Warum wir lügen
Eine kleine Geschichte der Macht
(Copyright Gero Jenner 2007)
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I Die vier großen Lügen der Vergangenheit
Die Lüge von der menschlichen Ungleichheit
Die Lüge vom edlen Handwerk des Tötens
Die Lüge von Kultur und Barbarei
Die Lüge von der Minderwertigkeit der Frau
II Annäherungen an die Wahrheit
Das osmanische Reich: die Herrschaft der Sklaven
China – die Philosophen herrschen
Tradition: der Dritte im Bunde
IV Die fünf großen Lügen unserer Zeit
von der wundersamen Vermehrung
von der Gleichheit der Ungleichen
von der Berechenbarkeit des Unberechenbaren
von der Wertlosigkeit der Werte
Um zu herrschen, genügt Gewalt allein nicht, man muss sich noch auf andere Art rechtfertigen. Wenn eine Person daher Macht über eine andere ausübt - mag es sich dabei um einen Diktator, einen Kolonisator, einen Bürokraten, einen Ehemann oder einen Firmenchef handeln - benötigt sie eine rechtfertigende Ideologie, und zwar immer dieselbe: das nämlich solche Herrschaft ausschließlich zum Wohl der Beherrschten geschehe. Mit anderen Worten, Macht stellt sich selbst immer als altruistisch, desinteressiert und großmütig dar. Noam Chomsky
George W. Bush hat seinen Vorgängern im Präsidentenamt und seinen Kollegen in anderen zivilisierten Ländern eines voraus. Er rühmt sich, mit Gott über seine Politik zu konferieren und vom Höchsten selbst die Anweisungen und Ratschläge für sein Handeln zu empfangen. Dieser direkte Draht zu Gott ist eine seltene Gnade, die einem Präsidenten natürlich ein größeres Gewicht in den Augen seiner Anhänger verleiht. Der Krieg gegen den Irak, wie auch jeder andere Krieg, in dem Menschen verstümmelt, getötet, ihres Hab und Guts beraubt werden und ganze Landstriche in Schutt und Asche gelegt, bedeutet eine schwere Verantwortung für jeden, der ihn beginnt. Wenn Gott selbst ihn befohlen hat, dann sieht natürlich alles ganz anders aus. Die Verantwortung für den betreffenden Politiker ist dann mit einem Mal federleicht geworden. Nicht er trägt sie auf seinen schwachen Schultern, sondern er kann sich damit rechtfertigen, dass er nur dem Willen eines Höheren folgt, dem Willen des Allmächtigen selbst.
An die fünfundzwanzig Prozent der US-Amerikaner haben Ende 2000 den Beteuerungen des wiedergeborenen Christen George W. Bush geglaubt, als dieser ihnen versicherte, dass er als Präsident die Politik seines Landes mit Gott abstimmen würde. Sie haben ihn vermutlich deshalb gewählt, weil sie ihn aufgrund dieses innigen Verhältnisse für einen besseren Menschen hielten. Inzwischen stehen diese Wähler, die übrigen Amerikaner und überhaupt die ganze Welt vor einem ernsthaften Problem. Bush behauptete, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besaß, er behauptete, dass er dem Irak Frieden und Demokratie bringen würde. Er versprach, dass die Welt nach dem militärischen Eingreifen im Irak sicherer vor den Terroristen sein würde. Jedes dieser Versprechen erwies sich als Lüge. Es gab keine Massenvernichtungswaffen. Die Aussicht auf Demokratie liegt heute ferner denn je. Die Bedrohung durch den Terror wurde durch den Krieg im Irak wesentlich gesteigert, denn die Terroristen haben inzwischen weitere Stützpunkte im Irak und in Palästina gewonnen. Die USA – einst ein Vorbild für die übrige Welt – haben nie so sehr an Achtung verloren wie unter George W. Bush.
Den Amerikanern und der übrigen Welt bleibt die Frage daher nicht erspart, was es mit dem Dialog zwischen Bush und Gott in Wirklichkeit auf sich hat? Liegt die Schuld vielleicht bei Gott? Hat er seinem Diener George W. Bush statt der Wahrheit Lügen eingeflüstert? Das wäre eine gotteslästerliche Behauptung, die wir von vornherein ausschließen müssen. Dann bleibt die Möglichkeit, dass Präsident Bush einer Einbildung erlag. Vielleicht glaubte er nur mit Gott zu sprechen, während er in Wirklichkeit seine Weisungen vom Teufel empfing? Diese Möglichkeit ist grundsätzlich nicht von der Hand zu weisen. Es ist eine medizinisch und psychologisch gut erhärtete Tatsache, dass Drogenabhängige von Halluzinationen heimgesucht werden. Der Teufel gehört ebenso zum Inventar solcher Erscheinungen wie andere Ausgeburten unseres Unterbewusstseins. Der wiedergeborene Bush war immerhin längere Zeit stark alkoholabhängig. Ein Mann, der einmal süchtig war, könnte auch später noch an den Folgen der Sucht gelitten haben.
Ich gebe dennoch einer anderen Erklärung den Vorzug, weil sie die bei weitem einfachste ist. Weder Gott noch der Teufel sind für die offenkundigen Lügen verantwortlich zu machen, sondern allein der Mensch und Präsident Bush Junior selbst. Er glaubte, dass es nützlich und für sein politisches Ansehen förderlich sei, wenn er seinen persönlichen Willen und den seiner Berater hinter Gottes vermeintlichen Absichten versteckte. Damit entlastete er einerseits die eigene Intelligenz. Warum sollte er noch Maßnahmen verteidigen und rechtfertigen, wenn Gott, der Herr, selbst hinter ihnen stand? Andererseits schaltete er erfolgreich die Intelligenz seiner Kritiker – und überhaupt aller möglichen Kritiker – aus. Wer würde es noch wagen, gegen seine Politik aufzubegehren, wenn sie das Wohlgefallen der himmlischen Mächte besaß?
Bush Junior überraschte die Welt mit dieser äußerst geschickten Irreführung. Er überraschte sie wirklich, denn seit etwa zweihundert Jahren war es unter demokratischen Politikern unüblich geworden, Gott vor den Karren der eigenen Interessen, Velleitäten und Machenschaften zu spannen. Der Souverän eines demokratisch gewählten Politikers sind die Wähler, die ihm ihre Stimme gaben, nicht die von diesem erfundenen Absichten Gottes. Gerade die amerikanische Verfassung hat früher als alle anderen auf der strikten Trennung von Staat und Religion bestanden. Im achtzehnten Jahrhundert hatte es jenen Aufruf zu Vernunft, Selbstkritik und wissenschaftlicher Redlichkeit gegeben, der als Aufklärung in die Geistesgeschichte einging. Damals hatten sich Philosophen, Künstler und schließlich auch die Politiker darauf besonnen, dass sie für ihre menschlich-allzumenschlichen Schwächen, Gelüste und Pläne nicht den Himmel in Haft nehmen dürften. Sie selbst waren verantwortlich für das, was sie hier unten an Bösem oder Gutem bewirkten. Mit den Eskapaden ihres kleinen Ego – so ihre Erkenntnis - hatten Gott und das Universum absolut nichts zu tun. Es gab keine Entschuldigung für ihre Torheiten oder Brutalitäten. Sie selbst und niemand anders hatten sie zu verantworten.
Die europäische Aufklärung hat Gott aus dem Missbrauch erlöst, den der Mensch bis dahin mit ihm getrieben hatte. Der amerikanische Präsident hat sich über die Aufklärung und zweihundert Jahre Geschichte hinweggesetzt, als er Gott zum Anwalt für seine eigenen Absichten machte. Andererseits hat er sich damit an die ganz normale Geschichte angeschlossen, wie sie bis dahin weltweit herrschte. Denn bis zur Französischen Revolution hat es so gut wie keinen bedeutenden und schon gar keinen unbedeutenden Herrscher gegeben, der sich nicht bei allem, was er tat oder unterließ, auf den Willen Gottes bezog. Ließ er seine Truppen gegen die des Nachbarn ausrücken, verstand es sich fast immer von selbst, dass er dabei nicht dem eigenen sondern dem Willen des Höchsten gehorchte. Was natürlich ebenso für seine Feinde galt, denn auf der Gegenseite berief man sich genauso fleißig auf Gott, bevor man die Waffen zückte. Der Gott, auf den sich beide Parteien beriefen, war in Europa noch dazu in aller Regel ein und derselbe. Da es in solchen Fällen allerdings schwer fallen musste, den Herrn selbst dafür verantwortlich zu machen, dass er auf beiden Seiten jeweils die anderen vernichten wollte, blieb intelligenten Menschen der Verdacht nicht erspart, dass Er mit der Sache absolut nichts zu schaffen hatte. Menschen, die seinen Namen missbrauchten, waren die Lügner.
Wir können uns leicht in die Haut eines amerikanischen Präsidenten versetzen, weil die Motive menschlichen Handelns einander doch überall ziemlich gleichen. Wir wissen, warum er Gott beständig im Munde führte. Er konnte seine Anhänger und die amerikanische Bevölkerung für seine Ziele leichter mobilisieren, wenn sie den Eindruck gewannen, dass sie nicht dem Individuum Bush und dessen ganz persönlichen Zielen folgten, sondern den höheren Zielen und Absichten des Herrn. Der Bezug auf Gott wurde und wird mit Vorliebe dann in Anspruch genommen, wenn die beabsichtigten Maßnahmen wenig populär sind oder gar Widerstand hervorrufen könnten. Der Krieg in Irak ist ein typisches Beispiel für ein Unternehmen, dessen Sinn keineswegs für alle Bürger einleuchtend war. Kriege erfordern Opfer, und Opfer werden nur dann gebracht, wenn sie absolut notwendig und geboten erscheinen. Da musste Gott herhalten. Man versteckt sich hinter ihm, weil die Leute sonst murren könnten. Gott wird gebraucht (oder besser missbraucht), um die Leute zum Schweigen zu bringen.
Warum wurde in seinem Namen so beharrlich, so dreist, auf so offenkundige Weise gelogen? Warum wurde nichts so sehr für persönliche, nationale, moralische Zwecke von allen Seiten missbraucht wie jene höchste Instanz, die wir als Gott bezeichnen?
Warum lügen wir überhaupt?
Das ist die wirklich interessante Frage. Und die Antwort darauf liegt offenbar nicht in der persönlichen Lebensgeschichte eines amerikanischen oder sonstigen Präsidenten. Mit dem Bestsellerautor Bob Woodward[1] können wir uns zwar die akribisch-detektivische Mühe machen, die Genesis dieses manischen Lügens bis in die kleinsten historischen Details zu verfolgen. Das ist ein lohnendes Unternehmen, weil ein Präsident ja nicht irgendwer ist, sondern seine Entscheidungen auf das Leben – und den Tod – von Tausenden oder gar Millionen Menschen einen direkten Einfluss ausüben. Aber auch die noch so gekonnte Analyse eines Journalisten sagt nichts darüber aus, warum wir lügen und warum manche unserer Lügen auf so wenig Widerstand stoßen. George W. Bush, ein vor seiner Präsidentschaft eher unauffälliger Mensch, bildet nur den psychologischen Einzelfall eines beunruhigenden allgemeinen Problems.[2]
Dieses Problem selbst müssen wir zum Gegenstand unserer Untersuchung machen, wenn wir über den Einzelfall hinaus nach Aufschluss verlangen. Dann aber gelangen wir zwangsläufig zu einer Geschichte der Macht. Gott ist bei George W. Bush zu einem Gefangenen menschlichen Machtstrebens geworden. Er wurde missbraucht, wie er schon seit Jahrtausenden im Namen der Macht – nicht nur von der Politik – missbraucht worden ist.
In diesem Buch unternehme ich den Versuch, die mäandernde Geschichte der Macht zu verfolgen, um damit die Frage zu erhellen, warum wir lügen. Denn die größten Lügen, jene, welche in der Vergangenheit ebenso wie heute unser Leben beherrschen, geschehen im Dienste der Macht. Es war Macht, welche die Lüge von der Ungleichheit der Menschen bis an die Schwelle der Neuzeit - in Gestalt der Sklaverei sogar noch bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts - aufrecht erhielt. Macht hob die Lüge vom edlen Krieg aus der Taufe und sorgte dafür, dass menschliche Geschichte noch bis vor nicht langer Zeit in erster Linie als eine Abfolge glorreicher Schlachten dargestellt wurde. Macht war es ebenso, die neben der menschlichen Ungleichheit auch die Lüge von der Minderwertigkeit der Frau in den Köpfen befestigte. Andererseits ist es auch heute wieder der Macht zuzuschreiben, dass die Menschheit sich auf den Weg der Selbstvernichtung begibt, indem sie Natur und Gesellschaft einem zerstörerischen Wettbewerb unterwirft. Die Geschichte der Macht ist eine Geschichte der Lügen.
Diese Geschichte ist bisher nicht geschrieben worden. Schon deswegen nicht, weil ihr Bereich sich so schwer begrenzen lässt. Lügen nisten sich ebenso gern im Gehirn eines mittelmäßigen Menschen ein, der sich vom Allmächtigen selbst inspiriert glaubt, wie im Kopf eines Philosophen von der überragenden Statur eines Plato. Gegen die Verführungen der Lüge scheint niemand gefeit, weil die wenigsten den Verlockungen der Macht widerstehen. Deswegen gibt es aber auch nur wenige Themen, die so tief in die Abgründe der menschlichen Existenz hinunterführen. Wer über Macht und Lüge spricht, der steht im Bann der Geschichte, denn kaum irgendwo sonst wird die Gegenwart so sehr von der Vergangenheit erhellt und umgekehrt diese durch jene. Die Lüge von Gott, wie sie der amerikanische Präsident gebrauchte, befindet sich seit wenigstens sechstausend Jahren in den Arsenalen der Macht. Wenn wir verstehen wollen, warum sie heute noch oder vielmehr wiederum wirksam ist, dann müssen wir den Blick zurück auf die Geschichte werfen.
Aber eröffnet sich damit nicht ein schier unübersehbares Feld? Gewiss. Was ich dem Leser anbieten kann, ist nicht mehr als ein philosophischer Versuch, ein historisch-kritischer Essay - eine »kleine Geschichte der Macht«. Sollte ihn dieser aber in die Lage versetzen, dass er die Frage, warum wir lügen, am Ende etwas besser beantworten kann als zuvor, so glaube ich meinen Zweck dennoch erreicht zu haben.
Es gibt wohl kaum einen zweiten Bereich, an dem sich die Ohnmacht des Denkens gegenüber dem Sein so deutlich erkennen lässt wie an dem der menschlichen Ungleichheit. Man kann es auch drastischer formulieren. Sicher gibt es kein anderes Feld des Denkens und Wertens, wo der Mensch so offenkundig, so beharrlich, so gegen alle Vernunft gelogen hat. Ich spreche nicht von der natürlichen Ungleichheit, die darin besteht, dass einige schneller laufen, denken oder sprechen als andere, dass sie witziger oder schwerfälliger, tatkräftiger oder ängstlicher sind. Ich meine die von Menschen künstlich erzeugte Ungleichheit, welche ohne Grundlage in der biologischen Natur des Menschen ist. Bis an die Schwelle der Neuzeit war diese künstliche, erlogene Ungleichheit ein universales Faktum!
Wenn wir begreifen wollen, wie die merkwürdige Perversion entstehen konnte, dass Menschen sich gegenseitig in Herren und Sklaven, Freie und Unfreie eingeteilt haben, dann muss die Universalität dieses Phänomens zunächst einmal zu einer Herausforderung werden. Denn dann geht es um mehr als eine bloße Tatsachenaufzählung, auch wenn diese notwendig das Fundament einer solchen Betrachtung bildet, es geht um das philosophische Begreifen, wie sich Macht zwischen Sein und Denken drängt, bis die Wahrnehmung völlig verzerrt, verbogen, verfälscht wird. Wir begnügen uns dann nicht mit einem neugierigen Blick auf die Geschichte, der oft nicht mehr als den Zufall erkennen lässt, vielmehr gelangen wir zu einem tieferen Verständnis der Conditio Humana. Die menschliche Ungleichheit – das beherrschende Faktum der vergangenen 10 000 Jahre zwischen neolithischer Revolution und dem Beginn der industriellen Gesellschaft – führt uns zu einer neuen Theorie und Einsicht in das Wesen unserer Erkenntnis: ihrer Abhängigkeit von der Macht.
In der Epoche zwischen den beiden größten Umwälzungen der Geschichte, dem Beginn der Agrarzeit etwa 8000 v. Chr. und dem industriellen Umbruch des achtzehnten Jahrhunderts, hat die Gleichheit der Menschen in keiner der großen Hochkulturen mit Ausnahme Chinas als akzeptierte Weltanschauung gegolten. Das hoch zivilisierte Griechenland des fünften Jahrhunderts hatte wie kein anderes Land mit den verschiedensten politischen Gedankenexperimenten gespielt und sie in seiner politischen Verfassung auch praktisch erprobt. Monarchie und Tyrannis, Oligarchie und Demokratie hatten einander in kurzer Zeit abgelöst. Innerhalb von nur zwei Jahrhunderten hatten die Griechen mehr politische Modelle erdacht und erprobt als die vorangehenden 7000 und die nachfolgenden zweitausend Jahre. Umso bemerkenswerter muss es im Rückblick erscheinen, dass sie die Vorstellung von der Gleichheit der Menschen als erlaubtes Denkmodell gar nicht erst aufkommen ließen.
Sicher hat es immer wieder Einzelne gegeben, die diese Möglichkeit theoretisch vorgestellt und durchgespielt haben. Sie fragten sich etwa, was denn passieren würde, wenn Sklaven, zu denen auch die ehemals freien Bürger eroberter griechischer Städte gehörten, die Freiheit erlangen und eine Gesellschaft entstehen würde, die ausschließlich von freien Menschen gebildet wird. Zweifellos haben sich unter den Sklaven selbst viele mit dieser Frage beschäftigt, sonst wären nicht so viele von ihnen bereit gewesen, für ihre Freiheit zu kämpfen. So hat es etwa in Sparta regelmäßig Aufstände der Heloten gegeben. Vor ihrer Unterwerfung waren diese ja freie Griechen und haben die Erinnerung an ihre ursprüngliche Freiheit sicher nie ganz verloren. Wir gehen daher von einer Tatsache aus, wenn wir behaupten, dass die Unterdrückten sehr wohl in der Lage waren, sich eine andere Welt vorzustellen. Aber was für die Sklaven galt, traf nicht auf ihre Herren zu. Es ist bemerkenswert, dass die freien Griechen, die doch sonst keinerlei Scheu vor kühnen Gedanken hegten, dieses zentrale Problem ihrer sozialen Existenz beharrlich verdrängten. Vor der in die Augen springenden Paradoxie, dass nicht nur die Menschen umliegender Völker sondern selbst freie Grieche jederzeit als Arbeitssklaven auf einer Plantage oder in einem Bergwerk enden konnten, haben nahezu alle beharrlich die Augen geschlossen. Mit wenigen und wenig bekannten Ausnahmen wie Lykophron und Alkidamas haben sie sich damit gar nicht erst ernsthaft beschäftigt.[3]
Es spricht auch alles dafür, dass sie sich damit auf keinen Fall ernsthaft beschäftigen wollten. Ihre Erkenntnis scheint in diesem Punkte alles andere als frei gewesen zu sein. Natürlich haben sie die Ungeheuerlichkeit der Sklaverei genauso zu empfinden vermocht wie wir, die heute darüber reden. Und selbstverständlich waren sie auch genauso so fähig wie wir, sich die Möglichkeit einer Gesellschaft vorzustellen, in der es keine Sklaven mehr geben würde sondern ausschließlich freie Menschen. Dennoch ist es eine befremdliche Tatsache, dass weder Plato noch Aristoteles oder irgendein anderer unter den großen griechischen Philosophen ein solches Gesellschaftsmodell zu durchdenken und seinen Mitbürgern vorzustellen wagte - jedenfalls ist uns ein solches Modell nicht überliefert. »Einige Menschen sind von Natur aus frei«, heißt es bei Aristoteles, »und andere sind Sklaven; für die letzteren ist die Sklaverei angemessen und gerecht zugleichc Der Sklave entbehrt jeder Fähigkeit zu denken«.[4]
Dieses auffallende Schweigen der Griechen zu der grundlegenden Ungerechtigkeit, um nicht zu sagen Ungeheuerlichkeit, ihres sozialen Systems bedarf der Erklärung. Wenn wir diese Erklärung gefunden haben, ist uns mehr gelungen, als nur ein Versagen der damaligen Menschen entdeckt zu haben – das wäre von rein historischem Interesse. Wir haben einen blinden Fleck der menschlichen und damit auch unserer Erkenntnis benannt.
Zweifellos warfen die Griechen einen scharfen Blick auf die zwischen ihnen bestehende Ungleichheit. Sie waren keineswegs blind dafür. Nicht anders als wir mussten auch sie erkennen, wie ungerecht, zufällig und willkürlich sie war. Aber offenbar hielten sie es für völlig unmöglich, diese Ungerechtigkeit praktisch zu überwinden. Dem theoretischen Erkennen öffnete sich keine Aussicht, zu einem Teil des erlaubten Denkens zu werden. Der freie Grieche brauchte sich nur die Konsequenzen einer sklavenfreien Gesellschaft vorzustellen, um ein derartiges Modell sogleich als phantastisch, absurd, auf jeden Fall aber als völlig unrealistisch zu verwerfen. Unter den gegebenen materiellen Bedingungen mussten die Machthaber den Gedanken der Gleichheit verfemen, unterdrücken, verketzern. Mit anderen Worten, sie mussten lügen.
Doch worin bestanden diese Bedingungen? Auf einfachste Weise gesagt, lagen sie in der Notwendigkeit für mindestens achtzig Prozent der Bevölkerung, die Felder so zu bestellen, dass die restlichen zwanzig Prozent ohne eigene Landarbeit miternährt werden konnten. Wobei allerdings bemerkt werden muss, dass diese zwanzig Prozent als Obergrenze zu sehen sind. Je nachdem, wie fruchtbar der Boden und wie wirksam die Manipulation der Mehrheit durch die herrschende Minderheit war, standen die unfreie Mehrheit und die herrschende Minderheit in durchaus unterschiedlichem quantitativen Verhältnis. In Sparta hatten etwa 200 000 Heloten in der Rolle von Sklaven für ihre eigene und zusätzlich für die Ernährung von maximal 9000 freien Spartanern aufzukommen. Das Verhältnis von freien zu unfreien Griechen betrug auf dem Peloponnes also knapp fünf Prozent. Mehr gab der Boden nicht her. Entlang den großen Flüssen Asiens und des Vorderen Orients, also in Mesopotamien, am Nil, Ganges, Yangtse, Huang He und Mekong war der Ertrag wesentlich günstiger. Mit Hilfe komplexer Bewässerungssysteme ließen sich der Erde weit größere Erträge abringen. Maximal 1,5 Millionen Kalorien pro Hektar gab der Anbau von Weizen her, aber bis zu 7,35 Millionen ließen sich in bewässerten Reisfeldern erzielen.[5] Im günstigsten Fall wurde die Obergrenze von zwanzig Prozent tatsächlich erreicht. Aber bis in die europäische Neuzeit zu Beginn der industriellen Revolution kann man von einem mittleren Anteil von etwa zehn Prozent ausgehen.[6]
Natürlich bestand die theoretische Möglichkeit, dass alle Menschen das Land bestellten und daher keiner von der körperlichen Arbeit entbunden war. In einer Reihe von Stammeskulturen (sogenannten primitiven Gesellschaften) wurde sie auch durchaus verwirklicht.[7] Oder die außerhalb der Landwirtschaft tätigen Handwerker, Händler, Regierungsbeauftragten hatten genauso hart zu arbeiten wie die Bauern und wurden auch nicht höher entlohnt. Dann herrschte Gleichheit des sozialen Status trotz der Vielfalt der Funktionen. Auf den ersten Blick scheint dieses Modell zumindest annäherungsweise in Athen realisiert worden zu sein. Während Sparta eine Militärdiktatur war, in der eine Minderheit von Freien jede körperliche Arbeit außer dem Militärdienst verschmähte, lag der Ehrgeiz eines freien athenischen Bürgers aus guter Familie umgekehrt darin, ein eigenes Stück Land zu besitzen, auf dem er sich als »gentleman farmer« betätigen konnte. Der freie Athener war Soldat für das Vaterland und außerdem Landwirt, der seinen Wein und seine Oliven mit Hingabe pflegte. Dieses im Vergleich zu Sparta viel schönere Bild verschleiert allerdings eine viel prosaischere Realität. Attika mit seinen um 431 v. Chr. etwa 315 000 Menschen[8] hätte mit dem, was der karge Boden dort hergab, nie überleben können. Für die Ernährung seiner Bevölkerung brauchte es den Handel. Es war darauf angewiesen, dass seine Flotte große Weizenmengen vor allem aus den Getreideländern rings um das schwarze Meer einführte. Athen bezahlte dafür mit Luxusgütern, d.h. mit Wein und Oliven sowie den vielen Erzeugnissen seiner blühenden Industrien: Schmuck, Keramik, Kunst. Diese Luxusgüter waren natürlich für die großen Herren der Exportländer bestimmt, nicht für das kleine Volk, das den Weizen an seine Herren abliefern musste. Mit anderen Worten, Athen delegierte die Sklaverei an andere Völker. Um seine Bevölkerung zu ernähren, hatten in der barbarischen »Dritten Welt« außerhalb Griechenlands die Ärmsten der Welt für ihre Herren auf den großen Latifundien zu schuften – neben der Arbeit im Bergwerk von jeher die härteste Form von Sklaverei.
Die Herrschaft einer Minderheit von Herren über eine auf dem Lande fronende Mehrheit hatte sich in Athen daher genauso etabliert wie in Sparta, nur dass die erfolgreiche Handelsstadt dafür keine Waffen sondern nur ihre Wirtschaft einzusetzen brauchte. Im übrigen gehörten von den genannten 315 000 nur etwas mehr als der zehnte Teil (40 000) zu den freien Bürgern, die übrigen neun Zehntel waren in Attika selbst angesiedelte, weitgehend rechtlose Ausländer oder Sklaven, wobei die Zahl der letzteren auf mindestens 200 000 geschätzt wird.[9]
Auch Rom scheint sich auf den ersten Blick als Beispiel einer Agrargesellschaft anzubieten, wo das Bauerntum eine hohe Stellung besaß. Doch gilt das allein für die Anfangsphase seiner Entwicklung. Ursprünglich war seine Bevölkerung aus freien Bauern hervorgegangen, die ihre Brüder oder Söhne in den Krieg und in die Verwaltung schickten. Die überschüssige Nahrung, welche ein Teil der Familie erwirtschaftete, wurde an den anderen Teil weitergegeben, ohne dass dabei zunächst ein soziales Gefälle zwischen Waffenträgern und Bauern vorhanden war. Zu Beginn waren die Rollen von Soldaten und Bauern noch austauschbar. Doch der Anfangszustand einer Gemeinschaft von Freien hat bekanntlich nicht lange angehalten. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert ging die Zahl freier Bauern in Italien dramatisch zurück.[10] Das römische Heer setzte sich aus berufsmäßigen Söldnern zusammen, die man nun aus dem Proletariat rekrutierte. Sklaven bestellten die großen Güter, Berufssoldaten führten die Kriege und über beiden thronte eine sehr kleine Schicht von Politikern und eine etwas größere von Steuereintreibern, Finanziers, Großhändlern. Rom ging denselben Weg wie alle anderen großen Agrarkulturen. Mehr und mehr wurden jene, welche für die physische Daseinsfürsorge zuständig waren, in die Rolle von Unfreien gedrängt bzw. die landwirtschaftliche Arbeit an Unfreie und vor allem an Kriegsgefangene vergeben, die man versklavte. Allein die Bevölkerung der Hauptstadt bestand zu einem Drittel aus Sklaven.[11] Dagegen rückte die kleine Schicht, in deren Händen sich die politische und militärische Macht konzentrierte, allmählich zu Herren auf.
Von den großen Hochkulturen hat keine die physische Arbeit gleichmäßig auf die ganze Bevölkerung verteilt. Viel zu groß war die Verlockung für eine Minderheit, sich der körperlichen Arbeitsfron ganz zu entziehen und andere für sich arbeiten zu lassen. Nach Erfindung der Landwirtschaft etwa achttausend Jahre vor unserer Zeitrechnung übte diese Perspektive eine so gewaltige Anziehungskraft aus, dass die Gesellschaft der Hochkulturen in mindestens zwei voneinander schroff unterschiedene Klassen zerfiel. Die eine bestand aus jenen, die sich ernähren ließen, die andere aus jenen, welche für Nahrung sorgten.
In Sparta wie in Athen gehörten die freien Griechen einer privilegierten Minderheit an, die sich von einer unfreien Mehrheit in ihren eigenen oder in fernen Ländern erhalten ließ. Diese bewirtschaftete die Felder, erbaute ihre Häuser, besorgte den Haushalt. Nur weil er sich um seinen Lebensunterhalt keine Sorge zu machen brauchte, konnte der Grieche sein Leben auf der Agora, dem politischen und administrativen Zentrum der Stadt, verbringen, wo er mit anderen Freien das Schicksal seiner Heimat erörterte und in Abstimmungen darüber entschied. Nur weil er die tägliche Arbeit der Daseinsfürsorge an Unfreie (Sklaven) abgeben konnte, verfügte er über ausreichend Muße, um der Literatur, der Kunst, den Instrumenten der politischen Herrschaft seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Gewiss, gehörte dazu auch das Experimentieren mit den verschiedensten politischen Entwürfen. Aber die demokratische Gleichberechtigung galt nur für die Freien - eine verschwindende Minderheit - nicht für die große Mehrheit der Sklaven und Unfreien.
Diese Aufteilung der Menschen in Freie und Sklaven hatte natürlich mit der heutigen Teilung der Arbeit, wie sie eine komplexe Gesellschaft erfordert, wenig zu tun. Im Prinzip hatten die einen zu arbeiten, die anderen erhoben die Muße zu ihrem Lebensziel, bzw. pflegten nur solche Tätigkeiten, die ihnen Befriedigung brachten. Mit Ausnahme des militärischen Dienstes wurde alle Arbeit, die der Mensch, wie die Bibel es ausdrückt, im Schweiße seines Angesichtes verrichtet, als eines Freien unwürdig verworfen.
Dass nicht sein kann, was nicht sein darf
Es leuchtet nun ein, warum der freie und privilegierte Grieche, der Römer oder später ein amerikanischer Zuckerrohrbaron vor dem bloßen Gedanken zurückschaudern musste, dass auch die für ihn arbeitende Mehrheit die Freiheit erlangen könnte. Man begreift, warum er sich selbst und den anderen Freien, solche gedanklichen Spielereien strikt untersagte. Wäre eine solche Gesellschaft auch nur im Ansatz verwirklicht worden, hätte er auf alle seine Privilegien augenblicklich verzichten müssen. Sein eigenes Los wäre dann kein anderes mehr gewesen als das der verachteten Sklaven. Diese Aussicht musste ihm so erschreckend, so absolut unannehmbar erscheinen, dass sie alles weitere Denken erstickte. Nur so wird uns heute begreiflich, warum ein Volk von so erstaunlicher geistlicher Beweglichkeit, ein Volk von so vorurteilsfreiem Scharfsinn wie die Griechen, das sich doch sonst jeder geistigen Herausforderung stellte, diesen zentralen Punkt seiner eigenen Konstitution bewusst im Dunkeln ließ. Es war die fehlende Bereitschaft, auf die eigene Macht und Daseinsbequemlichkeit zu verzichten, die an der Wurzel der Lüge von Freien und Unfreien lag. Zwar war jedem Griechen durchaus bewusst, dass niemand vor dem Schicksal sicher war, selbst Sklave zu werden, aber diese Bedrohung blieb ohnmächtig gegen die Verlockungen der Macht.
Solche Verlockungen sind ja auch uns keineswegs fremd. Kinder einer überaus gefräßigen Zivilisation, deren ökologischer Fußabdruck den Planeten zu zertreten droht, wissen wir genau, welches Unheil wir anrichten. Im Gegensatz zum antiken Griechenland ist es einer kleinen Schar aufrechter Wissenschaftler auch keineswegs verwehrt, uns vor diesem Tun ausdrücklich zu warnen. Trotzdem hört niemand hin, jedenfalls nicht die breite Bevölkerung und die sie repräsentierenden politischen Kräfte. Weiter leben wir so, als wäre es das Natürlichste von der Welt, auf jeden Fall aber unausweichlich, dass wir uns im Sinne unserer gegenwärtigen Vorteile belügen. Wir sind »Realisten«, d.h. wir verleugnen die Realität.
Wären es nur die Griechen gewesen, die nichts Anstößiges an der künstlichen Spaltung der Gesellschaft in Freie und Unfreie fanden, so könnten wir den Grund dafür in den Eigenheiten einer bestimmten Epoche und eines bestimmten Volkes sehen. Doch in Wahrheit haben wir es mit einem weltweiten Phänomen zu tun. Die gleiche Aufspaltung der Menschen, die gleiche Lüge, breitete sich seit 3000 v. Chr. in den damals entstehenden großen Agrarzivilisationen Mesopotamiens und Ägyptens aus; vorbereitet wurde diese Transformation aber schon fünftausend Jahre früher seit dem Übergang zu Viehzucht und Landwirtschaft. Die von Gordon Childe so benannte »neolithische Revolution« setzte eine Zäsur. Sie lief auf eine Umwälzung in den materiellen Bedingungen menschlichen Lebens hinaus. Hatten Jäger und Sammler nur auf die in ihrer Umwelt schon fertig vorhandene tierische und pflanzliche Nahrung zugegriffen, so begannen die Menschen ca. 8500 vor Christus zum ersten Male damit, die Natur aktiv in ihre Regie zu nehmen: Nahrung, die vorher ohne ihr Zutun vorhanden war, wurde nun durch ihr tätiges Handeln in ungleich größerer Menge als früher erzeugt. Die Menschen bestellten den Boden und züchteten Nutztiere. Es gelang ihnen dadurch, ihre Versorgungsbasis entscheidend zu erweitern und abzusichern.
Über die offenkundige materielle Bereicherung hinaus prägte dieser Umbruch von nun an aber auch das psycho-soziale Sein des Menschen. Nicht dass sich seine biologische Konstitution dabei geändert hätte. Wir wissen, dass die Menschen schon vor etwa hunderttausend Jahren in ihrer genetischen und daher auch ihrer geistigen Ausstattung nicht weniger weit entwickelt waren als heute. Sie konnten genauso gut denken, philosophieren, sich über die Folgen ihres Tuns Rechenschaft ablegen wie wir. Und sie haben es zweifellos auch getan, selbst wenn wir davon aus der hier in Rede stehenden Zeit keine Zeugnisse mehr besitzen. Futurologie - der neugierige Blick in die Zukunft, um sich für deren Gefahren und Chancen zu rüsten - gehört sicher zum ältesten Erbe des denkenden Menschen. Doch wäre sie damals schon so unergiebig gewesen wie heute. Wie wenig auch der scharfsinnigste Erkunder des Zukünftigen dessen Geheimnisse aufzudecken vermag, dafür bietet kaum ein anderer Übergang ein so lehrreiches Beispiel wie der von Jägern zu Ackerbauern.
Es lohnt sich das Experiment im Nachhinein durchzuspielen. Versetzen wir uns also einen Augenblick in die Haut eines damaligen Philosophen, indem wir uns vorstellen, dass er sich ganz zu Beginn der neolithischen Revolution Gedanken über die Zukunft machte.
Dann spricht alles dafür, dass dieser erste Futurologe sich mit uneingeschränkter Begeisterung über die kommenden Zeiten geäußert hätte. Die besten und scheinbar auch unwiderlegbare Gründe wären ihm nur so zugeflogen, um die Zukunft in den Farben eines irdischen Paradieses zu malen. Als Jäger, so würde er sich damals geäußert haben, brauchten wir Waffen, ohne diese hätten wir unsere Beute nicht jagen können. Aber wozu werden wir als sesshafte Bauern noch Waffen benötigen? Zur Bestellung unserer Felder sind sie nun überflüssig und zur Jagd sind wir nicht länger auf Waffen angewiesen, weil wir genug Nahrung auf unseren Feldern ernten. Früher kam es nicht selten vor, dass wir untereinander mit diesem Mordwerkzeug Kämpfe ausfochten. Sein bloßes Vorhandensein verführte unsere jungen, übermütigen Männer zu tödlichen Streitereien. Außerdem befanden Waffen sich ausschließlich im Besitz der Männer, diese konnten sich dadurch den Frauen gegenüber ungerechtfertigte Vorteile verschaffen. Wie viel Ungerechtigkeit wurde allein durch die Existenz unserer Äxte, Lanzen und Pfeile bewirkt! Damit ist es nun endgültig vorbei. Von nun an werden wir, und das zum ersten Mal in unserer Geschichte, ein gewaltfreies Leben führen. Selbst wenn es einigen Unbelehrbaren in unserer Mitte immer noch nach dem Gebrauch der Waffen gelüsten sollte, so brauchen wir uns selbst davor nicht länger zu fürchten. Denn in Zukunft wird es keine Gelegenheit zum Einsatz von Waffen mehr geben. Jeder von uns wird als Bauer an die eigene Scholle gebunden sein. Um Kriege zu führen, müssten wir unser Feld und damit unsere Lebensgrundlage aufgeben. Jeder Krieg wäre deshalb ein Krieg gegen uns selbst. Kein Mensch ist aber so dumm, sich selbst zu vernichten. Dies alles ist ein unwiderlegbarer Beweis, dass wir vor einer Epoche des ewigen Friedens stehen.
So etwa hätte ein Futurologe vor zehntausend Jahren die Zukunft des Menschen voraussagen müssen. Jede andere Prognose wäre nicht nur ihm sondern vermutlich jedem denkenden Menschen als abwegig und unsinnig erschienen. Und das mit Recht. Im Rückblick auf die nomadische Lebensweise der Jäger und an der Schwelle zur Sesshaftigkeit der Bauern wäre dies die einzige rational begründbare Einschätzung gewesen. Aus der Perspektive unseres heutigen Wissens wäre sie auch keinesfalls völlig unrichtig gewesen. Bei nicht wenigen agrarischen Stammeskulturen vor allem in Ozeanien und dem sogenannten matrilinearen Gürtel Afrikas zwischen Zaire und Tanzania, wo Landwirtschaft bis in die jüngste Zeit als Garten oder Hackbau betrieben wurde, hat sie sich weitgehend erfüllt. Und innerhalb des Zeitraums zwischen etwa achttausend v. Chr., dem Beginn der »neolithischen Revolution«, und der Entstehung der großen auf Getreideanbau beruhenden Bewässerungszivilisationen seit Ende des vierten Jahrtausends hat es auch im Ursprungsbereich dieses Übergangs, also zwischen Mesopotamien und Anatolien, weit verstreute Siedlungsbereiche gegeben, die dieser friedlichen Vision wohl ziemlich nahe kamen. So zum Beispiel in Çatal Höyük, einer gegen 6000 vor Christus in Anatolien nahe der Stadt Konya blühenden Siedlung, wo die Menschen nach heutigem Wissensstand ein so friedliches und friedfertiges Leben führten wie unser Philosoph es vorhergesagt hatte. Außer Keulen wurden in der frühen anatolischen Siedlung keine Waffen gefunden, Verteidigungsmauern keine errichtet und offenbar auch nicht benötigt.
Doch Zukunftspropheten pflegen sich in aller Regel gründlich zu irren, weil sie sich von ihren Wünschen mehr als von der Wirklichkeit leiten lassen. So verhält es sich auch mit unserem fiktiven Futurologen. Spätestens mit dem Aufkommen der großen Bewässerungskulturen Mesopotamiens und Ägyptens, also seit dem vierten Jahrtausend vor Christus, sind Großkulturen entstanden, die die Voraussagen einer friedlichen Zeit radikal widerlegen. Im Vergleich zur vorangegangenen Zeit der Jäger und Sammler beginnt mit der sesshaften Lebensweise eine Epoche permanenter und unerhört blutiger Kriege. So blutig und so regelmäßig war von nun an das Grauen des Krieges, dass im Vergleich zu dieser neuen Epoche das Leben der frühen Jäger und Sammler geradezu als paradiesisch erscheinen musste, ein Vorbild an Friedfertigkeit, vor allem aber ein Vorbild, was die Gleichheit der Menschen betraf. Bald sollte sich zeigen, dass der Krieg in seinen schrecklichsten Manifestationen überhaupt erst seit der neolithischen Revolution entstand und erst seit dieser Zeit überhaupt möglich wurde.
Warum hat sich unser früher Zukunftsforscher so grundlegend irren können? Hat er nicht die Hauptmerkmale der kommenden Zeit durchaus richtig erkannt und daraus rationale Schlüsse gezogen?
Sein Fehler ist darauf zurückzuführen, dass er einen wesentlichen Faktor unberücksichtigt ließ. Er hat nur die äußeren Merkmale der kommenden Lebensweise erfasst: die neuen materiellen Bedingungen, aber die Macht unberücksichtigt gelassen. Die Macht jedoch brachte unter den neuen Bedingungen eine ganz andere Welt hervor.
Diese neuen Bedingungen bestanden ja nicht allein darin, dass Nahrung nun leichter und verlässlicher zu erwirtschaften war. Viel wichtiger, doch in seinen Auswirkungen erst später erkennbar, war die damit verbundene Möglichkeit der Überschussproduktion. Im günstigsten Fall konnten vier Menschen allein nun so viel Getreide ernten, dass ein Fünfter ohne eigene Arbeit davon existieren konnte.[12] Das hatte es vorher niemals gegeben. Und nie zuvor war daher auch jene Entdeckung möglich, die sehr bald alle Lebensumstände umwälzen sollte. Zum ersten Mal in seiner Geschichte entdeckte der Mensch, dass es sich lohnte, seine Mitmenschen zu versklaven, d.h. als Mittel zum Zweck der eigenen Daseinserhaltung einzusetzen.
In dieser Entdeckung sehe ich die eigentliche »neolithische Revolution«. Sie hat auf den Menschen viel tiefer, schmerzhafter, zerstörerischer gewirkt als alle materiellen Errungenschaften, die ihr zugrunde lagen und die aus ihr später noch hervorgehen sollten. Diese Entdeckung bedeutete nicht weniger als eine geschichtliche Wasserscheide, eine Zäsur, welche die menschliche Vorgeschichte von allem trennt, was danach kommen sollte. Sozial und psychisch, in ihrer Lebensweise und in ihren Anschauungen haben die Menschen seitdem eine tiefere Wandlung vollzogen als jemals zuvor.
Jäger und Sammler waren im Allgemeinen egalitär organisiert, weil das den Bedingungen ihres Lebens am besten entsprach. Die Lüge von Herren und Dienern scheint ihnen weitgehend fremd gewesen zu sein, weil es keinen Sinn für sie machte, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen oder sie gar zu versklaven – der Einzelne konnte ja kaum mehr Nahrung erzeugen, als er für den eigenen Bedarf benötigte. Selbst wenn die Jagd der Männer oder das Sammeln der Frauen zeitweise Überschüsse erbrachte, hätte man mit diesen doch wenig anzufangen gewusst, da die Jagd ein nomadisches Leben erforderte - die schlechteste Voraussetzung also für die Bewahrung von Vorräten. Sklaven zu halten, konnte sich unter gewöhnlichen Umständen einfach nicht lohnen. Der Gewinn durch die Gratisarbeit eines Sklaven wurde wettgemacht durch die erzwungene Mehrarbeit zur Beschaffung der Beute, mit der man ihn am Leben erhalten musste. Die äußeren Bedingungen ließen eine Versklavung anderer Menschen deshalb als sinnlos und abwegig erscheinen.
Erst die seit der Jungsteinzeit mögliche Überschussproduktion stellte grundsätzlich andere materielle Voraussetzungen her. Allerdings erst in Verbindung mit der Erfindung der Keramik, die zeitlich etwa tausend Jahre später als der Übergang zu Landwirtschaft und Viehzucht erfolgte. Erst damit wurde das Horten von überschüssiger Nahrung im großen Stil möglich. Als man in den sumpfigen Ebenen Mesopotamiens und im Schwemmland des Nils dann noch die Erfahrung machte, dass sich der Anbau von Getreide auf kollektiv bewirtschafteten und durch kollektive Arbeit bewässerten Feldern vervielfachen ließ, war der Durchbruch zu einer überaus effizienten Überschusswirtschaft geschafft. Von da an gab die materielle Revolution den Anlass zur sozialen. Es war nun nicht allein möglich, sondern überaus vorteilhaft, andere für sich arbeiten zu lassen. Eine Mehrheit konnte sich selbst und darüber hinaus noch eine Minderheit ernähren, die keinerlei körperliche Arbeit mehr zu verrichten brauchte. Herrschaft und Ungleichheit brachten all jenen einen ungeahnten Gewinn, die sich den Überschuss anzueignen verstanden.
