Startseite

 

Transzendenz und die Mittlere Welt

 

Einladung zu einem Spaziergang durch den Garten des Wirklichen

copyright Gero Jenner

 

Erster Entwurf (August 2007)

 

 

 

1 Über Undenkbarkeit 1

2 Über die Gegner der Transzendenz 4

3 Über Wissenschaft in der Mittleren Welt 6

4 Über die lichte und dunkle Seite des Mondes 9

5 Über einen Kreter und die Sackgassen der Vernunft 12

6 Über Transzendenz im Menschen_ 15

7 Über Transzendenz in der Natur 16

8 Über die Reichweite von Forschung_ 18

9 Über einen Zwiespalt in unserer Natur 19

10 Über Esel und Eulen_ 22

11 Darwins Erben - über ein neues Welterklärungsmodell 24

12 Über mögliche und unmögliche Wunder 31

 

 

 

1 Über Undenkbarkeit

Die Welt ist undenkbar. Vernunft leuchtet nur ihre Mitte aus: jenen Bereich, den wir mit unseren Sinnen und Instrumenten erreichen. In der Mittleren Welt sind wir heimisch, in der Mittleren Welt feiern wir jene Triumphe, die wir Wissenschaft nennen. Jenseits dieser Mitte liegt ein unermessliches Land: die Terra incognita der Transzendenz. Die Geschichte menschlichen Denkens besteht größtenteils in der Leugnung von Transzendenz.

Dabei hat die Undenkbarkeit der großen jenseits der Mittleren Welt einen einleuchtenden Grund. Unsere Sinne und unser Denkvermögen sind für die von uns bewohnte Nische von Welt gemacht, nicht für die Welt schlechthin (die ich hinfort mit dem Wort Allwelt bezeichnen werde).

Nehmen wir Freiheit als unser erstes Beispiel. Mit ihr und ihrem Gegensatz der Unfreiheit oder Notwendigkeit bezeichnen wir in der Mittleren Welt einen für jedermann unmittelbar verständlichen Gegensatz. Freiheit im elementaren Sinn ist die Abwesenheit von Zwang. Dinge und Lebewesen verhalten sich auf unvorhersehbare Weise, Menschen denken, ohne dass ihr Denken erkennbaren Regeln gehorcht. Unfreiheit wird dagegen durch den Nachweis von Zwang erbracht. Jedes Naturgesetz wie etwa die Beschleunigung fallender Körper bezeugt die Anwesenheit von verlaufsbedingenden Zwängen. Unfreiheit ist in allen Ordnungen gegeben, deren Vorhandensein die Wissenschaft nachweist; Freiheit in aller Regellosigkeit, allem Chaos, kurz überall dort, wo es der Wissenschaft nicht gelingt, Ordnungen aufzudecken. Hier unterliegt das Verhalten von Dingen und Lebewesen keinen erkennbaren Mustern und ist deshalb auch nicht vorhersehbar.

In der Mittleren Welt begreifen wir Ordnung nur durch ihr Gegenteil, also das Chaos, und umgekehrt begreifen wir Chaos nur durch ihr Gegenteil, also die Ordnung; so wie wir die intuitiv erfassten Begriffe links und rechts, hoch und tief, warm und kalt nur als relativen Unterschied zwischen den beiden Polen zu bilden vermögen. Gäbe es in dieser Welt kein Chaos, so würden wir uns keinen Begriff von der Ordnung machen können – und umgekehrt.

So weit bewegen wir uns auf sicherem Grund, doch kaum verlassen wir die Mittlere Welt, geraten wir auf brüchigen Boden. Jenseits der Mittleren Welt büßen die in ihr geschöpften Begriffe ihre Denkbarkeit ein. Sie verlieren ihren Sinn, ihre Anwendung führt ins Nichts oder zu absurden Folgerungen. So auch im Fall der Freiheit. Wir wissen, was wir meinen, wenn wir unser eigenes Denken als frei bezeichnen. Damit meinen wir, dass es – sofern wir gesund und bei Sinnen sind – keinem Zwang gehorchen, der unser Denken für andere berechen- und daher vorhersehbar macht. Doch sobald wir die Frage stellen, was diese Freiheit denn eigentlich sei, das heißt, welchen eigenständigen Inhalt wir ihr geben sollen, außer dass unsere Gedanken eben keinen erkennbaren Regeln, keinem Zwang gehorchen, so gerät unser Denken schnell aus dem Tritt. Wir fragen dann etwa, woher diese freien Gedanken denn stammen und ob sie nicht aufgrund ihrer Regellosigkeit völlig willkürlich und deshalb beliebig seien?

Darauf gibt es keine sinnvolle Antwort. Mit solchen Fragen haben wir die Grenzen der Mittleren Welt überschritten. Außerhalb ihrer Grenzen (d.h. jenseits des Gegensatzes von Freiheit und Zwang) verliert der Begriff der Freiheit für die Vernunft seinen Inhalt, er löst sich ins Konturlose auf.

Ebenso sinnlos wird der Umgang mit Begriffen der Mittleren Welt, wenn wir einen ihrer polaren Begriffe verabsolutieren. Das tun jene Wissenschaftler, die uns beweisen wollen, dass menschliches Handeln und Denken - obwohl frei für unser intuitives Verständnis – im Grunde, nämlich vom höheren Standpunkt der Wissenschaft aus betrachtet, eben doch unfrei seien. Diese Wissenschaftler begehen einen grundlegenden logischen Fehler: Sie beziehen auf die Allwelt, was einen greifbaren Sinn nur innerhalb der Mittleren Welt ergibt. Die Behauptung, dass alle Phänomene der Natur einschließlich des menschlichen Denkens im Grunde unfrei seien, erweist sich bei näherem Hinschauen als sinnlos und widersprüchlich. Als sinnlos deswegen, weil dann der Gegensatz zur Freiheit abhanden kommt, ohne den der Begriff der Freiheit für unsere Vernunft eben nicht denkbar ist (eine Welt, in der alles determiniert ist, letzt sich nicht denken, weil der Gegenpol fehlt, durch den wir allein einen Begriff von Determiniertheit bilden können).[1] Als widersprüchlich, weil dann die wissenschaftliche Theorie dieser allumfassenden Unfreiheit selbst zum unfreien Produkt und daher in ihrer Aussage wertlos wird.

Da sollte es sich eigentlich von selbst verstehen, dass eine grundsätzlich sinnlose und in sich widersprüchliche Aussage durch keinerlei empirischen Beweis zu erhärten oder zu widerlegen ist. Nicht einmal Entdeckungen, denen Mode und das Bedürfnis nach Sensation eine Zeitlang eine vorrangige Stellung in wissenschaftlichen Diskussionen verschaffen. So glauben gerade jetzt einige Vertreter der modernen Hirnforschung auf empirischem Weg eine Entscheidung über das Problem von Freiheit versus Unfreiheit herbeiführen zu können. Die Debatte um menschliche Willensfreiheit wurde seit 1979 durch Versuche des US-amerikanischen Neurologen Benjamin Libet neuerlich angefacht, in denen dieser die zeitliche Abfolge von Willensakt und Bereitschaftspotential in der Auslösung einer Muskelaktivität in genauen Messungen festhielt. »Es zeigte sich in Libets Experiment, dass das Bereitschaftspotential im Durchschnitt 550-350 Millisekunden ... dem Willensentschluss vorausging, niemals mit ihm zeitlich zusammenfiel oder ihm etwa folgte«. Der »Willensakt tritt in der Tat auf, nachdem das Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird«. Damit ist für den prominenten Neurobiologen Gerhard Roth der Beweis erbracht, dass das Gefühl der Probanten, eine freie Entscheidung zu treffen, nur als subjektive Illusion gelten könne. »Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun«, ist auch die Überzeugung von Wolfgang Prinz (Psychologe am Max-Planck-Institut Leipzig). Die Freiheit des Willens wird dezidiert geleugnet, unausgesprochen wird dadurch ein längst überwundenes Weltbild wieder aktualisiert.

Doch der Schluss auf die Unfreiheit des menschlichen Willens ist widersinnig und unabhängig von solchen Ergebnissen und deshalb auch durch sie grundsätzlich unbeweisbar. Eine einfache und von Libet selbst bereits angestellte Überlegung genügt, um die Ergebnisse irrelevant im Hinblick auf die Frage des Determinismus zu machen. Wenn beides, der subjektive Eindruck des Wollens und sein physiologisches Merkmal, nur unterschiedliche und zeitlich versetzte Erscheinungsformen einer gleichen, tiefer liegenden Ursache sind, die empirisch so wenig fassbar ist wie die Wurzeln der Freiheit selbst, so haben diese Experimente gar nichts bewiesen. In Wahrheit führt uns die scheinbar so sensationelle Entdeckung der Neurologen keinen Schritt näher an die Annahme eines mentalen Determinismus heran.

Nehmen wir als zweites Beispiel den Raum. Unsere Erkenntnis des Raumes ist für die Mittlere Welt gemacht. Dort wissen wir, was wir mit Grenzen bzw. Unbegrenztheit des Raumes meinen. Jeder Körper bewirkt eine Grenzziehung im dreidimensionalen Raum. Wo für unsere Sinne (Augen oder Tastsinn) kein Körper vorhanden ist, sprechen wir hingegen von Unbegrenztheit, vom freien Raum. In der Nische von Welt, wo wir heimisch sind, einschließlich der durch eine Vielfalt von Instrumenten erweiterten, wenden wir diese Begriffe problemlos an. Doch wenn wir die Welt schlechthin, die Allwelt, meinen, lassen sie uns im Stich. Sie werden sinnlos und führen zu Widersprüchen. Unser Vorstellungsvermögen versagt. Die Welt schlechthin kann nicht begrenzt sein, denn jenseits der Grenzen existiert in der Mittleren Welt immer noch ein weiterer Raum oder ein weiteres ihn ausfüllendes Ding. Sie kann aber auch nicht unbegrenzt sein, denn die Grenzenlosigkeit überschreitet unser Vorstellungsvermögen, ja, sie versetzt uns in einen derartigen Zustand von Schwindel und Desorientierung, dass wir bemüht sind, uns schnellstens wieder in den überschaubaren Bereich der Mittleren Welt zurückzuflüchten. Wir sind sogar versucht, den weiteren Schritt zu vollziehen, uns durch mentale Manöver ein für alle Male gegen derartigen Erschütterungen durch Transzendenz abzuschirmen. So sprechen wir etwa von einem gekrümmten Raum und nehmen der Unbegrenztheit ihren Stachel, indem wir sie mit der Grenzenlosigkeit auf der Oberfläche einer Kugel vergleichen, eine Vorstellung, die uns augenblicklich beruhigt, weil sie eben der Mittleren und gerade nicht der Welt angehört, in die wir den Blick hinausgewagt haben. Kurz, wir schrecken vor keinem mentalen Trick zurück, um das verstörende Erlebnis einer mit Sinnen wie Geist unerfassbaren Transzendenz zu neutralisieren.

 

 

 

2 Über die Gegner der Transzendenz

Die wissenschaftlichen Gegner der Transzendenz streben nach Allerklärung, die sie gewöhnlich mit der Vision einer Allbeherrschung verbinden. Mit den Füßen in der Mittleren Welt glauben sie mit dem Kopf in die Allwelt vorzustoßen und diese als bloße Ausweitung der mittleren verstehen zu können. Dann ist Transzendenz abgeschafft, bewältigt, wissenschaftlich hinausgetrieben. Eine Welt ohne Transzendenz ist dann entweder durch und durch Ordnung, sie ist restlos determinierte Welt, wie sie es seit Newton bis gegen Ende des 19. Jahrhundert war, nämlich im klassischen Weltbild der Physik; oder sie ist Ordnung ergänzt durch einen mechanistisch verstandenen Zufall, wie seit dem Aufkommen der Quantenphysik. Im ersten Fall ist sie bis an die Grenzen von Raum und Zeit überschaubar und homogen: Das Nächst- wie das Fernstliegende wird als gleichartig angenommen. Die klassische Physik machte ein Dogma daraus, dass die gesamte Wirklichkeit mit Hilfe der schon erkannten oder in Zukunft noch zu entdeckenden Naturgesetze durch und durch erklär- und im Prinzip auch beherrschbar sei. Im zweiten Fall steht Unordnung (Chaos) neben Ordnung – das kommt der Polarität unserer Erkenntnis schon sehr viel näher – aber durch einen mechanistisch verstandenen Zufall wird das Chaos scheinbar gebändigt. Unordnung und Chaos verlieren ihr Geheimnis, weil man glaubt, sie durch eine menschengemachte Maschine, den Zufallsgenerator, simulieren zu können. So erscheint die Welt, wie sie die wissenschaftlichen Gegner der Transzendenz begreifen, abermals als einfach zu lesendes Buch. Sie wird als denkbar hingestellt.

