines gesetzmäßig eintretenden Vorgangs ist ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass es sich unabhängig von unserem Wollen und Wünschen ereignet. Propaganda und Organisationen, die ein solches Eintreten herbeiführen sollen, waren daher von vornherein mit einem Widerspruch behaftet. In helleren Köpfen musste sich der Verdacht einstellen, dass die behauptete Notwendigkeit womöglich eine bloße Anmaßung war, weil die Verwirklichung der klassenlosen Gesellschaft eben nicht wie ein Naturgesetz unabhängig von Wollen und Wünschen des Menschen war, sondern im Gegenteil durchaus gewollt und gewünscht werden musste, damit sie auch wirklich eintreten konnte.
Dann aber war die behauptete wissenschaftliche Notwendigkeit nicht mehr als ein Hirngespinst. Das Kommen der klassenlosen Gesellschaft war wissenschaftlich nicht zu begründen, weil das Handeln der Menschen eben nicht Gesetzen gehorchte, die unabhängig von ihrem Wünschen und Wollen gelten. Im Gegenteil, dieses Handeln hing – innerhalb der durch die Umstände vorgegebenen Grenzen - von nichts anderem ab als eben diesem Wollen und Wünschen. Materielle Bedingungen konnten einen mehr oder weniger großen Druck auf die sozialen Strukturen ausüben, so zum Beispiel die Verfügbarkeit »freier Stellen« in den großen Agrarzivilisationen. Aber auch dieser Druck war keinesfalls stark genug, um ein Gesetz nach der Art von Naturgesetzen zu bilden, ein Gesetz, das sämtliche Gesellschaften in das Korsett einer ehernen Notwendigkeit zwingt. Wie wir sahen, hatten die Chinesen und in gewissem Grade selbst die Osmanen auf identische Bedingungen in ganz anderer Art reagiert. Unsere ganze Kenntnis des Menschen und seiner Geschichte besagt, dass es keine sozialen Gesetze gibt, die sich denen der Natur gleich setzen lassen.
Aber nicht nur Marx versuchte, eine in seinen Augen wünschbare Entwicklung in eine notwendige umzudeuten. Überall begann man sich auf die Wissenschaft zu berufen – im westlichen Lager genauso wie im kommunistischen Osten. Mit bewundernswertem Scharfsinn hatte schon Hannah Arendt mit Blick auf das Pentagon, also eine für die Außenpolitik der Vereinigten Staaten immerhin zentrale Instanz, diese Tendenz hervorgehoben. „Sie /die Politiker des Pentagon/ waren… beständig auf der Suche nach Formeln, am besten nach solchen, die sich einer pseudo-mathematischen Sprache bedienten, mit denen sich die disparatesten Erscheinungen auf einen Nenner bringen ließen, der für sie die Wirklichkeit darstellte; d.h., sie wollten ständig Gesetze auffinden, mit denen man politische und historische Tatsachen erklären und prognostizieren konnte, als ob diese mit derselben Notwendigkeit und somit Verlässlichkeit erfolgten, wie dies früher die Physiker von den Naturereignissen glaubten... /Sie/ beurteilten nicht, sondern sie berechneten... Ein äußerst irrationales Vertrauen in die Berechenbarkeit der Realität /wurde/ zum Leitmotiv der Entscheidungsfindung.“[171]
Heute gibt es keine Partei und kein politisches Lager, das nicht wissenschaftliche Experten zu Rate zieht und die eigenen Programme und deren Umsetzung der Öffentlichkeit anschließend als »wissenschaftlich« und damit als unanfechtbar präsentiert. So wie vor mehr als einem Jahrhundert die klassenlose Gesellschaft als wissenschaftlich notwendig »bewiesen« wurde, bemüht man sich in unserer Zeit zum Beispiel die besondere Effizienz des Kapitalismus »wissenschaftlich« zu beweisen, einer Wirtschaftsform also, die, wie wir wissen, zu einer ganz anderen als der klassenlosen Gesellschaft führt.
Die Wissenschaft wurde zur Hilfsmagd der Politik, und zwar im kapitalistischen Westen nicht anders als im kommunistischen Osten. Hatten sich die Machthaber früher mit Priestern umgeben, deren Aufgabe darin bestand, den Willen der irdisch Mächtigen als den der überirdischen Götter zu deklarieren, so umgab sich von nun an die Politik mit wissenschaftlichen Experten, die einen ähnlichen Zweck zu erfüllen hatten.
Tatsächlich sind wissenschaftliche Experten längst zu einer neuen Priesterschaft avanciert. Das gilt vor allem für Wirtschaftswissenschaftler, denn die heutige Politik hat es ja in erster Linie mit der Lenkung der ökonomischen Vorgänge zu tun, d.h. mit der Erzeugung und Verteilung von Wirtschaftsgütern innerhalb der Bevölkerung und zwischen den Staaten. Um sich nicht das Odium der Willkür zuzuziehen, umgibt sich jede heutige Regierung mit einem breiten Beraterstab, der ihre Entscheidungen wissenschaftlich begründen und absegnen soll.
Diese enge Verbindung mit den neuen wissenschaftlichen Priestern ist in Zeiten des Aufschwungs weniger wichtig, da dann alle den Aufwind besserer Zeiten verspüren. Den Politiker bläst noch wenig Gegenwind ins Gesicht. Solange ihre Entscheidungen von Erfolgen begleitet sind, ist der Rechtfertigungsbedarf noch gering. Man lässt ihnen freie Hand. Ganz anders ist es jedoch in Zeiten der Stagnation, der Arbeitslosigkeit oder des Abstiegs. Vor allem dann, wenn alle noch weiter von Chancengleichheit und Aufstieg reden und sich in Wirklichkeit gerade die gegenteilige Entwicklung vollzieht. Dann lastet ein hoher Rechtfertigungsdruck auf den Politikern. Dann läuft die Propagandamaschinerie auf vollen Touren. Dann schlägt die Stunde der Experten.
Im Prinzip haben wir es mit einer exakten Entsprechung zum früheren Gegenüber von weltlicher und geistlicher Macht zu tun. Damals wurden Priester dafür bezahlt, dass sie Gottes Willen so auslegten, wie die weltlichen Herrscher es wollten, nun sind es die wissenschaftlichen Experten, die hohes Ansehen und eine hohe Honorierung dafür genießen, dass sie die erwünschten Ergebnisse liefern. Dabei dürfen auch die Sanktionen gegen Abweichler nicht fehlen. Früher wurden sie als Ketzer verbrannt. Heute geht man mit ihnen milder um, aber die Wirkung ist im Wesentlichen dieselbe. Die Öffentlichkeit erfährt fast nur von jenen “Wirtschaftsweisen“ und wissenschaftlichen Institutionen, die von Parteien, Regierungen und starken Wirtschaftskräften gefördert werden. Die anderen verkümmern im Dunkeln, es sei denn, die politische Opposition erblickt Werkzeuge in ihnen, deren sie sich bei gegebenem Anlass bedienen kann.
Wissenschaft wird als Hilfsmagd der Macht missbraucht wie früher die Religion. Doch muss sie sich natürlich durchaus nicht missbrauchen lassen. Bleiben bestimmte Voraussetzungen und Einschränkungen gewahrt, ist ihre Hilfsfunktion nicht nur legitim sondern in einem modernen Staat schlechterdings unverzichtbar. Experten können wissenschaftlich begründen, warum eine Investition in Straßen und Eisenbahnen das Wachstum der Wirtschaft um soundso viel Prozent zu steigern vermag. Sie können begründen, warum eine Erhöhung der Steuern auf Energie oder Arbeit eine bestimmte Lenkungsfunktion ausüben wird. Prognosen in sämtlichen Bereichen des ökonomischen Geschehens sind möglich und werden Tag für Tag auch von tausenden von Experten abgegeben.
Dennoch hat keine dieser auf das soziale Handeln bezogenen Voraussagen dieselbe Geltung wie ein Naturgesetz. Ehrlicherweise muss der Wissenschaftler jedes Mal einschränkend bemerken, dass sie eintreten können oder auch nicht. Denn die grundlegende Bedingung, denen jede von ihnen gehorcht, liegt in den Wertmaßstäben und damit im Verhalten der betroffenen Menschen. Bleiben die Werte und damit auch das an ihnen orientierte Verhalten unverändert, bleibt also sonst alles beim Alten (ceteris paribus), dann wird alles so sein, wie es vorausgesagt wurde – sonst nicht.
Ehrliche Wissenschaftler waren sich dieser Einschränkung immer bewusst, wie auch die ehrlichen Vertreter der Religion das Spiel durchschauten, dass für die Zwecke der Macht mit Gott getrieben wurde. Aber zu große Ehrlichkeit zahlte sich im einen wie im anderen Fall eben nicht aus. Die weltliche Macht wollte von der von ihnen unterhaltenen Priesterschaft nur eines hören, nämlich dass Gott ihre Herrschaft und Handeln von oben segnend begleitet. Auch die Politiker unserer Zeit wollen von bezahlten Experten nur eines hören, nämlich dass die von ihnen geplanten Maßnahmen richtig und deshalb notwendig und unanfechtbar sind. Die Förderung der Atomenergie, die Liberalisierung der Märkte, die Sicherung der Rohstoffquellen im Ausland – jede dieser Entscheidungen lassen sie sich durch Experten beglaubigen, um den zu erwartenden Widerstand möglichst im Keim zu ersticken.
Die Gültigkeit wissenschaftlicher Voraussagen im sozialen Bereich gehorcht grundsätzlich der Bedingung, dass die von ihnen betroffenen Menschen ihre Wertorientierung und ihr Verhalten nicht ändern. Insofern sind sie nicht mehr und nicht weniger zuverlässig als etwa die Behauptung, dass ein Hindu nur durch die regelmäßige Erfüllung der Kastenpflichten sein Glück finden kann. Wenn er daran glaubt und sich seinem Glauben entsprechend verhält, haben wir es mit einer sich selbst erfüllenden Prophetie zu tun – sie wird sich als wahr erweisen. Wenn er nicht daran glaubt, aus seiner Kaste austritt und zum Beispiel in die USA oder nach Europa auswandert, kann er unter Umständen ein viel größeres Glück gewinnen. In diesem Fall widerlegt er die Vorhersage durch sein Handeln.
Oder um ein uns näher liegendes Beispiel zu wählen: Investitionen in Straßen, Eisenbahnen und Fabriken konnten sich in Ländern der Dritten Welt, solange die Menschen gegen die damit verbundene neue Gesellschaftsordnung noch allergisch waren und daher nicht an sie glaubten, als völlig überflüssig erweisen. Die Anlagen verrosteten und verkamen. Die wissenschaftliche Prophezeiung, dass solche Investitionen notwendig den Fortschritt einleiten, hätte sich nachträglich als völlig verfehlt erwiesen. Denn es ist und bleibt das Wollen und Wünschen der beteiligten Menschen, welches letztlich den Ausschlag gibt. Die betreffenden Investitionen üben die vorausgesagte Wirkung eben nur dann auch tatsächlich aus, wenn eine Mehrheit von Menschen solche Maßnahmen als Mittel zum Zweck eines besseren Lebens freiwillig akzeptiert und schließlich sogar erstrebt.
Dieser Gegensatz zwischen wissenschaftlichen Voraussagen im Bereich von Mensch und Gesellschaft auf der einen und dem der Natur auf der anderen Seite wurde nie aufgehoben. Eine Mondfinsternis vorherzusagen, ist mit größter Sicherheit über Jahrtausende möglich, doch das Tun und Denken eines Menschen auch nur für den kommenden Tag vorherzubestimmen, ist nur unter der Voraussetzung denkbar, dass der betreffende Mensch sich durch die Umstände oder eigenes Wollen zu einem berechenbaren Tageslauf nötigen lässt. Andernfalls können wir absolut nichts Sicheres darüber sagen, wie er sich in Zukunft verhalten wird.
Der Gegensatz zwischen den Wissenschaften der Natur- und denen des Geistes scheint evident zu sein - und wurde doch immer wieder geleugnet. Psychologie, Sozialwissenschaften und Ökonomie haben stets von neuem versucht, ihren Gegenstand – den einzelnen Menschen, Gruppen von Menschen oder das organisierte menschliche Verhalten – so zu verstehen, als hätten sie es wie die Physik mit Körpern und exakt quantifizierbaren Vorgängen zu tun. Wollen und Wünschen des Menschen - sein freier Wille - mussten dann natürlich als subjektive Illusionen erscheinen. Am anschaulichsten hat der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza das in dem Bild vom Stein ausgedrückt, der - durch die Luft geschleudert - sich einbildet, dass er fliege, während doch in Wirklichkeit etwas mit ihm geschieht, worauf er keinerlei Einfluss hat.[172] Der Stein ist unfrei, alles was mit ihm vorgeht, gehorcht Gesetzen, aber subjektiv glaubt er an seine Freiheit.
Ebenso wie Spinoza waren gegen Anfang des 20. Jahrhunderts die Psychologen Skinner und Watson davon überzeugt, den Menschen auf dieselbe Ebene mit Steinen und anderen physikalischen Körpern stellen zu können.[173] Von ihnen stammt die Theorie des Behaviorismus, die den Menschen der Mechanik von »stimulus« und »response« (Reiz und Reaktion) unterstellt. Auf bestimmte Außenreize antworte der Mensch mit vorhersehbaren Reaktionen. Er verhalte sich dabei so gesetzmäßig wie andere natürliche Dinge. Diese Theorie wurde schnell wieder ad acta gelegt, weil sie so einfach zu widerlegen ist. Nicht einmal beim Wegzucken vor einem glühenden Eisen verhält sich der Mensch so berechenbar wie unbelebte Körper. Oft genug haben Märtyrer Schmerzen bis hin zum Tod bewusst in Kauf genommen, d.h. sie haben sich, weil sie es so wollten, vom glühenden Eisen verbrennen lassen. Die Berechenbarkeit des Menschen mitsamt ihren vermeintlichen Gesetzen hat sich ebenso als bloße Einbildung in den Gehirnen von Watson und Skinner entpuppt wie der angeblich gesetzmäßige Übergang zur klassenlosen Gesellschaft als eine bloße Wunschvorstellung von Marx oder der unausweichliche Untergang des Abendlandes als eine Fiktion im Kopf eines Oswald Spengler.[174]
Das waren freilich nicht die letzten Versuche, menschliche Freiheit als Illusion zu entlarven. Heute glaubt sich die Hirnforschung zu ähnlichen Schlüssen berechtigt, weil der subjektive Eindruck, eine bestimmte Handlung zu »wollen«, nachweisbar um Bruchteile einer Sekunde später erfolgt als die physiologischen Veränderungen, die dieses Wollen begleiten.[175] Ist der daraus gezogene Schluss von der Unfreiheit des menschlichen Willens aufgrund solcher Forschungsergebnisse unausweichlich? Keineswegs. Wenn beides, der subjektive Eindruck des Wollens und sein physiologisches Merkmal, nur unterschiedliche Erscheinungsformen einer gleichen, tiefer liegenden Ursache sind, so ist damit gar nichts bewiesen.[176]
Angriffe auf die menschliche Freiheit kennzeichnen sämtliche Wissenschaften des Geistes. Sie markieren nicht nur die Psychologie sondern ebenso auch die zweihundertjährige Geschichte der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Nicht nur Marx hatte das kollektive Verhalten menschlicher Gesellschaften so interpretiert, als würde es unabhängig vom Wünschen und Wollen der Individuen stattfinden. Vor ihm hatten schon Thomas Hobbes, Baron von Holbach, Auguste Comte und viele ihrer Mitläufer und Nachahmer das Handeln der Gesellschaft als gleich gesetzmäßig deuten wollen wie die Vorgänge der Natur.[177]
Die Lüge von der Berechenbarkeit des Menschen folgt einer verständlichen inneren Logik. Solange das freie Wollen beim Menschen die gleiche Rolle spielte wie das Wunder in der Natur, war an die Aufstellung von Gesetzen nicht zu denken. Es konnte keine unverbrüchlichen und ewigen Naturgesetze geben, wenn ein göttliches Wunder sie jederzeit aufzuheben vermochte, und es konnte keine Gesetze im Bereich menschlichen Verhaltens geben, wenn der freie Wille sie ständig durchkreuzte. Die Naturwissenschaften hatten das Wunder bekämpft und schließlich aus der Natur völlig hinausgetrieben. Von da an galten - wie es zumindest den Anschein hatte - nur noch Gesetze, die durch keine Macht außer Kraft gesetzt werden konnten. Doch die Geisteswissenschaften hatten es schwerer – sie schlugen sich nach wie vor mit dem freien Willen herum. Das wirkte sich auch auf das Ansehen der beiden Arten von Wissenschaft aus. Der hohe Rang der Naturwissenschaften mit der Königsdisziplin der Physik an der Spitze war durch ihre strengen Voraussagen aufgrund dieser ewigen und unverbrüchlichen Gesetze bedingt, der zweifelhafte Rang der Geisteswissenschaften hing mit ihrer Unfähigkeit zu solchen Voraussagen zusammen. Der Leugnung menschlicher Freiheit lag daher das Bestreben zugrunde, die Wissenschaften vom Menschen auf die gleiche Höhe zu heben und zur selben Gewissheit zu bringen.
Bis heute blieb dieses Ziel unerreicht. So sehr man auch danach suchte, im Bereich des Geistes ließen sich keine Gesetze von der Strenge und Allgemeingültigkeit der physikalischen finden. Deshalb versuchte man die Naturwissenschaften wenigstens äußerlich nachzuahmen, indem man den für sie so charakteristischen Apparat des mathematischen Formalismus übernahm. Doch in den beiden Sphären von Geist und Natur wirkt sich die mathematische Sprache jeweils auf ganz andere Weise aus. Während der Fortschritt der Naturwissenschaften auf das Engste mit dem der exakten mathematischen Analyse verknüpft, ja ohne diese nicht einmal denkbar ist, war der Fortschritt der Geisteswissenschaften durchwegs daran gebunden, äußere Vorgänge durch den Sinn und Zweck zu verstehen, der ihnen von den handelnden Menschen gegeben wurde. Diese Verbindung von äußerer Wirklichkeit mit innerer Wertung, die sich der mathematischen Darstellung völlig entzieht, macht die Eigentümlichkeit geistiger Erscheinungen aus. Hervorragende Vertreter der Geisteswissenschaften wie Wilhelm Dilthey, Max Weber oder Ernst Cassirer haben sich ausdrücklich zu dieser grundsätzlichen Andersartigkeit der Geisteswissenschaften bekannt.[178]
Dem undogmatischen Beobachter fällt es nicht schwer, die Lüge von der Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens nicht als solche zu durchschauen. Zu offenkundig ist der grundlegende Denkwiderspruch, ja, die offenkundige Absurdität, die man riskiert, wenn man Menschen nach Art von Dingen behandelt. Dass es überhaupt dazu kommen konnte, lässt sich nur aus der Psycho-Logik der Macht erklären. Auch Wissenschaftler werden von ihrem Wollen und Wünschen beherrscht. Seit dem siebzehnten Jahrhundert hatten die Naturwissenschaften das Denken revolutioniert und es aufgrund ihrer sichtbaren Erfolge zu außerordentlichem Ansehen gebracht, da schien es nahe liegend, ihre Methoden und Voraussetzungen auch auf die Geisteswissenschaften zu übertragen. Wäre es möglich, den Menschen als geistiges Wesen genauso gesetzhaft erklären und seine Handlungen genauso verlässlich voraussagen zu können wie dies mit den Vorgängen der Natur geschah, dann würde man das außerordentliche Prestige, welches die exakten Naturwissenschaften seit Kepler, Galilei und Newton genossen, auch für die Wissenschaften des Geistes erringen.