Der dadurch eingeleitete Wandel erfasste alles menschliche Verhalten. In den weitgehend egalitären Horden von Jägern und Sammlern hatte das freiwillige Teilen noch eine vorrangige Rolle gespielt. Das Jagdglück konnte ja heute dem einen, morgen einem anderen lächeln. Jedenfalls war es nie mit Gewissheit vorherzusagen. Nicht weniger als das Überleben der Gruppe hing davon ab, dass sie das freiwillige Teilen und gegenseitige Beschenken zum Imperativ erhob.[13]
Unter den Bedingungen des neuen Agrarregimes musste dieser Grundsatz der Freiwilligkeit seine Bedeutung mit der Zeit völlig verlieren. Das spontane, solidarische Teilen wurde durch das erzwungene Teilen, d.h. durch vorgeschriebene Abgaben an die Herren, ersetzt. Freilich geschah das nicht von heute auf morgen. Es ist überraschend, wie lange sich Traditionen des Teilens und Schenkens selbst noch in manchen agrarischen Stammesgesellschaften erhielten, und zwar auch dann noch, wenn sie bereits hierarchische Herrschaftsstrukturen auszubilden begannen.[14] Erst als die herrschende Schicht die erzwungene Abgabe endgültig durchgesetzt hatte, büßte die ursprüngliche Freiwilligkeit ihre Bedeutung ein. Nach einem Anfangsstadium von »theokratischem Sozialismus«, wie ihn Henri Frankfort sogar noch in der frühen Geschichte der sumerischen Stadtstaaten zu erkennen glaubte, entstanden gegen Ende des dritten Jahrtausends hierarchische Zwangsregime. Zuerst im Vorderen Orient und in Ägypten, später dann auch in Indien, China, Europa und sehr viel später auch in der Neuen Welt. Die Entwicklung von der ursprünglichen Freiwilligkeit des Teilens zur erzwungenen Abgabe, d.h. zum Regime gnadenloser Steuereintreiber, endete auf dem Niveau der Hochkulturen überall damit, dass der von einer Mehrheit erwirtschaftete Überschuss von einer Minderheit mit Waffengewalt oder deren Androhung eingetrieben wurde.
So entstand eine neue Gesellschaft und ein neuer Typus des Menschen, der sich sehr bald auch mit den für ihn charakteristischen Symbolen umgab. Die bereits 7000 v Chr. die Stadt Jericho umgebenden Schutzmauern sind ein frühes Zeichen der neuen Epoche.[15] Unser optimistischer Futurologe, der den Menschen eine friedliche Zukunft vorhergesagt hatte, hätte bei diesem Anblick seinen Augen nicht länger getraut. Er hatte ja Recht mit seiner Behauptung, dass Bauern im Unterschied zu Jägern und Sammlern keine Waffen benötigen, doch galt das eben nicht für die Herrenschicht, die fortan über den Bauern thronte. Diese kam ohne Waffen und Waffengewalt gar nicht aus, nur so konnte es ihr gelingen, sich den Überschuss bei der vergleichsweise wehrlosen Mehrheit zu holen. Waffen erlangten damit eine Bedeutung, die sie in der vorangehenden Geschichte des Menschen niemals besessen hatten.
Denn Waffen konnten jetzt zu ganz anderen Zwecken eingesetzt werden. Hatten die Jäger sie zuvor in erster Linie auf ihre Beute gerichtet - auf andere Menschen wohl nur in Zeiten der Nahrungsknappheit, wenn verschiedene Gruppen ums Überleben kämpften – so wurden sie nun bewusst und vorrangig gegen andere Menschen gebraucht, und zwar vor allem gegen die Menschen der eigenen Gesellschaft. Nur wenn die Bevölkerungsmehrheit ein Leben der fortwährenden Selbstaufopferung führte und ihr dabei jeder Luxus verboten blieb, konnte eine Minderheit in Wohlstand und Luxus leben. Verzicht und erzwungene Fron bei den einen waren damit zu unerlässlichen Bedingungen für Reichtum und Luxus der anderen geworden. Die Ungleichheit der Menschen bot die günstigste Voraussetzung, um beides zu realisieren. Mit allen Mitteln - immer auch unter Androhung oder Anwendung nackter Gewalt – wurde der Unterschied im Verhältnis von Arbeitssklaven und ihren bewaffneten Kostgängern aufrechterhalten. »Lass ihn /den Menschen/ unter der Arbeit für die Götter ächzen, damit diese unbeschwert atmen können«, heißt es schon im babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch.[16] Mit den Göttern sind de facto die Herren gemeint.
Freilich war Ungleichheit weder Naturgesetz noch Verhängnis. Nichts wäre historisch unrichtiger, als von einer unausweichlichen Entwicklung zu sprechen. Neben offensichtlicher Ausbeutung hat es auch eine Vielzahl möglicher Übergänge zu einer echten Teilung der Arbeit geben, von der alle in hohem Maße profitierten – im Extremfall so, dass alle wie in egalitären Gesellschaften von Jägern und Sammlern auch im neuen Regime einen ungefähr gleichen Lebensstandard und gleiche soziale Stellung erwarben. Doch diese Beispiele blieben, wie schon gesagt, seltene Ausnahmen einer ganz anderen Regel.
Wo immer der Boden hohe Überschusserträge erbrachte, also an so weit voneinander entfernten Punkten wie Mesopotamien, China, Indien und den Reichen der Mayas, Azteken und Inkas auf der anderen Seite des Globus, wurde Ungleichheit zu einer durch die neue Lebensweise zwar nicht erzwungenen aber doch stark begünstigten Realität. Gleichgültig ob die Herren sich Edle (Adlige), Kschatriya, Ritter oder einfach Freie nannten oder ob sie sich als Nomaden am Reichtum der sesshaften Bevölkerung bedienten, überall hielten sie die arbeitende Bevölkerung in mehr oder weniger großer Abhängigkeit und wussten das für sie vorteilhafte Prinzip der menschlichen Ungleichheit mit Waffengewalt zu erzwingen.[17] Was Alexis die Tocqueville noch im 19. Jahrhundert (also zu einer Zeit, als die zehntausendjährige Ungleichheit schon ihre Abendröte erlebte) von der feudalen Aristokratie seines Landes bemerkte, war unter den Bedingungen der großen Agrarzivilisationen die weltweite Regel. „Durch die Waffen war sie zur Welt gekommen, und durch die Waffen verteidigte sie ihre Macht; nichts war ihr also nötiger als der soldatische Mut. Alles, was ihn nach außen hin deutlich machte, wurde von ihr gebilligt und oft befohlen, selbst auf Kosten der Vernunft und der Humanität.g[18]
In der Tat: Inhumanität war unauflösbar mit dem Aufkommen dieser Epoche verknüpft. Einem freien Spartaner war es erlaubt, Heloten regelmäßig durch Misshandlung und willkürliche Tötung in Angst und Schrecken zu versetzen. Das gehörte in Sparta ebenso zur Taktik der Herrschaftsbewahrung wie in den amerikanischen Südstaaten vor Abschaffung der Sklaverei. Ein Samurai hatte das Recht, einen Nichtadligen unter dem geringsten Vorwand zu töten.
Anders als zuvor bei Jägern und Sammlern war die Nahrung beschaffende Mehrheit dieser Fron und Unterdrückung hilflos ausgeliefert. Unter den Jägern der früheren Zeit waren alle Männer gleich beweglich, vor etwaigen Unterdrückern hätte zur Not jeder ziemlich leicht fliehen können. Der Bauer aber war an die Scholle gebunden, von anderen isoliert und unbeweglich.[19] Er befand sich in einer Situation, die ihm einen wirksamen Widerstand praktisch unmöglich machte. Ihm gegenüber standen höchst mobile und schlagkräftige Gangs, die eben nicht an die Scholle gebunden waren. Gruppen gut gerüsteter, seit tausend v. Chr. auch berittener, Krieger, denen es von nun an ein Leichtes war, eine numerisch weit überlegene Bauernschaft unter ihre Kontrolle zu bringen.
Zu dieser Polarisierung in eine wehrlose Masse und eine mit Waffengewalt herrschende Minderheit ist es in allen agrarischen Hochkulturen gekommen. Hier liegt der Grund, warum sich das Verhältnis von Herrschern und Unterworfenen auch überall wiederholte.
In bestimmten Teilen der Erde ließ sich dieses typische Gegenüber noch bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts verfolgen. Einer verschwindend geringen Zahl englischer Besatzer war es in Indien ziemlich mühelos möglich, eine etwas mehr als tausendmal größere Bauernschaft unter ihre Kontrolle zu bringen. Im Jahre 1862 belief sich die Zahl englischer Soldaten auf 65 000. Wie ein Vergleich mit der damaligen Bevölkerungszahl ergibt, hielt ein einziger britischer Soldat etwa tausend indische Bauern in Schach.[20] Einer hoch gerüsteten kolonialen Macht war es als Herrenschicht möglich, den Reichtum Indiens abzuschöpfen.
Wehrhaftigkeit einer leicht beweglichen Minderheit, Wehrlosigkeit einer an die Scholle gebundenen Mehrheit – das war die Voraussetzung für die Fron der Vielen und den Luxus der Wenigen. Der Grund für diese weltgeschichtliche Wende lag im technologischen Fortschritt. Hatten Jäger und Sammler Kriege allenfalls aufgrund von akutem Nahrungsmangel geführt, so praktizierte man Krieg und Unterdrückung nun im Gegenteil aufgrund von Nahrungsüberschüssen. Errungenschaften in der Naturbeherrschung wurden zum Anlass für einen Rückschritt bis hin zur Pervertierung der sozialen Ordnung. Das sollte sich als ominöses Vorzeichen erweisen. In einer Zeit des rapiden technologischen Wandels und seiner vielfältigen Auswirkungen auf das Leben erscheinen uns solche Zusammenhänge seltsam vertraut.
Noch einmal: Unser fiktiver Philosoph und Zukunftsforscher hat sich deshalb so gründlich täuschen lassen, weil er den Faktor Macht nicht in sein Kalkül einbezog. Statt friedlicher sich der Landwirtschaft widmender Staaten, in denen Waffen funktionslos sein würden, entstand spätestens gegen Ende des vierten Jahrtausends ein ehernes (bronzenes) Zeitalter, so blutrünstig und von Kriegen verwüstet wie niemals zuvor. Herrschaft und Ungleichheit wurden zu universalen Erscheinungen. Sie waren es in so hohem Maße, dass der frühe Zustand einer egalitären und weitgehend friedfertigen Gesellschaft schließlich ganz in Vergessenheit geriet. Bis heute setzen ihn viele mit einem Märchen gleich: dem Mythos vom goldenen Zeitalter. Denn die Teilung in Herrscher und Beherrschte wurde bald als der einzig natürliche, ja, der einzige überhaupt mögliche Zustand menschlicher Gesellschaften verstanden. Er wurde mit der Conditio Humana in eins gesetzt, so als wäre er ein Erbteil menschlichen Wesens. Dagegen schien jede andere Auffassung von Mensch und Gesellschaft dem Eingeständnis unverbesserlicher Naivität gleichzukommen. Auch die philosophische Erkenntnis glaubte von da an nur die reine Wahrheit zu sagen, wenn sie die Unterwerfung der Vielen unter die Herrschaft Weniger als unabänderlichen Wesenszug menschlicher Gesellschaften verstand.
Das trifft zum Beispiels auf Plato zu, der im »Staat« die ideale Gesellschaft in drei verschiedene Gruppen unterteilt: Nährstand, Wehrstand und Philosophen. Der erste besteht aus den dienenden Massen, das Militär und die Philosophen repräsentieren die herrschende Schicht, wie Plato sie in dem von ihm so bewunderten Vorbild Spartas vor Augen hatte. Plato hat seine »ideale« Gesellschaft denn auch einfach nach Maßgabe der zu seiner Zeit real existierenden entworfen, nur dass er den Philosophen gegenüber der nackten Gewalt gern einen wichtigen Platz an der Spitze des Staates eingeräumt hätte. Zweitausend Jahre später hat der englische Sozialphilosoph Thomas Hobbes (1588 - 1679) sich weit nüchterner über die wirkliche Bedeutung der Gewalt geäußert. Ihm zufolge thront Leviathan mit Waffengewalt über den Menschen. Die Funktion dieses Ungeheuers besteht darin, dem Kampf aller gegen alle ein Ende zu setzen, denn ein solcher Kampf entspricht nach Auffassung Hobbes dem natürlichen Zustand der Menschen. Da keiner dem anderen die Vorteile der Herrschaft gönnt, jeder sie aber erringen möchte - Homo homini lupus (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) – muss sich einer von ihnen, um dem Chaos ein Ende zu machen, zwangsläufig zum Diktator über die anderen aufschwingen.
Eineinhalb Jahrhunderte vor Hobbes hatte schon Machiavelli Herrschaft auf ganz ähnliche Art verstanden und damit ein pessimistisches Bild von Mensch und Gesellschaft entworfen, das noch bis zu Nietzsche ins 19. Jahrhundert fortwirken sollte. Statt wie Hobbes ein Pessimist zu sein, der der menschlichen Gesellschaft eben nichts Besseres als das Ungeheuer Leviathan anzubieten vermag, unternahm Nietzsche nun allerdings den reichlich peinlichen Versuch, Leviathan aufzuwerten, ihn zu glorifizieren. Die herrschaftssüchtige, raubgierige Bestie, welche sich der Masse zu ihren Zwecken bedient, wird bei ihm zum Übermenschen hochstilisiert.
Das sind nur einige der bekannteren Deutungen nachneolithischer Daseinsform aus europäischer Sicht. Im dritten Jahrhundert vor Christus hatte der Inder Kautilya im Arthasastra, einem Lehrbuch der Politik, einen Machiavellismus des Herrschens beschrieben, der Machiavelli noch weit in den Schatten stellt. Und einige Zeit zuvor hatte der Chinese Shang Yang eine Art Bestiarium verfasst: Er stellte die menschliche Gesellschaft so dar, als ginge es in ihr um die Zähmung von Raubtieren.[21] Das entsprach ja auch der tatsächlichen Situation. Die Bevölkerungsmehrheit zähmte Tiere und kultivierte Pflanzen, die bewaffnete Minderheit zähmte ihrerseits die Bauern, um von ihnen zu leben.
Haben diese Autoren das eigentliche Wesen von Mensch und Gesellschaft also richtig erkannt? Keineswegs, sie haben ein ungeschichtliches Bild des Menschen gezeichnet, indem sie Zustände nach der neolithischen Revolution mit der Conditio humana schlechthin identifizierten. Die längste Zeit ihrer bisherigen menschlicher Geschichte – immerhin 99 Prozent - gab es keinen Leviathan, und es wurde auch keiner gebraucht. Die Primitiven waren viel weniger primitiv als wir sie heute gerne sehen. Unter ihnen hatte weitgehend Gleichheit geherrscht.
„Lasst mich deswegen nichts mehr von der angeborenen Neigung unserer Art zur Bildung hierarchischer Gruppen höreng, sagt der angesehene amerikanische Ethnologe Marvin Harris. „Hätte ein Beobachter das Leben der Menschen kurz nach Beginn ihrer kulturellen Entwicklung studiert, wäre erc zu der Ansicht gelangt, dass unsere Art unausweichlich zu einer egalitären Lebensform bestimmt istc Dass die Welt eines Tages in Aristokraten und gemeine Leute, Herren und Sklaven, Milliardäre und obdachlose Bettler zerfallen würde, wäre ihm aufgrund seiner Beschäftigung mit den damaligen Gesellschaften als völlig im Widerspruch zur menschlichen Natur erschienen.g[22]
Was geschah mit den Menschen und ihrer Umgebung nach der neolithischen Revolution?
Wenn man Revolution im üblichen Sinne versteht, nämlich als einen stürmisch hereinbrechenden Wandel nach dem Vorbild der französischen Revolution, die 1889 mit dem Sturm auf die Bastille begann, um vier Jahre danach in der Ungeheuerlichkeit eines Königsmordes zu kulminieren, dann ist der Ausdruck Revolution im Hinblick auf die Jungsteinzeit höchst unangemessen, denn der hier beschriebene Wandel benötigte keine vier sondern etwa viertausend Jahre. Erst mit dem Entstehen der ersten Hochkulturen im Zweistromland, am Ufer des Nils und am Indus gegen Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts gelangten die Folgen des Übergangs zu Ackerbau und Viehzucht wirklich zum Durchbruch.
Zunächst begünstigte die beginnende Landwirtschaft eine starke Bevölkerungszunahme. Aus einer kleinen Gruppe von einigen Dutzend auf der Suche nach Beute ständig umherstreifenden Menschen, die zu ihrer Ernährung ein Territorium von der Größe Bayerns benötigten, ging nun die sesshafte Einwohnerschaft eines Dorfes hervor, das einer vielfachen Menschenzahl auf einem im Vergleich viel kleineren Areal ausreichend Nahrung bot. Man kann sich heute kaum eine Vorstellung davon machen, wie gering die Menschenzahl bis vor zehntausend Jahren noch war. Selten kam mehr als ein Mensch auf den Quadratkilometer. In der späten Steinzeit haben in ganz Frankreich nicht mehr als zwanzigtausend und möglicherweise auch nur eintausendsechshundert Menschen gelebt, also nicht mehr Menschen als heute die Einwohnerschaft eines einzigen kleinen Dorfes bilden.[23] Geht man überdies davon aus, dass kaum mehr als hundert Menschen eine Gruppe gebildet haben, dann lebten in einem Gebiet, das in seiner Größe dem heutigen Frankreich entspricht, zwischen sechzehn bis höchstens zweihundert derartiger Gruppen.
Doch mit dem Übergang zu Landwirtschaft und Viehzucht sollte sich das grundlegend ändern. Es kam zu einer wahren Explosion der Bevölkerung. Im Nahen Osten, wo diese um 8000 vor Christus nur etwa hunderttausend Menschen betrug, schwoll sie in den darauf folgenden 4000 Jahren um nahezu das Vierzigfache auf etwa 3,2 Millionen an.[24]
Viel wichtiger noch als die Bevölkerungszunahme aber war die damit einhergehende kulturelle Umgestaltung, die der Mensch an seiner Umwelt und an der eigenen Gemeinschaft bewirkte. Mit der nun möglichen Überschussproduktion leitete die neolithische Revolution eine kulturelle und technologische Entfaltung ein, wie die Menschheit sie in ihren kühnsten Träumen bis dahin nicht einmal zu ahnen wagte. Die Züchtung von Pflanzen und die Zähmung von Tieren: Weizen und Hirse seit dem achten, Schafe und Ziegen seit dem neunten bzw. siebten, Esel und Pferde seit dem vierten Jahrtausend; der Beginn einer Architektur sesshafter Menschen, mit den vermutlich frühesten Zeugnissen im Mittleren Osten (Jericho, 7000 v. Chr.) und Anatolien; die Errichtung von Städten, in denen bald Tausende von Menschen auf engem Raum existierten; die Gestaltung der Umwelt durch Bewässerungskanäle, Dämme und beackerte Felder; die intensive Nutzung neuer Werkstoffe wie der Keramik (seit 7000), des Kupfers (seit 3500), der Bronze (seit 2800 in Sumer) und schließlich des Eisens (seit dem 9. Jahrhundert v. Chr.). Die Erfindung der Schrift (in Ägypten seit dem 4., in Sumer, seit dem 3. Jahrtausend) – all dies war der nun anbrechenden Zeit vorbehalten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beinahe alles, was die Vergangenheit an kulturellen und technischen Errungenschaften für uns bis heute sichtbar bewahrt, dem Entwicklungsniveau nach der menschlichen Prähistorie angehört, also der Zeit nach dem Übergang zur sesshaften Lebensweise. Jäger und Sammler hatten die immaterielle Kultur der Sprachen, der Lieder, der Naturbeobachtung bereits bemerkenswert weit entwickelt; sie hatten mit Tätowierungen, mit Federschmuck und Kleidung den eigenen Körper gestaltet. In ihrer Umwelt hinterließen sie dagegen nur wenige die Zeit überdauernde Spuren. Wenn eine Jägerkultur, wie die seit kurzem im ostanatolischen Göbekli Tepe entdeckte, bedeutende Steinmonumente erbaute, so scheint das eher eine späte Ausnahme gewesen zu sein. Im Allgemeinen ließ die enge Symbiose der Jäger mit ihren Beutetieren eine konstante Bautätigkeit nur unter besonders günstigen Verhältnissen zu, wenn sich etwa die Beute an bestimmten Orten konzentrierte oder die Sammeltätigkeit der Frauen für längere Aufenthalte an einem Ort ausreichend war.[25]
Wäre die Menschheit über das anfängliche Nomadentum nie hinausgelangt und dann irgendwann später ausgestorben, so hätten außerirdische Erforscher unseres Planeten im Nachhinein wenig bis gar nichts von diesen zweibeinigen Wesen entdeckt, die den Planeten doch schon als »Homo sapiens sapiens« mehr als hunderttausend Jahre bevölkert hatten. Abgesehen von ein paar nackten Skeletten in Mooren und Gletschern wäre von ihrem Dasein nicht viel übrig geblieben.
Der Gegensatz zur neolithischen Epoche könnte daher kaum größer sein. Die zehntausend Jahre zwischen dem achten vorchristlichen Jahrtausend und der industriellen Revolution sind ein Höhepunkt gewaltiger zivilisatorischer Errungenschaften. Das fällt nicht nur uns, den späten Beobachtern, im Rückblick auf den bisherigen Lauf der Geschichte auf. Der Gegensatz zur vorangehenden Epoche der Jäger und Sammler ist vor allem auch den Menschen der neuen Epoche selbst deutlich bewusst gewesen. Er ist derart markant, dass die Menschen in den modernen Städten Mesopotamiens und Ägyptens mindestens so fasziniert vom »Fortschritt« waren, wie es in unserer Zeit die Menschen von den nicht weniger erstaunlichen Erfindungen der Informations- und Computertechnologie sind. Vor ihren Augen wuchsen die bis vor kurzem noch größten Bauwerke der Welt empor: Pyramiden und Zikkurate, wurden unwirtliche Sumpflandschaften in Gärten verwandelt, zu deren Pflege es eines höchst komplexen, nur von diplomierten Spezialisten ausgeübten Wissens über Bodenvermessung und Wasserregulierung bedurfte. Kein Wunder, dass den damaligen Menschen diese Leistungen so gewaltig erschienen, dass man in den Königen, die sie mit Hilfe ihrer Beamten zustande brachten, höhere Wesen sah, entweder die unmittelbaren Diener und Befehlshaber Gottes wie in Mesopotamien oder lebende Götter wie in Ägypten. Diese Leistungen mussten den Menschen umso ungeheuerlicher, vielleicht auch unheimlicher erscheinen, als es ringsherum überall Völker gab, die nach wie vor als Jäger und Sammler in äußerster Primitivität und Armut lebten. Auch die damaligen Vertreter der Hochkulturen waren von einer »Dritten Welt« umgeben.
Die agrarische Lebensweise musste nicht zwangsläufig zu menschlicher Ungleichheit führen. Vor allem in landwirtschaftlich wenig ergiebigen Gebirgsgegenden (Schweiz und andere) konnten sich bäuerische Kulturen entwickeln, die auf schwierigem Boden so wenig Mehrwert erzeugten, dass in ihnen bis zu den Agrarreformen des 19. Jahrhunderts eine Gleichverteilung von Armut herrschte und eben deshalb auch ein geringes Herrschaftsgefälle. In den fruchtbarsten Gebieten der Erde konnte der erzeugte Mehrwert jedoch ein Vielfaches betragen, vorausgesetzt, dass Ernte, Aussaat, Bewässerung, Überschwemmungsschutz etc. von Fachleuten überwacht und geregelt wurden. Wo immer solche Fachleute zur Voraussetzung für die Entfaltung von Wohlstand wurden, entwickelten sich Brutstätten menschlicher Ungleichheit. Denn diese Experten und Organisatoren des Reichtums rückten sehr schnell zu Menschen einer anderen Klasse auf. Es fiel ihnen leicht, zwischen sich selbst und der Bevölkerungsmasse die Barriere einer radikalen Wesensverschiedenheit zu errichten. Ohne eine alles überwachende und planende Lenkung konnten die frühen Bewässerungskulturen am Nil, Euphrat und Tigris oder entlang des Indus weder entstehen noch am Leben erhalten werden.[26] Diese Tatsache war ausschlaggebend dafür, dass die lenkende Spitze und die Masse des Volks in Mesopotamien wie in Ägypten sehr schnell durch einen Abgrund voneinander geschieden waren.
Allerdings geht auch daraus noch keineswegs mit Zwangsläufigkeit die Verhärtung solcher Ungleichheit zu erblichen Unterschieden hervor, wie sie sich am schärfsten in Ägypten manifestierte. Dort stiegen einige Menschen in den Rang von Göttern empor, während die Masse der Bevölkerung auf den Status von Sklaven herabsank. Der Pharao wurde zum leibhaftigen Gott (später zu einer Inkarnation Gottes und schließlich zum Gottessohn), umgeben vom Geburtsadel, den Priestern und der hoch privilegierten Bürokratenklasse der Schreiber. Zusammen bildeten diese die herrschende Schicht. Der ganze Rest des Volkes führte de facto die Existenz von Sklaven, auch wenn die juristisch definierte Sklavenhaltung erst mit den Kriegsgefangenen des Neuen Reichs einsetzte. Die fronende Bevölkerung war dabei einem doppelten Druck ausgesetzt. Solange das Feld zu bestellen war, stand der Bauer mit äußerstem Einsatz im Dienste der Nahrungsbeschaffung. Er wusste, dass die Beamten des Fiskus als Nahrungseintreiber ihm gegenüber mit äußerster Rücksichtslosigkeit vorgehen würden. Selbst bei unverschuldeten Missernten hatten die Bauern stets damit zu rechnen, von mitleidslosen Steuereintreibern grausam misshandelt zu werden. In den Texten ist die Rede davon, dass man sie zur Abschreckung für andere in den Brunnen warf. Doch auch außerhalb der landwirtschaftlichen Saison gab es für die Landbevölkerung keine Ruhe. In dieser Zeit wurden die Fellachen zu öffentlichen Zwangsarbeiten verpflichtet, zum Beispiel zum Tempel- und Pyramidenbau.[27] Nicht anders war die Lage der Massen in den Stadtkulturen Mesopotamiens.[28]
Was an dieser Entwicklung erstaunt, ist nicht die Tatsache, dass die einen herrschten und die anderen gehorchten. In Kulturen, deren physisches Überleben unauflöslich an die zentrale Planung und Beaufsichtigung der Wasserregulierung gebunden war, stellt diese Aufgabenteilung eine zwangsläufige Anpassung an die gegebenen physischen Bedingungen dar. Eine Teilung der Arbeit, die wenige zu Wasseringenieuren, Landvermessern und Archivaren machte, während der Großteil der Bevölkerung sich der Feldarbeit widmen musste, verstand sich unter diesen Umständen von selbst. Aber dass die Teilung der Arbeit dann erblich wurde, so dass der Löwenanteil des erwirtschafteten Reichtums über Generationen immer nur in die Schatullen und Magazine einer kleinen Zahl von Familien floss, diese Entwicklung verstand sich durchaus nicht von selbst. Erst aufgrund dieser Erblichkeit verfestigte sich die Ungleichheit schließlich so sehr, dass die Gesellschaft von da an aus zwei oder mehr Klassen von grundverschiedenen Menschen bestand: die einen waren Götter oder ihre unmittelbaren Stellvertreter auf Erden, die anderen von Generation zu Generation bloße Befehlsempfänger.
Diese Entwicklung war nicht von vornherein selbstverständlich und sie hat sich auch nicht überall auf gleiche Weise vollzogen. Vor allem war die Lüge der Ungleichheit nicht leicht zu begründen. Anders als bei Bienen und Termiten ist sie beim Menschen weder in den Genen verankert noch aus seiner Anatomie ablesbar. Die Gottkönige Ägyptens und die Priesterkönige Mesopotamiens waren Menschen wie alle anderen auch, mochten sie auch behaupten, Götter oder deren bevorzugte irdische Stellvertreter zu sein. Um die real bestehende natürliche Gleichheit der Menschen in Ungleichheit umzuwandeln, musste man daher Strategien entwickeln, um die letztere künstlich herzustellen. Der Gegensatz zwischen unten und oben sollte so evident erscheinen wie die sichtbaren biologischen Unterschiede in den Königreichen von Termiten oder Bienen.
Ungleichheit an sich entsteht auf drei verschiedene Arten: durch Waffengewalt, Abkunft oder Wahl. Die durch Abkunft begründete Ungleichheit nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Sie setzt die Existenz von Ideologien voraus, die ohne Lüge nicht zu begründen sind.
Ursprünglich wurde die Entscheidung, wer über wen die Herrschaft errang, wohl fast immer gewaltsam durch Waffen erzwungen. Auf diese Weise wurde nach dem Einfall der Arier in Nordwestindien das indische Kastensystem begründet, auf gleiche Art gelang es den erobernden Spartanern die ursprünglich freien Heloten zu Sklaven hinabzudrücken. Manchmal – und das trifft wieder auf das spartanische Beispiel zu – wurde die Ungleichheit überhaupt dauerhaft mit Waffengewalt aufrechterhalten.
Doch eine Herrschaft, die sich dauerhaft und ausschließlich auf eine bewaffnete Übermacht stützt, bildet eher die Ausnahme. Sie muss mit beständigen Rebellionen rechnen, die sich dann in der Zerstörung von Dingen und Menschen auswirken. Für die Herren machte es Sinn, den Unterworfenen ihre militärische Unterlegenheit stets vor Augen zu halten, aber ein fortwährender Krieg ergab für sie keinen Sinn: Er hätte die gleichmäßige Versorgung mit Nahrung gefährdet, die doch gerade den Zweck der neuen Herrschaft ausmachte. Eine ausschließlich auf Waffen beruhende Überlegenheit war daher am wenigsten stabil und auf Dauer am stärksten gefährdet. Wenn menschliche Ungleichheit nur auf einer historisch zufälligen Niederlage der Beherrschten beruhte, dann gab es für die letzteren keinen einleuchtenden Grund, vor einer Rebellion zurückzuschrecken. Sobald sie eine Schwäche bei ihren Herren erspähten, schlugen sie zu, um das Verhältnis von Herren und Dienern zu ihren Gunsten zu ändern.
Keine Herrschaft konnte unter der Voraussetzung bloßer Gewaltanwendung Stabilität erringen. Es war ungleich wirkungsvoller, wenn es den Herren gelang, ihre Stellung ideologisch zu rechtfertigen und zu sichern. Die Macht der Waffen wurde dann durch etwas viel Wirksameres ersetzt oder zumindest ergänzt: eine den ganzen Menschen mit seinem Fühlen und Denken umfassende und bindende Macht gemeinsamer Weltanschauung. Dem weltanschaulichen Glauben fiel die Aufgabe zu, die bestehende Ungleichheit als notwendig, natürlich oder gar gottgewollt hinzustellen.
Dafür kamen die beiden schon genannten Strategien in Frage: Abkunft oder Wahl. In beiden Fällen wurde die Waffengewalt zwar keinesfalls abgeschafft, aber weitgehend durch gemeinsame Überzeugungen ersetzt.
Das Prinzip der Wahl beruhte auf einer mit jeder Generation neuerlich vorgenommenen Auswahl der Machthaber nach körperlichen oder geistigen Eigenschaften. In China wurde die herrschende Elite der Mandarine aufgrund eines im Prinzip allen Chinesen zugänglichen Erziehungs- und Prüfungssystems ermittelt (vgl. »China – die Philosophen herrschen«). Mochte die Herrschaft dieser privilegierten Minderheit auch genauso drückend sein wie unter einem Militärregime – tatsächlich hat es im Laufe der Geschichte im Reich der Mitte immer wieder Bauernrevolten gegeben – so hat das System als solches doch keinen Widerspruch provoziert, da niemandem grundsätzlich der Weg nach oben versperrt war. Ein maximales Einverständnis zwischen Herrschern und Beherrschten wurde auf diese Weise gesichert. Tatsächlich ist China die einzige unter den großen Hochkulturen, welche schon zweitausend Jahre vor unserer Zeit einem Prinzip von Herrschaft zum Durchbruch verhalf, das im Westen erst nach der industriellen Revolution zum allgemein akzeptierten Standard wurde.
Fast alle anderen großen Agrarkulturen haben einen anderen Weg – eine Sackgasse - beschritten. Sie haben die biologische Abstammung zum Kriterium für die Herrschaft gemacht. Wer von einem Freien abstammte, wurde selbst zum Freien, wer unfrei geboren war, blieb es gewöhnlich ein Leben lang. Solche Gesellschaften mussten notwendig eine rechtfertigende Ideologie für dieses Unrecht entwickeln. Sie mussten den geistigen Rang eines Menschen auf irgendeine Weise aus seiner biologischen Herkunft ableiten. Die Ideologie musste beweisen, dass die Freien mehr wert als die Unfreien waren und ihre Vorteile in dieser (und oft auch in der jenseitigen) Welt ihnen daher mit vollem Recht zufielen. Natürlich waren das samt und sonders artifizielle Ideologien, die auf keinerlei objektiven Kriterien beruhten. Zwischen der Herkunft eines Menschen aus einer bestimmten Familie und seinen Eigenschaften gibt es so wenig nachweisbare Zusammenhänge wie zwischen »Rassen« und ihren vermeintlichen Merkmalen.
Bis zum Aufkommen derartiger Ideologien war das für jedermann wohl auch damals nicht weniger offenkundig als heute für uns. Man wusste, dass die Mitglieder der oberen Schichten genauso an Wahnsinn, Dummheit, Verkrüppelung leiden konnten wie irgendein Mann aus dem Volk. Bei Jägern und Sammlern hatte es solche ideologischen Konstruktionen nicht geben können, weil der Gegensatz zwischen gottähnlichen Herrschern und einer fronenden Masse bei ihnen ganz unbekannt war. Dennoch war der so genannte gesunde Menschenverstand niemals gesund genug, um einer auf ihn einwirkenden Ideologie auf Dauer gewachsen zu sein. Die herrschenden Schichten brachten das Kunststück zuwege, die bloß erdachte Verbindung zwischen einer bestimmten Abstammung und einem höheren Menschentum für alle glaubhaft zu illustrieren. Das war ein in der sozialen Entwicklung entscheidender Schritt. Erst dadurch wurde die Ungleichheit geistig zementiert und verankert. Aus einem historisch zufälligen Faktum - dem Gewaltvorsprung der einen über die anderen - wurde unanfechtbares Schicksal. Die Geschichte der Macht in den vergangenen zehntausend Jahren hat es weitgehend mit mehr oder minder gelungenen Versuchen zu tun, den Zufall der Geburt zu legitimieren. Mit den dadurch bewirkten Verzerrungen des Denkens haben wir es, wenn auch in anderer Form, auch heute noch zu tun.
Blicken wir noch einmal auf das Beispiel der Heloten zurück. Seit der dorische Stamm der Spartaner die einheimische Bevölkerung mit Waffengewalt unterworfen hatte, genossen die neuen Herren die gleiche Stellung wie Drohnen in einem Bienenstock. Sie zwangen das unterworfene Arbeitsvolk, sie zu bedienen und zu ernähren. Doch das allein war ihnen nicht genug. Der faktischen Degradierung einst freier Menschen fügten sie auch noch die ideologische hinzu. Die Heloten wurden von ihnen als menschenförmige Tiere gesehen, die als solche nichts Besseres verdienten als die lebenslange Fron ausgebeuteter Arbeitstiere. Der Ideologie zufolge waren die Heloten von den Göttern zum Dienen bestimmt, ihre Herren, die Spartaner, dagegen als Herren geboren. Nicht nur die jungen Spartaner wurden im Geiste dieser Lehre erzogen, auch den Heloten selbst wurde die eigene Minderwertigkeit ständig gepredigt, um ihnen das Selbstvertrauen zu nehmen und sie zu gefügigen Knechten zu machen.
Die Zustände in Sparta sind von der Gegenwart weniger entfernt, als man glauben könnte. Noch bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in den Südstaaten Amerikas ebenso Heloten und Freie. Die geistige Untermauerung und Rechtfertigung dieser Herrschaft stützte sich auf eine Ideologie, deren Geltung genauso unverrückbar und unbezweifelt festzustehen schien. Mehr oder minder subtil, mehr oder minder deutlich ausgesprochen wurde die Überlegenheit der Weißen über die schwarzen Arbeitssklaven als biologisches und gottgewolltes Faktum interpretiert.
Der Sinn einer derartigen ideologischen Rechtfertigung liegt auf der Hand. In Sparta oder wo immer sonst Abkunft über das Verhältnis von Herren zu Unterworfenen entschied, durfte nicht der Eindruck entstehen, als wäre der Sieg der einen über die anderen nur dem historischen Zufall zu danken, der sich durch einen anderen derartigen Zufall, zum Beispiel einen erfolgreichen Aufstand der Sklaven, wieder aufheben ließe. Die Ideologie hatte dafür zu sorgen, dass beiden, Herren wie Sklaven, deutlich vor Augen stand, dass die einen von Natur aus oder aufgrund göttlicher Satzung nichts anderes als Herren und die anderen aus denselben unanfechtbaren Gründen nichts anderes als Sklaven sein konnten.
Auch in Athen gab es Kräfte, die nach einer solchen ideologischen Begründung suchten. Den Versuch dazu findet man in erstaunlicher Offenheit in Platos »Staat«. Hier macht sich der Philosoph anheischig, die Wächter seiner idealen Republik zu einem Kunstgriff zu überreden. Sie sollen den Menschen eine Fabel erzählen, wonach Gott die einen von ihnen als Herren, die anderen als Arbeitstiere geschaffen hätte. Mehr als alle anderen belehrt uns diese Passage, wie sehr der große athenische Philosoph mit den Zuständen in Sparta sympathisierte. Dabei versucht er nicht einmal, den Betrug zu verheimlichen. Den Wächtern des Staates ist durchaus bewusst, dass sie dem Volk mit dieser Fabel eine Lüge auftischen. Doch in den Augen von Plato ist das eine Lüge zum Vorteil der Staatsräson – eine die Herrschaft stützende und daher erlaubte Lüge. Er erteilt den Wächtern daher ausdrücklich den Rat, das Volk auf diese Weise zu täuschen.
Platos Lüge macht offenkundig, was Ideologie ihrem Wesen nach ist: Fabel im Dienste der Herren, d.h. im Dienste der Macht. „Es stellt sich nämlich heraus, dass die einzig wirklich bedeutsame Arbeitsteilung, die zwischen Herrschern und Beherrschten ist. Und diese beruht angeblich auf der natürlichen Ungleichheit zwischen Herren und Sklaven, Weisen und Unwissendeng, wie Karl Popper zu dieser Passage bemerkt.[29]
Zum Ruhme der Athener ist immerhin anzumerken, dass sie diese Fabel nicht übernommen haben. Im Unterschied zur spartanischen Diktatur hat Athen keine Ideologie des Untermenschen geschaffen. Die Athener wussten einfach zu gut, dass jeder freie Grieche der Gefahr ausgesetzt war, zu einem Sklaven zu werden. Es heißt, Plato selbst habe dieses Schicksal in Syrakus ereilt. Dass er wieder freigekauft wurde, hatte er einem seiner Schüler zu danken.
Dennoch sollte man aus dieser Zurückhaltung der Athener keine falschen Schlüsse ableiten. Wie schon gesagt, haben auch die Athener, all ihrer Offenheit für geistige Experimente zum Trotz, keine Theorie menschlicher Gleichheit entwickelt. Die Zwänge der materiellen Lebensweise übten hier dieselben elementaren Wirkungen auf das Denken des Menschen aus wie überall sonst. Das Denken ist unfrei, seine Erkenntnis eingeschränkt, solange es solchen Zwängen gehorchen muss. Von einer reinen Philosophie zu sprechen, von einer Souveränität des Menschen gegenüber seinen Lebensbedingungen ist angesichts solcher Fakten bloße Schönfärberei. Die Idee von der Gleichheit der Menschen war unter Jägern und Sammlern noch eine Selbstverständlichkeit. Sie ist es heute von neuem, weil wir den Zwängen der neolithischen Revolution glücklich entkommen sind. Sie hat zweifellos auch in der Vergangenheit viele Köpfe beherrscht – nicht umsonst spricht Plato von einer Lüge, wenn er den Wächtern die Fabel von der natürlichen Ungleichheit der Menschen empfiehlt – aber diese Idee konnte sich unter den veränderten materiellen Bedingungen keine Geltung verschaffen.
Für das Verhältnis von Sein und Denken hatte das tief greifende Folgen: Die Erkenntnis wies nicht nur blinde Flecken auf, sondern sie wurde absichtlich zum Erblinden gebracht. Das Denken wurde umgepolt, es wurde auf Unwahrheit eingeschworen.
Eben deshalb ist das Verhältnis von Sein und Denken ohne den Dritten im Bunde, die Macht, nicht zu verstehen. Es gibt keine »reine« Theorie der Erkenntnis, weil diese immer schon mit der »unreinen« Macht paktieren musste. Sobald das Denken deren Weisungen gehorcht, entsteht ein verzerrtes und falsches Denken, das sich dennoch als das richtige und allein gültige ausgibt. Es wird eine Fiktion aufgestellt, die den Rang einer unanfechtbaren Wahrheit beansprucht. So entsteht »artifizielle Wahrheit«, also Lüge, deren wesentliches Merkmal darin besteht, dass sie der Macht hörig ist und nur dann wirksam sein kann, wenn sie unter Androhung größter Strafen eben als evidente, unerschütterliche Wahrheit geglaubt wird.
Bei Plato war die Fabel von der menschlichen Ungleichheit nicht mehr als die intellektuelle Spielerei eines Mannes, der sich von einer Diktatur faszinieren ließ. Doch in Sparta war diese Lüge in den Rang eines Verfassungsdogmas erhoben. Niemand wagte sie zu bezweifeln - man hätte das eigene Leben riskiert. Nicht anders war es in Indien, in Ägypten, bei den Inkas, den Azteken, in den christlichen Ländern. Überall begegnen wir der Lüge Platos als heiliger, unumstößlicher Gewissheit.
Die Lüge von der menschlichen Ungleichheit gewinnt überhaupt erst an Schärfe, sie wird erst dadurch zu einer geglaubten und fanatisch verteidigten Realität, dass der Geist in ihren Dienst gelockt und gezwungen wird. Nicht nur der eines Philosophen – diese waren selten so einflussreich, dass sie das Denken ganzer Völker beherrschten – sondern vor allem die geistige Macht der Religion. Die Verbindung zu Gott war für die Wirkung entscheidend. Schon Plato hatte sich ihrer bedient, wohl wissend, welche Wirkung er damit erzielte: „Gottg, so heißt es in seiner Fabel, „hatc denen, die zum Herrschen geschaffen sind, Gold beigemischtcg.[30]
Erst nachdem die Lüge der Herrscher sich mit der Religion als ihrem treuesten Verbündeten vermählte, wurde sie nahezu unangreifbar. Diese seltsame Vermählung zwischen den höchsten Bedürfnissen und Aspirationen des Menschen - seiner Suche nach Sinn und letzter Wahrheit – und einer gewollten, systematischen und gnadenlosen Verkehrung der Wahrheit, macht eine Untersuchung über die Auswirkungen der Macht zugleich äußerst komplex und überaus schmerzhaft. Es ist geradeso, als hätte der Mensch seine besten Bestrebungen in den Dienst der niedrigsten Zwecke gestellt.
Die Religion musste dadurch ins Zwielicht geraten. Schon Epikur und Lukrez hatten darin ein Mittel der Herrschenden gesehen, um die Menschen durch Furcht zu beherrschen. „Soviel Unheil vermochte die Religion zu erzeugeng rief der letzte in seinem Gesang über die Natur der Dinge aus.[31] Es mussten aber fast zweitausend Jahre vergehen, bevor es wieder möglich war, eine ähnlich deutliche Kritik auszusprechen. Pierre Bayle, einer der ersten französischen Aufklärer, wagte es, seine Gedanken über das Zusammenspiel von weltlicher und geistlicher Macht zu einer Zeit niederzuschreiben, als man damit noch sein Leben riskierte. „Man hat zu allen Zeiten zugestanden, dass die Religion ein Band der menschlichen Gesellschaft ist, und die Untertanen sind niemals besser im Gehorsam erhalten worden, als wenn man den Dienst der Götter geschickt dazwischenzubringen gewusst.g[32] In Deutschland waren Feuerbach und Marx die namhaftesten Wortführer der kritischen Haltung. Der erste sah in der Gottesidee eine Projektion der menschlichen Psyche. Sein eigenes, ins Überdimensionale vergrößerte Bild warf der Mensch sozusagen an den Himmel, um sich danach in diesem Spiegelbild selbst anzubeten. Er empfing seine Befehle scheinbar von einem anderen Wesen, in Wirklichkeit von sich selbst.[33]
Marx formulierte den gleichen Tatbestand in noch schärferer Pointierung. Er sah in der Religion ein Mittel der Herrschenden, um die ihnen Unterworfenen zu domestizieren. Indem man den Menschen die Seligkeiten des Jenseits vorgaukelte, war es dann umso leichter, ihnen im Diesseits eine erbärmliche Existenz zu verordnen. Religion war, wie Marx es formulierte, das Opium des Volkes: also eine Beruhigungspille.
Es ist heute leicht, diese Kritik als oberflächlich zu bewerten, weil Religion weit mehr ist, als wozu der Missbrauch im Dienste der Macht sie erniedrigte und verformte. Friedrich Nietzsche, bezeichnenderweise selbst Pastorensohn, schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er ohne Wenn und Aber behauptet: „Noch nie hat eine Religion, weder mittel- noch unmittelbar, weder als Dogma noch als Gleichnis, eine Wahrheit enthalten. Denn aus der Angst und dem Bedürfnis ist eine jede geboren...g[34] Dennoch steht ihr Missbrauch ganz außer Frage. Das religiöse Empfinden des Menschen wurde zu genau denjenigen Zwecken missbraucht, die von Feuerbach und Marx so scharfsinnig bloß gelegt wurden. Die religiöse Deutung der Wirklichkeit, die überall auf der Welt eine spontane Reaktion des Menschen auf die ihn umgebenden Rätsel des Daseins und seine eigene Existenz darin ist, wurde so deformiert, dass man sie den Zwecken der Macht und der Mächtigen unterwerfen konnte.