Auf doppelte Weise lässt sich die Erfahrung von Transzendenz umgehen. Die elementare Erschütterung unserer Vorstellung durch den offenen Raum oder unseres Begreifens durch die gestaltlose Freiheit können wir durch einen mentalen Entschluss ausblenden, von uns weisen. So wie wir uns auch wild dem Konsum, der Arbeit, dem Vergnügen verschreiben können, ohne uns je einen Gedanken über Sinn und Folgen zu machen. In der Mittleren Welt verschafft uns das Ausblenden von Transzendenz ja keinerlei Nachteil. Wir kommen in ihr bestens zurecht, auch ohne uns solchen Erfahrungen auszusetzen. Angepflockt an den Pfahl des Augenblicks, beschränken wir uns einfach darauf, den Blick auf den unmittelbar vor uns liegenden Boden der Tatsachen zu heften. Wie äußerst erfolgreich wir gerade in dieser Selbstbeschränkung sein können, beweist die Geschichte der Wissenschaften seit dreihundert Jahren.

Den Wissenschaften, deren Leistungen für die Aufklärung der Vernunft gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, muss man gleichwohl den Vorwurf machen, dass sie Transzendenz nicht nur ausblendeten sondern auf vielfache Weise ihr Vorhandensein überhaupt zu leugnen und zu kaschieren suchten.

Die Mittlere Welt, jene, für die menschliche Sinne und menschlicher Geist gemacht sind, haben sie mit Welt schlechthin, mit der Allwelt, gleichgesetzt, um daraus die Fähigkeit einer durchgehenden Erklär- und prinzipiellen Beherrschbarkeit alles Wirklichen abzuleiten. Dabei haben sie mit systematischer Hartnäckigkeit alles, was das Wesen von Transzendenz ausmacht - Wunder, Geheimnis, Übermacht – aus der Welt hinausgetrieben. Die Experten des Wissens wollten den Menschen beruhigen: Es gebe hier keine Rätsel, nichts prinzipiell Unerklärbares, keine Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Der unglaubliche Triumphzug der Wissenschaft hat dieser Einschläferung zu ihrer scheinbaren Glaubwürdigkeit verholfen.

 

 

 

3 Über Wissenschaft in der Mittleren Welt

Dabei ist schon die Mittlere Welt ein nur scheinbar erklärtes Geheimnis. Was wir als »wissenschaftliche Erklärung« bezeichnen, führt in Wahrheit nie über ihre Grenzen hinaus. »Erklären«, »klar machen« läuft in der Regel darauf hinaus, dass wir etwas weniger Bekanntes durch etwas anderes illustrieren, was für uns zur Sphäre des Bekannten oder Gewohnten gehört. Sprechen wir etwa von elektromagnetischen Phänomenen, so erhellen wir ihre Natur, indem wir sie Wellen nennen: Wellen wie sie etwa auf der Oberfläche eines Sees für uns einen Bestandteil der alltäglichen Erfahrung bilden. Erklärung ist demnach ein Vorgang, bei dem wir Bestandteile der uns umgebenden Wirklichkeit zueinander in Beziehung setzen. Auch die Wissenschaften erklären immer nur Teile der Mittleren Welt durch andere ihrer Teile. Wissenschaft erklärt Bilder durch andere Bilder – in der Regel benutzen sie bekannte, vor allem aber gut und eindeutig definierte Bilder, um damit weniger bekannte und schlecht definierte zu erhellen.

Das ist auch dann der Fall, wenn die Erklärung darin besteht, dass wir einen ganz vertrauten Vorgang der unmittelbaren Erfahrung mit Hilfe von Begriffen erläutern, die einem Laien alles andere als vertraut sind: wie etwa eine mathematische Formel, durch die wir eine Wellenform (des Wassers oder einer elektromagnetischen Strahlung) beschreiben. In diesem Fall lösen wir etwas Komplexes in seine einfachsten Bestandteile auf – z.B. in die jeder empirischen Welle entsprechenden grundlegenden mathematischen Ordnungen. Das Komplexe, schlecht Definierte oder wenig Bekannte wird auch in diesem Fall durch etwas Eindeutiges abgebildet: die dem Kenner vertrauten mathematischen Formeln und Operationen.

Anders gesagt, erfassen wir Wirklichkeit nie durch etwas, das außerhalb dieser Wirklichkeit läge. Offensichtlich ist das in der Physik, der Königin unter den Naturwissenschaften. Sie arbeitet mit Körpern und ihren Eigenschaften (Masse, Geschwindigkeit, Ausdehnung usw.), Wellen und ihren Eigenschaften (Wellenlängen, Amplituden etc.) oder noch abstrakteren Begriffen wie Energie, in denen sie eine Gesamtheit konkreterer Phänomene zusammenfasst. Stets bewegt sie sich dabei innerhalb der Grenzen der Mittleren Welt, weil sie all ihre Bilder einschließlich der Elemente der Mathematik (siehe unten) immer nur dieser entnimmt und entnehmen kann.

Eines ihrer grundlegenden Bilder ist die Entwicklung des Späteren aus dem Frühen, des Zusammengesetzten aus dem Einfachen. In den uns nächstliegenden Vorgängen der Mittleren Welt finden wir dafür eine Vielzahl an Beispielen. Die Pflanze wächst aus dem Samen, ein Huhn aus einem Ei, der Mensch stellt ein Haus aus einzelnen Steinen her. Seit die Menschen ihren Blick auf den Himmel werfen und sich Gedanken über die Allwelt machen, benutzen sie diese ihnen vertrauten Bilder, um Welt schlechthin zu deuten. So konstruierten sie immer wieder Kosmologien, in denen ein Weltenherrscher die Welt aus dem Nichts durch seinen Willen erschafft. Hier werden Bilder wie die des menschlichen Baumeisters benutzt, der mit planendem Geist eine Absicht verwirklicht. Andere Bilder wie die des Samens oder des Eis kommen ohne die Annahme eines planenden Geistes aus. Sie erklären die Genese der Welt dann als einen natürlichen, mechanischen, jedenfalls absichtslosen Vorgang. In diesem Sinne verfährt auch die moderne Physik, wenn sie die Welt in einem Punkt Null beginnen lässt (populär als Urknall bezeichnet), um ihr Werden dann als stufenweise Entwicklung bis zu ihrem heutigen Zustand darzustellen.

Doch von welchem Bild aus der Mittleren Welt man sich auch inspirieren ließ, um damit die Welt schlechthin, die Allwelt zu »erklären«, stets zeigte sich, dass man mit solchen Bildern in unüberwindbare Aporien geriet. Wurden die weiterführenden Fragen nicht von vornherein durch Denkbefehle (Dogmen) verhindert, dann stieß der Mensch bei solchen Versuchen stets auf ein Versagen der Bilder – er stieß auf Transzendenz. Dachte man sich etwa einen menschenähnlichen Kosmokraten als Erschaffer der Welt, dann tauchte notwendig die Frage auf, wer denn den Kosmokraten selbst erschaffen hatte? Und selbst, wenn man diese Frage beantwortet glaubte, ging daraus noch kein fester Standpunkt hervor. Denn sogleich erhob sich die nächste Frage, wer denn der Ururvater dieser Schöpfung wäre – und so in einem fort weiter? Angesichts dieser das Denken immer erneut über die Schwelle der Mittleren Welt ins Undenkbare hinaus stoßenden Transzendenz wurde weiteres Fragen stets an irgendeinem willkürlichen Punkt abgebrochen. Mit anderen Worten das Rätsel wurde eskamotiert. Das Denken verbot sich die eigene Erschütterung.

Notwendig stößt auch die moderne Physik, wenn auch weniger abrupt, an die Grenzen des Denkbaren. Nicht plötzlich sondern allmählich sieht sie sich mit einem Verblassen der Bilder aus der Mittleren Welt konfrontiert. Sie macht diese Erfahrung je weiter sie sich den Rändern der Mittleren Welt annähert, d.h. dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen. Hier versagen nacheinander ihre Begriffe und Bilder, denn diese lassen sich eben nur auf die Nische von Welt beziehen, für die unsere Sinne und deren Verlängerungen (Instrumente) gemacht sind. Kleinste Teilchen wie Elektronen verhalten sich weder eindeutig nach Art von Körpern - obwohl man sie unter bestimmten Umständen sehr wohl als solche verstehen kann - noch sind sie eindeutig wie Wellen aufzufassen - obwohl sie in ihrem Verhalten unter anderen Umständen diesen am ähnlichsten sind. Wellen und Körper als typische Phänomene der Mittleren Welt taugen nur noch begrenzt als Bilder zum Verstehen des Allerkleinsten. Zunehmende Untauglichkeit der Begriffe und Bilder aus der Mittleren Welt muss die Physik auch konstatieren, wenn sie sich weiter und weiter in Richtung auf das Allergrößte bewegt. Punkte im Universum, die Universen schlucken (schwarze Löcher oder anders benannt), Welten, die sich unendlich in Räume ausdehnen, die durch ihre Ausdehnung überhaupt erst entstehen; Zeiten, die erst dadurch zu Zeiten werden, dass im Nullpunkt der Welt das Geschehen beginnt, sind keine für uns mit Inhalt gefüllten Begriffe sondern vielmehr Signale für die Begriffsauflösung und den Begriffsverfall: Signale für die Nähe von Transzendenz.

Dagegen reicht Mathematik in beiden Richtungen noch ein gutes Stück weiter. Wo Bilder wie Körper oder Welle versagen, lassen sich mit Hilfe der Mathematik noch Brücken zwischen sonst unverständlichen Vorgängen des subatomaren Bereichs herstellen. Vorgänge der Quantenphysik gelten als bestenfalls unvollständig verstanden – die Bilder der groben Anschauung reichen da nicht mehr hin -, aber das hindert die Physiker nicht daran, mathematisch erfassbare quantitative Effekte zu registrieren. Wo komplexe und grobe Bilder nach der Art von Körper oder Welle versagen, erlaubt die rein quantitativ-mathematische Erfassung noch immer eine Beschreibung der Vorgänge und damit auch Vorhersehbarkeit und Manipulation.

Führt uns die Sprache der Mathematik vielleicht über die Mittlere Welt hinaus? Ist Mathematik die einzige universale Sprache, die Sprache Gottes, wie Pythagoras, Plato und ihre Nachfolger dachten? Ist sie vielleicht das einzige Instrument von Erkenntnis, womit wir die Grenzen der Mittleren Welt überschreiten und überwinden können?

Keineswegs. Nur scheinbar macht uns die quantitative Erfassung von Messergebnissen und das quantitativ gesteuerte Einwirken auf Vorgänge im subatomaren Bereich von den Bildern der Mittleren Welt unabhängig. Denn die elementaren Einheiten der Mathematik und die zwischen diesen durchgeführten Operationen sind offensichtlich von den Dingen dieser Welt abgezogen. Mengen und ihre Einheiten sind abstrakte Körper und als solche ohne den Raum undenkbar; Additionen, Subtraktionen etc. sind Vorgänge in der Zeit. Alle Operationen der Mathematik sind somit Spiele mit Gegenständen der Mittleren Welt, auch wenn diese dabei aller Konkretheit entblößt sind. Daher bilden auch alle von Mathematikern über Generationen kreierten künstlichen Ordnungen nichts anderes als den Kosmos möglicher Ordnungen ab, die die uns umgebende Mittlere Welt in sich birgt. Im Spiel mit abstrakten Mengen und den zwischen ihnen möglichen Operationen geht der Mathematiker so kreativ vor wie die Natur: Die denkbaren Ordnungen der realen Welt erschafft er sozusagen ein zweites Mal, aber er erschafft keinen neuen Kosmos. Wie sehr diese denkbaren dann mit tatsächlich vorhandenen Ordnungen zusammenstimmen, zeigt sich stets neu und auf verblüffende Weise, wenn sich selbst die ausgefallenste mathematische Formel irgendwann als bestmögliche Beschreibung für geordnete Prozesse in der Mittleren Welt erweist.