Doch die bloße Annahme, dass Handeln und Denken im Prinzip genauso berechenbar wie die Vorgänge der äußeren Natur sein könnten, führt zu unauflösbaren Paradoxien und in unentrinnbare logische Sackgassen, ähnlich jener berühmten Aussage des Epimenides, wonach alle Kreter Lügner seien. Epimenides selbst war ein Kreter – seine Aussage führte daher notwendig in einen unauflösbaren Widerspruch. Und das gilt ebenso für die Aussagen des Menschen über das eigene Denken, sofern diese Aussagen dann selbst davon betroffen sind. Könnten wir unser eigenes Denken genauso sicher vorausbestimmen wie, sagen wir, eine Mondfinsternis, wäre unser Denken also so durchgehend »determiniert«, dass es uns gar nicht möglich wäre, anders als auf eine vorbestimmte Weise zu denken, dann verlöre der Wahrheitsbegriff zugleich seine Möglichkeit und seinen Sinn. Um im Bilde Spinozas zu bleiben, kann ein Stein dann immer nur denken, dass er fliegt, wenn er tatsächlich geworfen wird. Liegt er dagegen am Boden, bleibt ihm nichts anderes als der Gedanke übrig, nicht zu fliegen. Seine subjektiven Illusionen wären dann durch den jeweiligen Zustand determiniert, in dem er sich gerade befindet. Das würde analog auch für den Menschen gelten. All unsere Diskussionen über richtig und falsch, unsere Hypothesen und Theorien, mithin die gesamte Wissenschaft, wären dann nicht nur überflüssig, sondern vielmehr unmöglich, weil kein Gedanke besser oder schlechter als ein anderer ist – alle wären gleich notwendig, weil durch unsere jeweilige äußere (oder auch innere) Befindlichkeit festgelegt. Kein Wort dürften wir dann noch darüber verlieren, dass wir uns der Natur mit Hilfe von Irrtum und Versuchen anpassen, um sie zunehmend besser zu beherrschen. Da unser Denken nicht mehr als ein unfreier Reflex auf äußere Zustände wäre, könnte es eine solche Fähigkeit der Anpassung gar nicht geben.[179]
Die Auffassung von der menschlichen Unfreiheit führt sich selbst ebenso zwangsläufig ad absurdum wie der genannte Satz des Kreters Epimenides. Es gäbe keine richtigen oder falschen Auffassungen mehr sondern nur noch Reflexe. Daher brauchen wir uns nicht weiter darüber zu wundern, dass alle bisherigen Versuche des Menschen, seine eigene Freiheit zu leugnen, bis heute nur Theorien hervorgebracht haben, die sich bald darauf als haltlos erwiesen haben.
Die Berechenbarkeit des Unberechenbaren ist eine Lüge. Und diese Lüge hat praktische Folgen, weil sie den zuvor besprochenen Missbrauch der Wissenschaften bedingt. Dennoch bleibt, auch wenn wir menschliche Freiheit als gegeben annehmen, ein seltsamer Widerspruch. Er ist so befremdlich, dass er wesentlich für die Leugnung menschlicher Freiheit verantwortlich ist.
Wie soll man verstehen, dass Mensch und Sachen, obwohl doch Teile ein und derselben Natur, scheinbar ganz anderen Ordnungen zugehören?
Ist die Natur zweigeteilt?
Schon Voltaire hatte dieses Paradox deutlich gesehen. „Es wäre schon recht erstaunlich“, sagt er im Traité métaphysique, „wenn alle Sterne ewiger Gesetzmäßigkeit unterliegen, während nur ein unscheinbares Tier von fünf Fuß Größe sich nach Belieben ihnen widersetzen darf, gerade wie seine Launen es ihm gebieten.“[180] Für Voltaire war es genauso klar wie für Spinoza, dass man sich nicht einerseits das Universum insgesamt von unverbrüchlichen Gesetzen beherrscht denken könne, doch dann für den Menschen eine Ausnahme macht. Die Vorstellung einer zweigeteilten Natur schien gar zu unwahrscheinlich.
Diese Unwahrscheinlichkeit galt in der Tat bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt, bis zur Entdeckung der Quantenphysik. Bis dahin wurde die Natur als durchgehend berechenbar verstanden. Auch wenn wir, wie schon David Hume bemerkte, in der Beobachtung der Natur nie auf Gesetze stoßen sondern immer nur auf einzelne Regelmäßigkeiten, so dass die Behauptung, dass diese ewig und notwendig gelten, ein bloßes Konstrukt unseres Denkens sei,[181] so haben - außer einigen Philosophen bis hin zu Popper - die Physiker selbst dieses Konstrukt doch nie ernsthaft in Zweifel gezogen. Zwar war es theoretisch nicht auszuschließen, dass die Sonne morgen oder in fernerer Zukunft von einem Tag auf den nächsten nicht länger aufgehen würde, doch schien diese Annahme praktisch ohne Belang und deshalb nicht mehr als eine gedankliche Spielerei zu sein. Die klassische Physik ging davon aus, dass alles Geschehen aus den Bewegungen kleinster Körper besteht und dass diese überall und zu allen Zeiten denselben Gesetzen gehorchen. Mit größter Überzeugung gingen die klassischen Physiker daher auch davon aus, dass man den Menschen, da er nun einmal Teil dieser einen und überall gleichen Natur sei, dereinst ebenso als restlos durch Gesetze determiniert erkennen würde. Wenn das bisher noch nicht gelungen sei, so nur aus dem einzigen Grund, dass die Geisteswissenschaften auf dem Weg der Erkenntnis eben noch nicht weit genug vorwärts geschritten seien.
Dem wollten Marx, Skinner und viele andere Wissenschaftler des Geistes ein Ende machen, indem sie für ihr jeweiliges Gebiet die Existenz entsprechender Gesetze postulierten. Die Natur sollte ein und dieselbe sein, gleich ob man dabei Sachen meinte oder den Menschen. Mensch und Sachen waren im Prinzip, so ihr grundlegendes Credo, in gleichem Maße berechenbar.
Überraschenderweise war es das Verdienst der Physiker selbst, die Vorstellung von einer restlos determinierten Natur zu überwinden. Die Quantenphysik brach mit der klassischen Vorstellung von einem strengen Determinismus. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Zerfall radioaktiver Atomkerne lässt eine statistisch durch die so genannte »Halbwertzeit« klar umrissene Gesetzmäßigkeit erkennen, aber es hat sich als grundsätzlich unmöglich erwiesen, die Entsendung eines bestimmten Alphateilchens aus dem Kern vorherzusagen.[182] Freiheit in Gestalt des Zufalls wurde in die Physik und damit in die Natur eingeführt.
In der Geschichte menschlicher Erkenntnis bedeutete das eine sensationelle Wende. Nein, die Natur war nicht zweigeteilt, sie war bei Mensch und Sachen ein und dieselbe. Aber anders als die klassischen Physiker und mit ihnen all jene Geisteswissenschaftler glaubten, die sich an ihre Spuren geheftet hatten, bedeutete die neue Einheit nicht einen generellen Determinismus, der für Spinozas Stein und den Menschen die gleiche Unfreiheit forderte, sondern eine Natur, die nun im Bereich der Sachen den Zufall und im Bereich des Menschen die Freiheit kannte. In Gestalt des Zufalls ließ die Physik damit jenen Indeterminismus in der Natur wieder zu, den sie zweihundert Jahre lang mit dogmatischer Hartnäckigkeit aus ihr vertrieben hatte.[183] Die Natur umfasste jetzt beides: Ordnung und Zufall, wobei der letztere bei den Sachen die Grenzen der erkennbaren Ordnung meint, während er im menschlichen Handeln als das Gegenteil von Berechen- und Vorhersehbarkeit, nämlich als Freiheit, erfahren wird. So wie Friedrich Schiller es schon vor mehr als zweihundert Jahren sagte: »Der Mensch… hat… das Vorrecht, in den Ring der Notwendigkeit… durch seinen Willen zu greifen und eine ganz frische Reihe von Erscheinungen in sich selbst anzufangen. Der Akt, durch den er dieses wirkt, heißt… eine Handlung, und diejenigen seiner Verrichtungen, die aus einer solchen Handlung herfließen,… seine Taten.«[184]
Wie sensationell diese Wende in Wirklichkeit war, erkennt man am ehesten daran, dass sie von einem der bemerkenswertesten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts noch um dessen Mitte nicht anerkannt wurde. „Wie sie heute existiert“, heißt es in Bertrand Russells 1953 veröffentlichten »Skeptischen Essays«, „ist die Wissenschaft teils angenehm, teils unangenehm. Sie ist angenehm aufgrund der Macht, die sie uns in unserem Umgang mit der Natur verschafft… Sie ist uns dagegen, so sehr wir diese Tatsache auch verdrängen mögen, dadurch unangenehm, dass sie einen Determinismus einschließt, der uns theoretisch ermöglicht, auch menschliches Handeln vorauszusehen. In dieser Hinsicht scheint sie daher die Macht des Menschen zu vermindern… Lassen wir die Ansprüche der wissenschaftlichen Methode gelten, dann können wir den Schluss nicht vermeiden, dass sich Kausalität und Induktion auf menschliches Wollen genauso beziehen lassen wie auf alles andere.“[185]
Die Einheit der Natur, die Russell vor Augen steht, ist immer noch die des Determinismus. Spinoza oder Voltaire hätten es ähnlich ausdrücken können. Bertrand Russell ist vielleicht der letzte monumentale Aufklärer Europas gewesen. Wie diese hat er die Lügen der institutionellen Religion in all ihren Manifestationen heftig bekämpft, und ebenso war er zeit seines Lebens dem Missbrauch der politischen Macht auf der Spur. Wenige haben so überzeugend wie er gegen Aberglauben, Unterdrückung und Unmündigkeit protestiert. Andererseits teilt Russell mit seinen Vorgängern aber auch den gleichen blinden Fleck in Bezug auf die Wissenschaft. Diese ist für ihn an die Stelle jener absoluten Wahrheit getreten, welche einst die herrschende Religion für sich in Anspruch genommen hatte.
Dabei hat es unter seriösen Wissenschaftlern schon im 19. Jahrhundert Reflexionen über die Grenzen der Wissenschaft und ihrer Erkenntnis gegeben. In seiner 1872 vor der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Leipzig gehaltenen Rede »Über die Grenzen des Naturerkennens« hatte der damals berühmte Physiologe Emil du Bois-Reymond seinen Zweifeln den folgenden Ausdruck verliehen: „Gegenüber den Rätseln der Körperwelt ist der Naturforscher längst gewohnt, mit männlicher Entsagung sein »Ignoramus« auszusprechen... Gegenüber dem Rätsel aber, was Materie und Kraft seien, und wie wir sie zu denken vermögen, muss er ein für allemal zu dem viel schwerer abzugebenden Wahlspruch sich entschließen: »Ignorabimus«.“
Und Karl Raimund Popper, ein Zeitgenosse Bertrand Russells, den manche in Deutschland als Positivisten zu apostrophieren beliebten, stand in Wahrheit dem Absolutheitsanspruch der Wissenschaften überaus skeptisch gegenüber: „Ich halte es nicht nur für möglich, sondern sogar für wahrscheinlich, dass wir eines Tages imstande sein werden, lebende aus toten Dingen zu erzeugen. Obwohl dies, selbstverständlich, für sich genommen, außerordentlich faszinierend wäre... würde es keineswegs beweisen, dass Biologie auf Physik oder Chemie reduziert werden könne.“[186] Die Ableitung des Späteren aus dem Früheren, des Komplexen aus dem Einfachen – eine Grundgedanke des Determinismus – wird hier in Zweifel gezogen. Popper scheut sich nicht, auf die Grenzen der Wissenschaft hinzuweisen.[187]
Zu einer Vertiefung solcher Gedanken hatte schon der deutsche Philosoph Nicolai Hartmann mit seiner Schichtenlehre einen entscheidenden Beitrag geleistet, der dann von Konrad Lorenz mit den Tatsachen der Biologie und Verhaltensforschung empirisch untermauert wurde. Die Entfaltung der Natur vom Unbelebten über die Lebewesen bis zu den emotionalen und geistigen Sphären vollzieht sich nach Hartmann durch die Entstehung sukzessiver Ordnungen, die aber voneinander nicht ableitbar sind, wenn auch die Gesetze jeder früheren in den späteren aufbewahrt werden. Die Welt besteht für unsere Erkenntnis aus Ordnungen, aber diese gehen auseinander auf unbegründbare Weise hervor, d.h. sie sind aus dem Zufall geboren.[188] Lorenz spricht von Fulgurationen,[189] was nichts anderes als ein schön gewähltes Wort für die evolutionäre Freiheit oder den Zufall ist. Dieser Zufall (bzw. diese Freiheit) werden damit zu konstitutiven Elementen der Evolution. Das Unerklärbare erhält ein Daseinsrecht neben den erkennbaren Ordnungen.[190] Die Lüge von der Berechenbarkeit des Unberechenbaren ist hier dem Eingeständnis der Grenzen menschlicher Erkenntnis gewichen.
Doch diese Einsichten einer sich der eigenen Grenzen bewussten Wissenschaft geraten mit der Psycho-Logik der Macht in Konflikt, welche Wissenschaftler genauso beherrscht wie andere Menschen. Wie die Priester, die sie aus ihrer Vormachtstellung verdrängten, waren auch sie von Anfang an in Gefahr, die Lösung sämtlicher Probleme von Mensch und Natur als Heilsbotschaft für sich in Anspruch zu nehmen. Die Naturwissenschaften würden einst sämtliche Rätsel der Materie aufklären, die Psychologie sämtliche Geheimnisse der menschlichen Seele entschleiern, die Soziologie alles noch verbliebene Dunkel in den sozialen Beziehungen des Menschen erhellen. Woher er auch kommt, hat sich der Anspruch auf Allwissenheit immer als höchst wirksames Machtinstrument erwiesen.
Die Gefahr eines solchen pseudowissenschaftlichen Heilsgebarens liegt in der damit verbundenen Täuschung über Wesen und Möglichkeiten des Menschen. Die »Gesetzmäßigkeiten« des Kauf- und Arbeitsverhaltens zum Beispiel, die eine konsum- und wachstumsorientierte Gesellschaft charakterisieren, gelten eben auch nur für und in einer solchen Gesellschaft. Sobald die Menschen sich an den Werten und Idealen eines anderen Lebens orientieren, verlieren sie diese Geltung. Damit soll nicht bestritten werden, dass das erworbene technische Wissen und die industriellen Werkzeuge, in denen es zur Anwendung gelangt, für das Überleben einer Menschheit von sechs Milliarden Köpfen schlechterdings unabdingbar sind – und zwar ganz unabhängig von unserer jeweiligen Einstellung. Aber es ist genauso richtig, dass wir dasselbe Instrumentarium auch ganz anders verwenden können als wir es heute tun - statt zur Vernichtung zur Schonung der Umwelt, statt für eine zunehmend ungerechte für eine gerechte Verteilung, statt unter Ausbeutung fremder Ressourcen für eine Versorgung mit erneuerbaren Energien, statt für eine zunehmend aggressive Weltpolitik für eine friedliche Koexistenz der Nationen. Es hängt ausschließlich von unserem Wollen und Wünschen ab, welcher dieser Alternativen wir folgen. Die wissenschaftlichen Experten können die jeweiligen Mittel aufzeigen, die uns dabei zur Verfügung stehen, aber diese Entscheidungen selbst liegen außerhalb ihrer Jurisdiktion. Für die Gestaltung der Zukunft ist allein die Einstellung der sie gestaltenden Menschen entscheidend.[191]
So war es schon in der Vergangenheit. Wir sahen, dass Agrarzivilisationen bei gleichem technologischen Stand ganz unterschiedliche Gesellschaften »erfunden« haben. Nicht durch die Instrumente der Zivilisation sind wir also zu einem bestimmten Verhalten determiniert - das ist die Lüge von der objektiven Wissenschaft, die wir aufdecken und gegen die wir ankämpfen müssen - sondern es sind unsere Werte, es sind die Zwecke, die unser Handeln bestimmen. In diesen Werten und ihrer Durchsetzung bekundet sich menschliche Freiheit.
Werte und Wissenschaft – erst damit stecken wir den Bereich des ganzen menschlichen Handelns ab. Doch stoßen wir damit auch gleich wieder auf eine weitere Lüge, eine, die als typisch für unsere Zeit gelten kann. Die Lüge von der Wertlosigkeit der Werte.
Diese Lüge machen wir uns am besten durch die unterschiedlichen Auffassungen zweier widerstreitender Lager begreiflich. Es hat viele Versuche gegeben, den Unterschied von »rechts« und »links« an allgemeingültigen Definitionen festzumachen. Zielt man dabei auf äußere Merkmale, so scheint das Unternehmen beinahe hoffnungslos. Zum Beispiel sind rechte Parteien keineswegs durchgehend konservativ. Andererseits können linke Parteien die größten Feinde von Experimenten sein.[192] In unserer Zeit hat es überdies eine so große Annäherung der Volksparteien gegeben, dass die Unterschiede zwischen ihnen überhaupt zu verschwinden drohen. Tony Blair übernahm die neoliberale Politik von Margaret Thatcher, Gerhard Schröder hat seinen Vorgänger Helmut Kohl darin noch übertroffen.
Dennoch entspringt der Gegensatz zwischen links und rechts keineswegs nur einer optischen Illusion. Zur Zeit der französischen Revolution bestand er zwischen den Inhabern von Reichtum und Macht auf der einen und jenen Kräften auf der anderen Seite, die beides erst noch erringen wollten. Diese Polarisierung, die in einer entsprechenden Sitzordnung auf den Bänken der französischen Nationalversammlung ihren sichtbaren Ausdruck fand, war noch mit starken Banden an die Vergangenheit der Agrargesellschaft geknüpft. Die »Rechten« verfolgten einen gemäßigten Kurs. Sie standen den früheren Herren näher, also einem parasitären Adel, der die politische Macht im Land monopolisierte. Die linken Abgeordneten der Nationalversammlung standen auf der Seite der hart arbeitenden und dadurch zu Wohlstand aber noch nicht zu politischem Einfluss gelangten Bourgeoisie. Diese hatte die totale Neuordnung der Macht zu ihren Gunsten im Auge. Dabei zog sie das Proletariat und alle Schlechtweggekommenen der Gesellschaft auf ihre Seite. Die französische Revolution war ein Aufstand von unten gegen die bestehende Machtstruktur einer Agrarzivilisation, in der die tonangebenden Herren, die immer noch den Reichtum des Landes untereinander verteilten, das militärisch-administrative Establishment repräsentierten. Diese Machtstruktur passte nicht länger zur beginnenden industriellen Neuordnung der Gesellschaft.