Die frühe Vermählung von Ideologie und politischer Herrschaft ist schon in den frühesten Dokumenten der neuen Hochkulturen bezeugt. So z. B. in den Texten von Memphis, die in der Zeit des Gründers der ersten Dynastie, des Pharaos Menes, zu Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends entstanden. Wie Henri Frankfort zeigte, wird dort die Stellung des ägyptischen Gottkönigs aufs Engste mit dem Aufbau des ganzen Kosmos verknüpft. „Die Natur selbst wäre undenkbar ohne die Existenz des ägyptischen Königs. Die Memphis-Theologie legt davon ein deutliches Zeugnis ab. Sie zeigt, dass die Doppelmonarchie /über Ober- und Unterägypten/ einen göttlichen Plan verwirklicht. Die soziale Ordnung, wie sie von Menes begründet wurde, wird als Teil der kosmischen Ordnung dargestellt.g[35]
An der engen Verbindung von politischer Macht und religiöser Ideologie hat sich bis zum Christentum nichts Wesentliches geändert. Auch dieses hat sich mit den materiellen Zwängen der Agrarzeit arrangieren müssen. Zwar bestand eine Kernaussage des Christentums in der Lehre von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen. Jesus war der Sohn eines Bauhandwerkers, seine Jünger stammten ebenfalls aus kleinen Verhältnissen. Zeitlebens wandte der Gründer des Christentums sich gegen die Schriftgelehrten, welche neben der weltlichen Macht – den römischen Besatzern - damals den größten Einfluss besaßen. Denn für Jesus waren die Unterschiede von Einfluss und Macht völlig unbedeutend, da er anders als Plato keinen Staat auf festen Fundamenten begründen wollte, sondern die endgültige Auflösung des Staats angesichts des baldigen Weltunterganges vor Augen hatte. Ob Menschen im Hinblick auf Reichtum und Macht gleich waren oder nicht, spielte für ihn keine Rolle, da er sie als Kinder Gottes hier und jetzt ohnehin als völlig gleich und gleichberechtigt verstand. Da Gott alle Menschen in nächster Zeit vor seinen Thron rufen würde, hatten Unterschiede weltlichen Rangs alle Bedeutung verloren.
Wie wir wissen, hat sich Jesus in diesem Punkt geirrt. Das Weltende ist - leider oder zum Glück - denn doch nicht eingetreten. Die Christen hatten sich damit abzufinden, dass sie es in diesem Jammertal für unübersehbare Zeit weiter aushalten müssten. Genau das aber unterwarf sie denselben Zwängen, die auch überall sonst den Missbrauch der Religion zu Zwecken der Herrschaft zur Folge hatte. Die Lehre von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen musste nun so umgepolt werden, dass sie mit diesen Zwängen im Einklang war. Der Staat sollte ja weiterhin funktionieren, und das konnte er in den Augen der Machthaber nur, wenn ihre überlegene Stellung zweifelsfrei feststand. So redet schon Paulus den Mächtigen nach dem Mund, wenn er von den christlichen Gemeinden ihnen gegenüber strikten Gehorsam fordert: »Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet« (Römerbrief 13,1).
Allerdings war die Lehre Christi noch in lebendiger Erinnerung. Es bedurfte daher eines Kunstgriffs, um sie mit der paulinischen Vergötzung der Macht, in Übereinstimmung zu bringen. Die »artifizielle« Lösung dieses Problems bestand nun darin, dass man zur gleichen Zeit die religiös geforderte Gleichheit und eine faktisch gebotene Ungleichheit akzeptierte, die in Griechenland und Rom weitgehend in Sklaverei bestand. Die Gleichheit durfte nur vor Gott Geltung haben, wie Paulus an anderer Stelle betonte.[36] Dagegen sollte sie ohne Auswirkungen auf die tatsächliche Stellung der Bevölkerungsmehrheit bleiben. Diese blieb weiterhin dazu verurteilt, als Nahrungslieferant für eine Minderheit zu dienen, die ihre Stellung nun mit Hilfe des Christentums als göttlich gewollt interpretierte: als Gottesgnadentum.
Ob Katholizismus oder spätere lutherische Reformation – durch 1800 Jahre christliche Geschichte hatten die dienenden Nahrungsbeschaffer das Joch irdischer Ungleichheit auf sich zu nehmen. Als sie unter Luther von Freiheit hörten und sich in den Bauernkriegen empörten, lieferte dieser sie bedenkenlos und mit einem schrecklichen Wort der Wut ihrer Herren aus. »Solch wunderliche Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann, besser als andere mit Beten.«
Auf diese Weise wurde das Christentum – ursprünglich eine Lehre menschlicher Gleichheit - in den Dienst der weltlichen Macht gestellt und für die Zwecke der Ungleichheit instrumentalisiert. Die einen wurden mit Gottes Gnade in ihrer Herrschaft befestigt, die anderen mit Gottes angeblicher Billigung in Unterwerfung gehalten. So sollte s über Jahrhunderte bleiben. Es war, wie Norbert Elias sagt „die natürliche und selbstverständliche Ordnung der Welt, dass die Krieger, die Edlen Muße haben, sich zu vergnügen, und dass die anderen für sie arbeiten. Es fehlt die Identifizierung von Mensch und Mensch. Es gibt nicht einmal am Horizont dieses Lebens /im christlichen Mittelalter/ die Vorstellung, alle Menschen seien »gleich«.g Denn „so hat Gott die Welt geschaffen, die einen sind Herren, die anderen sind Knechte.g[37]
Bis zum Beginn der industriellen Revolution hat sich daran kaum etwas geändert. Selbst noch im achtzehnten Jahrhundert – dem Jahrhundert der Aufklärung – konnte ein Papst sich offen über den Gedanken menschlicher Gleichheit mokieren. Als Antwort auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte schrieb Pius VI. am 10. März 1791: »Kann man etwas Unsinnigeres ausdenken als eine derartige Gleichheit und Freiheit für alle zu dekretieren?«[38]
Es war eine seltsame Art der Gerechtigkeit, die die Macht dabei etablierte. Von den Unterworfenen verlangte sie den Verzicht im Diesseits, das sie, um ihn zu erleichtern, als Jammertal abwertete. Dafür wurde im Jenseits, das sie zum Paradies verklärte, reiche Entschädigung verheißen. Allerdings galten dabei für Herren und Volk jeweils andere Spielregeln. Während die ersteren sich vorzugsweise schon auf Erden paradiesische Zustände schufen, wurde das Volk mit kommenden Freuden vertröstet.
De facto blieb dabei alles weitgehend beim Alten, d.h. so wie es schon unter Griechen und Römern gewesen war. Die Aufstiegschancen, die das Christentum Menschen der unteren Klassen (z.B. über die Kirche) zu bieten vermochte, waren gewiss nicht größer als in Athen oder Rom. Dort war es besonders begabten Sklaven möglich gewesen, sich freizukaufen oder von anderen freigekauft zu werden - eine institutionell vorgegebene Aufstiegschance, die immerhin eine gewisse (wenn auch statistisch wohl nur geringe) Fluktuation zwischen unten und oben bewirkte. Auch die heimliche Überzeugung, dass im Grunde alle Menschen gleich geboren und nur aufgrund eines unberechenbaren Schicksals in verschiedene Richtungen verschlagen waren, war in Griechenland und Rom kaum weniger ausgeprägt als in der darauf folgenden christlichen Ära.
Das Christentum brachte in dieser Hinsicht keinerlei Fortschritt. Im Gegenteil fügte es der faktischen Entrechtung eine »artifizielle Wahrheit« hinzu. Es ermunterte die Unterdrückten zum Stillhalten im Diesseits, weil Gott ihnen angeblich große Belohnung dafür im Jenseits in Aussicht stellte. Kritik und Hohn, welche die Aufklärer bis hin zu Marx an dieser ideologischen Betäubung übten, sind also durchaus gerechtfertigt. Immerhin hatte Plato die Fabel von den unterschiedlich geborenen Menschen noch als bewusste Lüge verstanden. Die Lüge vom Gottesgnadentum einer Macht und der Notwendigkeit sich ihr zu fügen, um das eigene Seelenheil nicht zu gefährden, wurde dagegen als evidente Wahrheit geglaubt und verbreitet. Fast zwei Jahrtausende haben Ketzer mit ihrem Leben dafür gebüßt, Zweifel daran zu äußern.
Der Missbrauch der Religion im Dienste der Macht war jedoch in vielen früheren Hochkulturen noch sehr viel weiter gegangen. Er lässt sich auf eine knappe Formel bringen: Gott wurde zum König umgedeutet bzw. der König zu einem Gott oder dessen unmittelbarem Stellvertreter erklärt. Das Motiv für diese enge Verbindung zwischen einer überweltlichen Macht und der weltlichen Herrschaft war in Platos Fabel schon angedeutet. Die Herrschenden wollten ihre Stellung gegenüber den Beherrschten auf Dauer sichern. Sie brauchten dazu eine Legitimation, die sie unangreifbar machte.
Wir sahen, dass die nach 8000 vor Christus einsetzende sozio-ökonomische Revolution die Gesellschaft mit der Zeit in zwei Schichten trennte, eine Mehrheit von Nahrungsbeschaffern und eine Minderheit, die sich von ihnen ernähren ließ. Eine solche Herrschaft ließ sich zwar durch die Gewalt der Waffen begründen – wir dürfen annehmen, dass sie fast immer auf diese Weise zustande kam - aber man konnte sie auf diese Art nicht dauerhaft aufrechterhalten. Es genügte nicht, dass ein siegreicher Eroberer vor die Unterworfenen trat und seinen Willen proklamierte: »Ich, das Individuum so und so, will, dass es so und nicht anders geschehe!« Ein solches Vorgehen half ihm gerade so lange, wie er den Unterworfenen das Schwert an die Kehle hielt. Es war ihm aber darum zu tun, dass seine Untertanen ihm auch noch in seiner Abwesenheit oder Schwäche die Treue hielten oder nach seinem Tod seinem Sohn und seinen Enkeln. Dazu musste er sich auf eine Instanz beziehen, die allen gleichermaßen als Bezugspunkt und Maßstab galt: ihm, dem Herrscher, und ebenso den Beherrschten.
Dieser Bezugspunkt war notwendig eine Instanz, die über beiden thronte. Man gab ihr verschiedene Namen: Gott, Dao, die Weltordnung, das Weltregiment oder wie auch immer. Entscheidend war, dass sie für alle als Schiedsrichter über richtig und falsch, gut und böse in Frage kam.
Wie gesagt, der Herrscher brauchte diese über der ganzen Gesellschaft thronende Instanz, um sich nicht bei jeder Entscheidung auf sein persönliches Wollen beziehen zu müssen. Damit hätte er sich auf dieselbe Stufe wie jeder andere Mensch gestellt. Sein Wollen und seine Entscheidungen wären daher auch nicht mehr wert als die beliebiger anderer Menschen gewesen. Ganz anders war es dagegen, wenn er sagen konnte: »ER oder ES will es so«, und wenn dieses ER oder ES allen als eine übergeordnete Macht erschien, der sich jeder zu beugen hatte. Dann war es nicht mehr das persönliche Wünschen und Wollen eines bestimmten Individuums, das diese Entscheidungen fällte, ein Wollen, das man stets egoistischer Motive verdächtigen konnte, sondern eine höhere Macht, die sich dieses Individuums bediente. Der Herrscher stellte sein Ego in den Schatten einer ihn und seine Untertanen gleichermaßen überragenden Instanz.
Es ist also kein bloßer historischer Zufall, wenn überall auf der Welt, wo nach der von Mesopotamien ausgehenden neolithischen Revolution große Königreiche entstanden, die Herrscher zu diesem nahe liegenden Mittel griffen. Es lag in der »Psycho-Logik der Macht«, ihr persönliches Wollen hinter der Fassade einer göttlichen Instanz zu verbergen, um es so in den Augen der Beherrschten zu legitimieren. Einerseits schmückten sich Könige und Fürsten mit Wappen, auf denen Löwe und Adler prangten – den uralten Symbolen der nackten Gewalt. Aber Löwe und Adler, die physische Gewalt, lauerten zwar immer im Hintergrund, aber sie allein hätten eine dauerhafte Herrschaft nie garantieren können. Keine andere Strategie war zu diesem Zwecke so wirksam wie diese Berufung auf eine übergeordnete Macht. Sie bildete sozusagen einen schützenden Wall, hinter dem sich der Herrscher verbergen konnte. Mochte er als Individuum noch so unbedeutend, abstoßend, hässlich oder schlicht dumm sein. Das zählte wenig, solange er sich den Glanz einer alle Menschen überragenden Gottheit zu borgen vermochte. Denn was immer er tat, ging ja nicht mehr von seinem kleinen Ego aus, sondern entsprang den Absichten eines höheren Wesens, für das er als Sprachrohr fungierte. Die Psycho-Logik der Macht wirkte überall auf die gleiche Weise. Sie sorgte dafür, dass die Herrscher sich selbst zu menschlichen Instrumenten in der Hand göttlicher Mächte erklärten.
Das war eine systematische Verfälschung des Denkens zugunsten der Macht. Macht trat zwischen Denken und Sein und zog einen Schleier vor die Erkenntnis der Wirklichkeit. Hatten Gewalt und historischer Zufall einen Mann und seine Anhänger an die Spitze gebracht, dann dauerte es nicht lange, bis ein verklärendes Licht dieses Individuum als schützende Aura umhüllte. Es dauerte nicht lange, bis der Mann an der Spitze ebenso wie die von ihm befehligten Massen die Fabel Platos glaubten. Dem Herrscher war nun Gold beigemischt – und Gott selbst hatte diese Verwandlung bewirkt.
Dadurch wurde ursprüngliche Gewalt in die Bahn einer unanfechtbaren Ordnung gelenkt. Aus dem historischen Zufall eines Siegs über Schwächere wurde ein notwendiges, von höchster Stelle sanktioniertes Geschehen, das durch künftige historische Zufälle gleicher Gewaltanwendung nicht wieder rückgängig gemacht werden durfte. Die Ideologie rechtfertigte im Nachhinein die erste Gewaltanwendung und verhinderte zugleich weitere Gewalt, indem sie die bestehende Macht mit hohen Barrieren gegen alle Umsturzversuche schützte. Die ideologische Legitimation stellte demnach einen Akt der Weihe dar: Eine unanfechtbare göttliche Ordnung sanktionierte die zufällig entstandene menschliche Ordnung und hob sie damit weit über allen Zufall hinaus.
Vor dem Hintergrund der vorausgehenden Geschichte war das radikal neu. Die Logik der Macht und ihrer Rechtfertigung präsentierte sich in den großen Agrarzivilisationen auf grundlegend andere Art als während der vorangehenden Epoche. Der religiöse Kosmos von Jägern und Sammlern war überwiegend von beseelten Potenzen erfüllt, die mit den konkreten Erscheinungen von Baum, Strauch, Blume, Fuchs oder Bär, aber auch Fluss, Meer, Stein und Gebirge unlösbar verbunden blieben. Es gab keine tote Natur und keinen von dieser deutlich getrennten Geist, stattdessen gab es eine überall atmende, lebende Welt, in der der Mensch nur eines unter unendlich vielen Geistwesen war. Die egalitäre Gesellschaft der Jäger und Sammler spiegelte sich in einer egalitären Natur, in der ein Bärengeist ebenso wirklich und wirksam sein konnte wie der Geist eines Menschen und jeder auf den anderen Rücksicht zu nehmen hatte. Zu seinem eigenen Überleben auf tierische Nahrung angewiesen, empfand der Mensch das Töten anderer Wesen als einen Eingriff, der Abbitte erforderlich machte. Verbreitet waren daher die Opfer an die Geister der Toten und der Getöteten.
Dieser unüberschaubaren Vielfalt einer animistisch beseelten Natur hat der Mensch nur wenige Monumente errichtet, die Natur selbst war das Monument, vor dem er erschauerte. Er hat ihr auch nur wenige, zumindest nur wenige die Zeit überdauernde Tempel erbaut, die Natur selbst war der ihn umfangende Tempel. Die Jäger und Sammler ersannen eine Fülle von magischen Praktiken, mit denen sie auf den Geist der sie allseits umgebenden Wesen einwirken und sie beeinflussen konnten. Das war ihre Art der geistigen Kommunikation mit der Natur. Denn so wie der Mensch sich selbst als ein geistiges und wollendes Wesen erlebte, schrieb er auch den ihn umgebenden Pflanzen, Tieren und Dingen einen Geist und ein Wollen zu. Wenn er sie lenken und für seine Zwecke nutzen wollte, musste er mit dem eigenen Wollen auf das Wollen der übrigen Wesen einwirken.
Das alles änderte sich grundlegend in den großen Agrarzivilisationen. In der nun aufkommenden Gesellschaft der Ungleichen konzentrierte sich menschliche Herrschaft in wenigen Händen. Ebenso verdichtete sich nun auch der Geist, der zuvor die gesamte Natur erfüllte, in wenigen Gottgestalten, die in zunehmendem Maße menschliche Züge aufwiesen - auch wenn sie, wie etwa in Ägypten oder in Indien weiterhin ihre Herkunft aus der animistischen Welt verrieten.[39] Diese zunehmend vermenschlichten Götter wurden individualisiert, aus der Natur herausgelöst und hinausgehoben[40], nicht anders als die neuen Herrscher, welche die Menge so weit überragten. Vermenschlichung und gleichzeitige Entrückung charakterisierten auch das Alltagsleben der Götter. Im Allgemeinen führten sie dasselbe höfische Leben wie die Vornehmsten der neuen Herren.
Der Vergleich mit dem Verhalten der früheren Jäger und Sammler erhellt auch hier einen scharfen Gegensatz. Dort hatte der Einzelne in der Gruppe wechselseitiges Teilen geübt, seinen Egoismus zu zähmen und jenes Maß an Rücksicht den Mitmenschen gegenüber zu zeigen gelernt, das er seinerseits auch von ihnen erwarten konnte. Gegenüber den neuen Herrschern wurde jedoch ein völlig anderes Verhalten verlangt. Da diese in unerreichbarer Ferne weit über gewöhnlichen Menschen schwebten, waren jetzt Schmeichelei, Selbstverleugnung und Unterwürfigkeit geboten. Wollten sie von den großen nicht einfach zertreten werden, mussten die kleinen Leute jetzt sämtliche Register der Ver-Herr-lichung ziehen. Diese grundlegende Veränderung im zwischenmenschlichen Umgang konnte nicht ohne weit reichende Auswirkungen auf das Verhalten des Menschen gegenüber den übernatürlichen Wesen sein.
Was in der menschlichen Sphäre galt, griff unmittelbar auf die menschlich-allzumenschlich vorgestellten höheren Wesen über. Die Geister und beseelten Potenzen einer animistisch vorgestellten Natur waren noch gleichberechtigte Gefährten des Menschen gewesen, der dem fernen Herrscher nachempfundene Gott aber thronte groß und erhaben in unerreichbarer Höhe.[41] Man musste ihm stattliche Häuser errichten, ihm die Füße waschen, ihn mit Sklaven umgeben, ihm mit menschlichen Lustfrauen (Bajaderen, Devadasis etc.) bei Laune halten, ihm die edelsten Güter und wie einem weltlichen Herrscher zur Not auch die eigene Person als Opfer darbringen.[42] Dagegen war es der höchste Frevel, an Gleichheit zwischen oben und unten auch nur zu denken.
Nach allem, was wir von Jägern und Sammlern wissen, stand deren Weltanschauung dazu in diametralem Gegensatz. So wie jeder einzelne nur einen gleichberechtigten Anspruch auf den ihm zustehenden Anteil hatte, war auch der Umgang des Menschen mit übernatürlichen Wesen weitgehend egalitär. Bären-, Adler- und Menschengeister verkehrten sozusagen auf demokratische Art miteinander. Man darf davon ausgehen, dass die Menschen der voragrarischen Epoche auch dann keinen übertriebenen Kult mit den Geistwesen der sie umgebenden Natur angestellt hätten, wenn sie materiell wohlhabender gewesen wären. Das hätte im Widerspruch zu ihrer Auffassung von Gleichheit und Gleichberechtigung gestanden. Erst die hierarchische Agrarzivilisation, die das arbeitende Volk und die über ihm thronenden Pharaonen, Gottkönige und Gewaltherrscher schroff voneinander trennte und dabei die einen in Armut hielt, während sie die anderen mit höchstem Luxus umgab, setzte sämtliche materiellen Ressourcen ein, um ihren Gott oder ihre Götter zu feiern. Das Verhältnis des Menschen zu den ihn umgebenden spirituellen Wesen wurde auf eine grundsätzlich andere Ebene gehoben. Aus den Geistern und geistartigen Wesen der frühen Menschen, mit denen sich diese noch in mystischer Art eins fühlen konnten, gingen jene unnahbaren Gottheiten hervor, vor denen man kriechen und sein Haupt in den Staub werfen musste.
Die Psycho-Logik der Macht führte nun auch zum Entstehen einer Schicht, die sich die Herrschaft mit den Königen und Fürsten teilte und für die meisten (wenn auch keineswegs für alle) großen Agrarzivilisationen kennzeichnend war: die Schicht der Priester. Unter den egalitären Jägern und Sammlern hatte es Priester im späteren institutionellen Sinn noch nicht geben können, weil diese Gesellschaften noch keinen Überschuss produzierten, wovon sie ernährt werden konnten. So wie Herrschaft aus denselben Gründen »demokratisch« von der Gruppe ausgeübt wurde, wobei sich allenfalls stärkere Naturen vorübergehend Vorteile vor den anderen verschafften, dürften auch die religiösen Anschauungen mehr oder weniger im Besitz der ganzen Gruppe gewesen sein, ohne dass es zu einer eindeutigen Differenzierung zwischen Laien und Priestern kam. Dies änderte sich erst mit der Verfestigung menschlicher Ungleichheit.
Es entstand eine Klasse von Priestern, besser gesagt, musste sie aufgrund einer Psycho-Logik der Macht entstehen, die dem Herrscher erst mit Unterstützung der Priesterschaft eine unanfechtbare Stellung verschaffte. Denn die Umwandlung des Herrschers zu einem Sprachrohr Gottes reichte dafür allein noch nicht aus. Nur dem außerordentlichen Individuum, dem durch sein Charisma seine Mitmenschen weit überragenden Herrscher, konnte es gelingen, sich als göttliches Werkzeug auszugeben. Durchschnittlichen Menschen wurde das nicht geglaubt, und mit einer direkten Stellungnahme der betreffenden Gottheiten selbst war nicht zu rechnen. Sie blieben unsichtbar und hielten sich vornehm zurück. Es gab daher gar keine andere Wahl, als ausgewählte andere Menschen über Fragen der Legitimität als letzte Schiedsrichter entscheiden zu lassen. Von ihnen mussten sie geprüft, gebilligt oder im negativen Fall verworfen und mit einem Bann geächtet werden. Diese bestallte Schicht von Schiedsrichtern waren die Priester. Sie mussten darüber befinden, welcher Art die Wünsche und Forderungen Gottes an die Menschen waren und welche Hoffnungen und Versprechungen er ihnen machte. Gestützt durch die Priesterschaft, konnte der Herrscher dann seine Dekrete als Weisungen Gottes ausgeben. Er konnte sicher sein, dass andere ihn darin nicht ungestraft imitierten. Denn die Priesterschaft hatte nur ihn gesalbt. Sie bürgte dafür, dass nur er das Recht besaß, Gottes Willen auf Erden auszuführen.
Erst so konnten die weltlichen Herrscher ihre Stellung wirklich befestigen. Durch Gewalt an die Macht gekommen und durch Gewalt in ihr erhalten, hätten sie sich nicht anmaßen können, auch noch Gott und seine Wünsche in ihre Gewalt zu bringen, indem sie beide nach eigenem Gutdünken definierten. Ihre Legitimation durch einen Gott, den jeder als ihr Geschöpf durchschaute, wäre wertlos gewesen. Der Bezug auf eine höchste Instanz konnte ihnen nur dann einen wirklichen Vorteil verschaffen, wenn diese der Bevölkerung, vor der die Herrscher ihre Stellung rechtfertigen wollten, als unabhängig erschien. Daraus folgte, dass die Priester für den Herrscher nur dann echte Bundesgenossen abgaben, wenn sie in den Augen des Volkes als selbstständige und neutrale Vermittler erschienen. Obwohl abhängig von der weltlichen Macht, mussten sie doch den Anschein erwecken, ganz unabhängig von dieser und ihren Zwecken zu urteilen.
Waren diese Voraussetzungen erfüllt, so erwies sich die Existenz und Funktion dieser neutralen Schicht in der Mitte zwischen Herrscher und Volk und in direkter Verbindung mit den überweltlichen Mächten als beste Stütze weltlicher Herrschaft. „Die Geistlichkeit,g so erkannte schon Schiller, „war von jeher eine Stütze der königlichen Macht und musste es sein.g[43] Denn ihre Existenz ergibt sich aus der Psycho-Logik der Macht, d.h. deren Bedürfnissen. Erst sie macht verständlich, warum eine Schicht von Priestern bald nach der neolitischen Revolution an den verschiedensten Punkten der Erde entstand.
Natürlich hatten Priester als religiös motivierte Menschen noch eine Fülle anderer Aufgaben für ihre Mitmenschen zu erfüllen. Ihre Existenz erschöpft sich nicht in der Funktion als Stütze der Macht. Doch die Aufgabe, um deretwillen die Macht sie brauchte und duldete, bestand in den großen Agrarzivilisationen zweifellos darin, dass sie der Ungleichheit von Oben und Unten das göttliche Plazet verschafften. Die weltlichen Fürsten hätten diese Nebenbuhler um die wenigen »freien Stellen« sonst erst gar nicht neben sich groß werden lassen. Es machte für sie keinen Sinn, das Volk einerseits rücksichtslos auszuquetschen, andererseits jedoch eine Schicht an ihrer Seite zu dulden, die von diesem Überschuss einen wesentlichen Teil in die eigenen Kassen lenkte. Nur die Tatsache, dass dieses materielle Teilen durch den Vorteil ideologischer Rechtfertigung mehr als wettgemacht wurde, erklärt das sonst unverständliche Faktum, dass sich organisierte Priesterschaften in fast allen großen Agrarzivilisationen neben der weltlichen Herrschaft zu bilden und zu erhalten vermochten.[44] Ob wir es wollen oder nicht, Platos Fabel, die Lüge von der menschlichen Ungleichheit, steht an der Wiege der geistlichen Priesterschaft als einer im Staate geduldeten Institution.
Andererseits ist es ein nicht weniger offensichtliches Faktum, dass jede menschliche Einrichtung, einmal geschaffen, ein mehr oder minder selbstständiges Eigenleben entwickelt. Weil eine neben der weltlichen existierende geistliche Macht der ersteren nur dann einen wirklichen Nutzen verschaffte, wenn sie in den Augen des Volkes als unabhängig erschien, haben Priester zu manchen Zeiten große Machtfülle auf sich vereinigen können. Aus einer scheinbaren Unabhängigkeit von der weltlichen Macht konnte dann eine durchaus reale werden. In bestimmten Situationen gelang es der Priesterschaft sogar, einen Herrscher zu stürzen, wenn dieser sein Volk zu sehr unterdrückte oder auch nur danach strebte, sie selbst als geistliche Macht übermäßig zu dominieren.
Priester befanden sich eben von Anfang an in einer zwiespältigen Stellung. Einerseits bildeten sie eine unerlässliche Stütze der weltlichen Macht. Nur sie konnten dem Anspruch der Herrschenden auf göttliche Billigung ihres Handelns eine »objektive« Grundlage sichern. Andererseits traten sie auch als Korrektiv der weltlichen Macht in Erscheinung und bildeten bis zu einem gewissen Grade sogar eine Gegenkraft. Wie konnte es dazu kommen?
Den Priestern fiel die Aufgabe zu, Gewalt durch Geist zu ersetzen. Sie sollten das Aufbegehren gegen die Ordnung durch unüberwindbare geistige Barrieren verhindern - genauso wirksam wie die Gewalt, aber auf unblutige Weise. Dies gelang ihnen, indem sie mit stetem Bezug auf überweltliche Herrscher der real bestehenden Macht die Weihe und Garantie der Ewigkeit verschafften. Einerseits beschworen sie den vermeintlichen Willen der jenseitigen Wächter und leiteten auf diese Weise zu Unterwerfung und Ehrfurcht an. Andererseits drohten sie mit den fürchterlichsten Strafen. Wer gegen die rechtmäßige Ordnung aufbegehrte, der wusste, dass er nicht nur die Sanktionen der weltlichen Fürsten zu fürchten hatte, sondern zur gleichen Zeit den weit gefährlicheren Zorn höherer Instanzen beschwor: den Zorn der Götter. Er setzte sich nicht allein diesseitigen Strafen aus, sondern ging auch noch der ewigen Seligkeit verlustig.
Diese geistige Konstruktion, diese Lüge im Dienste der Macht, verschaffte der Herrschaft ein schwer zu erschütterndes Fundament. Erst die Zusammenarbeit zwischen Priestern und Königtum verlieh den großen agrarischen Zivilisationen jene Stabilität, die in der vorangegangenen egalitären Gesellschaft noch selbstverständlich gewesen war und daher keines besonderen Schutzes bedurfte, aber unter dem neuen Regime der Ungleichheit grundsätzlich gefährdet war.
Dennoch, die Existenz einer institutionalisierten geistlichen neben der weltlichen Macht stellte für beide Teile eine Herausforderung dar. Es war ja nun wirklich eine Teilung von Macht. Die irdischen Fürsten, Könige und Kaiser hätten diese sicher viel lieber allein und ungeteilt ausgeübt. Dennoch waren sie klug genug, um den Vorteil der Legitimierung mit Hilfe der geistlichen Macht zu erkennen. Ob sie persönlich an einen überirdischen Herrscher wirklich glaubten oder wie Plato einfach den Vorteil der Lüge als Machtinstrument realistisch erkannten, war dabei natürlich unerheblich. So wie es auch belanglos war, ob die Vertreter der geistlichen Macht die von ihr geschaffenen Dogmen, Mythen und Heilserzählungen für wahr hielten oder nicht. War das letztere der Fall, so hüteten sie sich doch, die Wirksamkeit dieses Instruments durch leichtsinnige Offenheit zu gefährden. Ein Bekenntnis des zynischen Unglaubens wie der dem eitlen und prunkliebenden Renaissancepapst Leo X. (1513 - 1521) zugeschriebene Satz: „Welchen Nutzen die Fabel von Christus uns verschaffte, ist weltbekannt,g kann nur ein unbekümmerter Schwätzer von sich geben.[45] Auch wenn viele, möglicherweise die meisten Mächtigen, insgeheim so dachten wie er, konnten sie doch nichts Dümmeres tun, als laut darüber zu reden.
Denn unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung wussten sie nur zu gut, welche Vorteile ihnen der Schutz einer göttlichen Autorität verschaffte. Für eine Priesterschaft, die von der Religion als Machtmittel lebte, galt dies ohnehin, aber ebenso auch für die weltlichen Herrscher, die sich ihrer bedienten, und zwar selbst noch für die größten oder die brutalsten Gewaltherrscher der Geschichte. Alexander und Dschingis Khan, Tumur-i Läng bis hin zu Napoleon und Hitler beriefen sich auf Gott und die Vorsehung. Sie wussten, erst dadurch rechtfertigten sie sich in den Augen des Volkes und durften mit der Möglichkeit rechnen, ihrer Herrschaft Dauer und Festigkeit zu geben. Selbst ein Napoleon zog es bekanntlich vor, sein Kaisertum vom Papst zu empfangen. Dass er Pius VII. dann doch noch dadurch zu demütigen wusste, dass er sich die Krone im letzten Moment selbst aufs Haupt setzte, nahm dem Akt nichts von seiner grundsätzlichen Bedeutung. Dadurch wurde nur in geradezu exemplarischer Weise gezeigt, wie weltliche und geistliche Macht zugleich voneinander abhängig waren und sich doch gegenseitig zu übervorteilen suchten.
Denn durch ihre Liaison mit der geistlichen hatte die weltliche Macht sich zugleich eine unverzichtbare Stütze und einen starken Rivalen geschaffen. Sie stärkte die eigenen Ansprüche und beschränkte sie zugleich, und zwar auf doppelte Weise. Einerseits okkupierte die Priesterschaft nun selbst einen nicht unwesentlichen Teil der »freien Stellen« und lenkte damit, wie schon gesagt, einen breiten Strom des verfügbaren Überschusses in die eigenen Kassen. Andererseits unternahm sie immer erneut den Versuch, sich selbst noch über die weltlichen Herrscher zu setzen. Da sie jetzt ihrerseits einen Machtfaktor bildete, ging dieses Bestreben zwangsläufig aus der Psycho-Logik der ihr zugeteilten Aufgabe und Selbstdefinition hervor. Sie, die Priester, hatten ja einem Herrn zu dienen, der noch weit mehr Macht als alle weltlichen Fürsten besaß (und auch besitzen musste, wenn er für die Legitimation der letzteren taugen sollte). Daher durften sie als Diener und Sprachrohr dieser überweltlichen Instanz sehr wohl den Anspruch erheben, einen Platz noch über der irdischen Gewalt einzunehmen. So verhasst dieser Anspruch den weltlichen Herren auch war, verfügten sie dennoch über keine triftigen Argumente, um ihn zurückzuweisen. Denn so war es nun einmal: Die Gewalt hatte den Geist zur Hilfe gerufen, ohne ihn kam sie nicht aus, ohne ihn wäre ihre Herrschaft zerbröckelt, aber dieser Geist erwies sich als Zauberlehrling, der ihr selbst nun immer von neuem gefährlich wurde.
Wie aufgrund dieser Konstellation zu erwarten, ist es denn auch gekommen. Durch die ganze Geschichte der Agrarzivilisationen waren Fürsten und Priester einander in Hassliebe verbunden. Ohne das Schwert der weltlichen Macht hätte sich die Priesterschaft in ihrer Stellung nicht halten können, weil unter den Bedingungen der Ungleichheit keine Institution ohne die Drohung mit Gewalt auskommen konnte. Ohne die geistliche Macht aber war keine weltliche Herrschaft auf Dauer gesichert. Das Ergebnis war eine Vernunftehe zwischen Geist und Gewalt, aber gewiss keine Liebesbeziehung. Dennoch war sie im Großen und Ganzen so befriedigend für beide Teile wie eine Vernunftehe eben zu sein vermag. Geistliche und weltliche Macht teilten die »freien Stellen« unter sich auf und stützten sich gegenseitig. Solange beide dabei gemeinsame Interessen verfolgten, blieb ihre Herrschaft über die Bevölkerungsmehrheit weitgehend ungefährdet.
Aber dies war eben durchaus nicht immer der Fall. Zeitweise erschien es einer der beiden Parteien verlockend, die eigene Macht auf Kosten des Rivalen zu erweitern. Die Folgen bestanden dann in einer nicht abreißenden Kette von Machtkonflikten und »Investiturstreitigkeiten«. Wenn sich – um nur europäische Beispiele zu nennen - die weltliche Macht stark genug fühlte, eine übermäßige Abhängigkeit zu beenden, setzte sie die Päpste in Avignon (1309-1376), Valence (1798), Savona (1809) gefangen, oder sie zog, wie 1789 und noch einmal 1870 geschehen, den Landbesitz der Kirche und ihre sonstigen Güter ein. Wenn die Kirche die Oberhand gewann, dann ging sie nicht minder entschlossen vor. Sie exkommunizierte Könige und Kaiser, wiegelte dadurch das Volk gegen seine weltlichen Herren auf und zwang diese schließlich zu einem Gang nach Canossa.
Ähnliche Machtkonflikte – der berühmteste unter ihnen Echnatons Entmachtung der Amonpriester und deren spätere erfolgreiche Gegenwehr - markieren die Geschichte sämtlicher Hochkulturen. Auf lange Sicht stützten Priesterschaft und weltliche Herrschaft einander gegenseitig, aber die Hassliebe und gegenseitige Abhängigkeit, die sie miteinander verband, schloss kurzfristig keineswegs aus, dass sie sich heftig bekämpften – solange bis sie dann aufs Neue erkannten, wie wenig sie ohne einander auskommen konnten. Das lag in der Logik dieser gegenseitigen Abhängigkeit.
Befragen wir die Geschichte menschlicher Ungleichheit, dieser universal verbreiteten Lüge, auf die im Hintergrund wirksame Psycho-Logik der Mächtigen, dann scheint sich allerdings ein nahe liegender Einwand aufzudrängen. Warum musste es überhaupt zu einer Trennung von weltlichen und geistlichen Herren kommen? Da daraus eine wechselseitige Abhängigkeit mit fortwährenden Kommentkämpfen um den Vorrang hervorging, bot sich doch eine weitere Lösung an, für die zudem der Vorzug besonderer Einfachheit sprach. Wenn der weltliche König sich selbst zum Gott erklärte, dann fielen weltliche und geistliche Macht zusammen. Es bedurfte keiner unabhängigen legitimierenden Instanz. Jeder Akt der Gewalt, den ein Gottkönig ausübte, war dann ein Akt Gottes und von vornherein legitim. Eine Rivalität zwischen der weltlichen und der geistlichen Macht war dadurch von vornherein ausgeschlossen.
Dieser Verzicht auf eine unabhängige legitimierende Instanz war allerdings nur in den seltenen Fällen denkbar, dass bestimmte Menschen sich durch Charisma, also durch außerordentliche Fähigkeiten, von ihren Mitmenschen so sehr unterschieden, dass sie unerreichbar weit über sie hinausgehoben erschienen. Das Außerordentliche legitimierte sich dann selbst – eben durch seine Außerordentlichkeit. Der große Mensch rückte in die Nähe Gottes und wurde selbst als göttlich gesehen, weil man sich seine außerordentlichen Leistungen nur so zu erklären vermochte.
Für Gottesherrschaften (Theokratien) sprach noch ein weiterer Vorzug. Die Belastung der arbeitenden Mehrheit ließ sich dadurch verringern. Statt einer doppelten Hierarchie, die über den Massen thronte und von ihren Abgaben lebte, war nur eine einfache nötig. Administrative und religiöse Funktionen konnten in denselben Personen zusammenfallen.
Tatsächlich sind Theokratien in den verschiedensten Regionen der Erde zum Teil völlig unabhängig voneinander entstanden - ein augenfälliger Beweis, dass sie unter den Bedingungen der menschlichen Ungleichheit denselben existenziellen Bedürfnissen gehorchten. Die Vereinigung von Gott und König in einer Person finden wir ebenso im pharaonischen Ägypten wie in den Reichen der Inkas oder Azteken. Wir finden sie im Reich der Khmer und bis zum Ende des zweiten Weltkriegs bei den japanischen Tennos. Das islamische Kalifat hat diese Form der Herrschaft gekannt und in Europa das byzantinische Reich unter Kaiser Justinian und seinen Nachfolgern. Mit der gefälschten »Konstantinischen Schenkung« hatte sich die katholische Kirche seit dem 8. Jahrhundert ihrerseits die Perspektive einer theokratischen Entwicklung eröffnet. Sie erhob den Anspruch auf weltliches Fürstentum in Italien. Die Päpste traten daher zugleich als weltliche Herrscher auf, wobei sie diesen gegenüber den Vorteil genossen, sich ungenierter auf die göttliche Inspiration zu berufen. Zahllos sind die Päpste, die für ihren weltlichen Besitz kämpfen ließen oder sogar in eigener Person zur Waffe griffen.[46] Mit weniger Erfolg versuchten selbst noch Calvin und Cromwell diese Tradition fortzusetzen.
Gottkönigstaaten zeichnen sich dadurch aus, dass gerade sie einige der gewaltigsten und zum Teil auch großartigsten Monumente hervorgebracht haben. Das erscheint auch nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die in anderen Kulturen getrennten Bauwerke von Tempel und Palast in ihnen verschmelzen konnten. Die ägyptischen Pyramiden waren als Paläste für scheinbar verstorbene Götter gedacht, doch im Gegensatz zu Mausoleen für rein weltliche Herrscher dienten sie zugleich als religiöse Monumente. An materiellem Aufwand übertreffen die ägyptischen Pyramiden alles, was Menschen für ihre Herrscher jemals errichtet haben.
Von vergleichbarer Großartigkeit sind nur noch die Monumente Kambodschas: Angkor Wat und Angkor Thom - auch sie für lebende Gottheiten errichtet. Sie sind auf die Erde versetzte himmlische Städte, Verherrlichungen von Göttern, die sich dazu herabgelassen hatten, unter Menschen in Gestalt von Menschen zu weilen. Diese Gottesstädte sind weder Palast noch Tempel, sondern beides zugleich: großartiger Lebensraum einer zugleich weltlichen und geistlichen Macht. Sie sollten dem Volk bedeuten, dass es nicht zum Himmel zu blicken brauchte, um das Paradies und leibhaftige Götter zu sehen.
Auf den ersten Blick scheinen Theokratien die überzeugendste Lösung zu bieten, um menschliche Ungleichheit jeder Kritik zu entziehen. Wenn Herrscher von Natur aus weit über gewöhnlichen Menschen stehen, weil sie als Gottheiten auf unerreichbare Weise von diesen getrennt sind, dann ist jeder Aufruhr gegen die Herrschaft gleichbedeutend mit einer Auflehnung gegen einen mächtigen Gott und dadurch von vornherein zwecklos. Die Rechtfertigung und Zementierung von Ungleichheit, die in der Doppelmacht von Herrschern und Priestern immer nur auf unvollkommene und schwierige Art gelang, scheint im Gottkönigtum auf geradezu elegante Weise vollzogen. Durch die Verschmelzung von Schwert und heiligem Wort bedurfte die weltliche Macht nun keiner fremden Hilfe mehr, um die eigene Unanfechtbarkeit durchzusetzen; die geistliche Macht aber brauchte sich ihrerseits nicht auf einen weltlichen Arm zu stützen, dessen sie sich ja niemals ganz sicher sein konnte. Denn nun verfügte sie selbst über das Schwert. Ein lebender Gott konnte seinem göttlichen Willen mit irdischen Mitteln unmittelbar Gehör verschaffen.
Der größte Vorzug der Theokratie aber lag zweifellos darin, dass es in ihr keine Rivalität zwischen geistlicher und weltlicher Macht geben konnte, weder einen Gang nach Canossa noch eine Beschlagnahmung geistlichen Eigentums. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als wäre die Theokratie eine Regierungsform, die sich unter den Bedingungen der menschlichen Ungleichheit überall durchsetzen würde, weil Macht auf keine Art besser zu sichern war.
Doch eine solche Annahme widerspricht den historischen Tatsachen. Theokratien haben sich keineswegs allgemein durchsetzen können. Im historischen Prozess bildeten sie oft nur eine Übergangsphase, bis sich weltliches Herrschertum und geistliche Priesterschaft dann doch wieder auf verschiedene Köpfe verteilten. Die Königreiche des Vorderen Orients zwischen Mesopotamien, Persien und Ägypten waren seit dem dritten Jahrtausend bis gegen fünfhundert vor Christus überwiegend Theokratien bzw. Priesterschaften, die im Namen Gottes regierten, ebenso die indianischen Königreiche bis zur Eroberung durch Cortés und Pizarro, aber in Indien, China und später auch in Europa waren Doppelherrschaften von Königen und Priestern die Regel. In historischer Perspektive erscheint die Theokratie keinesfalls als eine Herrschaftsform, die den Dualismus von König- und Priestertum verdrängte oder ihn überhaupt gar nicht erst aufkommen ließ.
Warum hat die Zementierung menschlicher Ungleichheit sich dieser Lösung weniger oft bedient, als es aufgrund der genannten Vorteile nahe zu liegen schien? Ist dafür nur der historische Zufall verantwortlich? Ich glaube nicht. In diesem Zusammenhang halte ich Zufall nur für ein anderes Wort für unser Unwissen oder unsere mangelnde Bereitschaft, nach tieferen Gründen zu forschen. Beschäftigen wir uns nämlich etwas eingehender mit der Frage, dann erkennen wir, dass der scheinbare Zufall auf tiefer liegenden Ursachen gründet. Es zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass die offensichtlichen Vorteile von Theokratien durch gravierende Mängel mehr als wettgemacht werden. Die Geschichte des Khmerreiches von Kambodscha liefert uns einen Anhaltspunkt, warum die theokratische Lösung durchaus keine besonders stabile Herrschaft und damit bleibende Sicherheit garantierte.
Die Monumente von Angkor entstanden im zwölften und beginnenden dreizehnten Jahrhundert nach Christus. Sie sollten die unbegrenzte Macht von Königen demonstrieren, die ihren Mitmenschen gegenüber als Götter auftraten. So ließ sich Suryavarman II., der Erbauer von Angkor Wat (Regierungszeit 1113-1150), als Inkarnation des Gottes Vischnu verehren. Der Erfolg dieser Anmaßung entsprach der damit verbundenen Absicht. Gegenüber den eigenen Untertanen verschaffte sich der Herrscher Ansehen und Macht, wie sie sonst nur ein Gott für sich beanspruchen darf.