Aber Wirklichkeit ist eben nicht nur Ordnung (Struktur von Gesetzmäßigkeiten). Schon in der Mittleren Welt steht Ordnung neben Chaos, Notwendigkeit neben Freiheit. An den Rändern der Mittleren Welt – im Punkt Null der vorgestellten Entstehung des Kosmos oder an den Grenzen des Raums - setzt für uns alle erkennbare Ordnung aus. Erst erkundet Mathematik noch deren Residuen in Gestalt letzter Strukturen des Chaos, dann ist alle Ordnung in Zeit und Raum und damit auch die sie beschreibende Mathematik am Ende. Auch Mathematik ist eine Sprache der Mittleren Welt und reicht nur soweit wie deren Ordnungen.

Doch wie schon gesagt: Von diesem Ende der Erkenntnis an den Rändern der Mittleren Welt müssen wir überhaupt nichts bemerken. Solange wir mit unserer Forschung innerhalb der Grenzen der Mittleren Welt verbleiben, brauchen wir von Transzendenz nichts zu wissen und nichts zu spüren. Was uns noch dazu umso leichter gemacht wird, als das Feld möglichen und noch dazu ökonomisch nutzbringend verwertbaren Wissens innerhalb unserer Nische von Welt eine potentiell unendliche Ausdehnung aufweist. Wir können Neues und immer Neues in dieser uns zugänglichen Welt entdecken, ohne dabei je an ein Ende des Wissbaren zu gelangen. Anders gesagt: Wenn wir den Blick nur angestrengt genug auf die Erde richten, kann es uns völlig entgehen, dass über unseren Köpfen auch ein Stück Himmel schwebt.

 

 

 

4 Über die lichte und dunkle Seite des Mondes

Doch wozu brauchen wir überhaupt Transzendenz?

Dass unsere Erklärung der Mittleren Welt einen Sinn ergibt, leuchtet unmittelbar ein. Sie dient dazu, uns die äußere Welt zu assimilieren, sie begreif- und beherrschbar zu machen. Das gilt schon für außermenschliche Lebewesen. Sie alle sind darauf angewiesen, sich in der jeweils eigenen Nische von Welt zurechtzufinden, sie mit Hilfe der ihnen angeborenen Sinne und geistigen Orientierungsstrukturen zu assimilieren und in einem für ihr Überleben ausreichenden Maße berechen- und beherrschbar zu machen. Ameisen, Bienen oder Wale habe ihre je eigene Mittlere Welt. Auf das Streben der Lebewesen nach Assimilierung und Beherrschung der sie umgebenden Umwelt sind alle Fortschritte bei der Erleichterung ihres physischen Überlebens zurückzuführen.

Was den Menschen betrifft, so ist dieses Streben so alt wie seine Geschichte. Doch zu einem spektakulärem Durchbruch ist es erst dadurch gelangt, dass alle Hemmnisse aus dem Weg geräumt wurden, die sich bis dahin vor der systematischen Erkundung der Wirklichkeit aufgetürmt haben: Vorurteil, Dogmen, Traditionen. Die Wissenschaften der vergangenen dreihundert Jahre haben den Menschen weiter auf diesem Weg gebracht als sämtliche Jahrhunderte zuvor.

Wozu also brauchen wir Transzendenz, die uns vor die prinzipielle Unvollständigkeit unserer Erkenntnis stellt: vor ihre Grenzen? Läuft die Einsicht in Transzendenz nicht darauf hinaus, dass wir die Erkenntnis relativieren, ihr weniger Wert beimessen, den Wissenschaften nur noch eine eingeschränkte Bedeutung für unser Leben einräumen? Kann das Bewusstsein der Transzendenz nicht geradezu lähmend auf unsere wissenschaftliche Welterkundung einwirken, weil wir dieser dann nicht länger Priorität einräumen?

Das ist sehr wohl möglich. Doch wer diese Rechnung aufstellt, hat die andere Seite der Bilanz außer Acht gelassen. Eine wissenschaftliche Weltsicht, welche Transzendenz ideologisch beseitigte, hat mindestens ebenso bedrohliche Wirkungen hervorgebracht. Die drei vergangenen Jahrhunderte menschlicher Seelenverfassung sind durch einen scharfen Gegensatz charakterisiert. Da gab es einerseits Triumph und Begeisterung aufgrund all jener faszinierenden intellektuellen Eroberungen, welche die erkennende Vernunft in einem Siegeslauf ohnegleichen sozusagen ohne Atempause errang. Ganze Bereiche der Natur, die bis dahin als undurchschaubar galten und schon deswegen auch als unbeherrschbar, ließen sich unter dem Bild der Maschine begreifen und teilweise auch nach Art von Maschinen justieren und manipulieren. So wie man die Vorgänge eines selbstgefertigten Mechanismus vollständig erklären und durch entsprechende Handgriffe zu eigenen Zwecken beeinflussen kann, wurde die äußere Welt - und mit ihr auch noch der Mensch als physiologisches Wesen - ihrer Fremdartigkeit entkleidet: Sie gaben sich als berechenbare Ordnungen zu erkennen.

Der erste ganz Europa erschütternde Durchbruch in diesem Siegeszug war Isaac Newton gelungen, als er die Bewegungsgesetze fallender Äpfel und kreisender Planeten mit Hilfe derselben Gesetze zu erklären vermochte. Auf einmal schienen ein homogener Raum und eine ebenso homogene Zeit das gesamte Universum zu einem einzigen mit Hilfe weniger universaler Gesetze erklärbaren Kontinuum zu machen, in dem es nun nichts wirklich Neues und Unberechenbares mehr gab. Man glaubte, dass ewig gleiche Bewegungsgesetze ewig gleiche Wirkungen erzeugen (siehe unten Laplace).

Mit Charles Darwins Evolutionstheorie gelang ein weiterer Durchbruch: die ewig gleiche Welt der klassischen Physik wurde um den Gedanken der Entwicklung bereichert, wenn auch vorerst nur im Bereich des organischen Lebens. Darwin beschrieb die Entstehung der Arten als einen Prozess, der von den Einzellern bis zum Homo sapiens reicht, und er entwarf zugleich einen Mechanismus – das Überleben der Tüchtigsten – welche diese Entstehung Schritt um Schritt ermöglichen sollte.

Die Wirkung dieser beiden geistigen Eroberungen der Welt war in wesentlicher Hinsicht identisch. Ob man sich die Welt nach dem Maßstab der klassischen Physik als ewige Wiederholung des Gleichen vorstellte oder nach Einführung des Entwicklungsgedankens als einen Prozess der Evolution, in beiden Fällen wurde sie als vollständig denkbar verstanden. Insbesondere diente nun das Bild von Maschine und Mechanismus dazu, ihre vollständige Denkbarkeit anschaulich auf den Begriff zu bringen. Denn nichts ist uns so gut bekannt wie die Maschine: ein mechanisches Produkt, das wir selbst hergestellt haben und dessen Funktionen wir deshalb auch restlos durchschauen. Indem man die Welt zur Maschine erklärte, befestigte man sich in der Gewissheit, dass sie wie diese restlos verstanden und im Prinzip auch restlos beherrscht werden könne. Die Welt ist denkbar – sie ist vollständig denkbar - so lautete und lautet die Devise oder vielmehr der Glaubenssatz einer nunmehr ideologisch fixierten Wissenschaft.

Eine solche Auffassung musste einerseits Triumph und Begeisterung auslösen. Achtzehntes wie neunzehntes Jahrhundert waren von Fortschrittseuphorie bewegt und durchdrungen. Wenn die gesamte Natur denkbar, eben Maschine war, deren Funktionen der Mensch vollständig erkennen und im Prinzip auch beherrschen konnte, dann durfte er nun für sich selbst auf jene Allmacht pochen, die bis dahin als ausschließliches Privileg Gottes gegolten hatte. Sich selbst erklärte er nun zum Herrn des Universums. So wie es für Gott keine Transzendenz geben konnte, weil das ja bedeutet hätte, dass es auch für Gott Geheimnisse gab, so war Transzendenz nun auch für den Menschen beseitigt. Deshalb konnte er auch die Vorstellung nicht mehr dulden, dass er – darin gleich mit den übrigen Wesen auf dem Planeten - in Erkenntnis und Handeln auf eine Nische eingeschränkt war. Vielmehr beanspruchte er jetzt für sich selbst, mit Erkenntnis, Sinnen und Instrumenten grenzenlos in die Weite zu greifen. Klassische Physik ebenso wie Darwins Lehre versetzten ihre Anhänger in einen wahren Erkenntnistaumel, der noch dadurch an Stärke und Glaubwürdigkeit gewann, dass die angewandten Wissenschaften die Menschen sehr bald mit einem sich stetig verbreiternden Strom technischer Errungenschaften beglückten.

Das war die eine Seite: schrankenlose Erkenntnisgewissheit. Die andere bestand in einer manchmal radikalen Ablehnung dieses Wissenschaftsglaubens, in quälender Ungewissheit bis hin zur Verzweiflung, bewirkt durch eine Welt, die vielen nun als leer und sinnlos erschien. Auch hier war das Bild der Maschine entscheidend. Was wir vollständig durchschauen und nach Belieben manipulieren, was uns als völlig geheimnislos begegnet, willkürlich dirigierbar wie Marionette oder Sklave, das wird für uns fade, gleichgültig, wertlos und tot. Eine maschinenartige Welt kann auch nicht mehr Sinn als eine Maschine besitzen.

Seit nunmehr drei Jahrhunderten sind Wissenschaftseuphorie und Wissenschaftsverzweiflung eng miteinander verbunden. Zwar weitete sich die Herrschaft des Menschen über die Natur zunehmend aus, doch wurde er selbst sich in diesem Prozess immer unheimlicher. Die Sicht der Natur als einer Maschine erwies sich als überaus nützlich zu Herrschaftszwecken, aber als überaus schädlich für das geistige Wohlbefinden des Menschen. So stehen seit Beginn der wissenschaftlichen Revolution deren glühende Anhänger den Skeptikern und erklärten Feinden gegenüber. Angefangen bei der Romantik über den Vitalismus bis hin zu den Kreationisten gab und gibt es breite Bewegungen, die sich dem wissenschaftlichen Weltbild entgegenstemmen – leider, so muss man sagen, nur selten mit überzeugenden, meist mit schlechten bis hin zu absurden Einwänden und Argumenten.

 

 

 

5 Über einen Kreter und die Sackgassen der Vernunft

Warum dieser Widerstand gegen die Wissenschaften, deren auffälligste Wirkung doch zunächst einmal darin besteht, dass sie das Leben des Menschen erleichtern (die Vernichtungspotentiale hochtechnologischer Rüstung und eines möglichen ökologischen Kollapses wurden ja erst später in vollem Ausmaß erkannt)? Warum dieser Widerstand des Menschen gegen die eigene Vernunft, die doch die Grundlage aller Erkenntnis bildet, nicht nur der wissenschaftlichen Forschung? Was kann ihn so sehr daran stören, dass Wirklichkeit denkbar ist?

Um einer Antwort näher zu kommen, tun wir gut daran, die Natur künstlich in zwei Hälften zu unterteilen: den Menschen und seine Umwelt. Kaum jemand hat etwas daran auszusetzen, dass er seine Umwelt versteht und beherrscht. Mancher würde es ebenso begrüßen, die gleiche Macht über andere Menschen auszuüben. Doch mit ganzer Kraft widersetzt sich jeder von uns einer Herrschaft, die andere auf ihn ausüben können oder wollen. Die Vorstellung, dass wir selbst für andere, für einen Wissenschaftler oder einen Politiker z.B.; völlig berechenbar wären, die Vorstellung, dass unsere künftigen Gedanken und unser künftiges Verhalten wie in einem offenen Buch vor anderen Menschen lägen, ist jedem von uns unerträglich. Selbst wenn wir bereitwillig akzeptieren, dass die äußere Natur, unsere Umwelt, genau diese Merkmale aufweist und deshalb nicht mehr als eben Maschine sei, weisen wir mit Grauen die Vorstellung von uns, dass dies auch für uns selbst gelten könnte. Unser ganzes Leben, das Leben der vergangenen und der kommenden Generationen würde uns als sinnlos erscheinen, wenn es in ihm weder Freiheit noch Selbstbestimmung gäbe, sondern nur die Mechanik einer durch unabänderliche Gesetze bestimmten Notwendigkeit. Spätestens wenn das Bild der Maschine auf den Menschen selbst angewandt wird, schrecken die feinfühligeren unter uns wie vor einem Gespenst zurück.