Die Rechten hatten die Macht, die Linken wollen sie erst noch erobern oder ihre Positionen erweitern. Dieses Schema sollte für die Zukunft erhalten bleiben. Denn kaum war der Bourgeoisie die Entmachtung des Adels mit Hilfe der untersten Volksschichten gelungen, verlässt sie das linke Lager und wechselt nach rechts. Links war jetzt eine andere Schicht, nämlich jenes Proletariat aus Arbeitern und kleinen Handwerkern, das in der Februarrevolution von 1848 erneut zu den Waffen griff und in der Pariser Kommune von 1871 zeitweise die Macht in Paris übernahm. Wieder setzte sich dieses Lager aus Schichten zusammen, die zwar ökonomisch eine zunehmend wichtige Rolle spielten, aber keinen Zugang zur politischen Macht erhielten. Doch fand die Konfrontation jetzt eben nicht mehr zwischen Bourgeoisie und Adel statt. Jetzt war es die Bourgeoisie selbst, die den nachdrängenden unteren Schichten die Tore zu Reichtum und Macht versperrte.
Das blieb auch in Deutschland so, als dort ab Mitte des 19. Jahrhunderts das allgemeine und gleiche Wahlrecht eingeführt wurde. Theoretisch hatten nun alle Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu Macht und Wohlstand erworben, aber eben nur in der Theorie. Das Gerangel um Macht und Einfluss im Staat setzte sich weiter fort. Die ökonomisch und politisch benachteiligten Schichten bevorzugten eine Ideologie, die das menschliche Glück und den sozialen Frieden vor allem im materiellen Aufstieg sah. Die materiell definierte Gleichheit der Menschen stand bei ihnen an vorderster Stelle. Dagegen erblickten die politisch führenden und besitzenden Schichten die Grundlage für individuelles Glück und soziale Stabilität vorrangig in gemeinsamen Werten und einem gemeinsamen Glauben. Gleichheit war ihnen nur in dieser Werte- und Glaubensgemeinschaft wichtig. Was den materiellen Besitz betraf, so verlangten sie Freiheit, zu der nach ihrer Meinung eben auch die Freiheit der Besitzenden zählte, über weit mehr weltliche Güter als ihre Mitmenschen zu verfügen.
Grundlegende Tendenzen erkennt man am besten an ihren pathologischen Ausformungen. Zum Beispiel am real existierenden Kommunismus unter Stalin, dem Inbegriff einer linken, und am Nationalsozialismus, der extremen Verkörperung einer rechten Ideologie. Beide bieten lehrreiches Anschauungsmaterial im Hinblick auf ihre Einstellung zu Werten und materieller Gleichheit.
Kommunistische Staaten sahen das Glück von Mensch und Gesellschaft in der gerechten Verteilung materieller Güter. Die begriffliche Entgegensetzung von geistigem Über- und materiellem Unterbau war in dieser Hinsicht bezeichnend, auch wenn linke Intellektuelle diese Unterscheidung nachträglich gern als Vulgärmarxismus relativieren. Für den Kommunisten bildet der Unterbau den festen Sockel der Lehre, weil er die existenzielle Lage der Menschen beschreibt. Wie viel sie täglich zu essen bekommen, was sie an ihren Arbeitsplätzen verdienen, das bildet den Kern ihrer Existenz. Dem geistigen Überbau, d.h. der Gesamtheit all dessen, was sie wissen, glauben und meinen, wird dagegen nur eine abgeleitete, abhängige Rolle zugebilligt. Um es mit den Worten von Bertold Brecht zu sagen, der den Kern der Lehre auf derbe Weise ganz richtig wiedergibt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“[193]
Die Fünfjahrespläne kommunistischer Staaten mit ihren Auflagen über die Zahl der zu produzierenden Traktoren, Mähmaschinen, Elektromotoren etc. sollten denn auch menschliches Glück fabrizieren - nicht mehr und nicht weniger. In dieser Sicht lief die Herstellung des sozialistischen Paradieses auf eine mechanische Aufgabe hinaus. Deren Lösung oblag den Sozialingenieuren des Politbüros im politischen Zentrum.
Die Ideologie des Kommunismus setzte voraus, dass das jahrtausende alte Problem einer idealen Gesellschaft und individuellen Wohlbefindens im Wesentlichen eine Rechenaufgabe sei, die durch die richtige Organisation des Produktionsapparats gelöst werden könne. Stimmte die Rechnung im Allgemeinen, dann waren auch alle besonderen Maßnahmen zu ihrer Verwirklichung richtig. Dazu durften denn auch solche gehören, die den davon Betroffenen zunächst einmal unermessliches Unglück bescherten. Millionen Bauern wurden brutal ihres Eigentums beraubt und in Kolchosen gepresst, weil sie nach Meinung der Führung erst nach dieser Neuordnung zum Glück finden würden. Zwangsweise Umsiedlungen, verbunden mit der mutwilligen Zerstörung traditioneller Lebensweisen, waren nicht nur erlaubt, sondern wurden als heilsam gepriesen, wenn die sozialen Mechaniker errechnet zu haben glaubten, dass das künftige Glück des Menschen eben gerade auf derartigen Maßnahmen beruhe.
Das rechte Lager hat diese Auffassung von menschlicher Gesellschaft immer mit der größten Vehemenz abgelehnt und bekämpft. In Edmund Burke, dem großen Kritiker der französischen Revolution, hat diese Haltung ihren wohl beredtesten Anwalt gefunden.[194] Für die Rechten ist der Mensch zuallererst ein geistiges Wesen. Seine Traditionen, sein Glaube, seine Sitten und Bräuche - all dies bildet in ihrer Sicht das eigentliche Band, welches Menschen in einer Gemeinschaft zusammenhält. Die zentrale Bedeutung der geistigen Dimension sei schon daran erkennbar, dass Menschen sich öfter und mit größerer Bereitschaft für ihre Traditionen und ihren Glauben als für ihren materiellen Besitz geopfert hätten. Für Ideale seien Menschen immer wieder gestorben, zum Beispiel die frühen Christen während ihrer Verfolgung durch römische Kaiser. Statt ihr materielles Eigentum als Basis der eigenen Existenz anzusehen, hätten sie dieses, wenn die Ideale es von ihnen verlangten, oft bereitwillig aufgegeben. In dieser Sicht nimmt die geistige Dimension des individuellen und sozialen Seins eindeutig die erste Stelle ein. Was der Marxismus als bloßen Überbau relativiert, wird hier Fundament: die Verfassung eines Staates, die gemeinsame Geschichte, die geteilten Werte. Darauf sei nach Ansicht der Rechten ein funktionierendes Gemeinwesen begründet.
Wollte man es auf Brechtsche Art brutal, ohne alle Fußnoten und mit einer Portion Zynismus formulieren, dann haben die Linken das Fressen zum ersten und wichtigsten Lebensinhalt erhoben, weil für die Hungernden und Unterdrückten diese Bedürfnisse von jeher im Vordergrund standen, die Rechten dagegen redeten mit Vorliebe von der Moral – schon deswegen, weil sie das am wenigsten kostete.
Je deutlicher man ein Bild aus der Nähe betrachtet, desto eher werden die Risse und Verwerfungen sichtbar. Wie schon gesagt, sind Wahrheit und Lüge am leichtesten an den Extremen erkennbar. Wer die Lügen der linken Ideologie aufspüren will, sollte den Kommunismus stalinistischer Prägung studieren. Wer die Haltlosigkeit eines einseitig rechten Credos verstehen möchte, sollte sich mit den Eigenarten des Nationalsozialismus befassen. Beide Extreme haben ihren ideologischen Extremismus selbst ad absurdum geführt. Und zwar beide auf gleich spektakuläre Weise.
Sieht man einmal von dem Schreckensregime der Jakobiner unter Robespierres Führung ab, dann kann der stalinistische Materialismus der eisernen Faust den traurigen Ruhm für sich geltend machen, die historisch bekannteste Perversion der linken Ideologie darzustellen. Andererseits erscheint der Faschismus, speziell in seiner nationalsozialistischen Form, als die fürchterlichste Perversion des rechten Credos. Auf welche Weise haben diese beiden Extremformen ihre eigene Ideologie ad absurdum geführt?
Wenden wir uns erst dem Stalinismus zu. In seinem Fall hätte man davon ausgehen können, dass Ideologie für ihn bedeutungslos sei, hätte es ihm doch ausschließlich um die kommunistisch organisierte materielle Bereicherung gehen müssen. Um das Denken, vor allem das richtige Denken, hätte man sich gar nicht zu kümmern brauchen, solange der materielle Unterbau stimmt. Denn der historische Materialismus legt ja den größten Wert auf die Feststellung, dass eine Änderung der Lebensverhältnisse völlig ausreichend sei, damit alle Menschen auch ein richtiges Bewusstsein und Denken erlangen. Das eine wird als mehr oder weniger automatische Folge des anderen gesehen.
Mit anderen Worten, aufgrund der marxistisch-leninistischen Lehre erschien eine solche Gleichgültigkeit gegen alle Ideologie gerechtfertigt und zu erwarten. Doch, wie wir wissen, sollte eine derartige Erwartung sich als völlig verfehlt erweisen. In Wahrheit gab es kein Land auf der Welt, das sich mit solcher Inbrunst um das richtige Denken sorgte wie die Sowjetunion unter Stalin. Man muss den Blick schon in die Vergangenheit richten, zur Heiligen Inquisition der katholischen Kirche etwa, um Beispiele für eine gleich umfassende, gleich totale Kontrolle des menschlichen Geistes zu finden. Die kommunistische Ideologie - andere sprachen mit Recht von einem kommunistischen Glauben - wurde mit geradezu religiöser Hingabe gepredigt, Abweichungen davon mit mörderischem Hass in Schauprozessen verfolgt. In seiner inquisitorischen Unduldsamkeit ist der stalinistische Kommunismus nur mit jenen religiösen Heilslehren zu vergleichen, die keine andere Wahrheit neben sich dulden, weil sie sich selbst im Besitz der absoluten und alleinigen Wahrheit wähnen.[195]
Warum dieser Widerspruch zur eigenen Lehre? Der Grund liegt bei der Heiligen Inquisition wohl ebenso auf der Hand wie in der Ägide eines quasi-religiösen Kommunismus. Die ideologischen Agitatoren und Einpeitscher unter Stalin waren sich insgeheim nur zu deutlich bewusst, dass all ihren gegenteiligen Behauptungen zum Trotz materielle Verlockungen allein eben doch keinesfalls ausreichend waren. Sie mussten schon bald erkennen, dass der richtige Unterbau noch keineswegs garantierte, dass darüber auch ein richtiger kommunistischer Überbau wuchs. Um ihre Vormachtstellung zu wahren, kehrte die herrschende Nomenklatura daher der eigenen Lehre den Rücken und folgte stattdessen lieber der Psycho-Logik der Macht. Diese legte ihnen nahe, sich besser auf die ideologische Gleichschaltung zu verlassen: ein uraltes Instrument der Herrschaft. Gewaltsam wurde der Überbau der kommunistischen Ideologie den Massen aufgepfropft.
Was den Nationalsozialismus betrifft, so bildeten ideologische Propaganda und Verfolgung der Andersdenkenden das Fundament seiner Weltanschauung. Der Primat des Überbaus, der in diesem Fall ein Primat des Ungeistes war, stand für die Nazis von vornherein fest. Es war der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Rasse, also eine wenn auch pervertierte geistige Einstellung, die für sie den Mittelpunkt individuellen und sozialen Seins ausmachte. Gleichzeitig gefiel es den Nazis, die vermeintliche Habsucht der Juden und die materielle Fixierung der nach ihrer Meinung dekadenten westlichen Demokratien zu geißeln. Der Aufwertung des Überbaus entsprach - um im marxistischen Bilde zu bleiben - eine Abwertung des materiellen Unterbaus.
Aufgrund dieses selbst proklamierten Vertrauens in die rechte Gesinnung hätte man meinen sollen, dass die Nazis wenig Bedarf darin sahen, für materielle Anreize zu sorgen. Der Glaube und die von diesem Regime in einem fort beschworenen »Ideale« hätten ausreichen müssen, um für alle Nachteile materieller Art zu entschädigen.
Wie wir wissen, traf das gerade Gegenteil zu. Wenige Regime haben so sorgfältig darauf geachtet, die Massen mit gewaltigen materiellen Anreizen zu ködern und bei Laune zu halten. Unter Hitler wurde der materiellen Wohlfahrt eine zentrale Stellung gegeben. Der Sozialstaat als Garant für die größtmögliche Absicherung aller Volksgenossen gegen die Risiken von Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit und gleichzeitig auch als Instrument der Verteilung von Wohlstand wurde unter dem deutschen Diktator stärker gefördert als je zuvor in der deutschen Geschichte. Andererseits sind die Enteignung der Juden und die systematische Plünderung der eroberten Gebiete nur mit den Raubzügen zu vergleichen, die unter Dschingis Khan, Timur Läng bis hin zu Napoleon dazu dienten, die Loyalität der eigenen Soldateska durch ständiges Beutemachen zu sichern.
Wir begegnen also einem doppelten Paradox. Ein linkes Regime, das menschliches Glück in der richtigen Struktur des Unterbaus lokalisierte, hat seinen Untertanen die dazu passende Ideologie mit der ganzen Grausamkeit mittelalterlicher Inquisition aufgezwungen. Andererseits hat ein rechtes Regime, das seine vermeintliche Überlegenheit im geistigen Überbau sah, alles getan, um das Volk mit materiellen Wohltaten zu ködern.[196] Die Politik der bewussten materiellen Verführung, wie das Naziregime sie betrieb, stand zu dessen Prinzipien in gleichem Gegensatz wie die von Stalin betriebene ideologische Gleichschaltung. Der Kern des Stalinismus war materielle Wohlfahrtsplanung (social engineering), demgegenüber alles andere nur Überbau sein konnte und durfte. Aber Stalin wusste, dass erst die ideologische Gleichschaltung dem Kommunismus eine quasireligiöse Geltung verlieh. Der Kern des Nationalsozialismus war ein Gesinnungsfundamentalismus, der jedes Opfer rechtfertigen sollte, so dass materielle Gegebenheiten eigentlich zweitrangig bleiben mussten. Aber die Nazis ahnten, dass ihre Ideologie die Massen kalt lassen würde, wenn man ihnen keine konkreten Vorteile bot. So fiel unter Hitler dem Sozialstaat die Aufgabe eines Lock- und Beruhigungsmittel zu, mit dem man einer pervertierten geistigen Lehre, der nationalen Botschaft von einem Volk der Herrenmenschen, die nötige Akzeptanz verlieh. Die Psycho-Logik der Macht brachte in beiden Fällen ganz andere Ergebnisse hervor, als man aufgrund der beiden Lehren vermuten konnte.
Es stellte sich mit der Zeit denn auch immer mehr heraus, dass der stalinistische Kommunismus sich weit weniger auf den Unterbau seiner materiellen Fortschritte verließ und verlassen konnte als auf die ideologische Gehirnwäsche, die er mit den Mitteln eines totalitären Polizeistaates betrieb. Auch seine weltweiten Propagandaerfolge verdankte der real existierende Kommunismus viel weniger seinen im Vergleich zum westlichen Kapitalismus eher bescheidenen Resultaten als seinem Überbau: einer Ideologie, die Mensch und Natur auf einheitliche, systematische und umfassende Weise analysierte und zu erklären schien.
Andererseits hat die Rassenlehre der Nationalsozialisten auch in Deutschland nur eine Minderheit von Fanatikern wirklich für sich gewonnen. Hitler hat die Massen erst dadurch verführen können, dass er sie mit einem wirksamen Programm gegen die Arbeitslosigkeit und einem Füllhorn sonstiger materieller Vergünstigungen auf seine Seite brachte. Tatsächlich bleiben die Rechtfertigungsversuche der Ewig-Gestrigen ja auch meist auf diesem Niveau: „Aber er hat uns doch die Autobahnen gebracht, den Volkswagen und die Vollbeschäftigung.“
Die Perversionen von Rechts und Links zeigen in greller Deutlichkeit, dass beide Positionen, gerade wenn man sie konsequent weiterdenkt und verwirklicht, sich selbst nicht genügen: Sie kommen nicht ohne ihr jeweiliges Gegenteil aus. Es ist klar, dass eine kompromisslos linke Weltanschauung, die das Glück des Menschen ausschließlich aus materiellen Ursachen ableitet, eine ebenso vordergründige Lüge ist, wie die gegenteilige Position, die dieses Glück allein auf geistigen Werten begründet.
Zwischen beiden Positionen ist es seit industrieller und französischer Revolution allerdings zu einer merkwürdigen Verschiebung gekommen. Nach wie vor behaupten Werte ihre Herrschaft über den Menschen, aber sie sahen sich einer merkwürdigen Transformation ausgesetzt. Die Werte wurden in den Privatbereich abgeschoben. Waren sie bis dahin kollektiv verankert, vor allem jene Werte, welche die Religion zur Vorschrift erhob, so wurden sie jetzt Sache des einzelnen. Dagegen wurden wissenschaftliches und technisches Denken sowie alles, was aus ihnen an Lebensgestaltung hervorging, zu kollektiven Mächten, die das Dasein jedes einzelnen Menschen immer stärker durchdrangen.
Dabei sollte es bis heute bleiben. Sieht man von dem kurzen Versuch der Nationalsozialisten ab, den Ungeist zur kollektiven Wahrheit zu machen, so ist eine fortschreitende Erosion verbindender Wertvorstellungen das Signum der neuen Zeit. In der Nachkriegsära erreichte dieser von dem französischen Soziologen Emile Durkheim schon 1893 diagnostizierte Zustand der »Anomie« dann in seinen Höhepunkt.[197] Alles, was auch nur entfernt an gemeinsame Werte erinnert, wurde in den Bereich des Privaten und damit Beliebigen abgedrängt. Dagegen rückte die Technisierung des Lebens, von der man sich einen immerwährenden materiellen Fortschritt versprach, zum unumstrittenen Projekt der Moderne auf.
Stellt man sich vor dem Hintergrund dieses allgemeinen Werteverfalls die Frage, wie weit linkes und rechtes Lager ihre Ziele verwirklicht haben, so fällt die Antwort zwiespältig aus. Einerseits hat das Reichtumsprojekt der Moderne in den Staaten des Westens ganzen Bevölkerungen eine geschichtlich einmalige materielle Wohlfahrt beschert - ganz wie die Linke es forderte. Deshalb hatte der Liberale Ralf Dahrendorf ja auch schon 1983 den gelungenen Abschluss dieses Projektes verkündet. Er sprach von einem "Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts".[198] Tatsächlich konnte man bis zu Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts der Meinung sein, dass die Linke ihre Ziele nun weitgehend durchgesetzt habe. Bis in diese Zeit blieb der Wohlfahrtsstaat weitgehend intakt. Wer die damals schon erkennbaren Verfallserscheinungen nicht sah, der mochte mit Dahrendorf glauben, dass Wohlstand und soziale Gerechtigkeit nun garantiert und gesichert seien. Und wer wie Dahrendorf der Linken dafür kein Lob aussprechen, sondern ihr den Totenschein ausstellen wollte, der dachte darüber wie Friedrich Schiller über den Mohr von Tunis. „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen.“
Welch eine Täuschung! Spätestens gegen Ende des Jahrhunderts war unübersehbar, dass die Unterschiede von Arm und Reich, in deren Überwindung die Linken ihr wichtiges Ziel erblickten, in greller Härte zurückgekehrt waren und sich von nun an ständig verschärften. Eine neue Unterschicht, die es doch nach Meinung aller weder geben durfte noch konnte, kehrte unübersehbar auf die Bühne des sozialen Lebens zurück.