Doch in dieser Selbsterhöhung lag auch eine tückische und stets präsente Gefahr. Ein Mensch konnte sich irren, ein Gott durfte sich per definitionem nicht irren. Wenn ein weltlicher Herrscher für sich den Rang eines Gottes in Anspruch nahm, konnte er diesen nur solange glaubhaft aufrechterhalten, wie er in seinem politischen Handeln keine erkennbaren oder gar schwerwiegenden Fehler beging. Zu den fatalen Fehlern, die sich ein Gottkönig auf keinen Fall leisten durfte, gehörte eine Niederlage gegen andere Menschen, d.h. ein verlorener Kampf gegen äußere Feinde. Als im Reiche der Khmer die Armee der Gottkönige den ins Land dringenden Feinden erlag, war es mit ihrer Göttlichkeit in kürzester Zeit vorbei. Die Übermenschen sanken zu erbärmlichen Usurpatoren herab. Aus lebenden Göttern waren Hochstapler und Lügner geworden. Statt kniefälliger Verehrung wurde ihnen nur noch Hohn und Spott entgegengebracht.
Höchste Machtfülle und tiefster Fall lagen also ganz nah beieinander. Das war die Achillesferse jeder Theokratie. Wenn das Gottkönigtum in Ägypten länger als irgendwo sonst existieren konnte, dann weil dieses Reich auch weniger als andere von äußeren Feinden heimgesucht wurde. Und wenn demgegenüber in Mesopotamien nur Priesterkönige im Namen Gottes herrschten,[47] aber nicht selbst den Rang von Göttern für sich in Anspruch nahmen, dann liegt die Erklärung dafür in dem auffälligen Gegensatz zur Situation Ägyptens. Die Städte und Reiche Mesopotamiens lagen fortwährend im Krieg miteinander oder wurden von Nachbarvölkern bedrängt. Das Kriegsglück war dabei wechselhaft. Eine herrschender Priesterkönig und die ihn stützende Priesterelite konnten sich damit aus der Affäre ziehen, dass sie den Willen der Götter nicht richtig gedeutet hatten. Lebende Götter aber hätten sich unter solchen Bedingungen nicht lange zu behaupten vermocht.
So war es auch in Kambodscha. Mächtige Feinde umlauerten das Reich. Noch im 13. Jahrhundert waren Angkor Wat und Angkor Thom die himmlischen Stätten für lebende Gottheiten, doch nach den ersten Niederlagen durch die einfallenden und alles verwüstenden Thai waren sie in kurzer Zeit nur noch Geisterstädte. Von der materiellen Vernichtung hätte sich das Khmerreich vermutlich erholen können, doch die geistige Zerstörung überlebte es nicht. Die Könige waren für ihre Völker von da an entzaubert. Es gab in Kambodscha keine Gottkönige mehr.
Von diesem Schlag hat sich die Kultur der Khmer nie wieder erholt. Die himmlischen Städte – von einer Pracht wie sie sonst nirgendwo auf der Welt in diesem Ausmaß entstanden war - versanken und verfielen schließlich zu überwucherten Ruinen mitten im Dschungel. Eine Hochkultur, die in der kurzen Zeit von zweihundert Jahren zu einer weltgeschichtlich einmaligen Blüte gelangte, fiel auf das vorangehende primitive Niveau zurück.
Das ehemalige Reich der Khmer liefert ein eindrückliches Beispiel dafür, warum Theokratien, in denen ein Gottmensch an der Spitze des Staates steht und die ganze Machtfülle von König und Gott auf sich vereinigt, in Wahrheit so sehr gefährdet sind. Glaubhaft die Rolle von Göttern zu spielen, erwies sich für Menschen denn doch als ein recht schwieriges Unterfangen. Nur Charismatiker, außerordentliche Naturen, waren dieser Aufgabe gewachsen, doch der Alltagsmensch – und jede Dynastie bringt zwangsläufig nach einige Zeit den Durchschnittsmenschen hervor - musste vor ihr versagen. Die Gefahr, dass der lebende Gott seinen Untertanen plötzlich als hilfloser Mensch erschien und sein Gottestum dann in Scherben zerfiel, war für Theokratien eine permanente Bedrohung.
Die Schwierigkeiten beginnen schon damit, dass ein irdischer Gott wie seine himmlischen Brüder eigentlich nur standesgemäß leben konnte, wenn auch seine Gemahlin göttlicher Abkunft war. Auch dieses Problem ergab sich aus der Psycho-Logik der Macht. In Ägypten wurde es in der Art gelöst, dass ein sonst weltweit herrschendes und fast nie durchbrochenes Tabu, das Verbot des Inzests, für den göttlichen Herrscher außer Kraft gesetzt wurde. Er durfte die eigene Schwester heiraten, ja, er musste sie zur Gemahlin wählen, da nur sie so wie er selbst göttlicher Abkunft war.
Doch die Schwierigkeiten eines auf Erden weilenden Gottes machten sich erst richtig im täglichen Verhalten bemerkbar. So barg jede Entscheidung des Gottes natürlich das Risiko falsch zu sein – und den Untertanen daher als menschlich-allzumenschlich vorzukommen. Diese Gefahr ließ sich nur dadurch mildern, dass man dem Gottmenschen möglichst alle Entscheidungsbefugnisse über banale weltliche Dinge entzog. Nur dann war er von der Verantwortung für etwaige Misserfolge befreit. Ganz beseitigen aber konnte man sie nur, indem man überhaupt sämtliche Entscheidungen in andere Hände legte. Der Herrscher bewahrte sich dann das unbeschädigte Ansehen eines über allen Dingen stehenden Gottes, allerdings war er ein Gott ohne unmittelbare Handlungsbefugnis.
Diese bloß repräsentative Funktion nahm (mit wenigen Ausnahmen) der Tenno in Japan wahr. Auch die Pharaonen wurden immer wieder in eine Rolle gedrängt, in der sie sozusagen als Gottheiten ohne Portefeuille agierten. Eingeschlossen in ihre Paläste oder in ihren Harem spielten sie die Rolle von übermenschlich-erhabenen Potentaten, die durch ihre bloße Anwesenheit wirkten, aber wenig konkrete Macht besaßen. Die Gefahr, dass diese lebenden Götter durch menschlich-allzumenschliches Handeln ihre Göttlichkeit einbüßen würden, war dadurch gebannt. Doch war dieser Vorteil dann eben mit einer weitgehenden Machtlosigkeit erkauft. De facto herrschten andere im Namen des irdischen Gottes: weltliche Administratoren und geistliche Priester. Der Dualismus von weltlicher und geistlicher Macht kehrte auf diese Art durch die Hintertür wieder zurück.
Wenn die Herrschaft eines göttlichen Menschen Bestand haben sollte, dann musste man ihn aber nicht nur vor möglichen Fehltritten schützen, die seinen Status augenblicklich vernichtet hätten. Man musste auch dafür sorgen, dass er den neugierigen Blicken seiner Untertanen niemals so nahe kam, dass diese ihn in seiner Menschlichkeit sehen und die Ehrfurcht vor ihm verlieren konnten. Wenn schon eine spanische Königin keine Beine haben durfte. Mit einem Gott kann man nicht scherzen, man darf ihn nicht anfassen, ja ihm nicht einmal ins Antlitz blicken, ohne dass dieses eine so überwältigende Majestät ausstrahlt, dass der Betrachter davon geblendet wird.
Daraus ergab sich ein kaum noch zu lösender Widerspruch. Einerseits erfüllte der lebende Gott nur dann seinen Zweck, wenn über seine stete Präsenz kein Zweifel bestand, wenn er also ein sichtbarer Gott war. Nur darin lag ja der Vorteil der Theokratie im Vergleich zur dualen Herrschaftsform, in der man sich nur auf unsichtbare Götter berief. Andererseits durfte diese Präsenz aber niemals in gewöhnliche menschliche Nähe ausarten. Dieser typische Widerspruch führte überall zu den gleichen Paradoxien und Schwierigkeiten. Wie konnte man erreichen, dass der göttliche Herrscher zwar seinen Untertanen erhaben und übermenschlich erschien, aber dennoch für alle sichtbar in ihrer Mitte weilte?
Man bemühte sich, diese Schwierigkeit einerseits dadurch zu umgehen, dass man das Erscheinungsbild des Gottkönigs mit allen Mitteln der Prachtentfaltung ins Übermenschliche steigerte. So geschah es in Ägypten, wo der König als übermenschliches Wesen dargestellt wurde, auf großartigste Weise als Sphinx, ein Wesen halb Tier, halb Mensch und eben deswegen grundsätzlich verschieden von allen anderen Sterblichen.[48] Und so geschah es auch noch Jahrtausende später am Hof von Byzanz, wo man sich aber mehr auf die Mittel der Technik verließ. Liudprand von Cremona berichtete folgendes von seinem Besuch beim Kaiser, den er im Auftrag Ottos II. in seinem Palast aufsuchte:
„Vor dem Thron des Kaisers stand ein eherner, aber vergoldeter Baum, dessen Zweige erfüllt waren von Vögeln verschiedener Art, ebenfalls von Erz und vergoldet, die sämtlich, ein jeder nach seiner Art, den Gesang der verschiedenen Vögel ertönen ließen. Der Thron des Kaisers aber war so künstlich gebaut, dass er in einem Augenblick niedrig, im nächsten größer und gleich darauf hoch erhaben schien. Löwen von ungeheurer Größe, ich weiß nicht, ob aus Metall oder Holz, aber mit Gold überzogen, standen gleichsam als Wächter des Throns, indem sie mit dem Schweife auf den Boden schlugen und mit offenem Rachen und beweglicher Zunge ein Gebrüll erhobenc Als ich nun zum dritten Mal niedergefallen war und den Kopf emporrichtete, da erblickte ich ihn, den ich vorher auf einer mäßigen Erhöhung hatte sitzen sehen, fast bis an die Decke der Halle emporgehoben und mit anderen Kleidern angetan als vorher.g[49]
Die Distanz zwischen Herrscher und Untertan ließ sich auf doppelte Weise vergrößern: Man konnte den Herrscher ins Übermenschliche steigern oder umgekehrt die Untertanen verkleinern. Meist geschah beides zugleich. Dann mussten die Untertanen ihr Verhalten so ändern, wie es einem auf Erden wandelnden Gott gegenüber geboten erschien. So mussten sich etwa, wenn der Tenno sein Land bereiste, die Menschen vor ihm auf den Boden werfen, das Gesicht in den Staub gedrückt. Bei Todesstrafe war es den Angehörigen niederer Schichten verboten, den Blick zur göttlichen Majestät zu erheben. So wie in der Kirche der Gläubige seinen Blick vor der Hostie niederschlägt, weil er das Allerheiligste nicht zum Gegenstand banaler Neugierde machen darf, durften auch die Japaner früherer Zeiten den an ihnen vorüber ziehenden Gott nicht mit ihren Blicken entweihen.
Es gibt keinen Helden für den Kammerdiener, heißt es bei Hegel.[50] Banal formuliert, lag genau darin das Problem der Theokratien. Sie mussten zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen erfinden, damit der in ihrer Mitte zu einem Gott erhobene Mensch nicht als bloßer Mensch entlarvt werden konnte. Historisch hatten diese Vorsichtsmaßnahmen regelmäßig zur Folge, dass der göttliche Herrscher zur bloßen Repräsentationsfigur an der Spitze des Staates schrumpfte. Die reale Macht befand sich dann zwangsläufig in anderen Händen. Aus einer nominalen Theokratie wurde de facto wieder eine Doppelherrschaft aus weltlicher und geistlicher Macht. So war es in Ägypten, Persien oder Japan. Die reale Macht verteilte sich auf die getrennten Gruppen von Verwaltungsbeamten und Priestern. Psycho-Logik und tatsächliche Geschichte stimmen also auch hier genau überein. Theokratien boten keine wirklichen Vorteile gegenüber dualen Systemen.
Nirgendwo lässt sich der Missbrauch der Religion durch die Macht so deutlich belegen wie auf dem indischen Subkontinent. Denn nirgendwo sonst wurde menschliche Ungleichheit auf so systematische, so umfassende Weise durch Religion gerechtfertigt und begründet. Nirgendwo sonst ist diese Rechtfertigung auch so erfolgreich gewesen. In dem Sinne nämlich, dass diese von Menschen erdachte, von Menschen gemachte Ungleichheit den von ihr Betroffenen schließlich als etwas ganz Anderes erschien, nämlich als eine göttliche und ewige Ordnung, an der auch nur den geringsten Zweifel zu äußern als furchtbarstes Verbrechen erschien.
Bekanntlich reichen die Ursprünge der indischen Kastengesellschaft bis in die Zeit vor Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus zurück. Damals machten sich die einfallenden Arier, die das Land als Vieh züchtende Nomaden für sich erobert hatten, zu Herren einer von ihnen besiegten Bauernbevölkerung. Von Anfang an setzte sich diese Herrenschicht aus zwei deutlich getrennten Gruppen zusammen, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass beide sich von den Unterworfenen ernähren ließen. Einerseits gab es die bewaffneten Herren, vergleichbar dem europäischen Adel. Diese Schicht, die Kschatrijas, sorgte dafür, dass ihre Stellung als Freie mit Waffengewalt aufrechterhalten wurde. Neben ihnen gab es eine Schicht von geistlichen Herren, die diese Ordnung ideologisch begründeten und das Monopol auf die Auslegung der heiligen Überlieferungen besaßen. Das waren die Brahmanen. Zwischen beiden entwickelte sich eine ebenso enge Zusammenarbeit wie auch sonst zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Doch in Indien wurde menschliche Ungleichheit viel radikaler verstanden und praktiziert. Zunächst schlossen sich die Eroberer immer stärker von den Eroberten ab, dann schließlich auch noch gegeneinander.
Auf diese Weise kam es zur Entstehung der Kasten, die einander so streng getrennt gegenüberstanden, als hätte man es mit verschiedenen Arten der Gattung Mensch zu tun. Darin lag eine maximale Ausdehnung des Prinzips menschlicher Ungleichheit.[51] Hatte dieses zumeist ausschließlich darin bestanden, eine quantitativ kleine Herrenschicht von der Masse der Beherrschten zu sondern, so wurden in Indien nun auch die Beherrschten selbst in viele Segmente mit ganz unterschiedlichem Status getrennt. Noch heute gibt es in Indien unzählige Kasten, zum Teil solche die nur aus wenigen Menschen bestehen. Jede Kaste kann sich nämlich in beliebig viele Unterkasten zerteilen, die dann nach einiger Zeit selbst zu unabhängigen Kasten werden. Menschliche Ungleichheit wird damit zu einem generellen Prinzip, dass alle Menschen erfasst und schroff voneinander trennt, nicht nur Herrscher und Beherrschte. Durch die Kasten wurden alle Inder gleichsam in Zellen eingekerkert, aus denen es für sie kein Entrinnen gab, denn eine Vermischung durch Ehe (Konnubium) war weitgehend ausgeschlossen.[52]
So wurde die Lüge von der menschlichen Ungleichheit in Indien in einem Maße perfektioniert wie nirgendwo sonst.[53] Die lebenslange Gefangenschaft in den einzelnen Kastenzellen war praktisch ausbruchsicher, weil die Priester die Institution der Kaste zu einem zentralen Bestandteil der göttlichen Ordnung erhoben hatten.[54] Dabei muss man eine besondere ideologische Raffinesse der indischen Rechtfertigung menschlicher Ungleichheit darin sehen, dass sie das Los jedes Menschen als verdient und gerecht hinstellte. War er zum Beispiel ein Unberührbarer, so durfte er sich keinesfalls beschweren, ihn hatte ja nur das ihm gebührende Schicksal ereilt. Aufgrund seiner Taten in früheren Existenzen kam er mit einem moralischen Konto – Karma - zur Welt, das ihm nun einmal keine höhere Geburt ermöglichen konnte. Hatte er dagegen in früheren Existenzen die entsprechenden Verdienste erworben, so war es nur gerecht, dass seine Wiedergeburt ihm einen besseren Platz in den oberen Kasten verschaffte. Nach brahmanischem Weltverständnis erlitt oder genoss jeder Mensch genau dasjenige Schicksal, das er verdiente.
Im Sinne der Psycho-Logik der Macht kam es allerdings darauf an, dass es keinen gemeinsamen moralischen Maßstab gab. Hätte ein Unberührbarer sich durch ein moralisches exemplarisches Leben mit einem Brahmanen messen können, der habgierig, wollüstig, grausam oder verbrecherisch lebte, so wäre die ganze Ordnung aus den Fugen geraten. Einen solchen Vergleich musste das System von vornherein als unzulässig ausschließen. Der Vergleich wurde stattdessen auf eine andere, rein imaginäre Ebene abgeschoben. Der Brahmane war rein, alle unter ihm stehenden Kasten waren weniger rein, und die untersten, die deswegen auch die Unberührbaren heißen, galten als völlig unrein. Ihre bloße Gegenwart wirkte für reinere Kasten befleckend. An die Stelle der tatsächlich bestehenden Gleichheit der Menschen war so ein fiktives Fluidum getreten, das – obwohl eine bloße Erfindung der brahmanischen Ideologie – sich in seiner Wirkung als allgegenwärtig erwies. Kein objektives Kriterium wie persönliche Leistung, Willensstärke, moralischer Vorzug vermochte gegen die fiktive Skala von rein und unrein anzukommen. Die »Gemeinheit« der Gemeinen war daher in Indien noch viel tiefer als im feudalen Europa verwurzelt. Seiner niederen Lebenslage konnte ein Inder grundsätzlich allenfalls nach dem Tode entkommen. Nur eine bessere Wiedergeburt konnte das Los eines Menschen ändern. Aber ein im Sinne der besseren Wiedergeburt verdienstvolles Leben konnte immer nur darin bestehen, dass ein Mensch die Pflichten seiner jeweiligen Kaste erfüllte. Der verachtete Abdecker, dessen Leben in der Auswertung von Kadavern bestand, und der unreine Sweeper, dem die Reinigung der Latrinen oblag, erwarben nicht etwa dadurch ein besseres Karma, dass sie Nächstenliebe oder Mildtätigkeit übten. Dadurch hätte sich nichts an ihrer Unreinheit geändert. Die Aussicht auf eine bessere Wiedergeburt konnten sie allein dadurch erwerben, dass sie in ihren schmutzigen Arbeiten den Sinn ihres Lebens erblickten und nie etwas anderes wollten, als das Los, das ihnen angeblich vom Schicksal zugedacht war.
Wer so die Pflichten der eigenen Kasten erfüllte, der übte »Dharma« - gottbefohlene Pflicht und göttliches Recht in einem. Der Brahmane, der neben den weltlichen Herrschern als einziger von dieser Weltanschauung wirklich profitierte, machte die Ideologie unangreifbar, indem er jeden zum Herrn seines eigenen Schicksals erklärte und statt nach objektiven Kriterien die Menschen nach der fiktiven Skala von rein und unrein unterschied. Wie bei jeder anderen erfolgreichen Ideologie wurde der nahe liegende Gedanke völlig verdrängt, dass diese Theorie von niemandem überprüft werden konnte.
Stattdessen wurde das System durch Verheißungen gefestigt. Wer sich den Vorschriften seiner Kaste gehorsam unterwarf, dem wurde die höhere Wiedergeburt zur Belohnung in Aussicht gestellt. Gerade die am stärksten benachteiligten Kasten sahen daher ihre einzige Chance auf ein besseres Leben in willigem Wohlverhalten. Die höchsten Prämien setzte die religiöse Begründung der Ungleichheit also für diejenigen aus, die sich den bestehenden Zuständen fügten. Doch erfüllten sich diese Prämien bezeichnenderweise eben niemals im Diesseits – hier brauchte die bestehende Herrschaft keine Abstriche von ihren Privilegien zu befürchten. Die Belohnung für die verlangte Fügsamkeit trat grundsätzlich nur im Jenseits ein. Sie erfüllte sich nach einer fiktiven Wanderung über Tod und Neugeburten.
Die hinduistische Rechtfertigung für menschliche Ungleichheit dehnte dieses Prinzip nicht nur über die ganze Gesellschaft auf, indem sie diese in Tausende von ungleichen Gruppen zerteilte, sondern sie ging noch einen entscheidenden und in seiner Radikalität einzigartigen Schritt weiter. Ungleichheit wurde sozusagen zu einem den ganzen Kosmos umfassenden Prinzip erhoben, sie war universal und ließ sich deshalb auch auf allen Ebenen des Seins nachweisen. Angefangen von Pflanzen und Tieren über die Menschen verschiedener Kastenstufen bis hin zu den Göttern nahmen alle Wesen des Universums jeweils den ihnen aufgrund ihrer Taten oder ihres Verhaltens gebührenden Platz ein. Ein Gott konnte aufgrund eines negativen moralischen Saldos (Karma) wieder zum Menschen absinken, umgekehrt konnte eine Pflanze aufgrund positiven Karmas zum Tier aufsteigen, ein Tier als Mensch niederer Kaste wiedergeboren werden. Jedes Wesen wurde nach seinen Taten belohnt oder bestraft.
Dieser alles durchdringende moralische Kosmos war in sich so abgeschlossen, so durchkonstruiert, so mit Tausenden von Fäden an allen Erscheinungen der äußeren Natur und der Gemeinschaft der Menschen festgezurrt, dass er für die in ihm lebenden Menschen die Evidenz einer naturhaften Ordnung besaß. Nur so wird verständlich, warum die religiöse Massenbeherrschung durch die indische Kastenordnung sich als so bemerkenswert dauerhaft und stabil erwies. Selbst Christen und Muslime wurden in ihren Bann gezogen, auch sie haben in Indien kastenähnliche Ordnungen errichtet.[55]
In allen Agrarzivilisationen, wo Macht erblich war, kam man ohne die Lüge von der Ungleichheit des Menschen nicht aus. Lügen bedeutet eine Absage an das selbstständige Denken, an die Vernunft. Macht war irrational, und weil sie auf Irrationalität begründet war, wertete sie diese auf und blickte auf die Vernunft mit Geringschätzung oder offener Verachtung. Nicht zufällig stehen sich in diesem Kampf zwischen Vernunft und irrationaler Willkür die sozial Deklassierten der privilegierten Schicht gegenüber. Und nicht zufällig siegte zum ersten Mal seit der neolithischen Umwälzung in der französischen Revolution die Vernunft der kleinen Leute über die verordnete Willkür der großen. Vernunft war die Waffe der Ohnmächtigen, die mit ihrer Hilfe die Macht zu relativieren oder zu stürzen versuchten. Bis dahin hatte Macht, die auf Gewalt begründet war und Religion zu ihrer Rechtfertigung missbrauchte, sich weder auf Argumente noch Diskussionen eingelassen. Credere tibi iussum est, non discutere permissum. »Du sollst glauben, nicht diskutieren«, hatte schon der heilige Athanasius verfügt.[56] Für die Macht kamen nur Offenbarungen, eben Machtworte, in Betracht, deren wirksamer Hintergrund die Sprache der Waffen war.
Die Vernunft war der Macht immer gefährlich, weil sie die verbotenen Fragen stellte. Warum sind die einen oben und die anderen Arbeitssklaven? Entspricht das wirklich einer gottgegebenen oder in der Natur verankerten Ordnung? Die Vernunft kennt keine blinde Verehrung. Mitleidslos blickt sie auf die Herren, seien es weltliche Fürsten oder geistliche Oberhäupter. Sie neigt dazu, deren Schwächen grell zu beleuchten, und dann die Frage zu stellen, ob nicht andere an ihrer Stelle die Aufgaben viel besser erfüllen könnten. Wenn die Vernunft sich den Kopf eines großen Denkers wählte und zu philosophieren begann, konnte sie der Macht sehr gefährlich werden. Diese blickte daher stets mit größtem Misstrauen auf den Geist. Sie hieß ihn willkommen, umschmeichelte ihn sogar, wenn er sich ihr in dienender Funktion unterwarf, aber sie verfolgte ihn gnadenlos, sobald er sich von ihr lossagte - in manchen Staaten tut sie dies bis auf den heutigen Tag.
Der dienende Geist – diesen repräsentierte vor allem die Priesterschaft, die genau wusste, was die Herren von ihr verlangten. Ihr war die Aufgabe zugeteilt, das religiöse Denken, ein Gemeingut aller Menschen, in ein Rechtfertigungsinstrument für die jeweils existierende weltliche Macht umzuwandeln. Das Verhältnis war, wie wir sahen, nicht immer reibungsfrei, oft schlug es in Machtkämpfe um, aber auf lange historische Sicht betrachtet, richteten sich beide Mächte darauf ein, miteinander zu teilen und sich gegenseitig zu stützen. Die Lüge war deshalb für die institutionalisierte Religion konstitutiv. Und daher auch das Misstrauen gegen jede Art unabhängiger Vernunft. Ein Denken, das jedermann zu Gebote stand, durfte und konnte nicht den Maßstab für ihre Lehren bilden. Tertullians »Credo quia absurdum est« (ich glaube, obwohl und gerade weil mein Glaube mit Vernunft nicht zu begründen ist), bildete die Quintessenz dieser Haltung nicht nur im Christentum, sondern in sämtlichen religiösen Ideologien, deren wesentlich soziale Funktion in der Rechtfertigung bestehender Ordnungen lag. Der Gott, der den Herren ihr Gottesgnadentum bestätigte und Gerechtigkeit für die Mehrheit nur im Jenseits oder in fernen Geburten gewährte, war kein Gott, den man durch die Vernunft finden konnte. Im Gegenteil, Vernunft musste man sich und anderen verbieten. An die Stelle der Vernunft wurde der von oben verordnete Glauben gesetzt.
Die Priester waren Verwalter des Geistes, doch die unabhängige Vernunft haben gerade sie am wenigsten geliebt und am stärksten gehasst. Mehr noch als die weltliche Macht haben sie ängstlich und eifersüchtig alles verfolgt, was im Namen freien Denkens gegen ihre Lehren vorgebracht wurde. Ketzerei - das war der Gebrauch der unabhängigen Vernunft gegen das verordnete Dogma. Die machtstabilisierende Funktion der Religion und damit der Nutzen der Priester für die weltliche Obrigkeit waren eben nur dann gesichert, wenn jeder Zweifel an der Wahrheit ihrer dogmatischen Gebäude aufs strengste geahndet wurde. Der beamtete und institutionalisierte Geist einer herrschenden Priesterschaft wurde zum unnachsichtigsten, unversöhnlichsten Feind allen unabhängigen Geistes. Macht diskutiert nicht. Das galt für die weltliche Macht, die ihrem Ursprung und Wesen nach stets auf Gewalt beruhte, aber es galt noch mehr für die geistliche, wenn diese ihre ganze Existenz in bestimmten Glaubenssätzen kodifizierte. Man diskutierte nicht, sondern ließ Scheiterhaufen entzünden. „Ketzer sind keine Christeng, hatte schon der heilige Hieronymus dekretiert. „Sind sie aber keine Christen, sind sie Teufel; Schlachtvieh für die Hölle.g[57] Alle Andersdenkenden - das waren wohl schon damals mehr als vier Fünftel der Menschheit - waren damit, in der Theorie zumindest, für die Ausrottung markiert.
Die Priesterschaft hat aber auch jede eigenständige Erforschung der Wirklichkeit hintertrieben, die ihre dogmatischen Aussagen relativieren würde – und das, obwohl gerade aus ihren Reihen immer wieder Gelehrte kamen, die für solche Forschungen die besten geistigen Voraussetzungen besaßen. Um nur ein bekanntes Beispiel zu nennen. Schon im dreizehnten Jahrhundert hatte der Franziskanermönch Roger Bacon begonnen, die Natur mit größter Neugierde zu befragen. Er stieß dabei auf eine Eigengesetzlichkeit, die sich schlecht damit vereinbaren ließ, dass Gott mit Wundern jederzeit in das Gefüge der Wirklichkeit eingreifen konnte. Das erregte den Widerstand seiner Glaubensbrüder. Man wollte kein Wissen dulden, dass den Glauben an die in den Wundern bekundete Allmacht Gottes zu relativieren drohte. Laut Thomas von Aquin, dem offiziellen Kirchenphilosophen, ist das Streben nach Erkenntnis »Sünde«, wenn es nicht »die Erkenntnis Gottes« bezweckt[58] Nach dieser Maxime handelte die Kirche im 13. Jahrhundert zur Zeit Bacons, und so war es auch noch im 17. Jahrhundert, als Galileo Galilei mit seinen Forschungen auf so massive Gegenwehr stieß, dass er der Kirche kniefällig Abbitte leisten musste.
Die bis dahin blühende und dem übrigen Europa weit vorauseilende Forschung Italiens hat sich von dem Widerstand der Kurie gegen die unabhängige Vernunft nie wieder erholt. Sie flüchtete in den protestantischen Norden. Bis ins siebzehnte und in den meisten Ländern sogar noch bis ins achtzehnte Jahrhundert währte auch in Europa die Unterordnung des Wissens unter den Glauben. Erst als die Agrarepoche mit der industriellen Revolution ihre Abendröte erlebte, erfochten Vernunft und Wissen schließlich den Sieg gegen die Diktate eines verordneten Glaubens.
Halten wir an dieser Stelle einen Augenblick inne, um nicht über das Ziel hinauszuschießen. Wer die Psycho-Logik der Macht thematisiert und aufdeckt, wie sehr die Religion dabei die Stellung einer hilfreichen Magd einnahm, sollte sich dennoch vor jenen Rundumschlägen hüten, wie sie manche Aufklärer des späten achtzehnten Jahrhunderts betrieben. „Vom Irrtum stammen die schmählichen Fesseln, mit denen Tyrannen und Priester allerwärts die Nationen zu fesseln vermochten; vom Irrtum stammte die Sklaverei, der die Nationen erlegen sind; vom Irrtum die Schrecken der Religion, die bewirkten, dass die Menschen in Furcht verdumpften oder in Fanatismus sich würgten für Chimären.g[59]
Man darf nicht vergessen, dass die institutionelle Religion der Macht zwar nur allzu bereitwillig diente, aber ihr zugleich Fesseln anlegte, indem sie die Herrschaft der reinen Gewalt durch die des Geistes entschärfte. Gewalt, die fast immer am Anfang der Herrschaft stand, wurde überhaupt erst durch den Bezug auf eine allen Menschen übergeordnete und von allen anerkannte Instanz als erträglich empfunden. Erst als Gott oder die Götter bzw. ihre irdischen Stellvertreter als unabhängige Schiedsrichter eingesetzt worden waren, konnte ein dauerhafter Frieden zwischen der herrschenden Minderheit und der Mehrheit entstehen. Per definitionem war Gott ja für alle da. Von ihm erhoffte man sich Gerechtigkeit (in Ägypten Maat, in Indien Rta).[60] Nur von Gott oder den Göttern konnten die Benachteiligten irgendwann und irgendwie für ihre Leiden entschädigt werden. Der elementaren Forderung der Menschen nach einer Gerechtigkeit, die sich auf jeden und alle erstreckt, musste sich auch die führende Schicht unterwerfen. Und sie tat es, indem sie ihre Legitimation von Gott als einer unabhängigen Instanz abhängig machte.
Diese Tatsache war schon als solche eine Konzession an die Idee eines für alle Menschen geltenden Rechts und einer umfassenden Gerechtigkeit. Denn die unabhängige Instanz Gott stand ja über allen, konnte daher auch alle in die Schranken weisen - alle, auch die weltliche Macht. Sofern Religion dadurch zur Eindämmung von Gewalt beitrug, war sie mehr als nur Opium für das Volk. Sie verlieh einem tief liegenden Bedürfnis nach Gerechtigkeit Ausdruck.
Dennoch arbeiteten Priester der weltlichen Macht bereitwillig zu, wenn sie die Gerechtigkeit Gottes ausschließlich zu deren und zu ihren eigenen Gunsten auslegten. Die Psycho-Logik der Macht bediente sich dabei der weltweit verbreiteten Taktik, so viele Vorteile wie nur möglich im Diesseits für sich selbst in Anspruch zu nehmen, während die anderen mit den Freuden im Jenseits vertröstet wurden. Um diese Aufteilung den Massen schmackhaft zu machen, wurden diesseitige Freuden und Lust als scheinbar, eitel, hinfällig oder gar sündhaft entwertet und andererseits die paradiesischen Freuden des Jenseits möglichst verlockend ausgemalt, damit die fronende Mehrheit darüber die Misere im Diesseits vergaß. Zugleich wurden die Hölle und ihre Qualen in grellen Farben vor den Augen derjenigen beschworen, die die Misere der realen Existenz partout nicht vergessen wollten und schon hier und jetzt nach Besserung verlangten. Ihnen sollte die Lust an Zweifel und Aufruhr vergehen.
So haben Priester Lügen und Fabeln en masse produziert und verbreitet. Aber sie haben – und das haben die kämpferischen Aufklärer meist übersehen – zugleich eine welthistorisch einzigartige Leistung vollbracht. Wo immer sie tätig waren, haben sie den Kosmos des Geistes begründet. Ohne sie hätte die kulturelle Entfaltung der agrarischen Hochkulturen wohl schwerlich stattgefunden. Denn mit der Priesterschaft trat eine Klasse von Menschen hervor, die von den Verpflichtungen der physischen Selbsterhaltung weitgehend oder auch völlig freigestellt waren. Darin genossen sie zwar nur den Vorteil, den außer ihnen auch die weltliche Macht innehatte. Aber Priester waren in zweifachem Sinn begünstigt. Im Gegensatz zur Bevölkerungsmehrheit brauchten sie keine körperliche Arbeit zu leisten, sie besetzten ja einen Teil der »freien Stellen«, d.h. sie wurden von den physisch arbeitenden Menschen ernährt. Im Gegensatz zu den weltlichen Herren brauchten sie andererseits dieses Privileg nicht unter Einsatz von Gewalt zu verteidigen, denn sie wurden ja von den weltlichen Herren in ihrer Stellung gestützt und gesichert. Priester befanden sich daher in der historisch beispiellosen Lage, ihr ganzes Dasein ausschließlich geistigen Dingen zu widmen. Es leuchtet ein, dass eine derart begünstigte Klasse erst nach der neolitischen Revolution aufkommen konnte. Unter Jägern und Sammlern war die Nahrungsbasis dafür einfach zu schmal.
Diese nur mit geistigen Aufgaben betraute Schicht wurde zum wichtigsten Schöpfer all dessen, was uns die Vergangenheit als Zeugnis des Schönen, des Erhabenen, des Monumentalen, des Rätselhaften, aber auch des Schrecklichen, des Grotesken, des Widervernünftigen bis hin zum Absurden vermachte. Es waren im wesentlichen Priester, die jene einst eigenständigen Universen geschaffen haben, die wir heute als Hochkulturen bezeichnen: Sumer, Babylon, Ägypten, Persien, Palästina, Indien, Europa, Mexiko usw. Die Priesterschaft schuf die vermenschlichten Götter und deren Heilsgeschichten. Sie entwarf die Rituale, mit denen die Gläubigen ihnen huldigten, und sie verband die Geschichten der Götter mit einer Vielzahl kunstvoller Verhaltensnormen und ritueller Festen. Priester machten aus der bloßen Natur eine geistige Landkarte mit magisch-heiligen Stätten und geheimnisvoll wirkmächtigen Kräften. Priester schufen Kosmologien, die der vergangenen Zeit einen bis an den Anfang der Welt zurück und bis in die fernste Zukunft voraus weisenden Sinn erteilten. Sie entwickelten die Ikonographie und den Kanon der geistlichen Architektur und fügten deren Formen in das große Ganze der religiösen Bedeutungen ein. Priester gaben die Regeln vor, nach denen Götter und Menschen auf Bildern gemalt und in Statuen verewigt wurden. Sie erfanden eine beinahe unüberschaubare Fülle von Sagen und Mythen, in denen das Göttliche sich in der Welt manifestierte.[61] Vor allem aber legten sie die Regeln von Gut und Böse fest, die Weisungen der Moral, womit das Leben der Massen geordnet, befriedet und beherrscht werden konnte. Die Priesterschaft war für den Sinn und das Geheimnis des Daseins zuständig, die weltliche Macht bediente sich dieses geistigen Kosmos für die Aufrechterhaltung der Ordnung.
Der Gegensatz zwischen geistlicher Sinndimension und ihrem weltlichen Fundament von Gewalt, manifestiert sich augenfällig in den Zeugnissen der Architektur. Wo immer sich eine Priesterschaft etablierte, kam es zur Entstehung einer doppelten Baukunst. Einerseits gab es die Paläste weltlicher Herrscher, wo die Macht ihren Ursprung hatte und das Monopol der Gewalt über die Mehrheit ausübte. Diese Architektur brachte schon äußerlich die Attribute der physischen Macht zum Ausdruck. Burgen wurden mit meterdicken Mauern geschützt, mit Gräben umgeben, mit Zugbrücken gesichert und mit Vorratskammern gegen Belagerungen versehen. In solchen Bauwerken pflegte der Hinweis auf die geistige Dimension menschlichen Daseins ganz oder weitgehend zu fehlen. Die Prachtentfaltung hatte hier einen sozusagen banal-utilitaristischen Sinn. Burgen und Schlösser waren nicht mehr als versteinerte Droh- und Herrschaftsgebärden. Wenn ein in seinem Besitz gesicherter Herrscher unbewehrte Schlossbauten und Paläste errichtete, so konnte er zwar auch in diesen blendenden Luxus entfalten, wie es etwa der Sonnenkönig und seine Nachahmer taten. Aber dem Luxus fiel hier nur die vergleichsweise schlichte Aufgabe zu, die physischen Annehmlichkeiten des Daseins zu steigern.
Ganz anders die Paläste der Götter. Eines äußeren Schutzes gegenüber der eigenen Bevölkerung bedurften sie so wenig wie die für sie zuständigen Priester. Von ihnen ging keine militärische Bedrohung aus, sie brauchten deshalb in der Regel auch keine solche zu fürchten.[62] Vielmehr sollten diese Bauwerke die Menschen mit allem locken, was ihre unsichtbaren Bewohner als kostbar und wertvoll schätzten. Mit dem Glanz kostbarer Steine, Metalle, Stoffe sollten sie das Auge erfreuen. Die Düfte kostbarer Essenzen sollten den Geruchssinn betören, der schönste Gesang und der Klang der besten Musikinstrumente das Ohr berücken. Aber diese Kostbarkeiten dienten nicht wie in den Monumenten der weltlichen Macht dem nahe liegenden Zweck, die Annehmlichkeiten des physischen Daseins zu steigern. Vielmehr sollten sie den Blick auf eine meta-physische, eine ganz andere als die normale Wirklichkeit lenken: nämlich die Anwesenheit geheimnisvoller höherer Wesen. Tempel, Schreine und Kathedralen verfolgten alle den Zweck der Entrückung aus der Normalität und Banalität des alltäglichen Seins. Durch eine Schönheit und Erhabenheit, die jenseits des Alltags lagen, sollten sie den Menschen verzaubern. Sie tun es noch heute.
Und damit konfrontieren sie uns bis heute mit einem merkwürdigen Paradox. Nicht jene haben den größten Reichtum auf sich vereinen können, die allein die reale physische Macht zum Eintreiben des Nahrungsüberschusses besaßen, nämlich die weltliche Herrscher, sondern vielmehr eine Schicht, die nur im Schatten der physischen Macht existierte. Priester verfügten über keine reale, sondern nur eine geistig-fiktive und noch dazu eine von der weltlichen Herrschaft entliehene Macht. Priester erzeugten selbst keine Nahrung und verfügten in aller Regel auch über keine eigenen Soldaten, um Nahrung notfalls gewaltsam einzutreiben. Sie waren ganz und gar auf das Wohlwollen der weltlichen Macht angewiesen, dennoch brachten sie immer wieder das erstaunliche Kunststück zustande, den größten Ressourcenfluss in die eigene Richtung zu leiten. Statt aufgrund ihrer abhängigen Stellung schlicht die Diener der weltlichen Herrscher zu sein, ist es ihnen immer wieder gelungen, die weltliche Macht umgekehrt zum Diener ihrer eigenen geistlichen Autorität zu machen.
Es ist deshalb zu einfach, wenn man nur auf die Betäubung, die Lüge und Heuchelei verweist, deren Instrumente die Priester und die von ihnen geschaffenen Monumente zweifellos waren. Denn ihr bloßes Dasein ist zugleich auch ein Tribut an die geistige Dimension menschlicher Existenz. Diese Tempel, Kathedralen und Pyramiden erfüllen keinen realen Zweck, keine utilitaristische Funktion. Sie sind Symbole des Imaginären, in denen der Mensch das Rätsel des Daseins in Gestalt von Chiffren zum Ausdruck bringt. Nur so wird verständlich, warum er in solchen Schöpfungen so viel Phantasie, Liebe und höchste Kunstfertigkeit zum Einsatz brachte. Die Zikkurats in Mesopotamien, die Tempel von Karnak, der Stupa von Sanchi, die Kathedralen von Köln oder Chartres, der Airavateshvaratempel in Darasuram, die beiden schweigenden Moscheen rechts und links des Tadsch Mahal, und dieses in seiner unglaublichen Intensität ganz und gar religiös bestimmte Monument selbst stehen uns als versteinerte Rätsel gegenüber. Sie sind der deutlichste Beweis dafür, dass der Mensch in sich selbst immer viel mehr als nur ein physisches Wesen sah. In diesen Chiffren bricht sich das religiöse Empfinden Bahn – selbst noch durch den Missbrauch der Religion. Es verleiht den Chiffren jene Macht und Großartigkeit, die Lügen allein nie hervorbringen konnten.
In der Zeit der Jäger und Sammler dürften sich Kriege nur selten ereignet haben. Wie zuvor schon bemerkt, wird die Bevölkerung Frankreichs vor zwölftausend Jahren auf eine Zahl zwischen 1600 bis 20 000 Menschen geschätzt. In einem derart dünn besiedelten Territorium konnten Menschen nur selten aufeinander stoßen. Das allein war schon ein Grund für Friedfertigkeit - für Kriege gab einfach zu wenig Gelegenheit. Doch der Mangel an Gelegenheit war sicher nicht der einzige Grund für ein vorwiegend friedliches Miteinander. Kriege boten dem Angreifer wenig bis gar keinen Vorteil, solange der Angegriffene nicht zum Konkurrenten um karge Nahrung wurde. Aller ideologischen Verbrämung zum Trotz wird Krieg ja fast immer um Besitz oder Beute, d.h. um Nahrung, Eigentum oder Sklaven geführt. In einem wildreichen Gebiet entfällt die erste der drei Alternativen, in einer ständig auf Wanderung befindlichen Gesellschaft, wo zuviel Besitz nur eine Bürde ist, erscheint die zweite wenig verlockend, und dort, wo jeder durch seine Arbeit nicht mehr zu erwerben vermag als er für den eigenen Unterhalt braucht, weiß man mit Sklaven nichts anzufangen. Die kleinen Gruppen der Jäger und Sammler hatten es daher in aller Regel nicht nötig, in ständiger Verteidigungs- und Angriffsbereitschaft zu leben. Es fehlten die ökonomischen Ursachen der Aggression.
Diese Friedfertigkeit nach außen spiegelte sich im friedlichen Umgang der Stammesangehörigen untereinander. Bestätigt wird diese These durch die wenigen derartigen Gemeinschaften, die sich an abgelegenen oder schwer zugänglichen Teilen der Erde bis ins 19. und 20. Jahrhundert erhalten haben – also gerade noch lange genug, um von Ethnologen studiert zu werden. Hierzu gehörten beispielsweise die !Kung der Kalahari oder die Mbuti aus Zaire. Man darf sie als lebende Fossilien der egalitären Urgemeinschaft betrachten, wie sie bis vor zehntausend Jahren die vorherrschende Form menschlicher Gesellschaft darstellte. Aggressives Verhalten nach außen blieb bei ihnen ebenso wie bei den meisten anderen Jägern und Sammlern so lange eine seltene Ausnahme, wie die Ernährungslage nicht allzu ungünstig war.[63] Fehlende Angriffsabsichten nach außen und friedlicher Umgang der Stammesmitglieder untereinander waren auch für die Semai in Malaysia bezeichnend, ein anderes ursprünglich sammelndes und jagendes Volk.[64] Der weithin egalitäre Charakter dieser Gesellschaften beruhte auf der Notwendigkeit solidarischen Teilens. Nur so konnten diese Menschen sich gegen die Wechselfälle einer unsicheren wenn auch keineswegs dürftigen Nahrungsbeschaffung behaupten.
Das alles änderte sich grundlegend, als der Übergang zur landwirtschaftlichen Daseinsfürsorge die Bevölkerung des Mittleren Ostens zwischen 8000 und 4000 vor Christus etwa um das Vierzigfache anschwellen ließ. Nun wurden die Menschen sehr viel öfter an den Grenzen ihrer jeweiligen Gebiete in gegenseitige Berührung gebracht. Allerdings nur ein bestimmter Teil dieser Menschen. Sesshafte Bauern hatten keinen Grund auszuschwärmen und sich zu befehden. Anders als ihre Vorfahren, die Jäger und Sammler, konnten sie es auch gar nicht – Bauern waren für ihren Lebensunterhalt an die Scholle gebunden. Doch diese durch ihre Lebensform bedingte Friedfertigkeit galt keineswegs für eine überschüssige Zahl von Köpfen, wenn das Land für deren Ernährung nicht reichte, und schon gar nicht für die von den Bauern erhaltene Elite aus mobilen und kriegstüchtigen Herren. Diese trafen an den Grenzen „ihrer Gebieteg nun auf die ebenso kriegerischen Herren der Nachbargebiete. Da musste es immer öfter zu blutigen Überfällen kommen.[65] Die Burg und das mit Mauern umgebene Dorf und schließlich die befestigte Stadt, in der die Elite mit ihren Dienstleuten Schutz vor feindlichen Überfällen fanden, stellten eine Reaktion auf die stets drohende Aggression konkurrierender Herren dar. Die vermutlich älteste dieser verteidigten Städte war das vorbiblische Jericho, das sich bereits 7500 vor Christus mit Wällen, Türmen und Gräben umgab.