Genau dieses Gespenst haben die klassischen Physiker zwei Jahrhunderte lang mit ideologischer Hartnäckigkeit und scheinbar unwiderlegbaren Argumenten beschworen. Die Natur sei ein unteilbares Ganzes. Daher sei der Mensch eben auch nicht mehr als ein Teil dieser umfassenden Natur. Wer konnte ihnen da widersprechen? Wenn Gesetze das große Ganze der Natur restlos determinieren, dann kann nicht der Mensch allein auf einer Sonderrolle bestehen. Der Mensch als Maschine ergab und ergibt sich als unabweisbar logische Folgerung aus der Auffassung von der Natur als Maschine.

Wie schon gesagt: Die Wirkung dieser ein ganzes Zeitalter beherrschenden Wissenschaftsideologie bestand in wilden Allmachtseuphorien auf der einen und verzweifelten Ohnmachtsausbrüchen auf der anderen Seite. Gewonnen hatte man – wenigstens theoretisch – eine Herrschaft, die nun ohne Grenzen war: Mensch und Natur waren dem Menschen nun vollständig unterworfen. Aber zur gleichen Zeit hatte man einen noch größeren Verlust zu verzeichnen. Sinn, Selbstbestimmung und Freiheit verkamen zu subjektiven Illusionen. Daraus ging ein leidenschaftlicher Kampf zwischen den Fronten hervor.

In Wahrheit ging der Verlust noch über die seelischen Schäden hinaus. Auch die Vernunft war geschädigt. Sie hatte sich selbst in ihren eigenen Fußangeln verfangen. Dass der Mensch für sich selbst berechenbar sein sollte, er selbst also zugleich gottähnlicher Manipulator und manipulierbare Maschine, das war ideologisch verfochtener Unsinn: ein unaufhebbarer Widerspruch, der nur deswegen zwei Jahrhunderte lang geglaubt werden konnte, weil die Ideologie an diesem Punkt alle weiterführenden Fragen als nicht empirisch und daher uninteressant verbot.

Denn die Annahme, dass Handeln und Denken im Prinzip gleich berechenbar seien wie gewisse Vorgänge der äußeren Natur, führt zu unauflösbaren Paradoxien und in unentrinnbare logische Sackgassen, ähnlich jener berühmten Aussage des Epimenides, wonach alle Kreter Lügner seien. Epimenides selbst war ein Kreter – seine Aussage endet daher in einem logisch nicht zu entwirrenden Widersinn. Sie liefert ein Beispiel für strikte Undenkbarkeit.

Dieselbe Undenkbarkeit trifft aber ebenso auf die Aussagen des Menschen über das eigene Denken zu, sofern diese selbst dann davon betroffen sind. Z.B. die Aussage, dass unser Denken deterministisch berechenbar sei. Könnten wir die Zukunft unser eigenes Denken genauso sicher vorausbestimmen wie etwa eine Mondfinsternis, wäre unser Denken also so durchgehend »determiniert«, dass es uns gar nicht möglich wäre, anders als auf eine vorbestimmte Weise zu denken, dann verlöre der Wahrheitsbegriff zugleich seine Möglichkeit und seinen Sinn. All unsere Diskussionen über richtig und falsch, unsere Hypothesen und Theorien, mithin die gesamte Wissenschaft, wären dann nicht nur überflüssig, sondern vielmehr unmöglich, weil dann kein Gedanke besser oder schlechter als ein anderer ist – alle wären gleich notwendig, weil durch unabänderliche Gesetzmäßigkeiten verhängt. Kein Wort dürften wir dann noch darüber verlieren, dass wir uns der Natur mit Hilfe von Irrtum und Versuchen anpassen, um auf dem Weg zu ihrer Beherrschung immer weiter voranzuschreiten. Da unser Denken nicht mehr als ein unfreier Reflex auf äußere Zustände wäre, könnte es eine solche Fähigkeit der Anpassung gar nicht geben. Unsere anfängliche Behauptung, dass unser Denken durchgehend berechenbar sei, kippt also durch ihre Folgerungen ins Unsinnige um.

Die Eigendeutung des Menschen als eine Maschine, also das Dogma von der menschlichen Unfreiheit, führt sich selbst ebenso zwangsläufig ad absurdum wie der genannte Satz des Kreters Epimenides. Daher brauchen wir uns nicht weiter darüber zu wundern, dass alle bisherigen Versuche des Menschen, seine eigene Freiheit zu leugnen, bis heute nur Theorien hervorgebracht haben, die sich bald darauf als haltlos erwiesen haben.[2] Die Leugnung menschlicher Freiheit und damit der Transzendenz im Inneren des Menschen kann schon deswegen durch Empirie niemals entschieden werden, weil sie von vornherein in einer logischen Sackgasse mündet.

 

 

 

6 Über Transzendenz im Menschen

Doch wenn dem so ist, müssen wir dann nicht zu der ebenso zweifelhaften Auffassung gelangen, dass die Natur zweigeteilt sei? Dort die Maschine, die wir beherrschen können, hier unser eigenes Sein, dass sich in seiner Freiheit solcher Herrschaft grundsätzlich entzieht? Mit welchem Recht soll nur der Mensch eine Sonderstellung im großen Ganzen der Natur einnehmen?

Schon Voltaire hatte dieses Paradox deutlich gesehen. »Es wäre schon recht erstaunlich«, sagt er im Traité métaphysique, »wenn alle Sterne ewiger Gesetzmäßigkeit unterliegen, während nur ein unscheinbares Tier von fünf Fuß Größe sich nach Belieben ihnen widersetzen darf, gerade wie seine Launen es ihm gebieten«. Für Voltaire hatte es genauso unzweifelhaft festgestanden wie vor ihm für Spinoza, dass man sich nicht einerseits das Universum von unverbrüchlichen Gesetzen beherrscht vorstellen konnte, während andererseits für den Menschen die Ausnahme von dieser Regel galt. Die Vorstellung einer zweigeteilten Natur schien gar zu unwahrscheinlich.

Diese Unwahrscheinlichkeit galt in der Tat bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, genauer gesagt, bis zur Entdeckung der Quantenphysik. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte eine nahezu unangefochten geltende Wissenschaftsideologie die Natur zur durchgehend berechenbaren Maschine erklärt.

Doch dann kam es zu einer epochalen Wende. Es waren die Physiker selbst, die den Glaubenssatz überwanden, wonach die Vorgänge im Reich der Natur als vollständig determiniert gelten müssten. Die Quantenphysik brach mit der klassischen Vorstellung von einem strengen Determinismus. Die Beispiele sind bekannt. Nur eines, der Zerfall radioaktiver Atomkerne, sei hier genannt. Er lässt eine statistisch durch die sogenannte »Halbwertzeit« klar umrissene Gesetzmäßigkeit erkennen, aber es hat sich als grundsätzlich unmöglich erwiesen, die Entsendung eines bestimmten Alphateilchens aus dem Kern vorherzusagen. Freiheit in Gestalt des Zufalls wurde in die Physik und damit in die Natur eingeführt.

In der Geschichte menschlicher Erkenntnis bedeutete das einen tief greifenden Einschnitt. Nein, die Natur war nicht zweigeteilt, bei Mensch und Sachen war sie ein und dieselbe. Aber anders als die klassischen Physiker glaubten - und mit ihnen all jene Geisteswissenschaftler und Philosophen, die sich sklavisch an ihre Spuren geheftet hatten - lief diese Einheit nicht auf einen generellen Determinismus hinaus, sondern auf eine Natur, die neben Berechen- und Vorhersehbarkeit nun auch deren genaues Gegenteil zuließ: das Unberechen- und Unvorhersehbare. In Gestalt des Zufalls gewährte die Physik jenem Indeterminismus in der Natur neuerlich Hausrecht, den sie zweihundert Jahre lang mit dogmatischer Hartnäckigkeit aus ihr vertrieben hatte.

Eine so verstandene Natur spiegelte jetzt zum ersten Mal wieder die Polarität unseres intuitiven Begreifens. Denn unser Verständnis von Freiheit beruht darauf, dass wir ihr Gegenteil kennen und umgekehrt verstehen wir Ordnung nur als Gegenteil von Zufall und Freiheit. Die Polarität unseres Erkennens wiederholt sich in der wiederentdeckten Polarität einer Natur, die durch die vorausgehende klassische Physik auf einen einzigen Pol, den der gesetzhaften Ordnung, künstlich reduziert worden war. Nach der quantenmechanischen Revolution ist die Natur auch für das wissenschaftliche Erkennen, was sie für das intuitive schon immer gewesen war: eine Ganzheit aus Ordnung und Zufall.

Und die wissenschaftliche Erkenntnis stößt dabei auf dieselbe Grenze, die sich schon für die intuitive als unüberschreitbar erweist. Was Zufall an sich bedeute, also unabhängig von seinem Gegensatz zur Ordnung, worin also seine Essenz bestehe oder sein Ursprung liege, das überschreitet unser Verstehen. Wir wissen nur, was er für uns bedeutet. Denn im Hinblick auf unser eigenes Denken und Handeln ist er identisch mit Freiheit. So wie Friedrich Schiller diesen Tatbestand schon vor mehr als zweihundert Jahren in einer prägnanten Formel verdichtet hat: »Der Mensch () hat () das Vorrecht, in den Ring der Notwendigkeit () durch seinen Willen zu greifen und eine ganz frische Reihe von Erscheinungen in sich selbst anzufangen. Der Akt, durch den er dieses wirkt, heißt () eine Handlung, und diejenigen seiner Verrichtungen, die aus einer solchen Handlung herfließen, () seine Taten«.

Diese Freiheit begegnet uns als intuitive Evidenz, und ist dennoch völlig unerklärbar - sie öffnet ein Fenster zur Transzendenz. So ist Transzendenz mitten im Herzen des Menschen angesiedelt. Denn wie schon gesagt, können wir der Freiheit außerhalb ihres trivialen Wortsinns in der Mittleren Welt keine absolute Begründung geben. Sie bleibt ein Geheimnis. Sie ist für uns ebenso real wie undenkbar.

 

 

 

7 Über Transzendenz in der Natur

Doch auch die Evolution der Natur erhält ein transzendentes Gepräge. Natur gibt uns auf jeder Stufe Ordnungen zu erkennen: zusammenhängende Strukturen von Gesetzmäßigkeiten, die jedoch aus ihren früheren Zustandsformen nicht ableitbar sind. So ist es ein völlig aussichtsloses Unterfangen, aus den rudimentären Ordnungen des Urplasmas die später daraus hervorgehenden Gestirne mit der Fülle ihrer materiellen Konstituenten herzuleiten. Und ebenso wenig lässt sich dann aus das noch später auf einigen von ihnen entstehende Leben herleiten, und in noch weiterer Zukunft die Entfaltung emotionaler und geistiger Kräfte. Aus der Gegenwart, die wir selbst einnehmen, lässt sich nicht die Zukunft errechnen, wie sie in Milliarden von Jahren aussehen wird (ausgenommen soweit diese Zukunft sich aus dem Fortwirken bestehender Gesetzmäßigkeiten ergibt). Stets kann Wissenschaft nur bestehende Ordnungen in die Zukunft verlängern. Von neu hinzukommenden Gesetzmäßigkeiten zukünftiger Ordnungen weiß sie nichts und kann sie daher auch nicht vorausbestimmen. Hier stoßen wir auf die Transzendenz des Werdens.

Unter den Physikern haben Heisenberg und andere Quantenmechaniker diese Undenkbarkeit und Transzendenz des Werdens im Bereich des Allerkleinsten entdeckt. Unter den Geisteswissenschaftlern war es der erstaunliche Visionär Henri Bergson - dieser aber mit einer entbehrlichen Prise Irrationalismus - und der deutsche Philosoph Nicolai Hartmann, die dieses neue Verständnis von Wirklichkeit zum ersten Mal klar formulierten. Für Bergson ist das Werden der Welt ein schöpferischer Vorgang. Nach Hartmann ist die Entfaltung der Natur vom Unbelebten über die Lebewesen bis hin zu den emotionalen und geistigen Sphären gekennzeichnet durch das Entstehen sukzessiver Ordnungen, die voneinander nicht ableitbar sind, wenn auch die Gesetze jeder früheren Sphäre in den jeweils späteren aufbewahrt sind. Demnach besteht das Werden der Welt für unsere Erkenntnis in einem schöpferischen Prozess. Ordnungen, die wir denken können, gehen auf undenkbare Weise auseinander hervor.