In Wahrheit war der Wohlfahrtsstaat schon seit den späten achtziger Jahren brüchig geworden, und zwar weil Werte sich wieder geltend machten. Aber eben nicht solche Werte, die für alle verbindlich waren und die Gesellschaft zu gemeinsamem sozialen Handeln bewegen, sondern partikuläre, private Werte - Werte einer Minderheit, die ihr eigenes Recht auf Freiheit so auslegte, dass ihr bald jedes Maß an Bereicherung auf Kosten der Mehrheit erlaubt schien.
Andererseits haben die Rechten ihr Ziel ebenso wenig erreicht. Sie wollten eine Gesellschaft, die mehr ist als eine Ansammlung konsumierender Individuen, eine Gesellschaft, die durch gemeinsame Werte geeint ist. Stattdessen wurden Werte und mit ihnen die kulturelle Sphäre insgesamt in steigendem Maße ins Abseits gedrängt. Es war eine Gesellschaft entstanden, die sich überwiegend durch technische Parameter definiert: das Sozialprodukt, Spitzentechnologien, die messbaren sozialen Leistungen und das Konsumniveau.
Am deutlichsten musste sich eine derartige Entwicklung im Bereich der Bildung bekunden, denn das Erziehungssystem eines Staates ist ja nichts anderes als eine Institution zur Vermittlung verbindender und daher auch verbindlicher gemeinsamer Inhalte an die künftige Generation. Jedes Erziehungssystem ist seiner Definition nach eine Einrichtung, die Gemeinsamkeiten herstellen und aufrecht erhalten soll. Nirgendwo sonst ist das Selbstverständnis einer Gesellschaft daher deutlicher abzulesen als an den Inhalten dieser Gemeinsamkeit. In welchem Bereich werden diese heute von Staats wegen hergestellt? Welche solcher gemeinsamen Inhalte werden betont, welche verdünnt oder zunehmend ausgeschieden?
Die Antwort fällt eindeutig aus. Der Schwerpunkt der schulischen Aufgaben wird mehr und mehr in den naturwissenschaftlich-technisch-ökonomischen Bereich verlagert. Nur hier glaubt man, Erkenntnisse zu vermitteln, die ebenso wie universale Naturgesetze unumschränkt und über nationale Grenzen hinweg gültig sind. Erkenntnisse, die deshalb auch in der globalen Konkurrenz bestehen. Allenfalls werden noch Unterrichtsfächer wie Sprachen aufgrund ihrer praktischen Nützlichkeit zu Bildungsgütern erklärt. Dagegen geraten alle Gegenstände ins Zwielicht, die eine solche universale Geltung oder einen praktischen Nutzen nicht aufweisen können. Sie erhalten einen minderen Status, verkümmern und sind in Gefahr ganz abgeschafft zu werden.
Das gilt vor allem für die überkommenen Bildungsinhalte des europäischen Humanismus. Dieser hatte die antiken Wurzeln Europas als gemeinsames Erbe in Sprache, Literatur und Geschichte gepflegt, aber die nationalen Verästelungen dieses gemeinsamen Ursprungs ebenso in die Identitätsbildung einbezogen. Heute spielt dieses Erbe an den meisten Schulen kaum noch eine Rolle. Warum deutsche, warum österreichische Geschichte vermitteln, wenn man sich doch ebenso gut mit US-amerikanischer oder chinesischer Geschichte beschäftigen könnte? Wenn keine der darin zum Ausdruck gelangenden Traditionen, Menschenbilder oder Weltanschauungen absolute Geltung für sich behaupten kann oder darf, dann sind doch alle gleich gültig. Der Schluss, den unser Erziehungssystem daraus praktisch gezogen hat, ist ihre Gleichgültigkeit. Nur eine einzige dauerhafte Wahrheit scheint übrig zu bleiben, und zwar in Deutschland ebenso wie in Grönland, Japan oder auf den Fidschi-Inseln, die Wahrheit der technisch-ökonomischen Weltanschauung und deren konkrete Ergebnisse: d.h. standardisierte Produktionsverfahren auf der einen, standardisierte Konsumprodukte auf der anderen Seite, die beide im Eiltempo den ganzen Globus erobern.
Die westlichen Bildungssysteme sind schon seit einiger Zeit darauf eingeschworen, an künftige Generationen immer weniger von dem weiterzugeben, was nur nationale oder kulturell eingeschränkte Geltung besitzt. Dazu gehören die eigene Geschichte, die eigene Religion, die eigene Kunst, ja selbst die Pflege der eigenen Sprache, sofern sie keine Weltsprache ist. Diese Inhalte wandern in die private Verfügung ab. Die Gesellschaft sieht in ihrer Vermittlung keine Aufgabe mehr, ebenso wenig der Staat. Die betreffenden Fächer und mit ihnen die Inhalte, die sie einmal vermittelten, sind sozusagen zur privaten Geschmackssache geworden. Wer will, kann sich weiterhin mit Goethe, Hölderlin, Bach oder Hegel befassen, oder auch mit Faulkner, Han Yü, Kalidasa. Das sind Traditionen und Traditionen sind beliebig. Nach welchen Kriterien soll eine Schulbehörde entscheiden, welche Tradition sie noch zum verbindlichen Lehrstoff erklären soll?
Dieser Mangel an verbindlichen Kriterien wird im Hinblick auf das Bildungssystem ganz deutlich, wenn man die dort anstehenden Fragen ohne alle üblichen Verklausulierungen stellt. Wie soll man etwa eine Entscheidung zwischen verschiedenen Weltanschauungen, Geschichtsentwürfen, Kulturen begründen? Ist die ägyptische Kultur besser oder schlechter als die griechische? Die deutsche Sprache besser oder schlechter als die französische? Ist das Christentum wahrer oder weniger wahr als der Buddhismus? Keine dieser Fragen lässt sich objektiv auf dieselbe Weise entscheiden wie man in den Naturwissenschaften darüber entscheidet, ob eine Arbeitshypothese richtig ist oder falsch. Oder wie man in der Wirtschaft nach ziemlich eindeutigen Kriterien die Frage beantworten kann, ob die USA oder Deutschland mehr Hochtechnologie produzieren.
Der historische Zufall hat das Deutsche zur Sprache der Deutschen, das Schwedische zur Sprache der Schweden gemacht, aber im Sinne der Einheit einer weltweiten wissenschaftlich-technischen Zivilisation ist es zweifellos nützlicher, sich des Englischen zu bedienen, wie dies an vielen Universitäten und inzwischen auch schon an vielen Schulen in Schweden und Deutschland geschieht. Gelehrte wie Leibniz hatten im 17. und 18. Jahrhundert schon mit dem Gedanken einer solchen Einheitssprache gespielt. Es ist kein Zufall, dass die Faszination durch Wissenschaft und Technik schon damals zu Überlegungen führte, die heute ganz aktuell erscheinen.
Auch wenn wir nicht unbedingt annehmen dürfen, dass die Beamten eines Bildungsministeriums sich an so grundsätzlichen Fragen orientieren, so unterliegen sie doch denselben Einflüssen, die seit dem 18. Jahrhundert unser Denken bestimmen. Selbst wenn sie unausgesprochen bleiben, stehen sie doch im Hintergrund und formen unser Bewusstsein. Der Konflikt zwischen den universalen Gesetzen der Naturwissenschaften und dem in dieser Hinsicht so wenig konkurrenzfähigen Bereich der Kultur prägt unser Denken und lenkt unsere Handlungen. Seit die Aufklärung den Gegensatz zwischen zeit- und raumgebundenen Kulturen und der universalen Ordnung der Natur zum ersten Mal ins menschliche Bewusstsein rückte, gewannen die Gegenstände der Ausbildung um so viel mehr an Terrain, als die der Bildung dabei gleichzeitig verloren. Die erstere umfasst die wissenschaftlich-technischen Sphäre der Zivilisation, deren Nutzen für jedermann sichtbar ist. Bildung dagegen umgreift die Inhalte der Kultur. Vermittelt man Bildung, so passt man der heranwachsenden Generation ein Gewand aus nationalen Inhalten an, wenn man will, ein Gewand lokaler Folklore. Ob man dann jemanden als gebildet ansehen will oder nicht, läuft wiederum auf eine Entscheidung über Werte hinaus. Wer in Deutschland gebildet ist, ist es nicht in Frankreich oder gar in China und umgekehrt. Das Kriterium der Bildung ist objektiv ebenso wenig begründbar wie die Wahl zwischen verschiedenen Weltanschauungen. All dies scheint nahe zu legen, in der Bildung künftig eben auch nicht mehr als etwas Beliebiges zu sehen, eine bloße Privatsache, während Ausbildung die eigentliche Aufgabe eines Schulsystems sei.
Gegen diese Simplifizierung des Menschenbildes und des ihr dienenden Erziehungssystems haben die besten Köpfe rebelliert. 1959 veröffentlichte Theodor W. Adorno seine »Theorie der Halbbildung«, in der er das Ideal der Bildung noch als gegeben voraussetzt hatte. Allerdings stellte er schon damals fest, dass dessen Inhalte bei der Masse der Halbgebildeten nur noch den Charakter verdinglichter Fetische besaßen - Wissensstoff, den man kennen sollte, um in der Gesellschaft nicht unangenehm aufzufallen. Bildung sei zum sozialen Statussymbol degeneriert, habe ihr ursprüngliches Wesen als gelebte Kultur verloren, die als formende Gemeinsamkeit das tägliche Leben und den gegenseitigen Umgang der Menschen durchdringt. Wenn Bildung nur noch dem Vorzeigen und der Demonstration der eigenen Stellung diene, sei sie in ihrer Existenz gefährdet. Halbbildung ist tote, verdinglichte, dem Untergang geweihte Bildung.
In seiner »Theorie der Unbildung« führte der Österreicher Konrad Paul Liessmann die Gedanken Adornos zu ihrem logischen Abschluss. Für ihn ist Bildung ein Erbstück aus der Vergangenheit. Sie existiere heute nicht einmal mehr als ein Ideal, an dem man reale Inhalte messen könne. Bildung wurde zum bloßen Wissenspool, aus dem man in den großen Quizshows des Fernsehens schöpft und unter Umständen Geld gewinnt. Was man dabei alles wissen muss, um in solchen Shows zu bestehen, das hatte in einem Aufsehen erregenden Buch, das schon im Titel von »Bildung« spricht, der Anglizist und Romancier Dietrich Schwanitz auf manchmal recht witzige Weise ausgeführt, allerdings dabei weniger die Bildung selbst als nur noch den Wissensstoff beschrieben, der dem deutschen Bildungsbürger einst zur Verfügung stand.
Bildung ist in Gefahr, soviel scheint unbestreitbar, aber damit ist erst die Hälfte gesagt, solange die tieferen Ursachen dieses Bildungsverfalls unausgesprochen bleiben, nämlich die Lüge von der Wertlosigkeit der Werte.
Die neue Wertlosigkeit der Werte hatte ihren Ursprung in dem Protest gegen falsche Werte – die Werte der ehemaligen Herren. Diese hatte die Aufklärung des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts als Instrumente der Macht entlarvt - ein historisch einmaliger Akt der Befreiung, kulminierend in der französischen Revolution. Die herrschenden Agrareliten, Adel und Klerus, wurden in Frankreich gestürzt, ihre Stellung in Deutschland zumindest erschüttert. Wie schon gesagt, wurden damit all jene schlummernden geistigen Kräfte entfesselt, die Adel und Klerus bis dahin geknebelt hatten. Auf einmal durfte man sagen und denken, was vorher keiner zu sagen und denken wagte. Das war zunächst eine Erlösung, eine Befreiung aus Unmündigkeit und Vormundschaft. Niemand hat diesen befreienden Akt so deutlich in der Literatur zum Ausdruck gebracht wie Friedrich Schiller, in der Philosophie wie Immanuel Kant, in der Musik wie Ludwig van Beethoven. Innerhalb weniger Jahrzehnte erlebte Deutschland den größten geistigen Aufschwung seiner Geschichte.
Doch dieser kulturelle Aufschwung war nicht von Dauer. Er konnte es nicht sein. Es war die Aufklärung selbst und ihre Dialektik, die ihm die Flügel stutzte. Denn in der Attacke auf den Geist und die Werte der früher herrschenden Mächte war von Anfang an eine Sprengkraft verborgen, die über ihr unmittelbares Ziel weit hinaus zielen sollte. Geist und Werte überhaupt mussten mit der Zeit ins Kreuzfeuer geraten. Während die Aufklärung des 18. Jahrhunderts mit ihrer rücksichtslosen Verdammung alles bloß Überkommenen in Frankreich wie Deutschland zunächst dazu führte, dass hundert Blumen des Geistes zu üppiger Blüte gelangten - nicht anders als zur Zeit der italienischen Renaissance, als dort für kurze Zeit eine ähnliche Stimmung des Aufbruchs herrschte – machte diese belebende Buntheit schon in der zweiten Jahrhunderthälfte einem beginnenden Welken Platz.
Hellhörige Geister begannen schon früher aufzumerken. In Frankreich hatte ein gewisser Baron von Holbach, Zeitgenosse von Goethe, Moral und Kultur mit pedantischer Hartnäckigkeit auf Physik reduziert und damit Gedanken aufgegriffen, die schon seit Descartes und Galilei im Hintergrund der neuen naturwissenschaftlich geprägten Weltsicht verborgen lagen.[199] Die Lektüre der 1770 erschienenen Schrift von Holbach, »Das System der Natur« hatten viele mit Kopfschütteln und Goethe mit Ekel quittiert.[200] Ein dreiviertel Jahrhundert später konnte man mit derartigen Thesen aber schon die Massen begeistern. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts – Karl Marx hatte gerade sein kommunistisches Manifest geschrieben - begann Deutschland materialistisch zu werden. Ludwig Büchner, jüngerer Bruder des großen Dichters, veröffentlichte 1854 sein »Kraft und Stoff«, die Bibel des Vulgärmaterialismus, ein Buch, das damals in viele Sprachen übersetzt worden ist. Während Zeitgenossen Büchners wie Hegel oder gar Nietzsche nur eine Minderheit von geistig anspruchsvollen Naturen erreichten, machten jetzt Thesen Furore, in denen der Mensch seine geistigen Fähigkeiten aufs materielle Substrat reduzierte.[201] Damit wurde eine Entwicklung, die in Europa mit Descartes und dem 17. Jahrhundert begonnen hatte, nun, eineinhalb Jahrhunderte später, auf den Punkt und unter die Massen gebracht. Dieser Triumph des Materialismus stärkte Naturwissenschaften und Technik und schwächte Kultur und Bildung. Es ist kein Zufall, dass Deutschlands Aufstieg zu einer ökonomischen Supermacht in der Zeit zwischen Nachmärz und erstem Weltkrieg begann.
Schon zu jener Zeit waren die Ursachen erkennbar, die zur Selbstauflösung des Bildungsbürgertums führten. Denn diese Auflösung war in Wahrheit ein langwieriger Prozess. Er setzte nicht erst im zwanzigsten Jahrhundert ein, als das Hitlerregime Humanismus und Bildungsbürgern den politischen Todesstoß versetzte. Ihre unterschwellig wirkende Kraft übten die dahin zielenden Kräfte schon seit dreihundert Jahren aus. Aufgereizt und freigesetzt wurden sie dabei durch einen, wie es schien, unauflösbaren Widerspruch, in den der Geist zu sich selbst geraten war. Alles, was mit Naturwissenschaft und Technik zu tun hatte, schien die Notwendigkeit und Ewigkeit der Naturgesetze für sich beanspruchen zu können. Alles was dem Bereich der Kultur zugehörte, musste sich mit der Zweitrangigkeit ephemerer Erscheinungen begnügen. Es gab nur eine einzige Natur, aber die Geschichte der Menschen bestand aus einer wechselnden Folge höchst vergänglicher Staaten und Kulturen. Der neue Zeitgeist, geprägt von umfassendem historischen Wissen, war sich nur noch seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wirklich sicher, während er sich im Hinblick auf die geistige Dimension des Menschen von einem beunruhigenden, verstörenden und zersetzenden Generalverdacht nicht mehr zu befreien vermochte. Wurzelten Geist und Werte nicht letztlich in Willkür und Beliebigkeit? Waren nicht das einzig wirklich Bleibende die Materie und ihre Gesetze? In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ahnte der Pastorensohn Nietzsche, welche Erschütterung die Zeit zu erdulden hatte. Die Erosion verbindender und verbindlicher Werte betraf nicht nur vergangene Glaubens- und Moralinhalte, sondern die Basis gültiger Werte schlechthin!
Wohl gemerkt, nicht einzelne mehr oder weniger schlichte Autoren wie der Baron von Holbach und Ludwig Büchner zeichneten für diesen Umschlag verantwortlich, sie haben ihn nur direkter, »vulgärer« und dadurch angreifbarer formuliert, verantwortlich war vielmehr die unterminierende Kraft eines Denkens, aus dessen Bann es kein erlösendes Wort zu geben schien.
Das Beste, was sich von den beiden einander konfrontierenden Bereichen der Kultur und der wissenschaftlich-technischen Welt noch sagen ließ, war die nüchterne Feststellung, dass sie einander wesensfremd und desinteressiert gegenüberstanden. So formulierte es C. P. Snow in seinem 1959 erschienenen und damals Aufsehen erregenden Buch: »Die beiden Kulturen«. Der englische Romancier und Politiker stellte darin fest, dass es zwischen Naturwissenschaftlern und Künstlern keine gemeinsame Sprache gebe. Kultur und Wissenschaft lebten, wie er eindringlich beschwor und warnte, in unterschiedlichen Welten.
Tiefer reichte die »Kritische Theorie« von Adorno und Horkheimer, wie sie in der 1949 in Amsterdam erschienenen »Dialektik der Aufklärung« vorgestellt wurde. Der moderne Rationalismus habe das mythische Weltbild zersetzt und entzaubert. Doch nicht der Weg in eine herrschaftsfreie Gesellschaft sei dadurch geebnet worden, sondern die ursprüngliche Befreiung des Geistes sei in dessen Versklavung durch die nun siegreiche »instrumentelle Vernunft« umgeschlagen, eine Vernunft, die ihre höchste und einzige Aufgabe in der technologischen Beherrschung der Natur erblicke. Die so geprägten »technologisch erzogenen Massen« seien anfällig für den Despotismus totalitärer Ideologien.
Die Kritische Theorie deckte einen grundlegenden Widerspruch im Rationalismus selber auf. Es war die siegreiche und zu Anfang so heilsame Vernunft, die in ihren späten Nachwirkungen Unvernunft bis hin zum kollektiven Wahnsinn erzeugte. In ihrem stellenweise immer wieder von esoterischer Undurchsichtigkeit verdunkelten Buch umkreisen Horkheimer und Adorno das Phänomen in qualvollem Bemühen um Aufhellung.
Tatsache ist: Das neue wissenschaftliche Denken, die eigentliche Basis der Aufklärung, wirkte zugleich als Elixier und zersetzendes Gift. Es entband Kräfte von einer geschichtlich einmaligen Wirksamkeit, deren weithin sichtbare Zeichen die Errungenschaften der Technik und ökonomischer Fortschritt waren. Wissenschaftliche Erklärungen des gesamten physischen Kosmos, wie Galileo, Kepler und Newton sie der Welt präsentierten, schienen die Tür in eine Zukunft zu öffnen, in der es für den Menschen keine Rätsel mehr gab und für seine Intelligenz und konkreten Bedürfnisse keine unüberwindbaren Hindernisse.