Die Mehrheit der landwirtschaftlichen Bevölkerung hätte diese Befestigungen so wenig benötigt wie Jäger und Sammler. Denn Kriege waren für Bauern sinnlos. Sie brachten ihnen nichts anderes als Zerstörung. Gewaltsame Expansionen lohnten sich für die Bauern von vornherein nicht, weil jeder von ihnen ohnehin nur ein bestimmtes Stück Land bewirtschaften konnte. Bauern hätten Kriege niemals ver-herr-lichen können. Kriege waren nicht ihre Sache. Sie waren Sache der Herren. Wie in einem Schachspiel waren Bauern immer nur die Opfer von Kriegen und gehörten anschließend zu den Trophäen des Siegers.
Dagegen machten Kriege für die Elite, die Kostgänger der Bauern, einen unmittelbaren ökonomischen Sinn. Je mehr Menschen sie für sich arbeiten ließ, desto größer war der Überschuss, den sie sich anzueignen vermochte. Desto größer war dann auch ihre militärische Macht, desto leichter konnte sie sich gegen Rivalen schützen, desto prächtiger war ihr Hofstaat, desto stärker war nicht zuletzt ihre Stellung der eigenen unterworfenen Bevölkerung gegenüber.
Zusammengenommen macht dies verständlich, warum Kriege nach der landwirtschaftlichen Revolution nahezu in allen Teilen der Welt wie Epidemien um sich griffen. Im fruchtbaren Mesopotamien zum Beispiel hatten die Herrscher der aneinander grenzenden Gebiete seit König Sargon von Akkad (2340 v. Chr.) beständig das Ziel vor Augen, ihre Macht durch Gebietserweiterungen zu vergrößern, ebenso mussten sie aber auch fürchten, dass ihre Nachbarn genau dasselbe wollten. Unter diesen Bedingungen konnte der Friede immer nur die Ausnahme sein, während Kriege zur vorherrschenden Regel wurden. Orientalische Monarchien wurden durch Kriege geschaffen, durch dauernde Kriege am Leben gehalten und schließlich durch Kriege vernichtet.[66] Geschichte wurde zur Kriegsgeschichte: zu einer nicht abreißenden Kette von Schlachten und gegenseitigen Ausrottungskampagnen. Den fronenden Bauern brachte sie nur Unglück, die ihnen thronenden Eliten aber identifizierten sich mit dem Krieg als ihrem eigentlichen Metier. Ihren Aufstieg, ihren Ruhm, ihre Ehre beschrieben sie als eine Kette ruhmreicher Schlachten, deren Höhepunkt darin bestand, dass der oder jener Gegner mitsamt seiner Gefolgschaft erfolgreich vernichtet, seine Städte verbrannt, die Frauen entführt, die Kinder getötet wurden. In der Ilias setzt die Geschichte des Abendlandes gleich zu Beginn mit solchen blutig-lustigen Spielen der Herren ein. Aber auch das Alte Testament schildert die Unterwerfung und Ausrottung der Feinde als den höchsten Triumph, an dem auch Jahwe stets seine Freude hatte. Auf dem indischen Subkontinent gehörte der Krieg zum Dharma, d.h. zur Kastenpflicht der Kschatriya, er wurde geradezu zur religiös legitimierten Aufgabe der Herrscher verklärt. Kein Wunder, dass es im Sanskrit nicht einmal ein Wort für den politischen Frieden gab.[67] Die Sache an sich war wertlos, weil das Töten nun einmal zum Ethos und Lebenssinn der Kschatriyas gehörte.
Dieser Wandel fand seinen sichtbaren Ausdruck in einer geradezu kultischen Verehrung der Waffen. Bei den Jägern und Sammlern waren Waffen im täglichen Einsatz und überlebenswichtig: Sie wurden zum Töten der Beute benötigt. In den großen Ackerbauzivilisationen hatten sie diese Funktion für die Bevölkerungsmehrheit eingebüßt. Für sie besaß die Jagd geringe oder auch gar keine Bedeutung. Die Bauern brauchten die Waffen nicht mehr. Dennoch wurden sie keineswegs abgeschafft. Ganz im Gegenteil, bald sollten sie eine wichtigere Rolle spielen als jemals zuvor. Denn sie wurden nun statt gegen Beutetiere in erster Linie gegen Menschen verwendet. Es waren die Herren der neu entstandenen Gesellschaft der Ungleichen, welche die Waffen dazu benutzten, um die unterworfene Bevölkerung damit in Schach zu halten.
Die neuartige Verwendung der Waffen ergab sich nicht aus einer Veränderung der menschlichen Natur. Diese dürfte seit hunderttausend Jahren, als das menschliche Gehirn bereits seine heutige Struktur besaß, annähernd dieselbe geblieben sein. Sie ergab sich aus einer grundlegend veränderten materiellen Situation. Die Vorteile des Krieges als Instrument zur Erhöhung der eigenen Macht waren so elementar, dass der Krieg seitdem zum Vorrecht jener herrschenden Minderheit wurde, die sich selbst als die Edlen bezeichnete. Diese von der arbeitenden Bevölkerung erhaltene Schicht musste durch Verbreitung von Angst und Gewalt dafür sorgen, dass sie in ihrer Stellung sicher sein konnte. Natürlich tat sie gut daran, sich nicht nur auf Angst und Gewalt zu verlassen – wir sahen schon, dass sie damit allein ihre Stellung nicht auf Dauer zu sichern vermochte – aber Angst und Gewalt zählten stets zu ihren Mitteln.
Das ließ sich schon äußerlich an der Selbstdarstellung der Eliten erkennen. Sie liebten es, sich mit Raubtieren zu vergleichen, vor allem mit Löwe und Adler. Diese prangten auf ihren Wappen und Fahnen, wurden in Stein gemeißelt und in Bronze gegossen. Und wenn sie wie der Pharao Amenhotep III. von 102 getöteten Löwen berichten, wie Assurbanipal auf einem Relief als Löwentöter dargestellt werden oder wie der Großmogul Akbar mehr als zweitausend Jahre später regelmäßig gegen Tiger und Löwen kämpften, dann wollten sie damit aller Welt demonstrieren, dass sie noch stärker als die stärksten der Tiere waren.[68]
Der Löwe galt lange als Symbol physischer Macht schlechthin. Tatsächlich drückt dieses Tier aber auf mehr als nur symbolische Art den Kern der neuen Herrschaftsbeziehung aus. Das Löwenmännchen kümmert sich nicht um die Beschaffung von Nahrung. Es ist so schwer und kräftig gebaut, dass es überhaupt nur in seinen ersten Lebensjahren für die Jagd tauglich ist. Dieser Nachteil wird jedoch mehr als aufgewogen durch seine im Vergleich zum Weibchen weit überlegene Kraft. Dadurch sichert sich das männliche Tier das Vorrecht auf alle von den Weibchen erlegte Nahrung. Der männliche Löwe ist der geborene Pascha, um nicht zu sagen, ein Parasit, der ausschließlich von der Arbeit der Weibchen lebt.
Bei Menschen wurde diese biologische Differenzierung nach der neolitischen Revolution durch eine kulturelle ersetzt. Der Angehörige der herrschenden Elite konnte dieselben Arbeiten wie der Bauer ausführen, tatsächlich haben seine Vorfahren ja auch nichts anderes getan. Aber er will sie nicht länger ausführen. Stattdessen hat er sich vorgenommen, von der Arbeit der anderen zu leben. Deshalb ist er darauf angewiesen, statt biologischer Krallen und Klauen, die ihm die Natur verwehrte, jene künstlichen zu entwickeln, mit denen er seine Überlegenheit genauso gut zu sichern vermag. Denn es ist ihm natürlich nur zu deutlich bewusst, dass er sie nur kraft seiner Klauen und Krallen zu erringen und zu bewahren vermag. Der alternde und zahnlose Löwe wird aus dem Rudel verstoßen. Das war ein Schicksal, mit dem auch die herrschenden Eliten nach der neolithischen Revolution jederzeit rechnen mussten. Sie wussten, dass ihre Herrschaft auf keinen natürlichen Unterschieden beruhte, sondern durch Zwang entstanden war und Zwang zu ihrer Aufrechterhaltung nie fehlen durfte.
Unausweichlich hatte dies die Glorifizierung der Waffen und des Tötens als eines Handwerks der Edlen zur Folge. Ver-Herr-lichung des Krieges und Entstehung von Herrenschichten waren unauflöslich miteinander verbunden.
Die positive Bewertung des Krieges und der Tötung von Artgenossen ist ein Spezifikum der menschlichen Entwicklung nach der neolithischen Revolution. Sie steht in deutlichem Gegensatz zu den Verhältnissen der vorangegangenen Epoche und zu denen bei unseren tierischen Verwandten. Ausgeprägte Tötungshemmungen gegenüber den Artgenossen sind bei Tieren die Regel, und zwar gerade bei solchen, die über ausreichend starke Waffen verfügen, um augenblicklich einen tödlichen Biss oder Schlag auszuführen. Raubtiere haben bestimmte Unterwerfungsrituale entwickelt, durch die sie die Gefahr gegenseitiger Ausmerzung auf ein Minimum begrenzen. Sie halten dem Gegner den Hals oder andere verletzliche Körperteile entgegen. Das ist die wirksamste Art, ihm augenblicklich die Angst und damit auch die Tötungsbereitschaft zu nehmen.
Auch das gegenseitige Verhältnis von Menschen, die einander angstfrei begegnen, ist frei von Gewalt. Ihr gewöhnliches Verhalten besteht in Geselligkeit, die noch ausgeprägter ist als bei unseren tierischen Verwandten. Nach den Zeugnissen zu schließen, die wir von ihren späten Nachfahren haben, scheint dies auch der Normalfall bei den frühen Jägern und Sammlern gewesen zu sein. Doch das änderte sich nach dem Ende dieser Epoche. Es ist ein Faktum, dass die herrschende Schicht in den meisten großen Agrarzivilisationen den Streit, die Gewalt und das Töten zum vornehmsten Recht des edlen Menschen verklärte. Wenn sie es nicht gerade an ihren Mitmenschen praktizierte, hatte sie es in Turnieren und auf der Jagd ständig zu üben. Es galt geradezu als das eigentliche Merkmal und die Auszeichnung eines Edlen, Waffen zu tragen, zu verwenden und andere damit zu bedrohen. „Rauben, Plündern, Morden /gehörten/ durchaus zum Standard der Kriegergesellschaft dieser Zeit, und es spricht kaum etwas dafür, dass sich das in anderen Ländern oder in den folgenden Jahrhunderten anders damit verhieltc Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude,g stellt Norbert Elias im Hinblick auf das Hochmittelalter fest und deutet in einem weiteren Satz bereits an, was in diesem Buch tiefer begründet wird: „Bis zu einem gewissen Grade drängte sogar der gesellschaftliche Aufbau in diese Richtung und machte es notwendig, ließ es als zweckmäßig erscheinen, sich so zu verhalten.g[69]
Der Troubadour Bertrand de Born, selbst von Adel, besingt die Freude, die ihm das Niedermetzeln anderer Menschen bereitet:[70]
My heart is filled with gladness when I see
strong castles besieged, stockades broken and overwhelmed,
Many vassals struck down,
Horses of the dead and wounded roving at randomc
Läge diese Epoche nicht erst so kurze Zeit hinter uns, wären wir nicht immer noch von ihrer Geisteshaltung durchdrungen, so müssten wir darin eine unglaubliche Perversion erblicken. Nicht die Fähigkeit, mit anderen Menschen friedlich zusammenzuleben, ihr Wohlergehen zu fördern und mit ihnen gemeinsam die Herausforderungen einer oft schwierigen Existenz zu bestehen, galt als Beweis dafür, dass man zur Elite gehörte, sondern die Entschlossenheit, mit der man die einmal erworbenen Vorrechte auf Leben und Tod verteidigte. Wenn es wahr und wahrscheinlich ist, dass der Mensch von Natur aus nicht mehr als andere Lebewesen dazu neigt, seinesgleichen zu töten,[71] dann kann diese Tatsache nur bedeuten, dass eine derartige Verformung seines Denkens, die sich in großem Maßstab ja erst nach der neolithischen Revolution beobachten lässt, auf den Zwängen seiner neuen Lebensweise beruhte. Die Versuchung, sich den nun möglichen Nahrungsüberschuss mit Gewalt anzueignen, übte eine so bezwingende Macht auf die geistige Wahrnehmung einer Minderheit aus, dass sie das Tötungshandwerk zu ihrer Pflicht und ihrem Vorrecht erhob.
Die von nun an endemischen Kriege besaßen aber noch eine weitere Funktion neben der der Gebietsarrondierung. Sie verfolgten nebenher einen wichtigen ideologischen Zweck. Gegenüber der unterworfenen Mehrheit der Bauern hätte die herrschende Schicht ihre eigene arbeitsfreie Existenz nicht gut damit rechtfertigen können, dass sie sich erst durch deren Ausnutzung und Unterdrückung die Grundlage für ihr eigenes arbeitsfreies Dasein verschaffte. Gemäß der Psycho-Logik der Macht gehörte diese Erkenntnis dem Bereich der unaussprechbaren Wahrheiten an. Jedes Eingeständnis dieser Art hätte die Stellung der Herren unglaubwürdig gemacht. Statt ihre wirklichen Motive hervorzukehren, musste die Elite die eigene Vormachtstellung mit einer Fiktion begründen: und zwar mit einem konstruierten Interesse der Unterworfenen selbst. Ich habe schon vorher angedeutet, auf welche Weise man dabei vorging. Man betonte die Gefahren und Bedrohungen, die von den anderen Herren jenseits der eigenen Grenzen ausgingen. Dann konnte man sich selbst in der Rolle von Beschützern, Verteidigern und Wohltätern feiern lassen.
Bei oberflächlicher Betrachtung schien diese Rechtfertigung der eigenen Rolle auch zuzutreffen. Natürlich bildeten die Herren des Nachbargebiets eine objektive Bedrohung, der gegenüber die eigenen Herren als Retter aus der Gefahr auftreten konnten. In Wahrheit war diese Rechtfertigung aber etwa so stichhaltig, wie wenn in der Tierwelt Falken sich gegenüber den von ihnen geschlagenen Mäusen damit rechtfertigen würden, dass sie immerhin das eigene Revier gegen die Nachbarn verteidigen, sonst würde alles noch schlimmer werden. Anders gesagt, die Herren legitimierten sich gegenseitig. Jeder rechtfertigte die eigene Existenz damit, dass ohne den von ihm ausgehenden Schutz die Herren des Nachbargebietes mordend und raubend einfallen würden. Der nahe liegende Einwand, dass ohne die Existenz dieser Minderheit von Adlern und Löwen die Menschen in Frieden leben würden, wurde gar nicht erst in Erwägung gezogen.
Für die unaufhörlichen Kämpfe zwischen den bewaffneten Oberschichten kamen also immer wenigstens zwei mögliche Zwecke in Frage. Sie konnten der Eroberung fremder Gebiete dienen. Dann vergrößerte ein Herr die eigene Nahrungsbasis auf Kosten der Herrscher jenseits der eigenen Grenzen. War das nicht der Fall, dann war ein Krieg aber immer noch deswegen sinnvoll, weil die Elite der unterworfenen Mehrheit dadurch die Notwendigkeit ihres Daseins immer erneut ins Gedächtnis rief.
Eroberungskriege waren mit hohen Risiken verbunden. Eine herrschende Elite konnte dabei sehr viel gewinnen, aber auch alles verlieren. Kriege hingegen, die nur der Rechtfertigung der eigenen Existenz gegenüber den Unterworfenen dienten, ließen sich dagegen weitgehend ritualisieren und waren entsprechend weniger riskant. Nicht selten wurden solche Zusammenstöße zu einer Art von Turnieren, in denen es bei einer Handvoll von Opfern blieb. Die feindlichen Herren schonten sich gegenseitig, erhielten sich dabei aber auch gegenseitig in ihrer Stellung. Man maß nur die Kräfte aneinander und schloss daraufhin gleich wieder Verträge, die im Wesentlichen kaum etwas änderten. Im Zusammenleben der Völker bildeten diese Pattspiele unter den Mächtigen – eine Art Übertragung von Kommentkämpfen aus dem Tierreich in das der Menschen - vergleichsweise friedliche Zeiten. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen fletschten die Herren gegeneinander die Zähne, aber diese Machtdemonstration galt weniger den jeweils anderen als den eigenen Völkern.
Schließlich verdient eine letzte Funktion von Kriegen, vielleicht die bedeutsamste zur Aufrechterhaltung der eigenen Macht, noch der besonderen Hervorhebung. Kriege sind bestens geeignet, um den Hass der Unterworfenen gegenüber den eigenen Herren nach außen abzuleiten. Wenn sich zu viel Wut gegen Willkür und Gewalt in der Bevölkerung staut und zu explodieren droht, dann dienen Kriege den Herren als willkommene Blitzableiter und Sicherheitsventile. Das erklärt, warum Völker sich so oft mit größter Inbrunst in die Schlacht führen ließen. Ihre gestaute Wut, ihren gesammelten Groll, all die Wunden aus ihrer täglichen Unterdrückung ließen sie dann stellvertretend an ihren fremden Opfern aus. Die Orgien von Vergewaltigung, Blutrunst und unfassbarer Grausamkeit, von denen so viele Texte aus Mesopotamien, Ägypten, die Bibel und die Tatsachen unserer eigenen nur ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Geschichte ein furchtbares Zeugnis ablegen, sind Antworten auf eine unerträgliche Beengung des Menschen in seinem eigenen Lebensraum. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass die inhumansten Kriege von Gesellschaften ausgehen, die dieses Potential schon in ihrem Inneren durch Ungerechtigkeit und die Arroganz der Mächtigen fördern.
Eine solche Betrachtung, die der unterschwellig wirkenden Psycho-Logik der Macht nachforscht und ihren mehr oder weniger unbewussten Lügengespinsten, mag manchem gar zu nüchtern und einseitig erscheinen. Wo bleibt da die wundersame Ergriffenheit, könnte man fragen, mit der wir bis heute etwa die Ritterzeit romantisch verklären? Wo bleiben Erschauern und Bewunderung für eine Epoche, in der die Männer ihren Ehrgeiz darin erblickten, außer soldatischen Tugenden auch noch die vornehme Höflichkeit des Kavaliers zu kultivieren? Wo bleibt die Bewunderung dafür, dass die Liebe zu einer angebeteten Frau und der Kampf für die Schwachen und gegen die Mächte des Bösen zu den erklärten Beweggründen für den kämpfenden Ritter wurden? Wo bleibt die Anerkennung für den damals entfalteten Schönheitssinn, der sich in der Pracht strahlender Rüstungen, edler Pferde, großartiger Burgen und eines hoch entwickelten Zeremoniells im Umgang der Herren miteinander manifestierte? Wo bleibt das Verständnis für all den Glanz und die Herrlichkeit einer Zeit, die Johan Huizinga im »Herbst des Mittelalters« so eindringlich vor uns beschworen hat? Kann man dies alles nur als eine Verkleidung abtun, hinter der sich der nackte Egoismus einer herrschenden Schicht verbarg?
Sicher nicht. Jede Institution, so ungerecht sie in ihrer Gesamtwirkung auch sein mag, gewinnt mit der Zeit ein Eigenleben, durch das sie über ihre unmittelbaren Zwecke hinauswächst und diese zumindest teilweise überwindet. Es ist wahr, dass viele Ritter seit dem dreizehnten Jahrhundert einer schamlosen Beutegier frönten. Sie handelten kaum besser als Räuber, die mit allen Mitteln der Brutalität die verachteten Gemeinen bedrängten und sich dafür auch noch feiern ließen. „Die grausamsten Gräuel der Adligen gegen die Bürger von Gent im Kriege von 1382, als sie vierzig Getreideschiffer verstümmelt und mit ausgestochenen Augen, zur Stadt zurücksenden, kühlen Froissarts Leidenschaft für das Rittertum keinen Augenblick ab,g bemerkt Huizinga.[72] Wer an das Ideal glauben wollte, hatte schon damals keine Mühe, alle Einwände zu verdrängen. Und manche Ritter waren zweifellos ohne jeden Anflug von Heuchelei davon überzeugt, dass in der Verwirklichung dieses Ideals der eigentliche Sinn und die Aufgabe ihres Standes lagen. Den Idealisten, die in allen Lebenslagen und allen Institutionen zu finden sind, tut die Aufdeckung der tiefer liegenden Motive immer und notwendig Unrecht.
Die nüchterne Aufdeckung der Mechanismen einer Psycho-Logik der Macht übergeht auch die Tatsache, dass gerade jene, die sich des Unrechts und Missbrauchs ihrer Stellung bewusst sind, besondere Anstrengungen unternehmen, um es durch die Verwirklichung idealer Bestrebungen zu sühnen. Der Frauendienst stellte in dieser Hinsicht wohl das eigenartigste Gegengewicht gegen die sonst so brutale männliche Moral der Gewaltherrschaft dar. Während diese in nüchterner Sicht in den meisten Fällen darauf hinauslief, den Raubritter mit den Produkten der ihm hörigen Bauern und der überfallenen Kaufleute gratis zu versorgen, nahm die Selbstunterwerfung des Ritters unter die Wünsche einer zur Herzenskönigin erhobenen Frau der Gewalt das Odium des bloßen Eigennutzes. Sie wurde veredelt, idealisiert, bewundernswert. Das an der Oberfläche des Handelns gar zu sehr in die Augen springende Ziel, Furcht und Schrecken unter den Unterworfenen zu verbreiten, schien dadurch auf eine ganz andere Ebene emporgehoben. Es schien darin zu bestehen, dass der Tapfere sein Leben in den Dienst eines anderen Menschen stellte, von dem nicht die geringste Bedrohung, geschweige denn physische Gewalt ausging. Wenn der Ritter seine Tötungsmoral ganz in den Dienst der Liebe stellte, schien die bloße physische Übermacht einen erhabenen Sinn anzunehmen.
Natürlich durchschauten schon damals viele die darin verborgene Lüge. Zum Beispiel Miguel de Cervantes, der sich mit besonderem Spott, aber auch einem tiefen Verständnis vor ganz Europa über die Lügen des zu seiner Zeit schon obsoleten Rittertums lustig machte. Aber Cervantes machte sich über Don Quichotte eben nicht allein lustig, dann wäre sein Werk nicht große Literatur sondern nur ein Stück spanischen Kabaretts gewesen. Der Dichter wusste, dass es die Don Quichottes wirklich gegeben hatte, Männer, die in heroischer Aufrichtigkeit an ihre Wahrheit glaubten. Don Quichotte war nicht nur eine lächerliche sondern vor allem auch eine tragische Gestalt.
Man darf nicht vergessen, dass die Herren es umso leichter hatten, der von ihnen betriebenen Idealisierung egoistischer Motive zu glauben, als die unteren, die beherrschten Schichten, den Mythos ja selbst nur zu bereitwillig übernahmen. Im 14., noch mehr aber im 15. Jahrhundert, als das Rittertum und seine Träger militärisch ihre Bedeutung auch nördlich der Alpen bereits weitgehend eingebüßt hatten, wirkte der verklärende Mythos so übermächtig, dass jeder, der sich die damit verbundene Ausrüstung leisten konnte, den Rittertitel käuflich zu erwerben versuchte. Städter, Kaufleute und alle möglichen Parvenüs wetteiferten darin, Ritter genannt und mit diesem Titel versehen sozial entsprechend gewürdigt zu werden. Darin machte sich eine wohl zu allen Zeiten bestehende menschlich-allzumenschliche Tendenz bemerkbar. Herrschaft bis hin zur brutalen Unterdrückung wird fast immer gehasst und beneidet zugleich. Haben die kleinen Leute die Chance, ihrerseits nach oben aufzurücken, dann tun sie es mit Begeisterung, auch wenn die großen Leute sie vorher mit aller Kunst drangsalierten. Sie haben die Lügen der Herrschaft genauso verinnerlicht wie deren Nutznießer.
Nicht zuletzt aufgrund dieser Ambivalenz der kleinen Leute wurde aus dem Märchen vom edlen Ritter eine Wirklichkeit, an die man glaubte und glauben wollte. Die Herren hatten ihre Selbstverklärung mit solchem Erfolg betrieben, dass sie sich bis zum heutigen Tag in unserer Phantasie zu behaupten vermag – als vermeintliches Zeugnis für das selbstlose Ideal der Schönheit, der Selbstaufopferung für die Schwachen etc.
Eine ähnliche Verklärung wirkt bis heute in Japan nach. Auch dort bilden die ritterlichen Samurai ein unerschöpfliches Thema für eine Vielzahl von Theaterstücken und Filmen. Von den Bauern, die all diesen Glanz mit ihrem Schweiß und oft mit ihrem Blute bezahlten und neun Zehntel der Bevölkerung ausmachten, ist dabei keine Rede. Allenfalls treten sie als Tölpel und Arbeitstier in Erscheinung. So behauptet sich der Sieg der Fiktion über die Wirklichkeit noch bis in die Gegenwart.
Erstaunlicher ist, dass sich Mythen selbst dann noch bilden konnten, wenn eine Idealisierung der nackten Gewalt nicht einmal in Ansätzen unternommen wurde. Hemmungslos grausame Herrscher wie Dschingis Khan oder Timur-i Läng haben allein mit dem Schrecken regiert. Idealisierung erwies sich als überflüssig. Dennoch hat selbst diese rohe Gewalt die Bewunderung der Nachfahren erregt. Timur war einer der abscheulichsten Schlächter der Weltgeschichte, seine Eroberungszüge waren von Türmen aus den Schädeln massakrierter Männer, Frauen und Kinder markiert. Doch das hat die Mogulkaiser, die seit dem 16. Jahrhundert zweihundert Jahre die Geschicke Indiens lenkten, nicht daran gehindert, sich ihrer Abstammung von Timur-i Läng zu rühmen. Und viele Mongolen sind heute noch stolz darauf, dass ein Dschingis Khan aus ihren Reihen hervorging.
Die Analyse von Macht und Lüge wird gerade deshalb so schwierig, weil auch jene, die am meisten unter ihnen zu leiden hatten, nämlich die unteren achtzig bis neunzig Prozent der Bevölkerung, so deutlich erkennen lassen, wie fasziniert sie selbst noch von ihren grausamsten Herren waren. Ihr Urteil ist alles andere als eindeutig. Es schwankt zwischen Hass und offener Auflehnung einerseits und unverhohlener Bewunderung für die Unterdrücker.[73] Dieses Schwanken zwischen den beiden Extremen einander widerstreitender Gefühle hat denn auch immer wieder dazu geführt, dass Einzelne aus den Reihen der Unterworfenen, sobald sich dazu nur die Gelegenheit bot, keinerlei Scheu besaßen, in die Fußstapfen der vorher von ihnen so heftig befehdeten Herren zu treten und sich dann in dieser Rolle genauso zu verhalten wie ihre Vorgänger. Dynastien wechselten, Köpfe rollten, Personal wurde ausgetauscht, aber im Wesentlichen blieb alles beim Alten.
Manchen Betrachter der Weltgeschichte ließ das Wissen um solche Fakten zum Zyniker werden. Doch liegt in den beschriebenen Vorgängen weniger Charakterlosigkeit und Zynismus als man auf den ersten Blick meinen könnte. Wie in diesem Buch immer wieder betont, gibt es eine Psycho-Logik der Macht, die den Absichten der Einzelnen wie ganzer Gesellschaften nur bis zu einem gewissen Grade gehorcht. Ihr Verhalten wird beeinflusst, gelenkt, wenn auch nicht geradezu determiniert, durch die materiellen Lebensbedingungen der Agrarepoche. Die begrenzte Zahl »freier Stellen« übte einen unwiderstehlichen Sog nach oben aus. Die einen versuchten, sich in diesen wenigen Stellen zu halten, indem sie sich dem Andrang der unteren Schichten mit allen Kräften entgegenstemmten, die anderen versuchten ihrerseits, dorthin aufzusteigen. Dieser sozialen Mechanik waren die meisten Agrarkulturen hilflos ausgeliefert.
Die Macht und ihre eigenartige Logik hat das menschliche Denken verformt. Macht hat sich zwischen Denken und Sein wie ein die Wirklichkeit verzerrender Filter oder eine Barriere geschoben. So konnte es einerseits dazu kommen, dass Menschen als »edel« bzw. »gemein« wie zwei verschiedene Gattungen voneinander getrennt worden sind, andererseits begegnen wir einer unglaublichen Umwertung: Die Vernichtung des Lebens gilt als Vorrecht des edlen Menschen, während seine Erhaltung durch die Nahrungsfürsorge als Tätigkeit von Gemeinen entwertet wurde.
Die Logik der Macht hat ebenso auch jene erfasst, die im Dienste der weltlichen Herren für die Ausarbeitung der ideologischen Basis zuständig waren. Auch geistige Tätigkeiten wurden zum Privileg erklärt. Bis zu Luther durften nur Geistliche die Bibel lesen, gewöhnlichen Leuten, auch wenn sie schriftkundig waren, blieb die Lektüre streng untersagt. In England genügte im 14. Jahrhundert der bloße Besitz einer Bibel, um eine Anklage wegen Ketzerei einzuleiten.[74] Nicht anders in Indien. Mit Ausnahme der drei höchsten Kasten (Brahmanen, Kschatrijas, Vaischjas) waren dort das Rezitieren und später das Lesen der Veden den Schudras und Unberührbaren strikt untersagt.
Jene Schichten, welche die »freien Stellen« besetzten, entschieden eben auch über Wert und Bewertung menschlicher Tätigkeiten. Was die herrschenden Schichten taten, das galt als edel, erhaben, beispielhaft. Was von der beherrschten Mehrheit ausging, konnte und durfte in den Augen der Eliten keinen besonderen Rang einnehmen. Daher war es Bauern strikt untersagt, bei etwaigen Auseinandersetzungen, die sie gegeneinander austrugen, Schwerter oder Degen zu verwenden. Das waren die Waffen der Vornehmen. Totschlagen durften Bauern und selbst Kaufleute sich nur mit gemeinem Gerät, d.h. mit Prügeln und Mistgabeln.[75] Das Hohe sollte hoch und das Niedere niedrig bleiben. Jede Aufwertung der von den niederen Schichten verrichteten Arbeit oder auch nur der dazu nötigen Instrumente hätte die Ansprüche dieser Schichten und ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Beides wussten die herrschende Schichten geflissentlich zu verhindern. Alle über das physische Überleben hinausgehenden Tätigkeiten – und genau diese gehörten zur Domäne der weltlichen und geistlichen Macht – erhielten einen weit höheren Rang als solche, die der Mehrheit als Fron auferlegt waren. Der Geburtsadel brachte die Verachtung »niederer« Tätigkeiten nicht nur den Bauern entgegen, sondern auch den Handwerkern und Kaufleuten. Den Letzteren selbst dann noch, als sie aufgrund ihrer wachsenden finanziellen Macht die Stellung des Adels schon zu erschüttern begannen.
Die hier erkennbare Geringschätzung geht aber über ihren unmittelbaren Anlass noch weit hinaus und muss uns deswegen noch besonders beschäftigen. Von hier datiert ein Gegensatz, der sich noch bis in neunzehnte Jahrhundert erhielt und teilweise auch noch heute: die Gegenüberstellung von Zivilisation und Kultur.
Ich werde mich dieser beiden Begriffe im Folgenden in einem eindeutigen, scharf begrenzten Sinne bedienen. Zivilisation umfasst alles, was aus allgemein gültigem Wissen und Können besteht beziehungsweise daraus hervorgeht: die Techniken der Landwirtschaft, der Apparat der industriellen Produktion von ihren primitivsten Anfängen bis zu unserer Zeit und generell jegliches Wissen, das auf den im täglichen Leben angewandten Naturgesetzen beruht. Dagegen zählen Sprache, Kunst und Religion zur Kultur, wo sie sich je nach Zeit oder Raum in unendlicher Vielfalt manifestieren.[76]
Zur Zivilisation gehört seit Beginn menschlicher Geschichte alles Wissen, das dem Menschen das Überleben in einer oft feindlichen Natur ermöglicht. Schon der Jäger der frühesten Menschheitsgeschichte war darauf angewiesen, sich nach den bestehenden Zwängen der Natur, d.h. nach ihren Gesetzen, zu richten.[77] Wie hätte sein täglicher Beutezug glücken können, wenn er die ballistischen Eigenschaften eines Pfeils, die richtige Formung eines Bogens, die Härteunterschiede von Holz und Stein nicht kannte? Wie hätten Bauern nach der neolithischen Revolution ertragreichere Getreidesorten züchten können, ohne sich in langer Beobachtung der Natur das dazu nötige Wissen anzueignen? Zu jeder Zeit ihrer zivilisatorischen Entwicklung mussten die Menschen über eine Fülle verlässlicher Techniken der Naturbeherrschung verfügen. Davon hing ihr Überleben in einer natürlichen Umwelt ab - ohne dieses Wissen hätten sie ihr nur einen Bruchteil an Reichtum abtrotzen können. Davon hing aber auch ihre Überlebenschance im Kampf mit ihresgleichen ab, denn solche Kämpfe wurden oft von den besseren Waffen, d.h. der besseren Technik, entschieden. Auf beidem zusammen beruhte nicht zuletzt die Bevölkerungsdichte. Je nachdem, wie große Fortschritte sie in der Beherrschung der Natur erzielten, konnten Menschen dieselbe Fläche in größerer oder geringerer Zahl besiedeln und dabei ganz unterschiedliche Nahrungsüberschüsse gewinnen.
Die Techniken der Naturbeherrschung ermöglichen fast immer eine eindeutige Bewertung als mehr oder weniger effektiv oder angemessen. So zeigt etwa ein Vergleich zwischen verschiedenen bei der Jagd verwendeten Bögen ganz klar, welche Hölzer und Formen besser geeignet waren, um den Pfeil möglichst weit zu schießen. Und der Vergleich zwischen verschiedenen Arten der Behandlung nach dem Biss giftiger Schlangen gibt eindeutig zu erkennen, welche Heilmittel wirksam sind und welche nicht. Diese Sachangemessenheit oder »Objektivität« unseres zivilisatorischen Wissens beruht auf Eigenarten unserer natürlichen Umwelt, die unabhängig vom Menschen bestehen. Bei der Erbeutung von Tieren, in der Landwirtschaft und Seefahrt, bei der Abwehr von Feinden und der Bekämpfung von Krankheiten muss der Mensch mit diesen Sachzwängen rechnen und angemessen auf sie reagieren. Das tut er auf mehr oder weniger effiziente und in diesem Sinne richtige Weise.
Dagegen ist es unmöglich und heute zu Recht verpönt, eine Sprache oder Manifestationen der Kunst für richtiger als andere zu halten. Die deutsche Sprache ist in keinem denkbaren Sinn richtiger oder effizienter als die chinesische und die ägyptische Musik nicht besser oder schlechter als die japanische. Die Geltung kultureller Errungenschaften ist eben nicht »sach-gemäßer« als eine andere. Von der Natur und ihren Zwänge erhalten wir keine Auskunft darüber, welcher von ihnen der Vorrang gebührt. Oder anders gesagt: in ihrem jeweiligen Sosein sind weder Sprache noch Musik objektiv zu begründen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass niemand bisher einen Beweis dafür erbringen konnte, dass ein Ding wie der Baum mit dem englischen Laut »tree« richtiger bezeichnet wäre als durch das japanische »ki« oder das deutsche »Baum«. Und niemand hat bisher schlüssig beweisen können, dass der Ausdruck von Freude oder Leid in den Volksliedern der Japaner richtiger getroffen wurde als bei den Ägyptern. Die betreffenden Völker haben sich jeweils bestimmte Ausdrucksmittel geschaffen und in der differenzierenden Aneignung und Perfektionierung dieser Mittel dann die höchste Sensibilität gewonnen, indem sie bestimmten Rhythmen, Melodien und Phrasen spezifische Bedeutungen und Emotionen zuwiesen. Das aber lief automatisch darauf hinaus, dass sie für Formen, die für sie bedeutungslos sind, auch keine oder nur wenig Empfindung besitzen. Das japanische »ki« besagt für einen Deutschen oder Engländer gar nichts. Ebenso wie das deutsche »Baum«, das vor unserem Auge sofort zahllose Assoziationen und Bildeindrücke erweckt, für einen Japaner nur ein beliebiger und deshalb im strikten Sinne »nichts sagender« Laut ist. Auch die Musik eines fremden Landes, welche die Einheimischen in höchste Ekstase versetzt, pflegt bei Menschen, deren Ohren solche Tonfolgen und Rhythmen unbekannt sind, zumindest beim ersten Hören nicht mehr als ein Gähnen hervorzurufen - schon die klassische Musik des eigenen Landes lässt viele Jugendliche der heutigen Generation kalt oder ruft in ihnen sogar Aversionen hervor.
Diese gegenseitige Fremdheit unter den Parallelwelten der Kultur gilt ganz besonders für ihr markantestes Merkmal: die Religion. So wie jede technologisch noch so primitive Stammeskultur eine eigene Sprache und Kunst entwickeln konnte und meist auch entwickelt hat, finden wir in ihr nahezu immer eine eigene Religion mit besonderen Geistern und Göttern. Das gilt vollends für alle großen Hochkulturen. Jede von ihren hat einen nur für sie charakteristischen geistigen Kosmos erschaffen. Zwischen den Göttern Indiens, Griechenlands oder Ägyptens gab es keine Kommunikation sondern nur äußerste Fremdheit. Jede für sich waren sie sozusagen in unterschiedlichen Universen zuhause.
Das änderte sich auch dann nicht, wenn sie aufgrund von Völkerwanderungen oder von Handelsbeziehungen miteinander in nähere Berührung gerieten. Dann kam es fast immer zu Ausbrüchen intensiver Feindseligkeit, die auf die Entfernung oder gar völlige Ausmerzung des Rivalen abzielten. Denn rivalisierende Religionen pochten jeweils auf die eigene, uneingeschränkte Wahrheit. Jede von ihnen erhob Anspruch darauf, den allein seligmachenden Zugang zum Jenseits, zu Gott oder Göttern, zur Erlösung zu bieten. Es gab für sie, zumindest im eigenen Geltungsbereich, keine Teilung, keine Relativierung, keine Rückzieher bei der Wahrheit.
Wie kam es zu dieser gegenseitigen Unverträglichkeit, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind? Zum Gegensatz zwischen Christentum und Islam, zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Hindus und Muslims, der sich so oft in Kriegen entlud? Warum hatten Menschen nie Schwierigkeiten dabei, die Errungenschaften der Zivilisation – das Feuer, das Rad, Pfeil und Bogen, Keramik und Bronze sowie tausend anderer Techniken - von anderen zu übernehmen, während sie sich gegen die Sprache, die Sitten und Moral, vor allem aber gegen den Glauben der anderen oft bis zur Gefährdung der eigenen Existenz abschotteten oder wehrten?
Auch in diesem Fall erhalten wir erst dann eine befriedigende Antwort, wenn wir die Rolle der führenden Schichten näher ins Auge fassen: die Rolle der weltlichen und geistlichen Machthaber.
Diese haben ihre eigene Existenz mit all dem Luxus umgeben, den ihnen die Verfügung über den Überschuss der arbeitenden Bevölkerung und deren Frondienste gewährte. Hier an der Spitze entstand eine Kultur, die sich durch materielle Üppigkeit und durch geistige Komplexität vor allem auszeichnete, was das einfache Volk hervorzubringen vermochte. Das galt vor allem für die Priesterschaft und die von ihr erzeugten oder in Auftrag gegebenen Werke der Literatur, der Malerei, der Skulptur, der Architektur. In den großen Agrarzivilisationen gab es üblicherweise zwei Kulturen, die verfeinerte und komplexe der Oberschicht und die vergleichsweise primitiven, wenig einheitlichen, weil von Region zu Region wechselnden, kulturellen Ausdrucksformen des einfachen Volkes.
Die Trennlinie zwischen beiden war in der Regel sehr scharf gezogen. Wie schon bemerkt, bewerteten die Herren nur ihre eigenen Tätigkeiten und Eigenschaften als edel, vornehm und »herr-lich«, während die Tätigkeiten der Nahrung beschaffenden Mehrheit von ihnen als »gemein«, gering oder sogar verächtlich hingestellt wurden. Die kulturellen Äußerungen des Volkes konnten da natürlich keine Ausnahme bilden. Wenn die Volkslieder, die Knittelverse, die Bauerntänze von den Herren überhaupt beachtet wurden, dann bestenfalls mit spöttischem Lächeln. Oft hatten die Kulturen von Ober- und Unterschicht nicht einmal die Sprache miteinander gemein. Die Priesterschaften in Europa, Indien und bei vielen anderen Völkern bedienten sich einer für die einfachen Leute unverständlichen Sprache, in Europa des Lateinischen, in Indien des Sanskrits. Sie vollzogen Riten, in deren Ursprung und Wesen nur sie selbst eingeweiht waren. Das Wissen seiner Herren sollte dem Volk als Wunder wirkendes Geheimnis erscheinen, dazu konnte die Verwendung einer Geheimsprache wesentlich beitragen. Denn so war sicher gestellt, dass das Volk auf eigenes Denken und Wissen verzichten musste und seinen Herren gegenüber in die Rolle von kleinen und hilfsbedürftigen Kindern geriet. Die Machthaber wussten, dass ein Geheimnis nur groß und überwältigend war, wenn es für den Mann auf der Straße unzugänglich und unverständlich blieb.
Kultur war in den großen Agrarzivilisationen daher im Allgemeinen gespalten. Die Kultur der Herren partizipierte an deren Herr-lichkeit, die des Volks wurde so klein und gering gehalten wie dieses selbst. Was die Mehrheit des Volks dachte oder tat, pflegte den Herren solange gleichgültig zu bleiben, wie es nur seine Versorgungspflichten gehorsam erfüllte.
Tatsächlich ist eine solche Gleichgültigkeit historisch in vielen Fällen bezeugt. Die osmanischen Machthaber etwa (siehe +++) kümmerten sich wenig um die Kultur ihrer Untertanen, d.h. um die von diesen verwendeten Sprachen, ihre Kunst und Religion. Nur über eines ließen sie keinen Zweifel. Wer auch nur die geringste Chance zu einem Aufstieg besitzen wollte, der musste sich die Kultur der Herren aneignen. Alles andere wurde im Vergleich dazu für derart wertlos befunden, dass die herrschende Schicht es nicht einmal für nötig befand, mit einer Politik der aktiven Unterdrückung dagegen vorzugehen. Die heimischen Christen – sie bildeten die ursprüngliche Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Türkei - wurden im osmanischen Reich mitsamt ihren Bräuchen und religiösen Vorstellungen geduldet.
Wenn die Stellung der Herrenschicht ohnehin auf brutaler Gewalt beruhte, erreichte die Gleichgültigkeit ihren Höhepunkt. So zum Beispiel in Sparta. Da die Heloten als Untermenschen gesehen wurden, wäre es den freien Spartanern nicht eingefallen, sich um das Denken und die Meinungen dieses unterworfenen Volks mehr zu kümmern als Nomaden um das Innenleben ihrer Rinder und Pferde.
Nicht immer waren Herren aber in einer so komfortablen Position, dass sie sich diese abgehobene Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Volk leisten konnten. In der Regel gab es andere Herren in ihrer Umgebung. Die gemeinsamen Interessen der Herren gegenüber den Untertanen lagen dann im Kampf mit Interessen, die gegen die anderen Herren gerichtet waren. Denn jeder der Herren konnte ja außerordentlich dadurch gewinnen, dass er das Gebiet seines Nachbarn eroberte und seine Nahrungsbasis und Macht sich dadurch auf Kosten des anderen »arrondierte«. Das ist der Grund, warum alle Kartelle der Mächtigen gegen die Untertanen so leicht wieder in ihre einzelnen Mosaikstücke zerfielen.
Gewiss, die Gleichgültigkeit gegenüber allem, was die Unterworfenen betraf, war für die Machthaber so natürlich wie die Unterscheidung von Edlen und Gemeinen. Die Untertanen waren Objekte und standen ihnen deshalb im Allgemeinen so fern wie dem heutigen Aktionär die menschliche Realität hinter dem von ihm gehaltenen Stück Papier. Doch die Psycho-Logik der Macht gebot ein anderes Verhalten, wenn die eigene Stellung im Kampf mit rivalisierenden Herren gefährdet war. Dann war es im Gegenteil angezeigt, das Volk als Verbündeten zu gewinnen. Ließen die Herren ihre Untertanen gar zu sehr spüren, dass sie ihnen so gegenüberstanden wie die Nomaden dem Nutzvieh, durften sie von ihnen auch nicht mehr Loyalität als von Ziegen und Schafen erwarten. Denn unter solchen Umständen musste es den Geschröpften ziemlich gleichgültig sein, welchen Herren sie dienten. Dann wechselten für sie nur die Steuereintreiber. Sicher war es für Europa ein Glückstreffer der Geschichte, dass Karl Martell 732 die Mauren bei Tours besiegte und dass die Mongolen 1241 ihren Sieg bei Liegnitz nicht nutzen konnten. Die Untertanen selbst hätten sich damals wohl leicht mit jeder anderen Herrschaft abgefunden. Für sie waren alle Machthaber gleich fern, unnahbar und drückend. Die leichte Eroberung des Vorderen Orients durch die islamischen Araber hat hier ihren Grund: Es setzte sich nur eine Herrenschicht an die Stelle der anderen. Und schlimmer als die alten konnten auch nicht die neuen Herren nicht sein.[78] Diese Gleichgültigkeit der Untertanen gegen den Wechsel der Rentenbezieher an ihrer Spitze erklärt auch die leichte Eroberung Spaniens durch die Mauren. Das Volk hatte wenig Grund, sich für die eigenen Herren einzusetzen.