Manche wollen da von Zufall sprechen, danach wäre das Neue in der Welt durch Zufall geboren. Sofern wir den Ausdruck Zufall als gleichbedeutend mit Undenkbarkeit verwenden, ist dagegen nichts einzuwenden. Wir sagen dann, dass wir das Werden der Welt nicht denken können. Eine solche Bezeichnung wäre allerdings wenig empfehlenswert, da das Wort einen abschätzigen Klang besitzt. Zufall ist nichts wert, also würden wir auch das Werden der Welt als etwas Wertloses betrachten: eine Aussage, die doch recht seltsam erscheint. Vollends lächerlich aber ist es, dass einige unter Zufall etwas verstehen, das als identisch mit dem gelten soll, was eine Maschine wie etwa der Zufallsgenerator erzeugt. Dann würden wir ein schäbiges Bild aus der Mittleren Welt dazu verwenden, um die Entstehung de Welt an sich darin einzufangen. Wir betreten denselben Irrweg, auf dem wir schon die Leugner menschlicher Freiheit ertappten.

Die Schichtenlehre von Nikolai Hartmann, die vor dem Hintergrund der bis dahin geltenden deterministischen Physik nicht anders als revolutionär genannt werden konnte, hat der Verhaltensforscher Konrad Lorenz mit Resultaten aus Biologie und Verhaltensforschung zusätzlich untermauert. Und Lorenz hat einen viel besseren als den abgegriffenen und pejorativen Begriff Zufall für das unableitbar Neue in der Natur gefunden. Er spricht von Fulguration. Das ist ein schön gewähltes Wort für die evolutionäre Freiheit - in unserem Wortgebrauch für das Undenkbare.

Evolutionäre Freiheit wird damit zu einem konstitutiven Element der anorganischen bis hin zur biologischen Evolution – und ist sogar Teil unseres eigenen Lebens. Denn Evolution ist kein abstraktes Geschehen jenseits der Dinge und Lebewesen, sondern sie wird durch deren alltägliches Verhalten vorangetrieben. Damit erhält das Unerklärbare ein Daseinsrecht neben den erkennbaren Ordnungen. Die Ideologie von der durchgehenden Berechenbarkeit des Wirklichen ist hier der Erkenntnis von den Grenzen menschlicher Erkenntnis gewichen. Anders gesagt, sie öffnet den Weg zur Erkenntnis von Transzendenz.

 

 

 

8 Über die Reichweite von Forschung

Die Wissenschaftsideologie wurde damit auf das zurechtgestutzt, was sie in Wirklichkeit immer nur und immer schon war: eine für die Praxis nutzbringende Maxime. Zwar tritt uns die Natur als ein Ganzes entgegen, indem unendlich viel Berechenbares neben unendlich viel Unberechenbarem, Unableitbarem steht – die Fläche des uns umgebenden Dunkels nimmt im selben Maße zu wie der Kegel von Licht, den unsere Erkenntnis verbreitet - aber ein Wissenschaftler kann niemals im Voraus wissen, an welchem Punkt Berechenbarkeit beginnt und wo sie endet. Er tut daher gut, in seinem praktischen Vorgehen stets von der optimistischen Vorstellung auszugehen, dass er Gesetze entdecken wird – denn nur unter dieser Voraussetzung bleibt er dazu motiviert, auch weiterhin hartnäckig nach ihnen zu suchen. Einzig durch diesen ihren praktischen Nutzen lässt sich die sonst so unheilvolle Ideologie rechtfertigen.

Doch jenseits solcher praktischen Nützlichkeit sollte Wissenschaftsideologie keinen Platz in den Wissenschaften einnehmen. Wissenschaftsideologie sollte entbehrlich sein. Die Wissenschaften als wirksamste Instrumente menschlicher Vernunft haben die Augen für die konkreten Gestalten des Wirklichen geschärft. Sie haben bewiesen, dass sorgfältige, hartnäckige Beobachtung dem Menschen einen außerordentlichen Nutzen verschafft – zu dem ihm im Gegenteil vorgefasste Meinungen aller Art den Weg völlig versperren können. Die völlig richtige Betonung des empirischen Forschens hat die Wissenschaften aber immer wieder dazu verleitet, auf alles nicht an die Tatsachen geheftete Denken mit Skepsis oder gar Ablehnung zu reagieren. Was sich nicht durch Beobachtung unmittelbar nachweisen oder widerlegen ließ, schien keinen Erkenntniswert zu besitzen.

Diese selbstverordnete Enge hat die Wissenschaft auf Abwege geführt, denn gerade sie selbst ist auf elementaren Regeln der Vernunft begründet, z.B. der Widerspruchsfreiheit. Der schon erwähnte Satz des Kreters Epimenides, wonach alle Kreter Lügner seien, kann durch keine noch so ausgiebige empirische Forschung als wahr oder falsch erwiesen werden. Er ist für das Denken unmittelbar unsinnig, ohne dass es auch nur einen Schritt weiterführt, sich über diesen Unsinn an der empirischen Wirklichkeit zu vergewissern, indem man etwa nach Kreta geht, um die relativen Zahlen von Menschen zu ermitteln, die lügen bzw. die Wahrheit sagen. Ebenso verhält es sich mit dem Determinismus in der Natur oder der Unfreiheit menschlichen Denkens, wie ihn die neuere Hirnforschung vertritt.

Die Wissenschaften sollten aufrichtig genug sein, um eine grundlegende Wahrheit zu akzeptieren. Es gibt Aussagen über die Wirklichkeit, deren Geltung schon vor aller Beschäftigung mit den Tatsachen feststeht. Um bei unseren Beispielen zu bleiben: Weil wir uns keine Freiheit ohne Unfreiheit, keine Wahrheit ohne ihr Gegenteil vorstellen können, ist es widersinnig, einen dieser Pole nachträglich aus der Wirklichkeit zu eliminieren. Tatsächlich verhält es sich ja auch genau umgekehrt: Bei unserem Umgang mit Tatsachen setzen wir die Geltung dieser polaren Kategorien implizit schon immer voraus. Auch Hirnforscher wie Libet gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass sie eine Wahrheit aussprechen. Genau das aber wäre wie bei ihrem Vorbild Epimenides nicht der Fall, wenn ihre Aussagen tatsächlich der Wahrheit entsprächen.

 

 

 

9 Über einen Zwiespalt in unserer Natur

Das Bedürfnis nach Beherrschung der Umwelt ist lebenswichtig, es ist Mensch wie Tier angeboren. Auch diese assimilieren sich ihre Welt, ohne eine solche Fähigkeit würden sie nicht überleben können. Assimilierung heißt enträtseln, geheimnislos machen. Der Eigensinn der Dinge muss entschlüsselt werden, wollen wir auch nur so einfache Verrichtungen ausüben wie das Jagen von Wild, das Anbauen von Getreide oder das Züchten von Haustieren. Jeder Handgriff gegenüber der äußeren Umwelt setzt eine genaue Vorstellung von seiner Wirkung voraus. Meisterschaft in der Beherrschung der Umwelt verlangt von uns, dass wir eine möglichst umfassende Kenntnis von ihren Gewohnheiten, ihrem Regelmaß erwerben. So gesehen ist Wissenschaft nichts anderes als Enträtselung, die wir mit System betreiben. Daher überschreitet sie auch längst die Überlebensbedürfnisse unserer Art. Wir müssen nicht darüber bescheid wissen, wie viele Ringe der Saturn besitzt oder wie weit sich das Spektrum elektromagnetischer Wellen erstreckt, um als Art überleben zu können. Dennoch geht das Bestreben nach Enträtselung der Natur zweifellos aus den elementaren Voraussetzungen für unser physisches Überleben hervor.

Umso merkwürdiger muss es erscheinen, dass ein diesem genau entgegen gesetztes Bestreben gleich tief in jedem Menschen verwurzelt ist. Wir suchen das Geheimnis, das Rätsel, das Wunder. Wir wollen erschüttert werden. Die Enträtselung der Dinge benötigen wir, um in der Welt überleben zu können, das Rätsel, um in ihr zu leben. Die Wissenschaften tun alles, um ums bei der Entschleierung der Dinge zu helfen; Dichter, Maler und Musiker tun alles, um der Welt ihr Geheimnis zurückzugeben. Die Kunst ist in dieser Hinsicht ein Antipode der Wissenschaft. Auch sie ist Weltaneignung, auch sie formt Welt nach dem Bilde des Menschen, erlegt ihr die eigenen Gesetze auf, schafft Harmonien oder zeigt sie auf. Aber sie berührt vor allem dadurch, dass sie das Geheimnis, die Kraft, das Leben in den Dingen zur Erscheinung bringt. Man kann sich fragen, warum eine aufgeklärte Zivilisation so viel geistige Nahrung braucht, die vom Standpunkt der Wissenschaften keinerlei Wert besitzt? Man kann sich fragen, warum es dem Menschen nicht von jeher genügte, verlässliches Wissen über die Dinge zu sammeln? Wozu brauchte er die Kunst, deren Aufgabe nie vorrangig darin bestand, ihm solches Wissen zu geben? Welchen Überlebenswert besaß die Kunst für ihn? Warum war auch sie geistige Nahrung von höchster Bedeutung?

Wir würden die Antwort nie finden, wenn das einzige oder auch nur das hauptsächliche Bestreben des Menschen darin bestände, die ihn umgebende Welt zu enträtseln und zu beherrschen. Aber dies ist tatsächlich nur eine von zwei ihn beherrschenden und dabei in entgegengesetzte Richtungen drängenden Bestrebungen; eine andere ist der Wunsch, sich in den anderen Menschen, in den anderen Geschöpfen und sogar in der unbelebten Welt wiederzufinden. Es ist die Sehnsucht, sich selbst in der Natur wie in einem Spiegel zu erblicken. Allenfalls vertragen wir es noch, Teile der Welt als enträtselte Mechanismen zu sehen, doch wenigstens den Himmel (mit oder ohne Götter) wollen wir dann als unerforschliche Unendlichkeit verehren. Manche nehmen es selbst noch hin, die gesamte Natur in insgesamt zur Maschine zu deklarieren, aber dann wollen sie wenigstens sich selbst in die Rolle von Gottheiten versetzen, die in souveräner Erkenntnis zu Herren der Welt aufrücken. So macht sich stets an irgendeinem Punkt das Bestreben geltend, eine Gegeninstanz zur ausgedeuteten Welt zu finden. Gewiss, das ganze Universum hatten die klassischen Deterministen in eine Maschine umgedeutet, aber inmitten dieses trostlosen Alls hatten sie den kleinen Punkt ihres eigenen Selbstbewusstseins zur Gegeninstanz erhoben. Dieses Bewusstsein dachten sie sich als freie und gottähnliche Gegenmacht.

So kämpften Wissenschaftler – nicht selten verzweifelt - gegen die Windflügel ihrer eigenen theoretischen Voreingenommenheiten an. Menschen, die keine Physiker, Chemiker, Behavioristen, Neurologen oder Darwinisten von der Art eines Richard Dawkins (siehe unten) sind, haben es einfacher. Theorien gehen an ihnen vorbei, sie halten sich an die Kunst, die sie in ihren intuitiven Wahrheiten bestärkt. Die Kunst stellte den Menschen auch dann noch als freies Wesen dar, wenn er inmitten widriger Umstände zum Scheitern verurteilt war. Und die Kunst hat selbst die Natur in Freiheit atmen lassen. Die Landschaften im Hintergrund der Porträts von Federigo und Battista di Montefeltro stehen in gleicher Schönheit und Würde neben dem Menschen. Sie sind weit mehr als das Werk seiner Hände. Sie sind ebenbürtige Mächte, ihn umhüllend, ihn unter Umständen auch mit Tsunamis, Erdbeben und Meteoriten bezwingend, Mächte, die wie Tod und Geburt und so viele andere Wechselfälle des Lebens seinem Einfluss entzogen sind. Das größte Glücksgefühl, das der Mensch im Umgang mit dieser ihn zeugenden und wieder vernichtenden Natur zu erleben vermag, entspringt der Ahnung, mit ihr eins und wesensgleich zu sein: Staub, Atem und Fleisch eines und desselben pulsierenden Lebens. An der Natur erleben wir die eigene Freiheit und die eigene Gesetzhaftigkeit. Und wir erleben beide als letztlich unergründbares Geheimnis. So wenig wir den Ursprung und das Wesen des Zufalls (der Freiheit) unserer eigenen Existenz bestimmen können, so wenig enträtselt sich uns das Wesen und der Ursprung der sich entwickelnden und übereinander türmenden Ordnungen der Evolution. Sie sind für uns da und unser Wissen darum ermöglicht uns, sie in den eigenen Dienst zu stellen. Nicht mehr. Das Rätsel des Soseins der Welt ist dadurch nicht im mindesten herabgesetzt.