Doch diese Machtfülle war auf die Erkenntnis vermeintlich ewiger Naturgesetze begründet. Die kulturelle Sphäre hatte an dieser Erhabenheit keinen Anteil. Da sie statt in der Notwendigkeit nur im Wollen und Wünschen des Menschen zu lokalisieren war und dieses Wollen und Wünschen sich mit jeder Zeit und in jeder Kultur in anderen Gestaltungen manifestieren, wurden Kultur und damit auch Bildung aus dem Zentrum hinausgedrängt. Als beliebig, relativ und willkürlich an den Rand geschoben, wurden sie nicht mehr als wirklich ernst zu nehmende Gegenstände gesehen. In diesem Sinne begann das neue wissenschaftliche Denken sie wie ein Gift zu zersetzen.
Nicht nur im Abstrakt-Geistigen fand diese Zersetzung statt, nicht nur innerhalb der Köpfe, sondern sie begann sich schnell auch äußerlich zu manifestieren – zum Beispiel in der neuen »Unwirtlichkeit unserer Städte«, die Alexander Mitscherlich schon Mitte der 60er Jahre beklagte. Während die historischen Kerne der größten und schönsten unserer Städte einen gestalterischen Willen verraten, der das schlichte Bürgerhaus ebenso wie die Kathedrale, die Häuserzeile und die Anordnung der Straßen beherrscht, begannen sich nun regellose Wucherungen um diese Kerne zu schmiegen: Wohn- und Produktionsmaschinen, deren einziger Zweck auf utilitaristische Funktionen beschränkt ist - die Befriedigung elementarer Bedürfnisse. Nicht dass der Zeit die Fähigkeit zu gutem Bauen plötzlich abhanden gekommen wäre. Heute fehlt es so wenig an großen Talenten wie in der Vergangenheit, davon zeugen einzelne Meisterwerke moderner Architektur, die sich mit dem Besten messen können, was die Vergangenheit hervorgebracht hat. Schuld ist weder ein Mangel an Phantasie noch an Einfühlungsvermögen, um über praktische Zwecke hinaus den tiefer liegenden Bedürfnissen des Menschen gerecht zu werden. Was fehlt ist der Wille, über das gelungene Einzelprojekt hinaus, in sich stimmige Gesamtentwürfe zu realisieren. Mit anderen Worten, es fehlen verbindende und verbindliche gemeinsame Werte. Auch die Gestaltung der menschengemachten Umwelt ist privatisiert, jeder einzelne Bauherr und Architekt darf die eigenen Einfälle bzw. die eigene Phantasielosigkeit einer Umgebung aufprägen, in der doch alle gemeinsam leben müssen. So kommt es zu jenem krebsartigen Wuchern vorstädtischer Wohnmaschinen oder jenen gesichtslos-langweiligen Ansammlungen von Einfamilienhäusern, die den schönsten Landschaften Deutschlands so oft den Anstrich heilloser Öde aufprägen.
Man wende nicht ein, derartige Urteile seien notwendig subjektiv – über Geschmäcker könne man (nicht) streiten. Das stimmt nicht. Es gibt ein demokratisches Votum der Füße über gelungenen Städtebau und ebenso über abstoßende Langeweile und Hässlichkeit. Die großartigsten städtebaulichen Zeugnisse der Vergangenheit: Schöpfungen wie Venedig, Rom, Lübeck, Prag, Wien, Jaipur, Jaisalmer, Chiengmai und viele andere mehr ziehen bis heute die Menschen in Scharen an, nicht weil sie mehr von jenen utilitaristischen (zivilisatorischen) Funktionen für Unterkunft, Schlaf oder Arbeit bieten, die eine Stadt überall auf der Welt befriedigen muss, sondern weil sie darüber hinaus noch auf etwas ganz anderes deuten: etwas, wovon der Begriff von Heimat eine, wenn auch vielfach missbrauchte, Ahnung vermittelt. Selbst die einfachsten Schlafsilos offerieren ihren Bewohnern zwar mehr an zivilisatorischem Komfort als die Patrizierhäuser vor zweihundert Jahren, aber für die Verteidigung vieler Städte der Vergangenheit haben ihre Bewohner nicht selten ihr Leben geopfert. Sie identifizierten sich mit diesem Lebensraum. Er war Teil ihrer selbst. Wer wird dagegen heute jene seelenlosen Kasernen oder Bauwürfel als seine Heimat betrachten, die sich in globaler Einförmigkeit ebenso rings um Ulan-Batur wie um Frankfurt oder Sao Paulo gruppieren? Wer verirrt sich, solange er es vermeiden kann, in die Ödnis von Vorstädten, Siedlungen oder auch manchen jener ausufernden Megastädte, die dem Menschen nichts anderes bieten als die überall gleichen Funktionen von Schlaf- oder Arbeitsstätten?
Zu Hunderttausenden votieren wir Jahr um Jahr für die schönsten Zeugnisse einer Vergangenheit, in denen es Menschen gelang ihr inneres Wesen und Wollen in Stein und Holz zu manifestieren. Dieses Votum liefert den eindeutigen Beweis, dass hier nach etwas gesucht wird, was in unserer eigenen Zeit verloren zu gehen droht. Städtebauliche Schöpfungen werden als Ausdruck gemeinsamen Wollens erfahren und als einzigartige Zeugnisse von Schönheit und Sinn. Hier begegnen wir auf augenfällige Weise dem Geheimnis der kulturellen Überhöhung unseres physischen Seins - einer Ebene, die durch den bloß zivilisatorischen Fortschritt niemals erreicht wird. Das macht bis heute die Faszination dieser Städte aus.
Die Abdrängung der Werte in den privaten Bereich hat unsere Fähigkeit zu Schöpfungen gemeinsamen Wollens zersetzt und gelähmt. Nicht, dass dadurch die kulturellen Äußerungen und Bestrebungen des Menschen abgeschafft werden konnten. Das wäre so unmöglich wie die Abschaffung des Denkens, Schreibens, Malens oder Singens. Aus quantitativer Sicht spielt Kultur in den reichen Gesellschaften sogar eine eher größere Rolle. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert war die Gesellschaft der westlichen Industrienationen so reich, dass ganze Generationen von Rentnern zu Hobbymalern, Hobbymusikern, Hobbydichtern wurden. Aber das geschah auf eine neuartige Weise. Während Technik und Ökonomie in den öffentlichen Raum vordrangen und ihn überall – nicht zuletzt durch die Reklame – zu beherrschen begannen, zog sich Kultur aus dem öffentlichen Raum immer stärker in die private Vereinzelung zurück. Zugleich durchlief sie einen Prozess der tausendfältigen Aufsplitterung und Relativierung. Es gab eine einzige Technik und nach dem Sturz des Kommunismus auch nur noch eine einzige Ökonomie in nahezu allen Ländern des Globus. Aber es gab bald so unübersehbar viele Stile, Ausdrucksformen, Lebens- und Anschauungsformen wie Künstler.
Die kulturellen Prägungen hingegen, die einzelne Völker oder Nationen bis dahin markant von anderen unterschieden hatten, lösten sich weitgehend auf. Dafür ist der Verfall des Städtebaus nur ein unmittelbar ins Auge fallender unter vielen andere Indikatoren. Blicken wir in die Vergangenheit, so vervielfältigen sich die Beweise. Früher verstanden sich Ägypter und Griechen als ebenso grundlegend voneinander unterschiedene Wesen wie, sagen wir, Chinesen und Inder. Man redete, dachte, liebte und fühlte anders und projizierte die eigene Einzigartigkeit in Gestalt ebenso einzigartiger Götter zusätzlich noch an den Himmel. Dagegen rückten Gemeinsamkeiten des technologischen Niveaus ganz und gar in den Hintergrund. Sie besaßen, wenn überhaupt, nur eine geringe Bedeutung.
In unserer Zeit ist es genau umgekehrt. Die kulturelle Prägung hat der technologischen Platz gemacht, und diese breitet sich gleichförmig über den ganzen Globus aus. An die Stelle einer Vielzahl menschlicher Ausdrucksformen (Kulturen), jede von ihnen durch ihre Werthaltungen, Ideale, Schönheitsvorstellungen etc. von allen anderen auf unverwechselbare Art unterschieden, tritt eine einzige Weltzivilisation, in der nur noch Wissenschaft, Technik und Ökonomie zu den Anliegen von Staat und Gesellschaft gehören, während Kultur nicht mehr als eine beliebige, für viele auch entbehrliche Zutat ist. In den Bildungsinstitutionen hat sie ihren Platz weitgehend verloren. Die wurden zu Ausbildungsstätten, die mit dem Segen des Staates auf Technik und Ökonomie vorbereiten. Aus Kulturnationen wurden Zivilisationen, deren Gegensätzlichkeiten in unverminderter Härte fortbestehen, aber jetzt motiviert durch das Gerangel um Macht und Reichtum, wie ihn vor allem die versiegenden, von allen gleichermaßen begehrten Ressourcen verschaffen.
So ist aus dem kulturell definierten Bildungsbürger von einst der global ununterscheidbare Homo oeconomicus geworden. In seinen typischen Repräsentanten, den Mitarbeitern internationaler Konzerne, ist er an keinen bestimmten Ort, keine bestimmte menschliche Umgebung gebunden, sondern weltweit in der gleichen Art von Büros und technisch definierter Infrastruktur zuhause. In der Regel beherrscht er nur noch eine einzige Sprache: die der Technokratie. Seine Lebensaufgabe ist die Herstellung von Produkten für einen weltweiten Markt. Andere Aufgaben und Lebensziele fallen nicht in seine Domäne, sie sind für ihn deshalb beliebig - reine Privatangelegenheiten. Außer Englisch etwa mag der Homo oeconomicus noch deutsch sprechen oder schwedisch oder französisch; er mag Protestant sein oder Buddhist, die Musik Bachs lieben oder Madonna. Das ist eine persönliche Note, die ihn vielleicht interessanter macht, aber Vorsicht ist angezeigt. Bei seinen Auftraggebern stoßen derartige Nebeninteressen auf deutliches Misstrauen, wenn sie mehr sind als bloßer Freizeitspaß, d.h. sich zu Kultur verdichten. Viele solcher hoch bezahlter, hoch renommierter Technomenschen verstehen und sprechen außer der Sprache von Technik und Ökonomie keine andere mehr - eine Entwicklung, der sie sich umso weniger entziehen wollen und können, als die Anforderungen an den persönlichen Einsatz ihnen kaum noch Zeit für anderes lassen.
Hier gipfelt die Dialektik der Aufklärung. Sie hat eine neue Macht etabliert: die globale Macht der Ökonomie, welche sich Wissenschaft und Technik zunutze machte, um alles zu erdrücken, was ihr dabei in die Quere kommt. Die Wertlosigkeit der Werte wird in ihrer Privatisierung am deutlichsten sichtbar.
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Adorno, Theodor W. 218, 221
Akbar 72
Alkidamas 16, 227
Aly, Götz 235, 241
Aquin, Thomas von 112
Arendt, Hannah 197
Aretino, Pietro 235
Aristoteles 16, 163, 227
Assisi, Franz von 117
Bachofen, Johann 233
Bacon, Francis 194
Bacon, Roger 63
Basham, A. L. 231
Bayle, Pierre 39
Beethoven, Ludwig van 220
Bender, Peter 227
Braudel, Fernand 227
Brecht, Bertold 210
Briffault, Robert 233
Brockmeyer, Norbert 227
Büchner, Ludwig 220
Bueb, Bernhard 158
Burckhardt, Jakob 96, 232, 235
Burguière, André 236
Burke, Edmund 211, 241
Bush, George W. 9, 182
Campanella, Tommaso 194
Canetti, Elias 230
Cassirer, Ernst 202, 239
Childe, Gordon 21, 228, 231
Chomsky, Noam 190, 238
Chrysostomos 112
Comte, Auguste 194, 201
Coulanges, Fustel de 229
Dahomey 100
Dahrendorf, Ralf 215, 242
Dawkins, Richard 234
Debon, Günther 228
Deschner, Karlheinz 231
Dew-Becker, Ian 238
Dilthey, Wilhelm 202, 239
Du Bois-Reymond, Emil 206
Duerr, Hans Peter 231
Dumont, Louis 230
Durkheim, Emile 215, 232
Ehmke, Horst 188
Eichel, Hans 189
Elias, Norbert 41, 73, 229, 232, 234
Epimenides 202
Feuerbach, Ludwig 39, 229
Fiore, Joachim von 117
Fischer, David H. 234
Fourier, Charles 194
Frankfort, Henri 25, 40, 230, 231, 237
Friedan, Betty 150
Fromm, Erich 146, 236
Fuchs, Eduard 235
Galilei, Galileo 63
Gehlen, Arnold 229, 237, 239
Goethe 220, 242
Gonda, Jan 231
Gouges, Olympe de 150
Haffner, Sebastian 241
Han Yu 131
Harris, Marvin 29, 227, 231
Hartmann, Nicolai 206, 241
Hazard, Paul 232
Heer, Friedrich 234
Hegel, Friedrich 220, 231
Heinsohn, Gunnar 234, 235
Heisenberg, Werner 240
Heraklit 178
Herder, Johann Gottfried 161, 229
Herodot 136, 161, 163, 237
Hieronymus 63, 110
Hitler 213
Hobbes, Thomas 28, 201, 239
Hobsbawm, Eric 227, 236
Holbach, Baron von 201, 220, 242
Hopi 104
Horkheimer, Max 221
Huizinga, Johan 76, 232
Hume, David 204
Innozenz II. 114
Jenner, Gero 241
Jesus 40
Julius II. 230
Kant, Immanuel 219, 237
Katharer 116
Kautilya 29
Koestler, Arthur 240
Lange, Friedrich Albert 231
Lessing 141
Lévi-Strauss, Claude 139, 235
Libet, Benjamin 239
Liessmann, Konrad Paul 219
Lomborg, Bjørn 174
Lorenz, Konrad 206, 241
Lublin, Joann S. 238
Lukrez 39, 160
Luther, Martin 41, 79, 95, 117, 121, 234
Lykophron 16
Machiavelli, Niccolò 28, 232
Madison, James 148
Maier, Franz Georg 232
Malinowski, Bronislaw 233
Marx, Karl 39, 194
Mauss, Marcel 227
Mead, Margaret 233, 236
Meadows, Dennis 175
Menes 40
Metzger, Oswald 238
Miegel, Meinhard 237
Mitscherlich, Alexander 222
Mommsen, Theodor 227
Morus, Thomas 194
Mumford, Lewis 232, 237
Müntzer, Thomas 117
Napoleon 50
Newton, Isaac 163, 222
Nietzsche, Friedrich 28, 40, 242
Nightingale, Florence 150
Origenes 110
Osmanen 125
Paulus 41, 229
Plato 16, 28, 36, 157
Polanyi, Karl 236
Popper, Karl R. 37, 204, 206, 228, 232
Prinz, Wolfgang 239
Qin Shi Huangdi 129
Ranke-Heinemann, Uta 113, 234
Roth, Gerhardt 239
Rousseau, Jean-Jacques 96, 141, 232, 236
Russell, Bertrand 240
Sargon 70
Schiller, Friedrich 48, 205, 219
Schmidt, Helmut 187
Schopenhauer 239
Schrödinger, Erwin 240
Schwanitz, Dietrich 219
Schwarzenegger, Arnold 191
Schweitzer, Albert 235
Shang Yang 29, 228
Sinjawskij, Andrej 235, 241
Sixtus VI. 121
Skinner, Frederic 200, 239
Sleeman, William 234
Snow, C. P. 221
Soros, George 188
Spengler, Oswald 200, 232, 240
Spinoza, Baruch de 200
Stalin 212
Steiger, Otto 235
Steingart, Gabor 238
Stronach, Frank 191
Süleiman 125
Suryavarman 54
Tabb, William K. 238
Tertullian 62
Timur-i Läng 78
Titiev, Mischa 233
Tocqueville, Alexis de 26, 228
Toynbee, Arnold 126, 235
Tuchman, Barbara 117, 231, 235
Voltaire 203, 235
Voragine, Jacobus de 234
Watson, John B. 200
Weber, Max 133, 178, 202, 235
Wesel, Uwe 228
Wessel, David 238
Wittfogel, Karl 228
Wollstonecraft, Mary 150
Woodward, Bob 11, 227
Xenophanes 160
Yanomami 102, 103
Ziegler, Jean 188, 238
[1] Siehe Woodward, Bush.
[2] Das hat auch schon Peter Bender in seinem aufschlussreichen Buch »Weltmacht Amerika – das neue Rom« angedeutet, als er die große Bedeutung der Religion in Amerika und Rom miteinander verglich (Bender, Weltmacht, S. 208).
[3] In Messeniakos, einer Rede für die von Epameinondas in Messenien angesiedelten spartanischen Heloten, sagt Alkidamas „Gott hat alle Menschen freigelassen; die Natur hat niemand zum Sklaven gemacht." Alkidamas Ausspruch ist aber nur über eine Randbemerkung, ein so genanntes Scholion, zu Aristoteles` Rhetorik (I 13 S. 1373b 18) überliefert. Hierzu auch Brockmeyer, Sklaverei, S. 6.
[4] Aristoteles, Politik, 1254b-1555a; 1260a.
[5] Braudel, Civilisation, I, S. 164.
[6] So betrug der Anteil des Adels an der Gesamtbevölkerung gegen Ende des 18. Jahrhunderts in rein agrarischen Ländern wie zum Beispiel Polen oder Ungarn an die zehn Prozent (Hobsbawm, Revolution, S. 16)
[7] Vor allem in primitiven Kulturen mit Garten- oder Hackbau ohne Pflug, der keine besondere physische Kraft erforderte. Gesellschaften wie die weiter unten erwähnten Hopi-Indianer haben die physische Arbeit unter Männern und zwischen den Geschlechtern verteilt und so ein hohes Maß an sozialer Gleichheit hergestellt. Solche Fälle beweisen, dass die soziale Struktur durch die materiellen Lebensumstände durchaus nicht determiniert wird. Der Übergang zur Agrargesellschaft bedeutete zunächst einmal eine Chance auf vermehrten Reichtum für alle - Gleichheit auf einem höheren materiellen Niveau. Wo sie verwirklicht wurde, lief diese Chance auf einen bedeutenden Fortschritt gegenüber der materiell viel ärmeren Epoche der Jäger und Sammler hinaus. Aber sie wurde eben historisch nur selten verwirklicht und nur in kleinen und technologisch zurückgebliebenen Gesellschaften. Überall sonst war Ungleichheit zwischen Freien und Unfreien die Regel, also zwischen einer politisch und militärisch herrschenden Minderheit auf der einen und der landwirtschaftlich tätigen Mehrheit auf der anderen Seite.
[8] Braudel, Mémoires, S. 398.
[9] Hier handelt es sich allerdings um Schätzungen, vgl. Brockmeyer, Sklaverei, S. 115.
[10] „Nirgends häuften sich solche Sklavenmassen wie in den hauptstädtischen Palästen der großen Familien oder der reichen Emporkömmlinge“ (Mommsen, Geschichte, S. 565.
[11] Brockmeyer, Sklaverei, 159.
[12] Das wird auch durch Genesis xlvii. 24 bestätigt, wo es heißt: »Und von dem Getreide sollt ihr den Fünften geben; vier Teile sollen euer sein, zu besäen das Feld und zu eurer Speise und für euer Haus und eure Kinder«.