Doch völlige Gleichgültigkeit der Herren gegenüber dem eigenen Volk war keinesfalls die Regel, sondern wohl eher die Ausnahme, und zwar aus dem einfachen Grund, weil ein haltbares Kartell zwischen rivalisierenden Herren wenig wahrscheinlich war, die Regel dagegen ein stetes Misstrauen zwischen ihnen. Der Gewinn aus einem erfolgreichen Überfall auf die Besitzungen des Nachbarn war zu groß, als dass sämtliche Bündnispartner einer solchen Verlockung dauerhaft zu widerstehen vermochten. Dann aber gebot die Psycho-Logik der Macht eine andere Einstellung gegenüber Sprache, Kunst und Weltanschauung der Untertanen. Es war ein Risiko für einen katholischen Fürsten, Protestanten in seinem Herrschaftsbereich zu dulden, denn das barg die Gefahr, dass eine feindliche Macht sie gegen ihn aufwiegeln würde. Es war für Hindus eine Gefahr, allzu viele Muslime in ihrer Mitte zu dulden. Es konnte aber ebenso gefährlich werden, wenn Völker mit anderer Sprache, anderen Sitten das eigene Gebiet bewohnten.
Gleich nach der Reformation begannen die Regenten sich für die Religion ihrer Untertanen zu interessieren. »Cuius regio eius religio« lautete seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 die neue Maxime. Die Staaträson, d.h. eine gesicherte Herrschaft innerhalb der eigenen Grenzen, ließ die Fürsten ihre »natürliche« Gleichgültigkeit gegenüber dem Denken ihrer Untertanen vergessen. Sie fühlten sich sicherer, wenn ihre eigene Herde kulturell so uniformiert war, dass Überläufe der Untertanen und Übergriffe rivalisierender Herren weniger leicht möglich waren. Die Geringschätzung der Mächtigen für Sitten und Denken des gemeinen Volks geriet in Widerstreit mit ihrem Sicherheitsbedürfnis. Noch im zwanzigsten Jahrhundert wurden aus diesem Grund hunderttausende Andersgläubige aus der Türkei und Griechenland vertrieben oder getötet.
Sobald die Herren ein Interesse daran hatten, in Kriegen ein loyales Volk an ihrer Seite zu haben, konnte ihnen das Denken und Handeln der eigenen Untertanen nicht länger gleichgültig sein.[79] Dieses veränderte Verhältnis von Herren und Bauernschaft lässt sich am besten mit dem von Nomaden zu ihren Viehherden vergleichen. Nicht-sesshafte Völker waren für ihr Überleben auf die Milch, das Fleisch, die Felle der Tiere angewiesen. Das Vieh war ihr wertvollster Besitz. Für sie war es eine Frage des Überlebens, ihren Besitz vor Übergriffen zu schützen. Sie taten dies unter anderem dadurch, dass sie seine Zugehörigkeit eindeutig markierten. Bei Tieren geschah das in der Regel mit Hilfe von unauslöschlichen Brandzeichen.
Die Herren über menschliche Arbeitstiere standen exakt vor derselben Herausforderung. So wenig die Parallele gefallen mag, ist sie doch unzweifelhaft Teil der historischen Realität. Auch die Herren waren für ihr Überleben auf die Herde der Nahrungslieferanten angewiesen. Auch ihnen musste daran gelegen sein, Menschen, die ihnen »gehörten«, durch eindeutige Markierung von anderen zu unterscheiden, um sie besser gegen den Zugriff rivalisierender Herren zu schützen. Nur so war dafür gesorgt, dass ihnen die eigene Nahrungsbasis nicht davonlaufen konnte und sich unter die Fittiche benachbarter Herrscher begab. Die physische Brandmarkung kam zu diesem Zweck auch bei Menschen in Frage. In vielen Stammeskulturen bestand sie aus Tätowierungen und anderen sichtbaren Merkmalen, die die Angehörigen eines Stammes (etwa in Afrika oder Neuguinea) unverwechselbar von denen eines anderen unterschied. In den großen Agrarzivilisationen lebte dieses Erbe in der Beschneidung fort, auf den Latifundien und in den Bergwerken Roms[80] sowie noch im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten in der Brandmarkung von Sklaven. Doch in den großen Agrarzivilisationen erwies sich ein Übermaß an Gewalt und physischer Kennzeichnung doch als eine wenig geeignete Lösung, um Menschen auf Dauer zur Loyalität zu verpflichten. Die Besitz- oder Zugehörigkeitsmarkierung wurde daher nur selten körperlich, in der Regel dagegen auf nicht-materielle Weise vollzogen, nämlich durch die kulturelle Unterscheidung. Noch wirksamer als durch äußere physische Kennzeichnung ließ sich auf diese Art sicher stellen, dass Herde und Herren für einander und vor allem gegenüber rivalisierenden Völkern eindeutig als zusammengehörig identifizierbar waren.
In diesem Sinne bildet Kultur eines der ältesten Instrumente der Herrschaft. Gruppen, Stämme und Völker wurden von ihren Herren durch einheitliche Sprachen, Sitten, Bräuche, Moral-, Rechts- und Glaubensvorstellungen als von anderen verschieden markiert, oder die Herren machten sich bestehende Markierungen zunutze. Waren derartige Kennzeichen erst einmal vorhanden, so wirkten sie als eindeutige Erkennungs- und Unterscheidungszeichen. Deutsche und Franzosen, Chinesen und Japaner, protestantische und katholische Iren sind physisch ununterscheidbar. Die kulturelle Markierung hebt sie jedoch so stark voneinander ab, als gehörten sie biologisch zu unterschiedlichen Arten. Kultur kann Menschen ebenso oder sogar noch wirksamer trennen als biologische Merkmale.[81]
Zudem gesellten sich ja auch äußere Attribute den geistigen Besonderheiten wie Sprache, Religion, Moralvorstellungen hinzu. Chinesen und Japaner pflegten anders zu grüßen, sich anders zu kleiden. Sie entwickelten unterschiedliche Esskulturen, sie malten, meißelten, schrieben und sprachen anders. Kultur bewirkte eine so umfassende Markierung, dass man durchaus von einer kulturellen Evolution des Menschen neben der biologischen sprechen kann. Ein Grieche zur Zeit Herodots, ein Chinese der Tang-Zeit, ein Italiener in der Zeit von Lorenzo dem Prächtigen und ein grönländischer Eskimo haben nichts miteinander gemein. Sie könnten auf verschiedenen Planeten zu Hause sein. Ihre biologische Identität, die sich in einer nahezu hundertprozentigen Gleichheit der genetischen Ausstattung äußert, spielt demgegenüber eine vernachlässigenswerte Rolle.
Kultur insgesamt, nicht allein Religion, bot sich damit als Gegenstand des Missbrauchs durch herrschende Schichten an. Eine kulturell eindeutig markierte Herde, die sich in Sprache, Sitten, Glauben und Kunst markant von den benachbarten Völkern abhob, war an ihren Herrn viel stärker gebunden, als eine andere, die Gruppen mit unterschiedlichen Traditionen vereinte. Überall wo sich Herren durch Nachbarmächte bedroht fühlen mussten, bestand daher die Tendenz der kulturellen Gleichschaltung oder der Vertreibung gefährlicher Minderheiten.
Dennoch gilt natürlich von der Kultur generell, was schon vorher im Hinblick auf die Religion gesagt worden ist: Beide existieren und entstehen unabhängig von solchem Missbrauch. Sprache, Kunst oder Weltanschauung lassen sich zu Zwecken der Herrschaft manipulieren, sie können unterdrückt und gefördert, gewaltsam aufgezwungen oder vernichtet werden. Aber ihre Existenz an sich besteht unabhängig von solchen Einwirkungen. Deshalb ist Kultur eine universale Erscheinung, der wir ebenso in der nahezu »herrschaftsfreien« Gesellschaft der Hopis begegnen wie in einer modernen Demokratie.
Und man darf nicht vergessen, dass neben der kulturellen Markierung durch die herrschenden Schichten auch noch die kulturelle »Selbstmarkierung« besteht, deren Sinn darin besteht, Menschen auf Gedeih und Verderb aneinander zu schweißen. Die Juden, Jahrhunderte lang ein heimatlos wanderndes Gastvolk, sind ein bemerkenswertes Beispiel für diese bewusste Eigenprägung. Was sie dadurch gewannen, war eine innere sonst selten erreichte Geschlossenheit der Gemeinschaft, eine unbedingte gegenseitige Verlässlichkeit, ein starker Zusammenhalt der Gläubigen gegenüber einer feindlichen Umgebung. Das hat ihnen in ihren schwersten Heimsuchungen mehr als alles andere geholfen. Doch mussten sie diese positive Seite der Bilanz mit permanenter Ausgrenzung und Verfolgung bezahlen. Je homogener und umfassender die innere kulturelle Gemeinsamkeit und je größer zugleich die dadurch bewirkte Verschiedenheit gegenüber anderen Völkern, desto sicherer wird die Herde zusammengehalten. Man wird dann ja nur in der eigenen Gemeinschaft wirklich verstanden, aber nirgendwo sonst. Das gilt für eine Religionsgemeinschaft, ebenso wie für eine Sekte oder eine durch sonstige Eigenarten deutlich von anderen getrennte Kultur. Die Kehrseite der Medaille tritt dann aber auch umso deutlicher hervor. Sie besteht notwendig darin, dass mit zunehmender Andersartigkeit auch die Herausforderung für die anderen wächst und damit potentielle Feindschaft. Diese ist nur dann ohne Problem, wenn geographische Absonderung eine natürliche Barriere bildet. Das Pochen auf die absolute Geltung der eigenen Wahrheit – Sitten, Moralvorstellungen, Weltanschauung, Religion – ließ sich immer nur in der Isolierung von anderen ohne Konflikte aufrecht erhalten.
Die gegenseitige Fremdheit der Kulturen wird aus ihrer Rolle begreiflich, die sie als Mittel der Markierung zu spielen hatten. Ohne diese Markierung wäre in den Augen der Nahrung beschaffenden Mehrheit ein Herr genauso schlecht wie der andere gewesen - nämlich nur eine furchtbar drückende Last. Andererseits war auch für die Herren jede unterworfene Bauernschaft so gut oder schlecht wie die andere, nämlich ein nur widerwillig zahlender Gegner, dem die Mehrarbeit für die Überschüsse nur unter steter Androhung von Gewalt abgepresst werden konnte. Erst wenn die Herren die kulturelle Gemeinsamkeit mit ihren Untertanen betonten, wurden sie wirklich stark. Sie machten sich dann zwar mit diesen »gemein«, doch errichteten sie hohe Barrieren gegen mögliche Gegner. Die kulturelle Identität, die nun Herren und Beherrschte miteinander verband, ließ sich als Waffe gebrauchen. Noch dazu als eine höchst wirksame Waffe.
Dieser Umschwung lag in der Psycho-Logik der Macht. Solange die Hochkultur der Herren neben und weit über den verachteten Sitten und Traditionen einer fronenden Menge stand, mussten jene als gleich wertlos wie diese gelten. In dem Augenblick jedoch, da die Herren aus machtpolitischem Interesse die gemeinsame kulturelle Identität betonten, war ein bemerkenswerter Wandel die Folge. Das Übermenschentum, das sie, solange sie nichts zu fürchten hatten, nur für sich selbst reklamierten, färbte dann auf die ganze Gemeinschaft ab. Nun waren es Sitten, Denken und Moral eines Volkes insgesamt, die von diesem als vorbildlich hingestellt wurden.
Die Kehrseite dieser Selbstver-Herr-lichung einer Gemeinschaft trat dann aber mit gleicher Zwangsläufigkeit zutage. Sie bestand darin, dass die Sitten der anderen als verwerflich, ihre Moral als tierisch, ihre Götter als Götzen galten. Ihre Sprache wurde meist als Stammeln oder Stottern bespottet. Noch das griechische Wort »barbaros« gibt diese Einschätzung lautmalerisch wieder. Und das slawische »Nemetz« macht die Deutschen verächtlich zu Stummen. Dagegen wurde die eigene Sprache als die einzig richtige gewertet, ursprünglich galt sie wie das Sanskrit als die geoffenbarte Sprache der Götter. Alles in allem hatte die kulturelle Markierung die Folge, dass eine Gemeinschaft sich nun als ganze ebenso an die Spitze der Menschheit setzte wie die Herren zuvor an die Spitze ihrer Untertanen. Der Riss zwischen oben und unten, herrlich und gemein, edel und niedrig wurde aus dem Inneren der Gemeinschaft auf das Verhältnis zu anderen Gemeinschaften übertragen. Die eigene Gruppe, das eigene Volk identifizierte sich nun insgesamt mit den Edlen, Wahren, Rechtgläubigen, während man draußen von Barbaren umgeben war - wenn man diese nicht überhaupt in den Rang von Nicht- und Unmenschen verwies.
Die Herren nahmen dafür den Nachteil in Kauf, dass sie gegenüber der dienenden Mehrheit nicht mehr ganz so abgehoben agieren durften. Bis zu einem gewissen Grade mussten sie sich mit ihrem Volk identifizieren. Da sie davon aber keinen wirklichen Machtverlust zu befürchten hatten, war der Nachteil gering angesichts der Tatsache, dass ihre Herrschaft erst dadurch auf sicheren Füßen stand. Denn nun erst ließ sich die Masse verlässlich beherrschen. Mochten die eigenen Herren es noch so sehr ausbeuten und quälen, das zählte wenig gegenüber der viel bedrohlicheren Aussicht, von fremden Herren – wesensfremden Barbaren und Unmenschen - überrannt und erobert zu werden. Die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen zahlte sich aus.
Und sie war schlechthin universal. Ein Blick durch die Geschichte beweist: Es gab keine einzige Agrarzivilisation, die ihre Nachbarn nicht als minderwertig eingestuft hätte, und zwar selbst noch dann, wenn diese viel mächtiger waren als sie selbst. Der Zwergstaat Israel glaubte sich kulturell, d.h. in seiner geistigen Substanz, dem Koloss Ägypten ebenso überlegen wie das letztere der ganzen übrigen Welt. Indien repräsentierte für die Inder den Nabel der Welt, und selbst das winzige Bali, schon früh ein Außenposten des Hinduismus, definierte den höchsten Berg des Eilands, den Gunung Agung, schlicht als Mittelpunkt des ganzen Universums. Die Römer gaben zwar bereitwillig zu, dass die Griechen in einigen Bereichen der Kunst ihnen selbst überlegen waren. Aber das Imperium war von seiner moralischen Vorrangstellung gegenüber der ganzen übrigen Welt so zweifelsfrei überzeugt, dass solche Anleihen sein Selbstbewusstsein durchaus nicht verminderten. Die Chinesen gaben schon in der Bezeichnung ihres eigenen Landes als »Reich der Mitte« allen übrigen zu verstehen, dass sie ausschließlich sich selbst als Zentrum des Universums verstanden und ihren Kaiser als den einzigen Garant für weltweiten Frieden und Harmonie.
Die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen, welche die eigene verklärt und die der anderen bestenfalls als minderwertige Verirrungen gelten lässt, ist kennzeichnend für die Epoche der Agrarzivilisationen. Sie projiziert die ursprüngliche Dichotomie von oben und unten auf das Verhältnis der Völker, wobei jedes von ihnen sich selbst den Platz an der Spitze der Hierarchie zuerkennt. Diese Projektion hat das Denken der Menschen so sehr geprägt, dass sie sich als Angehörige verschiedener Rassen oder sogar verschiedener Gattungen sahen und das gemeinsame Menschsein fast immer auf das Heftigste bestritten. Das hatten vorher freilich schon die Herren getan, wenn sie sich als Könige und Götter unerreichbar weit über die fronenden Massen stellten. Es war keine Ausnahme sondern die Regel, dass ein Volk sich selbst die Bezeichnung als Menschen gab, während es die anderen Barbaren oder schlicht Un-, Unter- oder Nicht-Menschen nannte, wobei dann diesen anderen gegenüber dieselbe Rücksichtslosigkeit bis hin zur Ausrottung wie gegenüber Tieren erlaubt und unter Umständen sogar geboten erschien.
Schon agrarische Stammeskulturen bestritten einander gegenseitig das Menschsein und waren aus diesem Grund in fortwährende Kämpfe verwickelt. Auf Neuguinea, wo eine Vielzahl von Stämmen Seite an Seite lebte, fiel Jahr für Jahr etwa ein Viertel der Bevölkerung den kannibalischen Beutezügen gegen die benachbarten Nichtmenschen zum Opfer. Freilich waren Menschen und Nichtmenschen ausschließlich durch kulturelle Merkmale definiert. Für einen Außenseiter waren die Papuas von Neuguinea biologisch ebenso wenig zu unterscheiden wie im Hinblick auf ihr zivilisatorisches Wissen und Können. Die Menschen Neuguineas hoben sich voneinander durch nichts anderes als ihre Sprachen, Tätowierungen, Körperbemalungen, Sitten und Bräuche und natürlich ihre religiösen Vorstellungen ab. Diese kulturellen Markierungen aber genügten, um die totale Ungleichheit zwischen den Angehörigen der eigenen Gruppe und allen Außenseitern zu proklamieren.
Wir haben keinen Grund, diese Zustände als besonders primitiv zu bewerten. Es ist nicht lange her, da hat die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen noch unser eigenes Verhalten bestimmt. In der Zeit des kämpferischen Nationalismus, der immerhin bis zum Ende des zweiten Weltkriegs währte, behandelten sich Franzosen und Deutsche im besten Fall als Menschen, die einander wesensfremd gegenüberstehen, im schlechtesten Fall sah man auch bei uns im Gegner kaum noch den anderen Menschen.
Die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen behauptete sich vor allem in jenem Bereich, wo Moral und Bräuche die stärkste Prägung erfuhren - im Glauben. Durch nichts wurden Völker so stark markiert, nichts konnte sie so sehr gegeneinander stellen wie die Religion. Diese historische Tatsache folgt unausweichlich aus der Psycho-Logik der Macht, die den Priestern die Legitimation der Herrschenden und natürlich auch ihre eigene übertrug. Die von den Priestern angerufenen Götter besaßen nur dann einen Wert für die Herren, wenn ihre Stellung absolut unanfechtbar war. Nur eine unerschütterliche Wahrheit taugte als sicheres Fundament einer Herrschaftsordnung. Denn nur Gottheiten, an denen niemand zu zweifeln wagt, können absolut bindende Sprüche abgeben. Damit ist von vornherein klar, dass der Missbrauch der Religion zu den Zwecken der Macht sich vor allem darin bekundete, dass jene keine zweite Wahrheit neben sich duldet. Bei Zusammenstößen mit konkurrierenden Religionen und »Wahrheiten« werden gewöhnlich keine Gefangenen gemacht. Das einzige und einzig logische Endziel einer »Wahrheit« im Dienste der Macht ist ihr endgültiger Sieg.
Auf den ersten Blick scheint allerdings eine Reihe historischer Gegenbeispiele einer solchen Verallgemeinerung zu widersprechen. So wurden Andersgläubige nicht selten von einer vorherrschenden Religion geduldet, z.B. die Christen in der Türkei und im Balkan nach der Eroberung dieser Länder. Doch darf man nicht die besonderen Bedingungen übergehen, unter denen diese Toleranz möglich war. Islamische Herrscher haben Juden und Christen in ihrem Einflussgebiet zugelassen, solange diese eine besondere Steuer, die Jizya, bezahlten. Im Sinne der Staatsfinanzen und der finanziellen Wohlfahrt der eigenen Gläubigen war es viel vorteilhafter, über Ungläubige zu herrschen als sie einfach davon zu jagen, wenn sie sich nicht zum rechten Glauben bekehrten.[82] Für ihre islamischen Herren repräsentierten die Christen die unterworfene Masse. Ebenso wurde die Anwesenheit von Juden in christlichen Gebieten gerade von den Machthabern nicht selten ausdrücklich gefördert, weil man ihnen Aufgaben übertragen konnte, deren Ausübung Einheimische ungern übernahmen, weil sie den Hass der Bevölkerung auf sich lenkten. Das waren zum Beispiel Steuereinziehung und Kreditbeschaffung. Von einer verachteten Minderheit hatte die Herrschaft weniger zu befürchten als von den eigenen Untertanen.
Eine Bedrohung wird ja überhaupt erst von der Macht konstruiert. Erst wenn religiöse Inhalte sich mit den Herrschaftsansprüchen eines Standes, einer Gruppe oder eines Volkes verbinden, treten sie unduldsam gegen rivalisierende Wahrheiten auf. Darin liegt der Unterschied zwischen den Forderungen eines Kollektivs und der freien Wahl eines Einzelnen. Gedanken an sich vertragen sich ohne Problem miteinander. Die Ästhetik des Islam ließe sich ohne Schwierigkeiten mit der Moral des Christentums verbinden oder der japanische Schintoismus mit der vedantischen Mystik des Hinduismus. Gedanken können sich nahezu beliebig trennen und amalgamieren und haben es auch immer wieder getan. Auf der Suche nach einem eigenen Weltbild kann der Einzelne sehr wohl zwischen dem Glauben an Allah, Christus oder schwanken oder sogar eine eigene Weltsicht entwickeln, in der verschiedene Elemente aus mehreren von ihnen enthalten sind. Solange er sich nicht äußerem Druck beugen muss, ist der Einzelne in seinem Denken frei und ungebunden.
Das gilt auch für das Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Die religiöse Erfahrung des Einzelnen konnte sich mit dem Geist der Wissenschaft problemlos verbinden. Nicht wenige gerade der größten Wissenschaftler haben sich denn auch offen zu einer religiösen Weltanschauung bekannt. Auf dieser Ebene hat es einen prinzipiellen Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft nie gegeben. Dagegen bestand und besteht ein echter Gegensatz zwischen einer Religion, die als Machtinstrument bestimmte Glaubensinhalte diktiert und einem wissenschaftlichen Ethos, das seine Urteile über wahr und falsch nie dem Diktat sondern allein dem Forum allgemein-menschlicher Vernunft überlässt. Hier konnte es keine Versöhnung geben. Hier fand die Aufklärung daher den Hebel vor, der ihr historisch eine so außerordentliche Wirkung verlieh.
Überall wo Diktate der Macht keine Rolle spielten, übersprangen Gedanken mühelos die Grenzen zwischen Individuen und Ländern. Nicht selten haben sich auch religiöse Inhalte fremder Kulturen miteinander vermischt. So übernahmen die Römer bereitwillig große Teile der griechischen Kultur, weil sie von deren politisch unterworfenen Trägern nichts zu befürchten hatten. Griechenland war römische Provinz geworden. Die Kultur der Unterworfenen, mochte sie der eigenen noch so überlegen sein, barg für die bestehende Herrenschicht keine Gefahr, sondern bedeutete im Gegenteil eine Bereicherung. Auch griechische Götter hat man daher ohne weiteres in das römische Pantheon aufnehmen können. Eine ähnliche Aufnahmebereitschaft bestand in den Ländern Süd- und Ostasiens gegenüber dem frühen Buddhismus. Dieser hat sich mühelos mit der Existenz anderer Glaubensvorstellungen vertragen, da die Erlösung ausschließlich Sache des Einzelnen war und daher keiner Vermittlung durch eine Organisation oder sonstiger in der Gesellschaft verankerter Mächte bedurfte.
Doch kaum ist Macht im Spiel, trägt der Glaube augenblicklich ein forderndes und sehr schnell ein fanatisches Gesicht. Der Glaube im Dienste von Herrschaftsansprüchen tritt zwangsläufig in unversöhnlichem Gegensatz zu jedem anderen Glauben, der fremden Herrschaftsansprüchen gehorcht. Eine Organisation, die den Glauben an Christus vertritt, kann ihren Anhängern nicht zur gleichen Zeit den Glauben an Allah, Buddha oder Vischnu gestatten. Wohl wahr, in Japan können die Menschen heute zur gleichen Zeit Schintoisten und Anhänger Buddhas sein, aber nur deswegen, weil diese Überzeugungen inzwischen als reine Privatsache, eben als Sache des Einzelnen, gelten. In wenigen Ländern war religiöse Unduldsamkeit so ausgeprägt wie gerade in Japan, als das im 16. Jahrhundert dort eingeführte und zu Anfang mit offenen Armen empfangene Christentum als Instrument von Machtansprüchen beargwöhnt wurde: der Macht jener westlichen Länder, die gerade damit begonnen hatten, die Länder rings um Japan zu kolonisieren. Ganz zu Recht stellte sich bei den Japanern nun der Verdacht ein, dass die Missionare als Vorhut fremder Herrschaft auftraten. Daraufhin schlug ihre anfängliche Begeisterung für das Fremde über Nacht in eine äußerst grausame Verfolgung der Christen um.
Religion als Herrschaftsinstrument gehorcht der Psycho-Logik der Macht. Sie pocht auf Exklusivität. Diesen Teil der Kultur eines anderen Volkes kann man nicht übernehmen, ohne sich gegen die eigene Obrigkeit aufzulehnen. Denn konkret rechtfertigt der jeweils eigene Gott nicht nur das Gottesgnadentum der eigenen Herrscher, sondern erklärt auch die von diesem sanktionierte Ordnung als unangreifbar. Damit standen Moral und Rechtsordnung anderer Völker notwendig außerhalb des Gottgewollten. Hätte eine religiöse Gemeinschaft ihren Anhängern erlaubt, zu den Göttern der anderen zu beten, wäre das genauso, als würde ein weltlicher Herrscher den eigenen Bauern erlauben, ihre Abgaben statt bei ihm selbst bei den Fürsten jenseits der Grenze zu zahlen. Die Worte des alten Testaments: „Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir habeng, spiegeln die Psycho-Logik der Macht ohne alle relativierenden Wenn und Aber. Man kann darin eine exakte Kopie der Worte eines weltlichen Herrschers sehen. „Nur ich und kein anderer außer mir kommt als Empfänger der von dir zu entrichtenden Abgaben in Frage. Solltest du dir trotzdem erlauben, einen anderen Herrn zu wählen, dann hast du in mir einen unnachsichtigen Gegner.g[83]
Hier lässt sich auch die Ursache dafür finden, dass die Zugehörigkeit zu einem Herrn durch Fahneneide, Glaubensbekenntnisse und ähnliche formale Unterwerfungsrituale erbracht werden müssen, nicht durch bestimmte moralische oder andere Inhalte. Das gilt für die weltliche wie für die geistliche Macht. Es liegt in der Psycho-Logik auch der geistlichen Macht, dass sie das Bekenntnis zu Symbolen verlangt, zur Bibel etwa, zum Koran, zum Grantha (dem heiligen Buch der Sikhs) oder zum Stirnzeichen einer Vischnusekte. Diese Symbole repräsentieren die Macht, der sich die Gläubigen unterwerfen sollen – was sich an Inhalten dahinter verbirgt, ist auswechselbar und wurde durch unterschiedliche Deutungen de facto im Laufe der Geschichte so radikal ausgewechselt, dass oft zwischen diesen Inhalten und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen kein erkennbarer Zusammenhang mehr bestand. Der Inhalt hinter den die Herde markierenden Symbolen kam eben nur soweit in Betracht, wie es der Macht genehm war, nicht selten stand er dieser so sehr im Wege, dass man ihn vor den Gläubigen möglichst verbarg. Die Lektüre des Evangeliums etwa war dem Volk bis zu Luther strikt untersagt, und zumindest dessen Interpretation auch nach Luther nur den dazu Bevollmächtigten gestattet. Man wollte Gehorsam – wie ihn Unterwerfungsrituale gegenüber den Symbolen verlangten, nicht eigenes Denken oder gar eigene Überzeugungen, die sich an ihren Inhalten orientierten.
Form gegen Inhalt. Wer einen Maßstab für den Missbrauch von Religion und Kultur im Dienste der Macht finden will, der findet ihn in der jeweiligen Gewichtung des Inhalts. Kommt es darauf an, der Macht gegenüber ein Bekenntnis abzulegen oder geht es darum, eine Weltanschauung, wenn es sein muss, auch gegen die Macht, zu vertreten?
Jedenfalls haben weltliche und geistliche Herren sich stets gemäß dem alttestamentarischen Spruch verhalten. »Ich bin der Herr, dein Gott«. Nie haben sie sich im Geringsten dafür interessiert, ob die Menschen unter einer anderen Regierung oder geistlichen Autorität nicht vielleicht weit glücklicher wären, als sie es unter der ihren waren. Auch die geistliche Macht hat nie danach gefragt, ob nicht manche »Heiden« viel näher am Evangelium lebten, als jene Eroberer, die sich mit Feuer und Schwert an ihre Bekehrung machten. Das war für die Psycho-Logik der Macht eine völlig unerhebliche Frage.
Dabei lassen die historischen Zeugnisse wenig Zweifel daran, dass jene anderen nicht selten die besseren Menschen waren. So galten die Katharer und Albigenser des 12. und 13. Jahrhunderts als besonders gerecht und gottesfürchtig. Viele von ihnen schienen sich wirklich darum zu bemühen, ein Leben nach dem Evangelium zu führen. Doch weit entfernt, darin einen bewundernswerten Vorzug zu erblicken, fühlte sich die herrschende geistliche Macht gerade hierdurch besonders gereizt und herausgefordert. Solche Menschen waren eine Gefahr, da sie die eigene Herde zu spalten und der eigenen Macht damit zu schaden drohten. Die Katharer (d.h. die »Reinen«, wie sie sich selber nannten, um sich von der damals als durch und durch korrupt verschrienen Amtskirche zu unterscheiden) wurden gerade aufgrund ihres exemplarischen Lebens mit besonderer Härte verfolgt. Sünder waren der Kirche stets besonders willkommen, vor allem, wenn sie reuig waren – die Unterwerfung des Reuigen bestätigte und stärkte die eigene Autorität - aber gegenüber dem vorzüglichen Menschen, der ihre Hoheit nicht anerkannte, verfuhr sie gnadenlos. Die damaligen kirchlichen Herren wurden nicht müde, jede Art der Vorzüglichkeit außerhalb ihres eigenen Machtbereichs als besonders tückisches Blendwerk des Teufels zu diffamieren. Aus den Katharern wurden daher im Deutschen die »Ketzer«. Nicht die Frage nach den gelebten Inhalten war der kategorische Imperativ der Macht, sondern die unerbittliche Weisung: »Ich bin der Herr, Dein Gott, Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben«.
Natürlich hat nicht Gott diesen Spruch verkündet. Wir dürfen vermuten, das er das Treiben seiner vielen Stellvertreter bis heute mit ungläubigem Staunen verfolgt. Sie sind es, diese selbsternannten irdischen Stellvertreter und Monopolisten, die für sich die uneingeschränkte Loyalität einfordern und dabei den Andersgläubigen ohne Bedenken verteufeln. Das tat auch noch Luther, als er in wüsten Beschimpfungen den Papst abwechselnd als Papstsau, Papstesel, Rattenkönig, Höllendrachen, stinkenden Madensack etc. titulierte, womit er aber nur fortsetzte, was zwischen Juden, Christen, Mohammedanern verbal von jeher die Regel und jedenfalls immer noch besser war, als wenn sie einander mit Feuer und Schwert überfielen. Nur wir, die das Glück genießen, nach der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu leben, sind derartige Töne nicht länger gewohnt.
Für den klassischen Hinduismus und andere frühe Kulturen ist es bezeichnend, dass die Geltung ihres Glaubens und ihrer Sitten unlösbar an das eigene Land und Volk gebunden bleibt. Daran hielt auch das monotheistische Judentum fest. Palästina gilt bis heute unter Juden genauso als ein heiliger Boden wie die jüdische Religion den Orthodoxen als einzig richtiger Glaube. Die Verquickung von Religion und territorialer Herrschaft, wie sie früher einmal für alle Religionen charakteristisch war, hat sich im Judentum bis auf den heutigen Tag erhalten.
Dagegen haben Christentum und Islam die Heiligkeit und Geltung ihres Glaubens ganz abgelöst von der eines bestimmten Territoriums oder Volkes. Ein Eskimo in Grönland kann ebenso Christ oder Muslim sein wie ein Bantu in Kenia. Der kulturelle Anspruch auf Ausschließlichkeit wurde dadurch zwar einerseits eingeschränkt, aber zugleich auch wesentlich verschärft.
Offensichtlich wurde er eingeschränkt, weil Territorium und ethnische Zugehörigkeit jetzt eben keinen Bestandteil dieser Ausschließlichkeit bilden. Eine Religion mit universalem Geltungsanspruch dient nicht mehr jener ursprünglichen und primitiven Markierung der eigenen Herde, die diese radikal von allen umliegenden unterscheidet. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als wäre die kulturelle Markierung dadurch selbst aufgehoben.
Doch das ist ein Irrtum. Der Anspruch wurde sogar wesentlich verschärft, weil nun an alle Menschen sämtlicher Länder und Kontinente die gebieterische Aufforderung ergeht, den einzig wahren und rechtmäßigen Gott als solchen zu erkennen und anzuerkennen. Hindus, Konfuzianer, Römer und Juden hatten nicht missioniert, weil für sie feststand, dass die Herrschaft ihrer Götter nicht weiter reichte als das eigene Herrschaftsgebiet. Wenn die Götter dennoch über andere Gebiete die Herrschaft erlangten, dann weil ihre Verehrer diese Territorien für sich eroberten oder weil es zu einer friedlichen Osmose kam. Dagegen lief die Loslösung von den territorialen und ethnischen Wurzeln in Christentum und Islam auf ein aggressives Verbreiten der eigenen „Wahrheitg auf alle übrigen Völker hinaus. Dieser einzige Gott besaß ja jetzt einen Rechtsanspruch auf die Verehrung aller Menschen des Globus, weil seine Anhänger ihn zum einzigen Gott des gesamten Universums erhoben. Alle anderen Menschen und Völker machten sich schuldig, wenn sie ihm seine Anerkennung versagten. Und nun war es „unmöglich, mit Leuten, die man für verdammt hält, in Frieden zu leben; sie lieben hieße Gott hassen, der sie bestraft. Es bleibt keine andere Wahl, als sie zu bekehren oder zu peinigeng, hatte schon Rousseau festgestellt.[84] Und Jakob Burckhardt formulierte es noch drastischer. „Jetzt mit ihrer unendlichen Bekümmernis für die Seele des Einzelnen, lässt die Kirche demselben nur die Wahl zwischen ihrem Dogma (ihren Syllogismen) und dem Scheiterhaufen. Ihre schreckliche Voraussetzung ist, dass der Mensch ein Recht über die Meinungen von seinesgleichen haben müsse.g[85]
Das war eine radikale Wende im Vergleich zur Vergangenheit. Bis dahin hatten Kulturen sich voneinander abgesondert. So wie bei den Nachbarn andere Menschen herrschten, so auch andere Götter. In den anderen Menschen sah man Barbaren, in den anderen Göttern barbarische Nebenbuhler der eigenen Gottheiten. Islam und Christentum hoben diese Absonderung auf. Dadurch erhielten nun alle anderen Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft und Sprache die Chance als gleichwertig und gleichberechtigt zu gelten. Aber sie erhielten sie nur, wenn sie sich dem einzigen Gott unterwarfen und damit seine Hoheit und die mit ihm verbundenen »Wahrheiten« anerkannten. Dagegen verdienten sie die schärfste Verfolgung, sobald sie sich weigerten, dies freiwillig zu tun. Denn dann waren sie, wie in der Vergangenheit, nichts anderes als Barbaren. Mit dem Unterschied allerdings, dass man sie nun überall auf der Welt bekämpfen durfte und sollte. Dem Los, dabei vernichtet zu werden, fielen unter dem Ansturm des Christentums viele schwächere Völker beider Amerikas, Australiens und anderer Teile des Globus zum Opfer. Nur bevölkerungsstarke alte Kulturen wie die der Hindus, Chinesen und des Islam vermochten sich zu behaupten.
Dem Vernichtungsfeldzug gegen die Leugner der »einen und einzigen Wahrheit« hat erst die Säkularisierung der Religion in der Epoche der Aufklärung ein Ende gesetzt. Zumindest innerhalb Europas hat sie die Augen der Menschen für den Missbrauch von Kultur und Religion geöffnet.[86] Doch das war kein Impuls, der aus der organisierten Religion selbst hervorging, sondern eine Wirkung von Wissenschaft und industrieller Revolution. Alles in allem hat die Lüge von der Ungleichheit der Kulturen sicher mehr Menschenopfer gefordert als die Lüge von der menschlichen Ungleichheit.
Die Ungleichheit der Menschen überhaupt und die der Frau im Besonderen sind etwa gleich alt, und sie haben auch etwa gleich lang bestanden. Die erstere war ganz und gar kulturelles Konstrukt - in der Natur des Menschen ließ sie sich nicht an erkennbaren Merkmalen verankern. Die Ungleichheit der Frau war ebenfalls ein kulturelles Konstrukt, doch gab es in ihrem Fall biologische Merkmale, welche ihr in allen Gesellschaften mit Ausnahme der modernen mehr oder weniger große Nachteile verschafften. In geringerem Umfang war dies wohl schon zur Zeit der Jäger und Sammler der Fall.
Mann und Frau unterscheiden sich in ihrer physischen Konstitution, und diese hat in der bisherigen Geschichte des Menschen nachweislich eine viel größere Rolle gespielt als heute. Unterschiede der physischen Kraft fallen schon bei einigen unserer nächsten tierischen Verwandten ins Auge. So sind etwa die männlichen Savannenpaviane doppelt so groß wie die Weibchen und im Besitz gewaltiger Eckzähne, die den Weibchen fast völlig fehlen. Auch bei den Schimpansen sind die Männchen stärker gebaut. Bei Menschen ist das männliche Geschlecht durchschnittlich nicht nur größer, es besteht auch ein deutlicher Vorsprung an physischer Kraft, der etwa 20 Prozent beträgt. Bei anstrengenden Tätigkeiten, vor allem im Umgang mit Waffen, waren Männer daher eindeutig im Vorteil.
Solange unsere männlichen Vorfahren ihre überlegene Kraft nur im Kampf mit der Beute einsetzten, musste sich dieser Unterschied noch nicht zum Nachteil der Frauen auswirken. Die damals herrschenden ökonomischen Bedingungen begünstigten eher eine höhere Stellung der Frau. Immerhin kamen diese nach heutigem Wissen mit bis zu siebzig Prozent für den Großteil der täglichen Versorgung mit Nahrung auf. Die von unregelmäßigem Erfolg begleitete Jagd der Männer stand in ihrer Bedeutung für das Überleben der Gruppe somit ganz klar hinter dem Beitrag der Frauen zurück. Im Allgemeinen scheint die Frau unter Jägern und Sammlern daher eine gleichberechtigte Stellung eingenommen zu haben.
Allem gegenteiligen Anschein zum Trotz war die Nahrungsversorgung wohl auch leichter als heute. Im Schnitt brauchten Jäger und Sammler für ihr physisches Überleben nicht mehr als zwei bis vier Stunden täglich zu arbeiten, den Rest der Zeit hatten sie Ferien.[87] In dieser Hinsicht zumindest herrschten damals im Vergleich zu heute paradiesische Zustände.
Damit ist allerdings wenig über die Wechselfälle des damaligen Daseins gesagt. Krankheiten, klimatische Umschwünge und Epidemien, aber auch Wanderbewegungen ihrer Beute konnten das Überleben der nomadischen Gruppe auf unberechenbare Weise gefährden. Doch sollte man diese Bedrohungen nicht überbewerten. Auf das Zusammenleben der Menschen dürfte sie sich eher vorteilhaft ausgewirkt haben. Alle Mitglieder der jagenden und sammelnden Verbände hatten ein elementares Interesse an gegenseitiger Verlässlichkeit und bedingungsloser Solidarität. Diese wurden dadurch geradezu in den Rang von Überlebensregeln gehoben. Solidarität war die Grundlage für jenes Prinzip strengen Teilens, welches das Festhalten an persönlichem Besitz zu einem Verstoß gegen den Geist der Gemeinschaft machte. So wenig Mann oder Frau auch heimbringen mochte, dieses Wenige wurde grundsätzlich unter allen Mitgliedern der Gruppe geteilt. Das jedenfalls lässt sich aus den Zeugnissen schließen, die die Ethnologen aus der Beobachtung einiger der letzten steinzeitlich lebenden Völker gewannen. Die bloße Unterscheidung von mein und dein wurde als beleidigend angesehen. Das äußerte sich unter anderem darin, dass sich niemand für die von anderen erhaltenen Gaben bedankte. Mit einem solchen Dank hätte man die Selbstverständlichkeit und Pflicht des Teilens in Zweifel gezogen.[88] Jeder hatte ein Recht darauf, seinen Anteil am Tageserwerb des anderen zu fordern.
Auch die Frage nach einem Vorrang der weiblichen oder männlichen Leistung musste unter diesen Bedingungen als Verstoß gegen den Geist der Gemeinschaft erscheinen. Zwar waren die Männer im Gegensatz zu den Frauen bewaffnet, das ergab ein männliches Übergewicht bei allen ernsthaften Zwistigkeiten. Aber die kleine Gruppe war viel zu sehr auf die freiwillige Zusammenarbeit aller Mitglieder angewiesen, um sich solche Auseinandersetzungen leisten zu können. Zudem waren die Männer regelmäßig auf Jagd und daher vom Lager entfernt; die Gruppe der Frauen konnte ihnen daher mehr oder weniger geschlossen entgegen treten. Von einer Höherbewertung oder gar Herrschaft der Männer über die Frauen konnte unter solchen Umständen ebenso wenig die Rede sein wie umgekehrt von einem Matriarchat, d.h. einer Herrschaft der Frauen über die Männer.
Dieses Bild einer solidarischen Gleichberechtigung und Friedfertigkeit änderte sich erst, wenn Gruppen von Jägern und Sammlern in einer Umwelt mit schwindenden Nahrungsressourcen in Konflikt miteinander gerieten und kriegerische Zusammenstöße unter ihnen häufiger wurden. Für den Krieg war der Mann aufgrund seiner überlegenen Stärke wesentlich besser gerüstet, außerdem wurde er daran weder durch Schwangerschaften noch durch die Aufzucht von Kindern gehindert. Kriegsgefahr und –bereitschaft musste den bewaffneten Männern auf Dauer eine hohe, den Frauen eine entsprechend niedrige Stellung verschaffen.[89] Zwar konnten auch Frauen im Krieg eine hervorragende Rolle spielen, doch mussten sie dann auf sexuellen Verkehr und Kinder verzichten, wie dies beispielsweise für die ungemein kriegstüchtigen weiblichen Leibwächter der Herrscher im früheren afrikanischen Dahomey galt.[90] Aber bei ihnen handelte es sich nicht mehr um Jäger und Sammler. Kleine prähistorische Gruppen konnten sich eine solche Abstinenz ihrer Frauen nicht leisten. Sie hätte das Überleben der Gruppe gefährdet.
Jäger und Sammler haben den Krieg und die ungleiche Stellung der Frau nicht »erfunden«, um ihn dann zur größten Menschheitsplage zu machen, diese Errungenschaft blieb der agrarischen Zeit vorbehalten. Allerdings noch nicht deren Anfängen zwischen 8000 v. Chr. und dem Aufkommen der großen Stadtzivilisationen in Mesopotamien und Ägypten. In dieser Zwischenzeit scheint die Frau in vielen kleineren Gemeinschaften und Siedlungen wie z.B. Çatal Höyük im Gegenteil so geachtet und gut behandelt worden zu sein, wie nicht einmal unter Jägern und Sammlern und bis auf wenige Ausnahmen nie wieder bis gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Es war die Zeit, in der die Jagd für den Nahrungserwerb nur noch eine zweitrangige oder auch gar keine Bedeutung mehr hatte, während der Anbau von Nahrungsmitteln sich noch in den Anfängen befand. Der erzielte Überschuss war noch gering, oft reichte er vermutlich gerade aus, um die Zeit zwischen den Ernten zu überbrücken. Getreidewirtschaft im großen Stil auf der Grundlage einer Bewässerung, die schwere Männerarbeit erforderlich machte, war noch nicht erfunden und ebenso wenig die durchgehende Reglementierung ganzer Gesellschaften von Gottkönigen an ihrer Spitze. Was es bis dahin gab, war überwiegend noch Gartenwirtschaft in kleinem und kleinstem Stil. Genau dies aber war eine Arbeit, die Frauen genauso gut, wenn nicht besser als Männer verrichten konnten, denn damit setzten sie nur jene intensive Beschäftigung mit der Pflanzenwelt fort, die ihnen schon seit ihrer Zeit als Sammlerinnen geläufig war. In dieser Zeit vor dem Aufkommen der großen Stadtzivilisationen haben die unzähligen Muttergottheiten ihren Ursprung. Denn damals symbolisierte die Frau die Fruchtbarkeit der Erde und überhaupt allen Lebens. Sie war es, die durch ihre Arbeit die Früchte, das Obst, die tägliche Nahrung besorgte und das Überleben der Familie und der Gruppe durch die eigene Nachkommenschaft sicherstellte, die physiologische Vaterschaft blieb ja selbst noch im zwanzigsten Jahrhundert bei einigen Stammeskulturen unbekannt.[91] In diesen Kleinstgesellschaften war der Überschuss zu gering, um eine echte Herrenschicht aufkommen zu lassen. Das Leben war durch den Anbau leichter und sicherer geworden als unter Jägern und Sammlern, ohne dass die Agrarwirtschaft schon ihr gefährliches zukünftiges Potential entfaltet hatte.