Dieses Bewusstsein um das Rätsel des Soseins gilt für die Erkenntnis - jene wahre Erkenntnis, die der eigenen Grenzen bewusst bleibt – es gilt aber nicht für unser Gefühl. Je besser es uns gelingt, unsere Umwelt im täglichen Leben auf unsere Bedürfnisse abzurichten, je berechenbarer sie für uns tatsächlich wird, desto mehr setzen wir den emotionalen Preis für diese Herrschaft hinauf. So wie ein Mensch, den wir zu unserem Sklaven erniedrigt haben, weil er jedem Wink mit maschinenartiger Dienstfertigkeit gehorcht, für uns jedes Interesse verliert, keine Überraschungen mehr birgt, kein Partner von Gedanken und Ideen sein kann, so fällt auch eine scheinbar restlos beherrschte Natur der Gleichgültigkeit, ja der Grausamkeit anheim. Wir hassen sie dafür, dass sie uns, zum Sklaven erniedrigt, nun nichts mehr bedeutet. Weil wir sie scheinbar getötet haben, verfahren wir gegen sie wie gegen einen leblosen Leichnam. Wir vergiften, verwüsten und veröden sie. Im Augenblick unseres größten Triumphs bereiten wir ihre Rache vor.

Denn natürlich erlagen wir von Anfang an einer grotesken Illusion, die sich nur einen ideologischen Wissenschaftsglauben erklärt. Von Anfang an sind wir in Tod und Geburt nie mehr als das hilflose Spielzeug der Natur gewesen. In allem, was unser Leben letztlich beherrscht, haben wir die Natur niemals bezwungen, dennoch haben uns unsere außerordentlichen Teilerfolge bei der Entdeckung und Nutzung dieser oder jener Gesetze immer wieder mit Allmachtphantasien beherrscht. Und je mehr sie es taten, desto stärker wurde diese scheinbar sklavenhafte Natur in unseren Augen erniedrigt. Sie erschien als unser Geschöpf, sie wurde Maschine. Sie war nicht mehr der Spiegel, in dem wir uns selbst erblickten, jener Atem, jenes Fleisch und jeder Staub, aus dem wir selber gemacht sind, sondern etwas zutiefst Fremdartiges, eine Leere, in die wir zu unserem Unglück gestoßen waren.

Einzig die Kunst hat diese emotional für uns erstorbene Natur immer wieder zum Leben erweckt. Während die Wissenschaften jeden Einzelfall unter die Regel zwingen, in allem Besonderen nur das Gesetz erblicken, so dass die Welt zum Déjà Vu erstarrt, feiern hat die Künste das Einzigartige, den besonderen Fall, das Unwiederholbare. Der Freiheit und dem Unvorhersehbaren verschaffen sie damit Geltung gegen Gesetz und Ordnung. Ohne die Kunst, die uns von dem Drang zur Herrschaft erlöst, wären wir unfähig, das Ganze der Welt zu sehen.

 

 

 

10 Über Esel und Eulen

Transzendenz ist überall, inner- und außerhalb des Menschen, in dieser Hinsicht ähnelt sie der Berechenbarkeit. Doch um zu dieser Einsicht zu gelangen, müssen wir uns gewissen Anstrengungen des Denkens unterziehen. Diese aber sind gewiss nicht jedermanns Sache. Manchen bereiten sie große Beschwernis. So zum Beispiel den hartnäckigen Simplifikatoren, die in dem übermächtigen Bestreben, die Welt so zu vereinfachen, dass sie auch ihnen selbst leicht verständlich erscheint, die ganze Hartnäckigkeit und Unbelehrbarkeit von Eseln entwickeln. Für Kreationisten, einen Menschenschlag, der besonders in den Vereinigten Staaten gedeiht, aber unter dem Namen der Fundamentalisten auch in anderen Ländern zu Hause ist, birgt die Welt keine offenen Fragen, keine Geheimnisse. Aus irgendwelchen aus grauer Vergangenheit überkommenen Büchern, denen sie wie Fetische ihre Vernunft zum Opfer bringen, beziehen sie sämtliche Antworten schwarz auf weiß und in fertiger Form. Kreationisten wissen schlechterdings alles. Das ist überhaupt das vorrangige Kennzeichen des Esels. Deswegen ist er so störrisch, so unbelehrbar. Kreationisten wissen, dass die Welt vor etwa 6000 Jahren entstand. Sie wissen, dass Gott den Menschen am sechsten und die Tiere am fünften Tage erschuf. Sie haben ihre eigene Vernunft an den Nagel irgendeiner vermeintlich unanfechtbaren Wahrheit gehängt. Kreationisten brauchen deshalb auch keine eigene Vernunft, mit dieser Gottesgabe wissen sie wenig anzufangen. In der Regel sind sie unwissend und ungebildet und bilden sich darauf auch noch etwas ein.

Kreationisten sind die größten Feinde der Transzendenz. Denn den Gott, den sie ans Firmament heften wollen, ist nach ihrem eigenen Bilde gemacht. Er ist so geheimnislos wie sie selbst und die Wirklichkeit, die diese Menschen vor Augen haben. Alles an ihrem Gott und ihrer Wirklichkeit erklären sie gemäß dem eigenen Fassungsvermögen. Sie haben das Unendliche so zurechtgestutzt und auf ihre Maße verkleinert, dass daraus eine erbärmliche Hütte wurde, dem ein kleinlicher Patriarch vorsteht. Wie es in beißendem Spott der Grieche Xenophanes schon vor zweieinhalbtausend Jahre sagte: »Wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten und damit malen und Werke wie Menschen schaffen könnten, dann würden die Pferde pferde-, die Kühe kuhähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen, wie sie sie selber haben«. So ist es auch bei den Eseln. Wenn sie sich ihren Gott ausmalen, dann erscheint ihr eigenes Spiegelbild auf der Leinwand.

Eine ganz andere Spezies sind die Eulen. Es sind leise und kluge Tiere. Ein Blick in ihre nachtsichtigen Augen könnte darin sogar den Anschein von Weisheit ausmachen. Eulen sind nicht selten überaus gelehrt und gelehrig. Sie überraschen durch den Umfang ihres Wissens, ihre souveränen Fähigkeit, sich der eigenen Vernunft zu bedienen. Der Umgang mit Eulen ist für jedermann eine Bereicherung. Von Eseln lässt sich nichts lernen, in ihrer Gesellschaft verdummt jeder andere. Aber wer den Umgang mit Eulen pflegt, kann nur gewinnen. Er hat sich das Tier der Athene zu seinem Begleiter gewählt.

Allerdings sind Eulen nur an die Nacht gewöhnt. Im Dunkeln spielt sich ihr Leben ab. Ihre ganze Sinnenschärfe, ihr bewundernswerter Scharfsinn entfaltet sich nur im Finsteren. Dagegen sind sie am Tage hilflos, ja beinahe blind. Man kann auch sagen, dass sie die größten Geheimnisse im Garten des Wirklichen nie zu Gesicht bekommen. Sie sehen nur die nachtschwarzen Konturen der Dinge, aber nicht das Mysterium ihrer vollen Entfaltung im Licht.

Die meisten Vertreter dieser besonderen Spezies sind unter Wissenschaftsdogmatikern zu finden. Die klassische Physik, der die gesamte Wirklichkeit als durch die Bewegung kleinster Körper erklärte Mechanik galt, bezeugt diesen eigenartigen geistigen Zustand. Größtes Wissen, größter Scharfsinn und umfassende Blindheit vereinten sich auf eine schwer fassbare Weise in ein und denselben Köpfen. Heute gilt diese Wirklichkeitssicht zwar als überwunden, doch sollte man nicht vergessen, dass diejenigen, die sich noch gestern verfochten haben, taten dies mit jener unglaublichen Selbstgewissheit und dogmatischen Verketzerung aller anderslautenden Ansichten taten, die sonst nur für ihre Gegner, die Fundamentalisten, charakteristisch ist. Auch die Wissenschaftsdogmatiker sind die erklärten Feinde der Transzendenz. In diesem Punkt sind sich Esel und Eulen seltsam ähnlich.

 

 

 

11 Darwins Erben - über ein neues Welterklärungsmodell

Nach dem Abschied von ihrem alten Weltbild, der deterministischen, scheinbar alles erklärenden klassischen Weltmechanik, sind die Physiker vorsichtiger geworden. Doch das gilt keineswegs auch für andere Wissenschaftler. Die schon erwähnten Neurologen dichten das deterministische Weltbild auf eigene Weise fort, wenn sie das menschliche Hirn als eine in seinen Funktionen unfreie Maschine ansehen. Ich sagte schon, dass sie es wider besseres Wissen tun, zumindest wider die Logik. Denn der Hirnforscher selbst, der seine Messinstrumente einem anderen Menschen an den Kopf legt, um die Abfolge von Willensentschluss und Bereitschaftspotential zu registrieren, hält nur seine Versuchsperson für ein unfreies Wesen, während er selbst seine Forschungen und ihre Ergebnisse als wahr und damit als frei ansehen muss: Sie dürfen nicht mechanisch erzwungen sein. Wir sahen, dass Widersinn und Absurdität, die schon dem Determinismus der klassischen Physik anhingen, hier voll zum Ausbruch gelangen. Der Mensch schreibt sich selbst eine doppelte Rolle zu: einmal als gottähnlicher Manipulator, das zweite Mal als unfreie Maschine, die sich potentiell beliebig manipulieren lässt. Der wesentliche Charakterzug der Eulen – ein ausgeprägter Scharfsinn für das Detail und zugleich die Unfähigkeit im hellen Tageslicht die großen und doch offensichtlichen Zusammenhänge zu sehen – gelangt hier beispielhaft zur Erscheinung.

Ebenso deutlich manifestiert er sich in einer anderen wissenschaftlichen Theorie, die heute ebenso wie noch bis vor einem Jahrhundert die klassische Physik mit Trompetentönen und unnachsichtiger Anschwärzung ihrer Gegner Alleingültigkeit für sich beansprucht, nämlich der erklärende Darwinismus. Die Betonung liegt hier auf erklärend, denn dieser ist keineswegs deckungsgleich mit dem beschreibenden Teil dieser Lehre. Der beschreibende Darwinismus zeichnet die Konturen einer durch Fossilienfunde tausendfach bezeugten Entwicklung nach, die vom Einzeller bis zu Homo sapiens reicht, und zwar als eine durchgängige Linie mit vielen verschiedenen Seitenzweigen und Sackgassen, deren wichtigsten Stadien man ziemlich genaue zeitliche Parameter zuordnen kann. Nur Kreationisten und andere Feinde der genauen Beobachtung und des eigenständigen Denkens bezweifeln diese heute so gut wie nur wenig andere bestätigte Theorie.

Dagegen verhält es sich völlig anders mit jenem Teil der Darwinschen Lehre, die eben diese Entwicklung durch einen einfachen Mechanismus abschließend erklären möchte. Im Schlagwort vom Überleben der Tüchtigsten wird ein Modell zusammengefasst, das im Wesentlichen auf zwei Säulen beruht. Lebewesen werden mit unterschiedlichen Eigenschaften geboren, die ihnen im Kampf ums Dasein dann auch unterschiedliche Erfolge bescheren. Vorteilhafte Eigenschaften wirken sich für die betreffenden Individuen in einer größeren Chance auf Fortpflanzung aus, andernfalls trifft das Gegenteil zu. Die Auslese der Tüchtigsten erfolgt also nach strenger Gesetzmäßigkeit (keineswegs durch den Zufall). Nur wenn eine Eigenschaft dem betreffenden Lebewesen objektiv bessere Überlebenschancen gewährt, kann sich das in einer größeren Nachkommenschaft niederschlagen.

Die zweite Säule dieses Modells ist die Frage nach der Herkunft jener unterschiedlichen, den Individuum in die Wiege gelegten Eigenschaften. Hier gehen die Biologen von bestimmten Mechanismen auf der Ebene des Genoms aus, unter denen Mutationen eine wichtige Rolle spielen.