[13] In egalitären agrarischen Stammesgesellschaften hat sich das Prinzip von Geben und Nehmen weit über die neolitische Revolution hinaus weiterhin behaupten können, siehe Mauss, Gabe.
[14] Harris, Kind, S. 358ff.
[15] Vielleicht aber auch nicht: „possibly even the massive walls around ancient towns like Jericho, as Bachofen suspected and Eliade confirms, performed a magico-religious function before they were found to furnish a decided military advantage“ (Mumford, Technics, S. 216).
[16] Frankfort, Civilization, S. 63.
[17] Es ist eine interessante Frage, warum die Herrschaft der Wenigen über die Vielen nicht überall auf der Welt letztlich zur Folge hatte, dass die herrschende Elite die sie mit Nahrung versorgenden Bauern einfach versklavte. Die Tatsache, dass etwa in Rom die freien Bauern sich neben der von Sklaven betriebenen Latifundienwirtschaft nicht zu behaupten vermochten, lässt immerhin darauf schließen, dass die Produktivität der Sklavenwirtschaft zumindest nicht niedriger als die der freien Bauern war. Die Kollektivierung der Landwirtschaft im kommunistischen Russland, die im Grunde ja auf eine ähnliche Versklavung der Bauern hinauslief, muss also trotz aller gegenteiligen Behauptungen nicht unbedingt an mangelnder Produktivität gescheitert sein. Wichtiger scheint ein anderer Grund. Der Menschenverschleiß ist unter derartigen Bedingungen so groß, dass eine Sklavenwirtschaft nur möglich ist, wenn aufgrund fortwährender kriegerischer Expansion die Aussicht besteht, immer neues „Menschenmaterial“ nachzuliefern. Das römische Reich stagnierte und brach schließlich zusammen, als es die Grenzen seiner Expansion und seines dadurch möglichen Menschennachschubs erreichte. Die Entvölkerung in Italien wurde seit dem Beginn des Kaiserreichs zu einem immer schwierigeren Problem. So erwies sich die unmenschliche Versklavung der in der Landwirtschaft tätigen Menschen per Saldo als Misserfolg. Der Gewinn an Produktivität wurde durch den Verlust der menschlichen Basis mehr als aufgehoben. Man könnte an diese historische Erkenntnis sehr wohl einige Überlegungen im Hinblick auf unsere heutige Vergötzung der Produktivität anknüpfen, die ja ebenso auf menschliche Bedürfnisse immer weniger Rücksicht nimmt.
[18] Tocqueville, Démocratie, II, 3, 18.
[19] Als Rom im Aufstieg begriffen war, hatte der Bauer diese Schwäche dadurch überwinden können, dass er seine Brüder und Söhne zu seiner Verteidigung bewaffnete. Aus ihnen bestand ursprünglich das römische Heer.
[20] Oxford History, S. 679.
[21] Shang Yang: „Ein Staat, in dem die Tugendhaften die Bösen beherrschen, wird unter Unordnung leiden, sodass er verfallen wird. Ein Staat jedoch, in dem die Bösen die Tugendhaften beherrschen, wird in Ordnung sein, sodass er mächtig wird“ (Debon, Geisteswelt, S. 98).
[22] Harris (Kind, S. 351) geht in diesem Zusammenhang auf die Verhältnisse bei den im Kongo lebenden !Kung und den Semai in Malaysia ein.
[23] Harris, Cannibals, S. 18. Die indianische >Liga der sechs Nationen<, zu denen auch die Irokesen gehörten, bewohnten im 16. Jahrhundert ein Gebiet zwischen dem nördlichen Virginia und dem Süden Kanadas, etwa zehn Mal so groß wie die alte Bundesrepublik. Diese Liga bestand aber nur aus insgesamt etwa fünfzehntausend Menschen (Wesel, Matriarchat, S. 107). Kein Wunder, dass die ersten Europäer den Eindruck gewannen, einen menschenleeren Kontinent zu betreten.
[24] Harris, Cannibals, S. 43.
[25] Hierzu vgl. Gordon Childe (Man, S. 53, 63).
[26] Wittfogel, Despotie.
[27] Braudel, Mémoires, S. 131.
[28] Hierzu auch Childe, Man, S. 182
[29] Popper, Gesellschaft Bd. I, S. 116.
[30] Plato, Staat 415a.
[31] Lukrez, Natur, S. 31.
[32] Bayle, Kometen, S. 241
[33] Vgl. Feuerbach, Christentum, S. 30: „Soviel Wert der Mensch hat, so viel Wert und nicht mehr hat sein Gott. Das Bewusstsein Gottes ist das Selbstbewusstsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen.“ S. 32: „Und unsere Aufgabe ist es eben, nachzuweisen, dass der Gegensatz des Göttlichen und Menschlichen ein durchaus illusorischer, dass folglich auch der Gegenstand und Inhalt der christlichen Religion ein durchaus menschlicher ist.“ S. 73: „Die Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst... Gott ist der Spiegel des Menschen.“ S. 234: „Die Religion ist das kindliche Wesen der Menschheit. Das Kind sieht sein Wesen, den Menschen, außer sich - als Kind ist der Mensch sich als ein anderer Mensch Gegenstand. Die Religion bejaht, heiligt, vergöttert, d. i. vergegenständlicht das menschliche Wesen.“ S. 317: „Wir haben...bewiesen, dass auch die göttliche Weisheit menschliche Weisheit, dass das Geheimnis der Theologie Anthropologie...ist.“
[34] Nietzsche, Studienausgabe, Bd. 2, S. 89
[35] Frankfort, Kingship, S. 31.
[36] Brief des Paulus an die Epheser, 6, 5-7: Ihr Knechte /Sklaven/, seid gehorsam euren leiblichen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als Christo… Lasset euch dünken, daß ihr dem HERRN dienet und nicht den Menschen.
[37] Elias, Zivilisation, Bd. 1, S. 289, 294.
[38] http://de.wikipedia.org/wiki/Pius_VI.
[39] Der indische Reichtumsgott Ganesh und viele ägyptische Götter bewahrten die Attribute von Tieren.
[40] Hierzu vgl. auch Gehlen, Urmensch, S. 57.
[41] Herders Überlegungen zur Menschenähnlichkeit der Götter gelten in vollem Maße erst für die agrarische Zeit. „Und so siehet man auch, warum in allen Religionen der Erde mehr oder minder Menschenähnlichkeit Gottes habe stattfinden müssen, entweder dass man den Menschen zu Gott erhob oder den Vater der Welt zum Menschengebilde hinab zog. Eine höhere Gestalt als die unsre kennen wir nicht, und was den Menschen rühren und menschlich machen soll, muss menschlich gedacht und empfunden sein. Eine sinnliche Nation veredelte also die Menschengestalt zur göttlichen Schönheit; andre, die geistiger dachten, brachten Vollkommenheiten des Unsichtbaren in Symbole fürs menschliche Auge. Selbst da die Gottheit sich uns offenbaren wollte, sprach und handelte sie unter uns, jedem Zeitraum angemessen, menschlich.“ (Ideen, S. 161)
[42] „In den alten Zeiten bestand der Kult darin, den Gott zu nähren, ihm alles zu geben, was seinen Sinnen wohlgefällig war, Fleisch, Kuchen, Wein, Wohlgerüche, Kleidung und Schmuck, Tanz und Musik. Dafür erwartete man Wohltaten und Dienste von ihm. So sagt Chryses in der Ilias zu seinem Gott: „Lange schon verbrenne ich dir die fetten Stiere; heute erhöre nun meine Wünsche und schieße deine Pfeile gegen meine Feinde.“ An anderer Stelle rufen die Troerinnen ihre Göttin an, bieten ihr schöne Gewänder dar und versprechen ihr zwölf Kälber, wenn sie Ilion rette.“ ( Fustel de Coulanges, Staat, S. 202, 203.)
[44] Andererseits wird das Argument zusätzlich dadurch bekräftigt, dass unter den Bedingungen der Gleichheit Priester sehr oft eine geringe oder auch gar keine Rolle spielten. So in den griechischen Kolonialstädten und selbst in Athen, wo zwischen den freien Bürgern - natürlich nur unter diesen - weitgehende Gleichberechtigung herrschte. Eine freie, demokratisch die Macht ausübende Bürgerschaft fühlt sich als Souverän, der für seine Entscheidungen niemandem gegenüber eine Rechtfertigung nötig hatte. Oder anders gesagt, demokratisch das eigene Schicksal bestimmende Bürger brauchen nicht von Gottes Gnaden zu herrschen. Funktionierende Demokratien kommen ohne eine organisiertes, zumindest ohne ein mächtiges Priestertum aus.
[45] „Quantum nobis nostrisque ea de Christo fabula profuerit, satis est omnibus saeculis notum.“ Diese Worte soll Leo zu Kardinal Bembo gesprochen haben. Niedergeschrieben wurden sie zuerst von John Bale, Bischof von Ossory, in seinem Werk The Pageant of the Popes, Containing the Lives of all the Bishops of Rome from the Beginning to the Year 1555, englische Ausgabe von John Studley, London 1574; S. 179.
[46] Kein Nachfolger des sanften Jesus von Nazareth hat sich darin so hervorgetan wie Julius II. (1503 - 1513), der an der Spitze bewaffneter Horden eine breite Blutspur durch Italien zog.
[47] Aufgrund »göttlicher Wahl«, wie Frankfort (Kingship, S. 243) formuliert.
[48] Vgl. Frankfort, Kingship, S. 11.
[49] Zit. aus Canetti, Masse, S. 475.
[50] „Es gibt keinen Helden für den Kammerdiener; nicht aber weil jener nicht ein Held, sondern weil dieser - der Kammerdiener ist, mit welchem jener nicht als Held, sondern als Essender, Trinkender, sich Kleidender, überhaupt in der Einzelheit des Bedürfnisses und der Vorstellung zu tun hat." (Hegel-Werke, Bd. 3, S. 489).
[51] In seiner Untersuchung über das indische Kastensystem definiert Louis Dumont dieses als ein System, das den Menschen nur als Bestandteil einer Hierarchie zu sehen vermag. Daher der Titel seines Buches: Homo Hierarchicus.
[52] Weitgehend deshalb, weil der Mann hier wie beinahe überall auf der Erde gewisse Vorrechte genoss. Er konnte sich Konkubinen aus niederen Kasten nehmen (Hypergamie), während umgekehrt die strengsten Strafe eine Frau aus höherer Kaste trafen, die sich auf geschlechtliche Beziehungen zu einem Mann aus einer niedrigeren Kaste einließ.
[53] Das trifft ohne Einschränkungen auf die theoretische Begründung der Ungleichheit zu, nicht aber auf deren praktische Handhabung. Obwohl die Regeln des Konnubiums und der Kommensalität (Vorschriften für Bett- und Essensgemeinschaft) mit größter Strenge galten, waren die Kasten eines Dorfes doch durch gegenseitige Dienstleistungen stärker miteinander verschränkt als die Berufe in einer mittelalterlichen Stadt. Brahmanen ließen sich von Wäschern, Barbieren etc. bedienen, und zwar bestanden erblich gewachsene gegenseitige Abhängigkeiten. Die starke Vernetzung der Lebenspraxis hob die unüberschreitbaren rituellen Schranken und Gegensätze in gewisser Weise also auch wieder auf. Wirklich ausgeschlossen waren nur die Unberührbaren.
[54] Den Angehörigen sämtlicher Kasten stand allerdings immer noch die Möglichkeit offen, der »Welt ganz zu entsagen« und die Laufbahn des Asketen einzuschlagen. Der Asket lebte unmittelbar zu Gott, er verzichtete damit aber automatisch auch auf alle weltlichen Rechte, die er noch in seiner Kaste geltend machen konnte. Aus dem Kastensystem ausbrechen konnte man also nur um den Preis, dass man auf sämtliche materiellen Annehmlichkeiten im Diesseits verzichtete.
[55] Man kann die indische Gesellschaftsordnung allerdings unter zwei verschiedenen Aspekten sehen, dem der Ungleichheit, und dem der Teilhabe. Die Ungleichheit war so umfassend, wie hier dargestellt, das galt aber auch für die Teilhabe. Jeder Mensch und auch jedes nichtmenschliche Wesen hatte seinen Platz und seine Aufgabe in diesem Kosmos. So bot das Kastensystem so etwas wie eine Garantie auf Vollbeschäftigung, denn auch der Angehörige der niedrigsten Kaste hatte eine Recht auf bestimmte Arbeiten, das ihm niemand bestreiten konnte. Andererseits hing die weitgehend Heiligung der animalischen und vegetabilen Welt ebenfalls mit dieser Einbettung aller Lebewesen in das große Ganze zusammen. Der sonst unbegreifliche Erfolg des indischen Kastensystems beruht also nicht nur auf der ideologischen Überlegenheit der Brahmanen, sondern auch auf gewissen Vorteilen, die damit selbst für die untersten Schichten verbunden waren.
[56] Athanasius de Trinitate, Lib. VIII.
[57] Deschner, Christentum, Bd. I, S. 143.
[58] Deschner, Christentum, Bd. I, S. 49.
[59] So fasst Friedrich A. Lange die Aussagen Holbachs zusammen (Lange, Materialismus, S. 381).
[60] Vgl. Frankfort, Kingship, S. 51 und Gonda, Religionen, S. 77.
[61] Diese Feststellung gilt zweifellos im Hinblick auf den bloßen Umfang der von Priestern erbrachten Leistung. Im alten Europa durchdrang Religion sämtliche Bereiche des Lebens mit ihren sicht- und hörbaren Zeugnissen, was aber in einem noch weit höheren Grade für Indien galt. Doch diese bloß quantitative Allgegenwart besagt natürlich noch nichts über den qualitativen Rang der kulturellen Schöpfungen. Manchmal wurden gerade die größten Schöpfungen wie etwa die Mystik der Upanischaden oder die Dichtungen Homers von weltlichen Außenseitern hervorgebracht. Andererseits haben die Priester unendlich öden geistigen Schrott wie zum Beispiel die Brahmana-Texte hervorgebracht oder in Europa die ihnen geistig verwandten scholastischen Haarspaltereien. Die Bedingungen der Agrarzivilisationen verschafften dieser Schicht zwar die besten Voraussetzungen, um ihre ganze Kraft für Belange jenseits der Daseinsfürsorge einzusetzen, aber die dazu nötige geistige Freiheit haben sie selbst oft auf ein Minimum reduziert.
[62] Diese Feststellung bedarf der Einschränkung. Überall dort, wo Priester ihrerseits das Volk gnadenlos ausbeuteten, kam es auch zu Übergriffen auf Klöster, Tempel und Kirchen. Dennoch blieben dieser in überraschender Zahl erhalten, wenn man bedenkt, dass sie eben in der Regel keine Befestigungen besaßen.
[63] Duerr, Leib, S. 18ff.
[64] Harris, Kind, S. 345.
[65] Nur Gesellschaften wie die der Hopis und einer Reihe von Inselstaaten Poly- und Melanesiens bildeten eine Ausnahme von dieser Regel, weil ihre geographische Isolierung sie mit Kriegen weitgehend verschonte – ein Vorteil, der sie auch vor der inneren Militarisierung bewahrte.
[66] Childe, Man, S. 185.
[67] „In any case war was generally accepted as a normal activity of the state, even by Buddhist kings“ (Basham, Wonder, S. 124)
[68] Frankfort, Kingship, S. 10.
[69] Elias, Zivilisation, Bd. 1, S. 268.
[70] Zit. nach Tuchman, Mirror, S. 16.
[71] Da der Mensch immer nur als gesellschaftliches Wesen existiert, kann die Ausdrucksweise »von Natur aus« nur bedeuten: unter anderen sozio-ökonomischen Bedingungen.
[72] Huizinga, Mittelalter, S. 141.
[73] So wie Priester sich gerne der Macht andienten, haben es auch Philosophen getan, die sich dann, wohl geborgen im Schatten der Macht, von ihrem geschützten Elfenbeinturm aus über den Sinn und Nutzen von Kriegen ausließen, so etwa Hegel in § 324 seiner Rechtsphilosophie: „Der Krieg als der Zustand… worin die Idealität des Besonderen ihr Recht erhält und Wirklichkeit wird; … hat die höhere Bedeutung, dass durch ihn… die sittliche Gesundheit der Völker in ihrer Indifferenz gegen das Festwerden der endlichen Bestimmtheiten erhalten wird…“ Das ist unverantwortliches Professorengeschwafel, wie es auch Popper mit Recht an Hegel verurteilt hat.
[74] Tuchman, Mirror, S. 339.
[75] Huizinga, Mittelalter, S. 134.
[76] Den Begriffsgegensatz, so wie ihn etwa Oswald Spengler (Untergang, S. 450) verwendet, lehne ich ab. Dort wird Kultur als der »lebendige Leib eines Seelentums« definiert im Gegensatz zu »seiner Mumie«. Dass die Begriffsgeschichte von Zivilisation und Kultur, vor allem in der Auseinandersetzung mit Frankreich eine unselige ist und sowohl im angelsächsischen wie im frankophonen Bereich die Konnotation beider Begriffe eine wesentlich andere, ja geradezu gegensätzliche (siehe Elias, Zivilisation, Bd. 1, S. 2), kann aber kein Grund dafür sein, einen der Sache nach eindeutig definierbaren Gegensatz im Deutschen nicht auf die hier vorgeschlagene Art zu umschreiben. Meine Definition entspricht nicht dem üblichen Gebrauch, wie er besonders gut an der genannten Stelle bei Elias beleuchtet wird, aber er geht daraus hervor.
[77] Und er hat sehr viel mehr Wissen besessen, als ihm heute gewöhnlich zuerkannt wird. Hierzu vgl. Mumford, Technics, S. 126ff)
[78] Vgl. Maier, Verwandlung, S. 277
[79] Weshalb der große Sozialpsychologe Macchiavelli denn auch bemerkt: „Die stärkste Festung für einen Prinzen besteht darin, von seinem Volk nicht gehasst zu werden. Denn verfügst Du auch über Festungen und Burgen, wenn dein Volk dich hasst, wird es dich nicht /aus der Not/ retten (Principe, S. 171, meine Übersetzung).
[80] Franz Georg Maier, Verwandlung, S. 143.
[81] In seinem wegweisenden Buch »Die elementaren Formen des religiösen Lebens« hatte der große französische Soziologie Emile Durkheim diese Funktion der Religion schon bei den Stammeskulturen nachgewiesen.
[82] Vgl. Weber, Wirtschaft, S. 375 und Maier, Verwandlung, S. 287.
[83] Rousseau (Vertrag, S. 169) hat darin zu Recht die Quelle der Intoleranz gesehen. „Schon daraus allein, dass man Gott an die Spitze jeder politischen Gesellschaft stellte, folgte, dass es ebenso viele Götter wie Völker gab. Zwei einander fremde und fast immer feindselig gesinnte Völker konnten nicht auf die Dauer einen und denselben Herrn anerkennen; zwei Heere, die sich eine Schlacht liefern, sind außerstande, demselben Feldherrn zu gehorchen. So ging aus der Scheidung der Völker die Vielgötterei hervor und aus dieser wieder die religiöse und bürgerliche Unduldsamkeit, die, wie ich später nachweisen werde, ihrem Wesen nach identisch sind.“
[84] Rousseau, Vertrag, S. 180 – 81.
[85] Jakob Burckhardt, Betrachtungen, S. 39.