Dieses idyllische und für die Stellung der Frau für lange Zeit einzigartige Intermezzo fand mit dem Übergang zur kollektiven Bewässerung in der Königszeit seinen Abschluss. Jetzt wurden die göttlichen Könige oder Gottpriester an der Spitze des Staates, die mit Hilfe einer gewaltigen Bürokratie das Leben sämtlicher Untertanen bis ins kleinste Detail reglementierten, zum Prinzip allen Lebens. Die Alpha-Männchen übernahmen die Herrschaft. Und das bedeutete fast überall Krieg. Während Ägypten aufgrund der isolierten Lage des Nildeltas lange Zeit von Kriegen relativ verschont blieb und es den Frauen daher nicht allzu schlecht ging, lebten die Städte Mesopotamiens nahezu dauernd im Kriegszustand. Dieser grundlegende Wandel hat wie kein anderer auf die Stellung der Frau gewirkt. Die allgemeine Ungleichheit des Menschen und die besondere Ungleichheit des weiblichen Geschlechts besitzen einen gemeinsamen Ursprung, und sie haben sich auch etwa gleich lange behauptet. Das Patriarchat und die Unterdrückung der Frau gingen aus der Allgegenwart der Kriege hervor. Sie sind deren unmittelbare und in gewisser Weise auch unumgängliche Folge. Wo dauernder Frieden herrschte, da hatte die Frau eine Chance zur Gleichberechtigung, wo Kriege endemisch waren, hatte sie fast immer einen niedrigen Rang, sehr oft keinen höheren als den eines Sklaven.
Gegenüber dem Waffen tragenden Mann, der seine Macht nun auch und vor allem gegenüber der eigenen Gesellschaft ausspielte, musste ihre Stellung mit der Zeit bedeutungslos werden. Das galt nicht nur für die großen Agrarzivilisationen, wo eine kleine Zahl bewaffneter Männer – die selbsternannten Edlen - eine große Zahl von Landarbeitern beherrschten. In kleinen Stammesgesellschaften wurde die gleiche Wirkung erzielt, wenn die Waffen tragenden Männer als geschlossene Gruppe den Frauen gegenüber als Herren auftraten und sie für sich arbeiten ließen. Weil die Männer das Monopol der Waffen ausübten und den Stamm nach außen verteidigten, fiel es ihnen nicht schwer, ihre physische Überlegenheit auch nach innen zur Geltung zu bringen. Bereits auf den frühesten Stufen der beginnenden Landwirtschaft konnte so eine ausgeprägte Unsymmetrie im Verhältnis der Geschlechter entstehen.
Ein Blick auf die Verhältnisse in Neuguinea illustriert den Zusammenhang von Krieg und Unterdrückung der Frau auf exemplarische Weise. Durchschnittlich fielen dort Jahr für Jahr bis zu einem Viertel der Dorfbewohner feindlichen Beutezügen zum Opfer. Ausschlaggebend für diese Unsicherheit war eine prekäre Nahrungslage. Stets von Hunger bedroht, versuchten die Menschen ihre Not durch Raubzüge ins Territorium ihrer Nachbarn zu mildern. In derart militarisierten Gesellschaften hatte die Frau nichts oder nur wenig zu sagen. Sie war der Willkür der Männer ausgeliefert. Bei einigen Stämmen in Zentralneuguinea wurden Frauen schon hingerichtet oder mussten mit kollektiver Vergewaltigung rechnen, wenn sie, mit oder ohne Absicht, etwas von den »Geheimnissen« aus dem Inneren der Männerhäuser erfuhren. Dies war eine männliche Gegenwelt, eine Herrenwelt, zu der den als minderwertig geltenden Frauen der Zugang aufs strengste verboten war.[92]
Ähnlich prekär war auch die Situation für die Indianer in den Wäldern des Amazonas, z.B. bei den für ihre Gewalttätigkeit berüchtigten Yanomami. Da ihnen das eigene Territorium kaum Nahrung in ausreichender Menge verschaffte, stießen sie auf ihren Beutezügen regelmäßig mit ihren Nachbarn zusammen. Die Niederlage der einen lief dabei auf ein größeres Jagdterritorium für die anderen hinaus und damit auf eine verringerte Zahl konkurrierender Mitjäger und -esser. Da für jedes Dorf aber die gleiche Maxime galt, befanden sich alle Männer in ständiger Anspannung und Kriegsbereitschaft. Verrat selbst gegenüber geladenen Gästen und nach feierlich abgegebenem Gast- oder Bündnis-Versprechen war keine Seltenheit. So lauerte ein gewaltsamer Tod stets hinter den Büschen. Etwa 33% männlicher Todesfälle gingen auf permanente Kampfhandlungen zurück. Krieg war in diesen Gesellschaften ein Dauerzustand.
In einer solchen Atmosphäre der Unsicherheit und Aggression war das Los der Frauen eher noch schlimmer als das von Sklaven. Bei den Yanomami wurden die Frauen regelmäßig von ihren Männern geschlagen - schon äußerlich war das an ihren vielfach vernarbten Körpern erkennbar. Der durchgehenden Militarisierung des Alltagslebens entsprach eine brutale Unterdrückung der Frau.[93]
Wo Krieger herrschten, wurde die Frau im besten Fall zu einem Spielzeug und puppenhaft herausgeputzten Statussymbol, im schlechtesten zu einem rücksichtslos ausgenutzten Arbeitssklaven. Vom Standpunkt des waffentüchtigen Mannes gesehen, war dies ja auch ein durchaus begreiflicher Vorgang. Anders als seine männlichen Kriegskameraden trugen Frauen nichts zur Minderung jener Gefahren bei, denen er selbst sich regelmäßig aussetzen musste. Frauen waren für ihn daher keine vollwertigen und schon gar keine ebenbürtigen Geschöpfe. Mit wenigen Ausnahmen war die Einstellung kämpfender Männer gegenüber der Frau überall gleich: Aus den Reihen der Krieger ging der urtümliche Patriarch und Frauenverächter hervor.
Natürlich brauchte der Krieger die Frauen zu seinem Trost und Zeitvertreib nach der Verrichtung seines blutigen Handwerks, und er brauchte sie zu seiner Bedienung, denn für ihn als Herren kam nur der Kriegsdienst in Frage, die tägliche Arbeit war unter der Würde von Helden. Dafür war eben niemand anders als Frauen und Sklaven zuständig. Mit dieser Haltung vertrug es sich freilich, dass der mächtige und reiche Patriarch seinen eigenen Rang dadurch hervorhob, dass er die Frau oder die Frauen in seinem eigenen Besitz von der Arbeit befreite. Wenn japanische Samurai ihre sonst in jeder Hinsicht unmündigen Frauen als Paradiesvögel kleideten, so demonstrierten sie den eigenen männlichen Kameraden gegenüber ihren Reichtum und ihre hervorragende Stellung. An der Verachtung für die Frauen änderte das nichts. Wenn islamische Herrscher sich mit einem Harem umgaben, so gehörte auch das zu den Vorrechten eines erfolgreichen Kriegers und Herrn. Selbst die demonstrative Verehrung, die europäische Ritter den Frauen der großen Herren – und nur diesen – entgegenbrachten, änderte nichts am bestehenden Machtgefüge, das nur den Männern wirkliche Herrschaft verlieh.[94]
Im Allgemeinen trifft die Beobachtung zu, dass Frauen umso abhängiger und unmündiger waren je kriegerischer die Gesellschaft, in der sie lebten. Das gilt allerdings nicht unbedingt für sämtliche Frauen. Eine extreme Ungleichheit zwischen der herrschenden Schicht und der fronenden Mehrheit kann im Gegenteil dazu führen, dass die Frauen der Herren eine nahezu gleichberechtigte Stellung einnehmen, um sie auf diese Weise deutlich von den Frauen der Unterworfenen zu unterscheiden. So war es beispielsweise in Sparta. Die Frauen des freien Spartaners scheinen sich einer recht hohen Stellung neben ihren Männern erfreut zu haben – weit höher jedenfalls als die Frauen der Athener. Diese Tatsache wird erst dadurch begreiflich, dass nicht einmal der Anschein einer Gemeinsamkeit zwischen dem weiblichen Geschlecht bei Über- und Untermenschen aufkommen durfte. Die günstige Stellung der Herrenfrauen wurde also mit einer rücksichtslosen Erniedrigung der versklavten Frauen erkauft. Krieg und Unterdrückung der Frau dürfen deshalb nicht unabhängig von den jeweils geltenden Bedingungen gleichgesetzt werden, ebenso wenig wie Frieden und eine hohe Stellung der Frau, aber eine solche Beziehung gilt doch in der überwiegenden Zahl aller Fälle.[95]
Ein aufschlussreiches Beispiel bilden die Pueblo-Indianer im nordöstlichen Arizona. Die Hopi hatten sich vor den Angriffen der Navajos und Apachen gegen 500 nach Christus auf das karge und schwer zugängliche Colorado-Plateau im Südosten der späteren Vereinigten Staaten geflüchtet. Seit dieser Zeit führten sie ein von Kriegen weitgehend verschontes Dasein. Waffen, mit denen der Mann seine größere physische Kraft und permanente Einsatzbereitschaft ins Spiel bringen konnte, wurden in diesem für die damalige Zeit weltfernen Rückzugsgebiet praktisch nicht mehr benötigt. Das wirkte sich auf den inneren Frieden in einer weitgehenden Gleichberechtigung beider Geschlechter aus. Frauen besaßen unter anderem das Recht, ihre sexuellen Partner frei wählen zu können. Zumindest am Anfang einer Beziehung unterhielten sie zu diesen ein ziemlich lockeres Verhältnis, was sich unter anderem darin bekundete, dass sie ihren Liebhabern zunächst keinen Zutritt ins Haus der eigenen Blutsfamilie gewährten, wo sie mit ihrer Mutter, ihren Schwestern und ihren Brüdern wohnten. Solange sie kein Kind von ihnen empfangen hatten, wurde sie nicht über die Schwelle gelassen. Der Liebhaber musste seine Nächte mit der Frau vor dem Eingang des Hauses verbringen.[96] Erst mit der Geburt eines Kindes verbesserte sich seine Stellung. Dann konnte sich eine dauerhafte Ehe ergeben oder der sexuelle Partner hatte seine Aufgabe erfüllt und wurde verabschiedet.[97] Ähnlich verhielt es sich mit den Brüdern, die ihrerseits fremde Frauen besuchten und zu diesen nur dann ziehen konnten, wenn die Frauen dazu nach der Geburt von Kindern ihre Einwilligung erteilten. Ein Mann konnte also in seiner eigenen Blutsfamilie wohnen oder zur Familie der Frau übersiedeln. Für die Frauen ergab sich daraus der Vorteil, dass sie sich mit ziemlicher Freiheit zwischen zwei männlichen Bezugspersonen bewegten - ihren Brüdern auf der einen und ihren Geliebten oder Ehepartnern auf der anderen Seite. Die dadurch beiden gegenüber gewonnene Selbstständigkeit verschaffte ihnen eine günstige Stellung. Sie mussten sich weder den einen noch den anderen unterwerfen.
In der Ackerbau treibenden Stammeskultur der Hopi herrschte Frieden und eine weitgehende Gleichberechtigung der Geschlechter. Dennoch war dies kein Matriarchat.[98] Ein leichtes Übergewicht der Männer bekundete sich in der Tatsache, dass nur sie die wichtigsten administrativen Posten besetzen konnten. Doch galt das bei ihnen keineswegs als ein beneidetes Privileg. Die egalitären Hopis sahen in solchen Aufgaben weniger einen Vorzug als eine beschwerliche Last, da mit solchen Posten vielfältige Verpflichtungen verbunden waren. Aufgrund ihres Misstrauens und ihrer Ablehnung von Macht, werden die Hopis als herrschaftsfreie Gesellschaft bezeichnet[99] – eine der ganz wenigen, die es nach der neolithischen Revolution und dem Beginn der Landwirtschaft geben sollte. Weder regierte eine Minderheit von Männern über eine hörige Mehrheit anderer Männer noch wurden die Frauen von den Männern in Abhängigkeit gehalten.
»Kriegsarbeit«, die nach der neolitischen Revolution ins Zentrum menschlichen Daseins rückte, liefert die vorrangige Ursache für die von da an so niedrige Stellung der Frau. Doch nicht die einzige. Ebenso wichtig ist jene Alltagsarbeit, auf der das Überleben einer Gesellschaft beruht. Auch hier vermochte die größere physische Stärke dem Mann entscheidende Vorteile zu verschaffen, z. B. in der Feldarbeit und beim Fischen. Schon bei Jägern und Sammlern kam dieser Vorteil unter bestimmten Bedingungen zum Tragen. Als Sammlerin, die bis zu 70 Prozent der täglichen Nahrung beschaffte, konnte die Frau sich eine gleichberechtigte Stellung verschaffen. Doch manche Gesellschaften lebten in einer Umwelt, in der es nichts zu sammeln gab, zum Beispiel die Eskimos. Ihre Umgebung bestand überwiegend aus Schnee und Eis. Dort kamen nur die Männer mit ihrer anstrengenden und oft gefährlichen Jagdtätigkeit für die tägliche Nahrung auf. Entsprechend niedrig war die Stellung der Frau.[100]
Ähnlich stark machten sich die Unterschiede des Nahrungserwerbs in den agrarischen Hochkulturen, z.B. in Indien, geltend. In dessen nördlicher Hälfte mit Ausnahme von Bengalen herrscht der Anbau von Weizen vor, in Südindien die Reiskultur. Um Weizenfelder zu pflügen, müssen Ochsen vor den Pflug gespannt werden – auf den ausgetrockneten und daher oft sehr harten Böden Nordindiens ist das eine Kräfte zehrende Arbeit, der nur Männer auf Dauer gewachsen sind. Anders der Reisanbau im Süden des Subkontinents. Hier werden Büffel als Arbeitstiere verwendet, und zwar nur zu dem Zweck, um die Nassfelder weich zu treten. Das ist eine wenig anstrengende Arbeit, da sich die Tiere dabei am Nasenring führen lassen. Diese Arbeit können Frauen so gut wie Männer verrichten. Für die Bevölkerungsmehrheit stellen diese Unterschiede eine grundlegende Determinante dar. Es ist nicht überraschend, dass die soziale Stellung der Frau in Südindien merklich höher ist als im indischen Norden, wo sich das Patriarchat seit mehr als zweitausend Jahren in aller Strenge zu behaupten vermochte.
Auch in Europa gingen neunzig Prozent der Bevölkerung bis zum Beginn der industriellen Revolution einer landwirtschaftlichen Tätigkeit nach. Wie im nördlichen Indien setzte die Arbeit am Pflug einen Einsatz an physischer Kraft voraus, den Frauen nur unter größter Mühe zustande brachten. Der Mann hatte daher nicht nur im Kriegshandwerk eine beherrschende Stellung sondern ebenso auch in der alltäglichen Arbeit. Das erklärt, warum sich das Bauerntum in Europa bis zum Beginn der mechanisierten Landwirtschaft als Bollwerk des Patriarchats präsentiert.[101]
Dennoch musste der Übergang von der Stufe der Jäger und Sammler zur agrarischen Lebensform den Frauen nicht zwangsläufig eine gedrückte Stellung bescheren. Unter bestimmten Bedingungen war sogar eine Verbesserung ihres Status möglich, und zwar galt dies vor allem im Hack- und Gartenbau tropischer und subtropischer Gebiete, wo der Boden so leicht zu bearbeiten war, dass man ohne schwere Pflüge auskommen konnte. Solche Verhältnisse bestanden in einer breiten Zone Äquatorialafrikas, die sich von Zaire bis Tansania erstreckt und als »matrilinearer Gürtel« bezeichnet wird. Die hier betriebene Landwirtschaft war zwar wenig ergiebig, der Hackbau konnte jedoch mit leichtem Gerät von Frauen betrieben werden. Diese arbeiteten dann in Gruppen auf den Feldern und im Dorfe zusammen. Sie waren gleich gut aufeinander eingespielt wie Männer es in gut organisierten Kriegergemeinschaften sind. Selbst durch eine Ehe ließen sich die durch gemeinsames Arbeiten verbundenen Frauen nicht auseinander reißen. Das hatte einerseits zur Folge, dass eine Vererbung von Namen und Besitz über die Frau aufrechterhalten wurde (Matrilinearität) und führte andererseits dazu, dass die Männer im Fall einer Heirat zum Wohnsitz der Frauen wechseln mussten (Matrilokalität).[102]
Auch in anderen Teilen der Welt hat der Garten- und Hackbau die Frauen begünstigt, so auf den pazifischen Inseln Trobriand oder Samoa.[103] Gärten brauchten nicht mit schwerem Gerät bewirtschaftet zu werden, vor die man dann große Zugtiere spannte; die Feldarbeit bestand lediglich aus Pflanzen, Jäten und Auflockern der Bodens mit Hilfe von spitzen Stöcken. All dies waren Arbeiten, bei denen die größere Stärke dem Mann keine wesentlichen Vorteile verschaffte. So galt die Arbeit der Frau gleich viel oder sogar mehr als die eines Mannes, und Frauen waren von Männern ökonomisch unabhängig. In Fällen wie diesen liegt der Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Beitrag der Frau und ihrer sozialen Stellung klar auf der Hand.
Abgesehen von der physischen Stärke scheint es nach heutigem Kenntnisstand keine biologisch begründeten Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu geben, die die Annahme einer Überlegenheit des einen Geschlechts über das andere rechtfertigen würden. Die Unterwerfung der Frau ließ sich deshalb nur mit Unterschieden begründen, die man künstlich erzeugte. Anders gesagt, diese Unterschiede beruhten auf Lüge.
Lügen aber können, wie wir inzwischen wissen, die ganze Übermacht und scheinbar unwiderlegliche Evidenz von Tatsachen annehmen. Diese Tatsachen fallen uns in allen großen Agrarzivilisationen ins Auge. Ein außerirdischer Beobachter, der zum Studium der sozialen Verhältnisse auf unseren Globus geschickt worden wäre, hätte nahezu überall dieselbe Beobachtung machen können: Im Vergleich mit den Männern war die Mehrzahl der Frauen tatsächlich unwissend, ungebildet und wenig selbstbewusst. Selten stammten neue und interessante Gedanken von ihnen. Wurden politische Entscheidungen gefällt oder Städte und Dörfer gegründet, Bauwerke geplant und errichtet, gingen solche Initiativen nur selten von Frauen aus. Selbst in den Familien besaßen sie oft keinerlei Mitspracherecht, alle wichtigen Fragen wurden von den Männern entschieden. Diese konnten sich in vielen Hochkulturen mühelos von ihnen trennen und sie durch andere Frauen ersetzen. Aber es war überaus selten, dass Frauen umgekehrt das Recht besaßen, ihre Männer auszuwechseln. Männer erlaubten sich, ihre Frauen so wie ihren übrigen Besitz unter Bewachung zu stellen, manchmal hielten sie sich eine Anzahl von Frauen in einem Harem - der umgekehrte Fall war nirgendwo zu beobachten.
Ausgeschickt, um die Zustände auf Gaia wissenschaftlich zu erkunden, hätte ein außerirdischer Beobachter seine Erhebungen nur mit dem Fazit beschließen können, dass die menschliche Gesellschaft aus zwei sehr ungleichen Teilen bestehe. Die eine, repräsentiert durch ihren männliche Hälfte, übe die Herrschaft aus und lasse alle Anzeichen einer körperlichen wie geistigen Überlegenheit erkennen; die andere, die weibliche Hälfte, erscheine in vieler Hinsicht minderwertig und befinde sich daher auch in einer dienenden Stellung.
Dieser Beschreibung hätte man keinen Mangel an Objektivität vorwerfen können, jeder andere kurzfristige Besucher des Globus wäre zu denselben Schlüssen gelangt. Die Aussagen waren objektiv richtig und dennoch als Ergebnisse einer »wissenschaftlichen« Analyse grundlegend falsch. Denn es war dem Besucher entgangen, dass er eine artifizielle Wahrheit beschrieb. Die von ihm beobachteten Unterschiede zwischen Männern und Frauen waren ein Ergebnis kultureller Deformation. Es waren gemachte Unterschiede, keine natürlichen. Der Besucher konnte nicht ahnen, dass die Frauen nur deshalb ungebildet, unwissend, gesellschaftlich ohnmächtig waren, weil dies dem Interesse einer Männergesellschaft entsprach, die sie so und nicht anders haben wollte.
Die Wirkungen dieser Unterdrückung waren umfassend. Die gewollte Ungleichheit des weiblichen Teils der Gesellschaft bewirkte an den Frauen die gleichen Verformungen wie an Dienern und Sklaven. Sklaven benahmen sich in der Regel so wie es von ihnen erwartet wurde – alles andere hätte als gefährliche Herausforderung und Provokation gewirkt. Und Frauen waren meist so unwissend und ungebildet, wie man sie einschätzte. Die Herren wollten und brauchten den ungleichen und unfreien Menschen und sorgten für seine oft Jahrhunderte währende Zurichtung. Sie haben die Frau und den dienenden Menschen erst zu dem gemacht, was sie waren.
Wie bedeutend und unerlässlich die Rolle der Ideologie bei der Erzeugung des unfreien Menschen war, davon ist hier schon ausführlich die Rede gewesen. Aber auch bei der Unterwerfung der Frau spielen die Einflüsterungen der Ideologie eine entscheidende Rolle. Wieder ist es vor allem der Missbrauch der Religion, der hier an vorderster Stelle steht.
Die Herstellung menschlicher Ungleichheit lag in den Händen der bewaffneten Macht, ihre Begründung aber in den Händen der Priester. Die Ideologie, welche die Minderwertigkeit der Frau begründete und sie festschrieb, wurde gleichfalls von Priestern geschaffen, und zwar im Interesse der weltlichen Macht ebenso wie in ihrem eigenen.
Die Haltung der Priester zur Frau fällt dabei ganz besonders ins Auge. Im Gegensatz zu Kriegern oder im Ackerbau beschäftigten Bauern, die ihre physische Überlegenheit unmittelbar ins Spiel bringen konnten, gab es keinen unmittelbar begreiflichen ökonomisch-sozialen Grund, warum der geistliche Mann der Frau überlegen sein sollte. Jeder vermochte einzusehen, dass Frauen im Schwertkampf unterlegen und dass sie für die schwere Arbeit des Pflügens weniger gut als Männer geeignet waren. Aber es war durchaus nicht ohne weiteres zu verstehen, warum sie einen heiligen Text nicht genauso gut deuten und eine Messe ebenso gut lesen könnten wie Männer. Die physische Überlegenheit eines Mannes – der einzige objektive Unterschied zwischen den Geschlechtern – war auf diesem Gebiet offenkundig ohne Belang.
Umso unabweisbarer stellt sich daher die Frage, warum gerade Priester die Überlegenheit des Mannes über die Frau mit allen Mitteln des sophistischen Arguments zum Dogma erhoben haben und zum Teil auch heute noch mit äußerster Zähigkeit auf dieser Fiktion beharren.
Die Frage drängt sich schon deshalb auf, weil die Entfernung der Frau aus religiösen Funktionen eine späte Entwicklung ist. Bei Jägern und Sammlern und noch in vielen frühen Stammesgesellschaften übten Frauen und Männer, wenn nicht immer die gleichen so doch religiöse Aufgaben von gleicher Bedeutung aus. Überall in der Welt finden wir die Frau in der Rolle der Schamanin, der Magierin, des Orakels und endlich der Priesterin. Offenbar brachten sie nach der Vorstellung damaliger Menschen für den Umgang mit übernatürlichen Mächten und für die Vermittlung zwischen Menschen und Geistern gleich gute Voraussetzungen mit.[104]
Erst bei den Viehzüchtern mussten Frauen auf diesem Gebiet in Nachteil geraten, weil Tätigkeiten wie das Schlachtopfer von Stieren oder ausgewachsenen Rindern die Kraft starker Männer erforderten. Doch derartige Rituale verloren auf den höheren Stufen der Zivilisation ihre Bedeutung. Im Großen und Ganzen waren Frauen den objektiven Anforderungen des geistlichen Standes gleich gut wie Männer gewachsen.
Dennoch ist es ein Faktum, dass Priester in fast allen agrarischen Hochzivilisationen den größten Scharfsinn darauf verwandten, die faktische Entrechtung der Frau, wie sie aus der physischen Übermacht der Krieger hervorging, mit den Waffen des Geistes nachträglich zu begründen. Erst die Priester haben es fertig gebracht, der rohen, aber sprachlosen Gewalt des Kriegers mit Hilfe des Worts zu einer die Jahrhunderte überdauernden Geltung zu verhelfen. Erst sie haben, um Michel Foucault zu paraphrasieren, der physischen Macht den Machtdiskurs nachgeliefert. Es waren von Männern gemachte heilige Texte, die unter Verwendung der verschiedensten Fabeln und Mythen die Minderwertigkeit der Frau begründeten, ableiteten und als sakrosankt für die Zukunft verewigten. Einmal entstand die Frau aus einer männlichen Rippe, war also nicht mehr als ein Abfallprodukt, das andere Mal wurde sie, wie bei Manu (dem mythischen Autor einer der einflussreichsten Texte des Hinduismus) als ein im Vergleich zum Mann moralisch anrüchiges Wesen beschrieben. „Es liegt in der Natur der Frau, dass sie die Männer verdirbtc Das Bett und der Sessel sowie Lust, Zorn, Unehrlichkeit, Böswilligkeit und schlechtes Benehmen – das ist die Natur der Fraug.[105]
Stets war dieses Urteil über die Frau von der mehr oder minder bewussten Angst des Mannes und gerade des Priesters vor der Frau als Versucherin gefärbt und daraus bezog es auch seinen charakteristischen Beigeschmack von Hass und Faszination. Das war im hinduistischen Indien nicht anders als im konfuzianischen China oder im christlichen Abendland.
Hinduistische und christliche Priester haben es bei der Verteufelung der Frau schlimmer als andere Hochkulturen getrieben. Kein geschichtliches Zeugnis beweist so sehr die Macht, welche die Frau trotz ihrer gedemütigten Stellung über den Mann auszuüben vermochte wie die Besessenheit des geistlichen Standes von Sexualphantasien. Hier wird auch ein deutlicher Unterschied zwischen Kriegern und Priestern sichtbar. Durch ihr tätiges Leben und die damit verbundenen täglichen Gefahren waren die Männer des Schwerts in der Regel derart in Anspruch genommen, dass für sexuelle Obsessionen wenig Zeit und Platz übrig blieben. Aber die Priester brauchten keinen Kampf um ihr Überleben zu führen, meist lebten sie eine materiell abgesicherte und gefahrlose Existenz. Wie alle von der Mühsal der Daseinsfürsorge befreiten Menschen wurden sie daher viel weniger von realen, umso heftiger dagegen von allen möglichen imaginären Gefahren geplagt. Und diese pflegten sich in ihren Köpfen vorzugsweise in weiblichen Formen zu manifestieren.
Typisch sind die inneren Kämpfe des heiligen Hieronymus (Ende des vierten Jahrhunderts), den selbst die Abgeschiedenheit der Wüste nicht vor lüsternen Phantasien bewahrte. „Da ich in der Wüste war, in der großen Einsamkeit, welche den Mönchen eine fürchterliche Wohnung ist, von den Strahlen der Sonne ausgebrannt, da dünkte mir, ich wäre zu Rom in aller Lust und FreudencOb ich nun gleich ein Geselle war der Skorpionen und ein Genosse der wilden Tiere, so war ich im Geiste doch oft in dem Reigen schöner Jungfrauen, und in dem kalten Leib und in dem halbtoten Fleisch tobte noch das Feuer sündlicher Begierg.[106]
Verzweifelt über die Unmöglichkeit, ihre biologische Natur per Dekret abzuschaffen, griffen manche Priester und Mönche – so der griechische Theologe Origenes (185-254) – zu dem äußersten Mittel der Selbstentmannung. So hofften sie sich von der Obsession durch die Frau zu befreien – in Wahrheit natürlich von der Besessenheit durch die eigenen Triebe.
Indien, das Land des religiösen Virtuosentums, ging auch hier allen anderen voran - in der äußersten Verfeinerung des religiösen Erlebens und in der grellen Übertreibung des Irrsinns. Ein Yogin hatte nichts mehr zu fürchten als die sexuellen Lockungen einer Frau. Die klassischen Texte sind voll von Erzählungen, in denen ein Asket zunächst ungeheure Macht über Menschen und Dinge erwirbt, so sehr, dass er sogar die Götter durch seine spirituelle Kraft in Bedrängnis bringt. Aber auf dem Höhepunkt seiner gewaltigen Energieentfaltung naht ihm dann eine himmlische Apsara (oft von einem missgünstigen Gott absichtlich zur Zähmung des Asketen auf die Erde geschickt). Gelingt es dieser, mit ihren vollendeten Reizen den frommen Mann zu verführen, verliert er auf der Stelle seine ganze magisch-spirituelle Kraft – in typischer Übertreibung sprechen die Texte gern von einem in Tausenden von Jahren akkumulierten Energiereservoir (Tapas). Ohnmächtig sinkt der besiegte Asket zusammen, auf einmal ist er so kraftlos wie jeder andere Sterbliche.
Diese Texte sind psychologisch höchst aufschlussreich. Auf exemplarische Art enthüllen sie die ihnen zugrunde liegende Fiktion, nämlich wie der Mann sich sein Verhältnis zur Frau vorstellte. In dieser Deutung erscheint er sich selbst als der Heilige, der sein zurückgehaltenes Sperma in reine, strahlende Energie veredelt. Die Frau dagegen tritt ihm als Dirne entgegen. Sie verschafft ihm für einen Augenblick höchste Lust, jedoch um den Preis, dass er einen viel größeren Gewinn dabei einbüßt - seine spirituelle Kraft und seine Aussichten auf Erlösung.
Natürlich hat religiöses Denken an sich mit diesen Fiktionen gar nichts zu tun. Doch die Vertreter der Religion als eines institutionellen Machtapparats waren eben nicht nur Menschen, die sich mit dem Rätsel menschlichen Daseins befassten, sondern sie bildeten Gruppen mit bestimmten materiellen Interessen und Machtansprüchen. Ähnlich wie die weltlichen Herrscher handelten auch sie mehr oder weniger als Marionetten solcher Interessen.
Nur so wird begreiflich, dass sich unter dem Zepter der katholischen Kirche eine im Wesentlichen ähnliche Bewertung und Einstellung gegenüber der Frau wie im weit entfernten Indien herausbilden konnte. Es mag respektlos klingen, aber die Behauptung scheint keineswegs unbegründet, dass der weibliche Unterleib auch heute noch ein Hauptthema geistlicher oder von Geistlichen angeregten Diskussionen bildet. Keine anderen Fragen werden mit solchem Einsatz und solcher Bitterkeit öffentlich ausgetragen wie solche der Abtreibung, der Pille und heute auch schon wieder des vorehelichen oder außerehelichen Geschlechtsverkehrs. In einigen Ländern - nicht nur katholischen - werden ihretwegen Bomben geworfen, obwohl sie weder im Neuen Testament noch in anderen heiligen Büchern zum Kern der religiösen Offenbarung gehören. Das Machtinteresse – im Gegensatz zur Liebe, von der die Bibel spricht – ist unübersehbar. Nur zu gut ist den Verantwortlichen bewusst, dass sie mit dem schlechten Gewissen, das sie gerade in diesem intimen Bereich in den Betroffenen auslösen können, über ein hervorragendes Herrschaftsmittel verfügen.
Die Fixierung auf die Sexualität der Frau und die Tendenz, in ihr als sexuellem Wesen den Ursprung des Bösen zu lokalisieren, hatte beim Priester tiefer liegende Wurzeln als unter Kriegern. Diese sahen in der Frau nur die Verkörperung von Abhängigkeit und wehrloser Hilflosigkeit, d.h. sie betonten den niederen Rang der Frau. Krieger wären nicht auf den Gedanken verfallen, sich vor Frauen zu fürchten. Ihre eigene Überlegenheit ging aus dem Gebrauch und dem Monopol der Waffen hervor und verstand sich daher von selbst. Krieger konnten deshalb, ohne dabei auch nur ein Quäntchen an eigener Überlegenheit aufzuopfern, die Frau als ein besonderes Wesen verehren, wie sie es etwa zur Zeit der Troubadoure auch taten. Der unangefochten Starke kann es sich leisten, gegenüber Schwachen, die keine Konkurrenz zu ihm bilden, voller Großmut oder als Kavalier aufzutreten.
Dagegen konnte der Priester gegenüber der Frau keine natürliche Überlegenheit geltend machen – er musste diese deshalb erst konstruieren. Gerade weil Priester keinen realen Grund angeben konnten, warum Frauen ihnen unterlegen sein sollten, sind es vor allem Priester gewesen (und sind es teilweise noch heute), welche angeblich unüberwindbare Unterschiede zwischen Mann und Frau postulierten. Die Psycho-Logik der Macht musste in ihrem Fall eine besondere Radikalität der Aussagen bewirken, denn jede offenkundige Fiktion oder Lüge radikalisiert ihren Urheber. Selbst Thomas von Aquin bildet keine Ausnahme in der langen Reihe von Kirchenvätern, die sich als Schmäher der Frau einen Namen machten. gWas ihre besondere Natur betrifft, so sind Weiber mangelhaft und Missgeburten. Denn die schöpferische Kraft des männlichen Samens strebt im männlichen Geschlecht nach vollkommener Ebenbildlichkeit, während die Zeugung einer Frau auf einem Mangel dieser schöpferischen Kraft beruhth (Summa Theologica).[107] Aber schon tausend Jahre zuvor hatte der heilige Chrysostomos (ca. 347-407), Bischof von Konstantinopel, die Einstellung des geistlichen Standes zur Frau thematisiert. gWelchen Nutzen bringt dem Mann eine Heirat? Was ist denn eine Frau anderes als ein Feind aller Freundschaft, eine unentrinnbare Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, zu Haus eine Gefahr, ein verlockendes Übel, ein Fehler der Natur, der in herrlichen Farben erscheint?g[108] Obwohl reine Hirngespinste oder gerade deshalb, wurden derartige Aussagen von Christen nahezu zweitausend Jahre mit fanatischem Nachdruck und absoluter Selbstgewissheit vertreten.
Aber keinesfalls nur von Christen. In der Analyse der tiefer liegenden Motive wird die seltsame Übereinstimmung in der Haltung zur Frau verständlich, welche zwischen hinduistischen Priestern, islamischen Mullahs und christlichen Geistlichen besteht, also den Vertretern von Religionen, die einander in jeder anderen Hinsicht misstrauisch, wenn nicht feindselig gegenüberstehen. Warum Priester noch mehr als die weltliche Macht ihren Abstand von den Frauen betonen mussten, wird erst angesichts ihrer Stellung verständlich. Weil sie nicht mit Waffen umgehen konnten und durften, wurden Priester ja meist von Kriegern mehr oder weniger offen verachtet. Ein Mann, dessen Macht auf dem Schwert beruhte, hatte für den Bücher lesenden und schreibenden Geistlichen meist nur Spott und Herablassung übrig. Er brauchte die Priester, aber er verachtete sie. Für ihn waren sie keine vollwertigen Männer, sondern gehörten eher zum schwachen Teil der Gesellschaft, d.h. zu den Frauen. Aufgrund dieser Geringschätzung hatten Priester daher Grund, sich selbst als »Eunuchen für das Himmelreich« zu sehen, wie die rebellische Katholikin Uta Ranke-Heinemann es so plastisch formulierte.
Psychologisch ist dieser Umstand entscheidend. In der gefährlichen Nähe zum schwachen Teil der Gesellschaft lag wohl der hauptsächliche Grund, warum es so viel wichtiger für Priester als für Krieger sein musste, sich von der Frau abzugrenzen. Da der Unterschied zu den Frauen in ihrem Fall mit körperlicher Überlegenheit nicht zu rechtfertigen war, haben Priester unter dem Deckmantel der Religion in sämtlichen patriarchalisch geprägten Zivilisationen alles daran gesetzt, die Frau in geistiger Hinsicht zu schmälern und verächtlich zu machen. Gerade weil die physische Unterlegenheit der Frau im Zusammenhang mit den Tätigkeiten der Priester ohne Bedeutung war, mussten diese eine andere Art der Unterlegenheit finden – eben die geistige, die sie denn auch mit aller Unnachsichtigkeit in ihren Texten und Dogmen verankerten.
So erklärt sich, dass die starrsinnigsten Dogmatiker und unerbittlichsten Gegner einer wirklichen Gleichstellung der Frau unter Priestern zu finden waren. Unter ihnen begegnen wir durch die Jahrhunderte den größten Meistern einer Frauen verachtenden Dialektik, sie haben die spitzfindigsten Argumente zur Rechtfertigung weiblicher Ungleichstellung entwickelt.
Doch wenn der Mensch zu den Mitteln der Lüge greift, stoßen wir, wie versteckt auch immer, stets auch auf das schlechte Gewissen. Wir sahen schon, wie es sich gegenüber der Unterdrückung der Massen Geltung verschaffte, nämlich in der Vorstellung ihrer künftigen oder jenseitigen Belohnung. Auch die Frauen wurden mit derartigen Fiktionen belohnt und vertröstet. Die Ungleichen und Unfreien sollten im Himmel die Chance erhalten, über ihre einstigen Peiniger zu triumphieren, der Frau gab man immerhin schon im Diesseits die Chance, zu einer Heiligen zu werden. Voraussetzung dafür war allerdings, dass sie etwas Unmögliches leistete. Sie musste ihrer grundlegend verderbten Natur als Frau eine Absage erteilen. Anders gesagt, sie musste sich in ein auf der Erde nicht existierendes Wesen verwandeln.
Wenn ihr dies glückte, dann war sie nicht länger ein dem Mann unterworfenes, von ihm ausgenutztes, physisch und geistig minderwertiges Geschöpf, sondern konnte sich sogar weit über den Mann erheben. Sie wurde zu einem übernatürlichen, verehrungswürdigen Wesen. Die Frau als real existierende Person wurde erniedrigt, die Frau als biologisch unmögliches Wesen wurde verklärt. Die abgöttische Verehrung der Jungfrau Maria bildete die Kehrseite der realen Erniedrigung. Man sagte den Frauen – wohl wissend, dass dies eine Forderung gegen die Biologie des Menschen war und daher unerfüllbar: „Gebt eure Natur als Frauen auf, werdet geschlechtslose Jungfrauen, die durch den Geist befruchtet werden, dann seid ihr mehr als wir Männer, dann könnt ihr himmlische Engel werden.g
Wie so oft, umgab sich die Lüge mit dem Glanz einer geheuchelten Verehrung. Denn die eigentlichen Motive für die Abwertung der Frau durften ja nicht als solche bloß gelegt werden. Die Priester konnten und durften nicht offen bekennen, dass ihre Vorurteile durch die Furcht vor der Konkurrenz der Frau, die Furcht vor der sexuellen Versuchung und die noch größere Furcht verursacht waren, von der weltlichen Macht mit den Frauen verwechselt zu werden. Statt dessen verdeckten sie die wahren Motive durch scheinbar objektive Analysen über die natürlichen Mängel der Frau, sprachen sich aber gleichzeitig von allen bösen Absichten frei, indem sie die Frau als unwirkliches, inexistentes Wesen, eben als asexuelles Geschöpf, auf den höchsten Podest erhoben.
Die Erhebung und Verklärung der Frau zu einem abiologischen Wesen war freilich nicht die einzige Art, in der man die Lüge entschärfen konnte. Eine andere Möglichkeit lag auch hier in der Vertröstung auf eine höhere Stellung im Jenseits. Schon der heilige Hieronymus hatte den Gedanken geäußert, dass die Frau erst vollwertiger Mensch werden könne, wenn sie sich ihrer besonderen geschlechtlichen Funktionen entledigt, also zunächst einmal Mann wird.[109] Der seltsame Gedanke, dass Frauen erst das Geschlecht wechseln müssen, um den Makel ihrer Geburt zu verlieren, wurde ebenso auch in Indien entwickelt. Das braucht uns nicht sonderlich zu verwundern. Ähnliche Motive bringen eben auch ähnliche geistige Verirrungen hervor. Um bei der Wiedergeburt in höhere Existenzformen aufzurücken, musste sich eine Frau nach orthodoxer hinduistischer Lehre zunächst einmal als Mann reinkarnieren.[110] Wer schon Mann war, durfte Gott dafür danken, wie es die orthodoxen und konservativen Juden noch heute in ihren Gebeten tun. „Gesegnet seiest Du, Herr, dass Du mich nicht als Heiden erschufst, nicht als Frau und nicht als Sklaven.g[111]
Dem ursprünglichen Christentum waren derartige Vorstellungen fremd. Die frühen Christen hatten sich noch genötigt gesehen, Rücksicht auf die relativ hohe Stellung der Frau unter den Antoninen (zweites nachchristliches Jahrhundert) zu nehmen. Sie konnten Frauen daher auch nicht so ohne weiteres aus geistlichen Tätigkeiten verbannen. Erst der Nieder- und der dann folgende Untergang des römischen Reichs brachte dem weiblichen Teil der Gesellschaft eine stete Verschlechterung seiner Lage. Mit der Einführung des Pflichtzölibats im 12. Jahrhundert unter Papst Innozenz II. wurden Frauen dann endgültig an den Rand der geistlichen Gemeinschaft gedrängt. Das war eine Entwicklung, die sich offen hinwegsetzte über Buchstaben und Geist des Evangeliums Christi. In den Apostelgeschichten ist keine Rede davon, dass Jesus Frauen als minderwertige Geschöpfe beurteilt hätte. Vielmehr erstaunt, dass er nicht einmal in Prostituierten verworfene Frauen sah. Es fallen die Bemerkungen ins Auge, mit denen er selbst diesen Frauen mehr Chancen für das Himmelreich gab als den ihn umgebenden israelischen Schriftgelehrten, die immerhin zur höchsten Schicht der damaligen Gesellschaft gehörten.
Die Herrschaft des Mannes über die Frau ist nicht aus der christlichen Religion hervorgegangen, wie diese uns an ihrem Ursprung, im Neuen Testament, begegnet. Als Vorrang des Waffen tragenden Mannes war sie eine Schöpfung der bewaffneten weltlichen Macht – der Krieger. Aber das Patriarchat als geistige Realität war eine Schöpfung der schrift- und wortgewaltigen Priester, die sich zu einer Machtelite neben den Herren des Schwertes formierten. Erst als eine in der Priesterliteratur verankerte geistige Realität wurde das Patriarchat so mächtig, dass die kulturelle Fiktion von männlichem Vorrang und weiblicher Unterlegenheit als unbezweifelbares Wissen akzeptiert worden ist – nicht zuletzt auch von seinen Opfern. Bis ins neunzehnte Jahrhundert haben sich die meisten Frauen bereitwillig dem Bild unterworfen und angepasst, das sich die Männer von ihnen machten.
Patriarchat oder Männerherrschaft bedeutet im Wesentlichen den Besitz der Frau durch den Mann. In der indischen Witwenverbrennung und dem chinesischen Selbsttod der Witwen hat dieses Besitzdenken bis ins neunzehnte Jahrhundert eine Ausprägung gefunden, die in unserer Zeit nur ungläubiges Erstaunen und entrüstetes Kopfschütteln erzeugt. Starb der Mann, so hatte die Frau ihm willig in den Tod zu folgen. Denn als sein Eigentum besaß sie kein Recht auf ein von ihm unabhängiges Leben. In keiner Handlung des Mannes drückt sich seine Verfügung über die Frau mit größerer symbolischer Kraft aus als in den Scheiterhaufen, auf denen die Satis (Sanskrit: die »guten Frauen«) ihr Leben qualvoll beenden mussten.[112]
Aber wir sollten uns nicht zu sehr über frühere chinesische und indische Zustände erfeiern. Der Einfluss der Macht auf das Denken hat überall, auch bei uns, zu ähnlichen Exzessen, manchmal sogar zu noch schlimmeren geführt. Schätzungen über die Zahl der in den Hexenverfolgungen Mitteleuropas ermordeten Frauen bewegen sich zwischen zweihunderttausend bis zu zwei Millionen – vermutlich sind das weit mehr Frauen als in derselben Zeit in Indien auf Scheiterhaufen verbrannten oder in China zum Selbstmord gezwungen wurden.[113]
Das Schicksal der Frau zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert verdient im Zusammenhang mit ihrer allgemeinen Erniedrigung besondere Beachtung. Selten wurde die Verformung des Denkens durch das Dazwischentreten der Macht so grell illustriert. Man machte Frauen zu teuflischen Wesen, weil diese Umwandlung den Bedürfnissen der Mächtigen gehorchte.
Zunächst sollte man allerdings bedenken, dass es bei der Verfolgung der Hexen nicht in erster Linie um einen Kampf der Geschlechter ging. Männer verfuhren ja nicht weniger grausam gegeneinander. Verfolgt und verbrannt wurden keineswegs nur Hexen. Die Verfolgung von Menschen mit abweichenden Glaubensvorstellungen hatte in der Kirche eine lange Geschichte und erreichte ihren Höhepunkt mit der physischen Ausrottung der südfranzösischen Katharer zwischen 1208 bis 1255. Sie stand zwar im diametralen Gegensatz zur erklärten Feindesliebe, wie die Evangelien sie verkünden, wurde aber dennoch mit besonderer Liebe für die Seelen der Verirrten begründet. Ausrottung drohte im Prinzip allen Ketzern, d.h. sämtlichen Menschen, die irgendein von der Geistlichkeit verkündetes Dogma für willkürlich oder unrichtig hielten oder auch nur ein Leben in der echten Nachfolge Christi führten, d.h. in programmatischer Armut, womit sie dann – ob gewollt oder ungewollt – gegen das Wohlleben und den Reichtum der kirchlichen Hierarchie protestierten. Im Prinzip hätte die geistliche Macht die ganze übrige Menschheit ausrotten können, da diese ja in ihrer überwältigenden Mehrheit dem Unglauben huldigte. Tatsächlich beschränkte sie sich in ihrem Vorgehen auf die Menschen in ihrem Hoheitsbereich und hier fast ausschließlich auf Männer.