Das Darwinsche Erklärungsmodell für die Entwicklung des Lebens spielt in der öffentlichen Diskussion mittlerweile eine ähnliche Rolle wie früher die klassische Physik. Wer die Schriften ihrer wortgewaltigsten Anhänger liest, zum Beispiel die höchst geistreichen und witzigen Bücher eines Richard Dawkins, der gewinnt bei der Lektüre den Eindruck – und soll ihn gewinnen -, dass die wesentlichen Rätsel und Fragen nun ein für alle Male beantwortet sind. Wenn wir die Entstehung des Lebens durchschauen, dann haben wir unser eigenes Sein durchschaut. Und wir haben die Entstehung des Lebens im Prinzip vollständig begriffen - so lautet die Botschaft.

Was Wissenschaft an begründetem Wissen, bewundernswertem Scharfsinn und Enthusiasmus aufzubieten vermag, aber auch an einer geradezu systemhaften Blindheit für alle nicht ganz an der empirischen Oberfläche angesiedelten, das illustrieren die Bücher eines Richard Dawkins auf exemplarische Weise. Blindheit im Großen und Scharfsinn im Kleinen liegen hier ganz eng beieinander. Es lohnt sich, an diesen exemplarischen Fall einige grundsätzliche Bemerkungen zu knüpfen.

Dazu genügt es, wenn wir uns mit einer der beiden Säulen des genannten Modells befassen, der ersten. Der wissenschaftliche Gehalt, anders gesagt die empirische Wahrheit, der Lehre beruht auf der Behauptung, dass bestimmte Eigenschaften in einer bestimmten Umwelt einem Lebewesen notwendig bessere oder schlechtere Überlebenschancen verschaffen. Diese Behauptung ist entweder wahr oder falsch. Die Theorie lässt daher Bestätigung durch die Tatsachen ebenso zu wie ihre Widerlegung. Sie scheint auch durch eine Reihe von Fakten erhärtet zu werden. Das klassische Beispiel des Birkenspanners ist zwar nach wie vor umstritten, aber da es besonders einfach und einleuchtend ist, werde ich es als erhärtende Tatsache werten. Als die Verrußung der Landschaften Großbritanniens im Zuge der industriellen Revolution die Rinde vieler Bäume wie z.B. der Birken zunehmend schwärzte, wurden die hellen Exemplare des Birkenspanners für ihre Fressfeinde auf einmal viel sichtbarer als sie es vorher gewesen waren. Aufgrund von Mutationen oder wie dies sonst geschehen sein mag, entstanden Individuen von dunklerer Farbe, die nun einen offenkundigen Vorteil besaßen. Ihre Camouflage schützte sie besser. Sie wurden daher weniger als ihre hellen Artgenossen gefressen, pflanzten sich stärker fort. Hier besteht ein klarer Zusammenhang zwischen einer neuen, der Umwelt besser angepassten Eigenschaft eines Lebewesens und dessen vermehrten Lebenschancen. Es ist anzunehmen, dass die Forschung im Laufe der Zeit immer mehr Evidenz solcher Art zusammentragen wird.

Nicht alle Evidenz spricht freilich eine derart klare Sprache. Die Schwanzfedern des Pfaus behindern diesen offensichtlich am Fliegen und machen ihn Feinden gegenüber verwundbarer, trotzdem setzen sich offenbar keine Individuen durch, die diesen Ballast entbehren. Um solche augenfälligen Einwände zu entkräften, sieht man sich daher immer wieder zu allerlei Hilfshypothesen genötigt – ähnlich jenen Verfechtern des ptolemäischen Weltbildes, die verschiedenste Epizyklen erfanden, um mit offenkundigen Ausnahmen oder Einwänden fertig zu werden. Es ist auch nicht ohne weiteres einzusehen, warum Eigenschaften wie die Windbestäubung bei bestimmten Pflanzen die Überlebenschancen erhöhen, während andere offenbar mehr von der Bestäubung durch Insekten oder Kolibris (manchmal nur eine einzige Art) profitieren. Doch solche Einwände fallen in die Kompetenz der Spezialisten und können nur von ihnen beantwortet werden. Ich möchte hier deshalb auch den günstigsten Fall voraussetzen, dass sie grundsätzlich gelöst sind und die Forschung niemals auf gegenteilige Beispiele stößt. Würde die Theorie dann endgültig als wahr gelten müssen? Wäre das Problem der Entwicklung des Lebens durch ein einfaches mechanisches Modell zufriedenstellend erklärt?

Durchaus nicht, selbst wenn wir für eine unbegrenzte Zahl von Eigenschaften zweifelsfrei nachweisen könnten, dass nur sie (im Gegensatz zu weniger guten Anlagen) die Überlebenschancen ihrer glücklichen Träger erhöhten, bliebe die Behauptung, dass dieses Modell die Evolution des Lebens insgesamt erfasst und erklärt, dadurch völlig unberührt. Denn sie ist in Wahrheit strikt metaphysisch. Sie entzieht sich jeder Beweisbarkeit, weil sie die Grenzen der Mittleren Welt überschreitet und damit das mögliche Feld, wohin unsere Beweise noch reichen. Dawkins und seine Gefolgschaft sind Eiferer für eine Wahrheit, die sie niemals beweisen können. Auch sie sind Glaubensstreiter für das mechanistische Modell einer Welterklärung, die in ihrem Fall eine Erklärung des Lebens ist.

Kehren wir noch einmal zum Angelpunkt dieser Lehre zurück: ihrer Behauptung, dass Überlebenschancen davon abhängig sind, ob ein Individuum durch seine Eigenschaften seiner jeweiligen Umwelt besser oder schlechter angepasst ist. Diese Aussage hat dann, aber eben auch nur dann einen empirischen Sinn, wenn wir die jeweiligen Eigenschaften sowie die jeweilige Umwelt kennen. Dagegen entbehrt sie jeglichen Sinns, wenn eines von beidem nicht zutrifft. Schauen wir nun genau hin, so zeigt sich, dass die Theorie in allen sukzessiven Stadien der Evolution genau in diese Falle der Sinnlosigkeit tappt.

Beginnen wir mit einem Ausblick in die Zukunft. Wir stehen heute an einem Punkte der Evolution, irgendwo in der Mitte zwischen Jahrmilliarden einer hinter uns liegenden Entwicklung lebender Wesen und Jahrmilliarden zukünftiger Evolution. Jedenfalls geht die Lehre Darwins von einem derartigen zeitlichen Kontinuum aus. Das bedeutet aber konkret, dass irgendwelche Eigenschaften des Wirklichen in Zukunft entstehen werden, von denen wir heute nicht die geringste Vorstellung besitzen - nennen wir sie deshalb X1 bis Xn. Damit verhält es sich nicht anders als in der Vergangenheit, wo wir durch Fulguration oder durch Zufall, wie immer wir es auch nennen mögen, dauernd neue Wirklichkeiten aus dem Vergangenen auf unableitbare Weise entstehen sehen. Lebende Wesen werden sich also in der Zukunft einer Umwelt anpassen müssen, deren Merkmale für uns radikal unbekannt und auf keine Art aus der Gegenwart zu erschließen sind. Wir stellen also fest, dass dem »erklärenden« Darwinismus einer der beiden empirischen Pole fehlt, ohne die er schlechterdings keine Aussage über die Überlebenschancen machen kann.

Hier besteht übrigens eine strikte Parallele zum anorganischen Universum. Ein Physiker, der die Eigenschaften des Plasmas kurz nach dem Urknall kennt, kann daraus keinesfalls das künftige Werden des Kosmos herleiten. Auch wenn er in diesem Plasma schon gewisse Ordnungen (Gesetzmäßigkeiten) erkennt, ist von diesen her kein Schluss auf künftige Ordnungen möglich (siehe oben). Das Große, Komplexe und Spätere ist nicht schon im Kleinen, Einfachen und Früheren enthalten. Die Welt ist kein Baukasten, aus dessen elementaren Steinen man alles Spätere und Komplexe durch bloße Kombination einfach zusammensetzt.

Das Darwinsche Erklärungsmodell für die Entwicklung der Arten hat also keinen prognostischen Wert im Hinblick auf grundlegende Neuerungen. Kaum wird dieses Modell auf die Zukunft bezogen, erweist es sich als metaphysisch. Es erlaubt uns keine Voraussagen. Wie die künftigen Umwelten für lebende Wesen dereinst aussehen werden, ist uns heute schlicht unbekannt und unerkennbar (solange es sich nicht um bloße Extrapolationen bestehender Tendenzen handelt). Genau da liegt ja die Begründung dafür, dass der Stammbaum der Arten stets in der Gegenwart endet. Niemand käme auf den aberwitzigen Gedanken, ihn für die nächsten Milliarden Jahre in die Zukunft hinaus zu verlängern, selbst Richard Dawkins nicht, der doch glaubt, mit dem Darwinschen Erklärungsmodell die Entwicklung der Arten enträtselt zu haben. Warum macht er also nicht Ernst mit seiner Behauptung und rechnet uns vor, wie Mensch und Tier in einer Milliarde Jahren aussehen werden?

Wir wissen warum. Dazu müsste er alle jene erst evolvierenden, uns grundsätzlich unbekannten künftigen Eigenschaften der Welt (von X1 bis Xn) schon jetzt kennen, um sie an die erste Stelle seiner Formel von Umweltsbedingungen und Anpassung einsetzen zu können. Aber er kennt sie so wenig wie irgendein anderer. Derartiges Schöpfungswissen sprengt die Grenzen der Mittleren Welt.

Dieser grundsätzliche Einwand macht das Darwinsche Erklärungsmodell aber auch untauglich, um die Entwicklung in der Vergangenheit zu erklären. Auch hier zeigt sich, dass das mechanistische Modell von der Entstehung der Arten (wie gesagt, im Gegensatz zu ihrem empirisch erhärteten Stammbaum) letztlich nicht mehr ist als eine metaphysische Glaubenslehre. Die Tatsache, dass dieses Modell als Mechanismus völlig versagt, wenn wir die Zukunft der Arten – sagen wir in einer Milliarde Jahren - voraussagen wollen, hat nämlich die logisch unabweisbare Folge, dass solche Voraussagen von keinem beliebigen Punkt auf der Skala der Zeit möglich waren und sind - die Gegenwart ist ja kein auf dieser Skala besonders ausgezeichneter Punkt.

Nehmen wir als Beispiel die Entstehung des Auges, die der Enthusiast Dawkins in seinem Buch »Mount Improbable« allen entgegenlautenden Einwänden zum Trotz als eine beinahe triviale Aufgabe bezeichnet. Ein gehörig programmierter Computer würde sie über Versuch und Irrtum sozusagen im Handumdrehen erledigen. Erinnern wir uns: Die Theorie hat nur dann einen empirischen Gehalt, wenn sie bestimmte Umweltcharakteristiken und bestimmte Eigenschaften eines Individuums als bekannt voraussetzen kann. Aber ist das überhaupt möglich, wenn wir von der Entstehung des Auges sprechen? Bevor ein Gebilde wie das Auge entwickelt wurde, konnte einem fiktiven Beobachter nicht einmal die Existenz von Licht bekannt sein. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass kein Licht existierte ehe es Augen gab, die es sehen konnten. Ich will damit nur sagen, dass es kein Licht gab, das sich als bekannte Umwelteigenschaft in die Formel des erklärenden Modells einsetzen ließ. Vor der Entstehung der Augen war Licht genauso ein X, d.h. eine Eigenschaft, mit der keine Theorie zu rechnen vermag, wie für uns jene unableitbaren Eigenschaften X1 bis Xn, welche der Zukunft angehören. Genauso wie heute ließen sich schon damals diese X nicht in die Gleichung des Modells einsetzen, denn dieses weiß mit einem X nichts anzufangen, sondern setzt schon bekannte Eigenschaften der Umwelt voraus.

