Auszug aus »Das
Gottesproblem«, erschienen im Peter Lang Verlag, 2002
Zwölf Thesen einer veränderten Welt
1) Die wissenschaftliche Erkenntnis ist auf den Nachvollzug der in der Natur vorgegebenen Ordnungen beschränkt. Der praktische Nutzen dieser Erkenntnis ist aber allein darin begründet, daß diese Ordnungen einen gleich großen Bereich der Nicht-Ordnung offen lassen - Lücken im Gewebe der Notwendigkeiten, in die wir mit unserem Handeln eingreifen können, indem wir Zeit, Ort und Bedingungen für das Eintreten der Naturgesetze willkürlich bestimmen. Alle Naturbeherrschung beruht auf der Freiheit unseres willkürlichen Eingreifens in die Natur, d. h. auf dem Wollen, das eine eigenständige Dimension in der Natur neben den Naturgesetzen darstellt.
2) Die Naturgesetze wurden verabsolutiert, obwohl sie einen Anfang und ein Ende und mehr oder weniger große raum-zeitliche Geltung besitzen. Sie sind nur die Gewohnheiten der Natur und bilden als solche ein durchgehendes Kontinuum, das von den Ordnungen des Atoms bis zu den kulturellen Ordnungen lebender Wesen reicht.
3) Wir leiten niemals das Komplexe der Wirklichkeit aus deren einfachsten Teilen (Atomen, Quarks, Strings usw.) oder die Zukunft aus der Vergangenheit ab, wie es der bis heute vorherrschende Baukastentraum behauptet. So paradox dies auch klingen mag, sagen wir immer nur voraus, was wir bereits wissen – hier verläuft die Grenze der instrumentellen Erkenntnis. (Alles durch die Evolution entstehende Neue bleibt uns daher unzugänglich, es sei denn daß wir selbst durch kreative Erkenntnis daran beteiligt sind, vgl. These 8).
4) Es spricht vieles dafür, daß wir unser Wissen über die Ordnungen der Natur unendlich ausweiten und die Beherrschung der Natur dadurch entsprechend vergrößern werden. Im selben Maße jedoch, wie sich der Kegel des Lichts dabei ständig verbreitert, vergrößert sich auch das Dunkel jenseits der Grenzen unseres Wissens.
5) Wir wissen immer besser über die Zuordnungen von Zeichen und Bedeutungen im genetischen Code bescheid – und wissen zur gleichen Zeit, daß die Bedeutungen den Zeichen unableitbar gegenüberstehen. Das Verhältnis von Phänotyp zu Genom, Farben zu Photonen, Begriffen zu Wörtern und Geist-Seele zu Körper ist nicht nur unableit- sondern letztlich undenkbar.
6) Die Grenze unseres möglichen Wissens um die erkenn- und beherrschbaren Ordnungen der Natur ist dort erreicht, wo unser Erkenntnisapparat selbst unüberschreitbare Grenzen errichtet. Wiederholung, Nähe und Endlichkeit – dies sind die drei Prinzipien, auf denen alle nachvollziehende instrumentelle Erkenntnis beruht. Überall dort, wo das singuläre Ereignis die Wiederholung ablöst, wo die unendliche Ferne an die Stelle der überschaubaren Nähe tritt und wo die Vervielfältigung der Ursachen deren begrenzte Zahl aufhebt, verwandelt sich die uns erkennbare Welt in ein unerkennbares X.
7) Wir denken notwendig in Bildern aus der Mittleren Welt, an die wir uns als lebende Wesen in Millionen Jahren angepaßt haben. Diese Bilder beginnen aber an den Grenzen der uns gewohnten Realität zu verschwimmen. Begriffe wie Körper, Welle, Raum oder Zeit verlieren ihren aus der Mittleren Welt stammenden Sinn und Anschauungsgehalt, sobald wir sie auf die Realität jenseits der Mittleren Welt beziehen. Auch die Begriffe der Mathematik sind in der Mittleren Welt entstanden und büßen jenseits von ihr ihre Gültigkeit ein.
8) Neben der instrumentellen Erkenntnis der Wissenschaften gibt es eine zweite Art der Erkenntnis, die kreative, die uns ganz genauso zu beweisbaren Voraussagen der Zukunft befähigt. Die wissenschaftlichen Voraussagen projizieren unser Wissen um die Vergangenheit in die Zukunft, die kreative Erkenntnis besteht dagegen in einem Prozeß der Verwirklichung vorgestellter geistiger Inhalte – sie ist zur gleichen Zeit Wissen und Selbsterfüllung, Intuition und deren tätige Realisierung.
9) Die kreative Erkenntnis ist Einwirken auf die Natur durch den Geist. Sie führt uns in die größte Nähe zum Verständnis des Neuen in der Evolution. Sie wurde aber als zweiter und von der instrumentellen Erkenntnis unabhängiger Zugang zur Wirklichkeit aus dem modernen Weltbild ausgeklammert – in dieser Blindheit für eine ganze Dimension der Erkenntnis besteht der unwissenschaftliche Pferdefuß der wissenschaftlichen Ära.
10) Die instrumentelle Erkenntnis der Wissenschaft, die auf der Analyse der Vergangenheit beruht, gehört der kalten Welt der Beobachtung an, die prinzipiell auch von Maschinen ausgeführt werden kann. Die kreative Erkenntnis ist immer ein eruptives, vulkanisches Ereignis – eine heiße Transformation des Wirklichen.
11) Die Welt ist ein Wunder, weil wir sie letztlich durch den Verstand nicht „domestiziereng können. Wir können weder verstehen, wie etwas Komplexes aus dem Einfachen noch wie die Zukunft aus der Vergangenheit entsteht. Die grundsätzliche Unmöglichkeit, den Baukastentraum zu erfüllen, bedeutet, daß der heutige Mensch sich dem Wunder des kosmischen Werdens gegenüber in keiner anderen Lage befindet als seine Vorfahren Tausende von Jahren zuvor. Der gewaltige Fortschritt im Hinblick auf unsere technischen Möglichkeiten bedeutet zumindest in einer Hinsicht auch einen Rückschritt - er hat uns blind für die unverändert bestehenden Grenzen unserer Erkenntnis gemacht.
12) Die kreative Erkenntnis und die Einsichten, die wir aus ihr über das Verhältnis von Geist und Materie gewinnen, lenken unseren Blick auf die sie umschließende wirkende Kraft der kosmischen, biologischen und kulturellen Evolution – hierin liegt der Übergang zu einem universalen Gottesbegriff.