Dieser blutig geführte Kampf hatte vor allem ökonomische und innenpolitische Gründe. Während des 12. Jahrhunderts wurde der Einspruch gegen die bestehenden Privilegien von Adel und Klerus zunehmend lauter. Das System feudaler Rechte und Pflichten, das die kleinen Leute bis dahin mit einem Mantel ökonomischer Sicherheit umhüllte, machte in ganz Europa frühkapitalistischen Verkehrsformen Platz, welche die alten Verhältnisse zerstörten; überall flammten nun soziale Unruhen und Aufstände auf, weil mehr und mehr Menschen in eine wirtschaftlich prekäre Lage gerieten. Außerdem hatte die Bevölkerungsdichte zugenommen. Nach den Eroberungen und Rodungen der vergangenen zweihundert Jahre war neuer Boden in Europa kaum mehr zu finden, der vorhandene reichte angesichts einer wachsenden Bevölkerung aber immer weniger aus, um allen Unterhalt zu gewähren. Die neue ökonomische Unsicherheit erklärt unter anderem, warum sich in der Zeit zwischen dem elften und dreizehnten Jahrhundert selbst Kinder und Halbwüchsige zu den Kreuzzügen drängten. Die Preise für Nahrungsmittel klommen schließlich steil in die Höhe;[114] viele suchten der heimischen Enge und Perspektivlosigkeit zu entfliehen und sich in der Ferne das Glück zu erobern. Oder sie wandten sich messianischen Heilslehren zu, die damals in aller Munde waren, z.B. den spirituell-kommunistischen Verheißungen von sozialer Gerechtigkeit, die der kalabresische Abt Joachim von Fiore gegen Ende des 12. Jahrhunderts verkündete. Seiner damals überaus einflussreichen Lehre zufolge würden die Reichen - Adel und Klerus – schon bald der ewigen Verdammnis verfallen, während die Armen sich endlich die ihnen zustehenden Rechte erobern. Im Sinne Joachims stellte auch Franz von Assisi das Armutsgelübde an die erste Stelle seiner Bewegung - sehr zum Missfallen der katholischen Hierarchie, die darin einen Angriff auf ihre eigene Stellung sah und den Orden daher nur unter der Bedingung dulden wollte, dass die Forderung nach extremer Armut in den Hintergrund trat.[115]
Die gärende Unzufriedenheit kam seitdem nicht mehr zur Ruhe - durch die Verheerungen der Pest um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts und die sich bis dahin europaweit noch verschlechternde ökonomische Situation wurde sie noch gesteigert, flammte in den Hussitenkriegen um die Mitte des 15. neuerlich auf und setzte sich dann in den Aufrufen nach sozialer Gerechtigkeit durch Thomas Müntzer fort, die zu einem kurzlebigen kommunistischen Stadtstaat in Münster unter Johann von Leiden führten.[116] Seit Joachim von Floris sahen sich die Herrschenden von Kirche und weltlicher Macht einer zunehmend breiten Front von Unzufriedenen und Aufrührern gegenüber. Auch Luther verlieh dieser Unzufriedenheit Ausdruck. Zu seiner Zeit war es die grelle Geldgier des römischen Klerus, welche dem Augustinermönch in der Bevölkerung eine große Gefolgschaft verschaffte und den Protestantismus in kurzer Zeit zu einer Weltbewegung ausgreifen ließ.[117]
Die Bewegungen dieses sozialen Protestes lagen fast ausschließlich in den Händen von Männern – es waren daher auch Männer, die seit dem 12. Jahrhundert von anderen Männern als Ketzer verfolgt, gefoltert, verbrannt und geächtet wurden. Männer, die nach Meinung der Kirche mit dem Teufel im Bunde standen, denn Auflehnung gegen die Kirche – auch und gerade wenn der Protest der Armen gegen die weltlichen Privilegien des Klerus zielte - wurde als Allianz mit satanischen Mächten gebrandmarkt.
Es ist wichtig, diesen Punkt besonders hervorzuheben. Seit Ende des 14. Jahrhunderts war die Verfolgung von Frauen als Hexen zwar ideologisch verfestigt, wie die US-amerikanische Historikerin Barbara W. Tuchman in ihrer Studie über das vierzehnte Jahrhundert sagt. „Die Kirche befand sich in der Defensive, vom Schisma zerrissen, in Autorität und Lehre von wütenden Protestbewegungen belagertc sie fühlte sich von böswilligen Mächten umgeben, als deren Anführer sie Zauberer und Hexen ansah, die den Zwecken Satans gehorchten.[118] Die seit Mitte des 15. Jahrhunderts aufflammende Verfolgung der Frauen lässt sich jedoch nicht aus einem besonderen Hass des Mannes gegen die Frau ableiten. Eine schon seit mehreren Jahrhunderten bestehende Strategie der Verteufelung religiöser Abweichler wurde zunächst nur auf den weiblichen Teil ausgeweitet. Nicht mehr.
Dennoch weist die im fünfzehnten Jahrhundert in Europa, später auch in Nordamerika (Neuengland) um sich greifende Verfolgung von Hexen von vornherein eigentümliche Merkmale auf. Die männlichen Ketzer hatten in der überwiegenden Zahl nachweisbare Straftaten begangen. Sie hatten Sätze geäußert, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche standen. Sie hatten die Legitimität der bestehenden Ordnung in Zweifel gezogen oder sogar aktiv bekämpft. Wenn es zu Gerichtsverhandlungen kam, wurde über diese Taten einzeln geurteilt, meist nachdem die Beschuldigte in aller Form (wozu auch die Folter gehörte) der Verbrechen überführt worden waren.
Die Einzigartigkeit der Verfolgung von Frauen bestand demgegenüber in einem wesentlich anderen Vorgehen – hier wurde der Nachweis der Schuld routinemäßig von der Anklage selbst fabriziert. Irgendeine Frau konnte der Denunziation irgendeines Neiders zum Opfer fallen. Aufgrund eines bald auch institutionell abgesicherten Automatismus ergab sich dann alles Weitere von selbst. Die Frauen wurden solange gefoltert, bis sie ein Verhalten gestanden, das ihre Schuld nachträglich bewies. Mit anderen Worten, jede Frau war zum Tode verdammt, sobald irgendein Mitbürger auf den Gedanken verfiel, den Vorwurf der Hexerei gegen sie vorzubringen.
Hieraus ergab sich ein deutlich erkennbarer Unterschied in der Behandlung von Männern und Frauen. Während die Gerichte männlichen Ketzern ein Verbrechen nach den damals üblichen Regeln der Rechtsprechung nachweisen mussten, wurden Frauen schon dadurch zu Todgeweihten, dass irgendjemand – ein missgünstiger Nachbar, ein wirtschaftlicher Konkurrent, ein habsüchtiger Mönch oder Priester – gegen sie einen Verdacht aussprach.
Und nicht nur dieser Unterschied fällt ins Gewicht. Die meisten Männer wurden als Einzeltäter betrachtet und dementsprechend behandelt. Dagegen wurden die Frauen grundsätzlich als Mitglieder einer dem Teufel verschworenen Gemeinschaft gesehen. Durch grässliche Quälereien wurde eine dem Gericht überantwortete Frau nicht nur gezwungen, ihre angeblichen Sabbatflüge und ihre Rendezvous mit dem Teufel zu offenbaren, sondern sie musste darüber hinaus auch noch die Namen ihrer Gefährtinnen nennen. Da man sie solange folterte, bis sie, nur um dem Schmerz zu entgehen, die Namen irgendwelcher Frauen aus ihrer Bekanntschaft nannte, wurde daraus ein Schneeballsystem – jede von ihren kirchlichen Verfolgern gefangen gesetzte Frau wurde durch die Folter genötigt, weitere Frauen zur Anzeige zu bringen.
Die Absicht hinter diesem System erwies sich damit als eine grundlegend andere als bei der Verfolgung männlicher Ketzer. Die letzteren wurden vernichtet, indem sie einzeln oder in Gruppen überführte und der weltlichen Macht übergab. Das Übel wurde lokalisiert und beseitigt. Die Verfolgung der Frauen entwickelte sich dagegen sehr schnell zu einem System, mit dem man Straftaten willkürlich erzeugen und beliebig vermehren konnte, um Angst und Schrecken dauerhaft in der Bevölkerung zu verbreiten.
Dieser Gegensatz verbarg einen weiteren. Die ermordeten Frauen waren in den seltensten Fällen Kritiker der Kirche, und noch seltener konnte man sie zu den sozialen Aufrührern rechnen. Die meisten von ihnen hatten sich allenfalls dadurch schuldig gemacht, dass sie den Neid und die Missgunst ihrer Nachbarn erweckten. Gerade deshalb herrscht ja bis zum heutigen Tag unter Historikern ein Rätselraten, warum eine solche ganz Europa umfassende Psychose und Massenverfolgung überhaupt zu entstehen vermochte.
Es werden die verschiedensten Gründe genannt, z.B. solche psychologischer Art. Die als Richter über sie gesetzten geistlichen Herren hätten auf diese Weise einen Sadismus befriedigt, der aus sexuellen Entbehrungen und einem daraus hervorgehenden Hass gegen Frauen entstand - so wie in unserer Zeit die Kinderpornographie ähnlichen Bedürfnissen dient. Gewiss, die Wehr- und Hilflosigkeit der weiblichen Opfer begünstigte derartige Regungen. Andere gehen noch weiter und sehen darin überhaupt einen Beweis für die Besessenheit geistlicher Herren von allem Sexuellen – damals hätten die Frauen dies eben büßen müssen. Eine weitere Erklärung hebt die überdurchschnittlich häufige Verfolgung von Hebammen hervor. Danach hätte sich die Hexenverfolgung in erster Linie gegen die von den »weisen Frauen« praktizierte Geburtenbeschränkung gerichtet. Nach dem Massensterben im vierzehnten Jahrhundert - die große Pest hatte in einigen Gebieten mehr als die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft - hätte sich die Arbeit sehr stark verteuert und damit die Profite der herrschenden Schicht aus Adel und Klerus geschmälert. Die von den Hebammen angebotenen Praktiken der Geburtenbeschränkung hätten daher im Widerspruch zu den Interessen der Macht gestanden.[119]
So zutreffend diese Erklärungen einzelne Fälle beschreiben, als Ursachen für die Massenpsychose des Hexenwahns greifen sie wohl eher zu kurz. Die Verfolgung betraf ja keineswegs nur die Hebammen, sondern alle Frauen mit der bemerkenswerten Ausnahme solcher aus den höheren Schichten. Was die psychologischen Begründungen betrifft, so vermögen sie deshalb wenig zu überzeugen, weil gerade gegen Ende des 15. und während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in sexuellen Dingen große Freizügigkeit herrschte. Der Klerus wusste die leiblichen Genüsse, die ihm die Gesellschaft schöner Frauen verschaffte, überaus zu schätzen. Von psychischer Verklemmtheit ist in dieser Zeit wenig zu bemerken. Gewöhnliche Bürger, so pflegte man damals zu sagen, hätten sich mit einer einzigen Frau zu begnügen, viele Mönche und Vertreter der höheren Geistlichkeit legten sich in diesem Punkt weit weniger Beschränkungen auf. Die Satiriker jener Zeit, allen voran der gefürchtete Pietro Aretino, gossen damals das Füllhorn bissigen Spotts über die sexuellen Vorlieben des geistlichen Standes aus.[120]
Mit Recht herrscht angesichts der Hexenverfolgung Ratlosigkeit bei den Historikern. Überzeugende Gründe für den damals herrschenden Massenwahn haben sich bisher einfach nicht finden lassen. Wäre es da nicht nahe liegend, auf Gründe für die Verfolgung überhaupt zu verzichten und sie für grundlos zu halten? Es ist klar, dass wir die von den kirchlichen Hexenjägern selbst angegebenen Gründe als Produkte priesterlicher Umnachtung ansehen müssen. Kein ernsthafter Historiker wagt heute noch zu behaupten, dass Frauen Buhlschaften des Teufels waren oder heute noch sind. So wie wir das Dogma von der Ungleichheit der Menschen überwunden haben, gehört auch die bewusste Erniedrigung der Frau der Vergangenheit an. Es gibt keine objektiven Gründe für die menschliche Ungleichheit im Allgemeinen und für die der Frauen insbesondere.
Wir wissen aber, dass Menschen als ungleich definiert worden sind, weil die Macht ein elementares Interesse daran besaß, dass sie es waren. Dieses Wissen können wir auch auf die Behandlung der Frauen während der Hexenverfolgung übertragen. Dann erübrigt sich unsere Suche nach objektiven Gründen. Es gibt sie nicht. Was bleibt ist das Interesse der Macht, in diesem Fall das besondere Interesse einer in die Defensive geratenen Kirche. Frauen wurden verfolgt, weil sie verfolgt werden sollten.
Unter dieser Voraussetzung ergibt sich eine auffällige Parallele zwischen der Vernichtung der Frauen und der Ausrottung der Juden im zwanzigsten Jahrhundert. Auch die Vernichtung der Juden war objektiv grundlos. Sie hatten sich allenfalls dadurch schuldig gemacht, dass sie den Neid und die Missgunst ihrer Nachbarn erregten, alle sonstigen ihnen von ihren Verfolgern zugeschriebenen Verbrechen waren absichtliche Lügen oder offenkundige Hirngespinste. Andererseits hatte die Macht - in diesem Fall das Hitlerregime - ein Interesse an dieser Verfolgung. Es brauchte den Feind, die Sündenböcke, denen man alle Missstände zur Last legen konnte.
Die Parallele reicht weiter. So wie jeder auf dem Scheiterhaufen verbrannten Frau nachgesagt wurde, dass sie ein Mitglied der weltumspannenden »Organisation« Satans gewesen sei, wurden auch die Juden mit einem imaginären Geheimbund in Verbindung gebracht, der angeblich weltweit tätig war. Die gefälschten »Protokolle der Weisen von Zion« lieferten den Verfolgern dazu eine scheinbare Begründung. In beiden Fällen war keine objektiv nachweisbare Schuld der bestimmende Grund der mörderischen Verfolgung, sondern allein der Nutzen, den Adel und Klerus bzw. später Adolf Hitler darin erblickte, Sündenböcke gefunden zu haben, die man für alle bestehenden Übel verantwortlich machen konnte.
Wenn man die Verfolgung der Frauen zwischen dem fünfzehnten bis zum 18. Jahrhundert als willkürlich und grundlos betrachtet, tritt der dahinter verborgene Zweck umso deutlicher in Erscheinung. Im Kampf gegen den aus dem Volk aufbrandenden sozialen Aufruhr, diesem Kampf gegen die Privilegien der herrschenden Schicht, wären Kirche und etablierte weltliche Macht auf Dauer zerrieben worden. Ihnen fehlten die überzeugenden Argumente, um den eigenen spektakulären Reichtum glaubwürdig zu begründen. Immerhin hatte die Kirche während des doppelten Papstregimes im 14. und des dreifachen im angehenden 15. Jahrhundert ihre Autorität weitgehend eingebüßt.[121] Und nach dem Ende des Schismas stand es damit keineswegs besser. So war der ganzen Christenheit zu Zeiten Luthers bekannt, dass die römische Hierarchie seit Sixtus IV. Prostituierte für sich arbeiten ließ und dass der Vatikan mit dem Ablasssystem die menschliche Sünde zu einer bevorzugten Quelle seiner Einkünfte machte. Die Kirche war an schlechterdings allen Sünden – mochte es sich um Diebstahl, Mord oder Unzucht handeln - materiell interessiert; in wörtlichem Sinne lebte sie von ihnen, denn die geistlichen Herren waren durchaus nicht gewillt, auf das daraus fließende Einkommen zu verzichten.[122] Gegenüber der öffentlichen Meinung befanden sie sich dadurch aber in einem für sie höchst gefährlichen Erklärungsnotstand. Nicht nur Luther sondern eine ganze Reihe von kirchlichen Rebellen, angefangen bei den Katharern, sahen im Papst den Antichrist, also eine Verkörperung des Teufels. Auf Dauer wäre es den herrschenden Mächten kaum möglich gewesen, sich gegen den immer lauter und immer militanter äußernden Protest der vielen messianischen Bewegungen zu behaupten, die genau diese Missstände aufs Schärfste verdammten.
Wenn eine mächtige Institution auf ihre Privilegien freiwillig nicht verzichten will oder kann, andererseits aber keine Möglichkeit findet, diese ideologisch zu legitimieren, zerbricht sie entweder an inneren Widersprüchen oder sie bedient sich der einzigen Strategie, die ihr in diesem Fall einen Ausweg verheißt. Sie muss den Protest von sich selbst fortlenken, damit er auf ein Ersatzobjekt fällt. Mit anderen Worten, sie muss für alle bestehenden Übel einen Sündenbock finden. Gelingt es auf diese Weise, die Wut der kleinen Leute von Reichtum und Privilegien der Großen und Mächtigen fortzulenken, so dass sie den Grund für die eigene Misere nicht in der Ausbeutung durch ihre Herren sehen, sondern im Wirken böser Mächte in ihrer eigenen Mitte, dann bleibt das Privileg ungefährdet. Die Massen wenden ihre Empörung und ihren Hass dann gegen den Sündenbock. Der Hass wird nicht entschärft – in einer Zeit schwerer sozialen Spannungen ist das kaum vorstellbar – aber er hat ein anderes Opfer gefunden.
Wenn diese Auffassung richtig ist, dann lässt sich die Verfolgung der Hexen zwischen Renaissance und Aufklärung als eine andere Art der Judenverfolgung verstehen. Wie bei dieser waren es die schwächsten Glieder der Gesellschaft, die man zu Opfern machte. In einer weltlich und kirchlich eindeutig patriarchalisch geprägten Epoche waren die Frauen der wehrloseste Teil der Gesellschaft. Indem man sie zu Ersatzfeinden machte, lenkte man den Blick der kleinen Leute von den wahren sozialen Missständen auf imaginäre Ursachen ab. Damit war ein weiterer Vorteil verbunden. Die damaligen Herren – Klerus und Adel – befanden sich dauernd in Geldschwierigkeiten. Die Hexenverfolgung trug unzweifelhaft zu deren Linderung bei. Die Güter der Familien, aus denen die beschuldigten und anschließend ermordeten Frauen stammten, wurden eingezogen und der prozessuale Aufwand der Geistlichen aus den Mitteln der Opfer bestritten - so wie später die Verfolgung der Juden sich ja ebenfalls finanziell als überaus einträglich erwies.[123] Sowohl Kirche wie weltliche Obrigkeit profitierten also unmittelbar von diesen Frauenmorden. Selbst das Aufspüren weiterer Opfer verursachte keine weiteren Kosten, da jede angebliche Hexe ja unter Einwirkung der Tortur dazu gezwungen wurde, die Namen weiterer Hexen zu nennen. Wie eine Lawine breitete sich die Denunziation wehrloser Frauen über das ganze damalige Europa aus.
Dabei bestand zwar grundsätzlich auch die Gefahr, dass die beschuldigten Frauen zu hoch greifen würden, indem sie die Namen von Fürstinnen und von Geliebten der Bischöfe als Teufelsbuhlerinnen nannten. Es ist sogar anzunehmen, dass viele dieser zu Tode gequälten Frauen, da sie nichts zu verlieren hatten, zuerst einmal solche Namen nannten, bevor sie ihre Bekannten unter Zwang denunzierten. Doch auch für diesen Fall waren die Inquisitoren gerüstet. Sie schlossen daraus auf besonders teuflische Machenschaften und verstanden es, derartige Abirrungen durch stärkere Folterung zu unterbinden. Dass es ihnen auf diese Weise gelang, den Vorwurf der Hexerei von den oberen Zehntausend fernzuhalten, wird durch die Statistik bewiesen. Die erhaltenen Dokumente beweisen, dass sich unter den als Hexen verbrannten Frauen nur ganz wenige aus den oberen Schichten befanden. Ausgerottet wurden die Schwachen: Frauen aus den niedrigen Schichten und dem mittleren Bürgertum.
So wurden durch die Hexenverfolgung Misstrauen, Auflehnung und Hass von jenen fern gehalten, denen sie anfänglich galten – den Angehörigen der herrschenden Schichten. Nachdem es einmal gelungen war, den Hexenwahn und die Hexenangst in der Bevölkerung zu verbreiten, schien es klar, woher die großen Übel der Zeit – die überall aufflackernden religiösen Spannungen, die grellen Gegensätze von Arm und Reich - wirklich stammten. Die Gründe dafür brauchte man nicht länger in der Unersättlichkeit der weltlichen Herren oder dem Missbrauch des Christentums durch den Klerus zu suchen. Diese tatsächlichen Gründe hatte man nun mit Erfolg in den Untergrund der unaussprechbaren Wahrheiten verdrängt. Was blieb war die Lüge. Schuld waren jetzt teuflische Mächte, die sich der Frauen als ihrer Verbündeten bedienten. Stiegen die Preise, verendete das Vieh auf den Weiden, wurden Unheil verkündende Meteoriten gesichtet, kam es zu Missernten auf den Feldern, verspürte der Herr Bürgermeister oder der Bischoff einen Stich im Rücken (Hexenschuss), dann war es der Teufel, der all dies bewirkte, indem er die Frauen zum Instrument seiner diabolischen Pläne machte. Satanische Frauen waren an allem Schuld, so wollten es die Herren, um von sich selbst alle Schuld abzuwehren.
Jedes Verbrechen ist für die davon Betroffenen das schlimmste. Insofern ist der Vergleich zwischen ihnen nur äußerlich möglich, in quantitativer Hinsicht zum Beispiel und vielleicht auch noch darin, wie weit sie den Menschen nicht nur physisch sondern zur selben Zeit auch noch geistig zerstören. Die Frauen wurden langsam zu Tode gequält. So gut wie keine dieser Hunderttausenden von Frauen entging diesem Schicksal, nachdem sie erst einmal verhaftet war. Die unerbittliche Vernichtung ihres Körpers war umso fürchterlicher, weil man sie zusätzlich dazu zwang, dieses schrittweise Morden als gottgewollt hinzunehmen. Offiziell war die Todesfolter ein Akt der Liebe, den ihre Henker an ihrer Seele verrichten wollten.
Demgegenüber gab es für die verfolgten und ermordeten Juden immerhin noch eine geistige Zuflucht, die ihnen auch die Nazis nicht nehmen konnten. Das war eine Religion, die ihren Anhängern dreitausend Jahre lang in Zeiten der Not Trost und Hoffnung gespendet hatte. Die von der geistlichen Macht zu Tode gefolterten Frauen hatten nichts, wohin sie sich wenigstens geistig noch retten konnten. Sie wurden insgesamt - körperlich wie geistig - von ihren Henkern ins Nichts gestoßen. Der Holocaust an den Juden wurde im Namen einer Weltanschauung verrichtet, die den Hass zu ihrem Fundament gemacht hatte. Von einer solchen Weltanschauung war nichts anderes als Hass und Tod zu erwarten. Die Nazis wussten, dass sie ein Verbrechen begingen. Sie haben ihre Untaten wenigstens nicht als Akt der Liebe maskiert, sondern bis zum letzten Moment vor der eigenen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit verheimlicht.
Die die Frauen vernichtenden Henkerspriester haben nichts vor der Welt verheimlicht. Im Gegenteil, die Vernichtung der Frauen geschah öffentlich vor aller Augen. Alle Welt sollte ja vor der geistlichen Macht und dem in ihrem Auftrag handelnden weltlichen Arm erzittern. Das systematische Morden wurde als Akt der reinen Güte gepriesen. Die Ermordung wehrloser Frauen geschah im Namen einer Lehre, welche sich auf die umfassende Liebe von Jesus Christus, ihrem Gründer, berief. In einer Geschichte von Lüge und Macht, die so viele schwarze Momente aufweist, ist das für mich ein nie überschrittener Höhepunkt.
Bis hierher sind wir dem Gang der Lügen im Dienste der Macht gefolgt. An der Spitze aller anderen Lügen stand die von der menschlichen Ungleichheit. Die Menschen waren gleich von Natur, aber sie mussten, da Gewalt allein dazu nicht ausgereicht hätte, mit Hilfe der Ideologie, d.h. vor allem mit den Mitteln der Religion, als ungleich hingestellt werden.
Das galt für nahezu alle agrarischen Hochkulturen. Aber es galt eben nicht ausnahmslos. Der Mensch war und ist durch seine materiellen Lebensumstände nicht determiniert. Es gab zwar nur maximal zwanzig Prozent »freie Stellen« unter den Bedingungen einer Agrargesellschaft. Höchstens ein Fünftel der Bevölkerung konnte durch die Überschüsse der anderen miternährt werden. Aber auf diesen äußeren Zwangs konnten Gesellschaften auf ganz verschiedene Art reagieren. Gleich zu Anfang habe ich darauf hingewiesen, dass drei mögliche Strategien bestehen, um Ungleichheit herzustellen: durch Waffengewalt, Abkunft (Geburt) oder durch Wahl. Waffengewalt und Abkunft bilden die Regel. Davon war auf den vorangehenden Seiten die Rede war. Aber daneben gab es auch noch die Wahl und damit die Möglichkeit, die Ungleichheit nicht durch Lügen zu rechtfertigen, sondern ihr eine glaubhafte Begründung zu geben. Das ist nur in zwei unter den großen Agrarzivilisationen gelungen, dem osmanischen Reich in der Zeit zwischen Osman (1258 - 1326) und Süleiman (1520 - 1566) und in China.
Die Osmanen waren türkische Nomaden, die das weite Siedlungsgebiet griechisch orthodoxer Christen besetzten, um sich als Herren vom agrarischen Überschuss der dort heimischen Bauernschaft zu ernähren. Wie in Sparta waren auch hier fremdstämmige Mensch in ein bereits von anderen besiedeltes Land eingefallen. Die Herrschaft der Osmanen beruhte zu Anfang allein auf militärischer Überlegenheit. Genau wie die Spartaner hätten auch die Osmanen jedem Angehörigen ihres eigenen Volks ein Stück erobertes Land einschließlich der darauf heimischen Menschen zuweisen können, wobei die letzteren es dann als Sklaven für ihre Herren bewirtschaften mussten. Dann wäre es ebenso wie in Sparta zur Unterscheidung von geborenen Herren und Untermenschen gekommen. Doch die Osmanen gingen einen anderen Weg. Sie verstanden es, die heimische Bevölkerung in ihr Regierungssystem einzubinden und damit ihre Herrschaft in den Augen der Unterworfenen in hohem Maße zu legitimieren. Der militärische und administrative Apparat wurde Menschen aus der unterworfenen Bevölkerung anvertraut, und zwar nach den Regeln der Wahl. Wer sich durch Können, Talent, Willensstärke vor anderen auszeichnete, der erhielt die Chance, die höchsten Posten des Staates einzunehmen, selbst den des Großwesirs. Die Osmanen errichteten ein System, in dem die »freien Stellen« - sieht man von den Resten eines türkischen Adels ohne Regierungsbefugnisse ab – nicht von hochgeborenen Mitgliedern der Aristokratie ausgefüllt wurden, sondern von Menschen ohne jedes Geburtsprädikat, nämlich von Sklaven, die man aus den Reihen der Unterworfenen, vor allem Christen, rekrutierte.
Wie Arnold Toynbee in seiner Study of History bemerkt,[124] verstanden sich die Osmanen wie alle Nomaden auf die Zähmung und Nutzung ihrer tierischen Werkzeuge. Sie wussten, wie man Pferde, Falken, Kamele und Hunde abrichtet und die besten Exemplare systematisch höher züchtet. Das war eine Kunst, dem sie ihr Überleben als beständig mobile Gruppen verdankten. Dieses über Generationen erworbene Wissen brauchten sie nur von Tieren auf Menschen zu übertragen, um in ihnen genau dieselben außerordentlichen Leistungen hervorzubringen. Tatsächlich hatten spezielle Suchtrupps genau dieses Ziel vor Augen, wenn sie die unterworfenen Gebiete auf der Jagd nach vielversprechenden jungen Knaben und Mädchen durchsuchten. Die so Ermittelten wurden ihren christlichen Eltern genommen und in die Aufsicht des Staates überführt. Als Sklaven wurden sie dann im Islam und allen für den Staat nützlichen Wissenschaften und Künsten erzogen. Die Knaben wurden vorzugsweise im Waffenhandwerk ausgebildet und aus ihnen das in der ganzen damaligen Welt so gefürchtete Heer der Janitscharen gebildet. Aber auch die Posten der zivilen Verwaltung wurden mit ihnen besetzt; weibliche Sklaven konnten zu Favoritinnen des Sultans aufsteigen. Schließlich gab es keine Funktion im Staat, die den Sklaven versperrt war. Kein geringerer als der größte osmanische Herrscher, Süleiman der Prächtige, war ursprünglich selbst ein Sklave.
Die Osmanen hatten auf diese Weise ein höchst effizientes Herrschaftssystem errichtet, das den Tüchtigsten des Landes unabhängig von ihrer Geburt die besten Stellen verschaffte. Während der Zeit seiner Blüte zwischen dem dreizehnten und dem sechzehnten Jahrhundert entwickelte dieses auf individueller Leistung beruhende Regierungssystem eine so starke expansive Energie, dass es in weiten Gebieten des Nahen Ostens bis ins Abendland hinein eine stabile Herrschaft über fremdbürtigen und religiös andersgläubigen Völkern zu errichten vermochte. Wo immer die Osmanen sich zu Herren machten, diente ihnen die heimische Bevölkerung als Reservoir für hervorragende Talente. Das osmanische Reich setzte sich über alle Regeln der Geburt hinweg, indem es die besten seiner Untertanen, nominell Sklaven, faktisch in den Rang von Herren erhob.
Erst die industrielle Gesellschaft hat mit dem Instrument der Wahl Leistung und Können auf gleiche Art wie die Osmanen gefördert und eine noch größere Expansionskraft entfaltet, weil sie neben der militärischen Menschenbeherrschung auch die der Natur einbezog, und weil sie neben dem herausragenden Können im Prinzip allen Bürgern, auch den weniger talentierten, die Möglichkeit der Entfaltung ihrer Fähigkeiten zum Wohl des Ganzen bot.
Welche Vorteile dieses System aber schon in seiner von den Osmanen verwirklichten Form gewährte, springt in die Augen, wenn wir es noch einmal mit den Verhältnissen in Sparta vergleichen. In beiden Fällen machten sich Fremdvölker zu Herren über eine von ihnen militärisch unterworfene Bevölkerung. In beiden Fällen musste die Fremdherrschaft ideologisch damit gerechtfertigt werden, dass die Fremden ein höherer Menschentyp seien, der sich im Besitz der einzig wahren Weltanschauung (Religion) befindet. Beide Systeme beruhten auf physischer Gewalt und auf der ideologischen Lüge. Aber in Sparta war die Lüge sozusagen total und unaufhebbar. Die Spartaner kamen ohne den Mythos von Über- und Untermenschen nicht aus, und zwischen beiden richtete die Geburt eine unüberwindbare Schranke auf. Kein Helot, mochte er noch so außerordentliche Fähigkeiten besitzen, konnte jemals unter die freien Spartaner aufrücken. Die Osmanen aber ersetzten das Prinzip der Geburt durch das von Tüchtigkeit, Leistung und Talent. Das war eine historisch überragende Errungenschaft.
Sie bedeutete auch einen grundlegenden Unterschied im Verhältnis zu anderen Völkern. Das System der Spartaner grenzte andere Menschen ein für alle Mal aus. Es war prinzipiell nicht erweiterungsfähig. Dagegen war die osmanische Herrschaft im Prinzip zu unendlicher Ausdehnung fähig. Auf ihrem Höhepunkt erstreckte sie sich auf der ostwestlichen Achse von Persien über Ägypten bis nach Algerien, während sie von Süden nach Norden in Ägypten begann und über Serbien und Ungarn bis an die Grenzen Österreichs reichte. Überall ließen die Türken lokale Sprachen, Sitten und Religionen als Kultur der Unterworfenen fortbestehen, aber sie nahmen die besten aus der Bevölkerung in ihre Reihen auf, um sie in den Werten, der Religion und den Sitten der Herren auszubilden und sie dann selbst zu Herren zu machen. Es gab keine Gleichheit: die Bevölkerungsmehrheit hatte wie überall sonst für ihre Gebieter zu fronen, aber es gab eine Annäherung an die Gleichheit der Chancen. Niemand aus der heimischen Bevölkerung war von Natur aus zu gering, um die höchsten Staatsämter einzunehmen.
Wie gesagt, in den drei Jahrhunderten zwischen Osman und Süleiman war dieses System außerordentlich erfolgreich. Wenn der Schwung der Expansion seit Ende des sechzehnten Jahrhunderts zu erlahmen begann, so in erster Linie deshalb, weil das System seinen eigenen Prinzipien untreu zu werden begann. Durch das neuerliche Eindringen des Geburtsprinzips wurde die osmanische Herrschaft mehr und mehr von innen zersetzt. Nach Süleiman drängten freie Muslime der adligen Sippen in den Regierungsapparat und auf die militärischen Posten vor. Die strenge Auswahl nach dem Talent, welche dem System seine historisch einmalige Stärke verliehen hatte, wurde mit der Zeit wieder aufgegeben. Die Folgen machten sich schnell bemerkbar. Im selben Maße wie das Prinzip der Geburt erstarkte, zerfiel das osmanische Reich.
Im Islam war das Prinzip der Wahl keineswegs neu. Die Wahl des Vorzüglichsten (Weisesten) statt der Erblichkeit von Funktionen und Pfründen hatte unter Sunniten von Anfang an den Vorrang genossen. Das galt vor allem für die Bestimmung des Herrschers. Sieht man jedoch von der späten Ausnahme des osmanischen Reiches ab, so hat dieses der Gerechtigkeit so förderliche Verfahren Jahrhunderte lang den Islam nicht gestärkt sondern war im Gegenteil ein Grund für seine mit der Zeit immer deutlicher sichtbare Schwäche. Eine richtige Idee kann durchaus mehr Unheil bewirken als eine falsche, wenn sie nicht zugleich auf richtige Art und Weise verwirklicht wird. Zu den voraussehbaren Folgen vom Vorrang des Weisesten gehörte in islamischen Ländern von den Abbasiden in Bagdad bis zu den indischen Moguls eine nicht abreißende Kette von Thronstreitigkeiten, da nach dem Tod eines Herrschers jeder potentielle Nachfolgekandidat sofort für sich den Vorzug größerer Weisheit in Anspruch nahm. Zu den überaus hässlichen Auswirkungen einer an und für sich richtigen Idee, der aber die institutionellen Voraussetzungen fehlten, zählte das gegenseitige Ausmorden der Brüder. Ohne objektive, von der Gesellschaft anerkannte und dann auch exekutierbare Auswahlkriterien musste die Suche nach dem Weisesten und Besten ein Rezept zum permanenten Umsturz und Bürgerkrieg sein.
Das Reich der Türken war eine Zeitlang so außerordentlich erfolgreich, weil die Osmanen das Prinzip der Geburt durch die Wahl der Tüchtigsten ersetzten, sich aber anders als es im sunnitischen Islam sonst die Regel war bei der Ermittlung der Tüchtigsten nicht auf einander widerstreitende Meinungen verließen, die letztlich nur mit Gewalt zu entscheiden waren, sondern sich an ganz bestimmte Standards der zivilen und militärischen Tüchtigkeit hielten. Dennoch war dieses Reich eine durch seine Brutalität berüchtigte Gewaltherrschaft. Wie jedes andere derartige Regime musste es daher damit rechnen, durch Gewalt auch wieder vernichtet zu werden.
Eine wirkliche Ausnahme im Vergleich zu allen übrigen agrarischen Hochkulturen hat nur das chinesische Reich gebildet. Diese uralte Zivilisation, die bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als sie mit dem technologisch weit überlegenen Westen zusammenstieß, Jahrhunderte lang den volkreichsten, mächtigsten und auch den reichsten Staat der Erde repräsentierte, hat einen einzigartigen Sonderweg beschritten: die Wahl der Tüchtigsten zu Herrschern des Landes aufgrund eines im Prinzip allen zugänglichen Prüfungssystems.
Dabei herrschten in China natürlich die gleichen Zwänge wie in allen anderen Agrarzivilisationen. Auch in China standen einander zwei Bevölkerungsteile gegenüber: eine Mehrheit, die auf dem Lande die Nahrung erwirtschaften musste, und eine Minderheit, welche die »freien Stellen« besetzte und sich von der Mehrheit erhalten ließ. Und wie überall sonst war auch hier der Prozentsatz der »freien Stellen« starken Schwankungen ausgesetzt. Dort wo der Reisanbau mit Hilfe eines frühzeitig ausgebauten Bewässerungssystems bedeutende Ernten erbrachte, wurde das mögliche Maximum von zwanzig Prozent wahrscheinlich erreicht, in anderen weniger fruchtbaren Gegenden des Landes lag es gewiss weit darunter. Doch wie immer das quantitative Verhältnis in den einzelnen Regionen des Riesenreichs auch ausgesehen haben mochte, an der Tatsache selbst, dass viele mit äußerstem Fleiß arbeiten mussten, damit einige wenige von der Arbeit der physischen Selbsterhaltung befreit werden konnten, haben auch die Chinesen nichts zu ändern vermocht. Überdies war das Los der Bauern gewiss kaum weniger hart als in anderen Teilen der Erde. Immerhin hat es in der Geschichte dieses Landes mehrfach Bauernaufstände gegeben, die den Sturz bestehender Dynastien zur Folge hatten.
Ebenso wenig haben die Chinesen daran zu ändern vermocht, dass der Zugang zu den begehrten »freien Stellen« zunächst denjenigen offen stand, die sie mit Gewalt für sich zu erobern verstanden. Bis zur Zeit der Einigung Chinas unter Qin Shi Huangdi im Jahre 221 vor Christus hat es auch in China einen feudalen Adel gegeben, der sich mit Waffen das Recht erstritt, von den Erträgen einer unterworfenen Bauernschaft zu leben. Der Schutz, den er den Bauern dabei als vermeintliche Gegenleistung gewährte, hatte er, wie überall, durch seine eigene Existenz überhaupt erst notwendig gemacht. Denn dieser Schutz fand gegenüber rivalisierenden Herren statt, die ebenso als Kostgänger zu Lasten der Bauern lebten. Auch in China brauchten die Herren einander gegenseitig, damit jeder gegenüber der eigenen Bauernschaft als Beschützer vor den jeweils anderen auftreten konnte.
Nach der Einigung des Landes durch Qin Shi Huangdi bestand der Adel noch fort, doch spielte die geburtsmäßige Ungleichheit mit der Zeit eine immer geringere Rolle. Zwar waren das Kaiserhaus und seine Angehörigen weiterhin über alle anderen Menschen hinausgehoben. Bei ihnen war Ungleichheit nach wie vor in der adligen Abkunft verankert. Doch beim Rest der Bevölkerung verlor das Prinzip der Geburt weitgehend seine Geltung. Denn hier wurde die Verteilung der »freien« Stellen nicht durch Geburt, sondern aufgrund eines ganz anderen Prinzips geregelt. Man wählte die Tüchtigsten gemäß ihrem größeren Wissen und Können.
In China waren es keine Menschenfänger wie im osmanischen Reich, welche auf die Jagd nach dem schönsten, kräftigsten und intelligentesten »Menschenmaterial« gingen, um es dann für wichtige bis hin zu den höchsten Stellen im Staate abzurichten. Vielmehr wurden die begehrtesten Posten an Menschen vergeben, die mit Erfolg die staatlich vorgeschriebenen Prüfungen bestanden hatten. Im Prinzip standen die höchsten Stellen des Reichs jedem Chinesen offen. Sie wurden auch mit jeder Generation neu verteilt. Es gab keine Erblichkeit. Nur die höchste Stelle an der Spitze des Staates wurde von einem Mann eingenommen, der keine Prüfungen zu absolvieren brauchte. Doch wurde selbst der Kaiser keineswegs als unfehlbar betrachtet. Versagte er bei der ihm obliegenden Aufgabe, die Harmonie der Natur (keine Dürre und Überschwemmungen) und die Harmonie im Zusammenleben der Untertanen (sozialer Friede) zu sichern, konnte er nach chinesischer Vorstellung auch gewaltsam abgesetzt werden. Denn jeder hatte in diesem System für seinen Platz die nötigen Qualifikationen mitzubringen und sich anschließend auf ihm zu bewähren. Den staatlich geprüften Mandarinen wurde Macht über die Provinzen des Reichs nicht aufgrund irgendwelcher imaginären Vorrechte gewährt, sondern nach Maßgabe ihrer in zahlreichen Prüfungen erbrachten Fähigkeiten.
Gewiss, die faktische Ungleichheit von oben und unten war in China so akut und so drückend wie überall sonst auf der Welt. Aber der Protest dagegen forderte nicht das System als solches heraus. Wurde die Last unerträglich, dann bekämpfte man die Habgier einzelner Verwaltungsbeamter oder eines unersättlichen Hofs; das Prinzip der Auswahl der Tüchtigsten stand dabei nicht in Frage. Die Einmaligkeit Chinas bestand eben darin, dass alle Menschen grundsätzlich schon im Hier und Jetzt als gleich und gleichberechtigt galten. Anders als in Indien, Europa, Ägypten, bei den Inkas oder Azteken wurde die Gleichheit des Menschen weder grundsätzlich geleugnet noch auf das Jenseits beschränkt oder dorthin verlagert. In China setzte man sie als gegeben voraus. Es gab eine reale Gleichheit der Chancen. Alle Menschen erwarben mit der Geburt gleiche Rechte, und allen standen daher auch die gleichen Aussichten offen – wenigstens theoretisch. Praktisch konnten sich keineswegs alle Chinesen die teure Ausbildung für die Prüfungen an der Hanlin-Akademie auch tatsächlich leisten. Dennoch wurde das System im Großen und Ganzen als gerecht anerkannt. Die Legitimierung für die oberen zwanzig Prozent beruhte nicht auf angeblich natürlichen oder gottgewollten Unterschieden und Privilegien. Sie war durch objektiv ausgewiesene Leistungen in einem Prüfungssystem garantiert, das grundsätzlich niemanden aufgrund seiner Herkunft, seiner Rasse oder gar seiner Religion diskriminierte. Nur das Geschlecht sorgte auch in China für Diskriminierung. Frauen kamen nicht an die Akademie und rückten nicht in Regierungsposten auf. Sieht man von dieser auch im Reich der Mitte fortbestehenden Ungerechtigkeit ab, so kam China als einzige große Zivilisation ohne die Lüge der menschlichen Ungleichheit aus.
Aus der grundsätzlichen Anerkennung menschlicher Gleichheit gehen alle weiteren Besonderheiten Chinas hervor. Im Reich der Mitte war es nicht nötig, mit Hilfe eines gewaltigen ideologischen Apparats, bestehend aus einer Kirche und einer Rechtfertigungslehre, die Stellung einer herrschenden Minderheit zu begründen und abzusichern. Schon im sechzehnten Jahrhundert hatten sich die damals zum ersten Mal in größerer Zahl das Land aufsuchenden Abendländer – in erster Linie Jesuiten - gewundert, dass es so schwer war, in der Sprache dieses Volks eine angemessene Übersetzung für den Begriff eines persönlichen Gottes zu finden, wie er in der Bibel verwendet wird.[125]
Das Fehlen eines solchen Begriffs leuchtet ein. Zwar hatte der volkstümliche Daoismus schon immer eine Reihe von mehr oder weniger bedeutenden Funktionsgöttern gekannt, die Aufgabe aber, einen universellen Gott als überweltliche Projektion eines menschlichen Königs zu finden, stellte sich für die Chinesen nicht. Die weltliche Macht brauchte sich nicht auf den Willen eines übernatürlichen Wesens zu berufen, um ihren Entscheidungen das Signum der Unanfechtbarkeit aufzuprägen. Zwar war die Macht der Provinzgouverneure, die sich aus den Reihen der staatlich geprüften Absolventen der Hanlin-Akademie rekrutierten, nicht weniger groß als die eines europäischen oder indischen Fürsten. Aber sie bedurfte keiner übernatürlichen Rechtfertigung, weil sie auf einem System beglaubigter Leistung beruhte, das sich in den Augen der Bevölkerung durch sich selbst legitimierte.
So ist zu erklären, warum unter allen großen Agrarzivilisationen die weltliche Macht in China der Religion als Institution eine so ausgeprägte Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Verachtung, entgegenbrachte. Der Daoismus war für die unteren Volksschichten da; der Buddhismus, der nach der Zeitenwende aus Indien nach China gelangte, faszinierte die chinesischen Intellektuellen eine Zeitlang aufgrund seines eigentlich religiösen Gehalts, vor allem seiner komplexen Kosmologie und Philosophie. Doch die Vertröstungen des Mahayana-Buddhismus auf ein künftiges Paradies erschienen den vornehmen Intellektuellen als bloße Lockmittel, um die Massen damit zu verführen. Das war Aufklärung lange vor ihrer Geburt in Europa.
Der größte Unterschied zu anderen großen Agrarzivilisationen manifestierte sich aber im Misstrauen gegenüber der Priesterschaft. Da die Mandarine ihre Legitimation der eigenen Leistung und nicht der Geburt verdankten, kamen sie ganz ohne Gottesgnadentum aus. Sie bedurften keiner von Priestern konstruierten