Diese Einsicht in die engen Grenzen seines mechanistischen Modells ist dem Autor des Mount Improbable allerdings verwehrt. Statt zuerst einmal zu fragen, ob dieses Modell die künftigen Umwelteigenschaften eines jeweiligen Gegenwartspunktes auf der Skala der Zeit überhaupt kennen und mit ihnen rechnen kann, setzt er dies schlicht und einfach voraus und glaubt dann sämtliche Schwierigkeiten bei der Entstehung des Lebens dadurch ausgeräumt zu haben, dass er unmerklich kleine Anpassungsübergänge voraussetzt, Übergänge, die ein Computer nachbilden kann. Bei der Lektüre des genannten Werkes drängt sich dem Leser die Vorstellung auf, dass der Autor sozusagen im ganzen Prozess des biologischen Werdens mit seinem Computer daneben saß, um dem lieben Gott seine Überflüssigkeit zu beweisen. Wurde das Gerät vorher mit Darwins Modell programmiert, so konnte es den ganzen Vorgang mindestens ebenso gut, auf jeden Fall aber viel schneller bewältigen. Mühelos bringt es in Versuch und Irrtum nacheinander alles, was man nur will hervor: Augen, Ohren, Kniegelenke und überhaupt die ganze Vielfalt der Arten. Einen kleinen Schönheitsfehler weist diese zweite Welterschaffung allerdings auf, einen Fehler, der dem Autor kurioserweise nicht einmal bewusst wird. In der Gegenwart fährt sich die Mechanik unbegreiflicherweise fest. Das Gerät bleibt einfach stehen.

Warum? Ist das Jahr zweitausend so ein besonderer Einschnitt auf der Skala der Zeit? Der liebe Gott jedenfalls oder wer auch immer macht ohne Unterbrechung weiter. Die Evolution stockt keinesfalls im Jahre 2000. Nur Dawkins und seinem Computer, die die Vergangenheit doch so perfekt zu erklären glauben, kommen an diesem Punkt seltsamerweise nicht weiter. Wie die Welt und das darauf angesiedelte Leben nach kommenden Jahrmilliarden aussehen werden, das wissen sie uns nicht zu sagen, obwohl sich doch erst daran ihr Können ablesen ließe

Das geistige Draufgängertum eines Dawkins hat seine Vorbilder in den Allerklärungsversuchen der klassischen Physik. Man kann nicht genug betonen, dass hier wie dort die gleiche ebenso überflüssige wie aussichtslose Absicht zugrunde liegt. Vor etwa zweihundert Jahren formulierte der damals hochberühmte Mathematiker Pierre-Simon de Laplace das Credo der Physik, wie es bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch allgemein gültig war. »Eine Intelligenz, die in einem bestimmten Moment alle Kräfte erfasste, welche die Natur beherrschen, und darüber hinaus die respektive Lage der Elemente, aus denen sie besteht, würde - vorausgesetzt, dass sie groß genug wäre, um alle diese Daten der Analyse zu unterwerfen - in einer einzigen Formel die Bewegungen der größten Körper des Universums und die der kleinsten Atome gleichermaßen erfassen: Nichts wäre ungewiss für sie. Zukunft und Vergangenheit würden ihr deutlich vor Augen stehen«.

Hätte Laplace zweihundert Jahre später gelebt, so hätte er natürlich gewusst, wo diese Intelligenz zu suchen ist. Er würde sie dem Computer zuschreiben. Diesem hätte er dann (bei ausreichender Prozessorleistung) die keineswegs überaus schwierige Aufgabe zugeschrieben, die ganze Schöpfung vor und zurück zu spulen.

Der fundamentale Irrtum eines Laplace ist mit dem der Glaubensdarwinisten prinzipiell identisch. Beide gehen vom schon Bekannten aus und meinen, alles Unbekannte (alle X) daraus ableiten zu können. Nur unter dieser Voraussetzung ergeben die Behauptungen Dawkins einen Sinn und nur dann trifft auch der Allerklärungswahn eines Laplace ins Schwarze. Wenn die Intelligenz eines Computers den Aufbau der Welt bereits kennt, weil er weiß, welchen Kombinationen in der »respektiven Lage der Elemente« welche Erscheinungen entsprechen – wenn also Raum und Zeit homogen sind, so dass im Grunde alles Sein nur eine Wiederholung des ewig Gleichen ist – dann gibt es nichts Neues, kein X, keine wirkliche Evolution. Dann ist Berechenbarkeit immerhin eine theoretische Möglichkeit. Die Welt besteht aber nicht aus Wiederholungen des Immer-Gleichen. Sie ist ein Schöpfungsprozess des immer Neuen, sie besteht in einer Abfolge von Fulgurationen, von immer neuen Ordnungen, die sich wie Schichten über schon bestehenden türmen und aus den früheren nicht ableitbar sind.

Das Darwinsche Erklarungsmodell fur die Entwicklung der Arten hat nur in der Mittleren Welt seinen Platz. Wie weit es in dieser den bestmoglichen theoretischen Zugang zu einer moglichst umfassenden Darstellung von Entwicklungsprozessen erlaubt, konnen nur Spezialisten entscheiden. Aber es ist gewiss kein Modell, um die Entwicklung des Lebens von dessen Ursprungen bis zu einem beliebigen Punkt auf der Skala der Zukunft zu erklaren und zu prognostizieren.

 

 

 

12 Über mögliche und unmögliche Wunder

 

Doch Transzendenz müssen wir nicht erst jenseits der Ränder der Mittleren Welt aufspüren. In Wirklichkeit umgibt sie uns hier und jetzt. Nehmen wir zum Beispiel ein so alltägliches Ereignis wie einen Autounfall auf der Kurve einer eisglatten Straße. Wir wissen, dass es zu dem Weggleiten des Autos und dem Zusammenstoß mit dem entgegenkommenden Fahrzeug nur deswegen kam, weil eine bestimmte Temperatur unterschritten wurde und zuvor Leitungswasser aus einem geplatzten Rohr über die eiskalte Strase floss. Die große Kälte liefert die Ursache fur das sofortige Gefrieren des Wassers. Soweit haben wir es mit kausalen Linien zu tun, die den wiederhol- und dadurch auch erklärbaren Aspekt des Geschehens erhellen, aber nur dies und nicht mehr wird durch das Kausalverhältnis beschrieben. Die Tatsache, dass Materialermüdung gerade in diesem Moment zum Platzen des Rohrs geführt hatte, hängt von atomaren Vorgängen ab, deren zeit-räumliche Koinzidenz nur in weiten Grenzen bestimmt werden kann. Die Tatsache, dass gerade an jenem Abend die Temperatur unter den Nullpunkt geriet, wird von komplex vernetzten Faktoren bestimmt, möglicherweise dem Flügelschlag eines Schmetterlings über Tokio, der eine veränderte Großwetterlage auslöste. Die Tatsache endlich, dass der Fahrer gerade zu jener Stunde den Wagen über dieses Stück Straße lenkte, geht zwar auf einen Entschluss zurück, der durch einen Streit mit seinem Chef ausgelöst wurde, aber in gleichartigen früheren Situationen hatte er sich stets anders verhalten, so dass ein ursächliches Verhältnis daraus nicht ableitbar ist. Mit anderen Worten, die wenigen Schnittlinien der Notwendigkeit, wie sie durch das Gefrieren von Wasser und das Ausgleiten des Fahrzeugs auf einer eisglatten Kurve gegeben sind, sagen überhaupt nichts darüber aus, warum gerade dieses Fahrzeug mit diesem Fahrer in diesem Moment einen solchen Unfall erleiden musste. Unbegrenzt viele andere Ereignisse hätten stattdessen zum gleichen Zeitpunkt eintreten können - und wir hätten dann auch jedes von ihnen für gleich gut erklärt gehalten, weil die Lücken der im Netz der Notwendigkeit ausreichend groß, um einer faktisch unbegrenzten Zahl von Alternativen Raum zu geben.

In jedem Momente sind wir von zahllosen konkreten Vorkommnissen umgeben - einem Autounfall, einem Menschenauflauf, einer Hochzeitsprozession. Jedem dieser tatsächlich eintretenden konkreten Ereignisse stehen unzählige Alternativen entgegen, deren Eintreten wir - wenn es tatsächlich dazu gekommen wäre - fur ebenso natürlich, einleuchtend oder gar notwendig gehalten hätten. Wir sind also nicht nur faktisch sondern prinzipiell außerstande, irgendein Ereignis vorherzusagen, dessen Ablauf nicht rein gesetzmäßig ist, also uns als bloße Wiederholung der Vergangenheit unter gut definierten Ausgangsbedingungen begegnet.

Müssen wir daher nicht Geheimnis und Wunder neu definieren? Wenn wir als Wunder nur gelten lassen, dass die Natur ihre eigenen Gewohnheiten (Gesetze) vergisst oder ganz außer Kraft setzt, dann kommen Wunder allerdings überaus selten vor. Die Wissenschaft muss sich, um sie zu entdecken, schon an den Anfang des Universums oder zu den von ihr so genannten singulären Stellen begeben. Aber wenn wir als Wunder auch gelten lassen, dass sich das Neue im gesamten Prozess der Evolution ebenso wie in unserem ganz alltäglichen Leben ständig ereignet und dabei (definitionsgemäß) aller Vorausberechnung entzieht, dann ist das Wunder allgegenwärtig. Das konkrete Geschehen - ein Unfall ebenso wie eine Hochzeit - ist fur uns so undeterminiert, wie schon seit Anbeginn der Geschichte.

Wir können es auch nüchterner formulieren: In jedem Ereignis, seien es eine Hochzeit, ein Autounfall oder der Start einer Mondrakete, treffen wie in einem Brennpunkt Stränge von Notwendigkeiten zusammen, aber nur weil deren Zusammentreffen selbst nicht notwendig ist, verfügen wir über die Möglichkeit, durch unseren Geist und planendes Wollen auf die uns umgebenden Dinge einzuwirken. Niemals gelingt es uns dabei, eine bestehende Naturgewohnheit (ein Naturgesetz) außer Kraft zu setzen, aber wir können uns die Lücken zwischen den Strängen zunutze machen, um die Zukunft gemäß unserem Plan und Wollen zu formen. Was für die Deterministen des klassischen physikalischen Weltbilds noch völlig unerklärbar sein musste - die gleichzeitige Geltung der Naturgesetze und eines freien menschlichen Willens, der nachweisbar die Dinge gestaltet (und ja auch nur deswegen die Naturgesetze erforscht, um sie fur diese Gestaltung willentlich zu nutzen) - das erhält auf einmal seine ebenso naheliegende wie befriedigende Erklärung.

Und nicht nur dies. Die Welt ist für die Vernunft mit einem Schlag rationaler und zur gleichen Zeit auch geheimnisvoller geworden. Wir können die Welt verändern, weil unser planender Geist die Freiheit besitzt, auf eine teilweise freie Natur einzuwirken (die Lücken der Notwendigkeit). Daraus ergibt sich aber eine ebenso überraschende wie folgerichtige Konsequenz: Prinzipiell vermag nicht nur unser eigenes und das geistige Wollen anderer lebender Wesen in die Lücken zwischen den Notwendigkeitssträngen einzugreifen, sondern auch jede andere Intelligenz, wie immer wir uns diese vorstellen mögen. Wir könnten und würden es prinzipiell nicht einmal bemerken, wenn ein anderes als unser eigenes Wollen ein bestimmtes Ereignis, wie etwa den obigen Autounfall, veranlasst oder verhindert hätte. In diesem Sinne ist Transzendenz der uns umgebenden Welt viel mehr als nur ihre Undenkbarkeit.

 

 



[1] Kant hatte erkannt, dass die Spinozistisch-Newtonische Welt einer durchgehenden Gesetzhaftigkeit unhaltbar sei – Zufall ist nur ein anderer Name für unsere Unwissenheit hatte Spinoza geglaubt. Und sie ist eben deshalb unhaltbar, weil wir eine durchgehende Gesetzhaftigkeit (Unfreiheit) eben nur als Gegensatz zur Freiheit begreifen können. Doch hatte Kant nicht gesehen, dass dieses Verständnis der Freiheit nicht aus einer imaginären Welt stammen kann, der intelligiblen, wo Kant die Freiheit ansiedelte, sondern in der Mittleren Welt existieren muss, damit wir uns überhaupt einen Begriff von ihr bilden können. Auch der Königsberger unterwarf sich einem Diktat der Zeit. Seit Newton herrschte das klassische Weltbild der Physik, das in der realen Welt nur noch dem Determinismus Raum gewährte. Erst die Quantenphysik hat die Herrschaft dieses mehr als zweihundertjährigen Irrtums berichtigt. Sie hat auf der Ebene der kleinsten Vorgänge des Wirklichen endlich richtig gestellt, was für die gewöhnliche Intuition der meisten Menschen ohnehin nie zweifelhaft war, dass nämlich die meisten Erscheinungen des Lebens (z.B. der persönlichen Existenz) unvorhersehbar und daher frei sind – was immer die Physiker und Philosophen auch sagen mochten.

[2] Darauf gehe ich näher ein in Warum wir lügen, Kapitel: »von der Berechenbarkeit des Unberechenbaren«.