[86] Der französische Historiker Paul Hazard weist nachdrücklich daraufhin, dass die Aufklärung ihren geistigen Höhepunkt bereits im 17. Jahrhundert erreichte. „...inzwischen raste der Kampf im »Tractatus theologico-politicus« und in der »Ethik« /Spinozas/, im »Essay concerning human understanding« /von Locke/, in der "Histoire des variations des églises protestantes" /von Bossuet/, im »Dictionnaire historique et critique«, in der »Réponse aux question d`un provincial« /von Pierre Bayle/...Es handelte sich darum, ob man fortfahren oder aufhören würde zu glauben; ob man der Überlieferung gehorchen oder sich gegen sie auflehnen würde... Die "Rationalisten" und die "Religionäre", wie Pierre Bayle sie bezeichnet, stritten um die Seelen und standen sich in einem Zweikampf gegenüber, den das ganze denkende Europa gespannt verfolgte. Die Angreifer gewannen mehr und mehr an Boden... Man verbannte das Göttliche in unbekannte und unerforschliche Himmel. Der Mensch und der Mensch allein wurde das Maß aller Dinge“ (Herrschaft, S. 20).
[87] Wesel, Matriarchat, S. 79 und Harris, Kind, S. 148.
[88] Vgl. Harris, Kind, S. 345.
[89] So herrschte unter manchen australischen Stämmen eine so brutale Unterdrückung der Frau, wie sie selbst das spätere Patriarchat der Sklavengesellschaft nie wieder in so extremer Form hervorbringen sollte.
[90] Die Elite der Leibgarde zählte etwa 4000 Frauen. Sie waren mit Winchestergewehren bewaffnet, bei deren Gebrauch es weniger auf den Vorteil der physischen Kraft ankam als bei Speeren, Schwertern oder Pfeil und Bogen. Wurde eine Frau schwanger, so ließ der König sie hinrichten. Schon dieser Umstand beweist, dass das Zentrum der Macht auch hier beim Manne lag. Vgl. http://www.epa-prema.net/abomeyGB/resources/amazons.htm#ancre1
[91] So bei den Trobriand-Insulanern. Vgl. Malinowski, Magie, S. 208ff.
[92] Harris, Kind, S. 300, 314.
[93] Harris, Kind, S. 314.
[94] Zur Bedeutung der Troubadoure und der Minnelieder vgl. Elias, Zivilisation, Bd II, S. 106-108.
[95] Eine merkwürdige Ausnahme von der Regel bildet die starke Unterdrückung der Frauen in China, einem Land, dessen führende Schicht auf den Soldaten traditionell mit Verachtung herabsah. Die Unterdrückung und körperliche Misshandlung der Frau (wie sie sich in der schrecklichen Sitte der Fußverkrüppelung manifestierte) ging hier so weit wie in Indien. Hierzu Briffault, Mothers, Bd. II, S. 331.
[96] Briffault, Mothers, Bd. II, S. 85.
[97] Wesel, Matriarchat, S. 102.
[98] Die These vom urpsprünglichen Matriarchat, wie Bachofen sie in seinem berühmten Werk verfochten hatte, wird von führenden Ethnologen heute als überholt angesehen.
[99] Titiev, Hopi, S. 68.
[100] Wesel, Matriarchat, S. 83.
[101] Umgekehrt konnte die Frau auch innerhalb einer sonst patriarchalischen Gesellschaft eine bemerkenswert hohe Stellung erringen, wenn sie für die Erhaltung der Familie den entscheidenden Beitrag erbrachte. Gerade im ausgeprägt patriarchalischen Japan, wo die Frau seit Aufkommen der feudalen Kriegergesellschaft im 12. Jahrhundert immer mehr von ihrer bis dahin keineswegs niedrigen Stellung eingebüßt hatte, stechen die Perlentaucherinnen als eine bemerkenswerte Ausnahme hervor. Bis in die jüngste Vergangenheit verstanden sie sich besonders gut auf das Auffinden der kostbaren Muscheln am Meeresgrund, offenbar besser als ihre Männer. Da sie nicht selten den größten Teil zum Familieneinkommen beitrugen, erwarben sie sich durch ihre gefährliche Arbeit eine höhere Stellung. Ähnliche Ausnahmen existierten in China. Seit Mitte 19. Jahrhundert bis zum Beginn des zwanzigsten waren in den Seidenindustrien der Region Guangdong im Perle River Delta vor allem Frauen tätig und verdienten dabei oft mehr als ihre Männer. Da sie sich jedoch gegen die weit überlegene Stellung des Mannes nicht durchzusetzen vermochten, entschieden sich viele von ihnen gegen eine Heirat und bildeten zu zweit oder zu dritt lesbische Paare (Harris, Kind, S. 249).
[102] Wesel, Matriarchat, S. 127.
[103] Vgl. Malinowski, Argonauts und Mead, Samoa.
[104] Briffault, The Mothers, S. 247.
[105] Manava Dharmasastra, Kap. 2 Vers 213 und 9 Vers 17.
[106] Brief an Eustochium aus Jacobus de Voragine: Legenda Aurea, ca. 1270 (http://www.heiligenlexikon.de/index.htm?Legenda_Aurea/Hieronymus.htm). Eine wohl durchaus nicht realitätsferne Aufbereitung des Heiligenlebens durch eine spätere Zeit.
[107] Zit. aus Ranke-Heinemann, Eunuchen, S. 275.
[108] Und typisch ist die Medizin, die der Kirchenmann gegen die Versuchung empfiehlt. Der Gläubige solle sich nur vorstellen, wie es in ihrem Inneren aussieht. „Ihr ganzer Körper besteht doch aus nichts anderem als Schleim, Blut, Galle und Strömen verdauter Nahrung… Wenn Du Dir vorstellst, was hinter diesen schönen Augen, dieser edlen Nase, diesem Mund und diesen Wangen verborgen liegt, so wirst Du mir beistimmen, dass ihr schön geformter Leib nichts anderes als ein weißes Grabmal ist.“ Ähnliche Sentenzen kann man fast wörtlich in hinduistischen und buddhistischen Schriften finden.
[109] Ranke-Heinemann, Eunuchen, S. 283.
[110] Die vermeintlich naturgegebene Überlegenheit des Mannes über die Frau auch bei priesterlichen Funktionen beruht natürlich auch auf der Vorstellung, dass die Frau in der Regel der Besitz eines anderen Menschen ist (des Vaters, des Bruders oder des Mannes), während ein freier Mann nur sich selbst gehört. Ein Mensch, der bereits der Besitz eines anderen ist, taugt aber schlecht, um ganz zum Besitz Gottes zu werden. Daher wurden in patriarchalischen Kulturen, so zum Beispiel in Rom, allenfalls Jungfrauen zu Priesterinnen gemacht – eben weil sie noch nicht im Besitz eines Mannes waren. Sie wurden hingerichtet, wenn sie unkeusch waren, denn Unkeuschheit wurde folgerichtig als Untreue gegenüber ihrem wirklichen Herrn verstanden.
[111] Dawkins, God, S. 294.
[112] Selbst die grausamsten Bräuche beruhen auf Glauben und bringen ihrerseits Glauben hervor, wodurch ihnen bis zu einem gewissen Grade der Stachel genommen wird. Aus der Epoche der britischen Herrschaft und selbst davor existieren gut beglaubigte Zeugnisse über die Einstellung der betroffenen Frauen. Unter den Engländern, welche den Brauch der Witwenverbrennung seit 1849 per Gesetz verboten, wurden ihnen ausdrücklich Schutz zugesagt, dennoch bestanden viele auf ihrer Selbstopferung, weil sie subjektiv keinen anderen Sinn in ihrem Leben sahen als den auch im Jenseits an der Seite des geliebten Gatten zu weilen. Bemüht, wenigstens die grausamsten Bräuche der Einheimischen zu verbieten, waren die Engländer überrascht, auf wie viel Widerstand sie gerade von Seiten der Frauen stießen. Die Frauen hatten die Ideologie der Unterdrückung verinnerlicht, viele von ihnen wurden zu engagierten Verteidigern der bestehenden Bräuche (Hierzu Sir William Sleemans Augenzeugenbericht unter http://www.kamat.com/kalranga/women/sati/sleeman.htm.)
[113] Heinsohn , Frauen, S. 132ff.
[114] Vgl. Elias, Zivilisation, Bd. II, S. 52 und Fischer, Wave, S. 11ff.
[115] Heer, Geistesgeschichte, S. 142
[116] Vgl. auch Heer, Geistesgeschichte, S. 186.
[117] Wenn Luther nicht so endete wie Thomas Müntzer und Johann von Leiden, nämlich auf einem Scheiterhaufen (auf dem ihn seine Gegner so gerne gesehen hätten), so war dies wohl nur dem Umstand zu danken, dass er die Gerechtigkeit in den Himmel verpflanzte, den Gläubigen auf der Erde aber das Stillhalten empfahl und - wo sie wie in den Bauernaufständen nicht still halten wollten - ihr Tun als Werk des Teufels verdammte und sich so auf die Seite der Herrschenden schlug.
[118] Tuchman, Mirror, S. 515.
[119] Heinsohn, Frauen.
[120] Aretino, Ragionamenti.
[121] Many folk „believe in naught higher than the roof of their house,“ lamented the future saint Bernardino of Siena. His fellow monk Walsingham reported that certain barons of England believe „that there is no God, and deny the sacrament of the altar and resurrection after death /…/“ (Tuchman, Mirror, S. 485). Vgl. auch Burckhard, Kultur, S. 550.
[122] Wie reichlich dieses Einkommen floss, geben uns die Sündenvergebungspreiskurante aus der Zeit seit dem Ende des zwölften Jahrhunderts zu erkennen. Absolution für Meineid: 6 grossi, für Urkundenfälschung: 7 grossi, für Ämterverkauf: 8 grossi, für Mord an Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Frau oder Blutsverwandtem, wenn der Getötete kein Kleriker ist: 5 grossi, bei Mord an einem Kleriker 7 grossi und Absolution nur in Rom usw. Auch die Kleriker wurden taxiert. Absolution für das Halten einer Konkubine: 7 grossi (damit war das Recht auf Beischlaf für ein Jahr erworben), für das Brechen des Beichtgeheimnisses: 7 grossi usw. (Fuchs, Sittengeschichte, I. S. 356).
[123] Hierzu vgl. Aly, Volksstaat.
[124] Toynbee, History, I, S. 175.
[125] Sie mussten zu diesem Zweck die chinesische Bezeichnung »Shang Di« - hoher Herr - verwenden, die aber von den Konfuzianern auf ein immaterielles und unkörperlich vorgestelltes Wesen bezogen wurde. Shang Di konnte auch den Himmel selbst bezeichnen. Vgl. Weber, Religionssoziologie, I, S. 300-307.
[126] Weber, Religionssoziologie, I, S. 436.
[127] Schweitzer, Ethik, S. 89.
[128] Doch diese Situation ändert sich, wenn ringsherum Völker mit anderen Sitten und Überzeugungen leben und man um diese Andersartigkeit weiß. Ein Jude, der am Sabbat nicht arbeitet, obwohl er sich ringsum von Menschen umgeben weiß, denen diese Regel vollkommen gleichgültig ist, ein Kapitalist, der in der Vermehrung von Kapital den höchsten Lebenszweck sieht, obwohl er genug Menschen kennt, welche dieses Ziel für höchst einseitig oder sogar schädlich erachten, sind beide genötigt, die Richtigkeit ihres jeweiligen Standpunktes sich und den anderen zu beweisen. Wenn sie an der eigenen »Wahrheit« festhalten wollen, gibt es für beide, den Einzelnen wie das Kollektiv, nur eine einzige Medizin gegen derartige Anfechtungen: den Fanatismus der Wahrheit. Dieser besteht aus kollektiver Lüge und Selbsthypnotisierung. Nur durch den Fanatismus der dauernden Selbstüberredung lässt sich der innere Zweifel betäuben. So kommt es immer wieder dazu, dass man unglaubliche Zustände als normal empfindet, weil der Zweifel nicht nur von außen erstickt wird, sondern jeder einzelne ihn in seinem eigenen Inneren erstickt. Sinjawskij schreibt über die Zeit des stalinistischen Terrors . „Die Menschen wurden trainiert, sich über Erschießungen zu freuen und auf Todesurteile mit donnerndem Applaus zu reagieren. Und da das Lügen nicht immer leicht fällt, redeten die Menschen einander und auch sich selber ein, das alles sei richtig und wunderbar.“ (Andrej Sinjawskij: Traum, S. 134.)
[129] „Denkt doch, dass die abergläubischen Zeiten auch die der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit sind“, heißt es bei Voltaire (1694-1778). Oder: „Ihr meint, dass Gott einen von euch verübten Mord vergisst, wenn ihr in einem Fluss badet, ein schwarzes Schaf opfert oder euch besprechen lasst…. Hundert Morde kosten euch daher nur hundert schwarze Schafe oder Waschungen. Macht es besser, ihr erbärmlichen Menschen – keine Morde mehr und keine schwarzen Schafe.“ Dictionnaire philosophique, Garnier 1967, S. 396 und 394-95.
[130] Lévi-Strauss, Pensée, S. 309.
[131] Die verbleibenden zwanzig Prozent wohnten überwiegend in kleinen Städten und kamen mit Obst und Gemüse zumindest teilweise für die eigene Versorgung auf.
[132] Zit. nach Elias, Zivilisation, Bd. 1, S. 20.
[133] Rousseau, Contrat, s. 50.
[134] Vgl. Hobsbawm, Revolution; Polanyi, Transformation.
[135] Hierzu Mumford, Culture, S. 161ff.
[136] „… it is plain, that never before in recorded history had such vast masses of people lived in such a savagely deteriorated environment. The galley slaves of the Orient, the wretched prisoners in the Athenian silver mines, the depressed proletariat in the insulae of Rome – these classes had known, no doubt, a similar foulness; but never was human blight so widespread; never before had it so universally been accepted as normal – normal end inevitable“ (Mumford, Culture, S. 195).
[137] Fromm, Destruktivität, S. 366ff.
[138] Of all enemies to public liberty, war is, perhaps, the most to be dreaded, because it comprises and develops the germ of every other. War is the parent of armies; from these proceed debts and taxes; and armies and debts and taxes are the known instruments for bringing the many under the domination of the few. (http://www.fff.org/freedom/0295c.asp). Würde Madison in unserer Zeit leben, so hätte er den Überwachungsstaat im permanenten Kriegszustand als den größten Feind der Freiheit beschreiben müssen.
[139] Die japanische Familie repräsentiert auch heute noch das alte patriarchalische Modell mit starker väterlicher Autorität. Aber die Rolle des Vater ist eher die eines unsichtbaren Herrschers. Der typische japanische Angestellte verbringt mehr als nur die täglichen Arbeitsstunden außerhalb seines Hauses, oft sieht er seine Frau nur zwischen elf Uhr nachts und sechs Uhr morgens; seine Kinder sehen ihn überhaupt nur am Wochenende. Haus und Erziehung werden de facto allein von den Frauen besorgt, die ein sehr intimes Verhältnis zu ihren Kindern besitzen, da sie zumindest bis zu deren Schulbeginn oft aber auch danach keine Arbeit übernehmen. In der japanischen Nachkriegsfamilie war der Vater für das Kind weitgehend unsichtbar, dennoch war seine Autorität bis in die neunziger Jahre unbestritten. In allen Familienfragen hatte er das letzte und entscheidende Wort, auch wenn er, vor allem im Bereich der Erziehung, dieses Vorrecht selten in Anspruch nahm und sie weitgehend seiner Frau überließ. Unmissverständlich war die patriarchalische Struktur der Familie daran zu erkennen, dass die Mutter ihr Kind stets ermahnte, den Vater als eine überlegene Respektperson zu betrachten, die es zugleich achten und fürchten musste. Auf die soziale Wirklichkeit Japans hätte die Bezeichnung vaterlose Gesellschaft wenig gepasst, sie war und ist vielmehr eine vaterferne Gesellschaft, weil die Männer den größten Teil ihrer Zeit außerhalb der Familie in einer eigenen Sphäre beschäftigt sind, so wie die Männer vieler Stammesgesellschaften den größten Teil ihrer Zeit in Männerbünden verbrachten.
[140] Der Spiegel 06/37; S. 216.
[141] Vgl. Mead, Samoa 1978.
[142] Vgl. Rousseau, Education, S. 16ff.
[143] Burguière, Geschichte, III, S. 47ff.
[144] Quelle: CC Eurobarometer 2002, Eurobarometer 54.2.
[145] Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass nicht auch private Anwender entsprechende Dienstleistungen anbieten können – was heute ja auch bereits geschieht. Aber die Gesellschaft – vertreten durch den Staat – hätte dann immer noch die Aufgabe für einen entsprechenden Standard zu sorgen, damit die Frau sich wirklich darauf verlassen kann, ihre Kinder in guten Händen zu wissen.
[146] Xenophanes: Wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten und damit malen und Werke wie Menschen schaffen könnten, dann würden die Pferde pferde-, die Kühe kuhähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen, wie sie selber haben.
Lukrez: Soviel Unheil vermochte die Religion zu erzeugen
[147] Fight those who believe not in Allah nor the Last Day, nor hold forbidden that which hath been forbidden by Allah and His Messenger, nor acknowledge the religion of Truth, (even if they are) of the People of the Book, until they pay the Jizyah with willing submission, and feel themselves subdued. (Koran 9, 29)
[148] Wie Arnold Gehlen bemerkt (Forschung, S. 101), ist dieser Gegensatz also gewiss »epochenverhaftet«.
[149] Ich sehe, daß auch bei den Thrakern, den Skythen, den Persern, den Lydern und fast allen anderen Barbaren die Handwerker und ihre Abkömmlinge in geringerer Achtung stehen als die übrigen Bürger. Wer von körperlicher Arbeit befreit ist, gilt für edler, namentlich, wer sich der Kriegskunst widmet. Das haben sämtliche Hellenenstämme übernommen, am meisten die Lakedaimonier. Am wenigsten verachtet sind die Handwerke in Korinth (Herodot, Geschichte, S. 227).
[150] Siehe Encyclopédie de Diderot et d`Alembert, Artikel »Croyance« und »Foi«, wo die Unterscheidung schon ganz deutlich wird.
[151] „Das Sollen drückt eine Art von Notwendigkeit und Verknüpfung mit Gründen aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der Verstand kann von dieser nur erkennen, was da ist, oder gewesen ist, oder sein wird. Es ist unmöglich, dass etwas darin anders sein soll, als es in allen diesen Zeitverhältnissen in der Tat ist, ja das Sollen, wenn man bloß den Lauf der Natur vor Augen hat, hat ganz und gar keine Bedeutung“ (Kant, Kritik, S. 367.
[152] Wie Frankfort (Civilization, S. 18) es bündig auf den Punkt bringt. »Jeder, der sich außerhalb westlicher Tradition bewegt, wird schnell die Wahrheit entdecken, dass die Werte unterschiedlicher Kulturen keinen gemeinsamen Maßstab besitzen.“
[153] Die Menschenopfer der Kannibalen sind ein Rückschritt verglichen mit der überwiegend friedlich-egalitären Kultur der Jäger und Sammler, aber gilt das nicht genauso von einem Menschen fressenden Kapitalismus, der in zwei Weltkriegen alle bisherigen Vernichtungsstrategien in den Schatten stellte?
