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Rationalismus und Mystik sind ihrer ursprünglichen Bedeutung heute so sehr entfremdet, dass auf den ersten Blick kein größerer Gegensatz denkbar erscheint als gerade zwischen diesen beiden Begriffen. Aber wahre Mystik, wie sie die größten Denker in Gegenwart und Vergangenheit verstanden, braucht die Vernunft nicht zu fürchten, sondern sah in ihr den besten Verbündeten. Deswegen haben sich einige der größten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts wie Schrödinger oder Einstein zu diesem, wie ich ihn nenne, »mystischen Rationalismus« bekannt (Einstein sprach von »kosmischer Religiosität«). Der mystische Rationalismus lehnt jede Mystifizierung ab, jedes sacrificium intellectus, wo Vernunft auf dem Altar blinden Glaubens geopfert wird.

Doch darf dieser vorurteilsfreie Rationalismus keineswegs mit seinen beiden Verwandten verwechselt werden: dem platten und dem dürren Verstandesglauben. Der platte Rationalismus ist von jeher die Spielwiese der kleinen und weniger kleinen Besserwisser gewesen, die wie Wagner im Faust alles zwischen Himmel und Erde erklären, sofern man nur auf sie hört oder ihnen die nötigen Forschungsgelder bewilligt. Wagners Rationalismus glaubt sich imstande, die Unfreiheit von Mensch und Natur zu beweisen, der tiefe Rationalismus lotet die Gesetzmäßigkeit der Dinge (einschließlich des Menschen) aus, ohne je in den Wahn zu verfallen, dass ihre allumfassende Gesetzhaftigkeit auch nur gedacht werden könne. Der platte Rationalismus glaubt an vollständige Erkennbarkeit aller Dinge, der tiefe Rationalismus ist sich bewusst, dass unsere Erkenntnis unendlicher Ausweitung fähig und doch grundsätzlich begrenzt ist. Der platte Rationalismus errichtet in einem fort Orthodoxien, die er als Paradigmen oder Dogmen verteidigt, der mystische Rationalismus weiß um die Paradoxie im Gegenüber von Denken und Wirklichkeit. Mit anderen Worten: der mystische Rationalismus kehrt die Kraft der Vernunft immer auch gegen sich selbst, er denkt sich zu Ende: Vernunft erhellt ihre eigenen Grenzen - kraft der Vernunft. Vernunft kann damit nie ein Hindernis zu höherer Erkenntnis sein, sie ist im Gegenteil ihre Voraussetzung.

Seit den Vorsokratikern besteht die Eigentümlichkeit Europas vorrangig darin, Wahrheit nicht in besonderen psychisch-physiologischen Befindlichkeiten zu suchen, herbeigeführt durch Rausch, Tanz oder Askese, sondern durch Beobachtung und Folgerung: der denkende Blick auf die Wirklichkeit ist Weg zur Erkenntnis. Euphorien eines rauschhaften Orgiasmus, Selbstbetäubungen durch Drogen und Seelenflüge durch asketische Abtötung waren bestenfalls als Nebenströmungen präsent. Heute ist rationale Strenge die Grundlage für das gesamte faktische Funktionieren einer modernen Zivilisation. Wissenschaft als nachprüfbare Beobachtung und strenge Logik beherrscht unser Alltagsleben. Doch dieser Gebrauch der Vernunft als dienendes Instrument zur Bewältigung des physischen Daseins birgt auch große Gefahren. Vernunft erhält in dieser Verwendung einen rein instrumentellen Charakter. Sieht man diesen als ihr eigentliches Wesensmerkmal an, dann geht daraus der platte Rationalismus hervor.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Wo Logik als effizientes Mittel der Daseinsbeherrschung das ganze Leben des Menschen kartographiert - bis hinein in seine intimen Beziehungen und in sein Weltbild, regt sich sehr schnell verbissener Widerstand. Alles Geheimnis des Lebens, das doch für den naiv-vorurteilsfreien Blick elementare Erfahrung ist, scheint von solcher Vernunft negiert und verschüttet. Die Antwort auf den platten Rationalismus sind Ideologien, dogmatische Religionen und Sekten, dazu Esoterik, Drogen und Kunst, die der Lebensflucht und künstlichen Verrätselung dienen. Aus Angst, unter der Herrschaft der instrumentellen Vernunft zu ersticken, wird der Vernunft selbst Krieg erklärt.

Der dürre Rationalismus – die zweite Abweg, auf den Vernunft immer wieder geriet – fordert den Protest kaum weniger heraus. In seiner platten Form brüstet sich der Rationalismus damit, Wirklichkeit restlos unter die Diktate des Denkens zu zwingen: Ich weiß, dass ich alles wissen könnte. Der dürre Rationalismus erscheint auf den ersten Blick als ein eher harmloses Gegenstück. Seine Botschaft läuft auf Bescheidenheit und auf Verzicht hinaus: Ich kann nichts wissen, weil die Vernunft mir nirgendwo letzte Gewissheit verschafft. Dieser Verzicht hat freilich eine durchaus ähnliche Wirkung. Auch hier wird das Geheimnis des Daseins verschüttet, weil es nicht beweisbar erscheint. Der dürre und der platte Rationalismus ähnlich sich darin, dass sie alle Fragen umgehen, auf die es keine unmittelbaren empirischen Antworten gibt. Und beide neigen zu dogmatischem Habitus, der sich beim dürren Rationalismus darin bekundet, dass er jeden, der nicht zugibt, letztlich nichts zu wissen, dem Verdacht der logischen Hochstapelei preisgibt. Diese beiden Hauptströmungen des Rationalismus oszillieren zwischen Allwissenheitswahn und totaler Skepsis.

Im Gegensatz dazu geht der mystische Rationalismus davon aus, dass wir in jedem Moment unseres Lebens tatsächlich über unendlich viel mehr Wissen verfügen, als Vernunft vor ihrem Forum sichtet und ordnet. Bevor wir überhaupt über die Welt zu denken beginnen, sind wir – d. h. dieses sich erst noch entfaltende Denken und dieser physische Leib – ein Teil dieser Welt. Wir sind eins mit ihr und allen in ihr schlummernden Kräften, noch bevor wir uns überhaupt als ein ihr gesondert gegenüberstehendes Ich erleben. Diese Grundgewissheit, eins mit der Welt und deshalb auch eins mit allem in ihr möglichen Wissen zu sein, geht erst durch ein polarisierendes Bewusstsein verloren, das uns dazu zwingt, im Sinne des Überlebens den Gegensatz zwischen Welt und Ich immer mehr zu verschärfen. Der mystische Rationalismus relativiert diesen Bewusstseinsschritt, den wir im Dienste des Überlebens vollziehen, er leitet zurück zur ursprünglichen Einheit. Dem dürren Rationalismus, der das Ergebnis dieser Entzweiung ist und letztlich in totale Entfremdung mündet, stellt er diese intuitive Grundgewissheit ebenso entgegen wie jenem platten Verstandesglauben, der die Welt nur als Objekt einer instrumentellen Vernunft zu erkennen vermag.

Im Sinn dieses mystischen Rationalismus mag man die beiden Bücher verstehen, die auf diesem Forum erscheinen. Das erste »Warum wir lügen« handelt von dem stets gegenwärtigen Missbrauch von Macht über Mensch und Natur. Das zweite »Der Dawkinswahn oder die Antwort der Mystik« zeigt die Ursachen dieser Entzweiung auf und wie große Denker aus Vergangenheit und Gegenwart sie zu überwinden suchten.