[154] Ich weiß nicht mehr, wer damit begann, die beiden großen europäischen Kriege, die nicht als ein ungefestigter und daher labiler Frieden trennte, als zweiten dreißigjährigen Krieg zusammenzufassen. Für ihren Ausbruch gibt es eine Reihe von vordergründigen Ursachen und die hintergründige Dynamik des Machtsyndroms, der alle europäischen Staaten, nicht nur die jeweiligen Aggressoren gehorchten. Von dieser, wie ich meine, sehr wichtigen Unterscheidung ist in meinem Buch die »Energiewende« die Rede.
[155] Lewis Mumford bemerkte dazu. „Without systemetically removing the fundamental disparities that grew out of the private monopoly of land, the inheritance of large fortunes, the monopoly of patents, the only effect of laissez-faire was to supplement the old privileged class with a new one“ (Culture, S. 153).
[156] Spiegel 50/06: S. 28. Staatlicher Armutsbericht.
[157] Vgl. Jenner, Pyramidenspiel.
[158] DB Nr. 49. Stuttgarter Zeitung vom 20.11.2006.
[159] Die Stärksten schultern die größten Lasten, die Schwächsten haben keine finanziellen Beiträge zum Gemeinwohl zu leisten, so kann man bei Meinhard Miegel lesen (Gesellschaft, 232), der dieser Behauptung an anderer Stelle freilich selbst widerspricht (siehe Miegel Gesellschaft, S. 222). Ähnlich Oswald Metzger (Einspruch, 140ff). Das stimmt selbst im Hinblick auf die Besteuerung nicht (die haben sich während des vergangenen halben Jahrhunderts zunehmend vom Besitz zur Arbeit verlagerte). Vollends wird aber eine Unwahrheit daraus, wenn man die gesamte Vermögens- und Einkommenssituation in Betracht zieht. Die zehn Prozent wirklich Starken verfügen über den größten Vermögensanteil und lenken die höchsten Einkommen in ihre Taschen, vor allem über das Zinssystem (vgl. Jenner, Das Pyramidenspiel). Mit anderen Worten, sie tragen überhaupt keine Lasten, sondern sind die Profiteure des neoliberalen Wirtschaftssystems. Profiteure, wenn auch sozial deklassiert, sind auch die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger, die ebenfalls leistungslose Einkommen beziehen. Die gegenwärtig etwa achtzig Prozent in der Mitte sind die eigentlichen Lastesel der Nation. Sie müssen den Besitz bedienen und zusätzlich noch die Arbeitslosen.
[160] http://www.tagesspiegel.de/politik/archiv/10.12.2006/2949005.asp. Es stimmt zwar, dass mancher Arbeiter in den frühen Nachkriegsjahren finanziell schlechter da stand als ein heutiger Hartz-IV-Empfänger, aber damals waren die Menschen von dem Optimismus beseelt, dass sie in Zukunft mehr Geld und soziale Achtung genießen würden, heute quält viele das keineswegs trügerische Gefühl, dass es für sie keine Zukunft mehr geben wird, weil die Gesellschaft sie nicht mehr braucht. Darin liegt der entscheidende Gegensatz. Vgl. dazu auch die klugen Ausführungen von Steingart, Weltkrieg, S. 255ff.
[161] Und gehorcht wohl denselben Gründen wie die Lüge Platos. Schmidt sieht keine Alternative zur Politik seiner Partei. Und wenn schon, wie er glaubt, niemand die Lage ändern kann, dann ist es besser, die Lage zu leugnen und die eigene Partei an der Macht zu halten.
[162] Ziegler, Herrscher, S. 59. »So kommt es«, lautet die Fortsetzung des Zitats, »dass die 225 größten Privatvermögen der Welt sich zusammen auf 1000 Milliarden Dollar belaufen. Diese Summe entspricht den gesamten Jahreseinkünften der 2,5 Milliarden ärmsten Menschen des Planeten, das sind rund 40 Prozent der Weltbevölkerung.«
[163] Der Spiegel 1999/37, Seite 110. Hierzu mehr in Jenner, Pyramidenspiel.
[164] Dass privates Management in bestimmten Bereichen dem staatlichen durchaus überlegen ist, steht nicht zur Debatte. Es geht hier nur um die Feststellung, dass dies nicht der eigentliche Motor der Privatisierung ist.
[165] Chomsky, Prosperous, S. 66.
[166] David Wessel: »US rich are still
getting richer, but not as fast as you`d
think«, The Wall Street Journal,
[167] Angaben aus einer von Ian
Dew-Becker und Robert J. Gordon an der Northwestern University durchgeführten Studie zitiert von Clive Crook in: »The height of
inequality«, The Atlantic Monthly,
[168] Joann S. Lublin und Scott Thurm: »Money rules: Behind soaring executive pay, decades
of failed restraints. Instead of damping rewards, disclosure, taxes, options
helped push them higher. Return of golden parachutes«, The Wall Street Journal,
[169]
William K. Tabb:
»The power of the
rich«, Monthly Review,
[171] Arendt, Crises.
[172] Spinoza sagt (epist. 62), daß der durch einen Stoß in die Luft fliegende Stein, wenn er Bewußtsein hätte, meinen würde, aus seinem eigenen Willen zu fliegen. Ich setze nur noch hinzu, daß der Stein Recht hätte“ (Schopenhauer, Wille, Bd. 1, S. 150).
[173] „Geist und Ideen sind leere Begriffe, die man einzig zu dem Zweck erfand, falsche Erklärungen aufzustellen“ (Skinner, Science, S. 30-31). Und an anderer Stelle: “Was wir brauchen ist eine Technologie des Verhaltens (technology of behaviour), aber wir haben mit der Entwicklung einer Wissenschaft, die solche Technologie ermöglicht, lange gewartet. Eine Schwierigkeit besteht darin, daß fast alle Wissenschaften, die sich bisher mit menschlichem Verhalten beschäftigen, dieses auf geistige Zustände, auf Gefühle, Charakter, menschliche Natur und so weiter zurückgeführt haben. Physik und Biologie taten einst dasselbe und machten Fortschritte erst, als sie damit aufgehört haben“ (Freedom, S. 24).
[174] Spengler, Untergang, S. 54: »Kommen wir zur Einsicht, dass… die Zukunft des Abendlandes… in wesentlichen Zügen berechnet werden kann«.
[175] Im Zentrum dieser Diskussionen stehen die Versuche von Benjamin Libet, in denen dieser die zeitliche Abfolge von Willensakt und Bereitschaftspotential in der Auslösung einer Muskelaktivität in genauen Messungen feststellte. „Es zeigte sich in Libets Experiment, dass das Bereitschaftspotential im Durchschnitt 550-350 Millisekunden ... dem Willensentschluss vorausging, niemals mit ihm zeitlich zusammenfiel oder ihm etwa folgte.“ Der „Willensakt tritt in der Tat auf, nachdem das Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird.“ Damit steht für den prominenten Neurobiologen Gerhard Roth fest, dass das Gefühl der Probanten, eine freie Entscheidung getroffen zu haben, eine Illusion ist. „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“, ist auch die Überzeugung von Wolfgang Prinz (Psychologe am Max-Planck-Institut Leipzig).
[176] Der Anfang eines Willensaktes bleibt dabei natürlich im Dunkeln. Wir wissen nicht, was Freiheit ist oder Zufall. Beides sind nur unterschiedlich bewertete Ausdrücke für dasselbe Phänomen, wobei Freiheit positiv und Zufall negativ konnotiert ist. Beide können wir auch nur durch ihren Gegensatz zur Notwendigkeit definieren. Wie wir auch heiß nur durch den Gegensatz zu kalt verstehen oder gut durch böse und umgekehrt.
[177] Der englische Philosoph Thomas Hobbes hatte mit größter Entschiedenheit den Weg beschritten, die menschliche Welt, insbesondere den Staat nach Analogie der Natur zu analysieren. Sehr schön drückt dies Ernst Cassirer aus. „.Der Grund- und Hauptsatz seiner /von Hobbes`/ politischen Theorie, der Satz, dass der Staat "Körper" sei, besagt für ihn zuletzt nichts anderes, als eben dies: dass das gleiche Verfahren des Denkens, das uns zur exakten Einsicht in die Natur des physischen Körpers führt, auch ihm gegenüber ohne Einschränkung anwendbar sei. Was Hobbes vom Denken überhaupt sagt, daß es ein "Rechnen", und daß jedes Rechnen ein Addieren oder Subtrahieren sei, das gilt auch von allem politischen Denken.... Die Staats- und Gesellschaftslehre des achtzehnten Jahrhunderts hat den Inhalt von Hobbes` Lehre nur selten ohne Einschränkungen angenommen; aber sie ist aufs stärkste und nachhaltigste von ihrer Form beeinflußt worden“ (Cassirer, Aufklärung, S. 24).“
[178] Zum Beispiel Dilthey. „Dieser /in der menschlichen Geschichte wirksame/ Zusammenhang unterscheidet sich von dem Kausalzusammenhang der Natur dadurch, daß er ..Werte erzeugt und Zwecke realisiert... Das geschichtliche Leben schafft. Es ist beständig tätig in der Erzeugung von Gütern und Werten...“ (Dilthey, Aufbau, S. 187). Trotz aller Kritik an Dilthey spricht sich Arnold Gehlen doch in ähnlichem Sinne aus, wenn er »ideatives« und »instrumentelles« Bewusstsein unterscheidet (Mensch, S. 394). »Der Mensch ist wesentlich wollend« (S. 364) - auch in dieser Formulierung grenzt Gehlen ihn gegen die Sachen ab. Auch Spengler beschreibt diesen Gegensatz (Untergang, S. 137), aber auf widersprüchliche Weise, weil er anderer Stelle ein deterministisches Geschichtsbild entwirft (S. 54, s. Anm. 174).
[179] Es hat sich allerdings in der Wissenschaft eingebürgert, nur Messergebnisse als beweiskräftig anzusehen. Die messbare Tatsache also, dass das Bereitschaftspotential dem subjektiv registrierten Willensentschluss zeitlich vorausgeht, wird als wissenschaftliches Argument akzeptiert, während das rein logische Argument, dass die Annahme eines solches Beweises zu unauflösbaren Widersprüchen führt, übergangen wird, weil es nicht durch Messergebnisse gestützt werden kann. Das ist allerdings eine Scheuklappenmentalität und ein Verstoß gegen seriöse Wissenschaft, denn das logische Denken wird in dieser ja durchgehend vorausgesetzt - schon bei der Akzeptanz und Auswertung der Messergebnisse selbst. Messbare Daten schwimmen sozusagen immer weit oben an der Oberfläche einer Theorie, die als solche ein logisches Konstrukt unseres Denkens ist. Theorien, nicht Daten sind die Basis der Wissenschaft.
[180] Traité métaphysique von 1734. Der genaue Ort dieses Zitats ist mir leider nicht mehr bekannt.
[181] „...Gegenstände besitzen zueinander kein erkennbares Verhältnis; deshalb können wir aufgrund keines anderen Prinzips als der bloßen Gewohnheit ...von der Erscheinung einer Sache auf die Existenz einer anderen schließen“ (Hume: Treatise of human nature; Book I, Part III, Sect. VIII).
[182] Heisenberg, Physik, S. 30ff.
[183] Mit bestechender Klarheit hat Erwin Schrödinger das Problem in drei Sätzen zusammengefasst: .(1) Mein Körper funktioniert als reiner Mechanismus gemäß den Gesetzen der Natur. (2) Die direkte Erfahrung lehrt ... unmißverständlich, daß ich seine Bewegungen lenke. Deren Resultate, die von schicksalshafter Bedeutung sein können, vermag ich vorauszusehen, deshalb fühle ich mich für sie voll verantwortlich. (3)Meiner Ansicht nach lautet der einzig mögliche Schluß, der beiden Tatsachen gerecht wird, daß ich - `Ich` hier in seiner weitesten Bedeutung als jedes Bewußtsein verstanden, das sich jemals als ein Ich bezeichnet oder gefühlt hat - die Person bin, welche die `Bewegung der Atome` gemäß den Gesetzen der Natur kontrolliert“ (Mind, S. 93).
[184] Schiller: Über Anmut und Würde, Schiller-SW Bd. 5, S. 454
[185] Russell, Essays, S. 35.
[186] Popper, Quest, S. 178.
[187] Noch deutlicher aber ist ein indirektes von Arthur Koestler bemerktes Eingeständnis wissenschaftlicher Grenzen. Unter den namhaftesten orthodoxen Wissenschaftlern Großbritanniens wurden viele, wenn sie die fünfzig überschritten hatten, Mitglieder der British Society for Psychical Research. Die von Koestler beigefügte Liste der von 1882 bis 1971 gewählten Präsidenten liest sich in der Tat wie eine Aufzählung des Who-is-Who der berühmtesten Physiker und Philosophen des Landes (Koestler, Coincidence, S. 32). Die Erfahrung hervorragender Naturwissenschaftler, all ihrem Wissen zum Trotz, dem tiefsten Grund des Daseins verständnislos gegenüberzustehen, ist offenbar so bitter, dass sie gegen Ende ihres Lebens denselben Schritt wagen wie Faust: Sie versuchen es mit der Magie und änhlichen parapsychischen Künsten.
[188] „Die Einheit, welche sie /die Welt/ hat, ist nicht Einheit der Gleichförmigkeit, sondern Einheit der Überlagerung und Überhöhung von sehr verschieden geformten Mannigfaltigkeiten. Und diese wiederum sind so zueinander gestellt, dass die dem Typus nach niederen und gröberen auch die tragend zugrundeliegenden sind, die höheren aber auf ihnen aufruhend, sich über ihnen erheben. So erhebt sich die organische Natur über der anorganischen. Sie schwebt nicht frei für sich, sondern setzt die Verhältnisse und Gesetzlichkeiten des physisch Materiellen voraus; sie ruht auf ihnen auf, wennschon diese keineswegs ausreichen, das Lebendige auszumachen... Von Schicht zu Schicht... finden wir dasselbe Verhältnis des Aufruhens, der Bedingtheit von unten her, und doch zugleich der Selbständigkeit des Aufruhenden in seiner Eigengeformtheit und Eigengesetzlichkeit (Nicolai Hartmann, Aufbau, S. 198; Hervorhebungen G. J.).
[189] Dieser Ausdruck wurde von Konrad Lorenz in seinem Buch »Die Rückseite des Spiegels«, S. 48ff eingeführt.
[190] Der Zufall erscheint in den Augen des Physikers als blinder Fleck der Erkenntnis - als Gegenteil aller mess- und beschreibbaren Gesetzmäßigkeit. Es haftet ihm daher das Odium des Wertlosen an. Zufall ist Sinnlosigkeit, denn solange die Wissenschaftler auch danach suchten, haben sie keinen Schöpfungsplan und damit keinen Sinn auffinden können. Auch wenn Menschen im Staunen über die Zweckmäßigkeit des organischen Lebens immer wieder im Protest ausrufen, das alles könne doch nicht ein Werk des bloßen sinnlosen Zufalls sein, so müssen wir uns der mit der Tatsache abfinden, dass die empirische Wissenschaft trotz allen Suchens keinen verborgenen Plan finden konnte. Sie hat die Entstehung und Entfaltung des Kosmos weder von ihren Anfängen als notwendig oder planvoll begreifen können (ursächlicher Determinismus), noch hat sie in den Dingen irgendeinen Hinweis auf einen geplanten Endzustand entdecken können (Teleologie). Diesem Fehlen eines wissenschaftlich erkennbaren Plans drückt sie mit dem Wort der Zufälligkeit aus. Dass der Mensch als Teil der eines ihn umgreifenden Ganzen dessen Sinn und Plan nicht zu erkennen vermag, ist im Grunde aber weit weniger überraschend, als es das Gegenteil wäre. Der menschliche Verstand ist für jeden Sinn des ihn umgreifenden Ganzen zu klein. Aber er ist nicht zu klein für die Freiheit, die er seinem eigenen Handeln verleiht. Die eigene Freiheit hat für den Menschen sehr wohl einen Sinn – denjenigen nämlich, den er ihr gibt. Für ihn ist Freiheit, auch wenn er ihr Wesen nicht zu durchschauen vermag, der Inbegriff des Positiven. Auf die Folgerungen aus diesem merkwürdigen Gegensatz bin ich in meinem Buch »Das Gottesproblem« näher eingegangen.
[191] So formuliert scheint das ja wieder so selbstverständlich zu sein, dass viele darin vermutlich eine Binsenwahrheit erblicken. Dann übersehen sie, welche Kämpfe in Wahrheit im Hintergrund vor sich gehen und wie die Psycho-Logik der Macht das Denken immer aufs Neue verzerrt.
[192] Haffner, Variationen, S. 244.
[193] Dreigroschenoper: Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd und Missetat vermeiden kann
Zuerst müßt ihr uns schon zu fressen geben
Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.
Ihr, die ihr euren Wanst und unsere Bravheit liebt
Das Eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.»
[194] Burke, Reflections.
[195] Sinjawskij, Sowjetzivilisation, S. 160.
[196] Vgl. Aly, Volksstaat: Nach innen betrieb der Hitlerstaat soziale Beschwichtigung, die durchaus die Formen einer vorbildlichen sozialen Versorgung annehmen konnte. Das war jedoch allein deswegen möglich, weil das Regime bis zum Beginn des Krieges seine sozialen Leistungen, vor allem die Schaffung von Arbeitsplätzen, mit Schulden bezahlte, die es schon 1938 an den Rand des Bankrotts getrieben hatten. Die Ausplünderung ganz Europas und die Enteignung der Juden nach Ausbruch des Krieges waren dann die kriminellen Mittel, um dem eigenen Volk weiterhin Wohlfahrt zu sichern und den Bankrott aufzuschieben.
[197] Vgl. Durkheim, Arbeitsteilung.
[198] „In seinen besten Möglichkeiten war das Jahrhundert sozial und demokratisch. An seinem Ende sind wir (fast) alle Sozialdemokraten geworden." Vgl. zuletzt Dahrendorf, Ralf: Die neue Parteienlandschaft. Die Christdemokratie wankt, das sozialdemokratische Jahrhundert endet – und mit ihm die alte Demokratie? In: Die Zeit Nr. 27/1998 (http://www.ZEIT.de/archiv/1998/27/199827.euopa_.html).
[199] Baron von Holbach formuliert ohne Wenn und Aber: „Der Mensch ist ein rein physisches Wesen; der moralische Mensch ist nichts anderes als dieses physische Wesen...Seine sichtbaren Handlungen ebenso wie die unsichtbaren - in seinem Inneren erzeugten - Bewegungen, die von seinem Willen oder von seinem Denken herrühren, sind gleichermaßen natürliche Wirkungen, notwendige Folgen seines eigentümlichen Mechanismus und der Antriebe, die er von den ihn umgebenden Dingen erhält“ (Holbach, System, S.17).
[200] Ich gedenke statt aller des »Système de la nature«, das wir aus Neugier in die Hand nahmen. Wir begriffen nicht, wie ein solches Buch gefährlich sein könnte. Es kam uns so grau, so cimmerisch, so totenhaft vor, daß wir Mühe hatten, seine Gegenwart auszuhalten… (Goethe, Dichtung, Bd. 16, S. 30).
[201] Auf seine Art stützte auch Nietzsche den vulgären Materialismus, weil er das Zertrümmern der Werte verkündigt hatte. Der Nihilismus war doch nur die Kehrseite des herrschenden Materialismus.